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Tod einer palästinensischen Journalistin und Gewalt auf ihrer Beerdigung – Wenn Israel Fehler macht, muss man das auch offen ansprechen

Von Dr. phil. Clemens Heni, 13. Mai 2022 [Updates vom 16.05., 18.05., 19.05., 20.05. unten]

Es ist offenkundig, dass der Tod von 19 Israelis durch palästinensische Terroristen in den letzten Wochen hierzulande kaum jemanden schockieren, aber der tragische Tod einer palästinensischen Journalistin erobert umgehend die Headlines. Das darf aber nicht bedeuten, dass man nicht genau hinschaut und tatsächlich feststellen muss, dass Israel voraussichtlich einen großen Fehler gemacht hat. Nach Angaben der israelischen Armee stammt die Kugel, die die 51-jährige Journalistin von Al Jazeera Shireen Abu Akleh am Mittwoch Morgen getötet hat, vermutlich doch von den IDF und nicht von Palästinensern, auch wenn ein abschließender Bericht noch nicht da ist und die Palästinenser eine gemeinsame Kommission zur Untersuchung des Todes abgelehnt haben. Das kann aber auch daran liegen, dass es womöglich doch eindeutiger ist als zuerst gedacht, so jedenfalls jetzt die IDF selbst.

Denn es war demnach vermutlich ein tragischer Treffer inmitten einer Schießerei zwischen palästinensischen und islamistischen Terroristen und der israelischen Armee, die auf der Suche nach möglichen Terrorverdächtigen war. Die Kugel stammt vermutlich von der israelischen Armee, so die IDF selbst:

 

Und jetzt kommt auch noch ein weiterer gravierender Zwischenfall dazu. Auf der heutigen, sehr emotionalen Beerdigung von Abu Akleh in Jerusalem kam es zu einer schockierenden Prügelaktion von israelischen Sicherheitskräften, die auf den Sarg tragende Männer einschlug, so dass der Sarg mit der Verstorbenen fast auf den Boden geknallt wäre. Da ist der Bericht von Times of Israel (TOI) Macher David Horovitz, der sonst ein sehr kritischer und liberaler Journalist ist, bemerkenswert deskriptiv, er scheint sich der Dimension dieser Bilder nicht ganz bewusst zu sein und beschreibt die Szene relativ lapidar und geht dann auf die restliche Prozession ein.

 

Immerhin gibt es jetzt vom Weißen Haus und der EU scharfe Protestnoten zu diesem Vorfall, der wirklich nicht zu entschuldigen ist. Sie wollten jede palästinensische Flagge entreißen, was hier absurd wirkt und die Würde einer Beerdigung mit Füßen oder Schlagstöcken tritt.

Eine Art Sicherheitskräfte-Einsatzleiter (ISF, Israeli Security Forces) ist auch selbst sichtbar schockiert ob der Gewalt seiner Kollegen und fordert sie auf, sofort mit der Gewalt aufzuhören. Dieses Video haben schon knapp 600.000 Leute allein von diesem Link angeklickt und gesehen:

Ein solches Polizei- oder Sicherheitskräfteverhalten ist absolut schockierend und verletzt noch die Würde der Totenruhe. Mit beiden Händen den Sarg tragende Männer zu attackieren, hat in einer Demokratie und nirgendwo jemals etwas zu suchen, die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Dass die Palästinenser die christliche Journalistin für ihren auch islamistischen Kampf gegen den Judenstaat instrumentalisierten, das war zu erwarten.

Auch der alltägliche Antisemitismus wie in Akko im Norden Israels, wo es vor einem Jahr Pogrome gegen Juden und das Zerstören von Dutzenden jüdischen Geschäften und von Synagogen gab, der ist ein Riesenproblem für das Zusammenleben von arabischen und jüdischen Israelis.

Aber all das hat nichts mit dieser abstoßenden Gewalt auf einer Beerdigung zu tun. Und die sich selbst so pro-israelisch gebende Pro-Israel-Szene sollte solche offenkundigen Fehler Israels auch ansprechen und nicht überdecken oder beschweigen, denn das macht eine vertrauensvolle Perspektive von arabischen und jüdischen Israelis in Israel sowie ein Zusammenleben von Israelis und Palästinensern in der Westbank nicht leichter.

 

Update 16. Mai 2022:
Die Times of Israel (TOI)
bringt weiteres schockierendes Material, das auf einer Pressekonferenz mit katholischen Geistlichen präsentiert wurde. Demnach haben sogar israelische Polizisten in voller Montur das St. Josephs Krankenhaus am letzten Freitag gestürmt. Ein Krankenhaus.

All das akkurat zu berichten ist wichtig, wenn man sich wie der Verfasser für Israel und gegen die BDS-Bewegung und sonstige Formen des Antizionismus und Antisemitismus einsetzt – das darf aber nicht bedeuten, zu Rassismus in Israel gegenüber Arabern und Palästinensern zu schweigen oder solche skandalösen Polizeieinsätze wie auch den tragischen und vermutlich von der israelischen Armee IDF zu verantwortenden Tod von Shireen Abu Akleh zu verdecken oder den Mantel des Schweigens darüber zu legen und gleich wieder von den typischen und schlimmen antisemitischen Reaktionen oder Aktionen der weltweiten BDS-Bewegung, dem islamistischen Antisemitismus wie von der Hamas oder anderen Formen von antizionistischem Antisemitismus zu berichten, wie es doch sehr gerne von der pro-israelischen Szene hierzulande getan wird und wie ich es auch jetzt angesichts dieser Ereignisse von letzter Woche beobachte (von Bloggern z.B.).

Wer sich mit israelischen, zionistischen Medien wie der Times of Israel beschäftigt, sieht dort weit mehr Kritik an Israel als hierzulande aus der Pro-Israel-Szene. Das mag in Teilen nachvollziehbar sein, weil ja die Mainstreammedien außerhalb Israels oder in Deutschland ohnehin erpicht darauf sind, wenn auch hierzulande weniger als noch vor 20 oder 15 Jahren (da hat der Anti-BDS-Bundestags-Beschluss von 2019 doch einige Wirkung gehabt und Großbritannien plant jetzt sogar ein Gesetz gegen BDS, wie Prinz Charles im Namen seiner Mutter der Königin ankündigte), Israel-Bashing zu betreiben oder einseitig zu berichten.

Aber der Rassismus in Israel gegen Araber ist nun auch nichts Neues, ich habe z.B. in einer “editorischen Vorbemerkung” zu dem von mir und dem Orientalisten Dr. Michael Kreutz übersetzten und von Fania Oz-Salzberger und Yedida Z. Stern herausgegebenen wissenschaftichen Sammelband “Der israelische Nationalstaat. Politische, verfassungsrechtliche und kulturelle Herausforderungen” im Januar 2017 darüber geschrieben.

Update 18. Mai 2022:

Auch die Jerusalem Post berichtet (am 16.05.22) kritisch über den israelischen Polizeieinsatz. In einem Interview mit der Times of Israel betont der Bruder von Abu Akleh, dass die Palästinenser auch Frieden wollten, auch er kritisiert den Polizeieinsatz und dementiert Absprachen der Polizei mit den Anghörigen, dass sie dafür Sorge tragen würden, dass keine palästinensischen Flaggen gezeigt werden, da es eine nationale und von Massen getragene Beerdigung werden wird. Ebenso betont er, dass nicht die Intention bestand, den Sarg den ganzen Weg zu tragen, die Sargträger wollten nur am Krankenhaus den Sarg tragen und ihn dann in den vereitstehenden Van stellen. Er gab auch CNN ein Interview. Der US-Außenminister ist auch über den Vorgang stark irritiert, wie TV7israelnews berichtet: “The Al Jazeera journalist was a Palestinian Christian who held American citizenship through her mother. In a carefully-worded statement on Twitter, US Secretary of State Antony Blinken commented on the matter, saying, “We were deeply troubled by the images of Israeli police intruding into the funeral procession of Palestinian American Shireen Abu Akleh. Every family deserves to lay their loved ones to rest in a dignified and unimpeded manner.”

Update 19.05.2022:

“Meanwhile, Israeli police over the weekend launched an investigation into the conduct of the officers who attacked the mourners at Abu Akleh’s funeral, causing the pallbearers to nearly drop her coffin.

Newspapers on Sunday were filled with criticism of the police and what was portrayed as a public relations debacle.

“The footage from Friday is the very opposite of good judgment and patience,” commentator Oded Shalom wrote in the Yedioth Ahronoth daily. “It documented a shocking display of unbridled brutality and violence.”

Update 20.05.2022:

Die israelische Armee (IDF) hat das Gewehr identifiziert, aus dem womöglich der tödliche Schuss abgefeuert wurde, berichtet die Times of Israel. Aber ohne Herausgabe der tödlichen Kugel, die in den Händen der Palästinenser ist, wird es schwer möglich sein, eine eindeutige Antwort auf den tödlichen Schuss zu bekommen, so die TOI.