Wer Musliminnen verachtet, verteidigt Kopftuch, Burka, Nikab und Burkini

Von Clemens Heni

Der Jihad ist das größte Sicherheitsproblem Europas, des Nahen Ostens und in vielen Teilen der Welt. Keine andere Ideologie hat eine solche weltweite Ausstrahlungskraft und mörderische Dynamik. Das führt nicht wenige Leute dazu, „den“ Islam als solchen für jedwede Form von Jihad, Islamismus und islamistischen Terror verantwortlich zu machen.

Das ist natürlich wissenschaftlich und historisch lächerlich, kommt aber an, und das nicht nur bei Rechtsextremen und Nazis, sondern auch bei gewissen Liberalen oder Linken oder gar angeblichen „Antideutschen“ oder Marxisten 2.0. Es geht um Islam als Religion, die moderat ausgelegt werden kann wie jede andere Religion, und Islamismus als Ideologie.

Nun gibt es in Europa eine Diskussion über ein Verbot der Burka und des Nikab sowie über den Burkini. Eher zynische Verteidiger des Burkini wie der Islamwissenschaftler Daniel Pipes, Präsident des Middle East Forums (MEF) aus USA, lehnen zwar die Burka ab (allerdings mit einem in Deutschland bislang völlig irrelevanten Bezug auf „Sicherheit“), doch den Burkini möchte sie dulden und nicht kritisieren oder gar verbieten.

Der Konservative Pipes liegt damit auf einer Linie mit nicht wenigen anderen durchaus scharf anti-islamistischen, aber doch völlig inkonsequenten Autorinnen und Autoren.

Der Kern von Kopftuch, Burka, Niqab oder Burkini ist nämlich exakt der gleiche: eine konservative und extremistische Auslegung des Islams wird gesetzt und Frauen, die davon abweiche, als unislamisch diffamiert, explizit oder implizit. Männer bestimmen, was muslimisch ist und was nicht.

Es gibt auch einige Frauen, die patriarchale Normen völlig verinnerlicht haben, sicher, das ist der feministischen Theorie und Praxis seit Anbeginn bewusst gewesen.

Viele linksliberale Burkini-VerteidigerInnen treffen sich hier mit den Konservativen wie Pipes. Sie meinen, ein Burkini sei eine ganz wundervolle Möglichkeit für religiöse Musliminnen, die mit widerlichen Männern verheiratet sind oder deren Väter, Brüder, Cousins bestimmen, in welcher Kleidung sie wann wohin gehen dürfen, in die Öffentlichkeit zu gehen.

Dem widerspricht nun die Politikerin und Publizistin Lale Akgün in einem Beitrag für den Kölner Stadtanzeiger:

„Vor zehn Jahren lief ich an der türkischen Ägäis-Küste dort entlang, wo ich seit meiner Kindheit spazieren gegangen war, als ich auf einen neu errichteten „Strand für Frauen“ stieß. Ich wurde von Wachen aufgehalten. Auf meinen Einwand, ich sei doch auch eine Frau, hieß es, „aber eine unbedeckte“. Die anderen fühlten sich von mir gestört.“

Soviel zum Fanatismus in der Türkei – schon vor zehn Jahren! Ein Frauenstrand, wo also per Definition nur Frauen hindürfen, heißt hier: verschleierte Frauen. Diese Frauenverachtung ist bemerkenswert und wird doch in Deutschland so gut wie keine Frau, die meint, links, liberal oder offenherzig zu sein, zum Nachdenken anregen, und auch Pipes und seine nicht wenigen Anhänger werden darüber nicht stolpern.

Es geht um die ganz alte und grundsätzliche Kritik von Feministinnen: Mein Körper gehört mir. Basta. Ende.

Das ist lange vorbei, heute gibt es nicht nur eine Vielzahl explizit anti-feministischer Frauen, die stolz auf ihr reaktionäres Geschreibe sind (Ronja von Rönne-Generation), sondern auch Feministinnen, die meinen, angesichts von Nazis und Rechtsextremen, die gegen Muslime und Musliminnen hetzen und sie bedrohen, müsse man jede Form der Verschleierung oder des Ausdrucks von Islamismus und Scharia (der Burkini ist Teil der Scharia in der Öffentlichkeit) respektieren und gar unterstützen (Sit-ins auf dem Pariser Platz in Berlin von Frauen mit Burkinis etc.).

Akgün sagt ganz klar, um was es geht:

„Es ist beeindruckend, wie Männer es hinbekommen haben, Religiosität, Moral und Sexualität so zu verbinden, dass sie die Macht und Deutungshoheit über den weiblichen Körper erlangt haben!“

Sie ist sich ebenso bewusst, dass viele Frauen das internalisiert haben:

„Wenn Frauen die Verhüllung verteidigen – was durchaus häufig vorkommt –, dann haben sie sich die Sichtweise der mächtigen Männer zu eigen gemacht. Sie heißen damit nicht nur deren Kontrolle über den weiblichen Körper gut, sie tragen auch insgesamt zur Sexualisierung des Körpers der Frau bei.“

Es ist eine unglaubliche Unverschämtheit jeder muslimischen Frau mit Kopftuch, Burkini oder Niqab und Burka, zu fantasieren, Männer würden durch den Anblick ihrer Haare oder ihrer Körperfigur sexuell verrückt gemacht werden. Diese krankhafte Sexualisierung des öffentlichen Raumes – darum geht es ja – betrifft ja sogar muslimische Mädchen unter 14 Jahren. Islamistische Männer haben ihnen das jahrelang eingetrichtert und ihnen ihre eigene krankhafte Sexualität eingeimpft.

Es gibt „Liberale“, die so tun, als seien sie das und doch nur ihren Anti-Feminismus tarnen und den männlichen Blick beibehalten. Selbstbestimmung von Frauen ist denen völlig egal, sie wollen hauptsächlich „nichts verbieten“ und vergleichen auf groteske Weise Motorradfahrerinnen in voller Montur am Strand oder Taucheranzüge mit dem Burkini.

Vom Hitzschlag geplagte Dermatologen haben sogar vorgeschlagen – kein Witz – den Burkini als Schutz vor Hautkrebs einzusetzen (so der Präsident der Europäischen Vereinigung der Dermato-Onkologen, Claus Garbe).

All diese Verachtung von Frauen und der Selbstbestimmung von Frauen hat Lale Akgün als eine der ganz wenigen Stimmen eindrücklich zurückgewiesen und resümiert:

„Gerade am Kopftuch – so sichtbar und, ach, so „exotisch“ – wollen die gutmeinenden Anhänger des Folklore-Islams eine „gesellschaftliche Bereicherung“ festmachen. Leider fehlt es bislang am dringend notwendigen Streit über die Frage, wer von dieser „Bereicherung“ profitiert. Etwa die Nichtmuslime? Die Kopftuchträgerinnen? Oder gar die Musliminnen, die kein Kopftuch tragen? Das darf denn doch wohl bezweifelt werden. (…)

Ich fasse zusammen: Das Patriarchat hat den Islam instrumentalisiert, um die Frauenunterdrückung zu rechtfertigen. Wer sich gegen die Verhüllung der Frauen ausspricht, kritisiert also nicht den Islam, sondern was mit ihm angestellt wird. Eine Denkanregung für diejenigen, die sich hierzulande für Nikab und Burkini stark machen und das als Kennzeichen ihrer besonderen Toleranz ausgeben.

Auch da findet ein Überbietungswettbewerb statt: Um sich als tolerant zu erweisen, reicht die Hinnahme des Kopftuchs inzwischen wohl nicht mehr aus. Anscheinend ist genug nicht genug!“

Es findet tatsächlich ein „Überbietungswettbewerb“ statt, der nicht nur von den üblichen Verdächtigen, IslamismusversteherInnen, sondern gar von Kritikern des Jihad offensiv mitgemacht wird.

Auf der Strecke bleibt das Selbstbestimmungsrecht der Frauen und eine moderate oder liberale Lesart des Koran.

Patriarchatskritik im 21. Jahrhundert ist eben gerade auch Burkini-, Kopftuch- und Burka-Kritik.

Wenn es die emanzipatorischen Kräfte nicht tun, wird die Kritik an diesen Symbolen des Islamismus von jenen vorgetragen, die das gleiche reaktionäre Familien- und Frauenverständnis haben wie der Jihad, also von der AfD, ihrem Fanklub bis weit in die bürgerliche Mitte (nicht nur beim Springer-Konzern) und Nazis aller Couleur, die sich als Vertreter der „öffentlichen Meinung“ sehen und nicht der „veröffentlichten“ böser „Gutmenschen“.

Solange Stimmen wie die von Lale Akgün nicht Gehör finden, ist dieses Land weiter auf dem Weg wahlweise in den braunen, biodeutschen oder grünen, islamistischen Faschismus.

Das Patriarchat wäre in beiden Fällen der Sieger.

 

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