Kann es jüdischen Antisemitismus geben? Max Blumenthal und seine westdeutschen Freundinnen in der Partei „Die Linke“

Von Dr. phil. Clemens Heni
 

In einem Text für die Tageszeitung Die Welt schreibt deren Korrespondent für Politik und Gesellschaft, Richard Herzinger, am 14.11.2014 über Antisemitismus in der Linkspartei („Wo die Linke ist, sind Israelfeinde nicht weit“). So wichtig seine Kritik am Antisemitismus ist, sie zielt vor allem auf die DDR, die in der Tat ein antiisraelisches und pro-arabisches Regime war. Nur: Herzinger verpasst die Pointe: die antiisraelischen und den Antisemitismus fördernden wie verharmlosenden Stimmen, die aus der Partei Die Linke zu hören sind, kommen nicht von Ex-DDR-Bürgerinnen, sondern von alten BRDlerinnen, Heike Hänsel, Annette Groth und Inge Höger sowie von Claudia Haydt. Herzinger müsste sich also vielmehr mit der politischen Kultur der Bundesrepublik vor 1989 und danach befassen, als nur auf die DDR sich zu kaprizieren und „den“ linken Antisemitismus.

In einem Interview mit der Bundestagsabgeordneten der Partei Die Linke Annette Groth aus Ludwigshafen in Baden-Württemberg in der Schwäbischen Zeitung steht am 13.11.2014:

Frage: Max Blumenthal vergleicht die israelische Regierung mit dem Naziregime und spricht von Judeo-Nazis, das ist ja keine Kleinigkeit.

Annette Groth: Ich lehne solche Vergleiche ab. In den letzten Jahren habe ich lernen müssen, dass die Debatte innerhalb des Judentums zum Teil sehr hart geführt wird. Bei Blumenthal allerdings habe ich solche Vergleiche bisher nicht gehört und nicht gelesen. (Herv. CH)

 

Die Politikerin Annette Groth behauptet also, der Journalist Max Blumenthal würde Israel nicht mit dem Nationalsozialismus vergleichen. Sie muss es ziemlich exakt wissen, denn sie hat ihn extra in den Deutschen Bundestag eingeladen, um über Israel zu reden. Aus der Einladung wurde nichts, da Petra Pau und Gregor Gysi ihr Veto einlegten.

Es ist lange bekannt, was Blumenthal denkt und was er geschrieben hat und vertritt. Was schreibt er in seinem Buch „Goliath: Life and Loathing in Greater Israel“ von 2013, das aus zehn Teilen und 73 „Kapiteln“ besteht und das Frau Groth kennen muss, wenn sie ihn einlädt? In einem Kapitel über den israelischen Aktivisten und Professor Yeshayahu Leibowitz zitiert er diesen zustimmend, dass man den obersten Richter am israelischen Verfassungsgericht zur damaligen Zeit, Moshe Landau, als „Nazi“ bezeichnen könne, da dieser den israelischen Inlandsgeheimdienst Shin Bet erlaubt habe, Folter anzuwenden, um aus Gefangenen Geständnisse heraus zu bekommen. Nun ist Folter etwas Fürchterliches. Viele Staaten auf der Welt wenden sie an, auch westliche. Das muss man ganz grundsätzlich verurteilen.

Max Blumenthal 2013

 

Aber warum der Vergleich mit den Nazis? Gerade Juden mit Nazis zu vergleichen ist antisemitisch, das hat die Forschung seit Jahrzehnten herausgearbeitet. Es trivialisiert den SS-Staat und projiziert die deutsche Schuld auf Juden und Israel, die nicht besser wären als der Nazi-Staat. Das entlastet auch die Deutschen, weshalb solche Vergleiche gerade in Deutschland, nicht nur bei Neonazis und Islamisten, beliebt sind. Und genau diese Art von Antisemitismus promotet und fördert Max Blumenthal in seinem Buch, indem er z.B. Leibowitz mehrfach zustimmend zitiert mit dem Ausspruch: „Es gibt Judeo-Nazis“, also jüdische Nazis in Israel. In einem anderen Kapitel wird Leibowitz mit einer Aussage von 1969 zitiert, wonach er sagte: „Konzentrationslager werden von den israelischen Herrschern errichtet werden“, was wiederum anzeigt, wie ungebildet, unhistorisch und antisemitisch dieser Mann argumentierte. Mit Kritik an dieser oder jener konkreten Politik Israels hat es nämlich nichts zu tun, Juden mit Nazis zu vergleichen.

An anderer Stelle in seinem „Reisebericht“ aus Israel, der in konfuser Weise allerlei Material zur Anklage gegen Israel sammelt, vergleicht Blumenthal afrikanische Flüchtlinge im heutigen Israel mit Juden in der Weimarer Republik und der Rolle, die letztere für die Nazi-Propaganda in der Weimarer Zeit spielten. Das zeigt nur noch einmal, wie wenig Max Blumenthal von der deutschen Geschichte weiß und was für ahistorische, groteske und Israel mit Nazis vergleichende Analogien er permanent intoniert.

Noch einmal Leibowitz, einer der (toten) Lieblingszeugen von Max Blumenthal. Leibowitz sollte Anfang der 1990er Jahre den israelischen Friedenspreis bekommen. Wenige Tage vor der Preisverleihung hielt er bei Uri Avnerys „Israeli Council for Israeli-Palestinian peace“ Gruppe einen Vortrag, wo er die israelische Eliteeinheit Sayeret Makhtal mit der „Nazi SS“ verglich – „Judeo-Nazis“. Der damalige israelische Premierminister Yitzhak Rabin, der am 4. November 1995 von einem rechtsextremen Israeli erschossen werden sollte, kritisierte Leibowitz scharf, wie auch weite Teile der Öffentlichkeit.

Für Max Blumenthal hingegen ist Leibowitz gerade auch wegen des Vergleichs einer israelischen Eliteeinheit mit der Schutzstaffel (SS) eine Art Held, er huldigt ihm, wie man im Buch lesen kann.

Diese antisemitischen Vergleiche von Juden mit Nazis sind es, die nicht nur Gregor Gysi und Petra Pau, Volker Beck und Reinhold Robbe dazu bewegt haben, einen Auftritt von Max Blumenthal und seinem Freund David Sheen im Deutschen Bundestag bzw. an der Volksbühne in Berlin zu verhindern. Doch Annette Groth verweist auf die jüdische Herkunft von Sheen und Blumenthal, demnach könnten diese nicht antisemitisch sein. Nun ist Frau Groth keine Antisemitismusforscherin, keine Historikerin des Nationalsozialismus, keine Holocaustforscherin, keine Nahost- oder Islamforscherin, keine Israelforscherin und kennt sich in der Forschung zu Zionismus, Antizionismus und Antisemitismus nicht aus. Doch wenn sie sich nicht auskennt, sollte sie sich dazu auch nicht äußern. Jüdische Antisemiten gibt es immer wieder mal, es wäre ja geradezu absurd zu meinen, Juden könnten nicht antisemitisch sein. Dazu haben herausragende Forscher zum Antisemitismus wie Professor Alvin Rosenfeld aus Indiana in USA oder Prof. Robert Wistrich aus Jerusalem publiziert. Einige wenige Juden hassen Israel genauso sehr wie die Hamas Israel hasst oder deutsche Neonazis aus Ludwigshafen, Hannover, oder Stuttgart Juden und Israel verabscheuen. Im Juli 2014 lobten deutsche Muslime öffentlich auf den Straßen Hitler und forderten dazu auf, „Juden zu vergasen“.

 

In seinem Buch geht Blumenthal auf eine polnische Aktivistin ein, die die Tatsache, dass sie eine Enkelin von polnischen Holocaustüberlebenden ist, auf geradezu perfide Weise benutzt und in Warschau gegenüber einer Stelle, wo während des Zweiten Weltkriegs das Warschauer Ghetto stand, ein Graffitto sprühte: „Befreit alle Ghettos“ – „Befreit Gaza und Palästina“. Die gleiche polnische Hetzerin war im Mai 2010 Teilnehmerin auf der sog. Gaza-Flottille, der Mavi Marmara, einem türkischen Terrorschiff, voll mit Rechtsextremen, Antisemiten aller Art, Islamisten, und den Bundestagsabgeordneten der Partei Die Linke Annette Groth und Inge Höger. Auch diese jüdisch-polnische Aktivistin aus Warschau agitiert also gegen Juden, verharmlost den Holocaust und projiziert die deutsche Schuld auf die Juden.

Blumenthal bedankt sich am Ende seines Pamphlets nicht nur bei David Sheen, sondern auch bei bekannten antisemitischen Internetseiten wie „Electronic Intifada“ oder „Mondoweiss“. Blumenthal hat gar nicht den Anspruch objektiv oder kritisch über Israel zu berichten. Er möchte eine elektronische Intifada. Wie die im realen Leben aussieht, hat Gregor Gysi auf eine ungeheuerliche Weise am Montag, den 10. November 2014, im Deutschen Bundestag, dank der Einladung an Blumenthal von Höger und Groth erleben müssen, als er von den beiden Agitatoren Blumenthal und Sheen als demokratisch gewählter Abgeordneter, der sich gegen Antisemitismus wendet und Vergleiche von Nazi-Deutschland und Israel ablehnt, im Deutschen Bundestag gleichsam gejagt wurde.

 

Anstatt nun das Linken-Bashing à la Wolf Biermann und Norbert Lammert mitzumachen, sollten Kritiker des Antisemitismus anerkennen, dass es eine klare und in dieser Form sicherlich sehr ungewöhnlich scharfe Distanzierung von dutzenden Abgeordneten von Die Linke gegenüber Annette Groth, Inge Höger, Heike Hänsel und dem Bundesvorstandsmitglied von Die Linke Claudia Haydt (auch aus der BRD) gibt. Diese bemerkenswerte Erklärung „Ihr sprecht nicht für uns“ vom 14.11.2014 zeigt den tiefen Riss innerhalb der Partei Die Linke. Sich mit diesem gegen Antisemitismus, für eine Erinnerung an die Shoah und für Israel sowie Frieden im Nahen Osten einsetzende Strömung zu befassen wäre womöglich sinnvoller als die immer alten Vorurteile gegen „die“ DDR aufzuwärmen, wie es gerade Richard Herzinger nun wieder stellvertretend für sehr viele getan hat. Die antiisraelischen und den Holocaust verharmlosenden Wortführerinnen hier und heute innerhalb der Partei Die Linke kommen aus der alten Bundesrepublik während viele Kritiker/innen des Antisemitismus innerhalb der Partei Die Linke aus der Ex-DDR kommen.

Die Linke gegen Antisemitismus

 

Wenn Annette Groth in der Schwäbischen Zeitung behauptet, Max Blumenthal würde in seinen Texten Israel nicht mit dem Nationalsozialismus vergleichen, so sagt sie entweder absichtlich nicht die Wahrheit oder kennt die Texte von Blumenthal nicht und lädt ihn trotzdem ein, damit dieser Agitator seine „elektronische Intifada“ am 9./10. November in der Bundesrepublik lostreten konnte, online wie offline.

 

Die Partei Die Linke hat nun eine historische Chance, sich von seinen den Antisemitismus befördernden Teilen zu trennen. Kritiker des Antisemitismus habe die Chance zu differenzieren und keine ahistorischen Linien von der antiisraelischen DDR hin zur gesamten heutigen Partei Die Linke zu ziehen.

 

 

Der Autor ist Redakteur der Monatszeitung Jüdische Rundschau, Berlin, zuletzt erschien von ihm „Kritische Theorie und Israel“ (2014, 177 Seiten) und „Antisemitism: A Specific Phenomenon“ (2013, 648 Seiten)

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