Özgida – eine antirassistische Antwort auf Pegida

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Pegida – »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« – spiegelt exakt die schwarzrotgoldenen Fahnenmeere vom Sommer 2006 und Sommer 2014 wider: deutscher Nationalismus im 21. Jahrhundert, der zwischen Günther Jauch, Jogi Löw, Thomas Müller und Lutz Bachmann, dem Macher der Dresdener Pegida Aufmärsche, hin und her pendelt. Symbol der Aufmärsche ist die schwarzrotgoldene Fahne. Bis zum 9. November 1989 Symbol der Ewiggestrigen und Neonazis aller Schattierungen, hat die Fahne mitsamt dem Liedgut eine steile Karriere hinter sich.

 

Die offenen Nazis wie die HoGeSa – »Hooligans gegen Salafisten« – werden durch die Biederfrauen- und männer flankiert. Eine neue deutsche Volksgemeinschaft, deren Gründungsdaten einerseits der 9. November 1989, andererseits der Sommer 2006 waren, als das »nationale Apriori« sich bis zur Kenntlichkeit zeigte, in allen Teilen der Gesellschaft in der Bundesrepublik.

 

Kernpunkt von Pegida, Dügida (»Düsseldorf gegen die Islamisierung des Abendlandes«) und HoGeSa und ihren jeweiligen Ablegern ist Folgendes: sie finden Islamismus, Gewalt und Propaganda keineswegs problematisch, aber bitte nicht in »unserem« Land bzw. nicht in Europa. Jeder habe sich den jeweiligen »Sitten« des »Gastlandes« anzupassen, so »wie wir uns in Ägypten auch den dortigen Sitten anpassen«.

 

Das Neue und womöglich Gefährliche an Pegida ist der Massencharakter. Organisiert u.a. von typisch DDR-Sozialisierten, eigentlich nicht sehr christlichen Personen und auch nicht von Odin-statt-Jesus geprägten Neuen Rechten und Heiden, inszenieren sie sich vor allem in Dresden und im Osten als Revival des nationalen Aufbruchs von 1989. Sie propagieren »wir sind EIN Volk« und wollen die Rede von »Ossis und Wessis« hinter sich lassen, wie es in Dresden auf einer der Kundgebungen hieß. Wer hier »essen« wolle, müsse »Deutsch sprechen« können, hieß es ernsthaft in Dresden auf einer Pegida-Kundgebung. Danach müssten weite Teile Bayerns am Hungertuch nagen.

 

Doch Späße mit CSU-Leitanträgen mag die Wochenzeitung Die Zeit gar nicht. Ihr Redakteur für Politik, Lenz Jacobsen, sieht »echte Gefühle« bei den »Demonstranten« von Pegida und attackiert die Antifa und andere scharfe Kritiker der extrem rechten Aufmärsche ganz unverhohlen:

 

Ein Teil der Öffentlichkeit, der selbstgefällig-linke, spottet über die Gefühle. Diese ängstlichen ostdeutschen Idioten, kommen einfach nicht klar mit Veränderung! Ein großer Spaß ist das auf Twitter und auf den Gegendemonstrationen. Die Antifa ist auch dabei und beschimpft wie immer alles rechts von sich als Nazis.

 

Wie ein Redakteur einer angesehenen Zeitung sich dazu versteigen kann, die Antifa zu diffamieren und zu insinuieren, sie würde alles was »rechts« von ihr steht, als »Nazi« bezeichnen? Nun, da mag womöglich ein Einverständnis mit der schwarzrotgoldenen Grundausrichtung von Pegida vorherrschend sein.

Pegida ist in der Tat taktisch sehr geschickt, sie holen die Leute da ab wo sie stehen oder liegen: direkt neben einer Thomas-Müller-Bettdecke oder einer Deutschlandfahne, die in allen denkbaren Größen Hunderttausende, wenn nicht Millionen noch aus WM-Wahn-Zeiten im Hause, am Haus, am Balkon, auf dem (Dixi-)Klo, im Auto, am Kinderwagen oder am Fahrradhelm haben. Das ist eindeutig massenkompatibler als HoGeSa mit ihrem offenen Hooliganismus und »Kategorie C«-Neonazismus, wobei deren Randale mit 5000 Neonazis, Hooligans und anderen schon gefährlich genug sind. Deutsche laufen aufrecht und stramm, nicht so wie Argentinier oder x-beliebige andere Ausländer, das weiß die Welt seit die WM-Feier am Brandenburger Tor so ablief, wie sie ablief. Im Notfall spielt die Polizei Helene Fischer um die Volksgemeinschaft zu verinnerlichen und weniger materiellen Schaden an eigenen Fahrzeugen zu nehmen.

 

Was weder der Zeit-Redakteur noch selbsternannte »Islamkritiker« verstehen: es geht um Ideologiekritik. Wer sich islamistischer Ideologie entgegenstellen will, muss das weltweit tun und nicht von »Traditionen«, »Gastgebern« und »Sitten« sprechen, die jeweils zu schätzen seien. Islamismus ist in Indonesien eine genauso große Gefahr für Muslime und andere wie in Frankreich oder Syrien. Es ist bezeichnend für den deutschen Rassismus, dass in Sachsen, wo so wenige »Nicht-Biodeutsche« leben wie kaum sonstwo in Westeuropa, besonders gegen Nicht-Deutsche agitiert wird. Es geht gar nicht gegen Islamismus an sich, es geht gegen Muslime in Sachsen und Deutschland. Dass passt haargenau zur Neuen Rechten, wie wir sie von ihrem Vordenker Henning Eichberg seit den frühen 1970er Jahren kennen. Die neu-rechte Ideologie des »Ethnopluralismus« meint genau dieses Nebeneinanderherleben von »Kulturen«, im Nahen Osten die islamische, in Europa die christliche etc. etc.

 

Leider hat man auch in der Pro-Israel-Szene mitunter das Gefühl, manche wollten nur gegen »den« Islam agitieren, nicht zwischen Islam als Glaube und Islamismus als Ideologie unterscheiden, wie es führende Islamforscher weltweit seit Jahrzehnten fordern.

Mehr noch: So nennt der Journalist Stefan Frank in einem Blogbeitrag Morde von Muslimen und Islamisten an Juden eine »zweite Shoah«:

A New Shoah, so lautet der Titel des wichtigen Buchs, das der italienische Journalist Giulio Meotti vor fünf Jahren über die Opfer dieses Völkermords veröffentlicht hat. Zu widersprechen ist ihm in einem Punkt: Diese Shoah ist nicht neu. Die Fatah mordet seit über einem halben Jahrhundert, in den 1940er Jahren gab es die Massaker der Fedayin, seit 1931 die Bombenanschläge der Gruppe von Izz ad-Din al-Qassam und davor seit Jahrhunderten Pogrome. Statt von einer »neuen« sollte also besser von einer zweiten Shoah gesprochen werden.

Dabei finde diese »zweite Shoah« also nicht nur heute statt, nein, schon Massaker wie jenes von 1929 in Hebron oder Morde an Juden in den letzten Jahrhunderten (wie 1840) seien Ausdruck dieser »zweiten Shoah«. Eine zweite Shoah vor der ersten? Geht es noch grotesker und absurder oder perfider? Eichmann als Nachahmer des muslimischen Judenhasses des 19. Jh. oder schon zuvor? Hier geht es in reaktionärer, unkritischer Diktion um eine Ontologisierung des islamischen Antisemitismus, bar jeder spezifischen Ideologiekritik des Islamismus als politischer Massenbewegung seit dem 20. Jahrhundert (nehmen wir die Gründung der Muslimbrüder 1928 durch Hasan al-Banna zum Ausgangspunkt). Der Nationalsozialismus und der Holocaust werden klein geredet und in ihrer Spezifik derealisiert, Auschwitz erscheint in einem Kontinuum muslimischen Judenhasses. Wie soll man so ein geistiges Wahngebäude bezeichnen, das von einer zweiten Shoah daher redet, ohne einmal innezuhalten und sich die Differenz ums Ganze zwischen Pogromen, Morden und Massakern in früherer Zeit und der industriellen Produktion von Toten im Holocaust zu vergegenwärtigen?

Dabei ist es grundsätzlich nicht falsch, muslimischen Antisemitismus zu thematisieren, ja, das ist sogar ein außerordentlich wichtiges Thema. Aber so wie es Stefan Frank angeht, wird die Shoah trivialisiert und erscheint als eine Art Massaker, analog dem Mord an fünf Israeli vor wenigen Wochen in einer Synagoge in Jerusalem.

Das Dramatische ist, wie wenig Leuten aus der sog. Pro-Israel-Szene diese problematischen Aspekte des Textes von Stefan Frank auffallen, der Text wird wie reflexhaft hundertfach auf Facebook und in anderen sozialen Medien geteilt und verbreitet. Pegida wiederum setzt die UdSSR, Nazi-Deutschland, den Islam und die Antifa gleich, symbolisch werden alle vier in den Müllhaufen der Geschichte verfrachtet, was zumindest bei der Gleichsetzung von rot und braun die klammheimliche Freude des Bundespräsidenten hervorkitzeln könnte. Diese Art Gleichsetzung von Täter (Nationalsozialismus) und Opfer bzw. Befreier (UdSSR) sowie die Schuldprojektion auf die Opfer (Juden/Israel) sind typischer Bestandteil des sekundären Antisemitismus, jenes nach der Shoah. Die Gleichsetzung von rot und braun ist seit Jahren ein Sport unter Elite-Forschern von Yale bis zur Humboldt-Universität und nun auch des Mobs auf der Straße.

Pegida Supporters March In Duesseldorf AqQ4zgA(Quelle)

 

Mehr noch: die »Pro-Israel-Szene« oder wie sie sich nennen mag, hat durchaus Anschlusspunkte an Pegida und deren Umfeld. Das gilt jedenfalls vom Duktur her für einen weiteren Text eines anderen Bloggers. Der Text ist ein perfides, höhnisches Sich-Lustig-Machen über eine ermordete junge Frau, die den Mut hatte sich männlicher Gewalt entgegen zu stellen und anderen Frauen bzw. Mädchen zu helfen. Die Empathielosigkeit gegenüber einer von einem männlichen Schläger getöteten Frau ist ungeheuerlich. »Fragen« werden hier nicht gestellt, wie manche meinten, sondern gehetzt, aus purem Hass auf Muslime bzw. Deutsche mit einem türkischen Elternhaus. Mit solchen Typen und Blogs kann auch keine Kritik am Antisemitismus je reüssieren. Wir alle wissen, was los wäre, hätte ein Neonazi oder ein Muslim einen CSUler oder einen Juden erschlagen: da wäre der Aufschrei riesig, zumindest in der sich als »Pro-Israel-Szene« dünkenden Gruppe von Leuten. Nicht zu sehen, wie menschenverachtend dieser Autor auf seinem Blog hier schreibt, das ist schockierend. Leute wie dieser Blogger, die Menschen, die ermordet wurden, so verhöhnen, wollen sich als »Kritiker« gerieren? Das ist Hetze, das ist Hass und Verachtung gegenüber einer jungen Frau, die tot geschlagen wurde, weil sie sich gegen einen Mann gewehrt hat und anderen geholfen hatte, die wiederum von Männern attackiert worden waren. Der Text ist geradezu genüsslich geschrieben, der Autor genießt sichtlich sich über eine tote Muslima lustig zu machen. Und das ist so perfide, da stockt einem der Atem. »Der Tod von Tuğçe Albayrak hat auch sein Gutes, bringt Hoffnung für die Zukunft. Als Organspenderin wird sie mehrere Leben retten, darunter nicht nur reiche Ölscheichs.« So über eine tote Person zu reden, ist pure Menschenverachtung.

Das ist aber exakt der Stoff, der Pegida nährt und umgekehrt. Um eine Kritik an Herrschaft, an Antisemitismus, Islamismus und Terror geht es nicht. Im Kern geht es um eine Diffamierung »des« Islams und »der« Ausländer, die durch den Terminus »Wirtschaftsflüchtling« auf eine mainstreamkompatiblere Weise zum Abschuss freigegeben werden.

Um was es eigentlich bei der Diskussion um Islamismus und Multikulturalismus geht, hat die Aktion Dritte Welt Saar 2009 in einer Flugschrift auf den Punkt gebracht, was ich 2011 in meiner Studie »Schadenfreude. Islamforschung un Antisemitismus in Deutschland nach 9/11« zitierte:

 

Sarrazin, der ehemalige Finanzsenator der rot-roten Koalition in Berlin, spricht von ‚zwanzig Prozent der Bevölkerung, die nicht ökonomisch gebraucht werden‘ und liefert die rassistische Begleitmusik zur kapitalistischen Krise gleich mit. Dieser gefährlichen Melange aus Rassismus und Sozialdarwinismus ist entschieden entgegenzutreten. Als Ruf nach der Durchsetzung gleicher Rechte und Entfaltungsmöglichkeiten für alle hier lebenden Menschen ist die Forderung nach einer multikulturellen Gesellschaft nach wie vor berechtigt und aktuell. (…) Es geht um ein gutes Leben für ausnahmslos alle Menschen. Und es ist gerade der ‚Schmelztiegel‘ und die ‚Vermischung‘, die einen emanzipatorischen Multikulturalismus kennzeichnen. Es geht nicht um den ‚Erhalt von Kulturen‘, weder der ‚deutschen‘ noch der ‚christlichen‘, der ‚westlichen‘ oder der ‚islamischen‘. Es geht um die Verteidigung und Durchsetzung zivilisatorischer Mindeststandards wie Freiheit von Folter, gleiche Rechte und gleiche Wertschätzung für alle Menschen, um das Recht aller Menschen, weder ‚illegal‘ noch ‚überflüssig‘ zu sein, um Gleichstellung der Geschlechter und Emanzipation der Frau, Befreiung von der Herrschaft religiösen Wahns, Trennung von Staat und Religion, Befreiung aus Clanherrschaft und Patriarchat – um nur einige zu nennen. Hinter sie darf es kein Zurück geben.

Özgida, ein Supermarkt in Berlin-Schöneberg, mag als eine kleine symbolische Antwort auf Pegida dienen. Ideologiekritisch ist noch viel Arbeit nötig, um Pegida und die derzeitige politische Kultur der Bundesrepublik adäquat in Worte zu fassen.

 

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