Spitzenforschung am Bodensee

Spitzenforschung am Bodensee

Zustimmung zu suicide bombing kann böse gemeint sein, muss es aber nicht…

Die Proteste gegen das Infrastrukturprojekt Stuttgart 21 mögen anzeigen, dass viele Schwaben, die derzeit Bäume umklammern und heulen sowie einen präfaschistischen Bahnhof schützen und dessen „Führer“-treuen Architekten, der er ab 1933 war, verehren, nicht ganz knusprig sind. Dabei wird übersehen, dass im Ländle echte Spitzenforschung betrieben wird, jedenfalls aus Sicht der Protagonisten.  Nehmen wir die Antisemitismusforschung in Konstanz am Bodensee.

Die Welt ist besessen vom Judenstaat und vor allem sehr aktiv, ihn zu destabilisieren und zu isolieren.

Manche Mainstream-Forscher, welche seit Jahrzehnten als Professor für Frieden auf der Welt aktiv und zudem sicher (in der Selbstwahrnehmung) pro-israelisch sind, erarbeiten Studien, die es in sich haben.

Nun: natürlich sind die Deutschen seit dem 8. Mai 1945 große Friedensfreunde. Seither wissen sie, dass jeder größere Krieg irgendwie fies ist und Deutschland eh verliert (vom Sieg im eigentlichen Krieg gegen die Juden mal abgesehen).

„Wir sind ein friedliches Elternhaus und wenn du das immer noch nicht kapiert hast, schlag ich dir den Schädel ein“, sagte einmal ein Kabarettist, deutsche (oft christliche, heute kommt hinzu: muslimische) Alltäglichkeiten betrachtend.

Also entwickelte sich nach dem Nationalsozialismus eine Sehnsucht nach Frieden.

Es gibt sogar „Friedensjournalismus“, die Begründer sind offenbar Johan Galtung, ein Norweger, und Wilhelm Kempf, ein in Konstanz am Bodensee forschender Österreicher.

Während Kempf in den 1980er Jahren sich vornehmlich mit „US-Propaganda“ in Mittelamerika befasste („Nicaragua“, später dann mit der New World Order etc.)[i], liegt ihm seit neuestem Israel am Herzen. So hat Kempf im Juni 2009 in der irischen Hauptstadt Dublin auf einem Jahreskongreß der International Society for Political Psychology über Antisemitismus und Israelkritik gesprochen („Israelkritik und moderner Antisemitismus“).[ii]

Seinen Text hat er, umgearbeitet, 2010 noch einmal publiziert.[iii] Darin heißt es wie schon 2009:

„The same holds even for the statement in example No. 6 (“The Palestinian suicide attacks are an appropriate means to combat Israel”), which takes sides with the Palestinians and involves military logic, but as long as it is not associated with the denial of Israel’s right of existence, its acceptance does not necessarily embody any anti-Semitic content.“ (Hervorhebung von Kempf)

Wer also dem Satz „Die palästinensischen Selbstmordanschläge sind ein angemessenes Mittel um Israel zu bekämpfen“ zustimmt, unterstützt damit laut Kempf „nicht notwendigerweise“ einen „antisemitischen Inhalt“, „solange dies“ „nicht verbunden ist mit der Ablehnung von Israels Existenzrecht“.

Das klingt akademisch und hoch differenziert.

Was würden die zerfetzten Juden dazu sagen?

Sarkastisch gefragt: Sind Judenmord und die Zustimmung dazu tatsächlich mit einem „antisemitischen Inhalt“ direkt verbunden?

Zum nächsten Zitat des Wissenschaftlers:

„A statement like in example No. 7 (“What the Israelis do to the Palestinians resembles what the Nazis did to the Jews”) may result from a Peace Frame and aim at warning Israel not to abandon the high moral standards of Jewish culture, or it may result from a pro Palestinian War Frame and aim at delegitimizing Israel, or it may result from secondary anti-Semitism and aim at trivializing the Holocaust.“

Wiederum ausgesprochen differenziert argumentiert hier der Friedensforscher. Die Aussage „Was die Israeli den Palästinensern antun ähnelt dem was die Nazis den Juden antaten“ könne demnach von Friedensbewegten (jenen, die im „Peace Frame“ zu Hause sind) freundschaftlich warnend gemeint sein, die Juden mögen doch bitte “nicht die hohen moralischen Standards der jüdischen Kultur aufgeben“; andererseits könne der Vergleich von Juden/Israeli und Nazis auch negativ gemeint sein, wenn man einen „pro-palästinensischen“ Standpunkt einnimmt („pro Palestinian War Frame“) und danach ziele, „Israel zu delegitimieren“; ein Israel-Nazi-Vergleich könne sogar drittens „von sekundärem Antisemitismus herrühren, um den Holocaust zu trivialisieren.“ Ist nicht wahr!

Wie Kempf sagt: israelische Politik und Existenz mit den Nazis und somit dem Holocaust zu vergleichen kann zwar eventuell antisemitisch gemeint sein. Genauso gut mag es als Hinweis an die Juden gesehen werden, bloß nicht „ihre hohen moralischen Standards der jüdischen Kultur“ zu beflecken.

Somit mag aus dem Vergleich von Israel mit Auschwitz eine ungeheure Hochachtung vor der jüdischen Kultur Wiens um 1900 gemeint sein, nur etwas verschroben oder umständlich formuliert.

Wenn Palästinenser Juden im suicide bombing ermorden, kann das und die Zustimmung dazu antisemitisch gemeint sein, sagt die Forschung, die den Mainstream repräsentiert (Kempf bezieht sich primär auf Werner Bergmann, Wolfgang Frindte, sich selbst, Klaus Holz und Moshe Zimmermann[iv]).

Aber keineswegs muss eine Zustimmung zu solchen Morden an Juden antisemitisch gemeint sein.

Man kann anschließend Israeli und Juden mit den Nazis vergleichen, gerade um Juden zu schützen, damit sie die „hohen moralischen Standards der jüdischen Kultur“ nicht vergessen.

Das ist der letzte Schrei: Antisemitismus aus Sorge um Frieden und die jüdische Kultur.

Sage noch jemand Forschung könne nicht innovativ sein.

Herausgeber dieser Spitzenforschung ist Roland Imhoff. Seine Doktorarbeit wurde von der Evangelischen Studienstiftung Villigst e.V. bezahlt. Zufällig leitete Klaus Holz dieses Studienwerk von 2000 bis 2009. Imhoff und Holz sind (wie auch Matthias Lorenz und andere) Mitglieder im Villigster Forschungsforum zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e. V. Jüngst hat Imhoff Samuel Salzborn positiv rezensiert und die Bezugnahme von Salzborn auf Holz zitiert und hervorgehoben. Nun gibt Imhoff Kempf heraus und sitzt mit ihm auf einem Panel in San Francisco.

Früher, in ganz anderem Kontext, nannte man das Seilschaften. In Wahrheit ist das heute Ausdruck von selbständigem Denken und von Kritikfähigkeit.


[i] Hier ist eine Liste von Texten von Wilhelm Kempf, alles ging demnach los mit den „mathematischen Modellen“ in der Sozialpsychologie. Sicher eine herausragende Basis auch für die Forschung zu Antisemitismus:

  • 1977. Mathematical Models for Social Psychology. New York, Wiley (mit B. Repp).
  • 1978. Konfliktlösung und Aggression. Zu den Grundlagen einer psychologischen Friedensforschung. Bern, Huber.
  • 1982. Aggression. Naturwissenschaftliche und kulturwissenschaftliche Perspektiven der Aggressionsforschung. Bern, Huber (mit R. Hilke).
  • 1990. Medienkrieg oder »Der Fall Nicaragua« Politisch-psychologische Analysen über US-Propaganda und psychologische Kriegsführung. Hamburg, Argument.
  • 1994. Manipulierte Wirklichkeiten. Medienpsychologische Untersuchungen der bundesdeutschen Presseberichterstattung im Golfkrieg. Münster, LIT.
  • 1997. Psychologie. Eine Einführung. Grundlagen, Methoden, Forschungsfelder. München, dtv (mit J. Straub und H. Werbik).
  • 1998. Krieg, Nationalismus, Rassismus und die Medien. Münster, LIT (mit I. Schmidt-Regener).
  • 2000. Konflikt und Gewalt. Münster, agenda.
  • 2001. Los Medios y la Cultura de Paz. Berlin, regener (mit S. Gutiérrez Villalobos).
  • 2002. Journalism and the New World Order. Vol. II. Studying War and the Media. Göteborg, Nordicom (mit H. Luostarinen).
  • 2003. Constructive Conflict Coverage – A Social Psychological Approach. Berlin, regener.
  • 2003-2009. Forschungsmethoden der Psychologie. Zwischen naturwissenschaftlichem Experiment und sozialwissenschaftlicher Hermeneutik. Berlin, regener.
    • Band 1: Theorie und Empirie (2003).
    • Band 2: Quantität und Qualität (2008).
    • Band 3: Natur und Kultur (2009, mit M. Kiefer).
  • 2008. The Peace Journalism Controversy. Berlin, regener.
  • 2010. Readings in Peace Journalism. Foundations – Studies – Perspectives. Berlin, regener.

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Kempf_%28Psychologe%29 (14.10.2010).

[ii] Kempf bedankt sich u.a. bei dem ‚Kommunikationspsychologen‘ Wolfgang Frindte für die empirische Basis für seine Analyse, sprich: für Umfrageergebnisse. http://www2.uni-jena.de/svw/instpsy/abteilungen/kompsy.html (14.10.2010).

[iii] http://www.cco.regener-online.de/2010_1/pdf/kempf-2010.pdf (14.10.2010). Zur Kritik an der ersten (sehr ähnlichen) Version siehe meine Kritik vom 9. November 2009: http://clemensheni.wordpress.com/2009/11/09/suicide-bombing-is-not-necessarily-antisemitic/ (14.10.2010).

[iv] Siehe die kurz gehaltene Literaturliste hier http://www.cco.regener-online.de/2010_1/pdf/kempf-2010.pdf (14.10.2010).

Dieser Beitrag wurde unter Uncategorized veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.