Keine „einseitigen Interessen“ vertreten

Keine „einseitigen Interessen“ vertreten

Der Kampf gegen Antisemitismus sollte ausgewogen sein oder: 

Wolfgang Benz geht in Rente

Von Dr. phil. Clemens Heni

Zur Verabschiedung von Wolfgang Benz[i], der noch bis April 2011 Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung (ZfA) an der Technischen Universität Berlin ist, am 21. Oktober 2010 wurden selbstverständlich einige Grußworte gehalten. Der Jahrgangskollege (Jahrgang 1941) und bekannte Historiker („Bielefelder Schule“) Jürgen Kocka[ii] sagte:

„Wolfgang Benz, 1941 im württembergischen Ellwangen in einer bürgerlich-katholischen Familie geboren, studierte Geschichte, Politologie und Kunstgeschichte, schrieb nebenher für die Ellwanger „IPF- und Jagstzeitung“ und promovierte 1968 in München bei Karl Bosl, einem eindrucksvollen, auch sozialgeschichtlich versierten, sehr fruchtbaren Kenner vor allem der bayrischen Geschichte.“

Kocka erwähnt natürlich nicht, wer Karl Bosl war, obwohl er sich mit Historikern im SS-Staat befasst hat.[iii] Bosl war seit 1933 Mitglied der NSDAP, Mitgliedsnummer 1884319[iv], der SA, sowie wenig später des NS-Lehrerbundes, 1938 bewarb er sich beim SS-Ahnenerbe und dessen Projekt „Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte“, wurde angenommen und von der SS bezahlt. Am 16. und 17. Januar 1945 schließlich nahm Bosl auf einer Tagung der „Aktion Ritterbusch“, der wohl letzten Historikertagung im SS-Staat teil – aus tiefer Treue zum „Führer“ fand diese Tagung im Geburtshaus Hitlers in Braunau am Inn statt. Die örtliche NSDAP lieferte Wild und Fisch ins Gasthaus „Gann“. Benz sagte öffentlich auf einer Veranstaltung in Erlangen am 21.03.2010, dass Bosl „kein Nazi“ gewesen sei. Bosl war auch in Erlangen – im April 1944 auf einer weiteren Tagung der Nazi-Historiker der „Aktion Ritterbusch“.

Am 12. Mai 1964 sprach Karl Bosl in Nürnberg im Rahmen des „Sudetendeutschen Tages“ über „Nürnberg – Böhmen – Prag“ und beschuldigte die Tschechoslowakei einer „radikalen Endlösung des deutschen ‚Problems‘ nach hitlerschem Modell“.[v] Bosl war ein Antisemit, was sich in der Gleichsetzung der präzedenzlosen Verbrechen der Deutschen (und Hitler) im Holocaust und der Vertreibung aus dem Osten zeigt.

Kocka erwähnt extra dass Benz bei Bosl 1968 promoviert hat. Er verschweigt nicht nur dass Bosl ein Nazi war, vielmehr derealisiert der deutsche Sozialhistoriker auch die Tatsache, dass Bosl sich kurz vor seinem Tode auch noch das Leben zurecht log. Bosl war ein Feigling, der als alter Mann im Jahre 1990 in einem langen Interview explizit sagte, „nirgends dabei“ gewesen zu sein, „damals“.[vi]

Die Abschiedsvorlesung von Benz[vii] zeigt, warum kein renommierter internationaler Antisemitismusforscher mit ihm kooperiert. 20 Jahre war Benz Leiter des ZfA und kein einziger internationaler Forscher dankt ihm beim Abschied an der TU, wie aus dem offiziellen Programm zur Verabschiedung hervorgeht.

Wie die Pressestelle der TU schreibt:

„TU-Präsident Prof. Dr.-Ing. Jörg Steinbach würdigte ihn und sein hohes wissenschaftliches Engagement mit der Goldenen Ehrennadel der Universität. ‚Sie hinterlassen uns und Ihrer Nachfolgerin ein einzigartiges Lehr- und Forschungsinstitut von internationalem Rang, das an der TU Berlin seinen Platz gefunden und behauptet hat.‘“[viii]

Erinnern wir uns: Im Zuge der zweiten Intifada im Herbst 2000 wurden mehrere hundert Israeli durch arabische („palästinensische“) Selbstmordattentäter und Bomben zerfetzt. Am 11. September 2001 wurden in New York City im World Trade Center, im Pentagon in Virginia, sowie in Pennsylvania 3000 Menschen von Jihadisten ermordet.

Benz schreibt:

„Der zweiten Intifada gegen Israel, dem Terrorakt des 11. September 2001, dem Bramabarsieren [falsche Schreibweise im Text von Benz, d.V.] und Säbelrasseln des iranischen Diktators Ahmadinedschad ist im Westen viel Vernunft und Liberalität zum Opfer gefallen.“[ix]

 

Der Iran macht also keine politische Hetze und ruft nicht zum Judenmord auf, sondern rasselt irgendwie mit dem Säbel oder trägt dick auf („Bramarbasieren“). Benz nimmt den Aufruf zum Genozid an Juden und Israeli von Seiten der Islamischen Republik Iran nicht ernst. Ahmadinejad und die Führung im Iran bauen an Atomwaffen, hetzen gegen Israel („A World without Zionism“) und leugnen den Holocaust. Daraus macht der Leiter des ZfA ein eher harmloses „Säbelrasseln“, das eher nach mittelalterlichen muslimischen Kriegern auf Pferden klingt.

Dabei zeichnet sich der politische Islam oder Islamismus dadurch aus, dass er die technische Moderne übernimmt (Automobile, Flugzeuge, Elektronik, Computertechnik, Atomwaffen, biologische Waffen, Internet etc.) und die politische Moderne ablehnt. Der Politologe und Islamologe Prof. Bassam Tibi hat darauf schon vor Jahrzehnten hingewiesen. Das erinnert an den Nationalsozialismus, der auch einen „reaktionären Modernismus“ vertreten hat, wie es Jeffrey Herf in den 1980er Jahren nannte.

Von Benz ist in seiner Abschiedsvorlesung kein Wort der Trauer über die ermordeten Juden/Israeli oder die Opfer im World Trade Center zu hören. Vielmehr sei „viel Vernunft“ „im Westen“ dem „Terrorakt des 11. September 2001“ „zum Opfer gefallen“.

Benz vertritt eine Version des kulturrelativistischen Amoklaufs, wenn er Massenmord wie den von 9/11 mit Kritik am Islamismus in direkte Beziehung setzt.

Benz agitiert weiter. Für ihn ist die primäre Lehre aus dem Holocaust der Kampf gegen Islamkritik. Nachdem er sich über Kritik am Islamismus ausgelassen hat, endet seine Abschiedsvorlesung – und das ist dann auch konsequenterweise ein Abschied von seriöser Antisemitismusforschung:

„Es geht auch darum, aus der Geschichte der Judenfeindschaft zu lernen. Alle Anstrengung, den Holocaust zu erforschen und zu verstehen, um die Erfahrung der Katastrophe des Judenmords für die Entwicklung einer demokratischen, humanen und toleranten Gesellschaft zu nutzen, wäre vergeblich, wenn anstelle der Juden andere Gruppen stigmatisiert würden. Diese Nutzanwendung aber ist der Sinn einer Antisemitismusforschung, die sich nicht in die Pflicht von Interessen nehmen lassen darf, die sich vielmehr über die akademische Erkenntnis hinaus als Dienst für die Gesellschaft versteht.“[x]

Und noch mehr: Benz verharmlost nicht nur den muslimischen Antisemitismus, er macht Agitation gegen eine der weltweit hörbasten Stimmen gegen Antisemitismus, die israelische Tageszeitung Jerusalem Post. Er sagt weiter vorne in seiner (publizierten) Rede am 21.10.2010:

„Wieder andere, denen Internetforen, aber auch Zeitungen wie die „Jerusalem Post“ als Forum ihrer Kampagnen dienen, werfen dem Zentrum vor, dass es nicht in Diensten einseitiger Interessen steht. Das Zentrum ist ein unabhängiges akademisches Institut an der Technischen Universität Berlin, und sein weltweites Renommee gründet nicht auf politischen Aufträgen, der Teilnahme an Kampagnen oder auf Aktionismus, sondern auf seinen Forschungen.“[xi]

Das ist bemerkenswert: mitten in Berlin darf ein deutscher Forscher gegen eine israelische Tageszeitung Propaganda machen und bekommt am Ende Applaus dafür – er ist ja Antisemitismusforscher und das heißt noch lange nicht, dass er ein Freund Israels zu sein hat, nicht wahr?

Die Kritik am antizionistischen Antisemitismus beispielswiese ist demnach für Benz ein „einseitiges Interesse“ und verwerflich. Benz hat im voll gepackten Lichthof der TU Berlin gar keine Hemmungen einen jüdischen Journalisten (denn der ist gemeint) als Berliner Korrespondenten der Jerusalem Post zu attackieren.

Benz sagt auch wörtlich, dass „von jüdischer Seite“ Hass gegen Muslime mit geschürt würde, Juden also Täter seien:

„Die aktuelle Islamkritik, wie sie auch von jüdischer Seite (aus nachvollziehbaren Gründen angesichts der Bedrohung Israels und offensiv gelebter Judenfeindschaft von Muslimen) vehement vorgetragen wird, hat kein historisches Gedächtnis und kein Problembewusstsein für die Austauschbarkeit der Stigmatisierung von Gruppen. Fixiert auf ihr Feindbild müssen Populisten gegen differenzierende Betrachtungsweisen wüten und ihre eindimensionale Weltsicht verteidigen. Dass demagogische Islamfeindschaft, die Hass gegen eine fremde Kultur predigt und Intoleranz proklamiert, an anderen Traditionen der Feindseligkeit gegen Menschen wie dem Antisemitismus oder dem Antiziganismus zu messen ist, steht wissenschaftlich außer Frage.“

Benz hat gar keinen spezifischen Begriff von Judenfeindschaft oder Antisemitismus, „Intoleranz“ wird für ihn zur Allzweckwaffe. Dabei ist Intoleranz gegenüber dem Jihad oder dem politischen Islam etwas Begrüßenswertes.

In typischer Manier des Schuldabwehrantisemitismus der Deutschen wendet sich Benz gleich mehrfach gegen Juden und Israeli (Jerusalem Post) und wirft ihnen Hass, Islamfeindschaft oder Intoleranz vor. Er selbst als nichtjüdischer Deutscher mit Nazi-Doktorvater geriert sich zum Oberlehrer, der meint etwas gelernt zu haben aus der Geschichte.

In seinem Abschiedstext zitiert Benz selbstredend keinen einzigen der weltweit führenden Antisemitismusforscher (bzw. Islamforscher), um nur einige zu nennen: Prof. Alan Dershowitz, Dr. Manfred Gerstenfeld, Prof. Martin Gilbert, Prof. Jeffrey Herf, Dr. Anthony Julius, Prof. Efraim Karsh, Prof. Walter Laqueur, Prof. Bernard Lewis, Prof. Arno Lustiger, Dr. Daniel Pipes, Prof. Alvin Rosenfeld, Prof. Gerald Steinberg, Prof. Pierre-André Taguieff, Prof. Robert Wistrich, Dr. Efraim Zuroff.

Dafür verwendet Benz den Kampfbegriff „Islamophobie“.

Von Bosl zu Benz: das sind typisch deutsche Karrieren.

Einen alten Nazi wie Karl Bosl affirmativ erwähnen lassen, von Islamophobie reden und Antisemitismus als spezifisches Phänomen derealisieren: das ist deutsche Mainstream Antisemitismusforschung. Benz geht in Rente, doch der Betrieb wird in genau diese Richtung weitergehen. Ein „Jahrbuch für Islamophobieforschung“ gibt es bekanntlich schon, Benz ist mit dabei, ein Initiator ist der sehr junge österreichische Agitator Farid Hafez.[xii]

In Wahrheit ist der Antisemitismus der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts – und nicht die herbei fantasierte „Islamophobie“, so das Fazit von Richard Herzinger in der Welt.[xiii]


[i] „Abschiedsvorlesung Prof. Dr. Wolfgang Benz. Antisemitismusforschung als akademisches Fach und öffentliche Aufgabe. Am 21. Oktober 2010 hielt Prof. Dr. Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin, seine Abschiedsvorlesung „Antisemitismusforschung als akademisches Fach und öffentliche Aufgabe“. TU-Präsident Prof. Dr.-Ing. Jörg Steinbach würdigte ihn und sein hohes wissenschaftliches Engagement mit der Goldenen Ehrennadel der Universität.

Grußworte:

[iii] Interview mit Jürgen Kocka zum Thema: „Neubeginn und Entwicklung der deutschen Geschichtswissenschaft in den 1950/60er Jahren“, darin auch Fragen zu Historikern im Nationalsozialismus: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/BEITRAG/intervie/kocka.htm (01.01.2011).

[v] Clemens Heni (2010a): Erlangen 1944/2010 – die „Aktion Ritterbusch“, Bosl und Benz, in: http://clemensheni.wordpress.com/2010/03/27/erlangen-19442010-%E2%80%93-die-%E2%80%9Eaktion-ritterbusch%E2%80%9C-bosl-und-benz/ (01.01.2011).

[vi] Vgl. Heni 2010.

[vii] Wolfgang Benz (2010): Antisemitismusforschung als akademisches Fach und öffentliche Aufgabe, in: http://www.pressestelle.tu-berlin.de/fileadmin/a70100710/Fotos/TU_intern/2010/November/Abschiedsvorlesung_Benz.pdf (01.01.2011).

[ix] Benz 2010.

[x] Benz 2010.

[xi] Benz 2010.

[xiii] Richard Herzinger (2010): Europa lässt sich von den Judenhassern täuschen. Der militante Judenhass in Europa hat nur die Färbung gewechselt, nicht die mörderische Substanz. Die Gewalttäter gerieren sich als Opfer des „Zionismus“, in: http://www.welt.de/debatte/kommentare/article11847743/Europa-laesst-sich-von-den-Judenhassern-taeuschen.html (01.01.2011).

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