„Mit Nazis reden und mit Nazis Sport treiben“

Die Salonfähigkeit der Neuen Rechten zerbröselt die Demokratie und zementiert die Alltäglichkeit rechtsextremer Gewalt. Das Feuilleton klatscht, die Leitung der Frankfurter Buchmesse, die größte ihrer Art weltweit, lädt Neonazis ein und wundert sich, dass auch Neonazis kamen. Ein Blick in einen aktuellen Bestseller zeigt, warum das so ist. In dem Buch „Mit Rechten reden“ stellen die Autoren Per Leo, Daniel-Pascal Zorn und Max Steinbeis ihre „25 goldenen Regeln, die sich nach unserer Auffassung durch das Reden mit Rechten für das Leben gewinnen lassen“ auf, darunter: „5. Der andere könnte Recht haben“, „9. Achte Deinen Gegner“, „10. Ein Streit ohne Lachen ist kein guter Streit“, „18. Treibe Sport mit Nazis“ und „22. Bevor du jammerst, mach‘ Musik“.

So etwas wird heutzutage nicht nur gedruckt, sondern sogar ein Bestseller, weil alle geradezu geil darauf sind, zu erfahren, wie es sich anfühlt mit Menschen zu reden, die für den Mord an über 184 Schwarzen, People of Colour, Muslimen, Linken, Punkern, Obdachlosen, Behinderten, Nicht-Deutsch-genug-Aussehenden und anderen mit verantwortlich sind und die wieder stolz sind auf die deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen.

Schon die Historikerin Christiane Eisenberg hat vor fast 20 Jahren die Nazifizierung des Sports 1936 in ihrer Habilitationsschrift entgegen den Analysen der kritischen Sport- und Politikwissenschaft euphorisch dargestellt und wurde Professorin. Für sie waren Liegestühle, Blumenbeete und ein Kino für die Sportler der Olympiade 1936 in Berlin so berauschend und modern wie 1932 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles.

Mit Nazis Sport treiben zeigt nicht nur die moralische Verkommenheit des ganzen Landes, es zeigt vor allem, womit man heute Geld verdienen kann.

Umso beschämender, wenn selbst Kritiker der Nazis nicht auf der Höhe der Zeit sind. So sagt der Geschäftsführer der Amadeu Antonio Stiftung, Timo Reinfrank, im Gespräch mit der taz Folgendes:

„Wir müssen die Situation noch einmal analysieren, das wollen wir auch gern mit der Buchmesse zusammen tun. Man muss für die Zukunft gucken, dass die Nazis ihre Inszenierung nicht noch einmal so durchziehen können. Ich weiß, dass es rechtlich schwierig ist, die Verlage ganz auszuschließen, auch gerade aufgrund der Erfahrung aus dem Nationalsozialismus im Umgang mit jüdischen Verlagen und Autoren. Aber rückblickend fand ich es schwierig, dass sie einfach einer unter vielen Verlagen waren und dass sie sich einen Platz im Programm einfach mieten konnten. Die Buchmesse hat durchaus versucht, damit umzugehen, und es gab auch gute Ansätze. Ich fand es bemerkenswert, dass die Buchmesse selbst eine Demonstration gegen Rassismus durchgeführt hat.“

Es war ohnehin bereits ein Fehler, dass die AAS wie auch andere Anti-Nazi-Gruppen auf diese Buchmesse gegangen sind und ja von vornherein für die Messeleitung als Alibi dienten, dass auch Neonazis eingeladen werden. Doch dieses Zitat ist ungeheuerlich. Reinfrank und die taz insinuieren, man müsse sich die Judenpolitik der Nazis und den nationalsozialistischen Antisemitismus vor Augen halten, wenn man heute Neo-Nazi-Verlage ausschließen möchte von einer Buchmesse.

Erstens ist das juristisch gar nicht belegt, was der AAS-Frontmann hier sagt: welches Gesetz soll es geben, das einem Verlag auf einer privaten (!) Veranstaltung, die Buchmesse ist eine privatkapitalistische Firma, die „Frankfurter Buchmesse GmbH“, das Recht gibt, aufzutauchen? Seit wann kann eine Buchmesse nicht entscheiden, welcher antidemokratische, zur Gewalt aufrufende Verlag nicht teilnehmen darf?

Edeka und Thalia verkaufen das rechtsextreme und verschwörungsmythische Compact-Magazin nicht mehr und das ist auch gut so und Teil einer demokratischen, wehrhaften politischen Kultur. Deshalb jaulten die extremen Rechten 2015 über diese Entscheidungen von Thalia und EDEKA.

Und selbst wenn es ein solches Gesetz gäbe: wie unmoralisch und unethisch muss man sein, um nicht offensiv zu fordern:

„ganz egal welche Grundlage es geben soll, Neo-Nazi-Verlage, die symbolisch für die über 184 seit 1989/1990 von Rechtsextremen Ermordeten und für die Bejahung des Nationalsozialismus und der deutschen Verbrecher und Verbrechen der Wehrmacht stehen, haben hier nichts zu suchen!“

Nein, dazu ringt sich die AAS nicht durch, dafür macht sie einen der größten PR-Fehler überhaupt: sie bietet den Nazis die Opferrolle an. Die hatten die Rechtsextremen schon längst angenommen, mit einem Flugblatt des Antaios Verlags vom 14. Oktober 2017, letzten Samstag, als sie die Kritik am Auftreten von Neonazis auf der Buchmesse zum Anlass nahmen, sich selbst als die Opfer wie die Juden ab 1933 zu präsentieren:

„Es ist das erste Mal seit 1933, daß im Lande der Bücherverbrennungen unliebsame Verlage und unerwünschte Bücher in einer öffentlichen Buchmesse wieder Opfer offener Gewaltakte werden.“ (Flugblatt, offenbar verteilt auf der Buchmesse am 14.10.2017)

Mit Nazis redet man nicht und man treibt auch keinen Sport mit Nazis.

Nazis gehören bekämpft und das mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln wie einem Ausschluss von einer Buchmesse. Damit soll gar nicht gesagt werden, dass sonst keine problematischen Verlage auf solchen Riesenevents auftauchten, auch antisemitische, ganz sicher. Aber diese Verlage sind zumindest keine körperliche Gefahr für Anwesende, während die diesjährige Präsenz von Junger Freiheit, Tumult, Antaios etc. dazu führte, dass ein Verleger mit einem Faustschlag verletzt wurde und über Tage hinweg für Linke oder dafür Gehaltene eine extreme Bedrohungssituation herrschte.

Wie tief sedimentiert mittlerweile das Gerede über „mit Rechten reden“ ist, zeigt also auf besonders absurde Weise das Interview mit dem AAS-Geschäftsführer in der taz. Evtl. würde ihm ein Geschichtsstudium helfen, zu verstehen, dass man den Ausschluss von Nazis hier und heute niemals auch nur im Ansatz mit dem Nazi-Antisemitismus nach 1933 vergleichen kann.

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Clemens Heni – Eine Alternative zu Deutschland. Essays

NEUERSCHEINUNG am 30. September 2017:

Clemens Heni

Eine Alternative zu Deutschland. Essays

 

Berlin: Edition Critic, 2017

ISBN 978-3-946193-17-3 | Softcover | 14,8x21cm | 262 Seiten | Personenregister | 15€

Bestellbar in jeder Buchhandlung oder versandkostenfrei direkt beim Verlag:

info[at]editioncritic.de

 

Dieses Buch ist eine intellektuelle Zeitreise von Juli 2006 bis September 2017.

Es zeigt auf, wie es vom »Sommermärchen« 2006 über die Rede vom »Inneren

Reichsparteitag«, Pegida, den Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit), die

Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten bis hin zum Aufstieg der AfD kommen

konnte. Betont wird die Verantwortung der Medien und des Fernsehens für

diesen Aufstieg. Die demokratischen Parteien im Deutschen Bundestag müssen

sich das erste Mal in der Geschichte mit neonazistischen Positionen im Parlament

befassen – doch sind sie darauf vorbereitet?

 

»Wer nach einer Vergewisserung sucht, wo Deutschland heute steht, wird sie in diesem Buch finden. Mit scharfem Verstand und mit angespitzter Feder zeichnet Clemens Heni funkelnde Momentaufnahmen der letzten elf Jahre. Heraus kommt, wie bestürzend sich die zivile Achse des zuvor offenen Selbstverständnisses nach rechts verschoben hat. Wer die Hoffnung auf eine bessere Zukunft teilt, muss die Gegenwart schonungslos kritisch beleuchten. Daraus mag ›eine Alternative zu Deutschland‹ entstehen.«

Gert Weisskirchen, 1976–2009 Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB), 1999–2009 außenpolitischer Sprecher SPD Bundestagsfraktion, 2006–2008 persönlicher Beauftragter des OSZE Vorsitzenden im Kampf gegen  Antisemitismus, Prof. (em.).

»Clemens Heni erkennt in der aktuellen politischen Kultur dieses Landes noch immer die Spuren des Judenhasses und des von Deutschen begangenen und zu verantwortenden Mordes an den europäischen Juden. Ohne mit Heni in allen Fällen übereinzustimmen, führen seine Beiträge doch ins Herz der aktuellen Debatte über Deutschland und regen zu fruchtbarem Widerspruch an.«

Prof. Dr. Micha Brumlik, 2000–2013 Professor für »Theorien der Bildung und Erziehung « am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Goethe Universität Frankfurt am Main, 2000–2005 Direktor des Fritz Bauer Instituts, Forschungs- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust an der Goethe Universität.

»Wo nationalistische Töne sich erheben, ein Schlussstrich unter die deutschen Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts gefordert und Judenhass zu einer scheinheiligen Kritik an Israel sublimiert wird, holt Clemens Heni zum grossen Rundumschlag aus: gegen Zyniker, Großaffirmatoren, Antihumanisten und Holocaustverharmloser im Deutschland der Gegenwart. Selbst wenn man ihm nicht immer folgen mag, schreibt er doch mit viel Scharfsinn und Sachkenntnis. Fazit: Unbedingt lesenswert und gerade vor dem Hintergrund der Bundestagswahl von brennender Aktualität.«

Dr. phil. Michael Kreutz, Politologe und Orientalist

»Clemens Heni ist ein Ein-Mann-Korrektiv zum andauernden deutschen Geschichts-Roll-Back, wach, intelligent, unerlässlich in Zeiten der schwächelnden Demokratie.«

Georg Diez, Spiegel-Online-Kolumnist, Buchautor, 2016/17 Nieman Fellow der Harvard Universität, USA

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Juden für mehr Neo-Nazismus im Deutschen Bundestag?

Die Bundestagswahl am 24. September 2017 wird aller Voraussicht nach dazu führen, dass erstmals seit 1949 eine Neo-Nazipartei in den Deutschen Bundestag einziehen wird.

Das wirklich Neue ist: auch Juden können diesmal bei der deutschen Volksgemeinschaft mitmachen. Das Feindbild ist klar:

Holocausterinnerung, Linke, Muslime, Einwanderer, Flüchtlinge, Gender und die Demokratie.

Noch nicht mal die AfD-Putin-Iran-Connection, wie man sie z.B. in der Beziehung des Vorsitzenden der Jungen Alternative (JA), der Jugendorganisation der AfD, in der Person Markus Frohnmaier sehen kann, irritiert dabei. Diese Iran-Putin-Deutsche-Neonazis-Connection hat ein starkes Fundament: Hass auf Juden, Abwehr der Erinnerung an die Shoah und autoritäre Charakterstrukturen, ob islamistisch, christlich oder heidnisch.

Nun macht der Herausgeber der Jüdischen Rundschau, der Unternehmer Rafael Korenzecher, gegen die Holocaustüberlebende und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, mobil.

Er attackiert sie frontal, weil sich Knobloch engagiert gegen die rechtsextreme AfD wendet.

Korenzecher bezieht sich dabei auch auf die Trump-Anhängerin Orit Arfa, eine extrem rechte israelische Journalistin der Jerusalem Post, die in Berlin lebt und folgendes schreibt:

„Ich bin nicht in Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft jedoch bin ich eine aufmerksame Berichterstatterin. Als israelisch-amerikanische Jüdin liebe ich es in Berlin zu leben und ich möchte Deutschland und die Juden hier in Sicherheit wissen. Ich verstehe das Verhalten der organisierten jüdischen Gemeinschaft in Deutschland nicht. Mir scheint sie hassen die AfD mehr als die radikalen Islamisten die die Vernichtung der Juden propagieren.“

Das kann man nicht anders denn einen jüdischen Aufruf für mehr Neo-Nazismus im Deutschen Bundestag lesen.

Seit wann verharmlosen der Zentralrat der Juden, jüdische Gemeinden oder Charlotte Knobloch den jihadistischen Terror oder islamistischen Antisemitismus?

Das ist eine fanatische, realitätsgestörte Verdrehung von Fakten, die aber im AfD-Spektrum als „alternative Fakten“, als fake news daherkommen. Der Wahnsinn kennt da offenbar keine Grenzen.

Es gibt aber immer noch Juden wie Nicht-Juden in diesem Land, die es unfassbar finden, dass mit der AfD eine Partei in den Bundestag gewählt werden wird, die

  • das Wort „völkisch“ wieder verwenden möchte (Frauke Petry),
  • deren Spitzenkandidatin Alice Weidel nicht mehr leugnet, 2013 über Mitglieder der Regierung Merkel geschrieben zu haben: „Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK und haben die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen“
  • die „stolz“ ist auf die „deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen“, also auch auf den Holocaust (Alexander Gauland)
  • in Naziterminologie von „Volksverräter“ und „Lügenpresse“ hetzt und die Kanzlerin wahlweise am Galgen aufhängen oder einsperren sowie Deutsche „in Anatolien entsorgen“ will
  • das Holocaustmahnmal als „Mahnmal der Schande“ diffamieren (Björn Höcke)

Leider war ich selbst 2014 ein paar Monate Chefredakteur der Jüdischen Rundschau (JR), ehe ich den extrem rechten Kurs des Herausgebers erkannte und von mir aus den Job kündigte. Schon damals ging es um meine Kritik am sehr rechten und bei Linkszionist*innen nicht nur in Israel seit Jahren massiv bekämpften Kurs von Benjamin Netanyahu.

Für die JR ist der Linkszionismus ein rotes Tuch, diese agitatorische Zeitung schadet Israel und den Juden.

Ich möchte mich bei allen Leserinnen und Lesern, bei allen Autorinnen und Autoren entschuldigen, und alle Autor*innen, die bis heute in diesem Hetzblatt schreiben, fordere ich hiermit auf, die Unterstützung für die JR einzustellen.

Diese Zeitung agitiert gegen ‚das System‘ und die „Mainstream-Politik“ (O-Ton Korenzecher) und spielt der AfD ganz offen in die Hände.

Wer weiter für eine solche Zeitung schreibt, für sie arbeitet, ihr Interviews gibt oder sie sonstwie unterstützt, macht sich mitverantwortlich.

Wie Gauland macht auch Korenzecher gegen Frau Özoguz mobil:

„Auch darüber sollten sich die jüdischen Unterstützer der Etablierten keine Illusionen machen — es ist keinesfalls die Sorge um die Juden oder um Israel, die die etablierten Parteien, ihre Führungsakteure wie Gabriel, Özoguz, Niebe, Steinmeier und sehr viele andere mehr bei ihrer Ablehnung der AfD bewegt. Es ist die Angst der gegenwärtigen Bevormundungs-Elite vor dem ohnehin unvermeidlichen Erstarken dieser von ihnen nicht zu beherrschenden Opposition, die zu alledem auch noch vor allem ein Ergebnis des eigenen politischen Versagens dieser Führung ist.“

Der Deutschlandfunk wiederum gibt dem jüdischen Historiker Michael Wolffsohn Platz, um sich vehement dagegen zu verwahren, die AfD und ihre Wähler*innen an und für sich als „Nazis“ zu bezeichnen, von Ausnahmen abgesehen – der Kern ist: er möchte die Partei als eine irgendwie gar nicht so schlechte und vor allem verständliche Idee, lediglich mit ein paar Nazis oder „schmuddligen“ (O-Ton) Elementen, als legitim darstellen. Er fühlt sich ein in die Gehirne der Agitator*innen und behauptet eine regelrechte Zunahme von „Terrorismus“ in Deutschland (!):

„Aber erstmals gibt es einen nicht zu leugnenden Zusammenhang zwischen der Flüchtlingswelle und dem Anstieg des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. Das heißt nicht, dass alle Flüchtlinge Terroristen wären, aber dass es unbestreitbar einen Zusammenhang gibt zwischen den Flüchtlingen aus ganz neuen Regionen, erstens Syrien/Irak und Nordafrika, und das sind die Regionen, aus denen bislang die Terroristen kommen.“

Die Ablehnung, AfDler als „Nazis“ zu bezeichnen, wie es Außenminister Sigmar Gabriel zu Recht macht, bringt Wolffsohn konsequenterweise das Lob der extrem rechten Jungen Freiheit ein.

Spräche Wolffsohn vom Terrorismus in Europa, der durch die Flüchtlinge erstarkt sei, wäre es auch falsch, da die meisten Jihadisten, ob in Belgien, England oder Frankreich, home-grown sind. Der schlimmste jihadistische Anschlag in Europa in den letzten Jahren ereignete sich in Paris am 13. November 2015 mit 130 Ermordeten, darunter 89 Toten in dem Veranstaltungszentrum Bataclan. Mindestens sieben der neun Jihadisten waren französische (fünf) bzw. belgische (2) Staatsbürger und gerade keine Flüchtlinge. Das zeigt, wie groß das Problem mit in Europa geborenen Islamisten ist – aber das will die Agitation seit 2015 nicht sehen, sondern Flüchtlinge, die großteils gerade Opfer des Jihad sind oder des Staatsterrorismus des syrischen Präsidenten Assad und anderer (wie Erdogan), diffamieren. Viel perfider geht es kaum.

Nun: Der Jihad und der terroristische (wie der legale) Islamismus sind eine große Gefahr. Viele Islamforscher und die Politik haben das nicht sehen wollen, seit 9/11 nicht. Darum geht es der rechtsextremen AfD aber gar nicht. Hat sie sich kurz nach 9/11 gegründet? Nein, sondern aus rein nationalistischen Gründen, wegen der Attacke auf den Euro und eine gemeinsame Währung in der EU. Das war 2013 mit Bernd Lucke. Er öffnete die Büchse der Pandora und das neo-nazistische Umfeld übernahm ab 2015 mit der Wahl der völkischen Frauke Petry die Macht. Heute steht Petry den noch nazistischeren Flügeln gegenüber.

Was Wolffsohn hier verschweigt: Wir haben keinen „Anstieg des Terrorismus“, der z.B. mit syrischen Flüchtlingen, der mit riesigem Abstand größten Gruppe von Flüchtlingen seit 2015, oder anderen Flüchtlingen zu tun hat. Terroristen brauchen zudem keine Flüchtlingsbewegungen, um sich einzuschleichen.

Der einzige große jihadistische Angriff in Deutschland fand am 19. Dezember 2016 in Berlin am Breitscheidplatz statt, 12 Menschen wurden ermordet. Der Jihadist Anis Amri aus Tunesien kam jedoch nicht mit der Flüchtlingsbewegung 2015, sondern schon 2011 nach Europa (Italien) und hätte sogar gestoppt werden können, wenn die Polizei nicht so unfassbar versagt hätte.

Zudem gab es jihadistische Attacken in einem Zug bei Würzburg im Juli 2016 mit fünf Schwerverletzten, wie auch einen misslungenen Anschlag eines Jihadisten in Ansbach, wo nur der Täter starb. Es gab noch weiterer einzelne Attacken, aber keine weiteren terroristischen Mordanschläge mit Toten. Da fantasiert Wolffsohn schlichtweg und möchte Stimmung machen. Empirisch sieht es so aus:

Der erste islamistische Anschlag in Deutschland ereignete sich am 2. März 2011 am Frankfurter Flughaben, als ein Jihadist zwei US-Soldaten ermordete. Der zweite wie erwähnt am 19. Dezember 2016, jeweils mit einem Täter. Ist das der große Terrorismus, dem wir uns gegenübersehen?

Was aber ist mit dem Naziterror, den dieses Land seit 1989 erlebt? Wo sind die 184 von Nazis Ermordeten, was sagt Wolffsohn zu denen? Sind 184 Tote nichts im Vergleich zu 14 Toten durch den Jihad (2011 Frankfurt und 2016 Berlin)? Oder was ist mit dem neonazistischen Amoklauf vom 22. Juli 2016 in München, als David Ali S. neun Menschen, fast alle mit „Migrationshintergrund“, ermordete und sein neonazistisches Weltbild offenkundig ist?

Was ist mit dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und seinen mindestens zehn Opfern?

Das ist alles kein wirkliches Problem für dieses Deutschland.

Am 24. September 2017 werden die Deutschen mit der AfD die erste neo-nazistische Partei in den Bundestag wählen.

Das Abwiegeln der Gefahr wie die direkte und indirekte Unterstützung für die AfD durch extrem rechte jüdische Kreise ist vollkommen marginal, aber bezeichnend und absolut schockierend. Es mag gleichwohl nicht wenige jüdische Wähler*innen der AfD geben, nicht zuletzt russisch-jüdische, man denke nur an AfD-Werbung im russischen Staatsfernsehen bei Rossija 1. Was da wohl Ex-Rotarmist*innen und ihre Familien dazu sagen, dass Gauland die Schlächter der Roten Armee, die Wehrmacht, preist? Sehr viele Russlanddeutsche sind nicht nur in Pforzheim (Baden-Württemberg) für ihren Rechtsextremismus und ihre Pro-AfD-Linie berüchtigt.

Viel schlimmer aber ist die Unterstützung der AfD durch die Mainstreammedien, die ohne Not den widerlichsten Politiker*innen, die dieses Land seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sah – nochmal: das sind keine Alt-Nazis wie in den 1940/1950/1960 etc. Jahren, sondern Neo-Nazis – Podien gaben, egal wie vulgär, Pro-Holocaust, Pro-Wehrmacht sie sich auch immer geäußert haben.

Zuletzt haben Bettina Schausten (ZDF) wie die ARD wenige Tage vor der Wahl den Wehrmachtsfan und somit Holocaustrelativierer Alexander Gauland ohne Not in ihr Studio eingeladen und ihm ein Podium bereitet, zum x-ten Mal durfte der Agitator vor Millionenpublikum reden, ohne dass eine Beate Klarsfeld käme und mit ihm Tacheles redete …

Das wurde von den vier Journalist*innen Sandra Maischberger, Claus Strunz, Peter Kloeppel und Maybrit Illner am 3. September 2017 noch getoppt, die Merkel und Schulz Fragen stellen, die direkt so auch von der AfD hätten kommen können, die Agenda war jene der AfD. Insofern zogen während des Wahlkampfes die großen Mainstreammedien wie marginale jüdische Kreise am gleichen Strang: behandeln wir Neonazis wie „normale Bürger“.

So behauptet der ARD-Kommentator Rainald Becker am 22. September 2017 im Fernsehen völlig ernsthaft, die Hetzer und Pöbler gegen Merkel wie in München seien „Unzufriedene“ und alle etablierten Parteien hätten die seiner Ansicht nach zentralen Themen der Bevölkerung nicht angesprochen:

„Pflegenotstand, Altersarmut, Bildungspolitik und Rente.“

Es sei also gar nicht um schwarzrotgoldene Agitation für das Abschieben von deutschen Staatsbürgerinnen gegangen, nicht um das Lob für die deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg am Holocaust beteiligt waren, nicht darum, dass die AfD die Regierung Merkel als „Eidbrecherin“ in nazistischem Vokabular fertigmachen und anklagen, wenn nicht erschießen oder aufhängen will, nicht darum, dass Pegida und die AfD die Presse schlechthin als „Lügenpresse“ diffamieren, wie damals Goebbels, nein: Sozialpolitik sei das Thema der Bevölkerung. Da fragt man sich, wo Herr Becker lebt und was für Medien er konsumiert.

Was beschäftigt die Leute so massenhaft? Die Bild-Zeitung, richtig. Heutzutage, kurz vor der Wahl, spielt sich der Springer-Konzern als Hüter der Demokratie auf und hat irgendwie Sorge, dass die AfD-Wähler*innen jahrelange rassistische Ressentiments ernst nehmen und AfD wählen. Die Bild hatte am 6. September auf der Titelseite eine Headline „Burka-Frau verprügelt Dessous-Verkäuferin“. Uebermedien kommentiert am 23. September 2017 den Einfluss der Bild für die AfD an diesem Beispiel so:

„Eine Frau im Niqab, unter dem blonde Haare und eine Tätowierung am Hals sichtbar wurden, hatte die Angestellte eines Brautmodengeschäfts angegriffen. (Inzwischen hat die Polizei eine 28-jährige Deutsch-Polin als Tatverdächtige gefasst.) Dem Berliner ‚Tagesspiegel‘ war der Vorfall in seiner Print-Ausgabe nicht mal eine Meldung wert. ‚Bild‘ aber wählte gleich die maximale Empörungsstufe, riesengroßer Aufmacher auf anderthalb Millionen verkauften Bundesausgaben.  (…) Mittlerweile ist das der ganz normale Ablauf, so eingespielt und vorhersehbar wie die Schritte einer Fließbandproduktion: ‚Bild‘ bläst eine Kleinigkeit so lange auf, bis sich damit ordentlich Stimmung schüren lässt, und die AfD nimmt sie dankbar entgegen, um sie in eigener Sache weiterzunutzen. Sollte die Partei morgen in den Bundestag einziehen, dann ist das auch ein Verdienst der ‚Bild‘-Zeitung.“

Das Problem in diesem Land sind Deutschnationalismus, Rassismus, Antisemitismus, völkische und neo-nazistische Ideologie, in ganz unterschiedlicher Tonlage, aber zunehmend aggressiv und völlig ungeschminkt. Wer jemals auf Facebook AfD-Fanklubs gesehen hat und sehen konnte, was die dort für Gewaltfantasien haben, weiß das.

Alle – alle – Wähler*innen der AfD haben Pro-Nazi-Parolen über die Wehrmacht, gegen das Holocaustmahnmal, gegen die „Lügenpresse“ (ein Nazi-Wort) der AfD mitbekommen.

Und, ja, es gibt kritischen Journalismus zur AfD, von Georg Restle über Anja Reschke zu Olli Welke, Jan Böhmermann etc.

Prime-Time Fernsehen ist das aber nicht. Denn Rainald Becker begeht in der Prime-Sendung der ARD den gleichen Fehler wie die SPD und meint „Gerechtigkeit“ oder die soziale Frage, seien Themen der Stunde. Nein, das sind sie nicht, gerade nicht für die AfD-Wählerschaft. Wie empirische Studien (z.B. des Soziologen Holger Lengfeld) zeigen, ist der Anteil der Besserverdienenden und der Gutverdienende bei der AfD sehr hoch, 39% bzw. 29%. Es war ein Riesenfehler der SPD in diesem Wahlkampf auf das groteske Thema „Gerechtigkeit“ zu setzen. Der Wahlkampf war von Anfang an, wir wissen es seit 2015, bestimmt von neo-nazistischer Agitation der AfD.

Es tobt ein nie dagewesener Kulturkampf, kein Klassenkampf.

Es geht um Stolz auf Deutschland, offenen Hass auf alle Nicht-Deutschen, den Islam, Muslime, Flüchtlinge, Linke aller Art, Genderdiskurs und zivilisierte Umgangsformen.

Das Thema der Stunde ist die Rehabilitierung der Wehrmacht, das Lob für den Holocaust und die Diffamierung des Holocaustmahnmals. Dass alleine diese Agitation des führenden AfDlers Björn Höcke Juden nicht dazu bringt, zur Antifa zu gehen, sondern die AfD zu unterstützen, zeigt nur, wie recht Albert Einstein hatte, als er meinte, zwei Dinge seien unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, wobei der sich beim Universum nicht ganz sicher war.

Einem großen Teil der Bevölkerung in diesem Land ist jeglicher politische und moralische Kompass abhandengekommen, das betrifft zwischen 8% und 20% der Wahlbevölkerung.

Die AfD ist keine bürgerliche, sondern eine neo-nazistische Partei. Die AfD möchte die Demokratie zerstören. Heutzutage kriegt sie dabei sogar von Leuten aggressiv Unterstützung, die zu den ersten Opfern gehören würden, hätte die AfD tatsächlich die Macht und könnte „ausmisten“, wie es der Agitator Frohnmaier ankündigt.

Jetzt wäre die Zeit für die Antifa, die es in ausreichender Zahl aber derzeit (nicht mehr und noch?) nicht gibt.

 

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Kein BDS und keine antisemitische Propaganda auf dem Kongress „Democracy and Freedom“ im Haus der Berliner Festspiele am 9. September 2017: Der Fall Stefan Weidner und Selma Dabbagh

Die Nazis oder „Rechtsradikalen“ von Pegida und der AfD bestimmen die politische Diskussion und mit der AfD wird erstmals im „neuen“ Deutschland seit 1990 eine rechtsextreme Partei, die das Naziwort schlechthin – „völkisch“ – wieder positiv besetzen möchte (Frauke Petry), am 24. September 2017 in den Bundestag einziehen, wenn nicht noch ein Wunder passiert. Die Antinazis sind die Guten. Sie sind links, liberal, linksliberal, gebildet, Literatur affin und Diskurs liebend.

So das „internationale Literaturfestival“ in Berlin. Dieses Jahr gibt es vom 8.–10. September 2017 einen großen „international congress for democracy and freedom“. „Hauptförderer“ des Kongresses ist das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, die Initiative „Demokratie leben! Aktiv gegen Rechtsextremismus, Gewalt und Menschenfeindlichkeit“ der Bundesregierung, sowie die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, „Förderer“ sind die Bundeszentrale für politische Bildung, die Heinrich Böll Stiftung, Allianz Kulturstiftung … for Europe, die BertelsmannStiftung, Zu Gast im Haus der Berliner Festspiele, die BMW Foundation Herbert Quandt und die Sergej Mawrizki Stiftung und „Partner und Medienpartner“ sind der Klett-Cotta Verlag sowie das Kulturradio 92,4 des rbb.

Eine Mainstream-Veranstaltung, mehr kulturelle und kulturpolitische Elite geht nicht. Jeder Mensch sollte aber spätestens seit der zweiten Intifada im Herbst 2000 und dem 11. September 2001, der sich am Montag, wo es auch noch Veranstaltungen gibt, jährt, aber im Programm überhaupt nicht erwähnt wird, alarmiert sein, wie Israel, Juden und der Zionismus thematisiert werden.

Es gibt auf dem Kongress ein Panel zum Nahen Osten. Was wäre naheliegender als Israel als Beispiel für Demokratie und Freiheit den arabischen, jihadistischen, islamistischen Regimes und diktatorischen Herrschern gegenüberzustellen? Man könnte sogar linkszionistische Kritiker*innen zu Wort kommen lassen. Das passiert nicht. Das liegt auch an Katar:

Was haben nämlich der brasilianische Fußballnationalspieler Neymar vom Pariser Club PSG und die britisch-palästinensische Autorin und Rechtsanwältin Selma Dabbagh, die am 9. September 2017 auf diesem Kongreß „Für Demokratie und Freiheit“ auftreten wird, gemeinsam? Beiden werden auch vom islamistischen Regime in Katar finanziert.

Die „Qatar Sports Investment“ zahlte die 222 Millionen Ablösesumme für Neymar, damit er von Barcelona nach Paris wechseln kann. Die vollkommen absurden Preise dieses Menschenhandels werden durch den islamistischen Hintergrund noch massiv verschärft.

Die Schriftstellerin und Anwältin Selma Dabbagh ist für die antisemitische BDS Bewegung gegen Israel aktiv, wie sie auf einer Veranstaltung in London im Oktober 2012 sagte. Sie ist Stammautorin einer der berüchtigtsten antiisraelischen und antisemitischen Agitationsseiten im Internet: „Electronic Intifada (ei)“.

Sie tritt für das Rückkehrrecht der Palästinenser nach Israel ein, was Israel zerstören würde, wie auf einer Veranstaltung in London deutlich wurde, wo sie u.a. neben dem antizionistischen Agitator Ilan Pappé saß und die mit den Tags „RightofReturn“ oder „Anti-Zionism is not Antisemitism“ den eigenen Antisemitismus in typischer Manier verschleiern wollte. In ihrem Roman „Out of it“ vergleicht sie Nazis und Zionisten, wie eine kritische Rezension im englischen Independent schreibt. Dieses Buch „Out of it“ wurde von Qatar finanziert.

Am 25. August 2017 dankte ein Kollege Dabbaghs und Mitbegründer von Electronic Intifada (ei), Ali Abunimah, den Künstler*innen, die aus antisemitischen und BDS-Motiven heraus das Berliner Pop-Kultur-Festival boykottierten. Dieser BDS-Boykott hatte bundesweit für einen Aufschrei gesorgt, von Monika Grütters von der Bundesregierung bis Klaus Lederer, Kultursenator von Berlin, und vielen Journalist*innen war die Abscheu vor dieser Neuauflage von „Wir-spielen-nicht-mit-Juden“ laut hörbar.

Und nun kommt ein finanziell super ausgestattetes und vom Kulturmanager und Gründer des internationalen literaturfestivals Ulrich Schreiber zu verantwortender Kongress daher und gibt Selma Dabbagh einen Podiumsplatz auf dem einzigen Panel, das unter anderem Israel behandelt.

Noch vor wenigen Wochen protestierten viele jüdische Gruppen und andere pro-israelische Aktivist*innen gegen einen vermutlich problematischen ARTE-Film zu „Gaza“, wobei explizit die Internetseite „Electronic Intifada“ kritisiert wurde.

Eine der mutigen antiislamistischen Unterzeichnerinnen war Seyran Ates mit ihrer Ibn Rush-Goethe Moschee. Nun wird Ates auch auf diesem sehr großen Kongress für Demokratie und Freiheit auftreten, wo exakt eine Vertreterin der antisemitischen „Electronic Intifada“ mit dabei sein wird.

Ja, mehr noch: Ates wird den gleichen Moderator haben wie Selma Dabbagh: den Islamwissenschaftler Stefan Weidner, der seit Jahren umstritten ist für seine Verharmlosung des Islamismus (siehe dazu Clemens Heni, Schadenfreude. Islamforschung und Antisemitismus in Deutschland nach 9/11, Berlin: Edition Critic, 2011).

Auf dem Kongress werden sicher sehr interessante und kritische Diskussionen geführt, namentlich mit Can Dündar über die Türkei, mit Marina Weisband über eine „zeitgemäße Demokratie“, mit Georg Diez nochmal zur Türkei, mit Doris Akrap auch nochmal zur Türkei, mit Frank A. Mayer über das „bürgerliche Denken“ oder mit Carlo Strenger über das „Leben mit Unsicherheit“.

Das mögen alles sehr differenzierte, kritische und wichtige Vorträge, Moderationen oder Beiträge sein.

Das absolute Elend und das Typische für den ganzen Kongress, der für den Mainstream des kulturpolitischen Establishments in der Bundesrepublik steht, ist die Einladung an Selma Dabbagh.

Das macht den über 120 Referent*innen und den Hunderten, wenn nicht Tausenden Besucher*innen nichts aus. Alle Referent*innen sind friedlich mit Bild und Personenbeschreibung im 56seitigen Programmheft versammelt. Auch Selma Dabbagh und somit die „Electronic Intifada“. WTF.

Wenn ein Kongress, der noch dazu „Demokratie und Freiheit“ fördern möchte, eine antisemitische Agitatorin einlädt, die seit Jahren gegen Israel agitiert und auf einer der führenden BDS-Seiten ständige Autorin und Mitarbeiterin ist, dann zeigt dass, wie heute antizionistischer Antisemitismus goutiert wird. Das gehört halt dazu.

Wir fordern: Eine klare Distanzierung von BDS, antizionistischem Antisemitismus und Selma Dabbagh durch Ulrich Schreiber, die Peter-Weiss-Stiftung für Kunst und Politik e.V. (Träger) und dem Moderator Stefan Weidner.

Machen wir doch mal ein Gedankenspiel: angenommen, es würde über Gewalt und Politik gesprochen, wäre es nicht völlig ausgeschlossen, dass ein Holocaustleugner wie Horst Mahler ganz normal als Diskutant eingeladen würde? Das wäre für alle Referent*innen ein Skandal und alle würden absagen, sähen sie ihn im Programm. Aber er würde natürlich niemals eingeladen werden und das ist gut so. Das kann sich nämlich schnell ändern, sobald die AfD im Bundestag sitzt, dann gilt „Feuer frei“ für die Rechtsextremen und Neonazis.

Hat eine Referentin oder hat ein Referent abgesagt, nachdem sie oder er die Hetzerin Dabbagh im Programm entdeckten? Wie viele Wochen oder Monate ist das Programm den Referent*innen denn schon bekannt? Selbst die pro-israelischen Referent*innen, die es sicher gibt, merken das nicht, sie kümmern sich nicht aktiv darum, wer zu Israel spricht. Sie sind gefangen im Kokon des Narzissmus, tauchen in einem großen Programmheft mit Bild und Personenbeschreibung auf und sind stolz wie Emma oder Oskar.

Sobald das Thema Israel ist, fallen alle Schranken, gerade bei den Linksliberalen und Linken. Damit muss Schluss sein.

  • Nein zu BDS.
  • BDS ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.
  • Nein zu Antisemitismus in all seinen Formen.
  • Nein zum „international congress for democracy and freedom“ im Haus der Berliner Festspiele, der offenbar Freiheit für alle meint, nur nicht für Israel.
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TV-Duell: AfD-Propaganda-Show der vier führenden TV-Journalist*innen in ARD, ZDF, RTL und Sat1

Das „TV-Duell“ von Merkel und Schulz war eine Fragestunde der AfD an die beiden Kandidat*innen, alle vier Journalist*innen – Sandra Maischberger, Claus Strunz, Maybrit Illner und Peter Kloeppel – haben von der ersten bis zur letzten Minute die Agenda der AfD gepusht.

Der Journalist Stefan Niggemeier sprach auf Twitter aus, was der minikleine denkende Teil der Bevölkerung dachte bzw. selbst auf Facebook oder anderen sozialen Medien gepostet hatte:

„Jetzt seit 40 Minuten nonstop: Die AfD fragt, die Große Koalition antwortet. #tvduell

Einziger Feind im Land: Nicht-Deutsche. Die reale Gefahr durch den Jihad wurde zur einzigen Gefahr stilisiert.

Die seit 1989 über 150 durch Neonazis und Rechtsextreme Ermordeten? Nicht der Erwähnung wert, peanuts.

Ganz normale Bürgermeister, die eine „Hitler-Glocke“ im Kirchturm von Herxheim in Rheinland-Pfalz feiern und stolz auf sie sind? Keine Erwähnung.

Der gleiche Bürgermeister (!) dieses wohlhabenden, sehr deutschen und strunzdoofen Weindorfes, ein Ronald Becker, möchte endlich wieder betonen, dass „Hitler“ doch auch Gutes gemacht habe – das Magazin Kontraste der ARD hatte am 31. August darüber berichtet, aber für die vier Superjournalisten ist dieser unfassbare Naziskandal keine Frage wert:

Sie ist eine der letzten ihrer Art: Die ‚Hitler‘- Glocke in Herxheim. Seit 83 Jahren hängt sie in der Dorfkirche und ruft die Gläubigen regelmäßig zum Gebet. Und das soll auch so bleiben, meinen Bürgermeister und Pfarrer. Trotz Hakenkreuz und ‚Führerspruch‘ – die Glocke klingt so schön und gehört einfach zum Ort dazu. (…)

Ronald Becker, Bürgermeister Herxheim:

„Wenn man den Namen Adolf Hitler nennt, dann ist immer gleich die Judenverfolgung und die Kriegszeiten als erstes oben auf. Wenn man über solche Sachen berichtet, soll man umfangreich berichten. Dass man sagt, das waren die Gräueltaten und das waren auch Sachen, die er in die Wege geleitet hat und die wir heute noch benutzen.“

So ein unglaublicher Skandal, der die politische Kultur in diesem Land aufs Erschreckendste kenntlich macht, ist den vier Mainstreamjournalisten, den Systemapologeten sozusagen, völlig wurscht. Das kümmert die nicht. Das ist keine Frage für eine Bundeskanzlerin oder einen Herausforderer, ob sie sich von einem Bürgermeister und seiner ihn verehrenden, widerlichen rheinland-pfälzischen, urdeutschen Dorfbevölkerung distanzieren und sie als das bezeichnen, was sie sind: Hitler-Anhänger.

Ein anderer Bürger dieses Dorfes sagte:

„Bürger

„Ich will sie auch gern vergessen. Das ist 70 Jahre her und für mich kein Problem.“

Diese beiden Männer haben die Nazi-Zeit in Herxheim als Kinder noch miterlebt. Später saß Bernd Schmidt sogar für die SPD im örtlichen Gemeinderat. Und dennoch ist er der Meinung:

Bernd Schmidt

„Es war nicht alles schlecht. Ich will nicht sagen, wir bräuchten heute noch mal einen Adolf Hitler, das brauchen wir nicht mehr, aber es war nicht alles schlecht, was Adolf Hitler gemacht hat.“

Kontraste

„Was war denn gut?“

Bernd Schmidt

„Als der Hitler an die Macht kam, wurden die Leute beschäftigt, die Autobahnen wurden gebaut, es gab keine Arbeitslosen mehr. Die Leute waren zufrieden.“

Dieser Bernd Schmidt ist also die männliche Ausgabe von Eva Herman, der ehemaligen Tagesschau-Sprecherin. Die AfD fragt sich, warum sie bislang nur in Goebbels-Manier (Björn Höcke) hetzte, den Schießbefehl auf Nicht-Deutsche an der Grenze ins Spiel brachte (Beatrix von Storch), das Naziwort „völkisch“ wieder einführte (Frauke Petry) und Deutsche zu Nicht-Deutschen machte und rassistisch erledigen („in Anatolien entsorgen“) will (Alexander GAUland), aber nicht so offen Hitler lobte!

Die AfD sollte den vier Starjournalist*innen Illner, Maischberger, Strunz und Kloeppel die Ehrenmitgliedschaft auf Lebenszeit geben. Denn diese vier Journalist*innen sind mit verantwortlich, dass die rechtsextreme Agenda der AfD weiter tief im Mainstream verankert ist und solche Skandale, die die Wahrheit über Deutschland kenntlich machen, wie Herxheim, eben nicht auf die ganz große Tagesordnung vor dutzenden Millionen Zuschauer*innen gleichzeitig in ARD, ZDF, RTL und Sat1 kommen.

Die Agenda der extremen Rechten, von Boris Palmer (Grüne) über Ulrich Greiner und Matthias Matussek (Zeit) zu den Internetportalen Achgut, Politically Incorrect (PI), unzähligen verschwörungsideologischen Portalen, allen möglichen rechtsextremen Seiten, den Zeitschriften Compact Magazin, Junge Freiheit bis hin zu Pegida und vorneweg der AfD, wurde von den vier Vorzeigejournalist*innen gewissenhaft auf die Tagesordnung gesetzt. Islam, Doppelpass, In-die-Kirche-gehen (!): das waren die Fragen.

Vernichtungsfantasien gegenüber Linken durch AfD-Politiker im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern? Peanuts.

Nazis bei der Bundeswehr oder der Polizei? Kann man ignorieren. Dabei ist das Problem so groß, dass kürzlich bei einem Polizeieinsatz in Rostock die örtliche Polizei vom BKA, Bundesanwaltschaft und anderen Einheiten nicht vorab informiert wurde, weil nicht sicher war, ob die Rostocker Polizei Nazis in den eigenen Reihen schützen und warnen würde.

Polizeigewalt und Entzug von Akkreditierungen von Journalisten beim G20-Gipfel? Peanuts, „wir“ loben die Polizei und wollen sie besser ausstatten.

Mit der AfD wird erstmals in der Geschichte dieses Landes eine Nazipartei in den Bundestag einziehen – kein Thema für die Journalist*innen. Merkel meinte ganz am Schluss, sie würde weder mit der AfD NOCH der Linkspartei koalieren, als ob Rassismus und Nazismus das gleiche seien wie eine bescheidene linke Agenda.

Da lachen die Nazis, denn eine solche Abgrenzung ist keine: David Duke bedankte sich bei Trump, als dieser sich von BEIDEN Seiten, die in Charlottesville gewalttätig gewesen seien, den Nazis wie der Antifa, distanzierte.

Ein solches Braun=Rot-Spielchen erkennen die Nazis sofort als Weißwaschung.

Das TV-Duell zeigte, wie die AfD in wenigen Jahren dieses Land vollends zerstört hat, die politische Kultur ist eine rechtsextreme. Die Journalist*innen in diesem Land wurden durch diese vier Persönchen zu Fürsprechern der Agenda der AfD. Kein eigenes Denken, keine Kritik, sondern Affirmation des rassistischen, nationalistischen und antisemitischen Diskurses der extremen Rechten.

Der einzige minikleine Lichtblick dieses unerträglichen 97-Minuten-Fernsehspektakels für die AfD war eine Rand-Bemerkung von Martin Schulz: beim Thema Jihad und Islamismus erwähnte er als einziger die Gefahr für „Israel“. Es mag ein Lippenbekenntnis sein, aber es war eines – sonst hat niemand den Judenstaat auch nur erwähnt!

Diese pro-israelische Positionierung von Schulz wird aber die extrem rechten Kreise, die sich als pro-israelisch aufspielen (von der Jüdischen Rundschau bis zur Jerusalem Post) nicht davon abhalten, auch weiterhin den Hauptfeind bei der SPD zu sehen und nicht bei der AfD etc.

Die Absurdität, Michael Müller auf die Liste des Simon Wiesenthal Centers der schlimmsten antisemitischen Äußerungen 2017 zu setzen, weil er sich z.B. nicht ausreichend von der antisemitischen BDS-Kampagne distanziert habe und gar nicht gesagt wird, dass sich seine Partei, die SPD Berlin, per Beschluss von BDS distanziert und sein Kabinett im Berliner Senat mit Klaus Lederer (Die Linke) einen der schärfsten Kritiker des Antisemitismus und pro-israelischen Redner auf Pro-Israel-Demos in seinen Reihen hat – kein Thema. Selbst die jüdische Gemeinde zu Berlin ist gegen die Aufnahme Müllers in diese Liste.

Wer darauf gehört, ist der Bürgermeister von Herxheim, Ronald Becker, mit seiner volksgemeinschaftlichen Dorfbevölkerung.

Oder Donald Trump, der sagte, bei denen, die in Charlottesville „JEWS will not replace us“ schrien, seien „fine people“ dabei gewesen. Das ist ein Top Ten Platz der schlimmsten antisemitic slurs 2017.

Auf absolut schockierende Art und Weise wurde in der ARD, dem ZDF, RTL und Sat1 am Sonntag, den 3. September 2017, ab 20. Uhr 15, also Prime Time 97 Minuten lang die Wahrheit gezeigt: so elendig ist der deutsche Journalismus, Maischberger, Strunz, Kloeppel und Illner haben das wahre Gesicht des extrem rechten Mainstreamjournalismus, der den Nazis nach dem Maul redet, gezeigt. Die Journalist*innen waren noch viel übler, angepasster an den rechtsextremen AfD-Diskurs, als die Kanzlerin bzw. Schulz, die mit ihren Plattitüden einfach nur Schlaftabletten waren wie immer (Ausnahme von Schulz siehe oben).

Die AfD war gar nicht geladen zu dem Duell und doch der einzige Sieger. Verlierer sind die Flüchtlinge, die Demokratie, linke Gesellschaftskritik und die Kritikfähigkeit des Journalismus.

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Koscherstempel für faschistische Autoren und das Goutieren des Massenmords an Linken durch Breivik? Die von Israelis betriebene Berlin-Neuköllner Buchhandlung „Topics“

Der Berliner Tagesspiegel (Nantke Garrelts) berichtet mit der reißerischen Überschrift „Buchladen schließt nach Attacken von links“[i] über die Schließung der Neuköllner Buchhandlung „Topics“, einer von zwei Israelis betriebenen Einrichtung in der hippen Weserstraße. Die Grüne Bezirksbürgermeisterin von Kreuzberg, Monika Herrmann, findet die Schließung demnach „verstörend“. Einer der Betreiber des Ladens, Doron Hamburger, teilte dem Tagesspiegel schriftlich mit, ein Gespräch mit „mehreren Vertretern der antifaschistischen Szene scheiterte“.

Linke gegen einen von Israelis geführten Buchladen: das ist natürlich für die Springer-Tageszeitung Die Welt (Hannah Lühmann) ein gefundenes Fressen.[ii] Lühmann schreibt unter der Überschrift „Nach Drohungen der Antifa muss Buchladen schließen“: „Die Enkel von Holocaustüberlebenden werden in Berlin von wild gewordenen Antideutschen vertrieben“ und resümiert:

„Amir und Doron wollen jedenfalls nicht mehr; sie haben sich entschieden, aufzugeben. Die beiden sind natürlich weit davon entfernt, rechts zu sein, der Vorwurf ist völlig abwegig. Man hat das Gefühl, sich mit Leuten zu unterhalten, die nach dem suchen, was intellektuell stimulierend ist, und die nicht in den langweiligen Bahnen vorgeformten Diskurshipstertums bleiben, das leider vielfach das weltanschauliche Milieu junger, linker Akademiker ausmacht. Mit Leuten, die nachdenken, neugierig sind, offen, radikal, die sich für die moralische Ambivalenz interessieren, und für das Dunkle.“

Lühmann ist total begeistert, dass das Topics „Abgründe ausloten“, also gerade nicht aufklärerisch und antifaschistisch, sondern kokettierend über Faschismus und Nazismus reden wollte.

Die neurechte Junge Freiheit berichtet ebenfalls geknickt über die Schließung des Topics, immerhin war schon mal ein JF-Autor dort Referent (wie der Freitag berichtet),[iii] und auch die Wochenzeitung Die Zeit schreibt sehr wohlwollend und mit einer Attacke auf die bösen „Antideutschen“ über die beiden israelischen Buchhändler. Der Zeit-Autor Armin Langer[iv] hingegen war bislang eher für seine Trivialisierung des Islamismus und muslimischen Antisemitismus (namentlich in Neukölln) bekannt.

Die Deutsche Welle (DW) informiert auf Englisch (Ben Knight) über das Aus des Buchladens,[v] die Berliner Zeitung (Tanja Brandes) ist ebenso entrüstet und betont die „psychischen Folgen der Hetze“ gegen die Betreiber[vi] und der Freitag (Mladen Gladic) redet von „intoleranten Linksaktivisten“.[vii]

Kritik an der geplanten Evola-Veranstaltung kam offenkundig am 27. Februar 2017 via Facebook (worüber sich die Gruppe selbstironisch lustig macht) von der Gruppe Top Berlin,[viii] die ein vielfältiges Spektrum an linker Gesellschaftskritik zu repräsentieren scheint, Kritik an der islamistischen Hamas und anderen Formen des Antisemitismus wie auch Veranstaltungen zum Gedenken an die Shoah gehören dazu.[ix]

Ob jedoch die sich radikal vorstellende Kritik von Top Berlin, die Gruppe ist Teil des bundesweiten Bündnisses „Ums Ganze“,[x] versteht, dass ihre Kritik an jeder Staatlichkeit auch Israel und den Zionismus meinen müsste und somit dem Antisemitismus Vorschub geben würde, ist unklar. Es gab anarchistische Zionisten wie Gershom Scholem, der gleichwohl erkannte, wie überlebensnotwendig (!) Staatlichkeit ist, wenn man sich nicht wehrlos von arabischen, muslimischen oder sonstigen Judenhassern abschlachten lassen möchte. So ist eines der Motti von Top Berlin „No Border, no Nation“ angesichts Israels völlig realitätsfern und selbstmörderisch. Der von Ariel Scharon initiierte Sicherheitszaun schützt Israelis vor Selbstmordattentaten und anderen (Mord)Anschlägen. Top Berlin ist also kaum eine „antideutsche“ Gruppe, sondern eher Teil der traditionellen radikalen Linken.

Die Kritik von Top Berlin bezog sich zudem ausschließlich auf Evola. Doch der Skandal ist noch viel krasser.

Der vorgesehene Topics-Referent und Freund des Betreibers Doron Hamburger, DC Miller, hätte also am 2. März 2017 in der Buchhandlung Topics in der Neuköllner Weserstraße über Evola referieren sollen. Am 28. Februar sagte der Laden die Veranstaltung ab, wie man in einer Stellungnahme auf Facebook lesen kann. Dort meldet sich auch der vorgesehene Referent DC Miller zu Wort. [xi]

In seinem Text für die Veranstaltung schreibt Miller über Evola, dieser habe zwar bekanntlich Beziehungen zu Faschisten und Nazis gehabt, er sei „aber“ halt auch „Dadaist, Philosoph, Historiker und Magiker“ gewesen, ja sei von Rechten als „unser Marcuse, nur besser“ bezeichnet worden. Theoretiker wie der Russe Alexander Dugin, ein Übersetzer Evolas ins Russische, oder der Amerikaner Steve Bannon, ein Einflüsterer Trumps und Symbol der Alt Right im Weißen Haus, seien Anhänger des faschistischen Theoretikers. Das schreibt Miller nun nicht in einem aufklärerisch-antifaschistischen Duktus oder wenigstens in einem distanziert-neutralen Text, sondern in einer euphorischen, begeisterten, affirmativen Tonlage.

Am 22. Februar hatte die englische Tageszeitung The Guardian kritisch über die Galerie LD50 und deren Bezüge zum Neonazismus berichtet.[xii] Namentlich erwähnt der Guardian Brett Stevens, der eine rechtsextreme Konferenz im LD50 im August 2016 mit vorbereitete und an eben jenem 22. Februar 2017 als Reaktion auf den Guardian-Bericht noch einmal klarstellte, was seine Position ist:

„Ich bin Anders Breivik aus anderen Gründen unendlich dankbar, als viele vermuten. Die meisten Rechten, die gewalttätig werden und sich der Gefahr eines weißen Genozids bewusst sind, tendieren dazu, den Anderen umzubringen; ich singe ein Loblied auf Breivik, weil er gerade anders handelte, er erschoss Mitglieder von UNS, die Linke geworden waren und machte klar, was für einen Preis man zahlen muss, wenn man links wird. Breivik trieb die Leute davon weg, bei dieser pathologischen, kultmäßigen Gang von Zivilisationszerstörern mitzumachen.“[xiii]

Diese Bejahung von Terror und Mord ist unfassbar und wohl nur in USA, wo er das wohl im Netz publizierte, straffrei. DC Miller jedoch möchte genau einen solchen Hetzer wie Brett Stevens reden lassen. Und das Topics wollte DC Miller reden lassen. Das ist der Skandal, der für die Welt, die Zeit und den Tagesspiegel keiner ist.

Am 25. Februar 2017 protestierte eine lautstarke Gruppe von über 100 Antifaschist*innen gegen die Galerie LD50 im Osten Londons im Bezirk Hackney, übrigens einer Partnerstadt von Haifa. Der Bürgermeister von Hackney, Philip Glanville, spricht sich gegen die Galerie aus, wie das Magazin Vice (Yohann Koshy) berichtet.[xiv] Slogans wie „Death to Nazi Hipsters“, die laut Vice Demoparolen waren, sind angesichts von Nazigewalt nachvollziehbar, aber sicher nicht sinnvoll, die Betonung der Kombination von vorgeblich apolitischen Hipstern und Nazis ist gleichwohl von einiger Bedeutung.

Vice betont, dass die Galeriebetreiberin, Lucia Diego, zugibt, Brett Stevens erlaubt zu haben, für die Konferenz zu werben. Auf die Vice-Nachfrage, warum denn dann sogar Anmeldungen zu ihrer Konferenz im August 2016 über den E-Mail Account von einem Brett Stevens aus USA gingen, der selbst Redner, aber in London nicht dabei war, gab es keine Antwort mehr.

Die New York Times (Christopher D. Shea) berichtete noch am Tag der Demonstration in London über die Proteste gegen die Galerie LD50 und zitiert die spanische Betreiberin, die seit 12 Jahren in England lebe, dass sie zwar „Antisemitismus, Homophobie und Misogynie“ nicht teile, aber die „Linken“ würden doch „Juden, Homosexuelle und Frauen“ viel zu „doktrinär“ verteidigen.[xv]

Der für Neukölln von Topics vorgesehene Referent DC Miller spielte auf der Demonstration gegen das LD50 den Helden und protestierte am Samstag, den 25. Februar 2017, alleine für die Galerie und hielt einen Pappkarton mit der Aufschrift „the right to openly discuss ideas must be defended.“[xvi] Da lacht die Internationale der Holocaustleugner.

Die allgemeine rechtsextreme Agitation, eine Ausstellung kurz nach der Wahl Trumps zu allen möglichen Pro-Trump Äußerungen der extremen Rechten während des Wahlkampfs, wie auch die rechtsextreme Konferenz im August 2016 sind der Hintergrund, vor dem die 2015 eröffnete Galerie LD50 in London so massiv in der Kritik steht. Die irische Künstlerin und Schriftstellerin Megan Nolan schreibt, dass Kunst sehr wohl ihr Recht habe, aber wenn „Faschismus im Gewand der Kunst“ daherkomme und die „Menschlichkeit von uns“ oder der „Nachbarn“ (im Osten Londons) bedrohe, dann sei Widerstand nicht nur „akzeptabel, sondern obligatorisch.“[xvii]

Was wir im Zuge der Reaktionen auf die angekündigte Schließung des Topics erleben, ist eine ganz neue Volksgemeinschaft in Deutschland: extreme Rechte (Junge Freiheit), vorgeblich liberaler Mainstream (Die Zeit), konservative, rechte Mitte (Welt) und viele andere Zeitungen und Autor*innen promoten einen von zwei Israelis betriebenen Buchladen, der einen Referenten vorgesehen hatte, der wenig zuvor eine Londoner Galerie verteidigte, die mit Leuten wie Brett Stevens kooperiert, der ganz offen den Massenmord an Jungsozialisten durch Anders Breivik im Juli 2011 feiert!

Das sind die Töne im neuen Deutschland. Wir haben es hier mit einer anti-linken Volksgemeinschaft zu tun, die Juden oder Israelis benutzt, um Kritik am Faschismus oder Nazismus und dem Massenmord an Linken in Norwegen zu diffamieren und sich hinter Unterstützer (DC Miller) von Verteidigern und Fans (Stevens) eines antilinken, neonazistischen Massenmörders (Breivik) stellt. Die bösen sind die Antifas, die den Agitator DC Miller kritisieren. Antifaschismus ist böse, nicht Faschismus. Das ist Deutschland. Never again kommt zu spät.

Dieser von zwei Israelis betriebene Laden Topics machte freudestrahlend mit, weil sie selbst mit einer Verteidigung eines Massenmords an Linken oder dem Promoten von faschistischen Autoren ganz offenkundig kein wirkliches Problem haben und alles unter die erbärmliche und gerade von Holocaustleugnern seit Jahrzehnten propagierte „freie Rede“ rubrizieren. Da lacht die Anti-Antifa deutscher Neonazis.

Es ist gut, dass ein Laden wie Topics zugemacht hat.

Das reaktionäre, antilinke, pronazistische Denken, das Liebäugeln mit historischen Faschisten wie Evola und das Goutieren des Massenmords an Jusos durch Breivik von Freunden der Topics-Betreiber indizieren hingegen eine politische Kultur in Amerika im Zeitalter des Trumpismus und in Deutschland, die bleiben wird.

Sicher ist so ein Liebäugeln und Goutieren in der Bundesrepublik mit jüdischem Koscherstempel besser zu verkaufen, so wie auch der Israelhass sich mit jüdischem Koscherstempel (vornweg: Adorno-Preisträgerin Judith Butler) besser promoten lässt, aber Deutschland hat doch reichlich Erfahrung damit, antilinke und pronazistische Ideologie gerade ohne und gegen Juden oder Israelis zu formulieren.

 

[i] Tagesspiegel, 23.07.2017, http://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-neukoelln-buchladen-schliesst-nach-attacken-von-links/20096078.html (eingesehen am 27.07.2017).

[ii] Die Welt, 24.07.2017, https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article166945195/Nach-Drohungen-der-Antifa-muss-Buchladen-schliessen.html (eingesehen am 27.07.2017).

[iii] Junge Freiheit, 24.07.2017: „‘Es ist schlimm genug, eine Veranstaltung über die Idee einer suprafaschistischen Person in deinem eigenen Geschäft auszurichten, aber es ist nochmal etwas völlig anderes, wenn sich dein Geschäft auch noch inmitten von Neukölln befindet, einem Einwandererviertel‘, beschreibt Hamburger den Grundtenor der Kritik. Er habe sich daraufhin gefragt, ob es besser gewesen wäre, in Marzahn oder Lichtenberg über Evola zu diskutieren (ls)“, https://jungefreiheit.de/kultur/gesellschaft/2017/israelischer-buchladen-muss-nach-antifa-attacken-schliessen/ (eingesehen am 27.07.2017). Link zu dieser neu-rechten Agitationsseite absichtlich deaktiviert.

[iv] Die Zeit, 25.07.2017, http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-07/topics-berlin-neukoelln-juden-israelischer-buchladen-schliessung/komplettansicht (eingesehen am 27.07.2017).

[v] Deutsche Welle (DW), 24.07.2017, http://www.dw.com/en/berlin-bookstore-shuts-down-after-leftist-boycott/a-39818955 (eingesehen am 27.07.2017).

[vi] Berliner Zeitung, 24.07.2017, http://www.berliner-zeitung.de/berlin/neukoelln-warum-ein-buchladen-israelischer-betreiber-schliessen-muss-28022990 (eingesehen am 27.07.2017).

[vii] Freitag, 24.07.2017, https://www.freitag.de/autoren/mladen-gladic/are-the-kids-alt-right (eingesehen am 27.07.2017).

[viii] https://www.facebook.com/TOPB3rlin/posts/10154945432445256 (eingesehen am 27.07.2017).

[ix] http://top-berlin.net/de/tags/antisemitismus (eingesehen am 27.07.2017).

[x] https://umsganze.org/ueber-uns/ (eingesehen am 27.07.2017).

[xi] https://www.facebook.com/topicsberlin/posts/2005480709696833 (eingesehen am 26.07.2017).

[xii] The Guardian, 22.02.2017, https://www.theguardian.com/uk-news/2017/feb/22/art-gallery-criticised-over-neo-nazi-artwork-and-hosting-racist-speakers (eingesehen am 27.07.2017).

[xiii] Brett Stevens, 22. Februar 2017, http://www.amerika.org/politics/the-guardian-doubles-down-on-lugenpresse-narrative-about-ld50-gallery/ (eingesehen am 27.07.2017), Übersetzung vom Verfasser. Ich habe den Link zu dieser Naziseite deaktiviert.

[xiv] Vice, 28. Februar 2017, https://www.vice.com/en_uk/article/78qzpx/should-free-expression-include-normalising-far-right-ideas (eingesehen am 27.07.2017).

[xv] New York Times, 25. Februar 2017, https://www.nytimes.com/2017/02/25/arts/design/london-gallery-ld50-alt-right-show-protest.html?mcubz=0 (eingesehen am 27.07.2017).

[xvi] Man kann DC Miller mit seinem Pappkarton hier sehen: https://pics.me.me/the-right-to-openly-discuss-ideas-must-be-defended-k-20808184.png (eingesehen am 27.07.2017). Ein Bericht zur Demonstration ist hier zu finden: Hackney Gazette, 27.02.2017, http://www.hackneygazette.co.uk/news/politics/ld50-gallery-anti-fascist-protesters-march-through-dalston-1-4907083 (eingesehen am 27.07.2017).

[xvii] Megan Nolan, 3. März 2017, https://thebaffler.com/latest/ld50-nolan (eingesehen am 27.07.2017).

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Nach G20-Protesten in Hamburg: Merkel, Scholz, Gabriel und die Demokratie oder „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ (Brecht)

Die Gesellschaft in diesem Land erlebte die letzten Tage in Hamburg bei dem G20-Gipfel und den Protesten dagegen ultimativ, was es heißt, unter einer Großen Koalition zu leben.

Die Demokratie wird vom Staat mit Pfefferspray, unzähligen Hundertschaften, über 20.000 uniformierten und munitionierten Polizist*innen, SEK-Einheiten mit Maschinenpistolen im Anschlag, Knüppeln, brüllenden Polizist*innen und Menschen wie Dreck vom Pflaster wegspritzenden Wasserwerfern massiv beschädigt und bekämpft.

Freie Meinungsäußerung? Pustekuchen. Freie Presse? Von wegen. Verhältnismäßigkeit bei kleineren „Vergehen“ wie Vermummung? Niemals.

Das ganze Establishment dreht völlig durch und bezeichnet nun Randalierer, Gewalttäter und kriminelle Plünderer als „Linksfaschisten“, Außenminister Gabriel vergleicht gar die Randale von Hamburg mit tödlichen Brandanschlägen von Neonazis.

Keinerlei Unterschied scheint es zu geben zwischen dem Mord an als nicht-deutsch Stigmatisierten, wie ihn Neonazis begehen, und Kritik am Kapitalismus, so sinnlos und brutal die sich auch Freitagnacht im Schanzenviertel Hamburgs gezeigt haben mag.

Es waren zudem definitiv nicht nur politisch organisierte linke Aktivisten vor Ort, wie Augenzeugenberichten festhalten. Es war eine Mischung aus brutalen Aktivisten (auch internationalen), gewaltaffinen „Partygängern“, Frustrierten (die mal nen teuren Whiskey oder ein I-Phone klauen wollten) oder schlicht Trotteln.

Die Autonomen von der Roten Flora haben sich selbst von den Exzessen distanziert.

Der Spiegel-Online-Autor Sven Becker war an jenem Freitagabend im Hamburger Schanzenviertel unterwegs und kontextualisiert die Gewalt, zeigt soziale Problemlagen auf etc. Damit rechtfertigt er keine Gewalt, relativiert sie aber. Wir reden hier nicht über „Bürgerkrieg“ oder „Terrortaten“, wie viele Durchgeknallte es nun tun. Dann hätten sie einfach mal in Aleppo oder Mossul sein sollen, bevor sie so dumm daherreden.

Der Mainstreamdiskurs läuft so: Links gleich Rechts, die Extremismus- und die Totalitarismustheorie, das Lieblingskind nicht nur von Joachim Gauck („Prager Deklaration“ von 2008), das sind die bekannten Agitationswerkzeuge derjenigen, die Kritik diffamieren wollen und für die Gewalt immer nur von den anderen ausgeht.

Ist es keine Gewaltförmigkeit jene, die Auschwitz befreiten, mit denen auf eine Stufe zu stellen, die Auschwitz bauten und betrieben? Man ist kein Stalinist und verharmlost keine Millisekunde den Stalinismus, wenn man auf dieser alles entscheidenden Unterscheidung des 20. Jahrhunderts besteht: Rot ist nicht gleich Braun.

Wer das behauptet, möchte die Deutschen entlasten und entschulden und die präzedenzlosen Verbrechen des Nationalsozialismus, der Shoah und der deutschen Volksgemeinschaft banalisieren.

Hierzulande hießen und heißen die Revanchisten Nolte, Baberowski oder Horst Möller, und in USA heißen sie eben Timothy Snyder (schade, dass er auch noch aus YALE kommt, meiner Alma Mater).

Dabei gilt es die Randale und Kritik am Kapitalismus auf eine andere Ebene zu bringen. Das pro-kapitalistische Apriori von Merkel und allen G20-Beteiligten ist ja himmelschreiend und unerträglich.

Der Suhrkamp-Verlag hat 2016 ein Büchlein mit dem Titel Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank? Das Brecht-Brevier zur Wirtschaftskrise publiziert.

Nun ist es wichtig und richtig, kapitalistische Vergesellschaftung zu kritisieren. Linke Zionisten tun und taten das auch, ja die Verbindung von Sozialismus und Zionismus war für die frühe zionistische Bewegung und später für die ersten Jahrzehnte des Staates Israel von enormer Bedeutung.

Es gibt aber hierzulande seit sehr langer Zeit eine höchst gefährliche Form der Banken- oder Kapitalismuskritik, die gutes („schaffendes“) vom bösen („raffendem“) Kapital unterschieden wissen möchte. Die anti-mammonistische Agitation ist da nicht weit, und die Forschung hat dazu katholische Beispiele aus der Weimarer Republik, sodann Nazipropaganda aber auch Post-Holocaust Agitation gegen Mammon von der (radikalen) Linken analysiert.

Zu dieser Form antisemitischer Kapitalismuskritik, die im Kern das Kapitalverhältnis affirmiert und nur böse Einzelne als Schuldige präsentiert, gesellt sich seit 2005 die BDS-Bewegung (Boycott Divestment Sanctions), die Israel dämonisiert, mit doppelten Standards betrachtet und delegitimiert (die 3Ds, Demonization, Double Standard, Delegitimization).

Doch diese Debatten spielten in Hamburg offenbar kaum eine Rolle.

Die Eskalation ist eine Blamage für die Demokratie“, wie es Jan Thomsen, Journalist bei der Berliner Zeitung, in Worte fasst.

Es waren polizeistaatsmäßige Festspiele der zynischen Art. Zu Beethovens Neunter und der Passage „Alle werden Brüder“ (und Schwestern) in der offenbar ausschließlich für diesen einen Anlass gebauten Elbphilharmonie werden Islamisten, Sexisten und antidemokratische Staatsoberhäupter wie Erdogan, Trump oder Putin und aus anderen Teilen der Welt wie Lateinamerika oder China getätschelt.

Sie beklatschen sich selbst während draußen Linke und Kritiker*innen mundtot gemacht werden sollen, vor Angst zittern, heulen und vor Schmerzen, brennenden Augen und Atemnot umfallen.

Und dann gibt es jene selber ernannten „Antideutschen“, die dieses Land im Kern affirmieren und feixend den live-ticker auf Facebook oder im Fernsehen die Live-Reportage sehen, genüsslich ihren Kaffee im aseptischen, ausbeutungsfreien Starbucks schlürfen und hoffen, dass noch die letzten autonomen Zentren geräumt und zerstört werden.

Diese marginale Gruppe von turbo-neoliberalen prodeutschen Antideutschen, die die G20-Proteste schon im Vorfeld diskreditierte und dabei häufig „nur“ die antisemitischen Elemente der Proteste anführte und damit ALLE Linken meinte (da lacht die BILD-Zeitung natürlich), fühlt sich umso cooler, als sie sich pro-israelisch gibt.

Dazu geben Teile der Linken, der antisemitische Flügel, seit Jahrzehnten zur Genüge Anlässe. So wie jetzt wieder (kleine?) Gruppen bei den G20-Protesten, die die „Einstaatenlösung“ für den israelisch-palästinensischen Konflikt (der ja Teil des arabisch-israelischen Konfliktes ist, was viele nicht sehen) präferieren und somit den jüdischen Staat Israel auflösen wollen und sich ironischerweise mit der extremen (nationalen, religiösen) Rechten in Israel treffen.

Polizist*innen schlugen die letzten Tage brutal und mit einer gleichsam militärischen Ausrüstung zu. Journalisten wurde von Polizistinnen und Polizisten ins Gesicht „Fuck the Press“ geschrien und wenig später Pfefferspray ins Gesicht gesprüht – staatliche Körperverletzung und Aussetzen von Grundrechten. Das ist nicht nur Istanbul, Izmir oder Ankara 2017. Das ist nicht nur Erdogan. Das ist Deutschland 2017. Das ist die Große Koalition. Das ist die SPD Hamburg. Das ist die Polizeiführung Hamburg. Das ist die Merkel-Gabriel-Regierung. Das ist G20.

Die zentrale linksradikale, autonome Demonstration „Welcome to Hell“ wurde gar nicht erst laufen gelassen und Vermummung von kleineren Teilen der Demo wurde zum Anlass genommen, mit äußerster Brutalität eine Demo regelrecht zusammenzuschlagen und das Grundgesetz außer Kraft zu setzen.

Das ist Teil des elenden Erbes von Helmut Kohl, über dessen „geistig-moralische“, ergo: nationalistische „Wende“ und Antisemitismus (Bitburg, SS-Gräber) ja so gut wie niemand redete bei dessen peinlich-monströsem EU-Staatsbegräbnis.

Unter Kohl wurde nämlich die Vermummung 1985 von einer Ordnungswidrigkeit zu einer Straftat uminterpretiert.

Der Protest an sich wurde von Seiten des Staates mit vielen Wochen Vorlauf vollständig diskreditiert. Die bekannten Agitationsplattformen wie WELT (Poschardt), Achgut (Maxeiner), die CDU und viele andere überschlagen sich nun mit „Linksfaschismus“-Gerede.

Sie wollen Nazi-Gewalt trivialisieren und Mord und Plünderung gleichsetzen.

Manche verglichen die antisemitischen Pogrome vom 9. November 1938 mit der Randale in Hamburg. Diese Verharmlosung des Nationalsozialismus läuft in Deutschland runter wie Honig. Es entlastet und die reaktionären Bürger fühlen sich wohl dabei.

Was in Hamburg passierte, wie es kommentiert und eingeordnet wird, schädigt die politische Kultur in diesem Land über viele Jahre hinweg.

Über den Suhrkamp-Band Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank von Brecht könnte man lebhaft diskutieren. Manche könnten lernen, dass es auch eine nicht antisemitische Kapitalismuskritik geben kann und dass gar viele Zionisten vor und nach der Gründung des Staates Israel antikapitalistisch drauf waren und sind.

Wären wir im Jahr 1967, würde es nächstes Jahr ein 1968 geben.

 

Der Verfasser ist Politikwissenschaftler und Verleger (Edition Critic).

 

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ARTE, der WDR und ein Film über Antisemitismus – warum dieser Film von J. Schröder und S. Hafner Israel schaden kann

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Update, 24.06.2017: Zur Rezeption dieses Textes siehe den Faktencheck des WDR und das Neue Deutschland (ND)

Große Aufregung: Das öffentlich-rechtliche Fernsehen, sein deutsch-französischer Sender ARTE im Duo mit dem WDR, hat einen Film zensiert und nicht ausgestrahlt. Die BILD-Zeitung hat ihn nun am 13. Juni 2017 einen Tag lang online gestellt. Es handelt sich um den Film „Auserwählt und Ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa“ von Joachim Schröder und Sophie Hafner. Der Westdeutsche Rundfunk (WDR) unter der Redaktion von Sabine Rollberg hat den Film für den öffentlich-rechtlichen Fernsehkanal ARTE produzieren lassen.

ARTE weigert sich nun, den Film zu zeigen. Laut einem Bericht des Tagesspiegel sagt ARTE, den Film keineswegs deshalb nicht zeigen zu wollen, weil das Thema der antizionistische Antisemitismus sei. Im Gegenteil, sie wollten ja heutigen europäischen Antisemitismus thematisieren und explizit auch den antizionistischen oder israelbezogenen Antisemitismus.

Der Historiker Michael Wolffsohn sagt zu dem Film:

„Glückwunsch! Das ist die mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste, zugleich leider hochaktuelle und wahre Doku zu diesem Thema“,

auch der Politologe Matthias Küntzel, der Historiker Götz Aly und der Publizist Ahmad Mansour

(„Inhaltlich ist der Film großartig und überfällig… Ich finde es merkwürdig, dass ausgerechnet ein renommierter öffentlich-rechtlicher Sender wie ARTE Probleme mit der Realität hat.“)

loben den Film überschwänglich. Die Frankfurter Rundschau (Christian Bommarius), das Blog „Salonkolumnisten“ wie der Radiosender MDR-Kultur würdigen den Film und preisen ihn an.

Ein Film, 90 Minuten gar, gegen heutigen Antisemitismus ist sehr wichtig, da weite Teile der Bevölkerungen in Europa antisemitische Ressentiments hegen.

Darunter fallen jedoch weit mehr Ideologeme als „nur“ der antizionistische Antisemitismus (man denke an die Hetze gegen die jüdische Beschneidung im Sommer 2012, die von der FAZ über die linke Wochenzeitung Jungle World und obskure Einrichtungen wie die Giordano Bruno Stiftung bis hin zu „Antideutschen“ reichte), aber sei es drum.

Den Israelhass zu thematisieren ist schon wichtig genug, in der Tat. Und das tut der Film.

Der Film möchte jedoch überwältigen, er argumentiert gar nicht, da wird keine Sekunde zum Nachdenken angeregt. Schlag auf Schlag werden antisemitische Beispiele zusammenhangslos aneinandergereiht. Von Neonazis (die teilweise eher als Ex-Linke dargestellt werden) über den Palästinenserpräsidenten Abbas und den SPD-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten Martin Schulz hin zu christlichen NGOs und der BDS-Bewegung und antisemitischen Rappern, die teils minutenlang mit Youtube- oder anderen Videos im Original gezeigt werden, geht der Schnelldurchlauf im antisemitischen Milieu hier und heute.

Marginale linke Splittergruppen wie die Sozialistische Alternative Voran (SAV) bekommen einen enormen Stellenwert und könnten diesen Film als Werbung für sich in Anspruch nehmen, weil er ihnen eine Bedeutung zuschreibt, die sie – zum Glück – gar nicht haben.

Der Film möchte alle möglichen antiisraelischen und antisemitischen Beispiele, wie die Ideologie von der „jüdischen Weltverschwörung“ und den Protokollen der Weisen von Zion, aneinanderreihen.

Offenkundig sollte der Film Antisemitismus in Norwegen, Schweden, Griechenland, Ungarn und Großbritannien untersuchen. Heraus kam eine Analyse von deutschem und französischem Antisemitismus, dabei hätte man ja durchaus auch norwegischen oder ungarischen (in Ungarn wurde offenbar gefilmt, so das MDR-Radio, aber nicht in den Film aufgenommen) und griechischen Israelhass untersuchen können, von anderen Formen des heutigen Antisemitismus nicht zu schweigen. Was die beiden Autoren bewog, einen anderen Weg zu gehen und primär den antizionistischen Antisemitismus zu untersuchen und das in zwei europäischen Ländern sowie den Palästinensergebieten, die offenbar aus ARTE und WDR-Sicht gerade nicht als empirische Basis dienen sollten, ist unklar.

Die Produktionsfirma von Schröder hat auch schon „Entweder Broder – Die Deutschland-Safari“ gedreht. In dem von ARTE zensierten Film filmen sich die drei Filmemacher (darunter der Kameramann) auch selbst und zeigen sich in eher lächerlichen oder läppischen Posen im Flugzeug oder im Auto und als Teil des Teams von „Preview Productions“ (München) bzw. „Preview Enterprises“ (Ulm) wirkt auch die Hündin Wilma, die bereits bei Broders Safari mit dabei war und eine Hauptrolle spielte. Es sind solche Szenen oder die Promotion eines Hundes als Teil des „Teams“, die an der Seriosität der Filmemacher zweifeln lassen. Möglicherweise sollten sie aber auch in der Endfassung dieses Dokumentarfilms nicht zu sehen sein.

Der Kern jedoch, weshalb jede Redaktion, die einen gewissen historischen, politischen und intellektuellen Anspruch an sich hat, hellhörig werden sollte, sind folgende drei gravierende Fehler in dem Dokumentarfilm von Joachim Schröder und Sophie Hafner:

1) Das Christentum als die „Mutter allen Judenhasses“?

Gleich zu Beginn wird behauptet: „Die christliche Kultur ist die Mutter allen Judenhasses.“ Nun, dann hat wohl der Historiker Robert S. Wistrich (1945–2015) sein Hauptwerk „A Lethal Obsession“ von 2010 mit einem völlig falschen Untertitel versehen: „Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad.“ In dem Film wird ohne jedwede Differenzierung das Christentum an sich über Luther bis hin zum Evangelischen Kirchentag diffamiert und nicht etwa kritisiert.

Das ist eine Polemik und das wäre auch in einem anderen Rahmen ok, aber nicht in einem Dokumentarfilm. Denn das hat mit einer luziden Kritik am christlichen Antisemitismus rein gar nichts mehr zu tun. Die Plumpheit ist geradezu peinlich untermalt, indem ein gekreuzigter Jesus auf einem Holzkreuz, wie es an vielen Orten in Bayern und sonst wo in diesem Land herumsteht, als Beispiel für christlichen Judenhass herangezogen wird. Als ob es nicht endlich seit einigen Jahrzehnten sehr wohl eine innerchristliche Kritik am eigenen Judenhass geben würde.

Vor allem aber: der Judenhass ist keine Erfindung des Christentums, er ist älter. Schon die antiken Griechen waren teils ausgesprochen judenfeindlich, man denke an Apion oder Epiphanes.

Der Direktor des Jüdischen Museums Berlin, Peter Schäfer, hat sich intensiv mit dem antiken Antisemitismus befasst, siehe seine Studie „Judenhass und Judenfurcht. Die Entstehung des Antisemitismus in der Antike“ (Berlin: Verlag der Weltreligionen, 2010). Für die Entwicklung des völkischen und zumal heidnischen deutschen Antisemitismus war es zumal seit Ende des 19. Jahrhunderts von erheblicher Bedeutung, die antiken Antisemiten wieder auszugraben und sich gerade nicht (nur) auf das judenfeindliche Christentum zu beziehen.

2) Deir Yassin, 1948

In dem Film wird postuliert, im israelischen Unabhängigkeitskrieg von 1948 seien keine Palästinenser im Rahmen der Vertreibungen getötet worden. Eine Lüge. Alleine das Massaker von Deir Yassin, bei dem am 9. April 1948 100-110 arabische Zivilisten von israelischen Einheiten ermordet wurden, wie der Historiker Benny Morris neben vielen anderen herausgearbeitet hat, steht dagegen.[i]

Dir Jassin (Deir Yassin) war ein Wendepunkt im Krieg, die Moral der Araber war vollends gebrochen. Es ist natürlich überlebenswichtig, dass Israel den Krieg gewonnen hat, da sich Israel im Gegensatz zu den Arabern nicht eine einzige militärische Niederlage leisten darf. Und natürlich sind „kleinere“ Massaker kein Genozid und schon gleich gar nicht ist die „Nakba“ mit der Shoah in einem Atemzug zu nennen, wie es Antisemiten zur Delegitimierung Israels seit Jahrzehnten tun. Aber ein Massaker oder die Ermordung von Zivilisten ist schrecklich genug und muss erwähnt werden.

Es ist völlig unangemessen, diese Verbrechen zu leugnen. Das schadet Israel. Sicher sind Israelfeinde erpicht darauf, Juden Verbrechen anzuhängen und viele machen antisemitische Vergleiche mit dem Nationalsozialismus und der Shoah. Das darf aber im Umkehrschluss nicht dazu führen, bekannte Verbrechen Israels zu leugnen.

Der Film konzediert, dass arabische Soldaten umkamen, bis zu 12.000, in Kampfhandlungen. Aber es geht an der Stelle im Film um die Vertreibung der Araber (neben dem selbst gewollten Auszug aus dem jüdischen Staat, wie er auch von arabischen Staaten und Führern gefordert wurde) und in diesem Kontext muss ein Massaker an Zivilisten erwähnt werden und Deir Yassin war ja nicht das einzige Verbrechen seiner Art.

Nochmal: das war kein Genozid, wie die palästinensische und andere antiisraelische und Holocaust verharmlosende Propaganda bis heute behauptet – aber es waren Verbrechen und viele Israelis sind darauf nicht stolz. Der damalige Palmachkämpfer Karl Pfeifer schreibt in seinen Erinnerungen („Einmal Palästina und Zurück“, Edition Critic, 2015) über Dir Jassin (Deir Yassin) und über den Schock, den er und seine Einheit darüber hatten, während sich andere zionistische Gruppen mit dem Angriff rühmten.

Ein viel bessere Vorlage für die BDS-Bewegung und andere Antisemiten könnte dieser Film an dieser Stelle kaum sein: er leugnet Massaker an Palästinensern während des israelischen Unabhängigkeitskrieges. Das stützt die Propaganda der Gegenseite, dass Israel die Wahrheit unterdrücke. Die Wahrheit ist: es gab Massaker an Palästinensern, aber die waren völlig offenkundig kein Völkermord und nicht ansatzweise mit der Shoah zu vergleichen, wie es „Nakba“-Propagandisten tun.

Erst vor wenigen Tagen zeigte ARTE einen Film von 2015, „Zensierte Stimmen“ der jungen israelischen Filmemacherin Mor Loushy, der auf Filmaufnahmen von Avraham Shapira und Amos Oz basiert, die sie wenige Tage nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 machten. Sie interviewten damals hunderte Kameraden der IDF. Darin zeigen sich viele junge israelische Soldaten sehr selbstkritisch.

Erst 50 Jahre nach dem Krieg werden diese Dokumente nun bekannt. Dabei waren sich die israelischen Soldaten der Notwendigkeit ihres Krieges sehr wohl bewusst. Der Judenhass wie der antizionistische Antisemitismus der arabischen Welt waren lebensgefährlich und Israel hat zu Recht präventiv die arabischen Armeen Ägyptens, Syriens und Jordaniens ausgeschaltet.

Doch die Soldaten sind eben auch sehr selbstkritisch und erwähnen ein Massaker an 15 arabischen Kriegsgefangenen, die von Frauen, Alten und Kindern getrennt und einfach erschossen wurden. Das alles spricht für eine große Verzweiflung dieser jungen Zionisten, die den Krieg verabscheuen und, nochmal, sich zugleich über die Notwendigkeit des Kampfes gegen die arabischen Staaten bewusst waren. Aber dazu gehörten keine willkürlichen Ermordungen. Einige der damaligen Soldaten sind heute alte, desillusionierte zionistische Männer.

Der Film von J. Schröder und S. Hafner kann durchaus das Vertrauen in die Israelis untergraben, das manche Palästinenser sehr wohl haben mögen, wenn solche historischen Tatsachen von 1948 (oder 1967) gerade hier und heute, 50 Jahre nach dem Sechstagekrieg und nach 50 Jahren Besatzung nicht benannt werden.

3) Die Besatzung

Die Besatzung des Westjordanlandes wird insofern in blühenden Farben gezeichnet, als dort in einer Fabrik für Plastikprodukte in der Siedlung Ariel auch Palästinenser arbeiten, die gar glücklich sind und 9000 Schekel verdienen würden. Nun könnte man das als Argument gegen die antisemitische BDS-Bewegung verstehen, die Israel boykottiert und eine zentrale Rolle in dem Film spielt. Aber warum werden dann nicht auch pro-israelische Kritiker*innen der Besatzung interviewt?

Warum wird nicht im Ansatz seriös journalistisch recherchiert, ohne gleichwohl Judenhass als verhandelbar darzustellen? Die enormen antidemokratischen und rassistischen Tendenzen und Aktionen in Israel in den letzten Jahren werden einfach ignoriert oder affirmiert. Wer weiß, wie es teilweise in Israel im Diskurs über Araber zugeht, welche Schikanen es an den Checkpoints gibt oder wie es im palästinensischen Hebron mit einigen jüdischen Siedlern, die massivst geschützt werden müssen und selber gerne provozieren bzw. Araber demütigen, zugeht – ohne den palästinensischen Judenhass, des es auch massiv gibt, zu leugnen -, kann nicht einfach alles Übel des Konflikts auf die Palästinenser und die Muslime schieben.

Diese Affirmation des Besatzung wird dadurch drastisch untermauert, dass der Journalist Tuvia Tenenbom die israelische, gegen die Besatzung des Westjordanlandes und gegen israelische Menschenrechtsverletzungen, aber gerade deshalb auch zionistische NGO B’tselem als antisemitisch diffamieren kann, weil diese NGO Fehler gemacht hat und vor Jahren einen antisemitischen Palästinenser beschäftigte. Es wird gar nicht gesagt, dass die NGO sich selbst von diesem antisemitischen Mitarbeiter distanziert hat.

Aus diesem Vorfall die ganze NGO, die 1989 von Zionisten wie Amos Oz gegründet wurde und Oz noch 2016 einen aktuellen Spendenaufruf auf der Homepage der Gruppe platziert, als antiisraelisch oder antisemitisch zu bezeichnen, ist völlig unwissenschaftlich, falsch und politisch sehr problematisch. Der Film macht sich nicht einmal die Mühe, die NGO selbst zu befragen oder Forscher zu befragen, die z.B. aus linkszionistischer Perspektive und nicht nur rechtszionistischer, wie im Film, die Thematik beleuchten. Israel hat unendlich mehr Stimmen zu bieten, als dieser Film andeutet. Der Film schadet dem Ansehen Israels, weil er Selbstkritik a priori eskamotiert. Und Amos Oz übt Selbstkritik an Israel, 1967 wie heute, aus einer zionistischen Position heraus. Und Amos Oz steht für B’tselem.

Schließlich wird ganz offenkundig, dass der Springer-Konzern eine antilinke und eine gegen das öffentlich-rechtliche Fernsehen gerichtete Agenda fährt und der Film bedient das auf perfide Weise. So werden marginale linke antisemitische Gruppen, wie erwähnt, aufgeführt und die Linke an und für sich als antisemitisch dargestellt. Und selbst die Erwähnung der Kritischen Theorie verpasst es, die enormen inneren Kämpfe eines Max Horkheimer anzudeuten, den Zionismus zu akzeptieren. Die Kritische Theorie war, unterm Strich, pro-israelisch, aber das Verhältnis zum Zionismus, grade bei Horkheimer, ist um ein Vielfaches gebrochener.

***

Der Film von J. Schröder und S. Hafner ist ein Film gegen Antisemitismus, Verschwörungsideologien, Islamismus und die antijüdische Indoktrination von kleinen Kindern im Jihad-Fernsehen von Hamas und anderen. Es ist pro-israelischer Film, das ist sehr gut.

Aber er ist ein pro-israelischer Propagandafilm und das ist sehr schlecht.

Er regt nicht zum Nachdenken und Selberdenken an, sondern präsentiert eine fertige Meinung. Diese Meinung hat Recht, wenn es um Antisemiten wie Ken Jebsen oder Verschwörungsanhänger*innen geht etc., aber sie ist völlig im Unrecht, wenn sie ohne jede Differenzierung israelische (!) NGOs, die ihr Land verbessern und den jüdischen und demokratischen Staat Israel retten wollen, als antisemitisch disqualifizieren.

Der Journalist Arno Frank, der noch vor wenigen Tagen auf SpiegelOnline eine Ode auf den Musiker Roger Waters publizierte und durch die Dokumentation nun hoffentlich auch weiß, wie antisemitisch und gerade nicht „humanistisch“ Waters drauf ist, schreibt gleichwohl begründet über den Film:

„Es ist von keinem richtigen Journalisten zu verlangen, über gezielten Hass und traditionelle Dummheit ‚ausgewogen‘ zu berichten. Er sollte dann aber nicht fahrlässig Lücken lassen, durch die der Zweifel einsickern kann. Was stimmt, das muss auch sitzen. Seine Unschärfen sind es, mit denen der Film im Eifer des Gefechts seine eigene Haltung schwächt. Deshalb ist es kein Verdienst, dass diese Dokumentation nun über Umwege doch gezeigt wurde. Mit ein wenig mehr Arbeit hätte sie wesentlich mehr Wucht entfalten können.

In ihrem gegenwärtigen Zustand ist sie nur etwas, das man im Internet sehen, das man glauben kann oder auch nicht. Und das ist schlimm.“

Wenn man in einer Diskussionsveranstaltung über Antisemitismus in Norwegen gefragt wird und antwortet, wie antisemitisch es in den Vororten oder Banlieus in Frankreich zugeht, ist das Thema verfehlt. Das macht die elende Situation in Frankreich nicht besser, aber man erfährt nicht, wie es um den Antisemitismus in Norwegen steht, was nun mal die Frage war.

Es ist sehr bedeutsam, im Fernsehen Antisemitismus zu analysieren und zu kritisieren, ja gerade den antizionistischen Antisemitismus zum Thema zu machen.

Ein Grundfehler des Films liegt aber in der Reise nach Israel und die Palästinensergebiete. Damit wird suggeriert, das Verhalten von Juden, ob nun gut oder böse, habe mit europäischem Antisemitismus etwas zu tun. Man muss aber nicht nach Israel fahren um in Europa lebende antisemitische Querfrontler, Neonazis, Linke, Muslime, Araber oder Palästinenser zu untersuchen.

Wenn man jedoch den arabisch-israelischen Konflikt – das ist ein Thema, das über den Komplex Antisemitismus hinaus reicht – beleuchten will, dann muss man eben auch zionistische Kritiker*innen an Israels Politik, den Kriegen wie der Besatzung interviewen. Doch das macht der Film nicht.

Eine weitere ganz erhebliche Schwäche des Films ist es, dass Antisemitismus fast nur als antizionistischer analysiert wird, inklusive dem antisemitischen Verschwörungsdenken. Was völlig fehlt, ist der Schuldabwehrantisemitismus, der postkolonial („Von Windhuk nach Auschwitz“) oder antibritisch sowie antikommunistisch und Holocaust verharmlosend („Dresden“, „Roter Holocaust“, Joachim Gauck, Prager Deklaration) strukturiert ist.

Jede Redaktion wäre gut beraten, es sich zweimal zu überlegen, diesen offenkundig noch nicht zu Ende geschnittenen Film (mitunter fehlen Untertitel zu arabischen TV-Sendungen oder es wird nicht erwähnt, warum das Gesicht einer deutschen Anti-Israel-Aktivistin gepixelt wird, das von vermutlich weit gefährdeteren Anti-Hamas-Palästinenser*innen in Gaza hingegen nicht) im Fernsehen zu zeigen. Auf vielen Ebenen werden Qualitätsstandards, wie man sie von einem professionellen Film bei einem so hochsensiblen Thema erwarten darf, unterlaufen.

Eine Kritik des ehemaligen israelischen Botschafters in Deutschland, Shimon Stein und des israelischen Historikers Moshe Zimmermann in der ZEIT vom 1. Juni 2017 an der Definition von heutigem Antisemitismus macht deutlich, um was es sehr wohl auch gehen muss:

„Nach dem Bericht des Expertenausschusses [Bericht des zweiten Unabhängigen Expertenausschusses Antisemitismus] gehört unter anderem die Zustimmung zu dem Satz ‚Es ist ungerecht, dass Israel den Palästinensern Land wegnimmt‘ zur antisemitischen Israelkritik. So gesehen sind sogar friedensbewegte Israelis ‚antisemitische Israelkritiker‘. Das ist absurd. Israelbezogene Kritik ist erst dann antisemitisch, wenn nicht die Regierungspolitik, sondern das Existenzrecht des Staates Israel infrage gestellt wird. (…) Wer ‚Antisemitismus‘ ruft, wo keiner ist, der schadet dem Kampf gegen Antisemitismus.“

Nun werden im Film, den ARTE und der WDR nicht zeigen wollen, sehr wohl hardcore antisemitische Beispiele gebracht, sehr viele sogar.

Der Fehler ist jedoch, implizit jedwede Kritik an Israel wie Verbrechen während des israelischen Unabhängigkeitskrieges oder des Sechstagekrieges zu entwirklichen, sie zu leugnen. Das spiegelt die vielfältige Diskussionskultur in Israel gerade nicht wider. Abgesehen davon, noch einmal, muss man gar nicht nach Israel fahren um neonazistischen, islamistischen oder linken Antisemitismus in Europa zu decodieren und zu attackieren.

Die Filmemacher und die Fanszene scheinen gar nicht zu merken, wie dieser Film Israel schaden wird. Wer Massaker von 1948 (oder 1967) leugnet, die Besatzung in den höchsten Tönen lobt (sie bringt doch Arbeitsplätze, hey!) und linkszionistische NGOs wie B‘Tselem, die vom bekanntesten israelischen Schriftsteller, Amos Oz, unterstützt werden, in die antisemitische Ecke rückt und keinen Hauch von Selbstkritik im arabisch-israelischen Konflikt erkennen lässt, beschädigt das Vertrauen in den israelischen Friedenswillen von Seiten jener moderaten palästinensischen Kräften, die es gibt.

Dabei hätte das  Verhalten Israels, wie gesagt, in einem Film, der sich gegen europäische Antisemiten wendet, gar nichts zu suchen – doch der Film macht diese Fässer auf, der Film möchte jede Aktion Israels rechtfertigen und gibt damit jenen Hetzern Vorschub, die immer behaupten, das Pro-Israel-Lager würde Fakten nicht anerkennen. Ja, in diesem Fall stimmt das eben, wer auf diese Weise über 1948 berichtet, und das ganz gezielt und mit dem Ton des Besserwissenden, schadet Israel, da andere israelische Stimmen, die über 1948 (und 1967) seriös und differenziert berichten, gar nicht erst befragt werden.

Die selbst ernannte oder sich so fühlende Pro-Israel-Szene preist den Springer-Verlag nun an, wie mutig er sei, den Film ohne rechtliche Grundlage online gestellt zu haben.

Eine scharfe und fundierte Kritik am Antisemitismus muss jedoch anders vorgehen als dieser Dokumentarfilm.

 

[i] Benny Morris (2005): The Historiography of Deir Yassin, Journal of Israeli History, 24:1, 79–107.

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Die FAZ, der Antisemitismus und die neue deutsche Ideologie: mit linken Juden reden wir nicht! Linkszionismus? Pfui bäbbä!

Deutschland wieder gut zu machen ist das Hauptmovens jeder Zeitung für Deutschland und namentlich der Zeitung für Deutschland, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). Diesen Job übernahm in den 1970er Jahren deren Feuilletonchef Günther Rühle, der unter anderem mit dem Vordenker der rechtsextremen Neuen Rechten, Henning Eichberg, kooperierte und in einem affirmativen Band zum Nazi »Thingspiel« als Autor auftauchte.

Später war Rühle es, Intendant der Städtischen Bühnen in Frankfurt, der um 1985 herum womöglich das »Ende der Schonzeit« für Juden gekommen sah, was man so aber nicht schreiben durfte, wie der damals noch kritische Journalist Henryk M. Broder erfuhr.[i]

Heute sieht Broder die Schonfrist für Kritiker des Rechtsextremismus (die es nie gab) für beendet an, wenn er einer Kritikerin der völkischen AfD-Familienpolitik wie Käßmann (deren teils grotesken Entwirklichungen der jihadistischen Gefahr auf einem anderen Blatt stehen) selbst eine Art Nazismus, ja eine Art umgekehrten Arierparagraphen vorwirft und Fakten absichtlich verdreht.

Und dann kommt so ein Text in der FAZ von Anna Prizkau vom 30. Mai 2017 daher, der mit seiner Perfidie, dem Kokettieren, Brandt wollte womöglich nur die toten Juden erinnern (um von den lebenden zu schweigen), historischen Ahnungslosigkeit, extrem rechter Agitation gegen die Linke insgesamt und intellektueller Anspruchslosigkeit in den heutigen Zeitgeist passt wie Trump als Posterboy in die „Jüdische Rundschau“ aus Berlin.

Die FAZ schreibt:

»Willy Brandt kniet. Das ist auch SPD. Vielleicht das Jetzt-Gegenteil. Sicher riskant. Denn es geht um die Ostpolitik, Brandt kniet im judenfeindlichen Osten.

Zwei Jahre zuvor hat die polnische Führung eine antisemitische Megakampagne gefeiert, nach den März-Unruhen musste sie Schuldige zeigen, Juden natürlich. Denn Kommunisten benutzten, um alle möglichen, unmöglichen Probleme zu lösen, Antisemitismus politisch.«

Riskant sei es gewesen, weil Polen antisemitisch war – nicht etwa weil Nazis und Neonazis und die breite Mitte der Gesellschaft in der BRD antisemitisch waren.

Nun gab es in der BRD im Jahr 1970 unendlich mehr ehemalige NSDAP-, SA-, SS- und BDM-Mitglieder wie auch ehemaligen Polizeibataillonsmitglieder (auch Ex-SPDler oder ganz normale deutsche Arbeiter darunter), und somit Antisemiten, als in Polen, dessen widerlicher, sowjetisch gesteuerter Antizionismus damit kein bißchen milder ausschaut.

Aber wenn eine Zeitung für Deutschland 2017 fantasiert, 1970 sei vor allem der Osten judenfeindlich gewesen, der böse »Kommunismus«, dann ist das ein Geschichtsrevisionismus wie ihn Ernst Nolte nicht treffender hätte formulieren können.

Wie war denn das Klima um 1970 herum in der Bundesrepublik Deutschland?

Sehr aussagekräftig ist ein Leserbrief eines alten ›Kameraden‹ in einer Provinzzeitung. Der SPIEGEL berichtete:

»Nachdem der Oberndorfer Schwarzwälder Bote den Berliner SDS-Ideologen Rudi Dutschke und seine Anhänger in einem Artikel als ›linke SA‹ bezeichnet hatte, protestierte Hugo Gleiter aus Horb (am Neckar) in einem Leserbrief gegen diesen Vergleich: ›Als ehemaliger alter SA-Führer verwahre ich mich schärfstens im Namen meiner Kameraden gegen Ihren Artikel Linke SA im Schwarzwälder Boten. Wir weisen es zurück, mit den Teufels, Dutschkes und anderen ungewaschenen, verkommenen LSD-Schluckern in einen Topf geworfen zu werden. Die SA war der Aufstand der Anständigen gegen den damals auf allen Gebieten zutage getretenen Zerfall. Während die frommen Bürger zu träge und zu feige waren, hat die SA allein den Kampf gegen Verseuchung und Dekadenz aufgenommen. Diese schlichten Dinge werden total verdreht und vernebelt«.

Das spiegelt das Klima von 1968 trefflich wider. Die antisemitische Purifikationsideologie brüllt aus jedem Satz.

Noch 1968 sahen sich allzu viele – nicht nur diejenigen in Baden-Württemberg, welche am 28.04.1968 der NPD 9,8% bescherten – in jenem Kampf gegen die ›Ungewaschenen‹ und ›Verseuchten‹, ja ›Dekadenten‹. 2016 wählten 15,1% in Baden-Württemberg die AfD. Einer der bekanntesten antisemitischen Autoren in der AfD, Wolfgang Gedeon, kommt aus dem Ländle, für ihn ist der Holocaustleugner Horst Mahler ein ehrbarer „Dissident“.

Der Antisemitismus der Neuen Rechten tritt schon immer auch als Antizionismus in Erscheinung. 1973, zur Zeit der Ölkrise, steht in einem Flugblatt der »Nationalrevolutionären Basisgruppe Bremen/Bremerhaven«:

»Weshalb dürfen wir bald Sonntags nicht mehr Auto fahren?

(…) weil die US-Kolonialverwaltung Brandt (…) und die mit ihr verbrüderte internationale Hochfinanz ein Volk das sich auf arabischem Boden breitgemacht hat, mit Geld vollstopft. Mit dem Geld, das das Großkapital aus uns heraussaugt und (…) die Regierung per Steuer aus den Taschen zieht und von dem der Staat Israel finanziert wird. (…) Wie können wir etwas dagegen tun? (…) Durch  den Kampf gegen die amerikanische und russische Fremdherrschaft und für die Neuschaffung Deutschlands! Solidarität mit dem arabischen Volk (…) Neue Kräfte sind im Aufbruch. Sorgen wir dafür, daß das Bonzen- und Kapitalistengeschmeiß, gleich welcher Coleur, wieder aus Deutschland und Europa verschwindet! Schmeißt sie raus!«

Anfang der 1970er Jahre engagierte sich Henning Eichberg (1942–2017) im Umfeld der AKTION WIDERSTAND, deren Aktivitäten gegen die Ostpolitik der Brandt-Regierung gerichtet und unter dem Motto »Brandt an die Wand« mit Hilfe der NPD in neonazistischen Kreisen beliebt waren.

Heutzutage agitiert nun die FAZ gegen die SPD, benutzt vordergründig eine Kritik am Antisemitismus um es den Sozis so richtig zu zeigen.

Da werden Treffen mit Oppositionellen, mit Linkszionisten wohlgemerkt, zu antisemitischen Vorgängen herbei fabuliert. Dass es grundfalsch ist, das Wort „Apartheid“ zu verwenden, das manche Linkszionisten in all ihrer Verzweiflung und ihrer Sorge (!) um den jüdischen Staat Israel benutzen, aber außerhalb Israels als Delegitimierung Israels und als Trivialisierung Südafrikas wahrgenommen wird (und es auch ist), ist das eine – denn knallharte Antizionisten verwenden das Wort ja auch und andere Antisemiten sind erpicht darauf, es zu hören.

Politiker, die sich für den jüdischen Staat einsetzen, der Seite an Seite mit einem zu gründenden palästinensischen den arabisch-israelischen Konflikt wenn nicht beenden (dafür sind der muslimische wie arabische Antisemitismus viel zu obsessiv), so doch enorm abmildern würde, wie der ehemaligen US-Außenminister John Kerry, Außenminister Sigmar Gabriel oder Bundespräsident Frank Walter Steinmeier werden diffamiert.

Die beiden letzteren werden von der FAZ attackiert, der eine träfe sich mit Israelfeinden, die angeblich die eigene Armee sowohl grundlos wie auch ganz generell diffamieren würden, der andere besuche Grabstätten von Terroristen wie Arafat – was eine FAZ-Autorin sicher nie tun würde und niemals traf sich ein Konservativer oder FAZ-Abonnent mit Antisemiten; und niemals würden die FAZ und ihr Personal Gräber von Antisemiten besuchen, nicht mal Traueranzeigen für Ex-Wehrmachtssoldaten oder andere deutsche Verbrecher der Zeit 1933–1945 schalten. Niemals.

Mehr noch: der Text der FAZ wurde massenhaft von so genannten „Israelfreunden“ in den sozialen Medien verlinkt und angepriesen. Es geht ja um linken Antisemitismus, ja um den Bundespräsidenten. Wie brüllend ruhig war es, ja wie volksgemeinschaftlich geschlossen stand hingegen ganz Doitschland hinter Joachim Gauck, der auf vielfältige Weise den Holocaust trivialisierte und nicht zuletzt via Prager Deklaration Rot und Braun gleichsetzt.

Es mag hochgradig naiv und sehr gefährlich sein, einen Deal mit dem islamistischen Regime in Teheran auszuhandeln. Doch die Reaktionen auf den für Juden nicht weniger gefährlichen enormen Militärdeal Trumps mit den säbelrasselnden und Oppositionelle öffentlich auspeitschenden (Raif Badawi) Islamisten in Riad zeigt, dass es der deutschen Israelszene gar nicht um Juden und Israel geht, sondern um sich selbst. Nur hier lebende Aktivist*innen oder Journalist*innen wissen, was gut ist für Juden.

Ein Spiegel Online Kolumnist brachte es bezüglich Sigmar Gabriel ganz ehrlich auf den Punkt: „U-Boote liefern, Klappe halten“.

Mit Juden redet man nicht, das ist die Tonlage. Denn Gabriel wollte ja mit oppositionellen Juden reden. Das geht gar nicht. Linkszionismus – never! Israel ist eine Demokratie, aber eben seit 1967 auch eine Besatzungsmacht. Das möchten viele gerne vergessen und die Schuld am Nahostkonflikt nur und ausschließlich den Palästinensern und Arabern zuschieben. Das ist einfach, da die genügend Anlass dazu bieten. Aber es ist vor allem billig und falsch. Es ignoriert die israelischen Stimmen, die für den jüdischen Staat und gegen die Besatzung sind. Ja, gerade die linken Zionisten sind häufig gegen die Besatzung, weil sie das Projekt eines jüdischen Staates in Gefahr sehen. Das ist der deutschen, selbst ernannten Israelszene so was von völlig egal!

Der Text der FAZ, der der SPD Antisemitismus unterstellt, macht sich gar nicht die Mühe zu zeigen, was die israelische NGO Breaking the Silence möchte und was sie vertritt.

Dass dort ehemalige IDF-Soldat*innen aktiv sind, die keineswegs die ganze Armee, also sich selbst, diffamieren, sondern Menschenrechtsverletzungen der eigenen Armee an Palästinensern in den besetzten Gebieten gerade deshalb skandalisieren, um den jüdischen Staat Israel zu schützen und nicht um ihn zu zerstören, wird ganz gezielt nicht thematisiert.

Es wird deutlich, dass das Gerede von Israel als „einziger Demokratie im Nahen Osten“ gar nicht so gemeint ist, denn sobald sich das Land als Demokratie zeigt, wird es ignoriert oder die demokratische Opposition beschimpft.

Dass Linkszionist*innen im Zweifel den jüdischen Staat nicht nur vor Netanyahu, sondern der noch viel extremeren Rechten schützen möchten, davon wollen die selbst ernannten Israelfreunde nichts hören.

Viel einfacher ist es doch, Geschichte umzuschreiben. Das kann die FAZ, man denke nur an die Publikation von Ernst Nolte vom 6. Juni 1986, „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, die Leugnung der Präzedenzlosigkeit der Shoah, die Analogisierung von Rot und Braun und den Beginn des Historikerstreits.

Das ist deshalb relevant zu erinnern, weil dieser aktuelle FAZ-Text ja gezielt Willy Brandt anführt und dessen Kniefall in Warschau vom Dezember 1970 auf perfideste Weise verzerrt und so darstellt, als sei es Brandt womöglich nur um die toten Juden und nicht die lebenden gegangen:

»Was das alles mit Willy Brandt zu tun hat? Nichts, kann der aufmerksame Israelkritiker sagen, und dann: Brandts Kniefall galt den toten Juden Europas.«

Dabei war 1970 in der BRD die Existenz von Nazis in allen möglichen Ämtern Alltag, so gut wie jede Nachbarin hatte auf dem Kaminsims oder dem Wohnzimmerschrank ein Bild vom gefallenen Bruder oder Ehemann stehen, mit gut sichtbarem Hakenkreuz oder SS-Rune, wie die Autorin Esther Dischereit einmal festhielt.

Heutiger sozialdemokratischer Antisemitismus ist in der Tat ein Thema, man denke an Franz Münteferings „Anti-Heuschrecken“-Anti-Finanzkapital-Ideologie von 2005, an antizionistische Rezensionen in dem SPD-Theorieorgan »Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte« (NGFH) eines Rudolf Walther von 2007 oder Thilo Sarrazins Bemerkungen über jüdische Gene und jüdische Intelligenz.

Brandts Geste hat den Überlebenden womöglich viel mehr bedeutet als jede andere Aktivität eines deutschen Bundeskanzlers oder einer Bundeskanzlerin in der Bundesrepublik bis heute. Das nun so perfide umzudrehen – und mit dieser Umdrehung kokettiert der FAZ-Artikel –, dass Brandt ja eben für die Erinnerung an die toten Juden stehe, die es angesichts von unzähligen Nazis in der BRD gar nicht gab, und die lebenden Juden, Israel, nicht Thema gewesen seien, zeigt die Obsession nicht nur der FAZ, sondern weitester Teile der sog. „Israelszene“, es der Linken mal so richtig zu zeigen. Gerade die FAZ oder die Rechte, die extreme Rechte mithin, seien gegen Antisemitismus. Da lacht die Identitäre Bewegung und deren Vordenker Götz Kubitschek landet einen PR-Coup mit dem jüdischen Bestsellerautoren Tuvia Tenenbom in völkisch-ländlicher Idylle mit Ziegen im südlichen Sachsen-Anhalt.

Dass nun das Blatt des „Don Alphonso“, der die Amadeu Antonio Stiftung diffamiert und die identitären Neonazis scharf machte (oder vice versa), gegen die SPD agitiert, ohne zwischen einem Antizionismus, den es ja in der SPD wie jeder anderen Partei gibt, und einer linkszionistischen, immanenten Kritik an Israel zu differenzieren, ist nicht verwunderlich.

Die ganze Hilflosigkeit und Erbärmlichkeit des Diskurses über Israel zeigt sich ebenso in einem Gespräch in der linken Monatszeitschrift Konkret mit dem Blogger Alex Feuerherdt, der nicht einen Satz zur Notwendigkeit des Linkszionismus und der scharfen Attacke auf die aktuelle Regierung fertig bringt. So ein Gespräch hätte auch in der FAZ stehen können, der Erkenntnisgewinn ist gleich Null und die Ideologie die gleiche: mit linken Juden, die zionistisch aber radikal gegen die Siedlungspolitik sind, gerade weil sie Zionisten sind, redet man nicht und nimmt deren Stimmen nicht wahr. Wer es tut, wie Gabriel, ist ein Antisemit, mehr oder weniger, so tönt es.

Dabei geht es gar nicht nur um die beiden NGOs, die Gabriel traf, die teils in der Tat widerliches Personal haben, inklusive palästinensischen Antisemiten.

Es geht um die Tonlage und sehr scharfe Tonlage, die auch ein Ehud Barak anschlägt, doch dessen Kritik an der extremen Rechten wird hier von so gut wie niemand auch nur gelesen, geschweige denn rezipiert und bekannt gemacht. Und sicher denken viele Blogger und Aktivist*innen, wie auch die FAZ, dass nur sie die wahren Zionisten sind, und nicht etwa Ehud Barak. Was weiß der schon, werden die tuscheln … Dass Barak sehr wohl die israelische Regierung in der Verantwortung sieht, aktiv für den Friedensprozess sich einzusetzen und nicht immer nur die Leier von den allein verantwortlichen Palästinensern anstimmt, wird hier ignoriert.

Es gibt genug wirkliche Antisemiten, von iranischen Politikern, saudischen Predigern, deutsch-türkischen Facebookusern 2010 (Mavi Marmara) oder Linksparteipolitiker*innen hin zu AfD- und Pegida-Stolzdeutschen, die wieder »völkisch« sein wollen.

Der Kern ist hier und heute das Ignorieren der Linken in Israel. Der Linkszionismus oder alle, die nicht auf der extrem rechten Welle von Netanyahu mitschwimmen, werden als Feind stilisiert – bar jeder Realität, so als ob ein scharfer Kritiker der Besatzungspolitik Israels seit 1967 wie der ehemalige Ministerpräsident und höchst dekorierte IDF-General Ehud Barak in der israelischen Tageszeitung Haaretz am 13. Mai 2017 die Intention hätte, den Zionismus zu zerstören. Das Gegenteil ist der Fall. Er will den Zionismus und den jüdischen (!) Staat Israel retten.

Das Problem für die selbst ernannten rechten Israelfreunde sind natürlich linke zionistische Juden, die nämlich die Rechten hier wie da bekämpfen.

Jene, die auf eine binationale Einstaatenlösung hinarbeiten sind jedoch vielmehr Netanyahu und die extreme Rechte in Israel wie auch die antisemitischen Linken weltweit, die BDS-Bewegung und jener Teil der Jihadistischen Internationale, der die Juden erst nach der Einstaatenlösung ermorden möchte.

Wer mit Israelis nicht reden möchte, könnte auch von antijüdischen Motiven getrieben sein. Mehr noch: wer Israel nur Waffen liefern möchte, sich aber überhaupt nicht um den demokratischen und zionistischen Charakter des Landes, die beide in Frage stehen, kümmert, hat vielleicht gar kein wirkliches Interesse am Überleben des Judenstaates, sondern tut nur so.

Die philosemitischen Antisemiten der Rechten, die auf Israeldemos mit Israelfähnchen und deutscher Fahne am Revers antreten, schlagen sich ob dieses FAZ-Textes auf die Schenkel.

Früher einte die Vorfreude aufs Pogrom die deutsche Seele.

Heute ist bei manchen Linken (oder Ex-Linken) und Rechten die Israelfahne zu einem Fetisch und zur Gewissheit geworden, nur Waffen zu liefern, aber nicht mit Juden, Linkszionisten in Israel gar – Gott-steh-uns-bei –, reden zu müssen. Das ist deutsche Ideologie 2017.

 

 

[i] „Schon im Sommer dieses Jahres hatte das Landgericht Frankfurt auf seinen Antrag dem in Israel lebenden, deutsch-jüdischen Journalisten und Schriftsteller Henryk M. Broder per einstweiliger Verfügung untersagt, wörtlich oder sinngemäß zu behaupten, Günther Rühle habe im Hinblick auf seine – vor Jahresfrist getroffene und jetzt widerrufene – Entscheidung für die Aufführung des Stückes ‚Die Stadt, der Müll und der Tod‘ im Zusammenhang mit den Juden in Deutschland gesagt, das ‚Ende der Schonzeit‘ sei ‚erreicht‘. Broder hatte dies erstmals in einem von der Süddeutschen Zeitung im Januar 1986 gedruckten Artikel unter der Überschrift ‚Antisemitismus – ja bitte!‘ behauptet und das Zitat später in sein Buch ‚Der ewige Antisemit‘ aufgenommen, das im Mai im Fischer-Taschenbuch-Verlag erschien.“

 

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Freiheit für Deniz Yücel! Jetzt sofort! Power durch die Mauer, bis sie bricht!

Hi Deniz!

67 Tage Einzelhaft in einem türkischen Gefängnis und keine Aussicht auf baldige Freilassung. Das kann einfach nicht wahr sein.

Viele von uns kriegen doch schon die Krise, wenn sie in der U-Bahn mal 30 Minuten kein WLAN oder keinen sonstigen mobilen Empfang für ihr Smartphone haben, andere lamentieren über das schlechte Wetter im Frühling (wobei ich das Lamento eines Kirschbaumes ja noch verstehen könnte) oder drehen ob Gabriels allzu demokratischer Einforderung von Gesprächen mit Regierungsgegnern fast durch – „U-Boote liefern und Klappe halten“, wie es der philosemitische Antisemitismus, dem zwar sozialdemokratische Holocaustverharmlosung völlig zurecht noch auffällt, dem aber Juden und ihr konkretes Leben wie auch Presse- und Meinungsfreiheit im jüdischen Staat Israel so was von am Arsch vorbeigehen, formuliert.

Doch die allermeisten sind vielmehr glücklich, weil sie in jedem Laden, in jedem einzelnen Geschäft der 64+ Einkaufszentren in Berlin zu jeder Zeit Max Giesinger hören können. Alle wollen nur tanzen, tanzen, tanzen, vergessen, affirmieren, dabei sein („einer von 80 Millionen“, wie die Schlagervolksgemeinschaft grölt), eben „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“. Insofern sei froh, dass du kein deutsches Radio hören musst und als Knasti nicht in Versuchung gerätst, völlig schutzlos deutschem Schlager in Einkaufsparadiesen ausgeliefert zu sein.

Die Entpolitisierung, Volkstümlichkeit, Verkitschung und superkapitalistische Selbstvermarktung sind das Kennzeichen (schon immer, aber seit Jahren völlig ohne Dissonanzen) nicht nur von Mainstream-Musik, sondern indizieren das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Einen Knastalltag kann man sich nicht vorstellen, wenn man ihn noch nicht erlebt hat, Einzelhaft noch viel weniger.

In den 1990er Jahren schrien wir immer: „Power durch die Mauer, bis sie bricht“ und wollten den Abschiebehäftlingen unsere Solidarität ausdrücken. Jihad und Islamismus waren damals gar kein Thema, dafür war die autonome Szene viel zu selbstverliebt (und fast alle sind es weiterhin), was den Kampf gegen den rassistischen Alltag und die Abschaffung bzw. Einschränkung des Asylrechts damals nicht weniger wichtig macht.

Ich bin sicher nicht der einzige, der deinen coolen, scharfen und natürlich alles anders als pro-deutschen Journalismus vermisst. Du, lieber Deniz, hattest damals, im Februar 2012, den besten Text zu Joachim Gauck geschrieben:

Freilich hat sich Gauck nicht erst nach seiner Wahlniederlage im Sommer 2010 ideologisch zwischen Martin Walser, Erika Steinbach und Stefan Effenberg verortet. Ein reaktionärer Stinkstiefel war er schon vorher. So mag der elfte Bundespräsident keine Stadtviertel mit „allzu vielen Zugewanderten und allzu wenigen Altdeutschen“, will das „normale Gefühl“ des Stolzes aufs deutsche Vaterland „nicht den Bekloppten“ überlassen, missbilligt es, „wenn das Geschehen des deutschen Juden-mordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird“, besteht darauf, dass der Kommunismus „mit ausdrücklichem Bezug auf die DDR als ebenso totalitär eingestuft werden muss wie der Nationalsozialismus“, trägt es den SED-Kommunisten nach, das „Unrecht“ der Vertreibung „zementiert“ zu haben, indem „sie die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten“, und fragt – nicht ohne die Antwort zu kennen –, „ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen“.  Einem Apparatschik wie Wulff hätte man es nicht durchgehen las-sen, Leichenberge mit Aktenbergen zu verwechseln oder alleinerziehenden Stützeempfängerinnen mangelnden Schwung vorzuhalten.“

Daraus wird klar, dass dein Anheuern bei Springer sicher nicht auf ideologiekritischen Übereinstimmungen basiert, gell 😉

Die Pressefreiheit in Germany ist natürlich die beste, wo gibt – nehmen wir Jürgen Trittins Reaktion auf deine Kritik an Gauck. Die deutschen Zustände zeichnen sich dadurch aus, dass er, damaliger Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, am 24. Februar 2012 in der TV-Sendung MAYBRIT ILLNER dir „Schweinejournalismus“ vorwarf.

Wir trafen uns im taz-Café in Kreuzberg und dein Text wurde Teil unseres super schnell produzierten (von der Idee bis zum Druck vergingen keine vier Wochen) „Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland“.

Deine Kritik an Gauck war natürlich verglichen mit deinen scharfen Analysen und Kommentaren zum Autokraten und islamistischen Diktator Erdogan nicht mutig, sondern selbstverständlich, auch wenn 90% der Wahlfrauen/männer den Ossi tatsächlich zum Präsidenten wählten.

Knapp die Hälfte der türkischen Bevölkerung hat gegen Erdogan gewählt (nach den offiziellen Zahlen), du bist also nicht alleine in der Türkei. Aber sehr alleine in deiner Zelle. WTF!!!

Selbst als türkischer Deutscher oder hessischer Türke bist du vermutlich nicht alleine in der heutigen Türkei – aber alleine in dieser beknackten Zelle. Das durchzustehen, ohne durchzudrehen, ist eine Leistung, die man sich schwer vorstellen kann.

Aber du schaffst das, Deniz! Du bist mutig, schau dir alleine mal deinen Oberlippenbart (ist es noch einer?) an! („Die absolute Härte sind die Oberlippenbärte“ riefen wir damals immer, wenn wir es mit den Bullen zu tun bekamen… ) Du hast Gauck überstanden und bist gerade wegen deines „Schweinejournalismus“ besser als die anderen im Mainstream, kritischer und lustiger. Und du wirst Erdogan überstehen und bald wieder den köstlichen Nieselregen genießen dürfen und gar die Sonne – und das Coolste: die Gefahr, dabei in der Türkei an öffentlichen Plätzen Max Giesinger hören zu müssen, ist hoffentlich relativ gering.

Du willst einen „fairen Prozess“ – und zwar sofort! – und ich hoffe, das ist wahrscheinlicher als eine Bundesligameisterschaft für Leverkusen in den nächsten paar Jahrzehnten ….

Besser: Freiheit für Deniz Yücel! Freiheit für alle inhaftierten Journalist*innen in der Türkei! Für eine demokratische Türkei!

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