Offener Brief an Stop the Bomb und Mideast Freedom Forum Berlin

Offener Brief an Stop the Bomb und

Mideast Freedom Forum Berlin

Wo bleibt die Kritik am Antisemitismus?

Auf einer Konferenz zu Iran Ende November in Berlin wird u.a. auch die tschechische Politikerin Jana Hybášková auftreten, wie die Gruppen „Stop the Bomb“ bzw. das verschwisterte „Mideast Freedom Forum Berlin“ bekannt gaben.

Nun ist es von großer Bedeutung, gegen das iranische Atomprogramm aktiv zu werden, die „Iranian Threat“ wahr- und ernst nehmen, um sie adäquat zu bekämpfen. Bei den Vorträgen auf dieser Konferenz „Time to act“ fehlen jedoch den Vortragstiteln zu folgen, klare Kritikpunkte. Keiner der Referenten spricht explizit über Antisemitismus oder Antizionismus, islamischen in diesem Fall. Das mag zwar sicher in einigen Vorträgen dann vorkommen, aber warum nicht schon im Titel andeuten, dass es hier um den antizionistischen Antisemitismus geht? Wäre das zu wenig publicityträchtig oder würde es die Breite der Kampagne schmälern? Warum tauchen die wichtigen Begriffe Antisemitismus und Antizionismus oder Israelhass erst gar nicht auf?

Das ist das eine.

Etwas nur vordergründig anderes ist nun Frau Hybášková, die auch auf der Konferenz reden wird. Sie wird nun in einem Programm-Update als tolle neueste Referentin angepriesen. Frau Hybášková ist eine der führenden Verfechter der Gleichsetzung von Stalinismus und Nationalsozialismus, namentlich die Prague Declaration vom 3. Juni 2008 unterzeichnete sie als „Gründungsunterstützerin“. Sie zählt also zum harten Kern der Protagonisten der Prague Declaration. Was ist die Prague Declaration?

Die Prague Declaration geht auf die Initiative baltischer Staaten zurück, insbesondere Litauens. Dort soll die Erinnerung an den Holocaust weggewischt werden und die Zeit unter sowjetischer Besatzung als genauso schlimm dargestellt werden, wie unter den Deutschen. In Wirklichkeit jedoch wurden in keinem Land prozentual so viele Juden in der Shoah ermordet wie in Litauen. 95% der dortigen Juden wurden ermordet. Viele freiwillige Helfer waren Litauer, wie u.a. der Historiker Knut Stang schon vor Jahren (1996) auch für Interessierte auf Deutsch publizierte. Litauen geht so weit in seinem staatlichen Antisemitismus, dass gar ehemalige jüdische Partisaninnen, welche selbstredend unter dem Schutz der Roten Armee gegen die Deutschen gekämpft haben, heute wegen „Kriegsverbrechen“ angeklagt werden, wie Dr. Rachel Margolis.

Die Prague Declaration möchte den 23. August (1939, als der „Hitler-Stalin-Pakt“ geschlossen wurde) als europaweiten „Gedenktag“ etablieren und gesetzlich festlegen lassen, so wie der 27. Januar der internationale Holocaust-Gedenktag ist, der Tag, an dem niemand sonst als die sowjetische Rote Armee das KZ – und Vernichtungslager Auschwitz und einige wenige tausend Überlebende befreite.

Der Antisemitismus der Prague Declaration besteht darin, die präzedenzlosen Verbrechen der Deutschen und ihrer Helfer wie den Litauern mit der Zeit unter der Herrschaft der Sowjetunion gleich zu setzen. Der Historiker Stang listet allein einige hundert litauische Mitglieder von sieben Kompanien auf, welche 1941 im „Rollkommando Hamann“ an Massenerschießungen von Juden auf dem Land in der Gegend von Kaunas und Paneriai in Litauen beteiligt waren, wobei ca. 70.000 Juden zwischen dem 7.7.1941 und dem 2.10.1941 ermordet wurden.

Frau Hybášková unterstützt den sekundären Antisemitismus, der die Erinnerung an die Shoah verblassen lässt und die Gleichsetzung der präzedenzlosen Verbrechen mit der Zeit der Besatzung Litauens bzw. des Baltikums durch die Sowjetunion bzw. der Geschichte des Ostblocks insgesamt betreibt.

Der Yiddish-Professor Dovid Katz aus Vilnius bezeichnet die Prague Declaration eine „Deklaration der Schande“, das Simon Wiesenthal Center hat mehrfach öffentlich gegen diese Deklaration Stellung bezogen und auch Philosophen und Historiker wie Prof. Leonidas Donskis aus Litauen oder Prof. Yehuda Bauer aus Israel haben sich dezidiert gegen die unerträgliche, antikommunistisch und antisemitisch gleichermaßen motivierte Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Stalinismus in der Prague Declaration gewandt.

Vor diesem Hintergrund ist es schwer verständlich, warum eine Unterstützerin einer so furchterregenden Deklaration wie der Prague Declaration, Frau Hybášková, auf einer vorgeblich kritischen Konferenz über Iran – und ja wohl irgendwie auch über Iran’s Antisemitismus – auftreten soll.

Geht es blindlings nur um „deutsch-iranische Wirtschaftsbeziehungen“ und keine Ideologiekritik des Jihad sowie des sekundären Antisemitismus mehr, von einer Analyse und Kritik der „Holocaust-Vernebelung“ (Holocaust Obfuscation), wie es Prof. Dovid Katz nennt und wie es auch von John Mann, Politiker und Parlamentarier aus Großbritannien, sowie von Dr. Efraim Zuroff und Dr. Shimon Samuels vom Simon Wiesenthal Center gesehen wird, ganz zu schweigen?

Wer sich ein wenig in Osteuropa auskennt und dortige Kritiker des Antisemitismus befragt, weiß, dass in gewissen Kreisen (und Frau Hybášková mag symptomatisch für diese Tendenz stehen, sie ist Jg. 1965) eine gleichsam merkwürdige Unterstützung für die Juden in Israel vorherrscht, bei gleichzeitiger Abscheu vor den Juden in Osteuropa (selbst wenn sie heute in Israel leben), denen „Kommunismus“ vorgeworfen wird.

Der sogenannte „antitotalitäre Konsens“, sprich: die antisemitisch und antikommunistisch motivierte Gleichsetzung entgegen gesetzter Gesellschaftssysteme wie Nationalsozialismus und Stalinismus, ist so gemeingefährlich wie weit verbreitet. Dabei war der Antisemitismus/Antizionismus der Sowjetunion schrecklich genug, doch um Kritik geht es den Propagandisten der Prague Declaration nicht, es geht um Ressentiment gegen die Erinnerung an  die präzedenzlosen Verbrechen der Deutschen und um ein pures, aggressives Ressentiment gegen Kommunismus an und für sich.

Wie kommt es, dass eine Politikerin wie Jana Hybášková den europäischen Antisemitismus stärkt, indem sie die Prague Declaration aktiv unterstützt, und gleichzeitig nach Berlin zu dieser Konferenz eingeladen wird, nur weil sie evtl. etwas zu Iran macht? Wurde mit dieser Frau im Vorfeld überhaupt nicht über die verschiedenen Facetten des heutigen Antisemitismus (sekundärer Antisemitismus, z. B., in der Prague Declaration; islamischer Antisemitismus; rechtsextremer Antisemitismus in Osteuropa, um nur einige wichtige zu nennen) geredet?

Werden hier in gleichsam alt-linker Manier Haupt- und Nebenwidersprüche konzipiert? Sprich: wer irgendetwas gegen Iran sagt, ist mein Freund, ob die gleiche Person ansonsten den Holocaust verharmlost und andere Formen des Antisemitismus unterstützt, ist nicht das Thema?

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