1

Spitzenforschung zu Antisemitismus, Corona und allen wichtigen Fragen bei der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) – gestern, heute und morgen

Liebe Mitarbeiter (m/w/d), sehr geehrte Österreicherinnen und Österreicher bei der ÖAW, liebe Freundinnen und Freunde,

wie Sie wissen, ist Österreich „keine liberale Demokratie“ mehr, wie ein Gutachten aus Schweden im Frühjahr 2022 erkannte und was in dem schönen, kleinen Alpenland auch zu gewissen Irritationen führte – nicht zwingend bei der ÖAW, aber im Land selbst in kleinen Kreisen. Es geht dabei insbesondere um nicht nachvollziehbare politische Entscheidungen. Das mag nun auch auf so harmlose Fälle wie Bewerbungen zutreffen. Österreich ist also nur noch eine „Wahldemokratie“ und keine “liberale Demokratie”- was de facto auch auf Deutschland und sicher noch einige andere Länder zumal in der EU zutrifft, das ist klar. Ob aus linker gesellschaftstheoretischer Position der Ausdruck “liberale Demokratie” ohnehin eine contradictio in adjecto ist, wenn unter “liberal” “bürgerlich-kapitalistisch-marktwirtschaftlich” verstanden wird, das wäre eine andere Diskussion.

Jedenfalls hatten Sie uns ja von sich aus freundlicherweise vorab, bevor Ihre Ausschreibung online auf den bekannten Portalen (wie H-Soz-u-Kult) sichtbar war, Mitte März 2022 auf Ihre Ausschreibung hingewiesen. Da wir eines der ganz wenigen deutschen oder österreichischen, auf Deutsch und Englisch forschenden und publizierenden Think Tanks im Bereich Antisemitismusforschung betreiben, war das naheliegend, gleichwohl zuvorkommend von Ihnen. Die Frist zwischen Publikation der Ausschreibung und Ausschreibungsende waren nur vier Wochen, was für ein ambitioniertes Projekt im Umfang von bis zu 18 Monaten zu einem recht komplexen Thema kein sehr langer Zeitraum ist.

Wir haben Mitte April 2022 nach unserer Einreichung einer ganz typischen Bewerbung zu einem von den bis zu drei von Ihnen vorgesehenen “Senior Fellowships” der ÖAW zu „Antisemitismus: heute“ zwar eine Bestätigung des Eingangs erhalten, aber seither keinerlei Zu- oder Absage, die bis Juni erfolgen sollte, so die formale Auskunft im April. Auch mehrfaches Nachhaken bei zwei unterschiedlichen Mitarbeiterinnen blieb ohne Resonanz, nicht mal eine „Abwesenheitsnotiz“ oder ein unterschriftfreies, anonymes „Wir danken Ihnen für Ihre Bewerbung, aber wir haben uns anderweitig entschieden und wünschen Ihnen alles Gute“ war es Ihnen wert.

Oder ein Hinweis à la “Aufgrund der geringen oder zu großen Zahl an Bewerbungen (Voraussetzung ist eine ca. 10 Jahre zurückliegende Dissertation der Bewerber*innen, was den Kreis der BewerberInnen schon einschränkt) oder/und wegen aktueller personeller, interner Turbulenzen bei der ÖAW verzögert sich unser Auswahlprozess”, auch so eine Meldung blieb aus.

Dieses Nicht-Reagieren auf eine Bewerbung (die Sie selbst geradezu angefragt hatten bei uns) mag der Stil der ÖAW sein, das kann ich nicht beurteilen. Es ist jedenfalls nicht professionell, das ist klar. [Update: Später reagierte die ÖAW dann doch, allerdings in der zu erwartenden nichtssagenden Art und Weise]

Bislang haben wir uns mit der ÖAW nicht wirklich näher beschäftigt, außer mit der Tatsache, die in Österreich sicher niemanden überrascht oder gar nachdenklich macht, dass ein alter, besonders fanatischer Nazi-Historiker wie Karl Bosl Mitglied der ÖAW war oder immer noch gelistet ist, das weiß ich nicht. Ich schrieb im Jahr 2010 über Karl Bosl und erwähnte seine Mitgliedschaft in der ÖAW, was bemerkenswert, aber nicht untypisch war und ist für die zweite Republik. Dass Bosl im Jänner 1945 im Geburtshaus seines „Führers“ bei der letzten offiziellen Tagung von NS-Historikern mit dabei war, ist der ÖAW sicher bekannt und war nach 1945 kein Grund, ihn nicht als Mitglied aufzunehmen – oder besser: ein extra positiver Grund für eine Mitgliedschaft? Wann wurde Bosl denn Mitglied der ÖAW?

Womöglich waren es nur die thematischen Bezüge und natürlich nicht seine Nazi-Aktivitäten, Gott behüte, die ihn in die ÖAW drängten. Eventuell gab es allein wegen der vielen Bäume, um die sich der bayerische Vorzeige-Mittelalterhistoriker so rührend kümmerte, eine inhaltliche Nähe – und Österreich ja voll ist von Bäumen, wie man so hört:

„Karl Bosl selbst war seit 1933 Mitglied der NSDAP, Mitgliedsnummer 1884319, sowie der SA, sowie wenig später des NS-Lehrerbundes, 1938 bewarb er sich beim SS-Ahnenerbe und dessen Projekt ‚Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte‘, wurde angenommen und von der SS bezahlt. Am 16. und 17. Januar 1945 schließlich nahm Bosl auf einer weiteren  Tagung der ‚Aktion Ritterbusch‘, der wohl letzten Historikertagung im SS-Staat teil – aus tiefer Treue zum ‚Führer‘ fand diese Tagung im Geburtshaus Hitlers in Braunau am Inn statt. Die örtliche NSDAP lieferte Wild und Fisch ins Gasthaus ‚Gann‘…[iii] Geleitet wurde auch dieses Treffen von Prof. Theodor Mayer, über den es nach dem Ende des SS-Staates in einem in Bielefeld abgeschickten, anonymen Brief an die Spruchkammer Höchstadt a.d. Aisch heißt:

Sicher hat Mayer

‚Ihnen nichts davon erzählt, daß er langjähriger Vertrauensmann des SD war und beim Reichssicherheitshauptamt ein- und aus ging und manchen braven antifaschistischen Wissenschaftler ans Messer geliefert hat. Wenn [S]ie wissen wollen, wer Theodor Mayer wirklich war, so glauben Sie nicht den Gutachten, die er sich erbettelt, erschlichen oder erpreßt hat, auch nicht seinen Kreaturen und Komplizen, die ihn noch immer fürchten. Fragen Sie doch mal an der Universität Berlin, seiner letzten Wirkungsstätte, nach vielleicht bei Prof. Baethgen, Dahlem, Buggestr. 5 oder bei Prof. Holtzmann, Bonn, Hindenburgstr. 123 oder bei Stadtarchivar Feger, Konstanz, Stadtarchiv‘.[iv]

Dagegen pflegte Bosl nach 1945 weiterhin seine Seilschaften zu alten Kameraden und gab auch die Festschrift zum 80. Geburtstag von Theodor Mayer heraus, mit enthusiastischen Dankesworten gespickt.“

Ich habe auch einen Historiker zitiert zu dieser Causa:

„Die vermutlich letzte Tagung im Rahmen des Gemeinschaftswerks [d.h. der „Aktion Ritterbusch“, C.H.] überhaupt war die der Historiker in Braunau am Inn am 16.-17. Januar 1945 über das Thema „Probleme der Siedlungs – und Verfassungsgeschichte der baierischen Stammesgebiete“. Sie fand, bezeichnenderweise, im Geburtshaus des ‚Führers‘ statt und wurde von [Theodor, C.H.] Mayers ‚Klubbruder‘ Dr. med. Eduard Kriechbaum, einem Braunauer Heimatforscher und ehemaligen Sozialdemokraten, in Zusammenarbeit mit der Behörde des Reichsstatthalters in Oberdonau vorbereitet. Man tagte im Gasthof Gann, Altdeutsche Stube, Adolf-Hitler-Platz. Die Kreisleitung der NSDAP besorgte Wild und Fische für die Verköstigung. Ende des Jahres 1944 hatten von Guttenberg, von Dungern, Dachs, Bosl, Spindler, Brunner, Egger, Klebel, Heuberger und Fischer mit Sicherheit (…) zugesagt“ (Frank-Rutger Hausmann (1998/2002): „Deutsche Geisteswissenschaft“ im Zweiten Weltkrieg. Die „Aktion Ritterbusch“ (1940-1945). Zweite, erweiterte Auflage, Dresden: Dresden University Press, S. 253).

Wie die Stimmung in Österreich nach 1945 mit Blick auf die ‘gute alte Zeit’ war, hat bekanntlich niemand so klar in Worte gefasst, wie „Der Herr Karl“ vom Helmut Qualtinger von 1961 (ORF-Fernsehen), auf den mich jüngst ein Freund aus Graz (ein linker Coronapolitik-Kritiker) hinwies – “damals hat man auf Formen etwas gehalten”:

Da kommen wir zu Ihrem Nicht-Reagieren oder Schweigen, denn das wirkt gleichwohl bemerkenswert und nicht transparent. Was hätte der Qualtinger dazu gesagt? Was ist so schwer, eine Absage zu erteilen oder den Stand der Ermittlungen mitzuteilen? Die EU, bei der wir uns mit Hilfe der nicht minder affirmativen und total mainstreamigen FFG – Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft, die trotz ihrer wie auch die ÖAW kennzeichnenden obsessiven Präferenz der a priori unkritischen, sozialdisziplinierenden, die bürgerlich-patriarchal-kapitalistische Verwertbarkeit auf immer neue Stufen hebenden MINT-Fächer freundlich und professionell arbeitete und half – auch schon mal vor Jahren beworben haben, geht da transparenter zu Werke, auch wenn das sicher paradox klingen mag, „Transparenz“ und „EU“, es mag ein Zufall der Marie Curie Fellowships gewesen sein.

Der bedeutendste Philosoph Österreichs nach 1945 und einer der bedeutendsten Technikkritiker überhaupt (“Die Antiquiertheit des Menschen”, vom “Mensch ohne Welt zur Welt ohne Mensch”) – Günther Anders – hätte jetzt sicher eingeworfen, wie er es in einem anderen Kontext getan hat, dass ein “Umdenken” sicher gut gemeint sei, aber dazu müsse man erst mal “denken” können. Also reden wir heute nicht vom “Umdenken” im Mainstream, es muss realpolitisch immer Kompromisse geben.

Anyway: aufgrund Ihrer hohen Expertise zumal im Bereich Antisemitismus und Antisemitismusforschung, haben Sie vielleicht eine Idee, was ich an meinem CV und meinen Forschungen zu Antisemitismus verbessern könnte, damit die nächste Bewerbung bei der ÖAW oder anderswo noch erfolgreicher verläuft? Man lernt ja nie aus, und „lebenslanges“ Lernen ist sicher auch in Österreich ein neoliberal-spätkapitalistischer Imperativ, denke ich. Olles im Sinn der Menschen, Quark, im Sinne der Verwertbarkeit, kloar.

Als neutraler wissenschaftlicher Begutachter (m/w/d) im Bereich Antisemitismusforschung würde man eigentlich denken, dass folgende Punkte doch herausragen und für einen positiven oder überhaupt irgendeinen Bescheid hätten sorgen sollen, wobei es um die Vielzahl der folgenden, miteinander verwobenen Aspekte geht:

1) eine Promotion in Österreich (Uni Innsbruck, summa cum laude, bei Prof. Anton Pelinka, einem der bekanntesten Politologen Österreichs, wie Sie wissen), in der es um Antisemitismus, die Neue Rechte und die politische Kultur in Deutschland von 1970 bis 2005 geht

2) ein Post-Doc in YALE (2008/09) an einem Forschungsinstitut zu Antisemitismus mit einem Post-Doc Projekt zu heutigem Antisemitismus

3) mehrere Fellowships bzw. Positionen als Research Fellow (2003/2004, 2010–2015) am weltweit zu Lebzeiten seines langjährigen Leiters Prof. Dr. Robert S. Wistrich bedeutendsten Institut zur Antisemitismusforschung an der Hebräischen Universität Jerusalem, Israel – dem Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA)

4) die Publikation und Übersetzung von Büchern Wistrichs – einem der besten Kenner der Geschichte der Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs und einem scharfen Kritiker des heutigen Antizionismus und Antisemitismus auch in Österreich -, der in dem letzten von ihm edierten Band (2016) nur zwei deutschsprachige Autoren publizierte, darunter mich

5) über 20 fachwissenschaftliche Aufsätze und Working Paper zum Thema heutiger Antisemitismus in peer-review Zeitschriften und Sammelbänden in den letzten 15 Jahren auf Deutsch und Englisch

6) über $100.000 aus den USA an Drittmitteln für Buchprojekte zur Position von Linken zu Israel bzw. der Islamwissenschaft zu Israel und zum Thema Antisemitismus, die ich für mein Think Tank The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA) erhalten habe

7) die Position als Chefredaktor einer peer-review Fachzeitschrift zu Antisemitismus, in den USA (Boston, 2017/18)

8) seit 2002 regelmäßig Redner auf internationalen Konferenzen zu Antisemitismus in Israel, den USA, UK, Deutschland, Lettland, Ukraine, Tschechische Republik

9) es kaum andere Bewerbungen geben dürfte, die sehr aktuell und ausführlich und – das ist zentral – aus regierungskritischer, demokratischer Position heraus antisemitische Ideologeme der Coronapolitik-Kritiker*innen-Szene wissenschaftlich untersuchten und kritisierten

10) die Buchpublikationen doch hervorstechen: Denn international wird es kaum eine Person geben, die sich beworben hat und in den letzten neun Jahren gleich zwei Bücher in zwei Sprachen (Deutsch/Englisch) mit jeweils über 600 Seiten zu allen Formen des heutigen Antisemitismus, Antijudaismus und Antisemitismus publiziert hat, dazu kommen Detailstudien, die sich auch mit Beispielen aus dem Bereich Extremismus, Islamismus, Antisemitismus in Österreich befassen (wie in der Projektbeschreibung geschrieben): insgesamt haben allein meine vier letzten Bücher explizit zum Thema Antisemitismus einen Umfang von knapp 2000 Seiten, ein Band (Antisemitism: A Specific Phenomenon, 2003, 648 Seiten) erhielt nicht weniger als 16 „blurbs“ von Professor*innen u.a. aus den USA, UK, Israel und wurde auch in Österreich rezipiert und rezensiert, der andere Band (Der Komplex Antisemitism, 2018, 763 Seiten) wurde im Radio in Deutschland (Westdeutscher Rundfunk, WDR, Köln, eine der größten deutschsprachigen Rundfunkanstalten) gleich mehrfach im Interview mit mir besprochen, was u.a. eine Landtagsabgeordnete der SPD hörte und mich zu einer Veranstaltung nach Essen (Nordrhein-Westfalen) 2019 einlud

11) die ÖAW ja Grundlagenforschung nun auch im Bereich Antisemitismus machen möchte (und keine Lehre wie an Universitäten), und von daher üblicherweise Publikationen ein ausschlaggebendes Kriterium sind

12) unser vorgeschlagenes Projekt zur „Grundlagenforschung zu heutigem Antisemitismus in Österreich im Kontext der Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA)“ ist empirisch wie theoretisch auf der Höhe der Zeit. Es stellt die zentralen Fragen und begibt sich in aktuelle und wissenschaftlich sehr wichtige Kontroversen in der internationalen Antisemitismusforschung, die weit in die Gesellschaft hineinstrahlen. Die Relevanz ist eindeutig, was sich ja auch darin zeigt, dass die Republik Österreich die IHRA unterzeichnet hat, es aber in der Forschung (auch in Wien an Forschungszentren bzw. an Universitäten in Österreich) breite Strömungen gibt, die aus antizionistischen Motivationen heraus diese Definition von Antisemitismus in Frage stellen. Daher wird aktuell weltweit, zumal in Europa, den USA und Israel in kritischen Forscherkreisen daran gearbeitet, dieser Definition im akademischen Bereich, aber auch bei NGOs, der Zivilgesellschaft wie auch in der Politik noch mehr Verbreitung und Akzeptanz zu verschaffen. Das Projekt geht über Ein-Punkt-Projekte (wie z.B. die iranische Gefahr, Gedenkpolitik oder rechtsextreme Holocaustleugnung) weit hinaus, weil sie solche antisemitischen Tendenzen zwar auch analysiert und kritisiert, aber die viel größere Dimension heutigen Antisemitismus insgesamt betrachtet und ein Gesamtbild des heutigen Antisemitismus sowie Kategorien zu seiner Definition und Analyse entwickelt.

13) ein wissenschaftliches Fellowship ja etwas anders ist als ein Job in der Politik – in der Wissenschaft sollte es um die Qualität eines Bewerbers (m/w/d) gehen und es muss klare Kriterien geben, in diesem Fall offenkundig die Bedeutung im Bereich Antisemitismusforschung und die Relevanz des Projektes. Was waren Ihre Kriterien? Welche Kriterien haben wir nicht erfüllt?

Gab es tatsächlich Bewerber*innen, die quantitativ und qualitativ Gleichwertiges zu Antisemitismus publiziert haben, zudem in YALE wie auch der Hebräischen Universität an führenden Forschungsinstituten zu Antisemitismus angestellt und Research Fellow waren?

Sicher sind die Maßstäbe in Österreich besonders hoch – verglichen mit YALE, der Hebräischen Universität Jerusalem, der Hans-Böckler-Stiftung aus Düsseldorf, der Fondation pour la Mémoire de la Shoah in Paris etc. -, das ist klar, schließlich ist es Österreich.

Daher ersuche ich Sie als österreichische Expert*innen beziehungsweise Expert*innen in Österreich jetzt auch um Rat, was ich in meinem beruflichen Leben gerade im Bereich Antisemitismusforschung noch besser machen kann, was womöglich auch für andere Forscher (m/w/d) erhellend sein könnte. Ich denke gerade von Österreich können wir alle doch in diesem sensiblen Bereich der Forschung zu Antisemitismus viel lernen, daher ja auch die Bewerbung.

Und doch bleibt da ein Schatten, nicht? Denn da sind wir bei der aktuell in Österreich fehlenden „Transparenz“ politischer, juristischer oder wissenschaftlicher Entscheidungen und bei den zu wenig kontroversen öffentlichen Diskussionen, einer zu eingeschränkten Medien- und Wissenschaftslandschaft (ganz extrem in den Jahren 2020 und 2021), die nicht heterogen und offen sind etc. Diese Defizite haben dazu geführt, wir haben das ja schon erwähnt, dass Österreich seit Frühjahr 2022 nicht mehr als „liberale Demokratie“ gelistet ist, sondern nur noch als „Wahldemokratie“:

„Der renommierte Demokratiebericht des Varieties of Democracies Instituts (V-Dem) der Universität Göteborg hält Österreich für keine liberale Demokratie mehr. Die Republik wurde in der Studie vom höchsten demokratischen Ideal auf das Niveau einer ‚Wahldemokratie‘ herabgestuft.

Zurecht, meinen die Experten Anton Pelinka und Fritz Plasser auf Anfrage des KURIER. Laut dem Bericht liegt Österreich nun auf Stufe zwei des vierstufigen Demokratieindex (eins ist die beste Stufe), vor Ländern wie Bolivien und Armenien.

‚Es ist jedenfalls ein Warnsignal‘, analysiert der Politikwissenschafter Fritz Plasser. Aber worin liegt eigentlich der Unterschied zwischen den Demokratieformen?

‚Eine Wahldemokratie ist ein System, das den minimalen Standards der Demokratie entspricht – freie und faire Wahlen, deren Ergebnisse nicht in Frage gestellt werden und zur Bildung einer Regierung legitimieren‘, erklärt der Politologe Anton Pelinka. ‚Eine liberale Demokratie ist mehr: Dazu zählt eine garantiert unabhängige Kontrolle durch die Justiz, maximale Möglichkeiten für die Kontrolle der Regierung durch die Opposition, und eine pluralistische Breite der und innerhalb der Medien‘, so Pelinka.

Um das klar zu sagen: Österreich-Bashing ist hier ganz unangebracht, die Bundesrepublik Deutschland ist seit der Corona-Pandemie auch keine „liberale Demokratie“ mehr, so wie Österreich (wo noch weitere Skandale hinzukommen), nur wurde das am Beispiel der BRD vom Varieties of Democracies Instituts (V-Dem) der Universität Göteborg offenbar noch nicht erkannt.

Da stellt sich als neutralem Beobachter gleichwohl die Frage, wie sinnvoll es ist, dass die ÖAW vor wenigen Tagen einen neuen Präsidenten bekommen hat (sicher ein sehr netter, hoch gewachsener Mann, den man in jedem Supermarkt leicht erkennt), der doch in seiner Position als Minister der österreichischen Bundesregierung über vier Jahre hinweg bis Ende 2021 offenkundig irgendwie mit dafür verantwortlich war, dass Österreich nicht mehr als „liberale Demokratie“, sondern nur noch als „Wahldemokratie“ eingeordnet wird.

Ist es für die Unabhängigkeit der Wissenschaft sinnvoll, gerade eine solche Person als neuen Präsidenten zu bekommen, noch dazu in seinem hohen Alter, das ein Rentenalter ist, 66 Jahre, wo er es verdient hätte, sich in Ruhe und ohne Alltagsstress den schöneren Dingen des Lebens zu widmen? Einen Präsidenten, der in so hoch problematischen Bundesregierungen für die ÖVP aktiv war

(Sebastian Kurz ist nur einer der krassen Bundeskanzler, die Sie jüngst hatten, in Deutschland hieß die Kanzlerin Merkel oder aktuell heißt er Scholz) und dem Irrationalismus und dem unwissenschaftlichen sowie antidemokratischen (2G, Lockdown, Maskenpflicht, Testpflichten etc.) Regierungshandeln in Zeiten von Corona ganz offenkundig Vorschub geleistet hat?

Wir alle wissen beziehungsweise auch die ÖAW sollte wissen, dass Geimpfte so ansteckend sein können wie Ungeimpfte – mit einem Virus SARS-CoV-2, dessen Krankheit Covid-19 eine minimale Infektionssterblichkeit von unter 0,10 bis 0,23 Prozent hat und fast nur alte Menschen über 80 Jahren trifft, die auch an einer Influenza sterben können –, wie eine amerikanische Studie von November 2021 des US-Justizministeriums und des Centers for Disease Control and Prevention (CDC) gezeigt hat. Schweden wiederum hat ohne jede Maskenpflicht und ohne jeden Lockdown insgesamt eine geringere Übersterblichkeit in den Jahren 2020 und 2021 wie Österreich, so die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer Studie. Dazu kommt, dass Schweden (vor seinem NATO-Beitrittsgesuch) keine solchen Demokratie-Defizite aufweist wie Österreich (oder Deutschland) während der C-Krise.

Das ist ein weiterer Beweis für die Sinnlosigkeit (und für demokratische Verwerfungen sorgende Maßnahmen wie) von Masken, Schulschließungen, Lockdowns, Testpflichten oder Impf-Apartheid-Regelungen wie 2G. Wie Sie wissen, handelte Wien immer noch irrationaler als der Rest Österreichs, aktuell bezüglich der Maskenpflicht im Nahverkehr, die in keinem anderen Bundesland mehr gilt, aber in Wien. Mit Wissenschaft oder einer Kenntnis von Epidemiologie und Public Health hat das nichts zu tun, mit Willkür sehr viel.

Wenn ich mir dazu die Homepage der ÖAW anschaue, wo immer noch Personen mit Maske zu sehen sind obwohl in Räumlichkeiten wie Universitäten, Supermärkten, Galerien, Theatern keine Maskenpflicht mehr herrscht und die WHO aus medizinischen Gründen bis ins Frühjahr 2020 von Masken abriet, aber aus rein politisch-propagandistischen Gründen sie dann empfahl, werde ich skeptisch, ob bei der ÖAW auf dem höchsten wissenschaftlichen Stand der Forschung gearbeitet wird oder ob nicht vielmehr Irrationalismus, Unwissenschaftlichkeit, Panik und antidemokratisches, autoritäres Verhalten dort Einzug gehalten haben.

Schließlich wäre die Frage, ob Sie tatsächlich andere Bewerbungen hatten, die in ihren avisierten Projekten bei der ÖAW beide herausragenden Formen des heutigen Antisemitismus – den Antizionismus beziehungsweise die Israelfeindschaft und die Universalisierung oder Derealisierung der Holocausterinnerung (postkolonial oder via der Rot=Braun-Ideologie und anderen Methoden) – thematisieren und dabei auch auf die Forschungen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) Bezug nehmen, wie ich es am Beispiel von Prof. Heidemarie Uhl mache – auch wenn sie keine explizite Antisemitismusforscherin ist, aber zum Gedenken an die Shoah forscht?

Vor diesem Hintergrund stellt sich fachlich die Frage, was ich in meinem CV, dem Projekt und der publizistischen Aktivität im Bereich Antisemitismusforschung noch hätte besser machen können, damit es den Bedürfnissen der ÖAW entspricht? Wie kann ich den sehr hohen österreichischen Maßstäben gerecht werden?

Für sachdienliche Hinweise wäre ich Ihnen sehr verbunden.

Vielen Dank vorab für Ihre wertvollen Tipps,

Hochachtungsvoll,

CH




Türen zu für Antisemiten: Zur Rolle des Jüdischen Museums Berlin (mit Michael Kreutz)

“Der Ex-Direktor bot BDS-Unterstützern und Forschern, die Islamophobie und Antisemitismus vergleichen, eine Plattform. Das geht nicht. Ein Gastbeitrag.

Im Streit um das Jüdische Museum Berlin ist im Juni 2019 Peter Schäfer vom Amt des Direktors zurückgetreten. Ihm folgt im April Hetty Berg aus Amsterdam. Die Diskussion um die Institution geht indessen weiter: Der Politikwissenschaftler Max Czollek hat im Tagesspiegel vom 27. 12. 2019 für das Jüdische Museum als ein offenes Haus plädiert. Hier antworten ihm Clemens Heni, Direktor des International Center for the Study of Antisemitism Berlin, und der Islamwissenschaftler Michael Kreutz.

Clemens Heni / Michael Kreutz
in: Der Tagesspiegel, Freitag, 03. Januar 2020



How German is the Jewish Museum Berlin?

Von Dr. Clemens Heni, 27. Januar 2019

Times of Israel (Blogs)

Currently, the “Jewish” Museum Berlin is criticized for its distorting of Jerusalem and the Jewish impact on Jerusalem. Volker Beck (The Greens), longtime MP (1994–2017) and former head of the German-Israel Group of Parliamentarians in the German Bundestag (2013–2017), on January 25, 2019, writes in the weekly Die Zeit about an exhibition in the Jewish Museum about “Jerusalem.” The exhibition downgrades the Jewish role of Jerusalem while embracing the Arab or Palestinian narrative. It distorts the Jewish history of that city, but devotes much space to the al-Husseini family, for example, without even mentioning the pro-Nazi approach of Jerusalem Grand Mufti Amin al-Husseini.

Then, according to Beck, the museum promotes three groups of particular pious Jewish groups – Neturei Karta, Ne’emanei Har ha-Bayt and Women’s of the Wall. As if antisemitic Jews who collaborate with Holocaust deniers and Iran like Neturei Karta have anything to say about believing Jews. Beck focuses on both what the exhibition shows and what it does not show and say. It shows the “Nakba” and ignores the “600.000” Jews who had to flee Arab states after 1948. This pro-Arab and rather anti-Jewish outline of that exhibition is just the latest scandal of this huge German national institution.

In recent months and years, many journalists and scholars have criticized the Jewish Museum Berlin. However, in a truly unprofessional, if not nasty 3 minutes report in a leading news show on German TV, “Heute Journal” of the Second Channel ZDF on January 17, 2019, they defame criticism of that exhibition and of the Jewish Museum as such. The report interviews the head of the Jewish Museum, Peter Schaefer, who is not Jewish. He denounces critics and blames them to support the Netanyahu government. Netanyahu had criticized the Museum’s anti-Zionist stance, which was for sure not very smart. As if critics of the Jewish Museum depend on Netanyahu!

I myself, for example, am a long-time critic of the Jewish Museum and their pro-Islam as well as post- or anti-Zionist agenda in recent years. I am also known as critic of Netanyahu and his right-wing politics, I even lost my job ad editor-in-chief of a small Jewish monthly, the Juedische Rundschau, in 2014 due to my criticism of Bibi on Facebook. Then, I criticized Netanyahu in 2017 in a foreword to a German translation (which I did alongside with my friend and colleague, Arabist, political scientist and Orientalist Michael Kreutz) of the book “The Israeli Nation-State”, co-edited by Fania Oz-Salzberger and Yedidia Z. Stern, both promote the Jewish and democratic state of Israel and are known as fierce critics of Netanyahu.

Michael Wuliger of the leading Jewish weekly in Germany, the Juedische Allgemeine, published by the Central Council of Jews in Germany (“Zentralrat der Juden in Deutschland”), attacks the Jewish museum in an article on January 24, 2019. He analyzes the failure of the Jewish Museum Berlin’s head Peter Schaefer, who is a historian of ancient times. Schaefer is responsible for all the distortions in that exhibition and much more, for the post- or anti-Zionist outlook of the entire institution.

That became clear in summer last year, when the Jewish Museum announced an event with pro-BDS author Sa’ed Atshan from the US, a Palestinian from East Jerusalem. After criticism, the event was not cancelled but took place at another troubling Berlin institution, the ICI (Institute for Cultural Inquiry), with the very same moderator as planned by the Jewish Museum, Katharina Galor, an archeologist. I deal with this and many other historical and contemporary aspects of antisemitism in my new book, “The Complex Antisemitism” (in German).

Another event by the Jewish Museum took place in fall 2018, about “Islamophobia”, organized by Yasemin Shooman, a Muslim co-worker at the museum, who wrote her PhD at the Center for Research on Antisemitism at Technical University Berlin (ZfA) under the auspices of controversial historian Wolfgang Benz, then head of the ZfA. Benz had honored his own PhD advisor from 1968, Karl Bosl, like in 1988, when Bosl (1908–1993) turned 80 years old. In 2009, Benz mentioned Bosl in the announcement material for a lecture. Bosl was a member of the Nazi Party (NSDAP) and was paid by a project of the “Ahnenerbe” of the SS (Schutzstaffel) – the SS was a central organization in the Shoah.

Bosl took place in the last conference of Nazi historians mid-January 1945 – that event took place in the birthplace of the “Führer” Hitler himself, in Braunau am Inn (today: Austria), to emphasize the solidarity of these historians with the “Führer”. After 1945, Bosl was still active in antisemitic circles, in 1964 he compared the expulsion of Germans from the East to the Holocaust, embraced antisemitic elements of German history like Ernst Moritz Arndt and spoke at the grave of another former full-time Nazi, Theodor Mayer, in November 1972.

A Jewish Museum’s event in fall 2018 – Living with Islamophobia – announced Moustafa Bayoumi, a strong anti-Israel activist, who did a book on the jihadist ship Mavi Marmara from 2010. Other participants of that event were no less troubling and known for their anti-Zionist politics or the downplaying if not affirmation of Islamism, like Naika Foroutan. In her doctoral dissertation she embraced then Iranian President Chatami (who called Israel a “cancerous tumor”) and framed then Israeli Prime Minister Ariel Sharon as “state terrorist.” This was the start of a wonderful career of Foroutan in German academia.

Journalist Alan Posener criticized that event in September 2018 in the daily Die Welt. He writes about the coming new main exhibition at the Jewish Museum, which will open by the end of 2019. What seems to be clear so far is the fact, that there will be no special room dedicated to Zionism, one of the most important aspect of Jewish history since the late 19th century. Of course, Zionism will not be completely ignored, but will play a minor role in that new main exhibition.

On the other side, Schaefer emphasizes the role of a “Jewish-Muslim Forum”. Ignoring Islamism is a core element of Schaefer’s ideology, following Shooman, who even publicly attacks the representative of the Jewish Community Berlin for the fight against antisemitism due to his criticism of Muslim antisemitism and a particular dangerous Islamist institution in Berlin. Shooman published her article in 2018 in a Jewish journal called “Jalta,” made by and dedicated to post- and anti-Zionist Jews.

The connection of the Center for Research on Antisemitism and the Jewish Museum is of great importance. In 2013, for example, they both organized an event with British anti-Israel activist Brian Klug, despite international criticism, organized by my center, the Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA). Shooman is among the most controversial co-workers at the Jewish Museum Berlin, as her downplaying of the Islamist threat, the fantasy of Jewish-Muslim cooperation and her anti-Israel stance are obvious.

Many in Israel or the US might think that a Jewish Museum is both pro-Jewish and run by Jews. Not so in Germany. The best known Jewish Museum in Germany is the Jewish Museum Berlin. It is mainly funded (some 75 percent) by the German federal government and its Representative for Culture and Media, Monika Gruetters (CDU, Christian Democratic Union).

But there is much more to say about the “Jewish” Museum Berlin.

Already at the opening of the Museum in 2001, the German nationalist impact of the museum became clear. Journalist Henryk M. Broder attended that event and wrote about it. He analyzed the distortions of the event like the omission of portrays of several of the most famous German Jews, including Rosa Luxemburg, the Communist who was killed on January 15, 1919, Karl Marx, Jakob Wassermann or Gershom Scholem, the Zionist who left the Weimar Republic in 1923 for Palestine and criticized the “myth of German-Jewish symbiosis”.

This myth, though, was at the core of the opening exhibition as Broder wrote. He also focused on the entry of the museum in 2001, where at the opening gala with 850 VIP guests a blackboard out of glass with the names of leading German banks, industrial companies and individuals greeted the audience. That blackboard indicated, for whom the entire Jewish Museum Berlin was made for: Germans, to be absolved of their crimes of the Holocaust, to promote themselves as the new and real heroes of morality in the 21st century.

The German government and Gruetters are also funding the Barenboim-Said Academy in the heart of Berlin, vis-à-vis the Foreign Ministry. Thomas Weidauer and I criticized that institution in June 2015, when the roofing ceremony took place. It is named after Edward Said, a leading antisemitic and post-Orientalist author with immense influence among anti-Zionist academics around the world. Daniel Barenboim was not only a friend of Said, but is also an ally of Said’s widow Mariam Said. She has close connections to the BDS movement, in 2010 she defended the work of the West-Eastern-Divan-Orchestra (WEDO) by Barenboim at the hardcore anti-Zionist page “Electronic Intifada”. Mariam Said claims that WEDO is part of the very same battle against the Jewish state than others in the broad BDS camp.

Gruetters and the German federal government are world champions in hypocrisy and claptrap – publicly they denounce the BDS movement, but internally they are funding pro-BDS institutions or museums that downplay the Islamism threat or promote the fake Jewish-Muslim collaboration.

It is an imposition for Zionist scholars to need to go to the Jewish Museum Berlin’s Blumenthal Academy to study Hachschara and the Chaluzim, who prepared for Aliyah in the mid and late 1930s, to escape Nazi Germany and to help establishing a secure haven for Jews in the Middle East. When I was employed at the University of Hannover at the Center of Garden Art and Landscape Architecture (CGL) in 2015 in a project about landscape architecture, Zionism and Hachschara, I went to the Jewish Museum’s Blumenthal academy. They hold a wonderful body of original sources, including letters, brochures, booklets and books, pictures and the like from the Zionist movement in Germany. For example, I discovered a letter dated July 5, 1938, from a Kibbutz in the region of Thuringia, “Kibbutz Mitteldeutschland und Thüringen,” where the author is very happy that his friend will be allowed to join youth Aliyah.

The Jewish Museum Berlin is a German institution. It is dedicated to German ideology. This ideology is based on the fantasy, that Germany and Germany alone is the superstar of morality in the 21st century. No one killed so consequently the Jews than the Germans did. And no one remembers the Holocaust like the Germans. That is the one and only reason, why the German state is funding this institution. They employ and invite Muslim, Jewish and other anti-Israel people, invite pro-BDS agitators, and organize exhibitions that distort the Jewish connection to the city of Jerusalem.

Since when translates “old” into “wise”? Peter Schaefer is an old man (born 1943) and may not know what BDS or the three D’s stand for (Demonization, Double Standard, Delegitimization). On the other hand, he might know that very well. Finally, in the interview with the German TV he uses the antisemitic conspiracy myth of “foreign” influence on Germany (like the stupid intervention by Bibi). He ignores German critics, both Jewish and non-Jewish ones.

In 2012, the Jewish Museum Berlin hosted leading anti-Zionist superstar from California, Judith Butler, who spoke with pedagogue Micha Brumlik, himself a diaspora oriented anti-Zionist who always emphasizes that he is supposedly against antisemitism (like the Iranian threat). The house was packed.

Today is Holocaust Remembrance Day, January 27, the day when the Soviet Red Army liberated Auschwitz and the few survivors there. It is time to stop the hype about the “Jewish” Museum Berlin. It is a German National Museum as well as an anti-Jewish Museum. Survivors and their relatives should think twice before giving their historical documents to that institution, for example. Tourists should be aware that the name “Jewish” does not mean that it is a pro-Jewish institution.

Dedicated in honor of Michael’s birthday

©ClemensHeni




The Obsession to fight the Jewish state – The binational option, from Martin Buber and Hannah Arendt to Micha Brumlik and Judith Butler

The Times of Israel, September 3, 2013

On September 9 and 10, 2013, the Center for Research on Antisemitism (ZfA) at Berlin’s Technical University, together with the huge German Foundation on “Remembrance, Responsibility, and Future”, which spends up to seven million Euros a year for events (and spent over 70 million Euros since its inception in the year 2000), the group “Berlin-Kreuzberg Initiative against Antisemitism (Kiga)” and several other organizations as well as a German ministry of the Federal Government, will held a conference in Nuremberg on the Middle East conflict and its perception among immigrants in Germany.

The ZfA and its former head Wolfgang Benz have been criticized in recent years for promoting research on “Islamophobia” instead of Muslim antisemitism. In addition, Benz has been questioned about his silence about the Nazi legacy of his PhD advisor Karl Bosl, who awarded Benz a doctorate in 1968. In 1964, Bosl had compared the Holocaust to the expulsion of Germans from the East, and during Nazi Germany Bosl was on the payroll of the SS, an active historian in Nazi circles, and a member of the Nazi party NSDAP. Wolfgang Benz even collaborated with hardcore Islamist activists from the German online project Muslim Market and gave those pro-Iranian antisemites a very friendly interview in November 2010. Muslim Market is among those groups that organize the pro-Iran, pro-Hezballah and anti-Israel al-Quds rallies every year at the end of the Muslim month of Ramadan. On their homepage Muslim Market promotes the boycott of Israel with a scratched-out Star of David. Is this an appropriate place for the best known German scholar on antisemitism to be interviewed?

Then, in 2012, the new Center head since summer 2011, historian Stefanie Schüler-Springorum, appointed Edward Said follower and anti-Zionist Islamic studies scholar Achim Rohde. I analyzed the problematic tropes of Rohde’s scholarly approach and he left (or had to leave) the ZfA in 2013. Schüler-Springorum, though, is far from being an expert on research on antisemitism, let alone Israel, the Middle East, or the history of anti-Zionism. She has not published a single book on antisemitism so far, which is remarkable for the head of the leading European institute for research on that topic.

A speaker at the event in Nuremberg will be Islamic studies scholar and journalist Alexandra Senfft. In November 2012 she interviewed Wolfgang Benz and welcomed his new book on “How fear of Muslims threatens our democracies” – a strange topic for a scholar on antisemitism who is silent on jihadism and Islamist Jew-hatred. Senfft even mentioned that Benz frequently is interviewed by Muslims and Muslim journals in Germany but she had no problem and did not mention Benz’ interview with the hardcore Islamist and antisemitic Muslim Market. Senfft argues against critics of antisemitism like Holocaust survivor Ralph Giordano and journalist Henryk M. Broder because they are critics of “Islam,” in fact they are critics of Islamist antisemitism in particular and Islamism in general.

One of the best known speakers at the September 9 event, invited by Schüler-Springorum and her allies, is Professor Micha Brumlik, a pedagogue by profession. Brumlik has been known in recent decades as a critic of some forms of antisemitism in Germany. But he is even better known today for his kosher stamps for antisemitic agitators like Judith Butler who received the very prestigious Adorno-Prize of the city of Frankfurt in 2012. Butler calls Israel an apartheid state, she supports the anti-Jewish Boycott, Divestment and Sanctions (BDS) movement and she is in favor of German-Jewish philosophers Hannah Arendt (1906–1975) and Martin Buber (1878–1965). Both Arendt and Buber agitated against a Jewish state of Israel and favored a binational Israel.

In the July issue of the leading left-wing German monthly, Konkret, Brumlik promoted a “Plan B.” In his article he argued against Israel as a Jewish state and followed Buber’s plans for a binational Israel. Konkret and Brumlik went so far as to say that Jews may not have a principled right of return to Zion – rather humanitarian and economic aspects should regulate immigration to Israel/Palestine.

Brumlik and Konkret are not stupid, they are not pro-Hamas or pro-Hezballah, they are rather critics of Islamist antisemitism and the Iranian threat. Konkret is even known as one of the very few self-declared pro-Israel journals in Germany. If it is pro-Israel to plead for a binational state – then you can imagine the anti-Zionist climate in Germany.

A few days after Brumlik’s piece was published by Konkret, I wrote a critique of this anti-Israel article. I said that this approach for a binational Israel, coming from a well-known Jewish professor and a self-declared pro-Israel monthly, is perhaps more dangerous than anti-Israel hatred coming from all kinds of hardcore right-wing or left-wing circles. I said that Brumlik and Konkret are perhaps more dangerous thanks to their distinguished style, their clear and calm strategy for this “Plan B” aiming at a binational Israel and rejecting Jews’ principled right of return.

Konkret became rather angry about my critique and attacked my person in a nasty and completely unprofessional way in the following editorial. Such attacks against pro-Israel scholars are normal when it comes to typical extreme right-wing or left-wing hate mongers, but Konkret always pretended to be pro-Israel. But well, Martin Buber was pro-Israel, too. He was a Zionist and this is the problem we are facing: what is Zionism?

This is a strategic question, going beyond the actual debates and conflicts.

There is the political Zionism of Theodor Herzl (1860–1904) and his followers. Herzl was not religious but desperate for a Jewish state. Others, like Achad Ha’am (1856–1927) preferred a cultural Zionism, urging Jews to become more Jewish in an inner, philosophical or religious and cultural way. This awakening of being Jewish was also a main element of Martin Buber’s approach in the early 20th century. Buber was a strong Zionist but did not want a Jewish state at all. Like Arendt, who was much younger than him and less religious, he was in favor of a homeland for Jews, but not a Jewish state. Sounds strange to today’s ears? This convoluted logic is behind today’s proposals for a binational state. And this is what we have to struggle with, in the next years and decades.

Influential German historian Dan Diner from Leipzig and Tel Aviv Universities argued for a binational Israel in his super PhD (habilitation) in 1980, too. I am not sure if this is still his point of view, but I fear it is. Historian Siegbert Wolf, known for books on Buber or anarchist and friend of Buber, Gustav Landauer (who was killed by sadistic, antisemitic, nationalistic and anti-socialist pre-Nazi German soldiers in 1919), argued for a binational Israel as well and referred to Diner. Like Diner, Konkret or Brumlik, Wolf is not stupid at all. He is aware of the Nazi collaboration of the leading Arab and Muslim politician at the time, Grand Mufti of Jerusalem Amin al-Husseini, and refers to pro-Israel and anti-Islamist critics of the Mufti like political scientist Matthias Küntzel, and historians Klaus-Michael Mallmann and Martin Cüppers. Despite these facts, Wolf supports antisemitic and so called post-Orientalist superstar Edward Said (1935–2003) and his plea for a binational Israel. Wolf’s pro-Buber article was published by the official German Martin-Buber-Society in 2011.

Butler likes the idea of a binational Israel, and therefore she refers to Arendt and Buber. For Butler, though, in her anti-Israel book from 2012, “Parting Ways. Jewishness and the Critique of Zionism,” Buber was still a problem, because he was in favor of Jewish “settler colonialism” and Jewish immigration to Palestine (prior to 1948). In fact, Buber wanted limited immigration even after the Shoah. In 1947, together with the co-founder and later President of Hebrew University, Judah Magnes (1877–1948), he wrote a pamphlet “Arab-Jewish Unity,” a “Testimony before the Anglo-American Inquiry Commission for the Ihud (Union) Association.” In it, they argued against a Jewish state of Israel and wanted a limited immigration of 100,000 Jews a year, in order to not disturb the Arabs.

In 1958, Martin Buber wrote that the “philosophy of violence” of the “national socialist evil” kept on “having an effect” “in a part of our people,” the Jewish people. This (antisemitic) comparison of Jews to Nazis was remembered, quoted and not at all criticized in 1961 in an afterword to a big study by Hans Cohn on Buber, written by the Brit Shalom member (1925–1933), co-founder of the Leo Baeck Institute and first editor of its Yearbook (1956–1978), Israeli journalist Robert Weltsch (1891–1982). Cohn’s book with Weltsch’s afterword appeared in a second printing in 1979, published by the Leo Baeck Institute New York, with a foreword by German historian Julius H. Schoeps, today head of the 1992 founded Moses Mendelssohn Center for European-Jewish Studies (MMZ) in Potsdam.

As historians and co-editors of the “New Essays on Zionism” in 2006, David Hazony, Yoram Hazony, and Michael B. Oren, observed, there is a need to justify Zionism in our times after the Cold War, an era that for Israel was relatively harmless, predictable, and largely free of today’s jihadist threat. Thanks to “European ideology,” they wrote, the “future of mankind” is seen “in the dissolution of state sovereignty.” Therefore Zionism, political Zionism and not spiritual or cultural Zionism, to be sure, needs philosophical, historical, political and religious justification.

We have to confront European and German ideology of Immanuel Kant and the end of the nation-state in the late 18th century. Kant is still very influential in philosophy and politics alike, take Yale’s Seyla Benhabib as an example. In 2012 she was awarded a prize in Germany, despite her outspoken anti-Zionist articles in recent years and her friendship with Judith Butler. Even pro-Israel young scholars embrace Benhabib and are unwilling or unable to decode the dangerous ideology of Kant, and his followers in the anti-nation-state tent.

Israel is a Jewish state and has to be a Jewish state and has to be accepted as a Jewish state. Israel as a Jewish state with unlimited immigration could have saved hundreds of thousand Jews, if not millions. Jews have by far the longest and most intense relationship to Zion and the territory of Israel. Jerusalem is of minor importance to Islam, just take the Quran as an example. Finally, no one in the humanities and social sciences is questioning the Muslim character of almost all Arab states, or of Iran.

Martin Buber and Hannah Arendt, perhaps today the two most influential Jewish anti-Israel-as-a-Jewish-state celebrities in the humanities and social sciences from the 20th century, did a bad job. They attacked and defamed the very idea of Israel as a Jewish state in the 1940s, take the time frame from 1942 until 1948, when the Holocaust happened and the Biltmore conference in May 1942 in New York City argued in favor of a Jewish state of Israel.

The question is not only if someone is pro-Israel, but also what kind of Israel. What do people refer to when they are in favor of Israel – a cultural Zionist or spiritual Judaistic Israel with no Jewish majority, a binational Israel? Or, a political Zionist Israel, the Jewish state of Israel?

It is a scandal that proponents of a binational Israel and authors who attack critics of antisemitism and Muslim antisemitism are invited to that conference to be held in Nuremberg, September 9, 2013.

Finally, even among self-declared friends of Israel there is a huge gap of knowledge about the history of Zionism and Israel as a Jewish state. There is much work to be done for serious scholarship.




Ein Nazi und sein Schüler – Karl Bosl und Wolfgang Benz

Von Dr. phil. Clemens Heni, 15.01.2010

 

Am 11. November 2008 wurde in der oberpfälzischen Stadt Cham der Prof.-Dr.-Karl-Bosl-Platz feierlich eingeweiht(1), am 6. Juli 2009 wurde vom Bayerischen Philologenverband erstmals die Karl-Bosl-Medaille verliehen(2), und für den 26. November 2009 wurde eine Veranstaltung mit dem Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA), Wolfgang Benz, mit den Worten angepriesen, Benz habe 1968 bei Karl Bosl promoviert.(3) Karl Bosl ist also en vogue und scheint ein echter deutscher oder gar bayerischer Held gewesen zu sein.

„Erinnern oder Verweigern“ heißt eine Ausgabe der „Dachauer Hefte“, die von Barbara Distel und Wolfgang Benz 1990 herausgegeben wurde. Kaum ein Wissenschaftler oder Journalist hat sich offenbar je gefragt, wo Wolfgang Benz wissenschaftlich groß geworden ist. Wo hat der Mann promoviert und bei wem? Wer selbst promoviert hat oder mit Freunden und Kollegen darüber spricht, weiß: Es ist ein sehr bewusster Prozess, bei wem man schließlich seine Doktorarbeit schreibt.

Wolfgang Benz hat 1968 in München beim 1908 geborenen Mittelalterhistoriker Karl Bosl promoviert.(4) 1988 erschien anlässlich des 80. Geburtstages von Bosl eine Festschrift; Benz ehrte dort wie selbstverständlich den Jubilar mit einem Beitrag.(5) Bereits 1983 war er – wie der selbst ernannte Faschist Armin Mohler und der nationalsozialistische Historiker und antisemitische „Ostforscher“ Theodor Schieder – Teil der umfangreichen Tabula Gratulatoria, als Bosl seinen 75. Geburtstag feierte. Das ist durchaus bemerkenswert, denn keineswegs alle ehemaligen Schüler von Karl Bosl verehrten ihren Doktorvater weiterhin: Ein Freund von Benz beispielsweise, der Historiker Falk Wiesemann, der insbesondere zur deutsch-jüdischen Geschichte forscht, hat sich jedenfalls nicht in die Gratulantenschar von 1983 eingereiht.(6)

2009 wurde dann, wie erwähnt, für eine Veranstaltung mit Benz in Aalen (Baden-Württemberg) offensiv damit geworben, dass Bosl der Doktorvater von Benz war. Üblicherweise sehen Referenten Ankündigungstexte, -plakate etc. vorab, das heißt: Benz hätte intervenieren können oder sogar müssen, wenn es ihm unangenehm oder peinlich gewesen wäre, gerade als Leiter des ZfA zu betonen, aus wessen Hand er seinerzeit den Doktortitel erhielt.(7)

Hat Wolfgang Benz also kein Problem mit Karl Bosl?
Bosl trat 1933 in die NSDAP und in die SA ein; zudem wurde er Mitglied im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB). Er bewarb sich für das 1938 ausgeschriebene Projekt des „Ahnenerbes“ der SS mit dem Thema „Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte“ und wurde angenommen, wie der Historiker Bernd-A. Rusinek im Jahr 2000 berichtete. Bosl gehörte zum „nationalsozialistischen Mainstream“ dieses SS-Projekts, wie Rusinek in einem wissenschaftlichen Aufsatz feststellte.(8)

Am 27. Januar 1945 wurden die wenigen Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz von der Roten Armee befreit. Kurz zuvor, am 16. und 17. Januar 1945, hatten sich einige Historiker des nationalsozialistischen Deutschland zu einer Tagung getroffen.(9) Mit dabei war auch der damals 36jährige Historiker Karl Bosl, wie Rusinek herausfand:

 

„Bosl beteiligte sich auch an der vermutlich letzten Historikertagung des ‚Dritten Reiches‘. Diese wurde im wesentlichen von Theodor Mayer organisiert und fand am 16. und 17. in Braunau am Inn statt – nirgends anders als im Geburtshaus des ‚Führers‘. Tagungsthema waren ‚Probleme der Siedlungs – und Verfassungsgeschichte der baierischen Stammesgebiete‘. Karl Bosl referierte über den ‚Landesausbau im baierischen Raum‘, Otto Brunner über ‚Entstehung einer österreichischen Geschichtsauffassung‘. Ein Kollege, Privatdozent, von dem Mediävisten Gerd Tellenbach nach der ‚Machtergreifung‘ erstaunt darauf angesprochen, warum er denn in die ‚Partei‘ eingetreten sei, formulierte das klassische Opportunisten-Credo: ‚Man möchte doch auch einmal einen Ruf haben.’ Aber – und damit wird eine subjektive Einschätzung formuliert – es geht über dieses Maß erheblich hinaus, wie Bosl noch im Frühjahr 1945 in Hitlers Geburtshaus an einer Historikertagung teilzunehmen.“(10)

Weiter schrieb Rusinek:

„Nach Bosls Selbstäußerungen, nach der SD-Einschätzung wie nach seinen Aktivitäten weist alles darauf hin, daß er bis Frühjahr 1945 ein bekennender Nationalsozialist gewesen ist.”(11)

Der SD hatte über Bosl bei „der Bewerber-Vorauswahl“ des SS-Projektes recherchiert und war zu dem Schluss gekommen:
„Bosl (bes. geeignet:+ /Parteigen.:+ /W’ansch.:+ / Bemerk.: einsatzfähig wiss. Nachwuchs).“(12)

Karl Bosl war ein hoch angesehener Historiker; er ist einer der bekanntesten Mittelalterhistoriker bis heute, nicht nur in Deutschland. Hätte Benz sich einmal die Mühe gemacht, die Sprache von Bosl nach 1945 mit seinen Quellen und Ideologemen vor 1945 zu vergleichen, dann hätte er merken können, was Rusinek analysierte:
„Der Untertitel ‚Sozialgeschichte‘ dieses 1949 veröffentlichten Beitrages(13) läßt die Technik des Wissenschaftlers erkennen, Fragen von gestern gleichsam neu zu formatieren und in ein nunmehr opportunes Theoriedesign zu rahmen. (…) Als Bezugsautoren fungieren Brunner, Bosls Mit-Referent auf der bemerkenswerten Historikertagung vom Januar 1945 im Geburtshaus des ‚Führers‘, Mitteis sowie Bosls Habilitations-Gutachter von 1944, Theodor Mayer“.(14)
1963 gab Bosl einen Festband für Theodor Mayer heraus – einen im nationalsozialistischen Wissenschaftsbetrieb sehr aktiven Historiker –, gespickt mit einem gleichsam enthusiastischen Text zu dessen 80. Geburtstag.(15)

In einem Interview wurde Bosl 1990 unter anderem über die Zeit des Nationalsozialismus befragt. Bosl log nachgerade wie gedruckt und stellte sich gar als Widerstandskämpfer dar. Er zeigte keinerlei Reue und schwieg einfach über seine Mitgliedschaften in der NSDAP, der SA und dem NSLB und zu seiner Mitarbeit in einem Projekt des „Ahnenerbes“ der SS. Schlimmer noch – er sagte:

„Diese Wanderjahre habe ich eigentlich in aller Stille verbracht, ich hab mich überall zurückgezogen, denn von zu Haus aus hat die antihitleristische Haltung meines Elternhauses bei mir schon sehr stark nachgewirkt. Und ich hab meine Doktorarbeit gemacht. Ich war nirgends dabei damals, ich hab meine Doktorarbeit gemacht, und ich habe im Jahre 1938 dann in München promoviert und hab mich dann sofort entschlossen, nachdem das sehr gut gelang, Karl Alexander von Müller zu bitten, mich als Habilitanden anzunehmen.“(16)

Bosl sprach also die Unwahrheit über seine Zeit im Nationalsozialismus und über seine Mitgliedschaften und Aktivitäten in nationalsozialistischen Organisationen – doch Wolfgang Benz kümmert das bis heute nicht. Bosl betrieb eine Derealisierung, das heißt eine Entwirklichung der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit. Das ist eine typische Form des sekundären Antisemitismus, der eigentlich zum Forschungsbereich des ZfA gehören sollte.

In einem Brief an das „Ahnenerbe“ der SS aus dem Jahr 1942, also während des Holocaust, betonte Bosl, er arbeite bzw. habilitiere „bei Prof. Karl Alexander von Müller“.(17) Bosl schrieb das mit ersichtlichem Stolz, augenscheinlich insbesondere vor dem Hintergrund, dass von Müller ein sehr einflussreicher Akademiker und Nationalsozialist war, mit Hitler gut bekannt seit den frühen 1920er Jahren, zudem Schwager eines Vordenkers der NSDAP, Gottfried Feder, sowie Doktorvater des Historikers Theodor Schieder.(18) 1964 gab Bosl eine Festschrift zu von Müllers 80. Geburtstag heraus.(19) Nazi-Seilschaften im Wirtschaftswunderland. Wenig später wurde Wolfgang Benz der Doktorand von Bosl.

1964 publizierte Karl Bosl zudem im rechtsextremen Witikobund.(20)

Aus Bosls Betonung im Jahr 1990, „damals“ „nirgends dabei“ gewesen zu sein und bei von Müller habilitiert zu haben, spricht die Unverfrorenheit, Schamlosigkeit und Feigheit eines ganz normalen Deutschen, der schon frühzeitig Mitglied in der NSDAP und anderen nationalsozialistischen Organisationen wurde. Bosl starb 1993 als geehrter Mann; Nachrufe lobten den „Historiker mit Humor“(15), heute werden Medaillen und Plätze nach ihm benannt – und der bekannteste deutsche Antisemitismusforscher lässt auf Veranstaltungsplakaten betonen, dass er bei ihm promoviert hat. Bosl wollte nicht an seine NSDAP- oder SA-Mitgliedschaft erinnert werden – wohl deshalb hat er gelogen, als er in einem Interview Auskunft über die Zeit des Nationalsozialismus geben sollte. Erinnerungsabwehr ist ein ganz einfacher Vorgang, solange niemand kritisch nachhakt.

Fakt ist also: Wolfgang Benz hat dem ehemals überzeugten Nationalsozialisten Karl Bosl, seinem Doktorvater von 1968, noch 1988 zum 80. Geburtstag gratuliert und lässt bis heute damit werben, dass er bei ihm promoviert hat. Bosl war zudem zumindest in den 1960er Jahren in rechtsextremen Kreisen wie dem Witikobund aktiv.
Dabei hätte Benz merken müssen, dass z.B. in Bosls „Bayerischer Geschichte“ (1. Auflage 1971; 7., durchgesehene Auflage 1990) der Nationalsozialismus einfach übersprungen wird, eine Leerstelle ist. Der Holocaust als Teil auch der bayerischen Geschichte wird einfach geleugnet, weil Bayern 1933 aufgehört habe, „eine eigene Staatspersönlichkeit zu sein“. Stattdessen sucht Bosl eifrig danach, ob es noch ein „besonderes bayerisches Menschsein geben kann“.(21)

Die Historikerin Anne Christine Nagel schrieb in ihrer Habilitationsschrift aus dem Jahr 2005 über Bosl:

„Bosl trat im Mai 1933 in die NSDAP (Nr. 1884319) und gleichzeitig auch in die SA ein, 1934 kam die Mitgliedschaft im NSLB hinzu. Dies nach R 21 (Hochschullehrerkartei; BDC Ahnenerbe, Karl Bosl sowie Bosl, Karl (NSLB), 11.11.08 (Technisches zur Mitgliedschaft im NSLB) sämtlich im BAB. (…)
Denn entgegen seiner Selbstdarstellung übte Bosl nach der Machtergreifung alles andere als Distanz zum Regime. Als Parteimitglied der ersten Stunde, Mitglied in SA und Leiter verschiedener nationalpolitischer Schulungslager setzte er sich vielmehr ausgesprochen aktiv für die Ziele des Nationalsozialismus ein. Begeisterter Gymnasiallehrer, der Bosl, aus ländlichem Milieu stammend, über Jahre hinweg war, spielte er eine maßgebliche Rolle im Nationalsozialistischen Lehrerbund.“(22)

Auf meine per E-Mail an Wolfgang Benz gerichtete freundliche Anfrage vom 8. Januar 2010 zu seinen Äußerungen zur politischen Biografie von Karl Bosl erhielt ich keine Reaktion.

Wussten die beteiligten Akademiker bei der Einstellung von Benz als Leiter des ZfA im Jahr 1990 von der Tatsache, dass Benz nur kurz zuvor in einer Festschrift für seinen Nazi-Doktorvater Bosl mit einem Beitrag vertreten war?

Benz ist bekannt für seine häufigen Kommentare und Einlassungen in Printmedien sowie in Film, Funk, und Fernsehen, und er versucht stets den Eindruck zu vermitteln, dass ihm die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Verbrechen in jeder (!) Hinsicht ein wirklich ernstes Anliegen ist. Doch wie es aussieht, hatte er zur wissenschaftlichen und politischen Herkunft seines Doktorvaters über inzwischen mehr als 40 Jahre hinweg nichts zu sagen. Dabei ist es doch beschämend, ja, geradezu peinlich und würdelos – insbesondere als bekannter, zur NS-Zeit, zum Antisemitismus und zum Holocaust arbeitender Historiker –, einem ehemals bekennenden Nationalsozialisten zum 80. Geburtstag zu gratulieren und wenig später Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung zu werden. Mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der Benz 1988 für Bosls Festband schrieb, würdigt er seitdem auch Überlebende der Shoah.

1990 schrieb Wolfgang Benz in den von ihm mitbegründeten „Dachauer Heften“:

„Das Dilemma zwischen moralischen Anspruch, politischer Notwendigkeit und sozialer Realität blieb ungelöst. Die Entnazifizierung wurde für die meisten mit Erleichterung als Endpunkt verstanden, von dem an der Nationalsozialismus eine Generation lang mit kollektivem Schweigen, in weitverbreiteter Amnesie, behandelt wurde. Erst die Enkel versuchten dies Schweigen zu brechen, ihr Dialog mit der nationalsozialistischen Vergangenheit hat spät, erst Ende der 60er Jahre begonnen.“ (23)

Benz selbst hat Ende der 1960er Jahre allerdings offenbar gerade nicht geschaut, ob sein eigener Fachbereich mit Nazis besetzt war. Und wenn er es doch wusste, hat er sich nie darum gekümmert, was ein vormaliger Nationalsozialist wie Bosl (24) im NS-Staat konkret getan hat.

Nicht alle Professoren in der alten Bundesrepublik waren Ex-NSDAP Mitglieder oder arbeiteten in Projekten des „Ahnenerbes“ der SS mit. Fast zur gleichen Zeit, zu der Wolfgang Benz promovierte, reichte Gudrun Traumann in Berlin an der Freien Universität ihre Dissertation zum Thema „Journalistik in der DDR“ ein, 1969 nämlich.(25) Ihr Doktorvater war Hellmut von Rauschenplat alias Fritz Eberhard. Rauschenplat war vom NS-Staat per Haftbefehl gesucht worden und hatte sich im Untergrund den Namen Fritz Eberhard gegeben. Er war u.a. bis 1939 im „Sozialistischen Kampfbund“ aktiv. Der Co-Referent bei Traumanns Dissertation war Ossip K. Flechtheim, der nur durch seine Flucht ins Exil in die Schweiz bzw. in die USA überleben konnte. Während Benz also bei einem alten Nazi promovierte, erhielt Traumann fast zeitgleich ihren Doktortitel von Opfern und Gegnern des Nationalsozialismus.

Heute spielt Benz die Gefahr des islamischen Antisemitismus und des islamischen Dschihad insgesamt herunter, ja, er setzt Antisemitismus und „Islamfeindschaft“ – wie er offenbar jegliche Kritik am politischen Islam bezeichnet – gleich. (26) Gudrun Traumann heißt inzwischen Gudrun Eussner; sie ist eine Publizistin und Kritikerin des islamischen Dschihad, des muslimischen Antisemitismus und der ZfA-Konferenz über „Feindbild Jude – Feindbild Muslim“ von Dezember 2008.(27)

Man fragt sich nach alledem: Wie glaubwürdig ist der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz, wenn er einem ehemaligen Mitglied der NSDAP, der SA und des NS-Lehrerbundes wie seinem Doktorvater Karl Bosl noch im Jahr 1988 in einer Festschrift gratuliert – einem Mann, der noch im Januar 1945 im Geburtshaus von Hitler an einer Historikertagung teilnahm, damit also offenbar zeigen wollte, wie eng diese Historiker zu ihrem „Führer“ standen?

Wie glaubwürdig ist Benz, wenn er noch im November 2009 eine Veranstaltung zu einem Vortrag von ihm in Aalen damit bewerben lässt, dass Karl Bosl(28) sein Doktorvater war? Was ist von einem Historiker zu halten, dem es augenscheinlich bis ins Jahr 2010 hinein nichts ausmacht, dass sein Doktorvater bei einem Projekt des „Ahnenerbes“ der SS mitarbeitete?(29)

Möchte also der Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an die Geschichte des Nationalsozialismus und der aktiven Nazis im NS-Staat erinnern – oder verweigert er diese Erinnerung, sobald es an die eigene Geschichte geht?

Anmerkungen:
(1) http://www.mittelbayerische.de/index.cfm?pid=3073&pk=317550&p=1 (abgerufen am 10.01.2010).
(2) http://www.bpv.de/service/presse/2009/presse07072009.htm (abgerufen am 10.01.2010).
(3) http://www.ostalbmap.de/sixcms/media.php/26/PM459_2009Einladung-Benz.pdf (abgerufen am 10.01.2010).
(4) Wolfgang Benz (1970): Süddeutschland in der Weimarer Republik. Ein Beitrag zur deutschen Innenpolitik 1918–1923, Berlin: Duncker & Humblot. In der Einleitung heißt es: „Diese Arbeit ist 1968 von der Philosophischen Fakultät der Universität München als Dissertation angenommen worden. Es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis, meinem verehrten Lehrer Professor Dr. Karl Bosl für die Anregung und Betreuung dieser Arbeit zu danken.“
(5) Wolfgang Benz (1988): Herrschaft und Gesellschaft im nationalsozialistischen Staat, in: Ferdinand Seibt (Hg.): Gesellschaftsgeschichte. Festschrift für Karl Bosl zum 80. Geburtstag, herausgegeben im Auftrag des Collegium Carolinum von Ferdinand Seibt, München: R. Oldenbourg Verlag, S. 243-255. Der erste Satz des Artikels stehe paradigmatisch für ein Ausblenden je subjektiver Verantwortlichkeit: „Die nationalsozialistische Herrschaft gründete sich auf der Ekstase der Beherrschten“ (ebd.: 243). Der Herausgeber schweigt über die Vergangenheit von Bosl; siehe Ferdinand Seibt (1988a): Zur Gratulation, in: ders. (Hg.): Gesellschaftsgeschichte. Festschrift für Karl Bosl zum 80. Geburtstag, Band 1, S. 9f. Benz geht nicht auf Bosl ein; der Beitrag selbst scheint Ehrung genug zu sein. Allerdings fällt auf, dass Benz in seinem knappen Text den Antisemitismus des Nationalsozialismus unter der Rubik „etliche Feindbilder“ (wie „Juden oder Bolschewisten“ bzw. „Juden, Kommunisten, zersetzenden Intellektuelle“), subsumiert, den Holocaust also nicht als präzedenzloses Verbrechen analysiert. Der Holocaust ist zwar nicht das Thema des Aufsatzes; dennoch ist diese Ungenauigkeit schon deshalb von Bedeutung, da Kommunisten auf andere Weise Opfer wurden als Juden: Kommunisten konnten sich notfalls arrangieren; der eliminatorische Antisemitismus hingegen verfolgte jeden einzelnen Juden als solchen. Der Begriff „Volksgemeinschaft“ taucht im Text von Benz ganz bewusst nur in Anführungsstrichen auf, so, als wäre die antisemitische deutsche Gesellschaft zwischen 1933 und 1945 nur am Rande oder nicht wirklich als Volksgemeinschaft aktiv gewesen. Benz geht es um „Herrschaftstechnik“, um „Propaganda“, „Regie des öffentlichen Lebens“, „Ästhetik“, „Kulthandlungen als Religionsersatz“ sowie um „die Stilisierung des Volks als Kultverband.“ Auffallend ist die weitgehende Abwesenheit von aktiven Deutschen, die den NS-Staat gestalteten.
So ist es auch kein großes Wunder, dass Wolfgang Benz 1998 auf dem 42. Deutschen Historikertag in Frankfurt am Main, wo es in großen Debatten um die Biografien von führenden deutschen Historikern während der NS-Zeit ging – wie Theodor Schieder, Werner Conze und Otto Brunner –, keine Rolle spielte. Nicht erst, aber verschärft seit diesem Historikertag sind die Lebensläufe und produzierten Ideologeme sowie die Tätigkeiten von Historikern und anderen Wissenschaftlern im Nationalsozialismus Gegenstand vielfältiger Forschungen. Dabei hätte Benz allen Grund nachzuhaken: Er selbst hat 1976 für einen dieser nun konsequent zu kritisierenden Historiker einen Gedächtnisband mit ediert: Wolfgang Benz/Hermann Graml (Hg.) (1976): Aspekte deutscher Außenpolitik im 20. Jahrhundert. Aufsätze Hans Rothfels zum Gedächtnis, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt. Interessant ist u.a. – zumal angesichts der Tatsache, dass Benz heute Antisemitismusforscher ist –, dass der Großmufti von Jerusalem Hajj Amin al-Husseini gänzlich positiv und als Retter der Araber vorgestellt wird, ohne dass von seinem Antisemitismus die Rede wäre; siehe Alexandre Kum’a N’dumbe III (1976): Pläne zu einer nationalsozialistischen Kolonialherrschaft in Afrika, in: ebd., S. 165-192, hier: S. 170. Heute vertritt N’dumbe III die These, es sei ein „Genozid“, wenn an afrikanischen Universitäten auf Englisch unterrichtet wird: http://clemensheni.wordpress.com/2009/09/07/arabophile-ausstellung/
(6) Siehe die Tabula Gratulatoria in Ferdinand Seibt (1983): Die böhmischen Länder zwischen Ost und West. Festschrift für Karl Bosl zum 75. Geburtstag, München/Wien: R. Oldenbourg Verlag, S. IX-XVI. Wiesemann hat bei Bosl promoviert; in der Festschrift zum 70. Geburtstag ist er jedoch nicht vertreten, auch nicht bei den Ehrungen zum 75. oder 80. Geburtstag von Bosl. Siehe Zeitschrift für Bayerische Landesgeschichte, Band 41, Heft 2/3, 1978, „Die in diesem Band vereinigten Aufsätze widmen die Autoren Karl Bosl zum 70. Geburtstag“.
Ein fachgeschichtlich ausgerichteter Artikel geht kurz auf Bosl ein, ohne jedoch dessen NS-Vergangenheit in den Blick zu nehmen, obwohl Bosl im NS promoviert und habilitiert hat; siehe Klaus Schreinber (1989): Wissenschaft von der Geschichte des Mittelalters nach 1945. Kontinuitäten und Diskontinuitäten der Mittelalterforschung im geteilten Deutschland, in: Ernst Schulin (Hg.): Deutsche Geschichtswissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg. Unter Mitarbeit von Elisabeth Müller-Luckner, München: R. Oldenbourg Verlag, S. 87-146, hier S. 108f. bzw. 130-134.
(7) „Wolfgang Benz wurde am 9. Juni 1941 in Ellwangen geboren. Der Vater war Arzt und als Katholik Gegner der Nationalsozialisten. Er wuchs in Aalen auf und machte am Schubart Gymnasium das Abitur. Danach studierte er Geschichte, Politologie und Kunstgeschichte in Frankfurt/Main, Kiel sowie München und schrieb nebenher für die Ellwanger ‚Ipf- und Jagstzeitung‘. 1968 folgte die Promotion in München bei Karl Bosl mit einer Analyse über Süddeutschland in der Weimarer Zeit.“ http://www.ostalbmap.de/sixcms/media.php/26/PM
459_2009Einladung-Benz.pdf (abgerufen am 10.01.2010) Die Formulierung „als Katholik Gegner der Nationalsozialisten“ ist abwegig, da damit doch suggeriert wird, Katholiken seien häufig, oft oder gar per se „Gegner der Nationalsozialisten“ gewesen. Dieser Ankündigungstext scheint zudem einfach aus dem bekannten Munzinger-Archiv herauskopiert worden zu sein. Auch der dort zu findende Beitrag zu Karl Bosl ist lückenhaft; vgl. http://www.munzinger.de (abgerufen am 08.01.2010). Zu einer exemplarischen Analyse von Katholizismus, Antisemitismus und Nationalsozialismus siehe Clemens Heni (2009): Neudeutscher Antihumanismus, Antiliberalismus und Antisemitismus vor, während und nach dem Nationalsozialismus: Wenig bekannte Quellen des katholischen Bundes Neudeutschland, in: ders. (2009a): Antisemitismus und Deutschland. Vorstudien zur Ideologiekritik einer innigen Beziehung, Morrisville (NC): lulu Verlag, S. 106-178.
(8) Bernd-A. Rusinek (2000): „Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte“ – Ein Forschungsprojekt des „Ahnenerbe“ der SS 1937 – 1945, in: Albrecht Lehmann/Klaus Schriewer (Hg.) (2000): Der Wald – Ein deutscher Mythos? Perspektiven eines Kulturthemas, Berlin/Hamburg: Dietrich Reimer Verlag, S. 300. Um in diese Kategorie zu fallen, mussten zwei der folgenden Kategorien erfüllt sein: „1.) NSDAP-Mitglied; 2.) SS-Angehöriger, 3.) wissenschaftlicher Ahnenerbe-Mitarbeiter; 4.) publizistisch im nationalsozialistischen Sinne ausgewiesen, so etwa durch Beiträge in der Zeitschrift ‚Germanien‘; 5.) Mitarbeiter des SD; 6.) Protegiert von ausgesprochen nationalsozialistischen Groß-Ordinairen; 7.) Protegiert von Himmler oder Göring persönlich; 8.) ‚Alter Kämpfer‘.“ (Rusinek 2000: 300). Auf Bosl trafen die beiden Kriterien 1.) und 6.) zu, „gegen Kriegsende kam das Kriterium 4.) hinzu“ (ebd.: 300, Anm. 106).
(9) Rusinek 2000, S. 267-363, hier S. 348.
(10) Rusinek 2000: 348.
(11) Rusinek 2000: 349.
(12) Rusinek 2000: 346.
(13) Der Beitrag heißt „Forsthoheit als Grundlage der Landeshoheit in Baiern. Die Diplome Friedrich Barbarossas von 1156 und Heinrichs VI. von 1194 für das Augustinerchorherrenstift Berchtesgaden. Ein Beitrag zur Verfassungs-, Siedlungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte des bayerischen Alpenlandes“ (zitiert nach Rusinek 2000: 349).
(14) Rusinek 2000: 349f.
(15) Karl Bosl (Hg.) (1963): Bohemia. Jahrbuch des Collegium Carolinum. Band 4, München: Verlag Robert Lerche; Karl Bosl (1963a): Zum 80. Geburtstag von Prof. Theodor Mayer, dem 1. Vorsitzenden des Collegium Carolinum, in: ebd., S. 9-15. Bosl rechtfertigt hier die historischen Tagungen der NS-Historiker: „Unter dem Motto ‚Einsatz der Geisteswissenschaften im Krieg‘ gelang es dem Präsidenten in schwerster Zeit, in der sonst Klio als Wissenschaft schweigt, jedoch in geschichtemachendem Sturm durch die Völker rast, die deutschen Mediävisten und Rechtshistoriker zu gemeinsamen Tagungen zusammenzuführen, auf denen kein Wort ‚historische Politik‘ gesprochen, aber genau so wie auf Mainau und Reichenau in höchstem Ernst mit den Problemen des deutschen Mittelalters gerungen wurde. Ich denke an Magdeburg, wo eine das Dritte Reich so erregende Frage wie die der germanischen Kontinuität in scharfer Diskussion und mit größter Sachlichkeit erörtert wurde, sodaß einer der Hauptredner und Hauptkritiker von damals, Hermann Aubin, die Ergebnisse noch 1945 in einem großen Aufsatz ohne Streichung veröffentlichen konnte.“ (ebd.: 12) Bosl rechtfertigt damit auch die Tagung von Januar 1945 im Geburtshaus des „Führers“.
(16) Karl Bosl (1990/1996): Karl Bosl. Eine Bibliographie. Haus der Bayerischen Geschichte. Materialien zur Bayerischen Geschichte und Kultur 3/96, Augsburg: Bayerische Staatskanzlei. Haus der Bayerischen Geschichte, S. 19, Herv. C.H.
(17) Vgl. Rusinek 2000: 347. Quelle: „BAB, NS 21-336: Studienrat Dr. Karl Bosl an Ahnenerbe, undat. (April 1942)“ (ebd., Anm. 281).
(18) Vgl. zu von Müller und Schieder: Götz Aly (1999): Theodor Schieder, Werner Conze oder Die Vorstufen der physischen Vernichtung, in: Winfried Schulze/Otto Gerhard Oexle (Hg.) (1999): Deutsche Historiker im Nationalsozialismus, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 163-182, hier S. 167. Zur Diskussion über Historiker im Nationalsozialismus und das Schweigen oder Affirmieren danach siehe auch Rüdiger Hohls/Konrad H. Jarausch (Hg.) (2000): Versäumte Fragen. Deutscher Historiker im Schatten des Nationalsozialismus. Unter Mitarbeit von Torsten Bathmann, Jens Hacke, Julia Schäfer und Marcel Steinbach-Reimann, Stuttgart/München: Deutsche Verlags-Anstalt.
(19) Peter Schöttler (1997/1999): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945. Einleitende Bemerkungen, in: ders. (Hg.) (1999): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918-1945, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, S. 7-30, hier S. 25, Anm. 26.
(20) http://www.witikobund.de/html/schriften.HTM (abgerufen am 15.01.2010). Das Wirken von Karl Bosl nach 1945 harrt weiter seiner kritischen Analyse. Der Witikobund jedenfalls, für den er 1964 schrieb, wurde bis 1967 vom Bundesministerium des Innern als „rechtsextrem“ eingestuft (vgl. http://www.klick-nach-rechts.de/gegen-rechts/2001/04/witiko02.htm (abgerufen am 15.01.2010), sprich: Benz promovierte nicht nur bei einem alten Nazi, vielmehr auch bei einem aktiven Rechtsextremisten in der Bundesrepublik.
(21) Friedrich Prinz (1993): Bayerns Besonderheit. Historiker mit Humor und große Figur: Zum Tode von Karl Bosl, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 20.01.1993. Genauso lobhudelnd der Nachruf in der NZZ von Peter Blickle (1993): Das unruhige Mittelalter. Zum Tod des Historikers Karl Bosl, in: Neue Zürcher Zeitung, 21.01.1993. Eine weitere, den aktiven Nationalsozialismus Bosls komplett derealisierende Huldigung, welche die von „Karl Alexander von Müller betreute[]“ Dissertation Bosls feiert, von Eberhard Weis (1993): Karl Bosl 11.11.1908-18.1.1993, in: Bayerische Akademie der Wissenschaften. Jahrbuch 1993, München: Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, S. 246-252, hier S. 257. Ausführlich und ebenso affirmativ der Nachruf der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Wilhelm Störmer (1994): Nachrufe: Karl Bosl (1908-1993), in: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte. Herausgegeben von der Kommission für bayerische Landesgeschichte bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in Verbindung mit der Gesellschaft für fränkische Geschichte und der Schwäbischen Forschungsgemeinschaft, Band 57, S. 171-176. Hier wird auch die internationale Bedeutung von Bosl deutlich, dem als „verehrte[r] Vaterfigur“ geschmeichelt wird: „Zahlreich sind die Ehrungen, die Karl Bosl erfahren hat. Er war Mitglied angesehener Gesellschaften, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, der Britischen Akademie der Wissenschaften in London, der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien, der Medieval Academy of America (Cambridge/Mass.), der Europäischen Akademie der Geschichte in Brüssel; er erhielt eine Rose-Morgan-Professur an der Universität Lawrence/Kansas (USA) und eine Carl-Schurz-Professur an der Universität Madison/Wisconsin (USA). Für seine Verdienste wurde er auch im öffentlichen Bereich hoch geehrt, so mit der Lodgman-von-Auen-Medaille, der Adalbert-Stifter-Medaille, dem Großen Kulturpreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft, dem Kulturpreis des Bayerwaldes, dem Bayerischen Verdienstorden, dem Großen Bundesverdienstkreuz, 1983 mit dem Preis der Bayerischen Volksstiftung, 1984 mit dem Bayerischen Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst, Abteilung Wissenschaft, 1985 mit der Bayerischen Verfassungsmedaille in Gold. Es versteht sich, daß der geborene Chamer 1984 auch Ehrenbürger der Stadt Cham/Opf. wurde.“ (ebd.: 175f.)
(22) Karl Bosl (1971)/1990: Bayerische Geschichte, 7., durchgesehene Auflage, München: W. Ludwig Buchverlag, S. 237 bzw. 240.
(23) Anne Christine Nagel (2005): Im Schatten des Dritten Reiches. Mittelalterforschung in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1970, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 137, Anm. 140 bzw. S. 137. „BAB“ ist die Abkürzung für: Bundesarchiv Berlin.
(24) Wolfgang Benz (1990/1994): Nachkriegsgesellschaft und Nationalsozialismus. Erinnerung, Amnesie, Abwehr, in: Dachauer Hefte Heft 6: Erinnern oder Verweigern. Das schwierige Thema Nationalsozialismus, München: Deutscher Taschenbuch Verlag, S. 12-24, hier S. 24.
(25) Diese Informationen finden sich bei Wikipedia – http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Bosl (abgerufen am 07.01.2010) – und auch in einem Kulturlexikon: Ernst Klee (2007): Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945, Frankfurt am Main: Fischer Verlag, S. 70. Bosl war auch Mitarbeiter der „Landesleitung Süd des Bundes Deutscher Osten“ (ebd.), einer nationalsozialistischen Organisation, welche „die Grundsätze der nat.-soz. Volkstumspolitik“ vertrat (vgl. Meyers Lexikon, 8. Auflage, 2. Band, Leipzig 1937, S. 291); diese Position hatte er von 1935–1938 inne; vgl. Rusinek 2000: 346, der zusätzlich anführt, dass Bosl „ab 1939 Kreisverbandsleiter des Reichskolonialbundes Ansbach“ war (ebd.).
(26) Gudrun Traumann (1971): Journalistik in der DDR. Sozialistische Journalistik und Journalistenausbildung an der Karl-Marx-Universität Leipzig, München-Pullach/Berlin: Verlag Dokumentation.
(27) Das ZfA und sein Leiter Benz setzen Antisemitismus und „Islamkritik“ gleich, siehe den Text von Benz in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Januar 2010: „Das Feindbild “Westen” im arabischen Kulturkreis wird von Populisten im Westen mit dem Feindbild “Islam” erwidert. Es folgt den gleichen Konstruktionsprinzipien“ (http://www.sueddeutsche.de/politik/837/499119/text/print.html abgerufen am 14.01.2010). Das ist eine Gleichsetzung.
(28) Benz erwähnte in der Einleitung zu dieser ZfA-Konferenz, es habe auch „eine Frau Doktor Euter oder so“ protestiert. Benz könnte sich seriös mit Kritikern befassen und Autoren beim richtigen Namen nennen, statt sich über Internet-Blogger lustig zu machen. Zur Kritik an der ZfA-Konferenz siehe den Text von Gudrun Eussner: „Konferenz Feindbild Muslim – Feindbild Jude. Ein Skandal“, http://www.eussner.net/artikel_2008-12-06_16-02-31.html (abgerufen am 09.01.2010).
(29) Während die Waffen-SS die Juden im Holocaust vernichtete, war Bosl beim „Ahnenerbe“ der SS beschäftigt, ja, er hat seine von der SS bezahlte (!) Forschung gar nach 1945 verwendet, als einer von ganz wenigen aus diesem Projekt, wie Rusinek abschließend hervor- und zumal auf die sprachlichen Veränderungen bei Bosl abhebt sowie decodiert, wie Bosl NS-Ideologie in die BRD hinüberschleppt, lediglich sprachlich verändert: „Deutlich sind die Ansätze des ‚Wald und Baum‘-Projekts zu spüren, wenn Bosl 1949 vom ‚Forstbegriff‘ aus die faktische und verfassungsrechtliche berchtesgadnische Landeshoheit entwickelte oder über den Zusammenhang von Wald, Rodung und Volk schrieb: ‚Neben anderen Ursachen hat also der Wald- und Rodungscharakter unseres Landes entscheidend die verfassungsgeschichtliche Entwicklung der Deutschen beeinflusst, er hat aber auch irgendwie den Typ unseres Volkstums geprägt, indem er den freien Rodungsbauern entstehen ließ, ein kerniges Waldbauerntum, abgehärtet, gesund, kinderreich, aber auch frei, ja eigenbrötlerisch in seiner Gesinnung, stolz auf sein altes, hergekommenes Recht und unerbittlich zäh, ja halsstarrig im Kampf um dasselbe.’ Es ist nicht zuviel spekuliert, wenn wir annehmen, daß der Begriff ‚Rasse‘ als historische Basalkategorie des ‚Wald und Baum‘-Projekts elidiert und durch die eher schwebenden Relationen ‚neben anderen Ursachen‘ und ‚aber auch irgendwie den Typ unseres Volkstums geprägt‘ ersetzt wurde.“ (Rusinek 2000: 350) Bosls verwendete seine Forschung bei der SS für einen Aufsatz im Jahr 1949; siehe ebd.: 349.