Koscherstempel für faschistische Autoren und das Goutieren des Massenmords an Linken durch Breivik? Die von Israelis betriebene Berlin-Neuköllner Buchhandlung „Topics“

Der Berliner Tagesspiegel (Nantke Garrelts) berichtet mit der reißerischen Überschrift „Buchladen schließt nach Attacken von links“[i] über die Schließung der Neuköllner Buchhandlung „Topics“, einer von zwei Israelis betriebenen Einrichtung in der hippen Weserstraße. Die Grüne Bezirksbürgermeisterin von Kreuzberg, Monika Herrmann, findet die Schließung demnach „verstörend“. Einer der Betreiber des Ladens, Doron Hamburger, teilte dem Tagesspiegel schriftlich mit, ein Gespräch mit „mehreren Vertretern der antifaschistischen Szene scheiterte“.

Linke gegen einen von Israelis geführten Buchladen: das ist natürlich für die Springer-Tageszeitung Die Welt (Hannah Lühmann) ein gefundenes Fressen.[ii] Lühmann schreibt unter der Überschrift „Nach Drohungen der Antifa muss Buchladen schließen“: „Die Enkel von Holocaustüberlebenden werden in Berlin von wild gewordenen Antideutschen vertrieben“ und resümiert:

„Amir und Doron wollen jedenfalls nicht mehr; sie haben sich entschieden, aufzugeben. Die beiden sind natürlich weit davon entfernt, rechts zu sein, der Vorwurf ist völlig abwegig. Man hat das Gefühl, sich mit Leuten zu unterhalten, die nach dem suchen, was intellektuell stimulierend ist, und die nicht in den langweiligen Bahnen vorgeformten Diskurshipstertums bleiben, das leider vielfach das weltanschauliche Milieu junger, linker Akademiker ausmacht. Mit Leuten, die nachdenken, neugierig sind, offen, radikal, die sich für die moralische Ambivalenz interessieren, und für das Dunkle.“

Lühmann ist total begeistert, dass das Topics „Abgründe ausloten“, also gerade nicht aufklärerisch und antifaschistisch, sondern kokettierend über Faschismus und Nazismus reden wollte.

Die neurechte Junge Freiheit berichtet ebenfalls geknickt über die Schließung des Topics, immerhin war schon mal ein JF-Autor dort Referent (wie der Freitag berichtet),[iii] und auch die Wochenzeitung Die Zeit schreibt sehr wohlwollend und mit einer Attacke auf die bösen „Antideutschen“ über die beiden israelischen Buchhändler. Der Zeit-Autor Armin Langer[iv] hingegen war bislang eher für seine Trivialisierung des Islamismus und muslimischen Antisemitismus (namentlich in Neukölln) bekannt.

Die Deutsche Welle (DW) informiert auf Englisch (Ben Knight) über das Aus des Buchladens,[v] die Berliner Zeitung (Tanja Brandes) ist ebenso entrüstet und betont die „psychischen Folgen der Hetze“ gegen die Betreiber[vi] und der Freitag (Mladen Gladic) redet von „intoleranten Linksaktivisten“.[vii]

Kritik an der geplanten Evola-Veranstaltung kam offenkundig am 27. Februar 2017 via Facebook (worüber sich die Gruppe selbstironisch lustig macht) von der Gruppe Top Berlin,[viii] die ein vielfältiges Spektrum an linker Gesellschaftskritik zu repräsentieren scheint, Kritik an der islamistischen Hamas und anderen Formen des Antisemitismus wie auch Veranstaltungen zum Gedenken an die Shoah gehören dazu.[ix]

Ob jedoch die sich radikal vorstellende Kritik von Top Berlin, die Gruppe ist Teil des bundesweiten Bündnisses „Ums Ganze“,[x] versteht, dass ihre Kritik an jeder Staatlichkeit auch Israel und den Zionismus meinen müsste und somit dem Antisemitismus Vorschub geben würde, ist unklar. Es gab anarchistische Zionisten wie Gershom Scholem, der gleichwohl erkannte, wie überlebensnotwendig (!) Staatlichkeit ist, wenn man sich nicht wehrlos von arabischen, muslimischen oder sonstigen Judenhassern abschlachten lassen möchte. So ist eines der Motti von Top Berlin „No Border, no Nation“ angesichts Israels völlig realitätsfern und selbstmörderisch. Der von Ariel Scharon initiierte Sicherheitszaun schützt Israelis vor Selbstmordattentaten und anderen (Mord)Anschlägen. Top Berlin ist also kaum eine „antideutsche“ Gruppe, sondern eher Teil der traditionellen radikalen Linken.

Die Kritik von Top Berlin bezog sich zudem ausschließlich auf Evola. Doch der Skandal ist noch viel krasser.

Der vorgesehene Topics-Referent und Freund des Betreibers Doron Hamburger, DC Miller, hätte also am 2. März 2017 in der Buchhandlung Topics in der Neuköllner Weserstraße über Evola referieren sollen. Am 28. Februar sagte der Laden die Veranstaltung ab, wie man in einer Stellungnahme auf Facebook lesen kann. Dort meldet sich auch der vorgesehene Referent DC Miller zu Wort. [xi]

In seinem Text für die Veranstaltung schreibt Miller über Evola, dieser habe zwar bekanntlich Beziehungen zu Faschisten und Nazis gehabt, er sei „aber“ halt auch „Dadaist, Philosoph, Historiker und Magiker“ gewesen, ja sei von Rechten als „unser Marcuse, nur besser“ bezeichnet worden. Theoretiker wie der Russe Alexander Dugin, ein Übersetzer Evolas ins Russische, oder der Amerikaner Steve Bannon, ein Einflüsterer Trumps und Symbol der Alt Right im Weißen Haus, seien Anhänger des faschistischen Theoretikers. Das schreibt Miller nun nicht in einem aufklärerisch-antifaschistischen Duktus oder wenigstens in einem distanziert-neutralen Text, sondern in einer euphorischen, begeisterten, affirmativen Tonlage.

Am 22. Februar hatte die englische Tageszeitung The Guardian kritisch über die Galerie LD50 und deren Bezüge zum Neonazismus berichtet.[xii] Namentlich erwähnt der Guardian Brett Stevens, der eine rechtsextreme Konferenz im LD50 im August 2016 mit vorbereitete und an eben jenem 22. Februar 2017 als Reaktion auf den Guardian-Bericht noch einmal klarstellte, was seine Position ist:

„Ich bin Anders Breivik aus anderen Gründen unendlich dankbar, als viele vermuten. Die meisten Rechten, die gewalttätig werden und sich der Gefahr eines weißen Genozids bewusst sind, tendieren dazu, den Anderen umzubringen; ich singe ein Loblied auf Breivik, weil er gerade anders handelte, er erschoss Mitglieder von UNS, die Linke geworden waren und machte klar, was für einen Preis man zahlen muss, wenn man links wird. Breivik trieb die Leute davon weg, bei dieser pathologischen, kultmäßigen Gang von Zivilisationszerstörern mitzumachen.“[xiii]

Diese Bejahung von Terror und Mord ist unfassbar und wohl nur in USA, wo er das wohl im Netz publizierte, straffrei. DC Miller jedoch möchte genau einen solchen Hetzer wie Brett Stevens reden lassen. Und das Topics wollte DC Miller reden lassen. Das ist der Skandal, der für die Welt, die Zeit und den Tagesspiegel keiner ist.

Am 25. Februar 2017 protestierte eine lautstarke Gruppe von über 100 Antifaschist*innen gegen die Galerie LD50 im Osten Londons im Bezirk Hackney, übrigens einer Partnerstadt von Haifa. Der Bürgermeister von Hackney, Philip Glanville, spricht sich gegen die Galerie aus, wie das Magazin Vice (Yohann Koshy) berichtet.[xiv] Slogans wie „Death to Nazi Hipsters“, die laut Vice Demoparolen waren, sind angesichts von Nazigewalt nachvollziehbar, aber sicher nicht sinnvoll, die Betonung der Kombination von vorgeblich apolitischen Hipstern und Nazis ist gleichwohl von einiger Bedeutung.

Vice betont, dass die Galeriebetreiberin, Lucia Diego, zugibt, Brett Stevens erlaubt zu haben, für die Konferenz zu werben. Auf die Vice-Nachfrage, warum denn dann sogar Anmeldungen zu ihrer Konferenz im August 2016 über den E-Mail Account von einem Brett Stevens aus USA gingen, der selbst Redner, aber in London nicht dabei war, gab es keine Antwort mehr.

Die New York Times (Christopher D. Shea) berichtete noch am Tag der Demonstration in London über die Proteste gegen die Galerie LD50 und zitiert die spanische Betreiberin, die seit 12 Jahren in England lebe, dass sie zwar „Antisemitismus, Homophobie und Misogynie“ nicht teile, aber die „Linken“ würden doch „Juden, Homosexuelle und Frauen“ viel zu „doktrinär“ verteidigen.[xv]

Der für Neukölln von Topics vorgesehene Referent DC Miller spielte auf der Demonstration gegen das LD50 den Helden und protestierte am Samstag, den 25. Februar 2017, alleine für die Galerie und hielt einen Pappkarton mit der Aufschrift „the right to openly discuss ideas must be defended.“[xvi] Da lacht die Internationale der Holocaustleugner.

Die allgemeine rechtsextreme Agitation, eine Ausstellung kurz nach der Wahl Trumps zu allen möglichen Pro-Trump Äußerungen der extremen Rechten während des Wahlkampfs, wie auch die rechtsextreme Konferenz im August 2016 sind der Hintergrund, vor dem die 2015 eröffnete Galerie LD50 in London so massiv in der Kritik steht. Die irische Künstlerin und Schriftstellerin Megan Nolan schreibt, dass Kunst sehr wohl ihr Recht habe, aber wenn „Faschismus im Gewand der Kunst“ daherkomme und die „Menschlichkeit von uns“ oder der „Nachbarn“ (im Osten Londons) bedrohe, dann sei Widerstand nicht nur „akzeptabel, sondern obligatorisch.“[xvii]

Was wir im Zuge der Reaktionen auf die angekündigte Schließung des Topics erleben, ist eine ganz neue Volksgemeinschaft in Deutschland: extreme Rechte (Junge Freiheit), vorgeblich liberaler Mainstream (Die Zeit), konservative, rechte Mitte (Welt) und viele andere Zeitungen und Autor*innen promoten einen von zwei Israelis betriebenen Buchladen, der einen Referenten vorgesehen hatte, der wenig zuvor eine Londoner Galerie verteidigte, die mit Leuten wie Brett Stevens kooperiert, der ganz offen den Massenmord an Jungsozialisten durch Anders Breivik im Juli 2011 feiert!

Das sind die Töne im neuen Deutschland. Wir haben es hier mit einer anti-linken Volksgemeinschaft zu tun, die Juden oder Israelis benutzt, um Kritik am Faschismus oder Nazismus und dem Massenmord an Linken in Norwegen zu diffamieren und sich hinter Unterstützer (DC Miller) von Verteidigern und Fans (Stevens) eines antilinken, neonazistischen Massenmörders (Breivik) stellt. Die bösen sind die Antifas, die den Agitator DC Miller kritisieren. Antifaschismus ist böse, nicht Faschismus. Das ist Deutschland. Never again kommt zu spät.

Dieser von zwei Israelis betriebene Laden Topics machte freudestrahlend mit, weil sie selbst mit einer Verteidigung eines Massenmords an Linken oder dem Promoten von faschistischen Autoren ganz offenkundig kein wirkliches Problem haben und alles unter die erbärmliche und gerade von Holocaustleugnern seit Jahrzehnten propagierte „freie Rede“ rubrizieren. Da lacht die Anti-Antifa deutscher Neonazis.

Es ist gut, dass ein Laden wie Topics zugemacht hat.

Das reaktionäre, antilinke, pronazistische Denken, das Liebäugeln mit historischen Faschisten wie Evola und das Goutieren des Massenmords an Jusos durch Breivik von Freunden der Topics-Betreiber indizieren hingegen eine politische Kultur in Amerika im Zeitalter des Trumpismus und in Deutschland, die bleiben wird.

Sicher ist so ein Liebäugeln und Goutieren in der Bundesrepublik mit jüdischem Koscherstempel besser zu verkaufen, so wie auch der Israelhass sich mit jüdischem Koscherstempel (vornweg: Adorno-Preisträgerin Judith Butler) besser promoten lässt, aber Deutschland hat doch reichlich Erfahrung damit, antilinke und pronazistische Ideologie gerade ohne und gegen Juden oder Israelis zu formulieren.

 

[i] Tagesspiegel, 23.07.2017, http://www.tagesspiegel.de/berlin/berlin-neukoelln-buchladen-schliesst-nach-attacken-von-links/20096078.html (eingesehen am 27.07.2017).

[ii] Die Welt, 24.07.2017, https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article166945195/Nach-Drohungen-der-Antifa-muss-Buchladen-schliessen.html (eingesehen am 27.07.2017).

[iii] Junge Freiheit, 24.07.2017: „‘Es ist schlimm genug, eine Veranstaltung über die Idee einer suprafaschistischen Person in deinem eigenen Geschäft auszurichten, aber es ist nochmal etwas völlig anderes, wenn sich dein Geschäft auch noch inmitten von Neukölln befindet, einem Einwandererviertel‘, beschreibt Hamburger den Grundtenor der Kritik. Er habe sich daraufhin gefragt, ob es besser gewesen wäre, in Marzahn oder Lichtenberg über Evola zu diskutieren (ls)“, https://jungefreiheit.de/kultur/gesellschaft/2017/israelischer-buchladen-muss-nach-antifa-attacken-schliessen/ (eingesehen am 27.07.2017). Link zu dieser neu-rechten Agitationsseite absichtlich deaktiviert.

[iv] Die Zeit, 25.07.2017, http://www.zeit.de/gesellschaft/2017-07/topics-berlin-neukoelln-juden-israelischer-buchladen-schliessung/komplettansicht (eingesehen am 27.07.2017).

[v] Deutsche Welle (DW), 24.07.2017, http://www.dw.com/en/berlin-bookstore-shuts-down-after-leftist-boycott/a-39818955 (eingesehen am 27.07.2017).

[vi] Berliner Zeitung, 24.07.2017, http://www.berliner-zeitung.de/berlin/neukoelln-warum-ein-buchladen-israelischer-betreiber-schliessen-muss-28022990 (eingesehen am 27.07.2017).

[vii] Freitag, 24.07.2017, https://www.freitag.de/autoren/mladen-gladic/are-the-kids-alt-right (eingesehen am 27.07.2017).

[viii] https://www.facebook.com/TOPB3rlin/posts/10154945432445256 (eingesehen am 27.07.2017).

[ix] http://top-berlin.net/de/tags/antisemitismus (eingesehen am 27.07.2017).

[x] https://umsganze.org/ueber-uns/ (eingesehen am 27.07.2017).

[xi] https://www.facebook.com/topicsberlin/posts/2005480709696833 (eingesehen am 26.07.2017).

[xii] The Guardian, 22.02.2017, https://www.theguardian.com/uk-news/2017/feb/22/art-gallery-criticised-over-neo-nazi-artwork-and-hosting-racist-speakers (eingesehen am 27.07.2017).

[xiii] Brett Stevens, 22. Februar 2017, http://www.amerika.org/politics/the-guardian-doubles-down-on-lugenpresse-narrative-about-ld50-gallery/ (eingesehen am 27.07.2017), Übersetzung vom Verfasser. Ich habe den Link zu dieser Naziseite deaktiviert.

[xiv] Vice, 28. Februar 2017, https://www.vice.com/en_uk/article/78qzpx/should-free-expression-include-normalising-far-right-ideas (eingesehen am 27.07.2017).

[xv] New York Times, 25. Februar 2017, https://www.nytimes.com/2017/02/25/arts/design/london-gallery-ld50-alt-right-show-protest.html?mcubz=0 (eingesehen am 27.07.2017).

[xvi] Man kann DC Miller mit seinem Pappkarton hier sehen: https://pics.me.me/the-right-to-openly-discuss-ideas-must-be-defended-k-20808184.png (eingesehen am 27.07.2017). Ein Bericht zur Demonstration ist hier zu finden: Hackney Gazette, 27.02.2017, http://www.hackneygazette.co.uk/news/politics/ld50-gallery-anti-fascist-protesters-march-through-dalston-1-4907083 (eingesehen am 27.07.2017).

[xvii] Megan Nolan, 3. März 2017, https://thebaffler.com/latest/ld50-nolan (eingesehen am 27.07.2017).

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