Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Von Walser (1998) bis Özdemir (2018): Das Seminar für Allgemeine Rhetorik der Uni Tübingen, die „Rede des Jahres“, deutscher Antisemitismus und Nationalismus

Der Autor war vom Sommersemester 1991 bis einschließlich dem Sommersemester 1996 Student an der Uni Tübingen (Philosophie, Geschichte, Empirische Kulturwissensschaft (EKW) und Politikwissenschaft) und wohnte u.a. im Annette Kade Wohnheim (sehr günstig auf 8,95 qm, plus 1qm Vorraum mit Waschbecken und einem weiteren Bücherzimmer mit 1qm), schräg gegenüber des Instituts für Politikwissenschaft, wo der alte Nazi (SS-Mann) Theodor Eschenburg noch ein Arbeitszimmer hatte. 1996 während der Goldhagen-Debatte meinte eine Kommilitonin, die “rote Uni Bremen” sei doch wohl besser für ihn und für die Uni Tübingen sei das auch besser. Und so kam es 😉

 

Im Dezember 2018 gab eine Jury des Seminars für Allgemeine Rhetorik der Eberhard Karls Universität Tübingen bekannt, dass die von ihr verliehene Auszeichnung für die „Rede des Jahres“ 2018 an den Politiker Cem Özdemir (Bündnis 90/Die Grünen) geht.[i] Seine Rede im Bundestag am 22. Februar 2018 habe sich mit „ciceronianischer Wucht“ gegen die Alternative für Deutschland (AfD) und deren Agitation im Bundestag gewandt.

Doch Özdemir hat in dieser Rede gerade nicht nur die Neuen Rechten oder die neuen Nazis im Bundestag attackiert, sondern vor allem selbst massiv nationalistische und verschwörungsmythische Topoi gesetzt. Das hatte ich als Teil eines längeren Textes am 7. März 2018 analysiert, unten gebe ich jenen Abschnitt des Textes wieder, der sich mit Özdemir befasst.

Übrigens wird diese anmaßende Auszeichnung einer „Rede des Jahres“ seit 20 Jahren verliehen. Erster Preisträger war Martin Walser mit seiner berüchtigten Paulskirchenrede, die als eine der antisemitischsten Reden in die Geschichte der Bundesrepublik einging.[ii]

Die Jury (Prof. Dr. Gert Ueding) sagte damals über Walsers Rede:

Zur „Rede des Jahres 1998“ hat das Institut für Allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen Martin Walsers Frankfurter Friedenspreisrede gewählt, weil sie in der Tradition der großen humanistischen Beredsamkeit in Deutschland für die ideologisch verfestigten Meinungsschranken unserer Mediengesellschaft die Augen öffnet, sich gegen das organisierte Zerrbild von Gewissen, Moral, Schuldbewußtsein wehrt, das in Grausamkeit gegen die Opfer umschlägt, und schließlich für Vertrauen und Hoffnung in die Zukunft plädiert, ohne die Kraft zur Trauer zu schwächen.

Martin Walser hat mit selbstkritischen und ironischen Untertönen den Meinungsbetrieb in seiner manchmal gutgläubigen, doch meist zynischen Doppelbödigkeit aufgedeckt und als Instrument der ideologischen Macht­ausübung, als profitables Mediengeschäft und intellektuelle Inszenierung erkennbar gemacht. Die maßlose und hämische Kritik an dieser in rhetorischem Ethos, schlüssiger Argumentation und leidenschaftlichem Engagement für eine menschenwürdige Zukunft vorbildlichen Rede bestätigt deren Thesen so eindrucksvoll wie bedrückend.“

 

Entgegen Uedings und der Uni Tübingens hoher Meinung von Martin Walser gab es auch seriöse und kritische, gegen den Antisemitismus gerichtete Analysen wie jene in der Doktorarbeit des Politologen Lars Rensmann:

„Auschwitz gerät von der Chiffre für das unvorstellbare Verbrechen zur bloßen intellektuellen ‚Vorhaltung‘ gegenüber den Deutschen: ‚Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.‘ Nicht der Holocaust, die Grausamkeit gegenüber Juden, sondern, im Gegenteil, ein an den Deutschen verübter ‚grausame[r] Erinnerungsdienst‘ der ‚Intellektuellen‘, die den Terror erinnern, wird als Gewalt projiziert; die Erinnerung an den Schrecken an sich wird von Walser abgewehrt.“[iii]

Rensmann resümiert:

„Nach den ‚Walser-Debatten‘ lässt sich jedoch begründet eine zunehmend erodierende Grenzziehung im politischen Diskurs gegenüber erinnerungsabwehrenden Formen des Antisemitismus als ‚legitime Meinungsäußerung‘ befürchten. Seit der Walser-Debatte glauben die antisemitischen Briefeschreiber in der Bundesrepublik kaum mehr anonym bleiben zu müssen, weil sie, nicht ganz zu unrecht, ihre Ansichten und Drohungen wieder für salonfähig oder zumindest für legitim und akzeptabel halten. Das antisemitische Judenbild, das Walser wie auch [Rudolf] Augstein und andere in der politischen Öffentlichkeit rehabilitieren und am Leben erhalten, stößt gesellschaftlich zumindest kaum auf energische Ablehnung. Die Diskussion bezeugt insofern bisher einen ersten Höhepunkt affektiver, gegen Juden gerichteter öffentlicher Tabubrüche in der politischen Kultur der ‚Berliner Republik‘, dessen Folgen und Effekte nachwirken und in den nachkommenden Debatten Widerhall finden.“[iv]

Wenn Özdemir seinen nationalistischen Eifer vom Februar 2018 wieder gutmachen möchte, könnte er nun diese Auszeichnung ablehnen. Das wird Özdemir aber ganz sicher nicht tun, dafür ist er viel zu stolz auf dieses Land.

Cem Özdemir und die „gute“ Heimat, 2018

Es gibt kaum einen besseren Indikator für die politische Kultur in diesem Land, wenige Monate nach dem Einzug der rechtsextremen AfD in den Deutschen Bundestag, als die Rede des Grünen Cem Özdemir in jenem Parlament am 22. Februar 2018 und die überschwängliche Begeisterung derer, die sich im Anti-AfD-Lager befinden. Aufhänger für die neuen Nazis im Bundestag waren vorgeblich „antideutsche“ Texte des Journalisten Deniz Yücel, der dank des Einsatzes der Bundesregierung aus dem Gefängnis in der Türkei entlassen wurde. Zu Recht attackierte Özdemir in seiner Wutrede am 22. Februar 2018[v] die AfD als „Rassisten“, attackierte lautstark die rassistische Hetze gegen ihn, den die AfD am liebsten „abschieben“ wolle, während er aber natürlich ein Deutscher aus „Bad Urach“ ist. Das ist alles sehr gut und treffend. Özdemir sagte aber auch:

„Wie kann jemand, der Deutschland, der unsere gemeinsame Heimat so verachtet, wie Sie es tun, darüber bestimmen, wer Deutscher ist und wer nicht Deutscher ist? (…) Sie verachten alles, wofür dieses Land in der ganzen Welt geachtet und respektiert wird. Dazu gehört beispielsweise unsere Erinnerungskultur, auf die ich als Bürger dieses Landes stolz bin. (…) Dazu gehört – das muss ich schon einmal sagen; da fühle ich mich auch als Fußballfan persönlich angesprochen – unsere großartige Nationalmannschaft. Wenn Sie ehrlich sind: Sie drücken doch den Russen die Daumen und nicht unserer deutschen Nationalmannschaft. Geben Sie es doch zu!“

Was macht Özdemir mit jenen Antifas oder Antideutschen, die „unsere Heimat“ tatsächlich verachten? Sind Antifas oder Antideutsche keine Menschen? Der Logik zufolge verabscheut Özdemir Kritik an den deutschen Zuständen so sehr, wie das die AfD verabscheut und er kategorisiert völlig realitätsblind die AfD in das Lager der Heimatfeinde.

Gerade den aggressivsten Nationalisten, die jemals in solch einer Fraktionsstärke im Bundestag gesessen haben, vorzuwerfen, nicht deutsch-national genug zu sein, ist völliger Blödsinn. Es ist eine absurde Idee und wird exakt auf jene zurückschlagen, mit schwarzrotgoldenem Fanatismus, wie wir ihn namentlich und verschärft seit dem ach-so-zarten „Sommermärchen“ 2006 alle zwei Jahre erleben, die eben tatsächlich nicht für dieses Land mitfiebern, sondern für seine sportlichen Konkurrenten zum Beispiel, oder denen das schnuppe ist. Und das Argument, quasi „Volksverräter“ zu sein, kann bei Nazis nur dazu führen, dass bei nächster Gelegenheit die Anti-AfDler mal wieder als solche bezeichnet werden. Heimat ist auch für Neonazis von allerhöchster Bedeutung.[vi]

Selbstredend hat Özdemir recht, wenn er sich gegen die Hetze gegen das Holocaustmahnmal aus dem Munde von Björn Höcke wendet, was aber wiederum gar nichts darüber aussagt, was für eine stolzdeutsche Ideologie in diesem Mahnmal, zu dem man „gerne gehen soll“ (Gerhard Schröder), und wieviel Degussa-Material darin steckt.

Warum Stolz auf die deutsche Erinnerungskultur? Eine „Kultur“, die es gar nicht ohne die sechs Millionen von Deutschen ermordeten Juden geben könnte?

Stolz zudem auf die Verdrängung der deutschen Verbrechen bis in die 1980er Jahre hinein und dann das unerträgliche Eingemeinden der jüdischen Opfer mit SS-Tätern in Bitburg durch Bundeskanzler Helmut Kohl und später die Trivialisierung des Holocaust durch Typen wie den späteren Bundespräsidenten Joachim Gauck, der den Kommunismus wie den Nationalsozialismus als ähnlich schrecklich empfindet und Beiträge in den Holocaust verharmlosenden Büchern wie „Roter Holocaust“ (Herausgeber war der Historiker Horst Möller, 1998) publizierte und 2008 die aus dem gleichen totalitarismustheoretischen und Auschwitz nivellierenden Eichenholz geschnitzte Prager Deklaration unterschrieb? Stolz auf ein Land, das derzeit Phänomene erlebt wie Dorfbevölkerungen in Rheinland-Pfalz oder in Niedersachsen, die mit Hitlerglocken oder Nazi-Glocken in ihren Kirchen kein Problem haben, ja stolz auf die lange Tradition sind?

Das sind nur einige wenige Elemente der Kritik, warum Özdemir einen großen Fehler begeht, wenn er ernsthaft meint, Nazis rechts überholen zu können mit noch mehr Stolz auf Deutschland und namentlich auf dessen „So geh’n die Deutschen“[vii] -Fußballnationalmannschaft (2014). Das „Sommermärchen“ 2006 war absolut grundlegend für den schwarzrotgoldenen Wahnsinn von Pegida im Oktober 2014 bis zum Einzug der AfD in den Bundestag und bis heute.[viii] Dabei hatte es so wundervolle Momente wie das Vorrundenaus der Deutschen bei der WM 2018 zuvor bei Fußballweltmeisterschaften eher selten gegeben.

Das Bittere, das so gut wie niemandem auffällt, an Özdemirs Vorwurf an die Nazis, doch nicht deutsch genug zu sein, hat wiederum Pohrt schon am Beispiel eines Textes vom 14.5.1982 in der taz untersucht, dessen Autor Hilmar Zschach die Nazivergangenheit des schleswig-holsteinischen Landtagspräsidenten Helmut Lembke erwähnt, aber das als untypisch für die feschen Schleswig-Holsteiner abtut. Pohrt kommentierte:

„Die gemeinsame völkisch-nationalistische Basis bringt Linke und Rechte dazu, einander undeutsche Umtriebe vorzuwerfen. So irrational, wie die Kontroverse dann geworden ist, so mörderisch sind auch ihre potentiellen Konsequenzen. Es geht eigentlich darum, den Volkskörper von volksfremden Elementen zu säubern, damit endlich das andere, das wahre Deutschland erscheine. Unter dieser Voraussetzung ist es gleichgültig, ob die ‚Antifaschisten‘ oder die Faschisten gewinnen, denn die Verlierer werden allemal Leute sein, die keine Lust haben, sich Deutsche zu nennen.“[ix]

 

[i] „Mit seinem Debattenbeitrag hat Özdemir gezeigt, wie wirksam und kraftvoll eine Parlamentsrede sein kann, wenn ein Redner mit Überzeugung und Leidenschaft antritt – ein herausragendes Beispiel dafür, wie man den Populisten im Parlament die Stirn bieten kann. Jury: Simon Drescher, Pia Engel, Dr. Gregor Kalivoda, Rebecca Kiderlen, Prof. Dr. Joachim Knape, Sebastian König, Prof. Dr. Olaf Kramer, Viktorija Romascenko, Oliver Schaub, Frank Schuhmacher, Prof. Dr. Dietmar Till, Dr. Thomas Zinsmaier. Im Jahr 2018 war mit Oliver Schaub erstmals auch ein von den Studierenden bestimmtes studentisches Mitglied Teil der Jury“, http://www.rhetorik.uni-tuebingen.de/portfolio/rede-des-jahres/.

[ii] Joachim Rohloff (1999): Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik, Hamburg: KVV Konkret (Konkret Texte 21); Lars Rensmann (2004): Demokratie und Judenbild. Antisemitismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 356–414;

[iii] Rensmann 2004, S. 364.

[iv] Ebd., S. 414.

[v] http://dip21.bundestag.de/dip21/btp/19/19014.pdf.

[vi] Zur Kritik siehe z.B. Lucius Teidelbaum (2018): Kritische Heimatkunde, 05.03.2018, http://emafrie.de/kritische-heimatkunde/.

[vii] https://www.youtube.com/watch?v=6lcaRA4sr4o.

[viii] Clemens Heni (2017a): Sommermärchen bereitete der AfD den Boden, Frankfurter Rundschau, 16./17. Dezember 2017, online: http://www.fr.de/kultur/antisemitismus-sommermaerchen-bereitete-der-afd-den-boden-a-1409276.

[ix] Wolfgang Pohrt (1982): Endstation. Über die Wiedergeburt der Nation. Pamphlete und Essays, Berlin: Rotbuch Verlag, 127 f., Fußnote 4.

Postpubertärer Realitätsverlust oder: Warum sind die neu-deutschen Juden wie Max Czollek so beliebt?

* Update bzgl. Suhrkamp, 11.12.2018

Es gibt eine neue Generation von Juden in Deutschland, die gerade deshalb im nicht-jüdischen Mainstream reüssiert, weil sie mit dem jüdischen Establishment wie dem Zentralrat der Juden und dessen Topoi von Shoaherinnerung und Zionismus bricht.

Bekanntestes Beispiel dafür ist vielleicht Max Czollek. Zwar wendet er sich gegen die Namensgebung „Anne Frank“ für einen ICE der Deutschen Bahn, ohne deren Vorläufer, die Reichsbahn, es weite Teile des Holocaust in der Form nicht gegeben hätte, gegen das deutsche „Gedächtnistheater“, einem sehr angestaubten Begriff von Michael Bodemann, wie auch gegen die Neue Rechte von AfD bis Alexander Dobrindt (CSU) und den Schland-Wahnsinn von 2006. Deshalb braucht es ja eine „Alternative zu Deutschland“ – aber gerade keine Abkehr von der Holocausterinnerung (die manche durch Klamauk ersetzen möchten) und von Israel, wie sie Czollek einfordert.

Czollek ist Jg. 1987, aber sein Duktus ist eine Mischung aus mittelmäßiger Abiturzeitschrift und saturiertem Rückblick eines Wannabee-Bestseller-Schriftstellers in gehobenem Alter. Ernsthaft schreibt der 31jährige Czollek, wie intensiv er die letzten fünf Jahre diskutiert habe, im Vorlauf zu diesem Büchlein im Hanser Verlag.

Völlig zurecht möchte er die deutsche Selbstzufriedenheit mit der Gedenkkultur kritisieren und nimmt sich dabei en passant gerade auch solche guten Deutschen wie Katrin Göring-Eckart (geborene Eckart, was er nicht betont), Anja Reschke oder Richard von Weizsäcker (1985) vor. Das ist alles zwar nicht neu und auch vom Stil her wenig scharf oder provokant, aber nicht falsch. Diese Deutschen sehen sich in der Tat als geläutert an, als die Guten, die auf dem Grundgesetz stehen (oder es gleich als Liebhaber haben wie Reschke) und wirkliche Analyse und Kritik der Gesellschaft nicht kennen.

Doch die kennt auch Czollek nicht. Er erleidet einen völligen Realitätsverlust. Warum? Sein Buch „Des-integriert Euch“ von 2018 tut so, als sei es Mainstream, die Verbrechen des Holocaust zu erinnern. Er sieht gar nicht, dass Altbundespräsident Gauck gerade dies nicht tun möchte, ohne auf die angeblich genauso schrecklichen Verbrechen Stalins zu verweisen, Rot gleich Braun, wie es die von Gauck 2008 unterzeichnete und von Litauen initiierte Prager Deklaration will und bereits sehr tief in der politischen Kultur Europas verankert ist, bis hin zu Resolutionen im Europäischen Parlament. Als Joachim Gauck 2013 als Bundespräsident mit dem Präsidenten Estlands, Toomas Hendrik, in Tallin im „Museum der Besatzung“ vor zwei Säulen posierte, links der Rote Stern des Kommunismus und rechts das Hakenkreuz des Nationalsozialismus, wurde dieser erinnerungsabwehrende und totalitarismustheoretische Antisemitismus als deutsche Staatsideologie unumwunden erkennbar, wie der Holocaustforscher und berühmte Yiddish Professor Dovid Katz festhält.

Nur Czollek sieht das nicht, wie auch fast die gesamte sonstige deutsche Gesellschaft, von den Grünen oder der CDU, SPD, CSU, FDP hin zu den „Berühmtheiten“, die 2012 alle für Gauck in der Bundesversammlung gestimmt hatten, wissend, was für ein Holocaust verharmlosender Mann das ist.

Czollek sieht noch weniger den postkolonialen Frontalangriff auf die Erinnerung an die Shoah, wie er von schwarzen Agitatorinnen wie Imani Tafari Ama in der taz im Juni 2017 herausposaunt wurde:

„Die Europäer müssen anerkennen, dass die Verschleppung der Afrikaner das größte Verbrechen in der Menschheitsgeschichte ist, größer noch als der Holocaust“.

Czollek will offenbar den Judenhass nicht bekämpfen – denn das sei alles Geschwätz und zudem das Geschäft des Zentralrats der Juden, der so etwas wie der Hauptfeind für die jung-deutschen Juden wie Czollek zu sein scheint. Und schon gleich gar nicht möchte er den Antisemitismus von „Marginalisierten“ wie Schwarzen oder Türken, Arabern und Muslimen bekämpfen – denn das sind eher seine Partner*innen.

Völlig affirmativ bezieht er sich hingegen auf die hardcore Israelfeindin Judith Butler, auch Hannah Arendt wird nonstop zitiert, dazu kommen dann ebenso ungebildete und nur antilinke Ressentiments schürende antisemitische Zitate, wie von Karl Marx, ohne zu analysieren, dass Marx seinen Text „Zur Judenfrage“, der sehr problematisch und in der Tat antisemitisch ist, später, wie im Kapital von 1867, wieder zurücknahm, die Personifikation des Kapitalismus auf Juden war im Hauptwerk von Marx gerade kein Thema mehr. Aber solche wissenschaftlichen Differenzierungen fehlen bei Czollek vollkommen. An ihm scheinen Debatten über Antisemitismus allein der letzten 20 Jahre völlig spurlos vorbeigegangen zu sein. Und das ist kein Zufall, sondern gewollt.

Zwei Aspekte stechen besonders hervor bei diesem vor Narzissmus triefenden Büchlein Czolleks: die Abwehr der Holocausterinnerung und das Kuscheln mit islamistischen Muslim*innen.

So schreibt er angesichts des Gedenkens an den 8. Mai:

„Bei der nächsten Gedenkveranstaltung sehe ich sie wie schon so oft nebeneinander, die Deutschen auf der einen, die Juden auf der anderen Seite. Doch statt das gewohnte Ritual zwischen den zerknirschten, aber geläuterten Deutschen und den trauernden Opfern zu inszenieren, wird diesmal das Stück der jüdischen Sieger und der unterlegenen Deutschen aufgeführt. Einer der Juden beugt sich zu einem Deutschen hinunter, streichelt ihm über den Kopf und sagt: Aber am Ende haben wir den Krieg gewonnen!“

Die Rote Armee hat den Krieg gewonnen, die Juden haben ihn verloren. Die wenigen Juden, die in der Roten Armee zu den Befreiern von Auschwitz gehörten, werden doch dadurch nie im Leben zu Siegern.

Paradoxerweise trifft sich Czollek an diesem Punkt mit Henryk M. Broder, dessen Realitätsverlust so weit geht, dass er vor Jahren an einem 27. Januar israelische Flugzeuge über Auschwitz fliegen sah – obwohl noch nie an einem 27. Januar israelische Kampfjets über Auschwitz flogen. Broder möchte Israel als die Reaktion und Konsequenz zu Auschwitz sehen, was aber fehl geht: der Zionismus ist viel älter und hat rein gar nichts mit Auschwitz zu tun. Darauf weisen in Israel viele zionistische Forscher*innen und Publizist*innen seit Jahren hin.

Czollek findet jedoch gerade die anti-israelischen Israelis, die nach Berlin strömen, so richtig cool, vermutlich auch jene, die z.B. 2010 in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Randale machten und die Antizionistin Iris Hefets mit ihrem vulgären Antisemitismus in der taz („Pilgerfahrt nach Auschwitz“) unterstützten. Auch die russischen Juden mag Czollek, da sie nicht so herkömmlich und „Gedächtnistheater“ spielend seien wie die meisten deutschen Juden (wie der Zentralrat der Juden) und weniger an Auschwitz erinnerten (das sei eh alles Heuchelei), sondern an den Sieg der Roten Armee über die Deutschen.

Sein ganzes Verkaufsmodell basiert auf seinem ach-so-dissidenten Jude-Sein (denn nur „Berliner“ oder „Lyriker“ oder gar typisch zionistischer deutscher Jude zu sein, das würde sich nicht verkaufen) – hört sich bitter an, und ist bitter. Analytisch bringt er nichts Neues (er schreibt im Wesentlichen von Michael Bodemann, dem frühen Broder oder von Arendt und Butler ab).

Er lehnt den Zentralrat der Juden mehr oder weniger ab und findet Israel problematisch oder einfach kein Thema für ihn und die neu-deutschen jungen Juden, die eher mit Muslim*innen kooperieren denn mit jüdischen Zionist*innen.

Damit kommt Max Czollek natürlich im Mainstream von ZDF-Kulturpalast, Deutschlandfunk und allen Feuilletons hervorragend an. Dabei hat die Deutschlandkritik, jene am Schland-Wahnsinn von 2006 bis heute, wie auch an den Stolzdeutschen, die gerade die Erinnerung an die Shoah feiern, nach dem Motto „So schnell macht uns Auschwitz und vor allem die Erinnerung daran, niemand nach“, von Richard von Weizsäcker über Norbert Lammert bis Cem Özdemir, nicht auf einen postzionistischen Autor gewartet.

Der andere Aspekt, der das nicht nur desolate, sondern nun auch wirklich gefährliche Niveau der Czolleks unserer Zeit indiziert, ist sein Bezug auf Muslime. Für ihn war der Antisemit Heinrich von Treitschke bereits ein Feind auch der Muslime. Czollek fordert eine „jüdisch-muslimische Leitkultur“. Kein Wunder also, dass er die den Islamismus verharmlosende oder mit ihm kokettierende und offenbar pro-BDS Muslimin Yasemin Shooman vom (Anti-) Jüdischen Museum Berlin[i] in der ach-so-wahnsinnig-jung-deutsch-jüdischen Hauspostille „Jalta“ publiziert (die sich hinter die vom Verfassungsschutz wie anderen Islamismusexpert*innen und dem Antisemitismusbeauftragten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin kritisierten Neuköllner Begegnungsstätte stellt) und sein Kumpel Micha Brumlik ist einer der Co-Herausgeber.

Der Generation Czolleks Selbstverliebtheit zeigt sich dann auch in seinen Lobeshymnen auf das Maxim Gorki Theater (das beim Karneval der Geflüchteten mit dabei war, so wie auch eine BDS-Gruppe dabei war, alle wussten es und haben es goutiert).

Schon auf dem Backcover von „Desintegriert euch“ macht sich der Autor über die Kritik am Islamismus lustig und diffamiert geradezu Juden, die sich mit der Shoah und dem Antisemitismus befassen. Damit bedient er die antiisraelische und Holocaust verharmlosende Obsession des nicht-jüdischen deutschen Mainstream. Für die überwiegende Mehrheit der Juden außerhalb Israels spricht er ganz sicher nicht, denn die ist erstens zionistisch und zweitens in sehr großer Sorge ob des extrem zunehmenden Antisemitismus in den letzten Jahren, vor allem in Europa, aber auch in den USA. Der Trumpismus steht für eine politische Kultur, die Gewalt und Judenhass heraufbeschwört und zum schrecklichsten antisemitischen Massaker in der Geschichte Amerikas in einer Synagoge in Pittsburgh führte.

Israel ist und bleibt die rettende Insel für alle Juden (gerade auch der ungläubigen oder gottlosen, die aus ihrer Identität nichts Besonderes machen, sondern einfach nur als Jude oder Jüdin sicher im eigenen Staat leben wollen), auch wenn das die Czolleks nicht wahrhaben wollen und darauf pfeifen.

Max Czollek meint ernsthaft, er kritisiere das „Gedächtnistheater“ in Deutschland – er hat einen Realitätsverlust und sieht gar nicht, wie seit Jahren die Rot=Braun-Totalitarismusideologen, die postkolonialen, schwarzen und sonstigen Leugner*innen der Präzedenzlosigkeit der Shoah agitieren und er ignoriert vollkommen die enorme Gefahr, die vom muslimischen wie islamistischen Judenhass ausgeht. Dieser muslimische Judenhass und Antizionismus findet nicht nur auf deutschen Schulhöfen, in Moscheegemeinden, im BMW- oder Mercedes-Autoradio oder im öffentlichen Raum und dem Internet statt, sondern auch in der Publizistik und teils sehr einflussreichen Institutionen. Gerade NGOs, die sich der jüdisch-muslimischen Symbiose verschrieben haben, die vorgeblich besser halten solle als die Chimäre der christlich-jüdischen oder gar das Phantasma der deutsch-jüdischen, sind doch Teil des Problems und kein Hoffnungsschimmer, wie Czollek suggeriert.

Das absolut Angesagteste sind also jüdisch-muslimische Kooperationen, weil beide angeblich ähnlich marginalisiert seien. Dabei gab es in der Bundesrepublik noch nie eine so riesige und extrem starke Gruppe von Einwanderern wie die Muslime, wobei viele erst spät zu solchen wurden, viele kamen als säkulare, Arbeit suchende Menschen wie aus der Türkei oder als Flüchtlinge aus Bosnien und wurden später, aber umso brutaler islamisiert oder islamisierten sich selbst und ihre Familien. Viele Muslime wollen gar nicht Teil der Gesellschaft sein, verschleiern sich, lassen sich obsessiv Bärte wachsen oder ihre Kids nicht mit „Ungläubigen“ zu Hause spielen – dazu kommt der althergebrachte Rassismus der Mainstream-Deutschen, von Pegida bis AfD und dem viel älteren west- wie ostdeutschen Rassismus.

Czollek hat offenbar am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der TU Berlin promoviert. Dass der dortige frühere langjährige Leiter zwei Jahre, nachdem er das letzte Mal seinem Doktorvater, einem treuen Hitleranhänger, öffentlich zum Geburtstag gratuliert hatte, Direktor jenes Zentrums wurde und seine Nachfolgerin wie Czollek den Antisemitismus (wie des frühen 19. Jahrhunderts, für Czollek und Wolfgang Benz des späten 19. Jahrhunderts bis zur Shoah) mit der „Islamophobie“ analogisieren, passt ins Bild. Hat sich Czollek je mit den Antisemitismus verharmlosenden oder Islamismus befördernden Tendenzen am ZfA befasst? Oder ist das nicht exakt seine „Liga“?

Das Buch „Des-integriert Euch“ ist keine „gesellschaftliche Polemik der Stunde“, wie der Hanser Verlag das Buch anpreist. Es ist ein erfolgreicher Versuch eines Juden gerade damit zu reüssieren, sich gegen Juden zu stellen und den Antisemitismus, der 2018 so stark ist wie seit Jahrzehnten nicht mehr, nicht nur zu verharmlosen, sondern zu unterfüttern mit einem knallharten postzionistischen Narrativ, wie es im Soziologendeutsch heißen würde.

Selbst seine vorgebliche Kritik an Deutschland ist maximal halbgebildet. NS-Verharmloser und Anti-68er wie Götz Aly oder der die Deutschen zu Opfern eines Luft-„Vernichtungskriegs“ wie die Juden der Shoah imaginierende W.G. Sebald sind seine Zeugen, was wiederum unterstreicht, wie wenig Czollek von der heutigen wissenschaftlichen und publizistischen Kritik am Antisemitismus mitbekommt.

In einer Zeit, in der eine rechtsextreme Partei im Bundestag und allen Landesparlamenten sitzt, die in nie dagewesener Form gegen die Erinnerung an den Holocaust mobil macht, das Holocaustmahnmal in Berlin ablehnt und somit weiten Teilen auch des Bürgertums, des dumpf-deutschen, aus der Seele spricht, zu fordern, das typische Holocaustgedenken (bei Czollek nach dem Motto „Nicht-jüdischer Journalist fragt jüdische Künstlerin über ihre Familie“…) eher lächerlich zu machen, zeugt das von besonderer Cleverness oder doch eher von einem gravierenden Realitätsverlust, wie Freud diagnostizieren würde? Ein Verkaufsschlager ist es allemal im neuen Deutschland.

In Zeiten, wo Schulklassen mit muslimischer Mehrheit gar nicht über die Shoah reden wollen und die Lehrer*innen sich unfähig oder unwillig zeigen, das durchzusetzen, zu fordern, dass die Erinnerung eh der völlig falsche Weg sei und es um das ach-so-lustige popkulturelle, Battle-Rap-postzionistische Judentum im 21. Jahrhunderts gehen solle?

In Zeiten, wo universelle Werte von Kulturrelativist*innen abgelehnt werden, sich gerade an muslimische Gruppen oder Tendenzen anschmiegen? In Zeiten nach 9/11, wo der organisierte Islamismus so stark ist wie nie zuvor, von antisemitischen Ideologemen über den Kopftuchzwang, die Erdogan- und AKP-Vergötterung, der Liebe zur Muslimbruderschaft und dem abgrundtiefen Israelhass des heutigen Iran hin zum ubiquitären Antizionismus weiter Teile der deutschen Gesellschaft wie der islam- und nahostwissenschaftlichen Studiengänge an deutschen Universitäten?

Wenn die Czolleks die Zukunft der Juden in Deutschland sind, dann lachen der Jihad und der Islamismus herzlich. Für die Czolleks unserer Zeit sind nicht der Jihad und Islamismus oder die Nazis und die Dinner-Party-Antisemiten von München-Bogenhausen das Problem, sondern jene, die weiterhin darauf hinweisen, dass in Auschwitz sechs Millionen Juden ermordet wurden und die Juden die Opfer des Zweiten Weltkriegs sind (und Juden nicht die sowjetischen Sieger sind), und die sich mit aller Kraft gegen den Israelhass weitester Teile der deutschen Gesellschaft stellen.

Czollek und all die anderen jung-deutschen, postzionistischen Juden stehen für ein häufig postpubertäres Rumgehopse, linke Gesellschaftskritik, die zweifellos immer mit Religionskritik (ergo auch radikaler Islamkritik) zusammengeht, stört dabei nur. Und genau deshalb ist Max Czollek in Deutschland so erfolgreich.

Wenn die Generation der Czolleks wirklich etwas gegen dieses Land und gegen „Integration“ hätte, würde sie nicht obsessiv nach ihrer Identität und dem je neuesten, postmodernen, antiuniversalistischen Hype Ausschau halten, der antizionistischen Judith Butler oder dem totalitarismustheoretischen NS-Verharmloser Götz Aly frönen, der zwischen der Attacke auf den Springer-Konzern 1968 und der antijüdischen Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 keinen Unterschied sieht (und die Frankfurter Rundschau druckte es), oder andere problematische Identitäten wie die ach-so-zarte „jüdisch-muslimische Leitkultur“ pushen, sondern würde vielleicht eher Helene Fischer und ihre Millionen seicht-affirmativen Fans in Frage stellen und den Suhrkamp Verlag* Gremliza zitieren:

 

„Integration? Ich bin so frei, von dieser Scheißkultur nichts wissen zu wollen. Deutschlands Werte gehen mir allesamt am Arsch vorbei, ich singe keine Hymne, folge keiner Flagge, werden einen Teufel tun, auf das Grundgesetz, diesen Waffenstillstandspakt im Klassenkampf (Rosa Luxemburg), eine Eid abzulegen, und wünschte mir, jeder Mensch, der hierher geflohen ist, seine Haut vor unseren Exportwaffen zu retten, wäre so frei, es zu halten wie ich.“[ii]

 

[i] Shooman organisierte für das Jüdische Museum Berlin im Sommer 2018 u.a. eine Veranstaltung mit dem BDS-Aktivisten Sa’ed Atshan, einem Palästinenser aus Ost-Jerusalem bzw. dem Westjordanland, der in USA lebt, die dann zwar aufgrund von Protesten der israelischen Botschaft abgesagt, aber de facto nur verlegt und mit dem gleichen Setting wo anders veranstaltet wurde, vgl. dazu Clemens Heni (2018): Der Komplex Antisemitismus. Dumpf und gebildet, christlich, muslimisch, lechts, rinks, postkolonial, romantisch, patriotisch: deutsch, Berlin: Edition Critic (The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA), Studien zum Antisemitismus, Band 7), S. 445–451.

[ii] Hermann L. Gremliza (2016): Haupt- und Nebensätze, Berlin: Suhrkamp, S. 146 f.

* Konkret 11/2018 schreibt: “Das Kleine Blaue Buch ist nicht mehr im Handel. Im Frühjahr bat Gremliza den Verlag, in dessen Edition Suhrkamp seine Haupt-und Nebensätze gerade in zweiter Auflage erschienen waren, anlässlich der Versicherung der Geschäftsführung, der Autor Uwe Tellkamp, der sich zu Pegida bekannt hatte, werde weiterhin bei Suhrkamp verlegt, um Auflösung des Vertrags. ‘Ich wusste, bevor er ein Fall zu werden sich entschloss, nicht, wer oder was ein Tellkamp ist. Nun, da ich es leider weiß, werde ich jene selbstverständliche Distanz zur sympathy for the Nazi markieren, die der Verlag vermissen lässt, und fordere dessen Geschäftsführung hiermit auf, der einvernehmlichen Lösung des Vertrags mit mir zuzustimmen.’ Der Verlag stimmte zu, die noch nicht verkauften Exemplare der zweiten Auflage gibt es ausschließlich bei konkret.”

Gespräche über “Der Komplex Antisemitismus” im Radio von WDR 5 und WDR 3

Das Radio hat mich jüngst wieder eingeladen und mit mir über mein neues BuchDer Komplex Antisemitismus” gesprochen.

Am Montag, 3. Dezember 2018, sprach die Moderatorin Stefanie Junker mit mir in Ihrer Sendung “Scala – Hintergrund Kultur”, die Sendung lief von 14:05 bis 15 Uhr:

Der Komplex Antisemitismus

WDR 5 Scala – Hintergrund Kultur | 03.12.2018 | 10:23 Min.

Die neue Studie des Antisemitismusforschers Clemens Heni untersucht an neuen Beispielen, wie sich das destruktive alte Muster durch unser gesellschaftliches Leben zieht. “Dumpf und gebildet, christlich, muslimisch, “lechts, rinks”, postkolonial, romantisch, patriotisch: Deutsch”.

 

Am nächsten Tag, 4. Dezember 2018, sprach ich bereits ab 8:05 Uhr in der Sendung Mosaik von WDR 5 mit dem Moderator Raoul Mörchen:

“Der Komplex Antisemitismus”

WDR 3 Mosaik | 04.12.2018 | 10:31 Min.

“Dumpf und gebildet, christlich, muslimisch, lechts, rinks, postkolonial, romantisch, patriotisch, deutsch” – so beschreibt Clemens Heni den “Komplex Antisemitismus” in seinem neuen Grundlagenwerk.

 

Herzlichen Dank für die Einladung an den WDR und an die Redakteurinnen und die Moderator*innen!

Was hat der rechtsextreme Mord am Vorsitzenden der sozialistischen Partei Japans mit dem Israelkongress in Frankfurt am Main zu tun?

Am 25. November findet in Frankfurt ein „Israelkongress“ statt. Der gut gemeinte Kongress wird durch die Einladung eines Unterstützers der Neuen Rechten ins Absurde verkehrt.

 

Organisiert wird der Israelkongress seit Jahren vom Verein „I Like Israel“. Es ist sehr bedeutsam, sich mit Israel zu befassen und sich für den Judenstaat einzusetzen, gerade angesichts eines stark zunehmenden Antisemitismus und einer Israelfeindschaft bis weit in die Mitte der Gesellschaft. Auf dem Kongress soll der Stadtkämmerer von Frankfurt am Main, Uwe Becker (CDU), für seinen „Einsatz zur Förderung der deutsch-israelischen Beziehungen und der deutsch-israelischen Städtepartnerschaften“ geehrt werden. Grußworte von Angela Merkel und Benjamin Netanyahu per Video sind ebenso angekündigt.

Doch dann kommt der Schock: Einer der Redner bzw. Moderatoren der eintägigen Veranstaltung ist ein international führender, einflussreicher Unterstützer der Neuen Rechten: der amerikanische Historiker und Nahostforscher Daniel Pipes. Er unterstützt den vorbestraften rechtsextremen Schläger Tommy Robinson aus England ebenso wie die deutsche, extrem rechte, Pro-AfD-Internetseite Journalistenwatch. Die Beziehung von Pipes zu Journalistenwatch, die für ihre Agitation gegen die Holocaustüberlebende und ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, berüchtigt ist, hat die Wochenzeitung Die Zeit im Dezember 2017 aufgedeckt.

Ich selbst kenne Pipes und habe mit seinem Middle East Forum (MEF) früher kooperiert, weil er sich angeblich, so sein Tenor über viele Jahre hinweg, gegen die antimuslimische Agitation in den USA aussprach und nachdrücklich, gerade als Historiker und Islamforscher, für die Unterscheidung von Islam als Religion und Islamismus als äußerst gefährliche Ideologie einsetzte. Dafür wurde Pipes in USA von vielen rassistischen antimuslimischen Kreisen häufig diffamiert. 2016, schon vor der US-Präsidentenwahl, trat er sogar aus der Republikanischen Partei aus, weil ihm die Volksverhetzung und der brutale, unzivilisierte Habitus von Trump angeblich zuwider waren.

Die Wahl von Trump hat gleichwohl eine noch viel stärkere Fanatisierung von Leuten wie Pipes bewirkt. Nun unterstützt er ganz offen Rechtsextreme und Schläger (die eine noch brutalere Qualität haben als der von Pipes ebenso geschätzte und unterstützte holländische, neu-rechte, antimuslimische wie antisemitische Agitator Geert Wilders), die sich gegen den Rechtsstaat wie in Großbritannien wenden: Das ist der Fall Tommy Robinson. Zu einer Veranstaltung mit Abgeordneten der Republikanischen Partei war Robinson am 14. November 2018 von Pipes und dem Middle East Forum (MEF) zu einem Symposium nach Washington, D.C., eingeladen worden. Dort gab es von einigen wenigen Leuten Protest gegen den Rassismus und Neonazismus von Robinson, wie man auf einem Video sehen kann.

Seit dem Bericht in der Zeit von Dezember 2017 sowie einer im November 2017 erschienenen Kritik von mir in der Times of Israel an den extrem rechten Tendenzen in der Pro-Israel- und Anti-Islamismus-Szene (die zu einer Anti-Islam-Szene mutierte oder das immer war) war meine Beziehung zu Pipes und dem Middle East Forum beendet. Schon zuvor war deutlich geworden, dass ich die Unterstützung des MEF dazu verwendete, Antifa-Bücher wie von Anton Maegerle („Vom Obersalzberg bis zum NSU“) oder linkszionistische Bände wie meine Studie über Kritische Theorie und Israel in meinem Verlag Edition Critic zu publizieren.

In einer Zeit, wo (häufig staatlich alimentierte) Einrichtungen wie Jüdische Museen Pro-BDS-Veranstaltungen organisieren wie in Berlin, wo ein Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin schon mal Antizionisten beschäftigte oder seit Jahren den Antisemitismus verharmlost und den Islamismus schön redet; in einer Zeit, in der NGOs wie die Bildungsstätte Anne Frank in Frankfurt am Main in Sammelbänden Pro-BDS Texte wie von einer Doktorandin jenes ZfA publiziert und Antisemitismus kategorial mit einer angeblichen „Islamophobie“ analogisiert (und den Rassismus gegen alle Nicht-Muslime klein redet) und so tut, als seien sie dort gegen Islamismus und Antisemitismus; angesichts dieser islamophilen, unkritischen und häufig antiisraelischen oder die kritische Antisemitismusforschung behindernden Zeit und dieser deutschen Normalzustände hat man nicht immer die ganz große Auswahl der Kooperationspartner.

Es gibt junge Forscher (wie Samuel Salzborn), die eigentlich durchaus kritisch sind gegenüber dem Islamismus – oder gegenüber dem Kopftuch, dessen Ablehnung von sehr vielen sich links dünkenden Forscher*innen als „islamophob“ diffamiert wird, was Salzborn richtigerweise vehement kritisiert und sich für eine Kopftuchkritik einsetzt, denn das Kopftuch bei Kindern unter 14 fällt nicht nur meines Erachtens in die Kategorie Kindesmisshandlung und bei allen anderen in die Kategorie Fanatismus, wobei Jugendliche von 14–18 ja fast immer unter der Fuchtel von Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Onkel, Tante etc. stehen oder deren islamistische Imperative internalisiert haben) – und auch den Antisemitismus kritisieren, die aber dann (wie Salzborn) aus Karriere- oder sonstigen Gründen affirmativ Texte sehr einflussreicher Kollegen zitieren (wie von Werner Bergmann), ohne zu erwähnen, dass in genau einem solchen zitierten Text die jüdische Kritik am „ewigen Antisemiten“ mit dem Nazi-Topos und Nazi-Film „Der ewige Jude“ analogisiert wird.[i] Kein Wunder, dass Salzborn dann später bei genau diesem ZfA, das der Antisemitismusforschung so viel Schaden zugefügt hat, angeheuert hat. Solche Referenzen zahlen sich früher oder später aus.

Zurück zu Tommy Robinson, den Pipes so lautstark öffentlich unterstützt. Robinson ist ein enger Freund von Gavin McInnes, der in USA lebt und mit dem er nun eine Vortragsreise nach Australien plant. Wer ist McInnes? Am 12. Oktober 2018 fand eine Veranstaltung im Metropolitan Republican Club in New York City mit den 2016 von McInnes gegründeten „Proud Boys“ statt. Sie sind als rechtsextreme Schläger in ganz USA bekannt. McInnes war einer der Mitbegründer des Vice-Magazins und wird als früher Protagonist der Hipster-Bewegung betrachtet. 2008 verließ er Vice. Im August 2018 sperrte Twitter seinen Account und den anderer „Proud Boys“ wegen deren Extremismus. Das Southern Poverty Law Center in USA stuft sie als Hassgruppe ein.

Am 12. Oktober 1960 ermordete der Rechtsextreme Otoya Yamaguchi den Vorsitzenden der sozialistischen Partei Japans, Inejiro Asanuma, auf einer Wahlkampfveranstaltung in Tokio mit einem Samuraischwert. Dieser brutale Mord wurde nun am 12. Oktober 2018 von Gavin McInnes im Metropolitan Republican Club nachgespielt – mit einem Plastikschwert in der Hand nahm er die Rolle des Mörders ein und meinte, diese Szene sei „sehr inspirierend“.

World Press Photo of the Year 12/10/1960 Tokyo, Japan. Otoya Yamaguchi, a right-wing student, assassinates Inejiro Asanuma, Socialist Party Chairman, during his speech at the Hibiya Hall in Tokyo. Commissioned by Mainichi Shimbun

Die Japan Times ist fassungslos aufgrund dieser rechtsextremen Tötungsverherrlichung in den USA. McInnes möchte den Sozialismus oder die Linke in USA töten, so wie Yamaguchi in Japan vor Jahrzehnten den Vorsitzenden der sozialistischen Partei ermordet hat. Das Nachspielen dieses Mordes am gleichen Datum, einem 12. Oktober, läuft einem kalt den Rücken hinunter. Nazis freuen sich: nach der Vorführung in New York gingen die Proud Boys auf die Straße und verprügelten auf brutale Weise Antifas.

McInnes’ Mordfantasien passen zu seinem Freund Tommy Robinson. Letzterer wurde im Mai 2018 wegen wiederholten Verletzens des britischen Rechts und unter absichtlichem Ignorieren der Warnung von Seiten der Justiz, einen laufenden Prozess, bei dem es um Muslime und Vergewaltigung geht, nicht durch Filmen und Live-Berichterstattung via Facebook oder andere Medien zu behindern und Geschworene wie Richter zu beeinflussen sowie Angeklagte vorzuverurteilen, inhaftiert.

Robinson bekommt massive politische wie finanzielle Unterstützung vom Middle East Forum (MEF), einem Thinktank aus Philadelphia in USA, und dessen Präsidenten Daniel Pipes. Dank der finanziellen und politischen Hilfe von Pipes und einer sehr großen rechtsextremen Kampagne in Großbritannien wurde Robinson Anfang August (vorübergehend) wieder aus der Haft entlassen.

Robinson verletzte absichtlich Persönlichkeitsrechte von Angeklagten – und wird von Pipes unterstützt. Das ist ein unglaublicher Vorgang und hätte nie zur Einladung von Pipes gerade 2018 zum Israelkongress in Frankfurt am Main führen dürfen. Aber schon Pipes’ Unterstützung der Pro-AfD-Hetzseite Journalistenwatch 2017 hätte es dem Organisator des Kongresses, Sacha Stawski, verdeutlichen müssen, dass so ein AfD-Freund nichts auf einem solchen Kongress, wenn er als seriös gelten möchte, zu suchen hat. Doch die Einladung geschieht offenkundig sehenden Auges.

In England ist die Diskussion über Robinson seit Jahren sehr scharf, jüdische Zeitungen wie der Jewish Chronicle und dessen Herausgeber Stephen Pollard betonen nachdrücklich, dass gerade jüdische Unterstützer von Robinson die schlimmsten Feinde (gerade von Juden wie dem Jewish Chronicle) seien. Das schrieb Pollard schon 2017, bevor er wissen konnte, dass Pipes Robinson 2018 unterstützen würde. Auch ein weiterer Autor des Jewish Chronicle, David Aaronovitch, wendet sich 2018 vehement gegen Tommy Robinson.

Robinson hat ca. 800.000 Anhänger*innen auf Facebook oder anderen sozialen Medien. Er wurde in kurzer Zeit geradezu zu einer Ikone des heutigen Rechtsextremismus. Er ließ sich in zwei langen Video-Gesprächen mit dem Verbreiter von Verschwörungsmythe Alex Jones von „Infowars“ promoten. Jones ist ein Radiomacher aus Texas und erreicht mit seinen Radioshows und Webseiten Millionen Zuhörer- und Leser*innen. Jones behauptet, der 11. September sei ein „Inside Job“ gewesen, Musikboxen würden Kinder „homosexuell machen“ und sagte im Dezember 2016, Hillary Clinton sei in einen mörderischen, Sex umwobenen Skandal in einer Pizzeria involviert und habe „persönlich Kinder getötet“. Dieser Verschwörungswahnsinn ging als „Pizza Hoax“ (oder „Pizzagate“) in die Geschichte ein, ein Krimineller stürmte wenig später mit einem Gewehr jene Pizzeria in Washington, D.C., schoss um sich und wurde zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Im August 2018 wurden die Accounts von Alex Jones von Apple, Facebook, Spotify und Youtube wegen seiner Hassreden gesperrt. Jones vertritt auch die antisemitische Ideologie, nach der hinter dem US Gesundheitssystem eine „jüdische Mafia“ stecken würde. Bombendrohungen gegen jüdische Einrichtungen hat er als womöglich absichtlich von Juden falsch gelegte Fährte bezeichnet. Trump ist ein Anhänger von Jones und sprach sogar mit dem Fanatiker in dessen Online-Show per Video-Schalte im Dezember 2015.

Tommy Robinson sprach mehrfach auf Pegida-Demonstrationen in Dresden, zuletzt im Oktober 2018. In den (a)sozialen Medien postete er Bilder von sich mit dem Pegida-Gründer, dem wegen Diebstahl, Drogenhandel, Körperverletzung und Volksverhetzung vorbestraften Lutz Bachmann, auf Teneriffa.

Pipes soll auf dem Israelkongress laut Programm ein Panel über „Koexistenz“ moderieren, auf dem auch die beiden in Deutschland aktiven Ahmad Mansour und Kim Robin Stoller sitzen. Weitere Teilnehmer*innen des Kongresse sind die Politologen Stephan Grigat und Matthias Küntzel, Harald Eckert von dem Verein „Christen an der Seite Israels“, Michael Spaney vom Mideast Freedom Forum Berlin (MEFF), Martin Patzelt (MdB, CDU),  Benjamin Steinitz von der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS), Felix Klein, Beauftragter der Bundesregierung für jüdisches Leben in Deutschland und den Kampf gegen Antisemitismus, Sebastian Mohr vom International Institute for Education and Research on Antisemitism (IIBSA), Nicola Beer, Generalsekretärin der FDP und MdB, Deidre Berger vom American Jewish Committee, eine ganze Reihe von Wirtschaftsvertretern, Alon Meyer, Präsident von Makkabi Deutschland und Vorsitzender der TuS Makkabi Frankfurt, Volker Beck (Ex-MdB, Bündnis 90/Die Grünen), Maya Zehden, Vizepräsidentin der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), der Journalist Eldad Beck sowie dutzende weitere nationale wie internationale Rednerinnen und Redner.  Der international bekannteste Redner dieses Israelkongresses (von den Grußworten von Merkel etc. natürlich abgesehen) dürfte Daniel Pipes sein.

Regelrecht perfide wird es, wenn der Präsident von Eintracht Frankfurt und erklärte Antirassist Peter Fischer, der sich klipp und klar gegen die AfD ausgesprochen hat, zu diesem Israelkongress eingeladen ist, offenbar um zu suggerieren, dieser Kongress sei womöglich nicht rechts, sondern kritisch. Wurde Fischer über diese unglaublichen neu-rechten Bezüge dieses Israelkongresses in Kenntnis gesetzt?

Wer meint, Pro-BDS-Veranstaltungen, wie sie leider immer öfter vorkommen, würden Israel schaden, sagt nur die halbe Wahrheit. Denn Pro-BDS Events mögen Antisemiten anziehen, aber keine seriösen Journalist*innen, Politiker*innen oder Aktivist*innen. Wer jedoch Israelkongresse organisiert und dabei prominente Redner einlädt, die extrem rechte deutsche Homepages unterstützen und rechtsextreme, vorbestrafte Hetzer finanzieren und promoten, schadet Israel wirklich und zwar so massiv, wie die kleine Pro-BDS-Szene in diesem Land das gar nicht könnte.

Es muss um eine seriöse Israelsolidarität gehen, im besten Fall um einen Linkszionismus, der zudem sehr kritisch ist gegenüber der Regierung Netanyahu und allen extrem rechten Tendenzen in Israel wie gegenüber der Besatzung des Westjordanlandes, ohne auch nur eine Sekunde den palästinensischen oder islamistischen Antisemitismus in Nahost, die Anti-Israel Politik weiter Teile der EU und der UN oder die internationale, antisemitische BDS-Bewegung zu ignorieren oder zu verharmlosen.

Der ganze Israelkongress strotzt nur so von Affirmation israelischer Politik, Kritik am extrem rechten Kurs Israels in den letzten Jahren wird schon in der Ankündigung völlig derealisiert. Das Hofieren des Antisemiten und Verschwörungsanhängers Victor Orbán, der gegen den Juden George Soros eine widerwärtige antisemitische Kampagne in Ungarn organisierte, die die CSU und die AfD, aber auch Neonazis in ganz Europa und den USA faszinierte, das Kungeln mit der polnischen Regierung und deren Leugnung der Teilhabe von Polen am Holocaust (was in Israel sehr scharf kritisiert wird und Netanyahus Verhalten ist ideologisch und gerade nicht diplomatisch bestimmt), oder die massive Unterstützung des Rassisten, Sexisten und Antisemiten Donald Trump durch Netanyahu auch und gerade nach dem schlimmsten antisemitischen Massaker in der Geschichte der USA in Pittsburgh durch einen Neonazis, der wie Trump jene kleine Flüchtlingskarawane aus Südamerika an die mexikanisch-amerikanische Grenze zum Anlass nahm, Juden in einer Synagoge in Pittsburgh zu massakrieren, eine einzige Katastrophe. Entgegen den Juden in Pittsburgh stellte sich nämlich Netanyahu hinter Trump und behauptete, dieser sei nicht Antisemit. Dabei war Trump mit seiner Agitation gegen Flüchtlinge und Juden wie Soros, die Flüchtlinge unterstützten, mit verantwortlich für ein antisemitisches Klima, wie viele Kommentator*innen in USA betonen, exemplarisch Adam Server vom Atlantic) – und steht in eklatantem Widerspruch zur Kritik an Trump von der übergroßen Mehrheit der Juden in USA, die wiederum in übergroßer Mehrheit Israel unterstützen und Zionist*innen sind. Sinnbild dafür ist eine scharfe Kritik an Netanyahu und dem Nationalstaatsgesetz von Juli 2018 vom Präsidenten des World Jewish Congress, Ronald S. Lauder, in der New York Times – „Israel, this is not Who we are“.

Diese Kritik an Netanyahu und der rechten politischen Kultur in Israel aus dem Munde von Lauder, immerhin Präsident einer der größten jüdischen NGOs weltweit, ist sehr bedeutsam – spiegelt sich aber im Programm dieses Israelkongresses überhaupt nicht wider, der israelische Premier wie der Botschafter werden sprechen und es geht nur um eine Selbstbeweihräucherung. Das ist realitätsblind und ignoriert die massive jüdische Kritik an der israelischen Regierung in Israel wie auch in USA und andernorts – wie gesagt: das ist eine jeweils zionistische Kritik, die Israel verbessern (dramatischer: retten) möchte und gerade deshalb gegen Bibi, die Besatzung und extreme Rechte engagiert ist.

Solche israelkritischen Töne der mit riesigem Abstand größten jüdischen Gemeinde außerhalb Israels, sind also in Deutschland so gut wie nirgends zu hören, von post- oder antizionistischen Juden mal zu schweigen. Manche kritzeln lediglich für ihre Hauspostillen (wie die Bahamas, die auch Texte des US-Präsidenten Trump publiziert und dessen Sexismus, Rassismus und Antisemitismus wie seinen nie dagewesenen antidemokratischen Ton goutieren, weil er doch gegen das iranische Regime sei), andere angeblichen Israelfreunde liebäugeln mit rechtsextremen Juden (wie den Juden in der AfD), die vom Zentralrat der Juden genauso abgelehnt werden wie die AfD insgesamt (namentlich die deutlichen Worte des Zentralratspräsidenten Josef Schuster sind hier zu nennen) oder loben die AfD-Führung wie Gauland (so der Publizist Thomas Maul).

Wie das „Linke Bündnis gegen Antisemitismus München“ untersucht hat, ist die AfD München (die hier nur exemplarisch steht für die gesamte AfD) antisemitisch – und auch das hat mit Pipes und dem Middle East Forum zu tun, wie das Bündnis betont.[ii]

Das alles ignoriert dieser Israelkongress und promotet Daniel Pipes. Das stört keine Referentin und keinen Referenten, die ja alle seit Wochen lesen können, dass Pipes dort sprechen wird. Warum sollte es sie auch stören, wenn doch die ARD aus einem Krimi eine Szene retuschiert, weil dort ein Anti-AfD Aufkleber zu sehen war und sich die Faschos bei der ARD beschwert hatten? Mittlerweile gilt also das Geblöke von Neonazis und ihren Fans mehr als die Kunstfreiheit von Filmemacher*innen und die Kritik am Rechtsextremismus und Antisemitismus der AfD. Insofern passt dieser Israelkongress ganz wunderbar zum Mainstream in diesem Land.

Seriöse Israelfreunde und Antifas sind jedoch „noch nicht komplett im Arsch“.

 

 

[i] „Aber auch wenn der Antisemitismus sicherlich ein integraler Bestandteil des abendländischen ‚Kulturerbes‘ und emotional stark besetzt ist – wie jedes Vorurteil –, so steckt im Begriff des ‚ewigen Antisemiten‘ doch die gleiche falsche Anthropologisierung und Naturalisierung wie im ‚ewigen Juden‘.“ Vgl. dazu meine Kritik in Clemens Heni (2018): Der Komplex Antisemitismus. Dumpf und gebildet, christlich, muslimisch, lechts, rinks, postkolonial, romantisch, patriotisch: deutsch, Berlin: Edition Critic (The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA), Studien zum Antisemitismus, Band 7), S. 48.

[ii] „Auch andere führende Mitglieder der Münchner AfD unterhalten beste Beziehungen zu antisemitischen Kreisen. Der bereits genannte Rainer Gross ist zugleich Vorsitzender der Gustav-Stresemann-Stiftung[51], die mit der Desiderius-Erasmus-Stiftung um den Status als offizielle parteinahe Stiftung rang und dabei verlor. Während letztere vom neoliberalen Flügel der AfD unterstützt wurde, zählte vor allem der völkische Flügel zur Anhängerschaft der Stresemann-Stiftung[52]. Finanziert wird sie vom Middle East Forum, das auch das für seine geschichtsrevisionistische und antisemitische Propaganda bekannte Portal Journalistenwatch bezahlt. Zudem hat auch die Initiative „Einprozent“ finanzielle Unterstützung angeboten, die aus dem Umfeld von Götz Kubitschek und den bereits erwähnten Jürgen Elsässer und Karl Albrecht Schachtschneider stammt und über gute Verbindungen zur Identitären Bewegung verfügt. Ähnlich wie Elsässer ist auch Kubitschek vielfach mit antisemitischen Äußerungen aufgefallen[53]. Und ähnlich wie für Elsässers Compact gilt auch für die Zeitschrift Sezession, für die Kubitschek als Chefredakteur arbeitet, dass diese antisemitische Propaganda verbreitet“, https://lbga-muenchen.org/2018/11/19/die-muenchner-afd-und-der-antisemitismus/?fbclid=IwAR1YqVXMYaPMKcw0gkdba_ZYKpzTUateFdO6e-LD4je3sgSkWxqQ_sMy9As (20.11.2018). Zum Middle East Forum und Pipes und deren Unterstützung der Stresemann-Stiftung siehe auch Nico Schmidt (2017): Stresemann-Stiftung erhielt Geld rechter US-Finanziers. Die AfD-Führung will eine neue, parteinahe Stiftung etablieren. Deren Historie führt ins neurechte Milieu und zu amerikanischen Geldquellen, 22.12.2017, https://www.zeit.de/politik/deutschland/2017-12/afd-stiftung-gustav-stresemann-usa-finanzierung (20.11.2018).

 

Feine Sahne Fischfilet – die coolste Antifa-Band und die kritische Antisemitismusforschung

Seit Dessau weiß es auch das ZDF (Brauhaus statt Bauhaus): Die coolste und meist gehasste aller Antifa-Punk-Bands unserer Zeit heißt Feine Sahne Fischfilet:

Natürlich kommen Feine Sahne Fischfilet auch in meinem neuen Buch

Der Komplex Antisemitismus” (Berlin, Edition Critic, 2018) vor:

Das ebenso obercoole Label Audiolith hat mir jetzt dieses Hammer-Bild geschickt, mit Jacobus und Christoph:

Jacobus North (li.) und Christoph Sell von Feine Sahne Fischfilet mit meinem neuen Buch, Foto@audiolith, Hamburg

Danke an Feine Sahne Fischfilet für eure coole Mucke, für musikalische Antifa und die Kraft zum Widerstand gegen die doitschen Zustände, die ihr unzähligen Leuten gebt!!! Und für den Spaß natürlich 😉

 

Antisemitismus heute – in Deutschland – zum 80. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938

Auf Einladung der Kommende Dortmund und von Dr. phil. Dr. theol. Richard Geisen war ich am Donnerstag, den 8. November 2018 in Dortmund in der Reihe “Querdenker” zu einem Gesprächsabend zum Thema “Antisemitismus heute – in Deutschland” eingeladen.

Die ca. 70 Besucher*innen der Veranstaltung hörten sich in der ersten Halbzeit (ca. 60 Minuten) die Fragen von Richard Geisen  sowie meine Antworten zu verschiedenen Facetten des Antisemitismus in Deutschland an.

Ein zentraler Aspekt war hierbei die Frage nach der Bedeutung des neuen Nationalismus in Deutschland seit dem “Sommermärchen” von 2006. Ebenso kamen historische Aspekte des Antisemitismus wie der katholische Bund Neudeutschland, wie auch der heutige Islamismus zur Sprache.

Eine engagierte Besucherin der Veranstaltung sprach mich schon vor Beginn an und betonte, wie schockiert sie als 16jährige junge Frau im Jahr 1957 war, als sie aus eigenem Interesse “Mein Kampf” las, das alle Paare in der Nazizeit zur Hochzeit bekommen hatten. Und schon vor 1933 war u.a. durch “Mein Kampf” der Antisemitismus (Hitlers) allen bekannt. Solche Gespräche mit Bürgerinnen und Bürgern waren sehr wichtig und aufschlussreich.

Klaviermusik, eine Pause mit warmen Brezeln, Getränken und Gesprächen sowie eine ca. einstündige Fragerunde (die zweite Halbzeit) rundeten den Abend ab. In der Pause lag zudem ein Handout von mir aus, das ich hier dokumentiere.

Dr. Richard Geisen und Dr. Clemens Heni, Foto: Copyright@KommendeDortmund

Ein weiterer etwas älterer Teilnehmer betonte in der Diskussion, wie abstoßend er die deutsche Nationalhymne und ihren Text findet, was ich sehr gut nachvollziehe und mit dem Hinweis auf die Kritik an Hoffmann von Fallersleben des Pädagogen Prof. Benjamin Ortmeyer unterstrich. Einige Teilnehmer*innen sahen das erwartungsgemäß ganz anders und folgen eher der stolzdeutschen Linie, manche waren gar ob meines Hinweises überrascht, dass es mitunter Menschen gibt, die eine europäische Fahne benutzen statt einer deutschen.

Clemens Heni und Richard Geisen, Foto: Copyright@KommendeDortmund

Zwei weitere Teilnehmer*innen, offenbar eine Tochter mit ihrer Mutter (ca. 60 bzw. ca. 83 Jahre alt) waren schon gemeinsam in Israel und berichteten von der dramatischen Aussicht vieler französischer Juden – in den letzten Jahren seien 40.000 Juden aus Frankreich nach Israel emigriert, was ich insofern bestätigte, als jedem, der oder die mal in Netanya an der Strandpromenade spazierengeht, auffällt, dass dort primär französisch und nicht hebräisch gesprochen wird, um das mal überspitzt zu formulieren.

Richard Geisen und Clemens Heni, Foto: Copyright@KommendeDortmund

Ganz herzlichen Dank an Richard Geisen für die Einladung und den sehr informativen, politisch sehr bedeutsamen Abend und namentlich das von ihm intensiv vorbereitete Gespräch!

 

Das schlimmste antisemitische Massaker in der Geschichte Amerikas – ab jetzt klebt an allen Trumpunterstützern Blut

Ein Neonazi hat am 27. Oktober 2018 in der Tree of Life Synagoge in Pittsburgh im US-Bundesstaat Pennsylvania 11 Menschen massakriert. Er schrie „tötet alle Juden“ und hatte seine Tat bereits vor einigen Wochen im Internet auf dem rechtsextremen Portal „Gab“ unter einen Link zu der jüdischen NGO HIAS, der 1881 gegründeten Hebrew Immigrant Aid Society, angekündigt. Heutzutage kümmert sich HIAS um Flüchtlinge und organisiert derzeit eine Flüchtlingshilfe-Aktion oder „Karawane“. Wie Spiegel Online berichtet ist nun exakt diese jüdische Organisation seit Wochen immer wieder Thema von Donald Trumps Angriffen im Midterm-Wahlkampf in den USA:

„US-Präsident Donald Trump nutzt diese ‚Karawane‘ seit Wochen als polarisierendes Wahlkampfthema und hat die Verschwörungstheorie verbreitet, sie würde vom Milliardär George Soros finanziert, einem Demokraten-Spender – und Juden.“

Am Montag, den 22. Oktober, war eine Briefbombe an George Soros verschickt worden, 13 weitere sollten folgen, allesamt an Kritiker*innen von Trump wie dem Ex-Präsidenten Barack Obama, der Präsidentschaftskandidatin von 2016 Hillary Clinton, dem Fernsehsender CNN und weiteren von Trump täglich aufgebauten Feindbildern. Der Täter ist ein bereits festgenommener Mann aus Florida, ein fanatischer Trumpanhänger, der einen Van hat, der vollgeklebt ist mit Trump-Bildern und Hetze gegen CNN oder andere Trumpkritiker. Trump machte umgehend die Medien mitverantwortlich für ein Klima der Angst und des Hasses, dabei ist niemand anderes als er selbst derjenige, der seit Amtsantritt eine präsidiale Hasswelle durch das Land jagt, die Amerika noch nicht gesehen hat in seiner langen Geschichte.

Trump selbst hat entgegen dem Rat seiner Berater nach dem Massaker in Pittsburgh seine Wahlkampftermine nicht abgesagt, vielmehr lamentiert, er hätte einen „bad hair day“, weil seine Frisur durch Regen in Mitleidenschaft gezogen worden sei. Der Mann ist eine Mischung aus empathielosem Monster, psychopathologischem Hetzer und faschistoidem Führer. Trump ist die größte selbst produzierte Gefahr für Amerika und die westliche Demokratie aller Zeiten.

Unmittelbar nach dem gestrigen Massaker sagte Trump, hätte die Synagogengemeinde bewaffnete Sicherheitsleute gehabt, wäre es nicht so schlimm ausgegangen. Selbst schuld, ist die Message. Es fehlen einem für eine solch verkommene Person die Worte. Trump ist eine Zeitbombe und seine Anhänger nehmen jetzt die Waffen in die Hand und ermorden Juden, senden Briefbomben an Kritiker*innen Trumps oder, ebenso diese Woche, ermorden gezielt Schwarze. 

Die Morde an den Juden in der Synagoge in Pittsburgh gehen auch auf das Konto von Donald Trump, seine Wähler*innen und auch hiesigen Anhänger*innen.

Warum? Der Kern seiner Ideologie wie auch jener der AfD ist der Antisemitismus, das Nicht-Greifbare, der Verschwörungswahnsinn. Ganz konkret ist es die antisemitische Wahnvorstellung, der Jude George Soros würde NGOs dafür bezahlen, dass Flüchtlinge nach Europa oder die USA und den Westen generell kommen würden, damit dort die „nationale Identität“ unterminiert werde.

So agitiert Viktor Orbán, der ungarische Ministerpräsident, und hat im Bundesinnen- und Heimatminister und CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer einen engen Freund, auch der CSU-Mann Alexander Dobrindt schätzt Orbán, von der rechtsextremen österreichischen ÖVP/FPÖ-Regierung oder den italienischen Neofaschisten an der Macht nicht zu schweigen.

Und selbst der Grünen-Chef Habeck macht dieses rassistische Spiel mit und spricht mit der Bild-Zeitung über die „Fehler“, die – wer wohl? – Merkel gemacht habe, das Land sei im Herbst 2015 nicht auf den Ansturm der Flüchtlinge vorbereitet gewesen. Als ob das unser Problem wäre, seit 2015, und nicht die Brandanschläge, die unfassbare Hetze, die alle das gleiche ideologische Fundament haben wie Trump: demnach sind die Menschen nicht gleich.  Wir haben eine Nazikrise, keine Flüchtlingskrise.

Besonders schockierend sind jene Trumpunterstützer, die jetzt sicher Krokodilstränen weinen und betonen werden, dass sie so ein Massaker an Juden natürlich nicht gut finden und auch nicht wollten. In Wahrheit haben sie alle ihren Anteil daran, dass Trump so hetzen kann, wie er es tut. Entweder beteten sie für ihn wie das Simon Wiesenthal Center bei Trumps Inauguration am 20. Januar 2017, oder sie loben Trump direkt oder indirekt wegen seiner Nahostpolitik.

Seit Jahren arbeite ich für eine seriöse, linkszionistische Israelsolidarität. Das ist ein fast unmögliches Unterfangen, da hierzulande Links-Sein der Inbegriff des Bösen ist und linke Zionisten werden diffamiert oder ignoriert. Das vorab.

Nun: Das zynische Moment der sogenannten „Pro-Israel-Szene“ in Deutschland und Österreich liegt darin, dass sehr viele ihrer Vertreter*innen Trump seit Anbeginn unterstützen und absichtlich so taten und tun, als ob so ein antisemitisches Massaker nicht absehbar war.

Der Germanist Gerhard Scheit hat Trump bejubelt und ihn mit Hegel im Gepäck auf der Seite des Bloggers Alex Feuerherdt sofort nach der Wahl im November 2016 promotet, andere Publizisten wie Autoren des Portals Mena-Watch unterstützen Trump ganz strategisch, so Matthias Küntzel, der sich über Trumps Anti-Iran-Politik freut, Alexander Gruber, der die Israel/Palästina Politik Trumps irgendwie cool findet,  Thomas von der Osten-Sacken, der so tut, als sei Trump der wahre Erbe der Anti-Nazi-Koalition vom 8. Mai 1945 (dabei ist Trump in Wahrheit eine Art amerikanischer Nachfolger der Nazis, wenn wir alleine die antisemitische, auf Verschwörungswahnsinn basierende Hetze anschauen), oder Florian Markl mit einer Rabulistik, Trump habe dies oder jenes bezüglich Iran gesagt oder auch nicht, jedenfalls schreibt er mit einer klaren Pro-Trump Tonlage – all diese Beispiele zeigen, dass Trump noch so sexistisch, rassistisch, volksverhetzend und antisemitisch agieren kann, sein Fußvolk steht stramm zu ihm.

Oder nehmen wir das Blog tw24, das Trumps Idee einer Friedenslösung für Nahost, Israel und Palästina irgendwie spannend findet und auf den „Deal des Jahrhunderts“ Trumps wartet. Sie alle rationalisieren die Trumpsche Gewalt tagtäglich, sie loben seine Entscheidung, die amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen, sein Aufkündigen des Atomdeals mit Iran oder seine Kritik an der palästinensischen Flüchtlingsorganisation UNRWA.

Sie suchen sich Rosinen aus dem Kuchen und sehen nicht das Blut der Opfer, das Trump herbeischreit, tagtäglich.

All diese Autoren (hier: alles Männer, aber es gibt ganz sicher auch Frauen, die genauso bescheiden denken) haben ihren Anteil daran, dass Trump nicht jeden Tag seit seinem Amtsantritt als der antisemitische, rassistische und antidemokratische Agitator und Volksverhetzer bezeichnet wird, der er ist.

Ohne Trump hätte es dieses fürchterliche antijüdische Massaker in einer Synagoge in den USA womöglich nicht gegeben. Neonazis, die mit unzähligen Waffen (auf den Mörder von Pittsburgh sind nicht weniger als 21 Schussfeuerwaffen zugelassen) ausgerüstet sind und schon lange vor Trump Juden hassten, hätten vielleicht auch ohne ihn so eine Tat begangen.

Aber die unglaubliche, tagtägliche Hetze Trumps seit dem Wahlkampf und dann nach seiner Wahl im November 2016 hat ein Klima der Angst und der Aufstachelung erzeugt, das es in dieser Form wohl noch nie in den USA gab, jedenfalls nicht in den letzten Jahrzehnten. Jüngst lobte Trump einen republikanischen Politiker, der einen jüdischen Reporter des englischen Guardian k.o. schlug und ihm die Brille zerschmetterte. Das mag Trump.

Trumps Kokettieren mit den Neonazis in Charlottesville 2017 war genau so gemeint: „very fine people among them“. Jetzt hat ein Neonazi Juden in einer Synagoge ermordet, er hat Trumps Hetze gegen Juden Taten folgen lassen.

Und auch das wird die selbst ernannte „Pro-Israel-Szene“ nicht dazu bringen, Trump kategorisch als Feind der Demokratie und der Juden zu sehen. Dass diese selbst ernannten Pro-Israelis kein Problem damit hatten und haben, dass Trump Frauen missbraucht oder rassistisch und behindertenfeindlich agitiert, ist schon skandalös. Aber ab jetzt klebt Blut an jenen, die sich nicht unumwunden gegen den Faschisten Donald S. Trump stellen.

Pittsburgh ist das 1938 Amerikas und des Westens.

 

Der Autor, Dr. phil. Clemens Heni, ist Politikwissenschaftler, kürzlich erschien sein neues Buch: “Der Komplex Antisemitismus”

Kopftuchfrauen und AKP-Islamisten sowie AfDler und Nazis raus

Es gibt zwei riesige Gruppen von Menschen, die eine Gefahr für die Demokratie darstellen und seit Jahren den Alltag in diesem Land immer übler machen: Nazis und Islamisten, AfD-Wähler*innen und Kopftuchfrauen, AKP-wählende türkische Machos und Messer stechende Nazis (wie am 28. September 2018 in Naumburg an der Saale in Sachsen-Anhalt, als ein linker Journalist von Nazis attackiert wurde).

Einige Tage zuvor ging ich mit einem Freund – wie seit vielen Jahren immer wieder mal – in ein Restaurant/Café in Berlin-Kreuzberg. Früher war das Personal typisch berlinerisch, etwas freche berliner Schnauze, aber freundlich, mitunter herzlich, vor allem aber: locker, cool, westlich und gänzlich unverschleiert die Frauen.

An diesem Tag im September jedoch neues Personal: ein peinlich muskelbepackter offenkundig türkischer Macho (der Kaffee kochen mit Hanteltraining verwechselte) mit einer Mitarbeiterin, streng mit einem Kopftuch eingehüllt. Beide vermutlich in Deutschland geborene Menschen, jedenfalls sprachen sie fließend deutsch und machten nicht den Anschein, als ob sie hier neu oder “verunsichert” wären. Nein, sie wirkten aggressiv und autoritär, unangenehme Menschen.

Wiederum einige Tage später in einem EDEKA-Supermarkt, den ich auch seit vielen Jahren regelmäßig besuche. Der Laden war bislang vor allem abends bis kurz vor Ladenschluss um 22 Uhr recht cool, die Mitarbeiter*innen studentisch, jung und freundlich. Heute nun eine verschleierte Frau, vermutlich ebenso in Berlin geboren wie die beiden Restaurantbetreiber*innen in Kreuzberg. Sie war ganz sicher nicht locker, sondern verdruckst und steif – ob sie vom Elternhaus oder dem Mann, Freund oder Bruder gezwungen wird, ihr doppelt starkes Kopftuch zu tragen? Das Gesicht wirkte völlig verklemmt, eingeengt und unfrei. Ein Trauerspiel, so ein Gesicht zu sehen.

Das passt zu dem hardcore islamistischen Auftritt des Autokraten Erdogan letzte Woche in Berlin bzw. in Köln. Sein völlig unverschämtes, aggressives Auftreten (nebst seiner unsagbar peinlich verschleierten Frau), namentlich beim Gala-Dinner im Schloss Bellevue und bei Bundespräsident Steinmeier, zeigt, wie der Islamismus Raum ergreift. Die Bundesregierung half dabei und ließ einen anti-islamistischen Journalisten von der Pressekonferenz entfernen. Der Blogger Rayk Anders kann es nicht fassen. Das ist Deutschland 2018.

Die Tausenden fanatischen Muslime, die AKP wählen und ihn jetzt bejubelten, sollten dieses Land verlassen, ich bin es leid, Hunderttausende extremistische Türken hier zu haben, die erstens hierzulande das Klima vergiften mit ihrer Anwesenheit und ihrem Handeln und die zweitens den Reichtum, den sie hier anhäufen, perfiderweise benutzen, um die Reste der Demokratie und der Zivilgesellschaft in der Türkei zu zerstören (wer dazu einen Beleg möchte, nehme eine x-beliebige Taxifahrt in Hessen, Baden-Württemberg oder Berlin etc. und wird von super aggressiven türkischen Staatsbürgern entsprechend informiert, wie viel Geld sie hier verdienen und das dann für die AKP etc. einsetzen).

Es gibt exakt zwei Gruppen von Menschen, die dieses Land an den Abgrund führen, und das nicht aus Kritik an Deutschland, sondern aus Liebe zu ihm und zu Allah:

AfD-Wähler*innen und andere Nazis sowie Islamisten und AKP-Wählerinnen und Kopftuchfrauen.

Es geht nicht um die 60jährigen türkischen Frauen, die aus Tradition, so wie sie es in der rückständigen Türkei kannten, Kopftuch tragen, nein. Es geht auch nicht um die Flüchtlingsfrauen aus Afghanistan, die in der Tat einen Kulturschock erleben, angenommen sie sind keine überzeugten Islamistinnen oder Anhängerinnen der Taliban.

Es geht primär um die 23- oder 31jährigen türkischen (oder, in kleinerer Zahl: palästinensischen, arabischen oder bosnischen) Frauen, die nicht aus Tradition – welche Tradition, wo es in Kreuzberg oder Tempelhof und Marzahn doch bis vor wenigen Jahren so gut wie keine Kopftücher gab? -, vielmehr aus Fanatismus und religiösem Extremismus dieses missionarische Symbol des Islam schlechthin tragen.

Seit dem 11. September 2001 geht das so. Der Islam sei das eigentliche Opfer dieses massenmörderischen islamistischen Anschlags gewesen, insinuieren die Multikulti-Ideologen.

Die 3000 pulverisierten Menschen, von denen noch immer nicht alle identifiziert sind, sind Opfer des Islamismus – und was war die Konsequenz im Westen? Mehr “Respekt” vor dem Islam, gerade die sich links fühlenden Leute, aber auch weite Teile des Mainstream, forderten und fordern mehr religiöse Monologe oder interreligiöse Dialoge (natürlich ohne Juden, das ist eh klar, und wenn, dann nur mit antizionistischen Juden, das ist wiederum hip und koscher).

Natürlich ist es nicht absehbar, dass hier Islamisten die Macht bekommen, es gibt keine islamistische Partei im Bundestag – hingegen eine rechtsextreme Partei, die Alternative für Deutschland (AfD). Die hetzt gegen alle Nicht-Deutschen und den Islam an und für sich. Dabei gibt es ja säkulare Muslime. Sie zu unterstützen ist so angesagt wie nie zuvor.

Doch im Alltag sind die islamistischen Muslime in einer enormen Zahl präsent. Wie gezeigt, basierend auf einer 15jährigen Erfahrung alleine in Berlin: es wird extremistischer, mehr und mehr Kopftuch tragende Frauen (von den Mädchen und den unter Kindesmissbrauch fallenden Mädchen unter 14 Jahren nicht zu schweigen) verunstalten das Stadtbild.

Sie ergänzen die Nazi-Demos wie in Chemnitz, Köthen oder auch in Berlin.

Doch ein sehr großer Teil der sich links fühlenden Anti-Nazis – wie jene Leute, die am 14. Oktober zu einer Großdemonstration unter dem Motto “unteilbar” aufrufen – machen gemeinsame Sache mit dem Islamismus, wie Schmalle kritisiert.

Diese “Linken”, die keine sind, haben seit dem 11. September 2001 nichts gelernt – sie denken, nur weil Nazis gegen Muslime sind, sind Muslime apriori gut und die Opfer. Doch Islamisten sind wie Nazis die Feinde der Demokratie, des Westens und Israels. Erdogan hat viel antisemitische Hetze gegen Israel verbreitet und bekanntlich auch den Holocaust und den Nationalsozialismus verharmlost, wenn er den SS-Staat mit heutigen Bundesregierungen oder der Bundeskanzlerin vergleicht.

Es gib viel zu tun. Die Islamisten sollten ernsthaft überlegen, die Koffer zu packen und die Nazis, die man auf diese Weise leider nicht los wird, müssen im Alltag mit aller publizistischen, zivilgesellschaftlichen und politischen Kraft bekämpft werden.

Die Welt kann man sehr wohl teilen, Nietzsche (“Gott ist tot”) teilte sie bekanntlich in eine vor und eine nach ihm, und heute kann man die Welt in autoritär (Nazis und Islamisten) und wenigstens nicht-autoritär (von anti-autoritär kann mensch wenigstens träumen) teilen.

Think about it.

Mag Kramp-Karrenbauer Nazis? Stoppt die CDU, bevor es zu spät ist!!!

Die CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer hat frontal Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kritisiert, weil sich dieser unzweideutig gegen Nazis, Hitlergrüße, ganz normale Doitsche, die zu nicht-deutsch genug wirkenden Menschen “Viehzeug” schreien, wie in Chemnitz geschehen, stellt. Steinmeier unterstützt das heute stattfindende Konzert in Chemnitz mit den Toten Hosen, Kraftklub und Feine Sahne Fischfilet:

“Kramp-Karrenbauer sagte der ‘Welt’ zu Steinmeiers Haltung, sie finde das ‘sehr kritisch’. “Denn das, was wir wollen, ist, unsere Demokratie und unseren Rechtsstaat gegen rechts zu schützen. Und wenn man das dann mit denen von links tut, die genau in der gleichen Art und Weise auf Polizeibeamte verbal einprügeln, dann halte ich das für mehr als kritisch.”

Mit genau solchen Personen wie Annegret Kramp-Karrenbauer verharmlost man die Nazis. Diese antisemitisch motivierte Gleichsetzung von Rot und Braun war bereits Staatsideologie von Joachim Gauck und auch jetzt sieht eine CDU Generalsekretärin keinen Unterschied zwischen Linken, die Staatsgewalt kritisieren, was mehr als notwendig ist aus demokratischer Sicht, und Neonazis, die die Demokratie zerstören wollen und den Holocaust feiern.

Die CDU setzt also Nazis und Linke auf eine Stufe und damit zeigt Frau Kramp-Karrenbauer, dass sie nichts aus der Geschichte gelernt hat und fehl am Platze ist.

Die CDU hofiert die Nazis, ob via sächsische Landesregierung oder via Kramp-Karrenbauer, denn JEDE Gleichsetzung von Rot und Braun dient nur dazu, die Nazis zu verharmlosen und jeden Kampf gegen rechts zu diffamieren.

Wir sind alle Feine Sahne Fischfilet und die CDU ist Teil des Problems, das in Chemnitz seine Nazi-Fratze zeigt.

Antirassismus konkret oder Trevor Noah: Afrika ist Weltmeister – gemeinsam mit Frankreich

Der neue Fußball-Weltmeister der Männer heißt Afrika, genauer gesagt: Frankreich. In einem teils spielerisch begeisternden Stil haben Mbappé, Pogba oder Kanté gemeinsam mit Griezmann, Giroud und Lloris völlig verdient, mit viel Schwung und fußballerischer Klasse, technisch wie taktisch, die Weltmeisterschaft gewonnen. Es war ohnehin eine insofern wunderbare WM, als die deutsche Mannschaft endlich das klar machte, was viele seit Jahrzehnten erhoffen: das Vorrundenaus.

Dass gerade die Kroaten mit ihrer Vorliebe für faschistische Lieder und Sänger und unglaublichem Dusel (3mal mussten sie in die Verlängerung, dabei zweimal ins Elfmeterschießen) ins Finale gekommen waren – ärgerlich, aber nicht wirklich bemerkenswert.

Die politisch katastrophale Situation in Russland war kaum Thema und das wird in vier Jahren bei der geplanten WM in Qatar, die im Winter stattfinden soll, auch nicht anders sein. Die FIFA hat noch mit jedem korrupten oder möglicherweise korrupten Land kooperiert (erinnern wir uns an die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland und an unzählige weitere Beispiele…).

Es gibt nun einen aktuellen Beitrag zum WM-Sieg Frankreichs des südafrikanischen Kabarettisten Trevor Noah, Sohn einer südafrikanischen Mutter und eines deutschschweitzerischen Vaters. Noah wuchs zu Zeiten der Apartheid in Südafrika auf, die Beziehung seiner Eltern war “illegal”. 2011 zog er in die USA.

Nun bekam Trevor Noah einen Brief des französischen Botschaftes in den USA. Warum? Er hatte in seiner Sendung “Daily Show”, die er seit 2015 moderiert, gesagt, dass er es toll finde, dass Afrika Weltmeister geworden sei. Es war ein “joke”.

Das hat den französischen Botschafter in den USA und viele Franzosen auf die Palme gebracht – der Botschafter schrieb einen Brief an Noah und betont, dass alle Spieler Franzosen seien (nur zwei seien außerhalb Frankreichs geboren) und also nicht Afrika, sondern Frankreich gewonnen habe.

Nun ist Trevor Noah ein weltgereister Mann, der viel Rassismus in Südafrika erfahren hat, als kleiner Junge, und betont, warum es nicht möglich sein soll, sowohl Puerto Ricaner oder Ire und Amerikaner zu sein. So wie man Afrikaner und Franzose sein könne.

Das Video ist eine Lehrstunde in Demokratietheorie – gerade gegen die “Nazis in Frankreich”, die Trevor sehr wohl erwähnt und attackiert, die den WM-Titel ablehnen, weil ja das Team afrikanisch und nicht französisch sei.

Doch genau das möchte Noah bekämpfen, inder er sagt, Frankreich und Afrika hätten die WM gewonnen. Die Betonung des Botschafters, Frankreich habe eine “vielfältige Geschichte” wäre eventuell noch präziser, so Noah, wenn er gesagt hätte, eine “Kolonialgeschichte”.

Trevor Noah bringt ein Beispiel, das für die Politikwissenschaft, die Demokratietheorie, die politische Kultur wie die Analyse des rassistischen Diskurses von enormer Bedeutung ist: viele erinnern sich noch an jenen malischen Flüchtling, der ohne Papiere in Frankreich lebte und einem Kind, das hilflos am Geländer eines Balkons hing, das Leben rettete, der “Spidermann” von Paris. Wenig später erhielt er vom französischen Präsidenten Macron die Staatsbürgerschaft verliehen. Ein Held. Aber was für ein Held?

Trevor Noah macht das deutlich: als der Mann aus Mali unten stand an dem Haus, war er ein Afrikaner, als er nach 36 Sekunden oben ankam und das Kind rettete, war er plötzlich ein Franzose. Doch hätte er das Kind aus Pech tragischerweise wieder fallengelassen, wäre er weiter ein Afrikaner. So schnell kann das mit der Staatsbürgerschaft gehen.

Von daher Trevor Noah anschauen, dieser Beitrag ist Pulitzer-Preis verdächtig.

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