Necla Kelek und die Kritik „metaphysischen Dopings“

Der folgende Text ist eine ausführliche Rezension des neuen Buches der Soziologin

Dr. Necla Kelek, „Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam“, Köln: Kiepenheuer & Witsch 2010

 

Von Dr. phil. Clemens Heni


Necla Kelek und die Kritik „metaphysischen Dopings“

Von 804 bis zum 11. September 2001: die metaphysische Dimension des Jihad…

Der byzantinische Kaiser Nikephoros I. erlitt im Jahr 804 eine schlimme Niederlage gegen die muslimischen Araber unter Harun al-Raschid. Der unvorhersehbare Massenmord am 11. September 2001 im World Trade Center in New York City hat das gleiche Muster: die islamistischen Selbstmordattentäter waren ‚gedopt‘, „metaphysisch“.

Islamisten lieben den Tod, ‚Ungläubige‘ das Leben. Das ist der Kern des Problems im Krieg gegen den Islamic Jihad. Auch die Bundeswehr in Afghanistan sieht sich deshalb einem vollkommen irrationalen und in dieser Irrationalität ‚überlegenen‘ Gegner gegenüber. Islamisten sehen sich tot oder lebendig als ‚Sieger‘, wie Necla Kelek in ihrem neuen Buch einleuchtend analysiert:

„In fast zweihundert Versen des Korans wird der Kampf gegen die Ungläubigen zu einer heiligen Sache erklärt. ‚Er (Gott) ist es, der seinen Gesandten mit der Rechtleitung und der Religion der Wahrheit gesandt hat, um ihr die Oberhand zu verleihen über alle Religionen‘ (Sure 9, Vers 33; auch: Sure 48, Vers 28, oder: Sure 61, Vers 9). Die Muslime haben solche Verse seit Hunderten von Jahren als Auftrag begriffen, mit dem Djihad alles zu überrennen, was sich ihnen in den Weg stellte, zumal als Lohn weltliche Beute oder himmlische Wonnen winken – die Aussicht auf direkten Zugang zu den weinberankten ‚Gärten des Paradieses‘ (18, 107), wo ‚ewig junge Knaben‘ (u.a. Sure 76, Vers 19) oder ‚großäugige Huris, Jungfrauen mit schwellenden Brüsten‘ (u.a. Sure 78, Vers 31-33) zu Diensten stehen würden.

Mit solchen religiösen Stimulanzien vor Augen waren die muslimischen Glaubenskrieger kaum aufzuhalten – ob lebendig oder tot, sie konnten immer nur gewinnen. Ostrom tat sich schwer dagegen. Nikephoros musste ohne ein solches metaphysisches Doping antreten und erlitt 804 gegen Harun al-Raschids Truppen eine schwere Niederlage.“[i]

Das ist zugespitzt die Kernthese von Necla Keleks neuem Buch „Himmelsreise“. Es ist ein nonkonformistischer, intellektueller Aufruf einer Muslimin gegen die Zumutungen des politischen Islam und die gegenintellektuelle Denkfaulheit, Trägheit, Boshaftigkeit sowie das Kuscheln mit dem mörderischen Jihad, wie es in Deutschland, Europa und der Welt Mainstream geworden ist.

Projektionen des deutschen Feuilletons: „Deutungshoheit“

Alle 251 Seiten lesen sich wie ein Wachrütteln von irgendwo vielleicht noch vorhandenen kritischen Köpfen, Muslimen wie nicht-Muslimen gleichermaßen. Man mag sich kaum vorstellen wie sich Kelek fühlen muss, wenn sie nicht nur seit Jahren und Jahrzehnten von Muslimen attackiert wird, vielmehr zumal heute vom nicht-muslimischen deutschen Establishment des Journalismus diffamiert und bespuckt wird. Der Freitag wirft ihr vor, „antiislamische Klischees“ zu bedienen, die Süddeutsche Zeitung fantasiert über „Keleks Furor“, der „kein Maß“ kenne, und der ach so liberale Berliner Tagesspiegel agitiert gegen die deutsch-türkische Soziologin, sie wolle doch nur die „Deutungshoheit“ erringen, festigen, postulieren. Das wäre ein weiterer Fall für Sigmund Freud: Die Tagesspiegel Rezensentin Claudia Keller projiziert ihr eigenes Bedürfnis und jenes der übergroßen islamophilen Parallelgesellschaft auf die intellektuellen Islamkritiker: Deutungshoheit.

Das wird ergänzt von einem generellen Klima der Hetze und des Hasses gegenüber Islamkritikern. Spätestens seit der Konferenz des Zentrums für Antisemitismusforschung im Dezember 2008, wo Islamkritik höchst offiziell mit den antisemitischen Stereotypen, Imagi und Ressentiments von Ende des 19. Jahrhunderts oder auch später gleich gesetzt wurde, werden Kritikerinnen und Kritiker des politischen Islam attackiert. Natürlich ging es schon früher los, Stunden und Tage nach dem islamistisch, antiamerikanisch und antisemitisch motivierten Massenmord im World Trade Center in New York City am 11. September 2001 wurden nicht die Täter in Haftung genommen, vielmehr waren (heimliche oder offene) Schadenfreude über die Toten in New York und antiamerikanische Ressentiments allüberall anzutreffen. Nicht etwa der politische Islam, der Islamismus und Islamic Jihad gerieten in die Schusslinie, nein, gerade die Opfer der muslimischen suicide killer kamen ins Visier. Ist es nicht frech und patriarchal, überhaupt Hochhäuser zu bauen, meinte Klaus Theweleit, während Wolfgang Benz die „Arroganz der Wolkenkratzer“ geißelte, ARD-Tagesthemen Frontmann Ulrich Wickert die „gleichen Denkstrukturen“ bei Osama Bin Laden bzw. George W. Bush zu entdecken meinte und schließlich die Partei des Demokratischen Sozialismus hämisch postulierte „sowas kommt von sowas“.

Das wissenschaftliche, politische, kulturelle, religiöse oder auch sozialarbeiterische Establishment machte sich umgehend daran, zu „verstehen“ was eventuell für Gründe Menschen haben könnten, sich und andere in einem Flugzeug in die Luft zu sprengen und 3000 Menschen qualvollst zu verbrennen, zu pulverisieren oder zu zerquetschen. Kaum jemand ging auf die Ideologie des Jihadismus, des politischen Islam ein. Selbst Präsident George W. Bush nannte nur wenige Tage nach 9/11 den Islam eine „Religion des Friedens“.

Heute spricht die junge und bislang kaum aufgefallene Autorin Carolin Emcke in der ZEIT in einem kulturrelativistischen Amoklauf, der zwischen islamistischen suicide bombern und den Fußball-Fans von St. Pauli keinen nennenswerten Unterschied sehen möchte, von einem „liberalen Rassismus“[ii] der Islamkritiker.

Necla Kelek: eine Intellektuelle unter Mandarinen

Nekla Keleks neues Buch ist eine der wenigen kritischen Antworten auf diese Situation nach 9/11, auch wenn es vordergründig ‚nur‘ um Muslime in Deutschland im Jahr 2010 geht. Wie zu zeigen sein wird, geht sie auf die Geschichte der Ursprünge des Islamismus in Deutschland ein und lehrt die Islamwissenschaft was es heißt Wissenschaft, Publizistik und Kritik zu vereinen.

Kelek geht mit den Deutschen ins Gericht. Von Wolfgang Schäuble über Thomas de Maizière hin zu Hans Küng und Vertretern aller großen Parteien sowie allen möglichen Fraktionen in der Gesellschaft insgesamt sieht sie ein groteskes „Verstehen-Wollen“ der Islamisten:

„Dieses Konzept des ‚Von-innen-Verstehens‘ und die Methode des ‚Nachfühlens‘ sind im interreligiösen Dialog weitverbreitet, ebenso in der Migrationsforschung und der praktischen Sozialarbeit.“[iii]

Dabei nimmt Kelek die in der Tat angesagte und gefährliche Ideologie des Kulturrelativismus in den Blick:

„In meinen Augen hat sich diese Art des ‚Kulturrelativismus‘ der ‚verstehenden Soziologie‘ als verantwortungslos erwiesen. Sie gibt nicht nur die Grundrechte des Einzelnen preis, sondern sie ist auch wissenschaftlich nicht haltbar. Schon gar nicht darf sie sich auf den großen Max Weber berufen, den Begründer der verstehenden Soziologie. Denn der lehnte das vage und beliebige ‚Verstehen‘ entschieden ab und forderte von der Sozialforschung vielmehr, ‚soziales Handeln deutend (zu) verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich (zu) erklären.‘ Aus dieser Erkenntnis entsteht die soziale Verantwortung des Wissenschaftlers. Sprechen wir also über die soziale und politische Realität dieser Religion, über ihre Sinn- und Handlungszusammenhänge, über ihr Welt- und Menschenbild. Fragen wir.“[iv]

Wenn der Tagesspiegel völlig absurd über die ideologische pseudo-Rezension von Keleks Buch titelt: „Ein Hoch auf Atatürk“, wird solcherart Simplifizierung und Plattitüde einer Frau wie Kelek nicht im Entferntesten gerecht. Kelek hat sich im Februar 2010, Wochen vor dem Verriss im Tagesspiegel, gerade gegen „Überväter“ aller Art geäußert:

„In der muslimischen Welt sind Zweifel, Neugier nicht erlaubt, oder Fragen wie: woher kommen wir, was ist Allah, was will er von uns. Als völlig undenkbar gilt, ihn sogar grundsätzlich in Frage zu stellen. Wir sind die Überväter nicht losgeworden. Ich kenne kaum einen Muslim, der ein freier Geist wäre. Das heißt, dass er sich von Übervätern befreien muss, wie das vielen Europäern gelungen ist. Das heißt, sich zu lösen von Übervater Allah, Übervater Prophet, Übervater Atatürk, dann vom eigenen Vater, den Brüdern, Nachbarn, Tanten, Onkeln – dieser gesamte Struktur, die den einzelnen bewacht und ihm sagt, du bist nicht du, du bist ein Teil von uns. Wir müssen aus diesem Gewölbe heraus, wenn wir freie Geister und ein Teil der freien, bürgerlichen Gesellschaft werden wollen.“

Auch in Keleks Buch selbst finden sich positive wie kritische Töne gegenüber Atatürk[v], doch offenbar hat die Rezensentin des Tagesspiegels das Buch nur überflogen und nicht gelesen, so wie es viele Rezensenten[vi] tun.

Entgegen geistigen Pimpfen, welche die Debatte über den Islam dominieren, ist Kelek eine Intellektuelle im wahrsten Sinne des Wortes. Sie hat Zweifel an der Welt, zumal an der islamischen Tradition. Entgegen dem Mandarin, den ursprünglich im alten China den Kaiser Beratenden und zumal in Deutschland beliebten Apologeten von Herrschaft und Tradition, hat ein Intellektueller Zweifel, Skepsis und Kritik im Gepäck. Denn wer oder was ist eine „Intellektuelle“?

„‘Zu Kompromissen mit vorgeblich tief sitzenden metaphysischen Bedürfnissen sollten die Intellektuellen sich nicht verführen lassen. ‚Ohne Leitbild‘ (Adorno), ohne höhere Legitimation sollten sie auf dem ‚uneingeschränkten Gebrauch ihres Intellekts‘ bestehen, und das heißt ja nichts anders, als auf der Macht des Negativen und dem Recht zur negativen, destruktiven Kritik. Dieser Anspruch, ‚der wider die angeborene und‘, wie Kracauer ausdrücklich hervorhebt, ‚die erworbene Natur ist‘, kann den Intellektuellen nicht geschenkt werden: ‚die Natur zum mindesten versuchsweise außer Kraft zu setzen, soweit es nur irgend geht. Nichts anderes ist der Intellekt als das Instrument der Zerstörung aller mythischen Bestände in und um uns.‘“[vii]

 

Kelek ist eine solche Zweiflerin, ein weiblicher Descartes[viii] im 21. Jahrhundert, ohne gleichwohl Kelek in eine positive Reihe von wiederum Vätern stellen zu wollen. Ihr Buch ist, wie sie auch selbst vermerkt, nicht mutig, vielmehr selbstverständlich für Menschen mit Esprit und Zweifel.

Wider den pro-islamischen, aber nicht-muslimischen Autoren der Sorte Emckes, Steinfelds oder Benz‘ hält es Kelek mit Kritik und nicht mit Affirmation des Bestehenden:

„Für Sigmund Freud hält die Religion die Triebe unter Kontrolle und ‚verwaltet‘ die Schuldhaftigkeit des Menschen. Die islamische Lehre versucht, durch die Umma als ‚Über-Ich‘ das triebhafte ‚Es‘ des Menschen unter Kontrolle zu halten. Wichtig für einen modernen Menschen ist es aber, das ‚Ich‘ zu entwickeln. In der islamischen Gemeinschaft ist der Mensch ein Sozialwesen, hat keine Ich-Identität, sondern ist Teil der Gemeinschaft.“ (Kelek 2010: 250)

 

Man kann unschwer erkennen, dass es ganz sicher kein Zufall ist, dass gerade herkömmliche Deutsche den Islam lieben und dem anti-Individuellen des politischen Islam tolerant, wohlwollend bis enthusiastisch gegenüber stehen.

Kleiner Exkurs: Islamophilie im Nationalsozialismus, 1941

Im Gegensatz zu Kelek gilt heutzutage in Deutschland: Niemand möchte „religiöse Empfindlichkeiten“ von Muslimen stören. Diese „Empfindlichkeiten“ der Muslime wollte auch der Nationalsozialismus keineswegs verletzen. In einem Büchlein von Prof. Hans Lindemann aus dem Jahr 1941 „Der Islam im Aufbruch, in Abwehr und Angriff“ steht:

„Es dürfte manch einem Leser einigermaßen in Erstaunen setzen, an dieser Stelle den Nachweis zu erhalten, daß zwei so grundverschiedene Welten: der Islam und der Nationalsozialismus mannigfache Parallelen und analoge Erscheinungen aufzuweisen haben, in ihrer geschichtlichen Entwicklung sowohl wie in ihren Anschauungen und Grundsätzen.[ix]

Es ist zumal die Umma, die Gemeinschaft der Gläubigen, begründet von gläubigen Muslimen weltweit, welche sich und ganze Gesellschaften dem politischen Islam unterwerfen wollen, was dem Nationalsozialismus mächtig imponierte, 1941:

„Die nationalsozialistische Weltanschauung stellt in der Staatsverwaltung wie auch sonst das Führerprinzip an die erste Stelle; so erstrebt auch der Panislamismus (…) die Wiederherstellung des Khalifats, die künftige Zusammenfassung aller Mohammedaner unter einem gemeinsamen Oberhaupt, dem ‚Führer der Gläubigen‘.“[x]

Sodann wird von Prof. Lindemann Mohammed selbst zitiert, z. B. mit Sprüchen über die „straffe Zucht“ im Islam, das Geben von „Almosen“ oder „Ich bin stolz auf meine Armut“; ferner wird der für Atatürk nicht unwichtige Theoretiker Zia Gök Alp herangezogen und postuliert:

„Der Leiber sind viele, der Herzen ist nur eins; einzelne gibt es nicht, nur die Gesellschaft gibt es!“[xi]

Das Resümee dieses Nazi-Büchleins ist bezeichnender Ausdruck für die Islamophilie des NS-Staates:

„Über die Politik der islamischen Staaten, über Panarabismus und Panislamismus, ist hinlänglich gesprochen worden; hier besteht freilich eine große Gefahr – aber, wie die Dinge jetzt liegen, nur für die westlichen Demokratien, vielleicht auch für Holland (in Niederländisch-Indien). Deutschland und Italien haben von einer politischen Bedrohung durch den Islam wohl kaum etwas zu fürchten. Er betrachtet diese Länder als mit sich auf gleicher Stufe stehend. Freilich ist es auch für sie von großer Wichtigkeit, in ihrer Politik – besonders in den Kolonien – die richtige Art der Behandlung der Mohammedaner zu finden und ihre religiöse Empfindlichkeit nicht zu verletzen.“[xii]

Dieser kleine Exkurs in nationalsozialistische Islam-Forschung sollte zeigen, dass das Tätscheln des politischen Islam in Deutschland in einer bestimmten Kontinuität steht…

„Entschleiert euch!“ – Kelek und das Kopftuch

Keleks Buch ist ein Reservoir an Kritik am politischen Islam. Viele Beispiele zeugen davon. Da ist Fethullah Gülen, im Jahr 2008 der top Intellektuelle der Welt laut des englischen Magazins Prospects, welches eine online Umfrage gestartet hatte. Gülen vertritt eine Koran-light Ideologie, der sich weltweit laut Kelek vier Millionen Anhänger verschrieen haben im Anrufen von Allah und dem „Turanismus“, der „Einheit der Turkvölker“. Kelek schreibt über Gülen:

„Für wissenschaftliche Erkenntnis, für Vernunft bleibt da kein Raum. Sie ist auch gänzlich überflüssig, schließlich steht schon alles Wissenswerte im Koran, der Gläubige muss es sich nur aneignen: ‚Nicht die Wissenschaft‘, schreibt dieser ‚geistige Führer‘, lässt ‚die Wahrheit erkennen, sondern der Glaube an Gott, aus der Rechtleitung Gottes‘. ‚Beweise‘ für den uneinholbaren Vorsprung des Korans, selbst bei physikalischen Erkenntnissen, liefert er gleich mit: Auf die Erdanziehung und –abstoßung, auf Rotationen und Umbrüche im Universum verweise schon die 13. Sure, Vers 2: ‚Allah ist es, der die Himmel, die ihr sehen könnt, ohne Stützpfeiler emporgehoben hat.‘ Oder Sure 22, Vers 65: ‚Und er hält den Himmel zurück, damit er nicht auf die Erde fällt, es sei denn mit seiner Erlaubnis.‘ Nicht Newton und Einstein verdanken wir nach Gülen die moderne Physik, sondern Allah und den Muslimen.“[xiii]

Parochiale Begriffe wie „Ehre“, „Würde“, „Ansehen“ und deren Bedeutung für das Sozialverhalten in den muslimischen Communities in Deutschland werden von Kelek decodiert und seziert. Sie sagt sehr wohl, dass manche Beispiele Extreme sind wie jenes einer Mutter, die, ihren Sohn anschreiend und sich auf die Knie werfend, tatsächlich meinte, hätte „ich doch Steine geboren“ und der arme Kerl „Gift gesäugt statt meine Milch“; das alles, weil der junge Muslim offenbarte, er wolle mit seiner Freundin zusammen ziehen, später evtl. mal heiraten, und es sein keine Muslima. Was für ein Verbrechen.

Sehr wichtig ist Kelek die Analyse und Kritik des Schleiers und des Kopftuches. 28% der Musliminnen in Deutschland tragen das Kopftuch, die meisten von ihnen haben zwischen dem vierten und dreizehnten Lebensjahr eine Koranschule besucht, 92,3% der Kopftuchträgerinnen halten das Kopftuch für eine „religiöse Pflicht“, 43.3% wollen unbedingt als Muslima erkannt werden.[xiv] Kelek stellt dar, dass der Koran selbst gar kein Kopftuch kenne. Doch selbst der damalige Bundesinnenminister Schäuble hat es auf der Islamkonferenz verteidigt und Keleks Nachfrage im Plenum nicht kapiert; natürlich ist das Kopftuch Ausdruck der „Scharia“:

„Ich glaubte, meinen Augen nicht trauen zu können, als ich Ende Juni 2009, zwei Tage vor einer erneuten Tagung der Deutschen Islam Konferenz, die ‚Empfehlungen‘ der Arbeitsgruppe ‚Religionsfragen im deutschen Verfassungsverständnis‘ las. Dort stand: ‚In Ausübung ihrer Religionsfreiheit steht es Schülerinnen und Schülern an öffentlichen Schulen frei, Zeichen ihrer Religionszugehörigkeit zu tragen oder sich religiösen Vorschriften gemäß zu kleiden. Das Tragen des Kopftuches kann daher nicht in Schuldordnungen, Elternverträgen o.Ä. untersagt werden.‘ Wollte sich hier die Islam Konferenz etwa – mit der Empfehlung, das Kopftuch als ‚religiöse Vorschrift‘ zu akzeptieren – zum Befürworter von Prinzipien der Scharia machen? Sollte das ein Ergebnis unserer langen Debatten in der Konferenz sein? Als ich im Plenum der Konferenz heftig gegen diese Weichenstellung protestierte, korrigierte mich der damalige Innenminister – die ‚Rechtslage‘ in dieser Frage sei kompliziert, von der ‚Scharia‘ könne aber doch gar nicht die Rede sein. Da irrte Herr Schäuble und mit ihm ein großer Teil der Öffentlichkeit, weil den meisten der Zusammenhang zwischen dem vermeintlichen harmlosen Kopftuch und der wesentlich umstritteneren Scharia gar nicht bewußt ist.“[xv]

An dieser Stelle wäre eine eingehende religionskritische Analyse von Islam und Kopftuchgebot interessant. Der Politologe und Islamwissenschaftler Ralph Ghadban hat dazu eine kleine wissenschaftliche Studie vorgelegt, welche von Johannes Kandel, Leiter der Berliner Akademiegespräche. Interkultureller Dialog bei der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2003 herausgegeben wurde. Ghadban, der auch für Kelek eine gewichtige Referenz ist, untersucht die fünf relevanten Stellen im Koran bezüglich des Hijab und resümiert:

„Seit den 1970er Jahren findet weltweit eine Reislamisierung statt. Die alten islamischen Vorstellungen sind unter weiten Teilen der muslimischen Bevölkerung in Deutschland und im Westen verbreitet. Unter dem Vorwand der Religionsfreiheit wird versucht, eine Gesellschaftsordnung einzuführen, die höchst problematisch ist. Das Kopftuch ist ein zentrales Element dieser Ordnung und symbolisiert die Position der Frau. Es ist nicht, wie im Diskurs ständig wiederholt wird, allein ein Zeichen ihrer Unterdrückung, denn man kann die Frau auch ohne Kopftuch unterdrücken, es ist vor allem ein Zeichen ihrer Entwürdigung, weil es die Frau auf ihre Sexualität reduziert. Sie ist eine ‚Aurah, und da man nicht mit entblößten Geschlechtsteilen auf die Straße geht, muss sie sich verhüllen. Deshalb sprechen die Muslime davon, dass die Frau durch das Kopftuch ihre Würde gewinnt. Sie sagen auch, dass das Kopftuch sie beschützt. Wer sich als sexuelles Objekt betrachtet, braucht natürlich einen Schutz, vor allem, wenn man die Männer als unkontrollierte triebhafte Wesen sieht.“[xvi]

Kelek kritisiert ebenso die Sexualisierung von Kindern im heutigen Islam, gerade das Tragen eines Kopftuches von Mädchen unter 14 Jahren ist für sie ein Verstoß gegen die „Menschenwürde und gegen das Diskriminierungsverbot“.[xvii] Dabei könnten die Muslime in Deutschland und ihre nicht-muslimischen Verteidiger gerade aus der islamischen Welt lernen:

„1923 warfen die Frauen der Ägyptischen Feministischen Union ihre Schleier demonstrativ ins Meer. 1927 legten 87.000 Frauen in Usbekistan öffentlich ihre ‚schwarzen Kutten‘ ab, 300 wurden dafür von ihren Männern ermordet. 1925 verbot Atatürk in der Türkei den Schleier, 1936 ließ Schah Reza Pahlewi im Iran den Tschador verbieten, in den Fünfzigerjahren entschleierten sich tunesische Frauen. (…)

Das Kopftuch soll Mädchen lehren, fügsam zu sein. Dagegen müssen wir Frauen uns dafür einsetzen, dass sie frei an allem teilhaben können – am Schwimmunterricht, an Ausflügen, an Tanzveranstaltungen – an allem, was ihnen hilft, selbstbewusst und stark zu werden. Frauen müssen nicht beweisen, dass sie ‚rein‘ sind. Sie selbst – und nicht die Umma oder die Familie – entscheiden, was ehrbar ist. Frauen können sich nur selbst befreien – wenn es so weit ist, werden sie vielleicht wie 1923 die Frauen in Ägypten ihre Kopftücher wegwerfen und sie in Nord- oder Ostsee, im Rhein oder Main, in der Elbe oder der Spree untergehen lassen.“[xviii]

Keleks Stellung zum Islam

Kelek nimmt sich in ihrem Buch drei Bereiche vor, „Islam als Glaube“, „Islam im Alltag“ und „Islam und Politik“. Sie besuchte Moscheen wie jene in Duisburg-Marxloh, dort wo vor der Moschee „Europas größte Hochzeitsmeile entstanden“ ist.[xix] Sie wundert sich auf ihrem Weg zur Moschee in der S-Bahn über Jungs, die bemerkenswert sexualisiert und primitiv, aber offenbar alltäglich sich gegenseitig die Bälle zuschieben: „Anani sickerim, ulan“, „Ich fick deine Mutter, du Schwuchtel“…

„Am Ende der Straße wird die Moschee sichtbar. In der grauen Ruhrgebiets-Vorstadt wirkt sie mit ihren im osmanischen Stil errichteten Haupt- und Seitenkuppeln aus schimmerndem Zinkbleck, mit ihren Rundbogenfenstern und dem Minarett, das einer Mondrakete gleich in den Himmel ragt, wie ein türkisches Ufo, das geradewegs aus Ankara oder Bursa hier gelandet ist. Marxloh schechrine hoschgeldiniz, die türkische Begrüßungsformel kommt mir in den Sinn – willkommen in der Stadt Marxloh.

Ein Minarett wie hier in Marxloh, das jetzt bei vielen in Deutschland neu errichteten repräsentativen Bauten zu finden ist, gehörte früher nicht zur Moschee.“

Später

„wurden die Minarette zu Symbolen osmanischer Herrschaft, zu ‚Siegeszeichen in einem vom Islam neu eroberten Gebiet‘, schrieb selbst die Islamwissenschaftlerin Annemarie Schimmel. Aggressiver formulierte es 1997 der damalige Bürgermeister von Istanbul, Tayyip Erdogan, als er ein bekanntes Gedicht rezitierte: ‚Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufspringen, die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Speere, die Gläubigen unsere Soldaten.‘ Die ‚Speere‘ werden inzwischen immer länger: 34 Meter hoch ist das Marxloher Minarett, über 50 Meter sollen es bei der in Köln geplanten  Moschee werden.“[xx]

Kelek hat ihre Zweifel an der Kunde Allahs, daran dass der „Mensch schwach“ sei, Allah „Hingabe“ fordere, die Frau „teuflisch“ sei und Engel die „Wächter der Hölle“. Mohammed scheitert als religiöser Führer in Mekka, geht nach Yathrib, das spätere Medina, und fliegt mit dem Engel Gabriel auf einem Reittier mit Flügeln gen Jerusalem um in die sieben Himmel zu gelangen. Was sich anhört wie ein Märchen für Kinder ist todernst gemeint. Zumal der Mythos, dass Jerusalem so wichtig sei für Muslime, basiert auf dieser Story der Himmelsreise, wobei Mohammed (wenn es ihn in dieser Form gab) im wirklichen Leben nie in Jerusalem war.[xxi]

Ähnlich wie schon Abraham Geiger in seiner Bonner Dissertation im Jahr 1833[xxii] („Inquirator in fonts Alcorani seu legis Mohammedicae eas, qui ex Judaismo derivandi sunt“) sieht auch Necla Kelek den Koran als „Ghazu – der geistige Diebstahl“.

Es geht vor allem um Zweifel und Selbstkritik, die Kelek in der islamischen Welt seit Mohammeds Zeiten (mit ganz wenigen Ausnahmen) vermisst.

„Das Prinzip einer Religion ohne Zweifel, die damit in striktem Gegensatz zu dem rabbinischen Judentum steht, das eine Streit- und Debattenkultur pflegt, wurde Jahrhunderte später zur alles ‚versiegelnden‘ Norm.“[xxiii]

Selbst wenn man einmal von den Zwängen und der Gewalt absieht, welche die Geschichte des Islam seit dem 7. Jahrhundert prägt, ist gar der ‚freiwillige‘ Übertritt zum Islam Pflicht. Erst mit der Internalisierung der Idee des einen Gottes mit Mohammed als seinem Propheten komme „Frieden“:

„Die Menschheit wird erst dann befriedet sein, wenn alle den Islam angenommen haben – das ist mit dem Spruch ‚Islam ist Frieden‘ gemeint.“[xxiv]

Kelek hat überhaupt kein Problem mit gläubigen Muslimen – solange Religion oder Spiritualität als Privatsache gesehen werden und nicht als politisches Statement mit Schleier, Minarett oder aufgeblasener Moschee. Philosophisch ist das Desolate an der Geschichte des Islam gleichwohl der geistige Stillstand, der ewige wortwörtliche, oft nur mündliche Bezug und Rückbezug auf den Koran und andere heilige Schriften des Islam. Kelek attackiert den „nachahmenden Konformismus“:

„Damit wurde das Prinzip des ‚nachahmenden Konformismus‘ zur Norm erhoben – in der muslimischen Welt als taqlid gängige Praxis – und all das begraben, was in der westlichen Philosophie als ‚Untersuchung‘, als ‚Versuch‘ oder ‚Experiment‘ sowohl die Sozial- wie die Naturwissenschaften im Lichte von Veränderungen kontinuierlichen Realitätsprüfungen aussetzt. Im islamischen Denken aber werden neu auftauchende Fragen rechtsgutachterlich beantwortet, unter Hinzuziehung von Koran und Hadithen, und dann zu ‚Fällen‘ erklärt, an denen sich weitere Auslegungen abarbeiten müssen – ein höchst zirkuläres Verfahren, das notwendigerweise dazu führt, dass sich die Ausgangsfrage mehr und mehr von der Realität entfernt.“[xxv]

Selbstredend kritisiert Kelek Martin Luthers antitürkische und antijüdische Schriften, zeigt aber gar eine gewisse Nähe zwischen Luthers Protestantismus und Innerlichkeit auf der einen und dem Islam auf der anderen Seite. Damit meint sie seinen „Verzicht auf die Gnadenbürokratie des katholischen Klerus“ und sieht im „direkten“ Kommunizieren von Protestanten wie Muslimen mit Gott eine gewisse, womöglich frappierende Ähnlichkeit.[xxvi]

Lessing gegen seine Liebhaber verteidigt

Von großer Bedeutung ist für Kelek hingegen Gotthold Ephraim Lessing, und zwar nicht ein „Nathan-Kitsch“[xxvii] vom interreligiösen Dialog, wie er bis heute en vogue ist, vielmehr zielt sie auf die grundsätzliche Kritik an Überkommenem durch Lessing und das aufklärerische 18. Jahrhundert generell:

„Während der Hamburger Pastor Goeze an der Bibel als Offenbarung und an dem Wahrheitsgehalt der in ihr geschilderten Ereignisse für den christlichen Glauben festhielt, forderte Lessing, Abschied zu nehmen von der ‚Buchstabenhörigkeit‘ – auch das heilige Buch der Christen müsse Kritik und Widerspruch ausgesetzt und mit Mitteln der historischen Forschung hinterfragt werden.“[xxviii]

Auch hier verknüpft Kelek erkenntnistheoretische, philosophische Fragestellungen, gerade auch des 18. Jahrhunderts, mit der heutigen post-9/11 Welt, wenn sie Johannes Rau widerspricht:

„Im Januar 2004 wurde aus Anlass des 275. Geburtstages des Dichters das Lessing-Jahr von dem damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau mit einer Rede in der Wolfenbüttler Herzog-August-Bibliothek eröffnet. Rau widmete sich, unter Berufung auf ‚Nathan der Weise‘, dem Thema des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Religionen und bezog unmissverständlich Position gegen das vom Bundesverfassungsgericht erlassene Kopftuchverbot für Lehrerinnen. ‚Ich fürchte nämlich‘, sagte der Bundespräsident, ‚dass das Kopftuchverbot der erste Schritt auf dem Weg in einen laizistischen Staat ist, der religiöse Zeichen und Symbole aus dem öffentlichen Leben verbannt. Ich will das nicht. Das ist nicht meine Vorstellung von unseren seit vielen Jahrhunderten christlich geprägten Land.‘“[xxix]

Im Juli 2000 eröffnete Rau mit dem damaligen Staatspräsidenten des Iran Chatami ein Denkmal in Weimar im Park an der Ilm, der Teil des UNESCO Weltkurerbes „Klassisches Weimar“ ist. In Gedenken an Goethe und den persischen Dichter Hafis war dies eine weitere interreligiös-kulturrelativistisch und antiuniversalistische Propagandaveranstaltung.[xxx] Kelek kritisiert die dahinter stehenden „unheiligen Interessen“ zumal Chatamis. Die kritische Iranforschung und kritische Publizistik zum Nahen Osten und zu Antisemitismus hat heraus gearbeitet, dass zumal unter der Präsidentschaft des „Reformers“ Chatami (1997-2005) der Antisemitismus stärker wurde.[xxxi] Im Oktober 2000 stimmte er die islamische Welt auf eine harte Konfrontation mit dem „zionistischen Regime“ ein und im Dezember 2000 nannte er Israel einen zu beseitigenden „krebshaften Tumor“.[xxxii]

Gegen Milli Görüs

Dazu passt die Lobhudelei des Suhrkamp-Verlages und seinem Autoren Werner Schiffauer, der den Islamismus und namentlich Milli Görüs klein bzw. schön redet und selbst im „Postislamismus“ badet und zumal liberale, aufgeklärte, anti-islamistische Intellektuelle wie den weltberühmten, aber in Deutschland verfemten Politikwissenschaftler und Islamologen Prof. Bassam Tibi en passant abfertigt, ohne ihn beim Namen nennen zu müssen.[xxxiii] Kelek schreibt zur Milli Görüs:

„2001 soll es innerhalb der Organisation einen Generationswechsel gegeben haben, mit dem angeblich sogenannte ‚bürgerliche‘ Kräfte die Regie übernahmen. Erkennbar ist das nicht, wohl aber scheint der Verband seitdem fundierte juristische Beratung durch deutsche Konvertiten zu erhalten. Die IGMG [Islamische Gemeinschaft Milli Görüs, C.H.] ist Vorreiter bei dem Versuch der juristischen Durchsetzung islamischer Praktiken – dem Kopftuch bei Lehrerinnen, dem Schächten, der Abmeldung vom Schwimmunterricht. Auffällig ist auch, dass sich Milli-Görüs-Mitglieder inzwischen häufiger in den deutschen Parteien organisieren, vor allem in der CDU Fuß zu fassen versuchen.“[xxxiv]

Report München berichtete am 8. Februar 2010 über die islamistische Milli Görüs und brachte auch Beweise für deren Antisemitismus:

„Vor wenigen Tagen besuchen wir eine Internetseite einer Milli Görüs-Organisation in Remscheid. Darauf: diese Rede von Necmettin Erbakan. Necmettin Erbakan: „Der Zionismus ist ein Krokodil, das die Menschheit bedroht. Der Oberkiefer sind die USA, der Unterkiefer ist Europa und der Schwanz ist Israel.“[xxxv]

Die Waffen-SS, der CIA und die Muslimbrüder: politischer Islam in der BRD

Nun gibt es einen langen, spezifisch islamischen Antisemitismus, der gleichwohl spätestens seit der Damaskuser Blutbeschuldigung („Blood Libel“) von 1840 europäisch-christlich angereichert wurde. Der Post-Holocaust Antisemitismus wiederum ist in der muslimischen Welt besonders stark ausgeprägt. Doch auch hier gibt es eine ungeheuerliche deutsch-islamische Freundschaft. Wer den heutigen politischen und organisierten Islam in Deutschland verstehen möchte, muss sich die Gründungsgeschichte anschauen.

Kelek stellt dar, dass Yassir Arafat ein Schüler des Mufti von Jerusalem war, der Arafat den israelisch-palästinensischen Konflikt „islamisieren“[xxxvi] lehrte. Der Mufti von Jerusalem Hadj Mohammed Amin Al-Husseini wollte noch 1944 „Tel Aviv und Jerusalem“ bombardiert wissen.[xxxvii] Es gab mehrere muslimische Divisionen der Waffen-SS. Doch was geschah mit den Islamisten nach 1945?

Keleks Bericht basiert dabei vor allem auf den Forschungen des Münchner Historikers Stefan Meining (den ich oben bereits erwähnte mit seiner Kritik an Milli Görüs) sowie des Journalisten, Autors und Pulitzer-Preisträgers Ian Johnson.[xxxviii] Von historischer Bedeutung ist der 26. Dezember 1958, die Geburtsstunde des politischen Islam in der Bundesrepublik Deutschland:

„Die Bundesrepublik war der Frontstaat im Kalten Krieg, auch hier hatten die Amerikaner bei der Gründung der ‚Geistlichen Verwaltung der Muslimflüchtlinge‘ 1951 im Münchener Löwenbräukeller ihre Finger im Spiel. Ibrahim Gacaoglu, ein von der CIA geführter Muslim, übernahm den Vorsitz des kleinen Vereins, der die Muslime organisieren sollte. Im Hintergrund wirkten die alten Naziseilschaften, wie der Turkologieprofessor Gerhard von Mende, ehemals für den organisatorischen Kontakt zu den Muslimen in der SS und Reichswehr[xxxix] zuständig. Männer wie ihn, die erfahren waren in der Einschätzung der Muslime und im Umgang mit ihnen, wurden gebraucht. Er unterhielt in Düsseldorf ein vom Verfassungsschutz und der Bundesregierung finanziertes ‚Büro für heimatlose Ausländer‘. Und da war der Vertriebenenminister Theodor Oberländer, im Dritten Reich Leiter des Sonderverbandes Bergmann, einer Truppe von muslimischen Soldaten der Reichswehr [Wehrmacht, C.H.], und ab 1953 Mitglied der CDU-Regierung unter Konrad Adenauer.

1956 wurde der CIA-Mann Gacaoglu durch einen alten Kämpfer ersetzt: Nureddin Namangani, Imam und ‚Hauptmann‘ der SS-Einheit ‚Brigade Dirlewanger‘, die an der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto beteiligt gewesen war. Von Mende und Oberländer wollten die Muslime nicht dem amerikanischen Geheimdienst als Einflussagenten überlassen.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1958 trafen sich 86 Männer im Gemeindesaal der Paulskirche in München. Es war ein Freitag, sie beteten gen Mekka und berieten dann ein gemeinsames Projekt: den Bau einer repräsentativen Moschee in München. An diesem Tag organisierte sich in der Bundesrepublik zum ersten Mal wieder der politische Islam.“[xl]

Diese Story ist ein Kapitel der besonderen Art: von der Schutzsaffel (SS) über den CIA der USA hin zur Adenauer-Regierung und der frühen Bundesrepublik. Ian Johnson stellt die vier Protagonisten dieser Geschichte des politischen Islam in der BRD bzw. der späteren Bundesrepublik vor: 1) Gerhard von Mende, Professor für Türkeistudien, 2) SS-Imam Namangani, 3) der charismatische muslimische Führer Said Ramadan 4) ein arabischer Finanzier und Banker, Ghaleb Himmat.

Gerhard von Mende kommt aus Riga und war Russlandforscher und Experte für „Turkologie“, während des Zweiten Weltkrieges erkannte er die Möglichkeit, sowjetische Kriegsgefangene eventuell auf die andere Seite zu locken, was zumal bei Muslimen häufig gelang. Sie wurden Nazis und Soldaten für Hitler. Von Mende organisiert auf diese Weise Einheiten von Tataren, Türken, Georgiern, Aserbaidschanern und Armeniern.[xli]

Nach dem unconditional surrender der Deutschen und ihrer Helfer kümmerte sich von Mende erstens offenbar rührend um ‚seine‘ muslimischen Gefährten, die in den westlichen Besatzungszonen bzw. später der BRD lebten.

Doch dann bekam er ab 1956 Konkurrenz aus Amerika bei der Kollaboration mit den Islamisten: Das „American Committee for Liberation from Bolshevism“, Amcomlib, wurde aktiv. In Deutschland kooperierte Amcomlib z. B. mit dem früheren „Nazi-Soldaten aus dem Kaukasus“, Ibrahim Gacaoglu, der seine Propaganda-Reden von Garip Sultan, ebenso ein „politischer Offizier“ zu Nazi-Zeiten und sodann Leiter des „Radio Liberty Tatar“, geschrieben bekam. Da dieser CIA -und US-Einfluss von Mende zu viel wurde, wandte er sich also zweitens einem anderen Nazi-Soldaten zu, dem früheren SS-Mann und Imam bei der SS, Nurredin Nakibhodscha Namangani. Wie Kelek schreibt war dieser Teil der berüchtigten „Brigade Dirlewanger“, welche bis heute im Visier der Nazi-Jäger wie Efraim Zuroff vom Simon Wiesenthal Center steht. Die Gründung der Moschee in München war dann auch das Startsignal für die Muslimbrüder, welche ihre eigene Version des Islamismus durchgesetzt wissen wollte. Der Antikommunismus ließ US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower blind werden ob der Gefahr durch den Islamic Jihad. So lud Eisenhower Said Ramadan, Sohn des Gründers der 1928 gegründeten Muslimbrüder, Hassahn al-Banna, und Vater des heute sehr einflussreichen Islamisten Tariq Ramadan, nach Washington D.C. ein und unterstützte ihn, wie Johnson bei seiner Archivarbeit herausfand.

„I especially remember the archives in Eisenhower presidential library in Abilene, Kansas. I got Eisenhower’s appointment book for 1953. It was this big, thick, leather-bound book–like a presidential appointment book should look. And in it, on September 23, was the name Said Ramadan, „Delegate of the Muslim Brothers.“ It wasn’t a big, important meeting, but it was the culmination of early efforts by the Eisenhower administration to use Islam to fight communism. The more time I spent in those archives, the more fascinated I was. The president was a practicing Christian and saw Muslims as fellow believers. He thought faith could help immunize them against communism if they could be made aware of communism’s aetheist message. So he endorsed all sorts of schemes to use religion–his advisors called it the „Religious Factor.“ Embracing the Muslim Brotherhood was part of this effort.“[xlii]

In Deutschland hatten alsbald, 3) die Muslimbrüder um Said Ramadan die Oberhand, was spätestens und 4) durch die finanzielle Führerschaft von Ghaleb Himmat ab dem Jahr 1973 und der Eröffnung der Münchner Moschee deutlich wurde. Dessen Nachfolger wurde 2002 Ibrahim al-Zayat.

Kelek bezieht sich auf einen langen Essay von Johnson aus dem Jahr 2005, Johnson hat jedoch die letzten Jahre weiter geforscht und legt nun im Mai 2010 sein Buch vor: „Eine Moschee in München. Nazis, der CIA und der Aufstieg des Muslimbrüder im Westen“. Johnson war vor Jahren in London in einem Buchladen für islamistische Literatur und sah eine Karte, welche die Verbreitung des Islam darstellte, an den Seiten gespickt mit Bildern über berühmte Moscheen. Darunter war auch die Moschee in München in Freimann. Das machte ihn stutzig und er begann zu recherchieren…[xliii]

Wer sich hingegen neue Bücher über „Moscheen in Deutschland“ anschaut merkt umgehend, dass die meisten deutschen Forscher an der skandalösen Geschichte der Münchener Moschee mit ihren direkten Verbindungen zu früheren SS-Männern, überhaupt kein Interesse zeigen. So wird diese Urgeschichte des politischen Islam in der Bundesrepublik in dem Buch „Moscheen in Deutschland. Religiöse Heimat und gesellschaftliche Herausforderung“ aus dem Jahr 2009, verfasst vom Leiter des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, Claus Leggewie und der Religionswissenschaftlerin Bärbel Beinhauer-Köhler, einfach ignoriert, verschwiegen und verleugnet.[xliv] Leggewie attackiert Necla Kelek persönlich und findet ihre Kritik an der Großmoschee in Köln-Ehrenfeld falsch, ja hoch gefährlich. Der deutsche Vorzeigeprofessor projiziert die Schuld des Islamismus auf potentielle Opfer des Islamismus:

„Keleks und Giordanos Grundthese, der Islam sei ‚kollektiv nicht integrierbar‘ ist nicht nur ahistorisch und soziologischer Nonsens, sie lenkt auch Wasser auf die Mühlen der konservativen und fundamentalistischen Kräfte im Islam. Denn sie laden genau jenen Muslimen einen Bringschuld auf, die sich individuell in die säkulare Gesellschaft einpassen und einen liberalen Islam im Westen praktizieren wollen, und stellen sie ungewollt unter Kuratel eines integrationsunwilligen Kollektivs, dessen Funktionäre und Fanatiker dann umso klarer ihren Herrschaftsanspruch über ‚die‘ Muslime proklamieren. Pauschalurteile wie ‚Der Islam ist nicht integrierbar‘ sind nichts weniger als publizistische Todesurteile für liberale Muslime.“[xlv]

Absurder und wirklichkeitsverzerrender kann man gar nicht schreiben: gerade Necla Kelek sei mitverantwortlich wenn „liberale Muslime“ attackiert würden.

Schließlich wundert es nicht mehr, dass Leggewie den Holocaustüberlebenden Ralph Giordano als „‘Halbjuden‘“[xlvi] vorstellt und auch Antisemitismus und „Islamophobie“ explizit gleichsetzt.[xlvii]

Kelek jedoch stellt die Geschichte des politischen Islam in der BRD dar und gibt Hinweise zur Islamischen Gemeinschaft in Deutschland (IGD), die besonders für den „lawful Islamismus“ wie man in USA sagt, also den „gesetzestreuen Islamismus“ bekannt ist. Gleichwohl untersucht jetzt die Staatsanwaltschaft ob die IGD u.a. die Terrororganisation Hamas unterstützt hat. Ebenso skandalös ist die Tatsache, dass die evangelische Kirche in Deutschland einen offiziellen Vertreter der Hamas-Regierung aus dem Gaza-Streifen zu einer Konferenz eingeladen hat. Entgegen der EU, welche die Hamas wenigstens auf die Liste der verbotenen Terrororganisationen gesetzt hat, unterstützt die Bundeszentrale für politische Bildung diese Veranstaltung mit einem Vertreter der antisemitischen und in ihrer Charta zur Vernichtung Israels aufrufenden Hamas vom 11.-13. Juni 2010 in der evangelischen Akademie Bad Boll.

Kelek jedenfalls berichtet:

„Im März 2009 durchsuchte die Staatsanwaltschaft die Räume des Islamischen Zentrums und ermittelte gegen sieben Männer, unter ihnen auch Ibrahim El-Zayat, wegen der Unterstützung von verbotenen Organisationen wie der Hamas. (…) Noch wird gefeiert – zum Beispiel der 50. Jahrestag der Gründung der IGD mit einem Festakt im Berliner Tempodrom im Oktober 2008. Dort verlieht El-Zayat gemeinsam mit Tariq Ramadan den ‚Dr. Said Ramadan Friedenspreis für Dialog und Völkerverständigung‘ an den Publizisten Peter Scholl-Latour für sein Lebenswerk. Der bedankte sich herzlich.“[xlviii]

Das Erbe der Arbeiterbewegung: für das „Ich“ der Muslime…

Necla Kelek ist nicht nur eine kritische Soziologin und politische, feministische, pro-westliche, pro-israelische und islamkritische Aktivistin und Publizistin, vielmehr nimmt sie Kernfragen der Philosophie in den Blick: Ontologie, Metaphysik, Dialektik und Erkenntnistheorie, die Liebe zum Seienden und die Hinterfragung ewiger (ontologischer) Seins-Gewissheiten prägen Ihr Denken. Sie ist eine Intellektuelle, entgegen ihren gegenintellektuellen, gerade nicht „zerstörerische Kritik“ (am Islamismus und seinen Freunden) übenden Widersachern. Die aggressiven Verteidiger des Status Quo, von den muslimischen „Wächtern des Islam“ über Leiter von Forschungszentren zu Antisemitismus bis hin zu Mainstream-Journalisten wie Thomas Steinfeld, die Süddeutsche Zeitung und Ihr Feuilleton[xlix] (der auflagenstärksten Tageszeitung in Deutschland mit 435.000 Exemplaren, nach der Bild-Zeitung mit über drei Millionen), denunzieren Kelek und andere Islamkritiker als „Hassprediger“.

Wie kaum eine andere Publizistin ist Kelek hingegen auf der Höhe der Zeit. Sie transportiert die Aufklärung des achtzehnten ins einundzwanzigste Jahrhundert, mit aller gebotenen Selbstreflexion einer Dialektik der Aufklärung, so lese jedenfalls ich ihr Buch. Entgegen den selbsternannten Linken oder Liberalen (in den USA die „progressives“) hat Kelek Ironie, Witz, gekoppelt mit luzider, harter Analyse und Kritik. Ganz ähnlich wie Karl Marx, der auf eine gewisse, augenzwinkernde Weise wie ein klammheimlicher roter Faden durch ihr Buch führt, sieht Kelek den islamischen, muslimischen bzw. islamophilen und jede substantielle Islamkritik diffamierenden Status Quo als zu überwindenden an. Sie tritt schließlich das Erbe der längst toten Arbeiterbewegung an, wenn sie keineswegs nur für Deutschland, vielmehr für die ganze Welt den zärtlichen, emanzipatorischen Schlachtruf formuliert:

„Muslime aller Länder, bekennt euch zum Ich,

ihr habt nichts zu verlieren außer der Scharia.“[l]



[i] Necla Kelek (2010): Himmelsreise. Mein Streit mit den Wächtern des Islam, Köln: Kiepenheuer & Witsch, S. 193.

 

[ii] Das meint die Autorin vollkommen ernst, es ist eine Variation des Glaubensbekenntnisses der Kulturrelativisten und Kulturrelativistinnen: „Eine Glaubensfreiheit, die eigentlich Zwangsatheismus als einzige Form der Modernisierung akzeptiert, ist keine. Eine Glaubensfreiheit, die nur den christlichen Glauben meint, ist auch keine. Toleranz ist in Wahrheit immer Toleranz von etwas, das einen anwidert oder irritiert. Toleranz dämmt Abneigung, nicht Zuneigung. Und in modernen, pluralistischen Gesellschaften mit unterschiedlichsten existenziellen, sexuellen oder ästhetischen Neigungen wird das Tolerieren von Praktiken und Überzeugungen anderer von jedem verlangt: Die Geißelungen bei den Osterprozessionen in Sevilla erscheinen den einen so pervers wie anderen die Sadomaso-Spielchen auf den Christopher-Street-Day-Paraden in Paris oder Berlin; der männliche Blick, der junge Mädchen unter den Schleier zwingt, erscheint den einen ebenso sexistisch wie anderen der, der sie sich in High Heels quetschen und rundum entblößen lässt; die Vorstellung der Eucharistie ist den einen so befremdlich wie den anderen der Glaube an 72 Jungfrauen im Paradies; die Wagner-Begeisterten in Bayreuth wirken auf die einen so befremdend wie auf andere die St.-Pauli-Fans am Millerntor“ (Carolin Emcke (2010): Liberaler Rassismus. Die Gegner des Islams tun so, als würden sie Aufklärung und Moderne verteidigen. In Wahrheit predigen sie den Fremdenhass, in: Die Zeit, 25.02.2010, http://www.zeit.de/2010/09/Rassismus?page=all (19.04.2010)). Islamic Jihad ist keine Frage des Geschmacks à la „widert mich an“ oder „Irritation“ wie Emcke insinuiert, es ist eine existentielle Frage. Islamic Jihad legitimiert das Töten der „Ungläubigen“, das tun St. Pauli Fans, so blöd sie evtl. sein mögen, ganz sicher nicht. Emcke lebt einfach in einer Traumwelt und hat keinen Realitätsbezug, was obiges Zitat verdeutlicht. Vgl. auch die Replik vom Mitarbeiter der Friedrich-Ebert-Stiftung, Johannes Kandel, in der Zeit vom 15.04.2010, Glaube und Wahn. Es ist nicht rassistisch, auf den Zusammenhang von Islam und Islamismus hinzuweisen. Eine Erwiderung auf Carolin Emcke, http://www.zeit.de/2010/16/oped-Rassismus?page=all (19.04.2010). Kandel: „Und warum eigentlich hält es die Autorin für degoutant, dass »eine Diskussion um den Islam in Europa entbrannt« ist, »die nicht mehr nur am rechten Rand Gemüter erhitzt, sondern das bürgerliche Zentrum erreicht hat«? Nein, diese Diskussion auch im »bürgerlichen Zentrum« ist uneingeschränkt zu begrüßen, denn sie ist von entscheidender Bedeutung für die Zukunft Europas. Aber Emcke will auf etwas anderes hinaus: Die Diskussion soll als fremdenfeindlicher Misstrauensdiskurs denunziert werden. Opfer sind allein »die Muslime«. Weil wir in Europa Probleme mit der eigenen »Identität« haben, so ihre Logik, profilieren wir uns in aggressiver Verteidigung der »Werte einer aufgeklärten sympathisch pluralistischen Lebensweise … gegen den Islams.« Diese Denkfigur vom »Feindbild Islam« als Ersatz für verloren gegangene »Feindbilder« ist heute so falsch wie bei der Ersterwähnung vor vielen Jahren.“

[iii] Kelek 2010: 12.

[iv] Kelek 2010: 13.

[v] „Atatürk hat versucht, die türkische Gesellschaft zu revolutionieren, auch indem er den Frauen gleichen Rechte und besondere Aufgaben in der von ihm favorisierten Kleinfamilie zuwies und viele Maßnahmen einleitete, um den Frauen eine Berufstätigkeit zu ermöglichen. Aber er blieb dem alten Pathos verhaftet, indem er verkündete: ‚Die wichtigste Aufgabe einer Frau ist das Muttersein‘, auch wenn er gleichzeitig die Schulen für Mädchen öffnete“ (Kelek 2010: 65).

[vi] Und selbst wohlwollende, solidarische Rezensenten wie der Publizist Magnus Klaue unterstellen Kelek eine Naivität bezüglich des völkischen Potentials in Deutschland, was nach gründlicher Lektüre von Keleks Band schwerlich hinhaut. „Hier zeigt sich nun allerdings auch eine Schwäche von Keleks Argumentation. Sie nimmt nämlich nicht hinreichend wahr, dass die von ihr kritisierte Unterwerfung unter das Prinzip der Gemeinschaft, das Ausspielen der „Kultur“ gegen das Individuum, der Begriff der Ehre usw. allesamt Bestandteile deutscher Volkstumsideologie sind, deren Affinität zum Islam sie in einem Kapitel über die Kollaboration zwischen Islamisten und Nationalsozialisten selbst herausarbeitet. Stattdessen hängt sie der Illusion an, die „deutsche Zivilgesellschaft“ vermöge von sich aus die Emanzipation der Muslime zu garantieren, während gerade dieser „Zivilgesellschaft“ an der fortbestehenden Unmündigkeit ihrer „migrantischen“ Mitbürger gelegen ist. Gäbe es eine Auseinandersetzung mit Kelek, die sich nicht in Ressentiments erschöpfte, hier hätte sie anzusetzen. Solange es sie nicht gibt, kann Kelek gegenüber nur gelten, was sie selbst einfordert: unverbrüchliche Solidarität“ (Magnus Klaue (2010): Solidarität, wie Necla Kelek sie versteht. Die „Himmelsreise“ wirft den „fremden Blick“ nicht nur auf den Okzident, sondern auch auf die Muslime – eine Verteidigung, in: Der Freitag, 22.04.2010, http://www.freitag.de/kultur/1016-solidarit-t-wie-kelek-sie-versteht (22.04.2010)). Kelek kritisiert die deutsche Zivilgesellschaft und die politische Elite gleichermaßen, wörtlich schreibt sie: „Es gab in der deutschen Geschichte schon einmal eine Zeit, in der eine ‚Volksgemeinschaft‘ die Bürgergesellschaft verdrängte – mit fatalen Folgen“ (Kelek 2010: 156). Kelek schreibt zudem ein Buch, welches sich primär an die Muslime richtet und keineswegs an die „Zivilgesellschaft“, und sie fordert auch nicht auf, der nicht-muslimischen Zivilgesellschaft sich zu unterwerfen, nein: Kelek fordert auf, ein „Ich“ zu entwickeln und gerade nicht auf eine „Zivilgesellschaft“ sich blind zu verlassen, was die Kritik von Klaue meines Erachtens verkennt.

[vii] Clemens Heni (2007): Salonfähigkeit der Neuen Rechten. ‚Nationale Identität‘, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970 – 2005: Henning Eichberg als Exempel, Marburg: Tectum Verlag, S. 88. Das Zitat ist von Hauke Brunkhorst (1987), Der Intellektuelle im Land der Mandarine, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 10.

[viii] Zur Bedeutung von René Descartes für eine kritische Philosophie, ja für kritische Theorie mithin, siehe Clemens Heni (2009): Antisemitismus und Deutschland. Vorstudien zur Ideologiekritik einer innigen Beziehung, Morrisville (NC): Lulu, S. 139-145, hier S. 141: „Max Horkheimer hielt bereits 1936 kategorisch fest: »Wenn wir nicht so sehr auf die persönliche Absicht als auf die geschichtliche Wirkung Descartes` sehen, so erscheint dieser Denker, der als Schöpfer des ersten Systems der bürgerlichen Philosophie betrachtet wird, als Vorkämpfer gegen das Prinzip der Autorität im Denken überhaupt. ›Die Nachwelt‹, schreibt Buckle, selbst ein äußerst bewusster und kennzeichnender Historiker des Bürgertums, über Descartes, ›ist ihm nicht so sehr für das, was er aufgebaut, als für das, was er niedergerissen, verpflichtet. Sein ganzes Leben war ein einziger großer und glücklicher Feldzug gegen die Vorurteile und Überlieferungen der Menschen. Er war groß als Schöpfer, aber bei weitem größer als Zerstörer‹«.

[ix] Hans Lindemann (1941): Der Islam im Aufbruch, in Abwehr und Angriff. Mit 1 Karte und 4 Kunstdrucktafeln, Leipzig: Friedrich Brandstetter, S. 3.

[x] Lindemann 1941: 4.

[xi] Lindemann 1941: 4.

[xii] Lindemann 1941: 84.

[xiii] Kelek 2010: 174.

[xiv] Kelek 2010: 148.

[xv] Kelek 2010: 155.

[xvi] Ralph Ghadban (2002): Das Kopftuch in Koran und Sunna. Mit einer Einleitung von Johannes Kandel, http://library.fes.de/pdf-files/akademie/online/50370.pdf (22.04.2010).

[xvii] Kelek 2010: 157.

[xviii] Kelek 2010: 147 bzw. 160.

[xix] Kelek 2010: 77.

[xx] Kelek 2010: 78.

[xxi] Kelek 2010: 29-37.

[xxii] Abraham Geiger (1833)/1896: Judaism and Islám. A Price Essay. Translated From the German by a Member of the Ladies’ League in Aid of the Delhi Mission, Madras: M.D.C.S.P.C.K. Press. The original thesis at the University of Bonn was entiteled: “Inquirator in fonts Alcorani seu legis Mohammedicae eas, qui ex Judaismo derivandi sunt”, S. v. Vgl. dazu Avi Beker (2008): The Chosen. The History of an Idea, the Anatomy of an Obsession, New York: Palgrave Macmillan, S. 53-56; “However, before entering the enterprise of Reform Judaism, Geiger published a book on Islam under a title that strikes a dissonant chord in today’s liberal circles and would be termed as insensitive and definitely not ‘politically correct’. (…) Geiger’s concept of borrowing is alien and even dangerous in today’s clash with Islamists” (ibid., p. 54). “Geiger claims, and this sounds logical, that several religious practices of Islam were made deliberately in direct opposition of the Jews in order to widen the gulf between the religions and to please the Arabs with some compromises. That is why, unlike Judaism, supper precedes prayer and why cohabitation with the wife on the night of the fats is permitted, as well as other changes removing Jewish dietary laws (besides the prohibition of swine). In today’s intellectual environment, a scholarly work such as this written by Abraham Geiger can hardly survive, though ironically Geiger was a liberal Jew and a reformer of the Jewish religion. (…) Geiger’s thoughts on Islam from 1833 are more relevant and critical than many volumes of contemporary Middle East studies for our understanding of the most sensitive agenda the world faces today in the ‘clash of civilizations’”(ibid.: 55f.). Vgl. meinen Text über islamischen Antisemitismus, basierend auf einem Vortrag an der Yale University am 3. April 2009 bei der Yale Initiative for the Interdisciplinary Study of Antisemitism (YIISA) http://clemensheni.wordpress.com/2009/05/10/islamic-antisemitism/#_edn27 .

[xxiii] Kelek 2010: 40.

[xxiv] Kelek 2010: 44.

[xxv] Kelek 2010: 170.

[xxvi] Kelek 2010: 196f.

[xxvii] Kelek 2010: 202. „Der österreichische Schriftsteller Robert Schindel nennt ein politisch entschärftes multikulturelles Toleranzbekenntnis ‚Nathan-Kitsch‘: ‚Wir wollen doch alle angenehm sein und gar angenehm gemacht werden, damit wir uns ergehen im Bewusstsein unserer Gutheit, unserer Toleranz. Jeden nach seiner Fasson glücklich werden lassen, gemütlich dem Treiben der Welt zusehen, durchdrungen von Wohlgeratenheit. Rassisten sind immer die anderen. Selbst durchtunneln wir Lebenswelten, sind zukunftsoffen, weitwinklig. (…) Jeder ist von seiner Religion überzeugt und achtet zugleich die Überzeugung der andern von deren Religion. Wir sagten es immer wieder, bis es zur Sage ward. Hernach kann Gottes Sonne wohl Myriaden von gerechten Scheiteln bescheinen‘“ (ebd.: 203).

[xxviii] Kelek 2010: 199.

[xxix] Kelek 2010: 203.

[xxx] Die schwülstigen Reden von Rau, Chatami, Hans Küng („Weltehos“) und anderen sind hier nachzulesen: http://www.bundespraesident.de/dokumente/-,2.23903/Rede/dokument.htm (19.04.2010).

[xxxi] George Michael (2007): Deciphering Ahmadinejad’s Holocaust Revisionism, in: Middle East Quarterly, Vol. XIV, No. 3, S. 11-18, http://www.meforum.org/1704/deciphering-ahmadinejads-holocaust-revisionism (19.04.2010): “However, it was during the presidency of Mohammad Khatami, whose rhetorical calls for a dialogue of civilizations won European and U.N. plaudits, that the Islamic Republic became a sanctuary for revisionists. Tehran granted asylum not only to Graf but also to Wolfgang Fröhlick, an Austrian engineer who argued in court under oath that Zyklon-B could not be used to kill humans. Indeed, it was under Khatami that Iranian policy shifted from anti-Zionism to unabashed anti-Semitism.”

[xxxii] Vgl. Elihu D. Richter/Alex Barnea (2009): Tehran’s Genocidal Incitement against Israel, in: Middle East Quarterly, Vol. XVI, No. 3, pp. 45-51 http://www.meforum.org/2167/iran-genocidal-incitement-israel (20.04.2010). Am 24. Oktober 2000 sagte Chatami im iranischen Staatsfernsehen dass sich die islamische Welt auf eine harte Konfrontation mit dem “zionistischen Regime” einstellen solle: “ Then, speaking to Iranian television on October 24, 2000, he declared: „If we abide by human laws, we should mobilise the whole Islamic world for a sharp confrontation with the Zionist regime. If we abide by the Koran, all of us should mobilise to kill” (Michael Rubin (2009): Khatami is just Ahmadinejad with a silver tongue, in: The Australian, March 25, 2009, http://www.meforum.org/2106/khatami-is-just-ahmadinejad-with-a-silver-tongue (20.04.2010)).

[xxxiii] Vgl. die Affirmation der islamistischen Milli Görüs bei Werner Schiffauer (2010): Nach dem Islamismus. Eine Ethnographie der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, Berlin: Suhrkamp. Folgende Stelle zielt natürlich auf Tibi, den bekanntesten Vertreter und Protagonisten eines „Euro-Islam“: Eine gewisse Rolle spielt auch das Ressentiment, der Ärger über europäische Hybris, die von einem Euro-Islam spricht und damit nichts anderes meint als einen Islam, der westliche (oder christliche) Werte unkritisch und ohne Prüfung übernommen hat (Sayyid 2009)“ (Schiffauer 2010: 359). Ebenso realitätsfern bzw. grotesk ist die Analogisierung (Schiffauer nenne es eine „bemerkenswerte Parallele“) von islamistischen und antisemitischen Verschwörungstheorien, welche in der Türkei existieren, mit Kritik am Islamismus und einer offenen Islamisierung in Europa, vgl. ebd.: 374. Völlig absurd wird es, wenn Schiffauer offenbar ernsthaft schreibt – und Suhrkamp druckt es! – dass der Nationalsozialismus ein „laizistisches System“ gewesen sei, Zitat: „Ähnliche Blindheit auf europäischer Seite schwingt in dem Argument mit, dass die Säkularisierung ein Garant gegen Machtmissbrauch darstelle – als ob nicht die größte Tyrannis von kämpferisch laizistischen Systemen wie dem Nationalsozialismus oder dem Stalinismus ausgegangen wäre“ (Schiffauer 2010: 373f.). Nicht nur die antisemitische Gleichsetzung der präzedenzlosen Verbrecher der Shoah und des Stalinismus fällt hier auf, vielmehr die an Absurdität und Geschichtsverfälschung schwerlich zu überbietende Darstellung des SS-Staates als „laizistisch“. Offenbar hat Professor Schiffauer noch nie etwas von der Tatsache gehört, dass die christliche Religion im Nationalsozialismus sehr aktiv war, nicht nur die „Deutschen Christen“ oder der katholische „Bund Neudeutschland“, vielmehr die politische Religion des Führertums, der antisemitischen Volksgemeinschaft und Vergöttlichung des alle Lebensbereiche durchdringenden „Deutschtums“ bestimmend war im Nationalsozialismus, was gar kein größerer Gegensatz zum französischen Ideal der Trennung von Staat und Religion sein kann.

[xxxiv] Kelek 2010: 231.

[xxxv] Stefan Meining/Ahmet Senyurt (2010): Islamisten oder Demokraten? Neuer Streit um die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs, Report München, 08.02.2010, http://www.br-online.de/das-erste/report-muenchen/report-milli-goerues-ID1265632747597.xml (21.04.2010). Weiter berichten sie: „Wofür steht die größte islamistische Organisation in Deutschland, die Milli Görüs? So präsentierte sich die Islamische Gemeinschaft Milli Görüs, abgekürzt IGMG, Ende der 90er Jahre. Zehntausende Anhänger strömten damals, wie hier in Amsterdam, in die Fußballstadien. Umjubelte Leitfigur der Milli Görüs-Bewegung war damals Necmettin Erbakan, der erste islamistische Ministerpräsident der Türkei. Rufe wurden damals laut: Müjehid Erbakan – Gotteskrieger Erbakan. Erbakans zentrale Schrift die „Gerechte Wirtschaftordnung“ ist durchsetzt von Antisemitismen. Zitat: „Der Zionismus ist ein Glaube und eine Ideologie, dessen Zentrum sich bei den Banken der New Yorker Wallstreet befindet.“ Heute ist Milli Görüs Teil des politischen Establishments. Milli Görüs-Mitglieder nahmen unter dem Vorsitz des damaligen Bundesinnenministers Wolfgang Schäuble an Untergremien der Islamkonferenz teil. In Rendsburg in Schleswig-Holstein wird Ende 2009 eine neue Moschee eingeweiht. Die Moscheegemeinde wird dem Milli Görüs-Netzwerk zugerechnet. Ehrengast ist Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen.“ Wie Kelek beziehen sich auch Meining/Seyurt in ihrer Kritik am Islamismus (der Milli Görüs) u.a. auf den Islamwissenschaftler Ralph Ghadban.

[xxxvi] Kelek 2010: 220.

[xxxvii] Kelek 2010: 223.

[xxxviii] Ian Johnson (2005): The Beachhead. How a Mosque for Ex-Nazis became Center for Radical Islam, in: The Wall Street Journal, July 12, 2005. Über die Geschichte berichtete sodann auch das Nachrichtenmagazin Focus, Hartmut Kistenfeger/Markus Krischer/Göran Schattauer (2006): Es begann in München. Wie die Muslimbruderschaft eine Moschee als Brückenkopf für ihre radikale Ideologie aufbaute., Focus, Nr. 29, 17.07.2006, http://www.focus.de/politik/deutschland/islam-es-begann-in-muenchen_aid_215889.html (21.04.2010).

[xxxix] Damit meint Kelek die Wehrmacht, denn bekanntlich wurde die Weimarer Reichswehr im Jahr 1935 in Wehrmacht umbenannt, und die meisten dieser Kontakte zu den Muslimen haben nach 1935 stattgefunden, zumal während des Zweiten Weltkrieges, http://de.wikipedia.org/wiki/Reichswehr (22.04.2010).

[xl] Kelek 2010: 224.

[xli] Vgl. Johnson 2005.

[xlii] http://www.ian-johnson.com/qanda.html (22.04.2010).

[xliii] Ian Johnson (2010): A Mosque in Munich. Nazis, the CIA and the Rise of the Muslim Brotherhood in the West, San Diego (CA): Houghton Mifflin Harcourt. Die Homepage des Verlags hat ein kurzes Video hochgeladen, wo der Autor seine Gründe, dieses Buch zu schreiben, erläutert: http://www.houghtonmifflinbooks.com/catalog/titledetail.cfm?titleNumber=1101280 (22.04.2010). Es ist zudem ganz hilfreich, dass Johnson in einer kurzen Übersicht bereits vorab darstellt, welche Aspekte in seinem Buch von besonderer Bedeutung für die Leser sein könnten bzw. was er Neues erforscht hat:

A Mosque in Munich reveals….

The existence of a freelance West German intelligence operation with strong ties to the Nazi past:

Nazi official Gerhard von Mende’s “Research Service Eastern Europe” recreated key elements of the Reich Ministry for the Occupied Eastern Territory (“Ostministerium”). The operation hired almost exclusively former Nazi employees. It was funded by the West German foreign office and other ministries in Bonn. A key goal was revising eastward the border with Poland. Von Mende was recruited by U.S. intelligence, even though his Nazi past was well known. West Germany conceived of the Islamic Center of Munich as a way to bind local Muslims to the West German state.

New details about “Amcomlib,” the American Committee for Liberation from Bolshevism, including: Amcomlib’s use of Muslims to counter Soviet expansion in the Third World, including sending Muslims on the Hajj. Amcomlib’s sponsorship of Muslim Brotherhood figures exiled in Europe, especially of Said Ramadan, son-in-law of the founder of the Brotherhood. Amcomlib’s rivalry with West German intelligence for control of the Muslims in Munich. Details of the U.S. retreat from the mosque project, probably due to a growing emphasis on Vietnam, which left the field to the Muslim Brotherhood.

The existence of a rogue intelligence operation surrounding a popular U.S. author, Ahmad Kamal: Kamal’s real name and identity. Kamal’s background as an author of books published, among others, by prestigious U.S. publishing houses. Kamal’s creation of Jami’at al-Islami, a charity that was a CIA front operation. Kamal’s likely involvement in gun-running to anti-French Algerian rebels. Kamal’s involvement in Islamist causes in Indonesia. Kamal’s efforts to hijack the Munich mosque project from Amcomlib. The self-destruction of Jami’at and Kamal’s subsequent intelligence career in Burma.

The expansion of the Brotherhood from Munich to France and the U.K. Details of key previously unknown Brotherhood strategy meetings in the 1970s and ‘80s that set a course for expansion. The Brotherhood’s influence of religious life through a fatwa council in Ireland, an umbrella group in the U.K. and a lobby group in Brussels. All these groups are direct descendants to the Munich mosque. The involvement of people associated with the Munich mosque in terrorism, including the 9/11 attacks on New York and Washington.

Continued U.S. flirting with the Muslim Brotherhood through the Bush and Obama administrations. Classified CIA documents from the Bush administration showing a benevolent view of the Brotherhood. Classified State Department from the Bush administration documents showing a clear plan to use radical Islam to further U.S. foreign policy. This includes backing meetings of Brotherhood figures. Efforts by the State Department to undermine skeptics in Allied countries who do not want to work with Islamists. This includes sponsoring Islamists in Germany. Initial moves by the Obama administration to court Islamists“ (http://www.ian-johnson.com/mimreveals.html (22.04.2010).

[xliv] Bärbel Beinhauer-Köhler/Claus Leggewie (2009): Moscheen in Deutschland. Religiöse Heimat und gesellschaftliche Herausforderung, München: C.H. Beck. Auf Seite 33 wird das Islamische Zentrum München erwähnt, aber weder der Artikel von Johnson aus dem Wall Street Journal aus dem Jahr 2005 noch die Berichte des Focus oder jene Forschungen von Stefan Meining und dem Bayerischen Rundfunk werden rezipiert oder zitiert. Jeder Professor würde einem Studenten im ersten Semester eine solche Lücke in einer Proseminarsarbeit über die simple Darstellung der wichtigen Etappen des politischen Islam und des Moscheebaus in der Bundesrepublik ankreiden und die Arbeit zur Überarbeitung zurückgeben.

[xlv] Beinhauer-Köhler/Leggewie 2009: 156. Beide Autoren sind verantwortlich für das Buch, gleichwohl ist das Zitat aus dem Abschnitt, den Leggewie verfasst hat.

[xlvi] Beinhauer-Köhler/Leggewie 2009: 151. „Ihr Mentor und prominentester Gegner des Moscheevorhabens ist Ralph Giordano, als junger Mann (und „Halbjude“) ein Verfolgter des Nazi-Regimes und in der bundesrepublikanischen Debattengeschichte stets als meinungsstarker und streitbarer Publizist aufgefallen.“ Warum benutzt Leggewie hier den Nazi-Begriff „Halbjude“?

[xlvii] „Islamophob nennt man Personen oder Gruppen, die eine generell ablehnende Einstellung gegenüber muslimischen Personen und allen Glaubensrichtungen, Symbolen und religiösen Praktiken des Islams an den Tag legen. Analog zum Antisemitismus werden Muslime stereotyp dafür herabgesetzt, wie sie angeblich sind, ungeachtet dessen, wie sie tatsächlich handeln“ (Beinhauer-Köhler/Leggewie 2009: 230, Anm. 42). Das hat mit seriöser Forschung nichts mehr zu tun, es trivialisiert und verkennt den Antisemitismus. Es ist auch eine Verharmlosung des Holocaust, der Resultat des eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen war. Es hilft auch nichts, dass Leggewie danach „Islamkritik“ davon ausnehmen möchte und als „legitime Religionskritik“ bezeichnet. Schließlich verkennt Leggewie, wie die meisten islamophilen Autoren: der Grund, warum seit einigen Jahren der Islamismus von einigen wenigen Leuten scharf kritisiert wird, ist der Massenmord vom 11. September 2001! Es sind die konkreten Taten der Islamisten, welche Islamkritiker aktiv werden lassen und keine antisemitischen Verschwörungstheorien wie sie basal waren für den Aufstieg des Nationalsozialismus und dann im SS-Staat.

[xlviii] Kelek 2010: 227f.

[xlix] Man muss sich auch vergegenwärtigen, was es bedeutet, wenn ein Journalist einem Kollegen, der mit dem Tode bedroht ist, nicht nur nicht zur Seite eilt, vielmehr hämisch sagt ‚selber schuld‘, siehe Steinfelds Kollege als Feuilletonchef des SZ Andrian Kreye. Die Titanic schreibt: „Andrian Kreye (»SZ«)! Zum Mordversuch am dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard fiel Ihnen ein Vergleich zu Salman Rushdies »Satanischen Versen« ein: »Man kann ein Werk der Weltliteratur, in dem sich einer der klügsten Schriftsteller unserer Zeit auf kulturgeschichtlich höchstem Niveau mit den religiösen Spannungen seines Heimatlandes Indien auseinandersetzt, nicht mit der plumpen Witzelei eines dänischen Karikaturisten vergleichen. Das eine ist eine intellektuelle Meisterleistung, die es zu verteidigen gilt; das andere eine bewußte Provokation, die ungefähr so intelligent ist, wie der Versuch, einen Tiger zu erziehen, indem man ihm erst ein Schinkenbrot anbietet und es ihm dann wieder wegnimmt.« Wenn wir Ihre intellektuelle Meisterleistung richtig verstehen, sind Sie der Ansicht, daß das Leben schlechter Karikaturisten nicht sonderlich schützenswert ist. Dürfen wir obendrein daraus schließen, daß Sie z.B. die Herren Oliver Schopf, Wolfgang Horsch oder Luis Murschetz, die regelmäßig die Meinungsseite Ihrer Zeitung mit plumpen Witzeleien vollkritzeln, nicht verteidigen würden, wenn wir ihnen unsere Zufriedenheit mit ihrer Arbeit persönlich mitteilten – mit einer Axt, auf der das Wort »Komikkritik« geschrieben steht? Uns vielleicht sogar ihre Adressen verraten würden? Danke im voraus. Auf kulturgeschichtlich höchstem Niveau bewußt provozierend: Titanic“ (Titanic, Heft 2/2010, http://www.titanic-magazin.de/badl_1002.html#c9396 (21.04.2010).

[l] Kelek 2010: 251.

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