Stalingrad, #Aleppoholocaust, „Putins Vernichtungskrieg“, „monströser Zivilisationsbruch“ – Süddeutsche Zeitung, Muslimbrüder, Volker Schlöndorff und die Jüdische Allgemeine hyperventilieren oder: Die Wiedergutwerdung der Deutschen in Aleppo

 

Am 15. Dezember 2016 schreibt der Publizist Michael Wuliger in der Wochenzeitung des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Jüdischen Allgemeinen:

„Genozid. Die »Weltgemeinschaft« hat in Aleppo wieder einmal bewiesen, dass sie zu nichts nutze ist. Für Juden ist das keine Überraschung. 1938 fand im französischen Évian eine internationale Konferenz statt, um die verfolgten Juden aus Hitler-Deutschland zu retten. Es kam dabei dasselbe heraus wie jetzt bei den internationalen Syrien-Gesprächen in Genf und Paris: erst nichts und dann ein Genozid. Israel hat diese Lektion gelernt. Es weiß, dass es alleine auf sich selbst vertrauen kann. Nach Aleppo werden das vielleicht einige Menschen mehr verstehen.“

Ein führendes Mitglied der Muslimbruderschaft oder Ikhwan, Mahmoud Ezzat, wendet sich am 3. Oktober 2016 gegen den „Aleppo holocaust“ und bezeichnet Israel bzw. „die Zionisten als die perfideste der kolonialistischen Mächte der Welt“ und preist alle Feinde Assads in Syrien als Revolutionäre, das Paradies sei sicher, Gott sei bei und die Muslimbrüder hinter ihnen. Es gibt auch einen Hashtag mit #Aleppoholocaust.

Der „Diplom-Journalist“ und Korrespondent der Süddeutschen Zeitung (SZ) im Nahen Osten aus Kairo, Paul-Anton Krüger, schreibt in der SZ vom 29.11.2016 (Online schon am Abend zuvor): „In Aleppo steht ein monströser Zivilisationsbruch bevor“. Nicht nur ein „Zivilisationsbruch“, wie es Auschwitz und die Shoah war, nein, adjektivisch überhöht, ein „monströser Zivilisationsbruch“. Demnach ist ein Zivilisationsbruch an sich nicht unbedingt oder gar nicht monströs. Die SZ legt mit Joachim Käppner nach und redet auch von „Belagerungen von Stalingrad bis Aleppo“. Da kennen sich die Deutschen natürlich hervorragend aus und werden besonders traurig, nachdenklich und einfühlsam.

Es ist schrecklich und unerträglich, was im syrischen Aleppo die letzten Tage, Wochen und Monate passiert. Eine Übermacht an russischen Kriegsflugzeugen und syrischen wie iranischen bzw. iranisch finanzierten Bodentruppen bekämpft sog. „Rebellen“, Anti-Assad-Kämpfer, worunter auch Islamisten und Jihadisten sind (sunnitische). Da der syrische Präsident Assad ein Verbündeter des islamistischen Regimes in Teheran ist, ist dieser Krieg auch ein Krieg des führenden antisemitischen Regimes unserer heutigen Welt. Die jüngsten Massaker an dutzenden Zivilist*innen durch Truppen Assads schockieren die Welt.

Was jetzt aber passiert ist ein typisches 2.0.-Phänomen: angesichts der Gleichzeitigkeit von Verbrechen und Zuschauen wächst die Wut, Hilflosigkeit und Rage. Und da sind dann die spontanen Reaktionen bezeichnend. Da wird nicht etwa gegen den Krieg Putins demonstriert, sondern es muss gleich „Putins Vernichtungskrieg“ sein. So heißt es in einem Aufruf zu einer Kundgebung vor der Russischen Botschaft in Berlin:

Schluss mit dem Massenmord in Aleppo!

Ungeheuerliches geschieht ihn Syrien.
Für seinen Traum von neuer imperialer Größe überzieht Präsident Putin die Stadt Aleppo mit einem mörderischen Bombenkrieg. Ganze Stadtteile liegen in Schutt und Asche, gezielt werden Krankenhäuser und Schulen bombardiert und die Lebensadern der Stadt blockiert. Für Putin und den Schlächter Assad sind Hunderttausende von Menschen, die noch im Ostteil Aleppos leben – Frauen, Kinder, Alte, Schwerverletzte und auch Rebellen, die einmal friedlich für mehr Freiheit und Demokratie in Syrien demonstrierten – nichts als Terroristen und Isis-Kämpfer. Ganz offen werden sie jetzt mit „Vernichtung“ bedroht, falls sie sich nicht fügen und die Stadt verlassen.
Die Welt schaut entsetzt und tatenlos zu. Friedensfreunde aller Fraktionen, wo bleibt ihr? Warum redet ihr nicht von Putins Schande? Wo ist die Linke, die den Pazifismus wie eine Monstranz vor sich herträgt und jeden Kriegseinsatz der NATO scharf verurteilt? Wie erträgt die AfD, die inzwischen ihr Herz für den „großen Führer“ Putin entdeckt hat, ihre Blindheit? Verbrechen gegen die Menschlichkeit bleiben Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auch wenn sie von russischer Seite begangen werden. Putins Vernichtungskrieg gegen Aleppo ist „lupenreiner“ Massenmord!
Bürger Europas! Tragt eure Empörung vor die russischen Botschaften, bevor Aleppo endgültig dem Erdboden gleichgemacht ist.

Kundgebung: Schluss mit dem Massenmord in Aleppo!
Mittwoch, 7. Dezember 2016, 13 Uhr, Russische Botschaft, Unter den Linden 63-65, 10017 Berlin

Isabelle Azoulay
Ava Azoulay
Friedrich Christian Delius
Frank Herterich
Horst Mergener
Reinhard Mohr
Isabell Serauky
Michael Naumann
Volker Schlöndorff
Peter Schneider
Ulrich Schreiber
Beate Wendenburg
(alle Berlin)

Was war nochmal der „Vernichtungskrieg“, jener der Deutschen und der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg? Richtig, das war der größte Feldzug aller Zeiten, das „Unternehmen Barbarossa“, das am 22. Juni 1941 mit dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion startete.

Dieser Aufruf hingegen trieft nur so von Reinwaschung der deutschen Verbrechen. Der Ausdruck „Putins Vernichtungskrieg“ kommt aus dem tiefsten Inneren der deutschen Seele. Wenn Hitler und Putin ähnliche schlimme Vernichtungskriege führten, ja heute sogar, so die SZ, die größte Tageszeitung im Land muss es doch wissen, ein „monströser Zivilisationsbruch“ drohe, dann war also die Shoah nicht einzigartig und unfassbar, sondern womöglich nur ein Holocaust unter anderen. Wir kennen das aus postkolonialer Ideologie („Kaisers Holocaust“, der geschichtsrevisionistischen, abstoßenden Ideologie sind da kaum Grenzen gesetzt), reaktionären Familienideologen („Abtreibungsholocaust“), Trends bei Publizisten, Neonazis und besorgten Bürgern („Bombenholocaust“, „Vertreibungsholocaust“) und so weiter und so fort.

Heute werden Kriegsvorgänge und Kriegsverbrechen in Echtzeit übermittelt und die Weltgemeinschaft schaut tatenlos zu. Das ist schrecklich. Es handelt sich aber um einen politischen Kampf um die Macht in Syrien, seit über fünf Jahren wird er militärisch geführt.

In den letzten Tagen passierten offenbar auch fürchterliche Massaker, wo dutzende Menschen ermordet wurden. Das – ist – kein – Genozid. Nicht jedes Verbrechen ist ein Genozid. Doch das will niemand hören. Die Aufregung ist brüllend und jeder, der mal nachdenkt und innehält, ist ein Verbrecher im Geiste. Doch nicht jeder, der diese unerträglichen Übertreibungen und Lügen kritisiert, ist deshalb Ken Jebsen, Jürgen Todenhöfer oder auch nur ansatzweise auf der Seite Putins oder Assads, neben den Jihadisten die beiden Haupt-Verbrecher in diesem blutigen Konflikt.

Im Fernsehen werden junge verschleierte Frauen gezeigt, die auf Englisch in nachvollziehbarer Panik reden, aber in nicht nachvollziehbarer Weise davon fabulieren, es würde ein „Genozid“ in Aleppo passieren. Das ist nicht der Fall. Möchte sie insinuieren, Muslime seien Opfer eines Genozids? Wie das? Auf beiden Seiten stehen Muslime und Assad kämpft und mordet gegen politische Gegner. Wir haben es mit Millionen von syrischen Flüchtlingen zu tun, alleine in Deutschland kamen schon Hunderttausende an.

Während des Krieges der Wehrmacht konnten so gut wie keine Juden Deutschland und Europa noch verlassen. Und jene, die es verließen, wurden nicht selten wieder abgewiesen, von Amerika oder England (in Palästina). Wir reden hier über Flüchtlinge, syrische, die zu Millionen weltweit Aufnahme und Zuflucht finden, in der Türkei, Deutschland, Jordanien, und vielen anderen Ländern. Und hier dann von Nazis, Pegida, der AfD und den sie befeuernden Blogs attackiert werden. Es sind schreckliche Zustände für die Flüchtlinge, in Syrien, auf der Reise und dann auch noch hier. Sehr viele sind traumatisiert aus Syrien hierhergekommen (und viele Sozialarbeiter oder „Fallbetreuer*innen“ merken das gar nicht, von Ausnahmen abgesehen).

Juden brauchten keine Sozialarbeiter mehr, keine Hilfslieferungen und keine Hashtags. Der Holocaust hat unfassbare Quoten von Ermordeten, 95% der Juden Litauens wurden ermordet. In Syrien wird überhaupt gar keine spezifische Gruppe von Menschen aus ethnischen Gründen selektiert, deportiert und deshalb massakriert. Der Holocaust war kein Bevölkerungstransfer, wie er jetzt womöglich in Teilen in Aleppo passiert, wo Tausende Kämpfer und Zivilisten freies Geleit in andere Gegenden bekommen, aber somit auch Aleppo den Assad-Truppen überlassen müssen. Das ist schrecklich, aber kein Genozid.

Dass es in Kriegen Kriegsverbrechen gibt, ist schockierende Wirklichkeit seit Tausenden von Jahren. Der Krieg der Wehrmacht, der tatsächlich ein Vernichtungskrieg war und wahllos ganze Dörfer hinmetzelte und den Rahmen für die Shoah gab, ist in einer völlig anderen Kategorie. Das erwähnen, ja betonen zu müssen angesichts solch unfassbarer Propagandalügen wie sie die Muslimbrüder, Hashtags und selbst die Jüdische Allgemeine in den Raum werfen, zeigt an, in was für einer wahnwitzigen Welt wir leben.

Die Bewohner*innen im Osten konnten sich auch nicht entscheiden, für oder gegen die Wehrmacht zu sein, sie wurden so oder so ermordet, wie der Chefhistoriker und Ausstellungsleiter der „Wehrmachtsausstellung“, Hannes Heer, 1995 schrieb.[i]

Assad und Putin sind Machtmenschen, wie der Iran, ohne den irrationalen Zug des islamistischen iranischen Regimes außer Acht zu lassen. Assad und Putin wollen Gebietsgewinne und politische Stabilität. Das ist nicht mal annähernd mit dem zu vergleichen, was im Holocaust passierte.

Der Historiker Dan Diner hat das Wort „Zivilisationsbruch“ geprägt und 1988 einen Band in der schwarzen Reihe bei Fischer dazu herausgegeben:

„Das Ereignis Auschwitz rührt an Schichten zivilisatorischer Gewißheit, die zu den Grundvoraussetzungen zwischenmenschlichen Verhaltens gehören. Die bürokratisch organisierte und industriell durchgeführte Massenvernichtung bedeutet so etwas wie die Widerlegung einer Zivilisation, deren Denken und Handeln einer Rationalität folgt, die ein Mindestmaß antizipatorischen Vertrauens voraussetzt; ein utilitaristisch geprägtes Vertrauen, das eine gleichsam grundlose Massentötung, gar noch in Gestalt rationaler Organisation, schon aus Gründen von Interessenkalkül und Selbsterhaltung der Täter ausschließt.“[ii]

Das bekannte Blog EldersofZion wendet sich vehement gegen die Holocaust verharmlosende These eines „Holocaust“ in Aleppo, wie auch eine Leserbriefautorin in der New York Times, was angesichts von Artikeln wie aus der Jüdischen Allgemeinen umso bemerkenswerter ist.

In Syrien passiert kein „monströser Zivilisationsbruch“, wie die SZ fantasiert, aus jedem Gewehrlauf, jeder Granate und jeder Bombe spricht das politische Kalkül. Es ist eine mörderische Ratio, keine Irratio und kein Zivilisationsbruch wie Auschwitz.

„Und indem Menschen der bloßen Vernichtung wegen vernichtet werden konnten, wurden auch im Bewußtsein verankerte Grundfesten unserer Zivilisation tiefgreifend erschüttert – ja gleichsam dementiert.“[iii]

 

[i] Hannes Heer (1995): Die Logik des Vernichtungskrieges. Wehrmacht und Partisanenkampf, in: Hannes Heer/Klaus Naumann (Hg.), Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944, Hamburg: Hamburger Edition (Lizenzausgabe: Zweitausendeins), 104–155.

[ii] Dan Diner (1988): Vorwort des Herausgebers, in : ders. (1988a), Zivilisationsbruch. Denken nach Auschwitz, Frankfurt am Main: Fischer, 7–13, 7. Ich hab mir mein Exemplar am 3. Dezember 1991 im Theaterhaus Wangen in Stuttgart am Büchertisch der legendären Buchhandlung Niedlich nach einer Lesung von Lea Fleischmanns Buch „Gas. Tagebuch einer Bedrohung“ gekauft.

[iii] Diner 1988, 8.

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