Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Schlagwort: Erdogan

image_pdfimage_print

Kinderfrei statt Kinderlos – der staats- und kapitalismuskritische Feminismus hat ein neues Manifest (Rezension des Buches „Kinderfrei statt Kinderlos“ von Verena Brunschweiger, März 2019)

Von Dr. Clemens Heni, 18. März 2019

Das Buch „Kinderfrei statt Kinderlos. Ein Manifest“ der 1980 geborenen Mediävistin Verena Brunschweiger ist eines der wichtigsten aktuellen gesellschaftskritischen Bücher. Es ist ein Genuss, es zu lesen. Es bringt den radikalen Feminismus wieder auf ein Niveau der 1970er Jahre und zeigt, wer eigentlich das größte Interesse an einer „pronatalistischen Bevölkerungspolitik“ hat: der Staat und der Kapitalismus.

Dr. Verena Brunschweiger (copyright: büchner-verlag.de)

Das locker geschriebene Manifest, das sich häufig auf Beispiele aus den USA, Kanada oder auch Großbritannien und Frankreich bezieht, zeigt die Weltgewandtheit der Autorin sowie ihre radikal feministische, Frauen stärkende und das Patriarchat kritisierende Haltung.

Brunschweiger setzt mit alltäglichen Phänomenen ein wie dem Geburtstag einer 40jährigen Frau. Es ging bei diesem Feschtle offenbar gar nicht um jene ersten 40 Jahre einer Frau, um ihr Leben, ihre Erkenntnisse, Träume, Enttäuschungen, Hoffnungen, politischen oder sonstigen Kämpfe, nein, es ging ausschließlich um Kinder, um „Kinderturnen“, „Kinderschuhe“ oder „Kinderschwimmen“.

Es geht in dem Buch gerade nicht um Frauen, die kinderlos sind, sondern um selbstbestimmte Frauen, die aus freien Stücken keine Kinder haben, also kinderfrei sind. Die Autorin lehnt sich an die britische Autorin Tracy Kind an und schreibt:

Sie findet, dass der neuere Ausdruck die volle Sprengkraft transportiert, die in diesem Modell enthalten ist: Kinderfrei leben heißt, gegen soziale Erwartungen zu rebellieren und die Normen der Gesellschaft herauszufordern. (11)

Es geht um die Kritik am „neokonservative[n] Kult ums Kind“, der „für kinderfreie Frauen nur nachteilig sein könne“, wie sie sich an die Zeit-Autorin Tanja Dückers anlehnt. Die heutigen Frauen würden die lockeren 70er und 80er Jahre, als es noch Feministinnen gab, die selbstverständlich ohne Kinder lebten, gegen die miefigen 50er Jahre eintauschen. (17)

Ein „Großteil des Feminismus“ würde die „kinderfreien Frauen“ verraten (22), was Brunschweiger sehr eloquent und mit vielen internationalen Beispielen von Kritikerinnen des Kinderkriegen-Fetischismus unterstreicht. Für schwarze Frauen sei es besonders schwer, sich vom Kinderkriegen loszusagen, wie sie am Beispiel der Ivorerin Nina Steele zeigt, deren Mutter ihr immer wieder „magische Tränke“ schicke, damit die „Fruchtbarkeit“ von Nina und ihrem Mann steige. (25)

Dann kommt die Autorin zu einem Kernaspekt ihrer Kritik:

Ein aktuelles Beispiel dafür ist der Vorschlag von Gesundheitsminister Jens Spahn, Kinderfreie und Eltern bei den Sozialbeiträgen unterschiedlich stark zu belasten. Allein auf die Idee zu kommen, eine Minderheit zu zwingen, einen erheblichen Teil der Kosten für ein Projekt aufzubringen, das nicht ihres ist bzw. sogar völlig gegen deren innerste Überzeugungen geht, ist ausgesprochen bedenklich. (34)

Und dann attackiert Verena Brunschweiger die zentrale Ideologie und Großlüge aller Kinderanbeter*innen:

Angeblich bräuchten die sozialen Sicherungssysteme Kinder. Nein. Der Kapitalismus und das momentane Wirtschaftssystem brauchen Kinder. (34)

Sie bezieht das auf die ökologische Dimension, was völlig richtig ist, aber natürlich noch viel weiter geht. Denn ihr Satz ist noch viel wahrer, als sie vielleicht ahnt. Ohne die Pro-Kinder-Ideologie würde jede Bausparkasse, jede Fernsehwerbung mit Kindern zur besten Sendezeit und jede Haushaltsplanung für die nächsten Jahrzehnte den Staat in seinen Grundfesten erschüttern. Alleine ein Moratorium des Kinderkriegens von 5 oder 10 Jahren würde das System des Staates und des Kapitalismus, wie wir es kennen, womöglich an den Rand des Zusammenbruchs bringen können.

Sehr interessant sind auch die eher kulturphilosophischen oder anthropologischen Aspekte des Manifests. Was unterscheidet den Mensch von Tier? Dass Menschen frei entscheiden können. (35) Doch in puncto Fortpflanzung verhalten sich doch fast alle Menschen wie Tiere und das wird auch noch beglückwünscht, wenn eine Frau mit dem typischen Schwangeren-Grinsen, das sonst nur Alexander Dobrindt oder evangelikale Christen drauf haben, verkündet: „Ich bin schwanger“. Da würde jede Kuh sagen: „Was für eine Leistung, das kann ich auch.“ Entscheidet sich eine Frau aber aus freien Stücken gegen ein Kind, dann ist auch eine Kuh oder eine Amsel sprachlos, das kennen sie nicht (und die schwulen, nachwuchslosen Pinguine in der Antarktis sind wirklich eine Ausnahme und bestätigen die Regel).

Was Brunschweiger gar nicht erwähnt, passt gleichwohl zu ihrem Ansatz, der sich einen „Gebärstreik“ (134) wünscht: Schon Ende des 19. Jahrhunderts und dann 1913 und während des Ersten Weltkriegs gab es Debatten in der sozialistischen Bewegung über einen Gebärstreik. Damit sollte die Zahl der ausbeutbaren Arbeiter*innen gesenkt werden (die Löhne erhöht) bzw. keine potentiellen Soldaten gezeugt werden. Bekanntlich war die Mehrheit auch der sozialistischen wie kommunistischen Bewegung gegen einen Gebärstreik, da sie wie an einem Fetisch an der Masse der Arbeiterklasse festhielt. Es ging bei der Debatte um Gebärstreik auch um Abtreibung und Geburtenregelung, sprich: Verhütungsmethoden. Das war nicht nur dem Kaiserreich, sondern auch den meisten Führer*innen der Arbeiterklasse suspekt.

Heutige, emanzipatorische feministische freche Sprüche wie „Save the earth, don’t give birth“ führen zu spontanen Wutausbrüchen von Normalo-Frauen/Eltern. (36) Verena Brunschweiger geht auf diesen sehr alten patriarchalen Topos ein: Mutter oder Hure. Das gilt in Zeiten der internalisierten Imperative der Pornoindustrie wie der Gebärmaschinen nicht weniger. Frau kann gar nicht mehr wählen zwischen „Beinhaarentfernung“ (39) ja oder nein, so wenig wie Kind – ja oder nein. Die Rasur wie die Fortpflanzung sind so aggressiv im Mainstream durchgesetzt in den letzten Jahren und Jahrzehnten, dass einem schwindlig wird. Im Zeitalter der Hipster könnte man hinzufügen: je bärtiger die Männer, je mädchenhafter, vollrasierter werden die Frauen …

Aber nicht alle Frauen stehen auf den neuen Mann:

Dieselbe Suche nach Applaus glänzt in den Augen der daddiots, wenn sie in den Bioladen rollen und nonchalant die anwesenden jüngeren Frauen mustern, vor allem natürlich die ohne Kinder. Sie scheinen zu glauben, sie kämen bei allen supergut an, bloß weil sie einen Kinderwagen schieben. Hilfe… Aber hier sind Neuigkeiten. Es gibt Frauen, die nicht hingerissen sind beim Anblick eines Vaters und seines Babys. Und es gibt Frauen, die Solidarität mit den gerade abwesenden Müttern empfinden, wenn der daddiot seine Flirtversuche startet. (89)

Da zeigt sich der feministische Drive von Brunschweiger, die im Zweifelsfall solche daddiots noch deutlich übler findet als die mombies, die ja das Kind bekommen haben.

Ellen Peck hat viele dieser Mythen offenbar schon 1971 analysiert, wie Brunschweiger zeigt und auf hohem Niveau sozialpsychologisch wie kulturtheoretisch das Private politisch werden lässt:

Peck war es auch, die bereits in den 1970er Jahren feststellte, dass ein weiterer kritikwürdiger, aber oftmals geleugneter Fortpflanzungsgrund das narzisstische Bedürfnis ist, eine kleine Version von sich selbst herzustellen. Mini-Me-Alarm also. Oder besonders rührend: ‚Die schönen Augen von Andreas/Stefan/etc., stell dir mal vor, wenn das Kind die dann auch hat!‘ Dennoch: die Freude am Original scheint letztlich nicht auszureichen, weswegen die Vervielfältigung des präferierten Körperteils ins Werk gesetzt werden muss. (40)

Das in drei Teile plus dem Manifest gegliederte 150 Seiten dünne Buch hat enorme Sprengkraft und zeugt von einer gehörigen Portion Mut, zumal als Gymnasiallehrerin, die permanent mit Müttern, Vätern und Eltern – und Kindern zu tun hat. Hass auf Kinder scheidet also als Motivlage schon mal aus, sonst hätte Brunschweiger kaum diesen Beruf gewählt. Der Lärm einer Schule tut sein Übriges – kann aber auch ein Grund sein, warum sie völlig zu Recht und mit Vehemenz Wohnmodelle aus Kanada oder USA anführt, die Mietkomplexe nur für Erwachsene bauen.

Damit sind gerade keine Altensiedlungen gemeint, sondern alle Erwachsenen ab 18 oder 21. Es gibt ja auch „Adults-only-Hotels“ (98) und die sind begehrt. Der von vielen als süß oder herzig verniedlichte Lärm von Babies, Kleinkindern und Kindern bis zum Teenageralter in Mietshäusern ist in der Tat eine enorme Plage. Solchen Familien wenn, dann nur Erdgeschosswohnungen zu geben, wäre das eine. Etwas anderes eben solche Wohnhäuser, wo gar keine Kinder und Familien wohnen dürfen. Die Autorin erwähnt auch, dass Lärmklagen bei der Polizei in diesen Fällen fast immer zwecklos sind, Kinderlärm wird kategorial anders gewertet als der Lärm von Erwachsenen. Dabei ist letzterer ja in der Tat auch ein massives Problem, wer je in Berlin gelebt hat in einem ganz typischen Mietshaus mit den ganz typischen Mitte 20jährigen Egomanen, wo anstelle des Großhirns ein Matsch aus Alkohol, noch härteren Drogen und Techno-Stampf sich befindet, kennt das Phänomen, und zwar 24/7 – wobei die Kids, selbst die krassen und lärmenden, doch zumindest 8–12 Stunden am Tag ruhig sind.

Es gibt wirklich Leute, Akademiker*innen oder Publizist*innen mithin, die einem im Zweifelsfall, angenommen es geht um einen besonders üblen Job, den sie oder er doch angenommen hat, ernsthaft sagen „Du, ich hab ja jetzt eine kleine Familien, da muss ich das Geld ranschaffen“. Das war wohlgemerkt die Begründung dafür, einen Job oder ein Fellowship anzunehmen bei einer Einrichtung, was die Person früher nicht getan hätte und auch gar nicht ersichtlich ist, ob das für das Überleben (!) not-wendig ist. Selbst mit Hartz 4 stirbt man ja nicht, by the way, ohne dieses unerträgliche kapitalistische Folterinstrument mit einer Silbe gutzuheißen. Aber diese Betonung, einen Job wegen den Kindern machen zu müssen, der hält sowohl den Staat wie den Kapitalismus am Laufen, das ist gewünscht. Da können die gleichen Leute in ihrer Freizeit so dissident schreiben wie sie wollen, im Kern stabilisieren sie das System.

Sehr gut sind auch die Ausführungen von Verena Brunschweiger bezüglich des Alltags von Freiflächen oder Brunnen, die von Müttern (seltener: Vätern) als Eigentum der Kinder betrachtet werden. Kinder dürfen überall lärmen, im Bus schreien und die Autorin bringt Beispiele, die alles andere als herbeigezogen klingen, dass es Mütter gibt, die absichtlich in volle Busse mit ihrem überdimensionierten Kinderwagen gehen, zur Rush-Hour, damit die 99 anderen Fahrgäste auch mal was von einem 7 Minuten tobsuchtsartig schreienden Baby haben, das durchaus Panik kriegen kann bei einem völlig überfüllten Rush-Hour Bus.

Es ist traurig, so Brunschweiger, wie „aus der einst coolen Studentenstadt“ Regensburg, „Mamitown“ (66) geworden ist. Es gibt in Italien Hinweisschilder, dass „ein Zierbrunnen kein Schwimmbad“ ist (67).

Dieser Wandel hat den Charakter öffentlicher Plätze stark verändert – ein Phänomen, das Elisabeth Badinter auch für Paris festgestellt hat. Familien mit Kindern besetzen immer mehr Orte, vor allem in räumlicher, aber auch in akustischer und olfaktorischer Hinsicht – wenn der Nachwuchs beispielsweise direkt auf dem Nachbartisch im Café gewindelt wird. Man mag das als nörgelnde Klage einer Kinderfreien verstehen, die diesen geteilten öffentlichen Raum gelegentlich einfach mal dafür nutzen möchte, in Ruhe ein Buch zu lesen. Aber die Veränderung durch den zunehmenden Fokus auf die Befindlichkeiten von Familien und ihren Nachwuchs ist real. Die Umnutzung des historischen Brunnens in ein Massenplanschbecken mag für viel Freude bei den Planschenden sorgen, aber sie steht auch dafür, dass in der Verwandlung der Öffentlichkeit in einen einzigen Kinderspielplatz etwas auf der Strecke bleibt. (66 f.)

Man könnte hinzufügen: „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ (Habermas) mal ganz anders betrachtet.

Eine besonders provokante, aber massiv unterfütterte These von Verena Brunschweiger ist folgende:

Es ist eine Zumutung, von kinderfreien Frauen ständig Erklärungen für ihre Entscheidung zu fordern. Es bedarf einer neuen sozialen Norm, die umgekehrt von Eltern eine Erklärung dafür erwartet, warum sie glauben, gerade sie hätten das Recht, unser aller Leben auf diesem Planeten noch weiter zu gefährden. (50)

Ein Kind verbraucht ca. 60 Tonnen Kohlenstoffdioxid (CO2) – pro Jahr. (122) Das ist ungefähr das 30-fache, was ein Kind aus Afrika südlich der Sahara braucht bzw. verbrauchen wird und kann (112). Ebenso logisch und durchdacht ist Brunschweigers Hinweis darauf, dass es doch fast allen Frauen nicht um das Kind an sich geht, sonst könnten sie in Waisenhäuser gehen oder Kinder adoptieren – es gibt unendlich viele Kinder, die keine Eltern haben oder völlig perspektivlos sind, weil sie zu viele Geschwister haben. (123)

Aber es geht um das EIGENE Kind, das eigene Blut, die eigenen Gene. Es geht um den Narzissmus, das eigene Blut muss es sein – was ja sehr viele (man denke nur an die Schreibtische von Angestellten in ihren besser als Vorhölle zu bezeichnenden Büros) durch das obsessive Zeigen von Bildern der Kinder oder der Familie dokumentieren. Viele haben im eigenen Haus oder der Wohnung primär Bilder von sich selbst hängen oder von den Kindern und Enkelkindern sowie natürlich – in Deutschland besonders elendig – von Vater, Großvater und Mutter und Großmutter, gerade auch aus der Nazi-Zeit.

In diese Kontinuität stellen sich alle nur zu gerne. Manche, wie der Milliardär und Mäzen des Fußball-Vereins TSG Hoffenheim aus Baden-Württemberg (dem „Kraichgau“), Dietmar Hopp, finden es wiederum aufgrund der Kinder völlig nachvollziehbar, dass sein Nazivater 1938 die örtliche Synagoge zerstört hat, hätte er es nicht getan, wäre die Zukunft der Familie auf dem Spiel gestanden, wie Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen schreibt:

Dietmar Hopp kennt natürlich diesen Teil der väterlichen Biografie. Und selbstverständlich distanziert er sich davon. ‚Was er getan hat, ist zu verurteilen‘, erklärte der Unternehmer der FAS. Hätte er es nur bei diesem einen Satz belassen. Stattdessen schob er sofort eine Art Relativierung nach: ‚Auch wenn niemand dabei gestorben ist.‘ War also nicht so schlimm. Ein Fall von minder schwerer Schuld, sozusagen.

Und weil Dietmar Hopp gerade schon dabei war, folgten gleich noch die mildernden Umstände. ‚Mein Vater war Lehrer. Als er 1938 den Auftrag bekam, die Synagoge in Hoffenheim zu zerstören, hatte er schon drei Kinder, meine älteren Geschwister. Hätte er es nicht gemacht, wäre er entlassen worden, und seine Familie wäre einer hoffnungslosen Zeit entgegengegangen.‘

In einer solchen Nazi-Kontinuität steht so gut wie jede ganz normale deutsche Familie. Den Antisemitismus seiner Aussage wird Hopp weit von sich weisen und doch ist er unverkennbar und so widerlich wie der von allen anderen ganz normalen Deutschen, die sich den Holocaust und ihre eigene Familiengeschichte schön reden. Wegen der Kinder tun Deutsche wirklich alles – auch Synagogen zerstören, ist ja für einen guten Zweck! Das ist nicht 1951, das ist 2019.

Eine soziologische Kategorie bei Brunschweiger ist die der Freundschaft. Auch hier sind die Bemerkungen der Autorin treffend und kritisch: Die Ideologie der sich um die Eltern kümmernden Kinder zerstiebt, sobald es um Gespräche auf Augenhöhe von Gleichaltrigen auch im Alter geht. Da haben womöglich kinderfreie Frauen und Männer, die ihr Leben lang Freundschaften nicht aus Pragmatismus und Mittel-Zweck-Berechnung pflegten, sondern aufgrund ähnlicher kultureller, philosophischer oder politischer Interessen, mehr sozialen Kontakt.

Ein paar Wermutstropfen: die Autorin geht en passant immer wieder sehr unkritisch auf die vegetarische und vegane Bewegung ein, verpasst mitunter den kategorialen Unterschied von Mensch und Tier und nimmt gar den menschenverachtenden Utilitaristen Peter Singer in ihr Literaturverzeichnis auf. Das geht gar nicht. In einer Ankündigung für eine Veranstaltung mit dem linken Publizisten Peter Bierl in Bremen am 22. März 2019 heißt es treffenderweise:

Wenn Peter Singer auftritt, protestieren Behinderten-Initiativen und Antifaschist_innen, denn für den Philosophen sind Behinderte, Demente und Neugeborene Menschen zweiter Klasse. Er verharmlost Euthanasie als Erlösung und empfiehlt sie als Methode, um Geld zu sparen. Diese Haltung durchzieht sein Gesamtwerk und ist exemplarisch für eine rohe Bürgerlichkeit, die sich breit macht. Sie zeigt sich am Erfolg von Thilo Sarrazin. Dessen Buch Deutschland schafft sich ab war 2010 der Bestseller in der Kategorie Sachbücher. Muslimische Einwanderer_innen sowie Empfänger_innen von Hartz IV denunziert er als minderwertigen Erbguts. Der Staat sollte besser bio-deutschen Frauen aus der akademischen Mittelschicht mehr Geld geben, damit sie neben Studium und Karriere Kinder kriegen. Die AfD hat die Vorschläge übernommen. Dabei stehen weder Singer noch Sarrazin politisch rechts. Der Sozialdemokrat Sarrazin trieb als Finanzsenator in Berlin in einer Koalition aus SPD und PDS den Sozialabbau voran, Singer war für die australischen Grünen aktiv, ist prominenter Vordenker von Tierrechtsbewegung und Veganismus und plädierte für eine neue darwinistische Linke. Beide sind Wiedergänger einer Rassenhygiene, die in der Linken schon einmal Anklang fand.

Einige Bezugspunkte von Verena Brunschweiger sind also schon bedenklich. David Benatar scheint so ein Fall zu sein, der offenbar die Idee hatte, Verhütungsmittel über das Trinkwasser zu verbreiten (!). Das schmeckt doch sehr nach Ökofaschismus. (128 f.) Völlig grotesk, ja regelrecht skandalös und das ganze Unterfangen völlig unnötig in eine Schieflage bringend, ist auch Brunschweigers Bezug auf eine Gruppe wie „Church of Euthanasia“, die ernsthaft so heißt, 1992 in den USA gegründet wurde, und auch in Deutschland aktiv ist.

Diese Gruppe ist gegen Samenbanken (was noch verständlich ist), aber auch grundsätzlich gegen Fortpflanzung und für Suizid. Warum sie sich dann nicht gleich alle umgebracht haben und uns nicht mit diesem Pro-Nazi-Gruppennamen – wer sich für Euthanasie ausspricht, ist ein Nazi oder Pro-Nazi – belästigen würden, ist eine offene Frage. Da hätte das Lektorat des Büchner-Verlags aus Marburg doch genauer hinschauen sollen. Brunschweiger schreibt, diese „Church of Euthanasia“ würde „coole Performances“ machen (119) wie das „symbolische Vergießen von Sperma“. Mit diesem Gruppennamen hat sich jede Aktion ins Abseits manövriert. Euthanasie bedeutete das Ermorden von Zehntausenden Menschen im Nationalsozialismus, die nicht der „Norm“ entsprachen. Damit kann man keine Spielchen treiben und sich diesen Namen geben, wie ironisch oder sarkastisch das immer angeblich gemeint sein mag – es kann auch wörtlich gemeint sein.

Auch die mehrfache Verwendung des Adjektivs „abartig“, das in Deutschland sehr weit verbreitet ist, kann nicht unkommentiert bleiben, da dies ins „Wörterbuch der Menschenfeinde“ gehört und ein Nazi-Unwort ist, das eine „Art“ meint (die völkische, deutsche), und Abweichungen davon als „Abart“ oder „abartig“. Der Historiker und Aktivist gegen Rechtsextremismus Jan Buschbom schrieb schon 2012 zu diesem und anderen problematischen Wörtern:

Kaum eine Familienfeier im humanistischen Milieu, kein Abend unter liberal gesinnten Zeitgenossen, keine bildungsbürgerliche Veranstaltung, auf der nicht irgendjemand – unwissend, ignorant oder testweise – Begriffe verwendet oder Thesen in die Welt setzt, die zu einer anderen Zeit in Deutschland verwendet und geprägt worden sind, um einer zutiefst unmenschlichen Ideologie den Boden zu bereiten. Einer Ideologie, die ganz ohne Witz und ohne dass jemand noch etwas sagen durfte, auf die Vernichtung von Menschen ausgerichtet war, die den Maßstäben der selbsternannten „Herrenrasse“ nicht entsprachen. Im „Wörterbuch der Menschenfeinde“ weisen wir den Ursprung dieser Begriffe nach, aber auch den menschenverachtenden Zweck und das tödliche System, dem sie dienten. Damit niemand mehr behaupten kann, ‘davon habe ich nichts gewusst.’

Buschbom führt dann im Detail aus, warum das Adjektiv „abartig“ ein Nazi-Wort ist. Also: Weg mit diesem widerlichen Adjektiv „abartig“!

Das Manifest von Verena Brunschweiger ist in unserer heutigen Zeit, wo Kinder sowohl von Rechtsextremen und Neuen Rechten wie von Muslimen und Islamisten gleichermaßen als absolut zentrales reaktionäres Element der Gesellschaft herbeigevögelt werden, von enormer Bedeutung.

Love, Sex und Rock’n’Roll haben die Frauen befreit. Frauen sind namentlich seit 1968 nicht mehr als Gebärmaschinen degradierbar, ohne auf Widerstand zu stoßen. Dieser Widerstand war jedoch jahrzehntelang eingeschlafen. Die Autorin erweckt ihn und haucht im neuen Mut ein.

Für Jens Spahn, Frauke Petry, die evangelische wie katholische Kirche, muslimische Verbände wie jihadistische Kämpfer gibt es nichts Wichtigeres als Frauen nur dann als Frauen und als (natürlich dennoch niemals „vollwertige“) Mitglieder ihrer Gesellschaften zu akzeptieren, solange sie sich und somit die bestehenden Strukturen reproduzieren.

In Zeiten, wo Professor*innen völlig ungeniert mit ihren Kindern in Editorials für Fachzeitschriften werben, wo Kolleg*innen in ihren Lebensläufen (CV) ernsthaft aufführen, wieviele Kinder sie haben, wie sie heißen und wann sie geboren sind (und welche Früh- oder Fehlgeburt wann starb, kein Sarkasmus hier, nur Deskription) – als ob das irgendwas mit der wissenschaftlichen Qualifikation zu tun hätte –, oder in Zeiten, wo sich gebildete Leute per Katalog Partner*innen aussuchen, die genauso den Reproduktionswunsch haben und dazu die richtige Größe, Haarfarbe und Statur oder Haut- und Augenfarbe, ist die Kritik von Brunschweiger von ganz großer Bedeutung.

Denn diese Leute wissen ganz genau, dass der Staat und der Kapitalismus das honorieren, von den nicht weniger frauenverachtenden Fragen von CEOs und Abteilungsleiter*innen nicht zu schweigen, die eine 37jährige Frau mit der einen oder anderen Frage aushorchen, ob sie noch vor hat, in Elternzeit zu gehen. Andere wiederum sind so dreist, dass sie befristete Jobs (sagen wir auf 2 Jahre) annehmen, um nach 5 Monaten plötzlich Elternzeit zu beantragen und das mit dem Gehalt dieses super ausgestatteten Jobs, der politisch einige Relevanz hat, um dieses Beispiel zu nehmen. Also Menschen mit Kindern werden allerorten bevorzugt und vor allem denken die Eltern, Mütter vorneweg, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft geleistet zu haben mit der Geburt. Und das ist die große Frage, die Verena Brunschweiger völlig zu Recht und mit einer teils „lustvollen Rotzigkeit“ (135) in den Raum wirft.

Warum gibt es einen „Welt-Toiletten-Tag“ oder einen „Jogginghosen-Tag“ – aber in der hiesigen Presse keinen Hinweis darauf, dass der 1. August der „International Childfree Day“ ist? (100) Warum infantilisieren sich so viele Frauen, sobald sie Kinder haben und setzen sich für ihre Profilbilder bei WhatsApp oder Facebook läppische, eben infantile Clownsnasen auf, warum antworten solche Frauen auf die Frage „Wie geht’s“ stets mit „Sophie hat Durchfall und David war letzte Woche krank“? Sie rechnen gar nicht damit, dass gemeint sein könnte, wie es ihr als Frau oder Mensch geht – und nicht als Mutter. Das ganze Leben dreht sich nur um die Kinder – und wir reden hier nicht von Leuten, die ohnehin kein Interesse an nichts haben und wirklich dumm wie Stroh sind (und vom Fernsehen, Dieter Bohlen, Florian Silbereisen, „Bares für Rares“, Helene Fischer und den Zeitungen etc., gezielt kulturindustriell so gehalten werden), nein: Wir reden hier über die gehobene Mittel- und die Oberschicht, die Gebildeten, die Studierten und früher häufig sogar politisch aktiven Leute.

Die Kulturindustrie ist obsessiv auf Kinder-Trip:

Betritt man eine beliebige Buchhandlung, so sieht man sich erst mal einer Unmenge an Stofftieren, Spielsachen, buntem Krimskrams aller Art gegenüber,

was sich in öffentlichen Bibliotheken fortsetzt:

„Wenn man keine Ohrstöpsel oder Kopfhörer hat, ist dieser öffentliche Raum für die eigene Nutzung tendenziell verloren (96 f.).

Es gibt auch Lesben, die sich vom gleichen, nach klaren Kriterien wie aus dem Katalog (oder dem Kiez) ausgesuchten schwulen, gleichsam Zuchtbullen schwängern lassen, damit alle Kinder den gleichen Vater, aber zwei verschiedene Mütter haben. Was haben diese sich offen und links dünkenden Frauen gegen das islamistische Prinzip der Vielehe? Oder nehmen wir jenes schwule Paar (dieses Beispiel, das durch die Presse ging, ist aus Israel, wo Kinderkriegen in der Tat eine extreme Obsession ist, wer beruflich wie privat regelmäßig mit Israelis zu tun hat, weiß das), das 100.000 Dollar bezahlte für eine Leihmutter in den USA und kurz nach der Geburt das Baby „heimholte“ und nicht den Hauch von Gewissensbissen hat, eine Frau so brutal als Warenbehälter zu benutzen und das Kind noch dazu um die Mama betrügt. Welche Frau würde einen so schmerzhaften Vorgang wie eine Schwangerschaft und vor allem die Geburt (Brunschweiger erwähnt viele Beispiele, dass noch heute einige Dutzend Frauen pro Jahr hierzulande an der Geburt sterben) auf sich nehmen und dann das Kind abgeben, ja verkaufen? Wie aussichtslos muss die Perspektive einer solchen Frau zuvor gewesen sein? Wie stark wird sie das den Rest ihres Lebens bereuen? Das führt uns im umgekehrten Fall zum „regretting motherhood“, jener israelischen Studie von Frauen, die es wirklich bereuen, Kinder bekommen zu haben und das auch zugeben.

Um auf den gewöhnlichen Alltag zurückzukommen: Nehmen wir das wirklich zunehmende Problem in Restaurants und Cafés. Kindern wird zunehmend von den Eltern alles erlaubt, und mitunter kann frau oder mann das Gefühl nicht loswerden, dass es eine gezielte a-soziale Tat ist, wie Brunschweiger an Hand einer Story eines Bloggers und cleveren, witzigen wie super genervten Obers zeigt:

Als das pausenlose Gerenne und Gekreische eines anderen Kindes die Gäste und ihn massiv störte, schüttete er, der Kellner, eiskalt ein wenig Wodka in den Saft. Als das Kind dann ein wenig ruhiger wurde, gingen die Eltern. Damit bestätigt der Kellner, was schon oft beobachtet worden ist: Die Eltern waren in dem Moment zufrieden, als das Kind die Nerven aller anderen Leute ruiniert hatte und konnten zufrieden, nach ‚getaner Arbeit‘ quasi, heimgehen. (93)

Um es überspitzt auf den Punkt zu bringen: Kinderkriegen ist auch heute noch und gerade heute die absolut zentrale Ideologie der Neo-Nazis und der Neuen Rechten, das sollten alle Nicht-Nazis wissen.

Die Quintessenz der Totalverweigerung muss sein, dass wir unsere Körper nicht hergeben für einen Geburtenkrieg, den moderne Nazis im Schafspelz der Vaterfigur gegen muslimische Einwanderer führen wollen. Lasst Frauke Petry und Konsorten ihren perversen Kampf alleine oder mit ihresgleichen austragen. Denn jedes phallische Gesetz, selbst wenn es sich als legitimes gebärdet, stellt ‚eine obszöne Beschneidung weiblicher Subjektivität [dar]. Denn es reduziert die Frau erbarmungslos auf ein Pfand im Spiel der Männerbündnisse.‘ Und genau das tut die Mutterrolle. (136)

Das muss natürlich genauso und explizit für muslimische und islamistische, aber auch anderen Communities gelten. Wenn z.B. ein Paar in Berlin heiratet (ein Paar, beide hier geboren, das eigentlich deutsch ist oder wäre, wenn es das wollte), passiert es nicht selten, dass es das aggressiv als geradezu nationalen Erfolg feiert und zwar im Autokorso mit Türkeifahne. Was hat eine solche Fahne mit einem privaten Ereignis wie einer Hochzeit zu tun? Dazu passt, dass einer der bekanntesten Deutschen sich jetzt abermals als Riesenfan des brutalen türkischen Präsidenten Erdogan zeigt: Mesut Özil, der offenbar den führenden türkischen Islamisten als Trauzeugen einladen möchte! Özil ist für Hunderttausende Deutsch-Türken, die offenbar keine Deutschen sein wollen, ein Idol. Özil spielte für Deutschland Fußball und zeigt sich doch seit Jahren, schon bevor er das DFB-Team verließ, als Islamist, auf und neben dem Platz, besonders abstoßend war sein Einsatz für Erdogan im Wahlkampf, wie wir alle wissen. Und da Erdogan berüchtigt ist für seine Aggressivität und patriarchal-islamische Gewalt wie der Aussage von 2017:

Macht fünf Kinder, nicht drei, denn ihr seid Europas Zukunft‘, sagte Erdoğan bei einem Wahlkampfauftritt im westtürkischen Eskişehir. Dies sei die ‚beste Antwort‘ auf die ‚Unhöflichkeit‘ und ‚Feindschaft‘, die ihnen entgegengebracht werde,

muss das ins Visier des Feminismus und der Patriarchatskritik geraten. Das unerträgliche „Feiern“ einer Hochzeit mit der Nationalfahne ist hierzulande stark von Türken oder auch Kroaten bestimmt, die Katholiken stehen in puncto Nationalismus den Islamisten hier in nichts nach, auch wenn natürlich Kroatien ein Mini-Land ist verglichen mit der imperialistischen Türkei und dem dortigen Islamismus. Beide indizieren den engen Zusammenhang von Kinderkriegen, staatlicher Macht und patriarchaler Herrschaft.

Der Massenmörder von Christchurch in Neuseeland ergeht sich ausführlich in der Darstellung der ach-so-niedrigen Geburtenraten in westlichen Ländern. Er ist neidisch auf die höheren Raten der Muslime, die er gar nicht schlimm findet – solange die Muslime nicht im Westen leben, sondern „in deren Ländern“. Natalistischer Ethnopluralismus.

Das Buch „Kinderfrei statt Kinderlos“ beinhaltet wundervollen Sprengstoff und kann staatliche wie kapitalistische (und christliche wie islamische) Strukturen ganz grundsätzlich herausfordern.

Wenn in weiteren Auflagen des Buches die genannten Schwachstellen korrigiert werden sollten – Verena Brunschweiger ist eine so brillante, scharfe, lustige, lebensfrohe Autorin, sie hat diese wirklich widerlichen, politisch wie ethisch oder moralphilosophisch sehr problematischen erwähnten Bezüge gar nicht nötig –, wäre dieses Manifest noch geeigneter, diesen Sprengstoff sehr weit zu verbreiten.

Wie gesagt, viele Frauen werden als Mama plötzlich zum „mombie“ und Männer zu „daddiots“ (93 ff.) – also Zombies und Idioten (man soll keine Witze erklären!). Es ist jedoch weniger relevant, ob Schwangeren tatsächlich das Gehirn schrumpft (!) (85), ob Kinderfreie schönere, weniger ausgesaugte und nicht breitgeknetete Brüste haben und „weniger schnell altern und weniger Falten bekommen“ (141) – das sind arg bürgerliche Schönheits- und Nützlichkeitskategorien, die für eine linke Gesellschaftskritikern und Feministin eher ungewöhnlich klingen.

Was jedoch sehr relevant und der Kern des neuen Feminismus wie dieses Buches ist, das ist der letzte Satz des Buches, ein Zitat von Gloria Steinem:

When the pill came along, we were able to give birth – to ourselves. (142)

Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau – und sie wird es nicht als Teil der „Spermatokratie“ und als „‘Ware zum Zweck der Züchtung‘“. (62)

Zum fröhlichen Schluss:

Grandiose Liebespaare haben für gewöhnlich keine Kinder (75).

Verena Brunschweiger: Kinderfrei statt Kinderlos. Ein Manifest, Marburg: Büchner-Verlag, März 2019, ISBN 978-3-96317-148-2, 150 Seiten, 12,5 x 19,3 cm, Klappenbroschur, 16€

©ClemensHeni

Journalisten zwischen Fischgräten, Neurosen und Psychosen

Der Realitätsverlust angesichts der Brüsseler jihadistischen Anschläge, dargestellt am Beispiel von Constantin Seibt, Dunja Hayali & Co.

Der Schweizer Journalist Constantin Seibt publiziert am 25. März 2016 angesichts der islamistischen Massaker in Brüssel am Flughafen und der U-Bahn einen Text im schweizerischen Tagesanzeiger. Gleich zu Beginn schreibt er:

„So grausam jeder dieser Morde ist, es gibt Gefährlicheres. Allein in Deutschland sterben pro Jahr über 500 Leute an einer Fischgräte.“

Fischgräten seien gefährlicher als der Jihad. Das führt den preisgekrönten Schweizer Denker zu folgender Konsequenz:

„Die Verteidiger des Abendlands sind heikler als die Terroristen: Diese haben zwar Bomben. Doch die wirklichen Zerstörungen können wir nur selber anrichten. Etwa wenn man durch geschlossene Grenzen die Wirtschaft ruiniert. Oder durch einen Überwachungsstaat die Freiheit. (…) Was tun? Eigentlich nur eines: Die Polizei ihre Arbeit machen lassen. Und sonst Haltung bewahren: also die eigenen Prinzipien, kühles Blut, Freundlichkeit. Das genügt. Denn das eigentliche Ziel der Attentäter sind nicht Flughäfen oder Metrostationen, sondern die Köpfe. Ihr Ziel ist der Verlust an Haltung.“

Wenige Tage nach einem weiteren islamistisch motivierten Massaker mitten in Europa solche Zeilen zu schreiben, macht nachdenklich. Das Ziel der Attentäter sei nicht der Mord an einer möglichst großen Zahl von Menschen, sondern es seien „die Köpfe“. Der IS im Speziellen und der Jihad im Allgemeinen wollten, dass Europa nach rechts dreht, damit möglichst viele Muslime sich dem Jihad anschließen. Als ob es dazu rechter Tendenzen, die es in ganz Europa gibt, bräuchte. Viele Muslime werden aus islamistischer Überzeugung zum Jihadisten (oder auch “legalen” Islamisten, die es ja in noch viel größerer Anzahl gibt, beiden gemein ist die Vorliebe für Religion und Scharia). Der Islamismus bietet eine autoritäre Antwort auf die Vielfältigkeit und Unübersichtlichkeit der Moderne. Er ist gegen die Gleichberechtigung der Geschlechter, verachtet Homosexuelle oder die Zinswirtschaft und natürlich die Meinungssfreiheit (Erdogan).

Extra 3 Erdogan Palästina

Zudem ist der Islamismus die Hauptströmung der Internationale des Antizionismus, der gefährlichsten Form des heutigen Antisemitismus, neben dem eher “kosmopolitischen Antizionismus” des Westens und vieler Intellektueller.

Doch so zu schreiben wie Seibt, so eiskalt angesichts von dutzenden Ermordeten – ist das noch Zynismus angesichts von völlig zerfetzten Menschen, die auch ihre Köpfe verloren, so zu schreiben, oder noch krasser? Gibt es dafür ein Wort?

Denn was ist in den Köpfen derer, die noch einen haben, drin? Etwas alltagssprachlich formuliert: sind die Leute, die angesichts von Jihad und zerfetzten Menschen in Brüssel von gefährlicheren Fischgräten daher reden, noch ganz „knusprig“?

Fragen wir Sigmund Freud. Er schrieb 1924 in „Der Realitätsverlust bei Neurose und Psychose“:

„Ich habe kürzlich einen der unterscheidenden Züge zwischen Neurose und Psychose dahin bestimmt, daß bei ersterer das Ich in Abhängigkeit von der Realität ein Stück des Es (Trieblebens) unterdrückt, während sich dasselbe Ich bei der Psychose im Dienste des Es von einem Stück der Realität zurückzieht. Für die Neurose wäre also die Übermacht des Realeinflusses, für die Psychose die des Es maßgebend. Der Realitätsverlust wäre für die Psychose von vorneherein gegeben; für die Neurose, sollte man meinen, wäre er vermieden. Das stimmt nun aber gar nicht zur Erfahrung, die wir alle machen können, daß jede Neurose das Verhältnis des Kranken zur Realität irgendwie stört, daß sie ihm ein Mittel ist, sich von ihr zurückzuziehen, und in ihren schweren Ausbildungen direkt eine Flucht aus dem realen Leben bedeutet.“

20160330_123002

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und weiter mit Freud:

„Die Neurose begnügt sich in der Regel damit, das betreffende Stück der Realität zu vermeiden und sich gegen das Zusammentreffen mit ihm zu schützen. Der scharfe Unterschied zwischen Neurose und Psychose wird aber dadurch abgeschwächt, daß es auch bei der Neurose an Versuchen nicht fehlt, die unerwünschte Realität durch eine wunschgerechtere zu ersetzen. Die Möglichkeit hiezu gibt die Existenz einer Phantasiewelt, eines Gebietes, das seinerzeit bei der Einsetzung des Realitätsprinzips von der realen Außenwelt abgesondert wurde, seither nach Art einer ‚Schonung‘ von den Anforderungen der Lebensnotwendigkeit freigehalten wird und das dem Ich nicht unzugänglich ist, aber ihm nur lose anhängt. Aus dieser Phantasiewelt entnimmt die Neurose das Material für ihre Wunschneubildungen und findet es dort gewöhnlich auf dem Wege der Regression in eine befriedigendere reale Vorzeit.“

Trifft das nicht ziemlich exakt auf das Jahr 2016 zu? Flüchtet nicht ein Constantin Seibt in eine „Phantasiewelt“ und regrediert er nicht in eine Zeit, in der z.B. Fischgräten womöglich gefährlicher waren als jihadistische Massaker, wenn sie je gefährlich waren – verglichen mit geistiger Regression, die vielleicht schon immer unsagbar gefährlicher war denn Fischgräten? Es ist auch eine Infantilisierung des Journalismus, sich auf Allgemeinplätze zurückziehen, auf Beispiele, die auch Kinder verstehen.

Ja, trifft Freuds Analyse des Realitätsverlust sowohl bei Psychose wie Neurose nicht weite Teile unserer europäischen wie westlichen Gesellschaften, unsere gesamte Situation seit dem 11. September 2001?

Jene, die nicht offen mit dem Jihad sympathisieren (angenommen das tun sie auch nicht klammheimlich zu Hause, beim Café auf Stehempfängen, auf islamwissenschaftlichen Konferenzen oder in der Kneipe um die Ecke), derealisieren die Gefahr oder/und verfallen in eine „Regression in eine befriedigendere reale Vorzeit“. Das wäre die Zeit bevor der Jihad anfing, gezielt wie wahllos westliche Gesellschaften zu terrorisieren und Tausende Menschen zu ermorden, angefangen mit den Anschlägen von 9/11 im World Trade Center in New York City, dem amerikanischen Verteidigungsministerium Pentagon und den vier entführten Flugzeugen. Wollen also solche Autoren, die angesichts der größten öffentlichen Gefahr, der sich Europa seit dem Ende des Nationalsozialismus im Mai 1945 gegenübersieht, von Fischgräten statt von Jihad reden, in ihre Kuschelzeit des Kalten Krieges der 1960er bis 1980er Jahre zurück? Oder in die „neutrale“ Alpenidylle der Schweiz mit Enzianblümchen, Naturjodlern und Züricher Schickeria? War nicht der unfassbare Hype um Volksmusik seit vielen Jahren gerade Ausdruck dieser Realitätsverweigerung, zudem natürlich eine Regression geistiger und musikalischer Natur, die uns wöchentlich en masse im Fernsehen vorgedudelt wird?

Eine Nicht-Thematisierung der islamistischen Gefahr ist ja gerade das Kennzeichen schlechthin westlicher Reaktionen auf 9/11. Eine fast völlig unpolitische Jugend, die im Selfie-Narzissmus weiter Teile der Gesellschaft gefangen ist, tut ein Übriges – und jene, die aktiv sind, Jung und Alt, sind fast alle wahlweise gegen Freihandelsabkommen oder/und hetzen gegen Israel, geben Judith Butler den Adorno-Preis (Axel Honneth etc.), gehen zur BDS-Bewegung, organisieren den al-Quds-Tag, unterhalten gute Beziehungen zu Iran (Bundesregierung) oder entfernen israelische Fahnen von Gedenkorten für Opfer des Jihad wie in Brüssel.

Seit jenem Dienstag sprechen doch alle nur darüber, dass „der“ Islam nicht zum Thema gemacht werden dürfe und der Islamismus keine spezifische Gefahr sei. Darüber, dass der Westen mit solchen Hochhäusern wie dem World Trade Center doch einen „Doppelphallus“ errichtet hätte, den zu „fällen“ gleichsam OK gewesen sei („ein Tritt in die Eier“, so Klaus Theweleit, „Männerforscher“), dass „Symbole von Stolz und Reichtum und von Arroganz“ sich in diesen Gebäuden Ausdruck verschafft hätten (so der damalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der TU Berlin, Wolfgang Benz) oder aber dass der damalige US-Präsident George W. Bush und der al-Qaida-Führer Osama bin Laden die „gleichen Denkstrukturen“ hätten (so der damalige ARD-Vordenker Ulrich Wickert). Die PDS (heute die Partei Die Linke) redete von „sowas kommt von sowas“, der Neonazi Horst Mahler jubelte ob der Anschläge am WTC von „Independence Day Live“. Kritiker des Jihad und Islamismus werden seither wahlweise als „Hassprediger“ (Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung) oder „Panikmacher“ (Patrick Bahners, FAZ) diffamiert und jede substantielle Analyse und Kritik des Islamismus und Jihad abgewehrt.

Seibt rennt also sperrangelweit offene Türen und Tore ein, wenn er meint, nun fast 15 Jahre nach 9/11 und Zehntausenden Toten durch suicide bomber und andere islamistische Attacken später, die Kritik am nach Europa kommenden Jihad abzuwehren.

Wie der FAZ-Blogger Don Alphonso [zum extrem rechten Potential Alphonsos siehe weitere Beiträge auf diesem Blog, z.B. hier] am 29. März 2016 schreibt (“Terrorverharmlosung mit der Fischgrätenlüge”), wurde Constantin Seibts Artikel umgehend vom politischen und journalistischen Establishment auf Twitter geteilt und promotet,  von Felix Werdermann, Politikredakteur beim Freitag, Michael Karnitschnig, Büroleiter von EU-Kommissar Johannes Hahn, Catrin Bialek, Redakteurin beim Handelsblatt über Mike Beckers, Redakteur bei der Wissenschaftszeitschrift Spektrum hin zu Dunja Hayali vom ZDF-Morgenmagazin, Thomas Leidel von N-TV oder Maik Nöcker, Moderator bei SKY.

Angesichts von zerfetzten Menschen in Brüssel, die Opfer jihadistischer Gewalt wurden, von den vorgeblich viel gefährlicheren Fischgräten zu reden und das zu teilen, ist Ausdruck eines Realitätsverlusts, Ausdruck der womöglich von Psychosen und Neurosen erkrankten kulturellen Elite im Westen, Europas und der Schweiz. Da aber fast alle mitmachen bzw. am selben Leiden leiden, fällt das niemand (außer Kritikern wie Don Alphonso) auf. Es läuft für den Jihad.

 

Der Autor, Dr. phil. Clemens Heni, ist Politikwissenschaftler und Direktor des Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén