Erinnern, um zu vergessen

Erinnern, um zu vergessen

 

Alfred Grosser attackiert Israel am 9. November 2010

 

Die Abwehr der Erinnerung an die präzedenzlosen Verbrechen der Deutschen im Holocaust nimmt tagtäglich zu. Historische Daten wie die Pogromnacht vom 9. November 1938 ziehen die Verharmloser, Schönredner und Erinnerungsverweiger heutzutage besonders an. Am liebsten wird der Holocaust banalisiert und irgendwie klappt es immer, Israel mit ins Spiel zu bringen.

Das Publikum, die Medien und die interessierte Öffentlichkeit sind geradezu geil auf obszöne historische Komparatistik mit Gegenwartsbezug.

 

Wer die Situation von Palästinensern heute mit der Situation von Juden 1938 im Nationalsozialismus auch nur im aller geringsten in Beziehung setzt, agiert antisemitisch.

 

Wer so redet stellt eine Beziehung von Juden als Opfer des Vernichtungsantisemitismus der Deutschen und heutiger Politik des Staates Israel her. Allein die Erwähnung von Menschenrechten und Israel an einem solchen Tag wie dem 9. November ist eine Unverschämtheit aus dem Munde von Menschen, die es besser wissen könnten, wären sie nicht so fanatisiert wie Alfred Grosser.

Grosser betreibt gleichermaßen eine Infantilisierung und Vertrottelung der Erinnerung an die Shoah. Er möchte gar nicht erinnern, vielmehr dient ihm ein solcher Tag wie der 9. November nur dazu, die altbekannten Ressentiments gegen den jüdischen Staat mediengerecht hinaus zu posaunen.

Die Märkische Oderzeitung berichtet über die heutige Rede von Grosser in der Frankfurter Paulskirche:

 

Grosser rief dazu auf, die Leiden anderer anzuerkennen. So sei beispielsweise die Art, wie Ausländer ‚hier und anderswo‘ behandelt werden könnten, eine Verletzung der Grundwerte. An den Anderen zu denken sei eine Voraussetzung für den Frieden, meinte der in Frankfurt geborene Sohn jüdischer Eltern. Man könne von keinem Palästinenser verlangen, ‚dass er die Schrecken der Attentate versteht, wenn man nicht ein großes Mitgefühl hat, die Leiden im Gazastreifen zu verstehen‘.“

 

Terroristen sind für den Redner in der Paulskirche das gleiche wie eine demokratische Armee.

Kein Wunder, dass er sich am Ende positiv auf Luther bezog (nein, sicher nicht ‚nur‘ deshalb, weil auch Luther Synagogen brennen sehen wollte…). Viel ekliger als mit Luther kann man eine solche Rede schwerlich beenden. Aber es ist konsistent, antijudaistischer Antisemitismus und antizionistischer sind eng verwandt.

 

Sodann: Wo wird heute in Deutschland oder Frankreich vom Staat geplant alle Moscheen des Landes anzuzünden, auszurauben, zu zerstören, Muslime oder andere „Ausländer“ in KZs zu stecken, ihre Wohnungen und Ladengeschäfte zu demolieren?

 

„Grosser fasste zusammen: ‚Auschwitz ist die Grundlage dafür, dass man an den Anderen denkt.‘“

 

Das ist vollkommen absurd. Es ist infantil, weil es so tut, Kindern sagen zu wollen, doch bitte lieb zueinander zu sein, ‚den anderen‘ immer und überall zu schätzen und bitte, bitte nicht zu vergasen. Und es insinuiert dass die Palästinenser arme Würstchen seien und ganz a priori keine Antisemiten, sondern ‚die anderen‘, wie früher die Juden.

 

Micha Brumlik hat Grossers heutige Rede scharf kritisiert:

 

„Der Erziehungswissenschaftler der Goethe-Universität in Frankfurt am Main warf Grosser außerdem vor, mit einer solchen Rede historisches Bewusstsein zu zerstören: ‚Gewollt oder ungewollt stellt er nun eine Verbindung zwischen der israelischen Politik gegenüber den Palästinensern und den Verbrechen der Nationalsozialisten gegenüber den Juden her. Das verfestigt sich im populären Geschichtsbewusstsein und führt dann zu solchen Aussagen, wie dass die Juden auch nicht besser sind, weil sie den Palästinensern dasselbe antun wie die Nazis den Juden.‘“

 

Man kann an einem Tag wie dem 9. November sehr wohl eine Beziehung zu heute ziehen: Antisemitismus ist eine Gefahr, so groß wie schon seit vielen Jahren nicht mehr. Der Iran hat öffentlich angekündigt, eine „World without Zionism“ zu schaffen. Das wird durch jahrzehntelangen arabischen, muslimischen, linken, rechten, jüdischen und zunehmend westlichen Mainstream-Antizionismus ergänzt. Und auch hier ist Deutschland an vorderster Front mit dabei: Geschäfte mit Iran wie auch politische Reisen in den Iran unterstützen den Antisemitismus des Iran.

 

In einem Gespräch mit dem Deutschlandradio sagte selbst Micha Brumlik dass Grosser das „Thema verfehlt“ habe, er sprach einfach kaum oder gar nicht über den 9. November 1938, den Nationalsozialismus und die deutsche Schuld. Die Einladung an Grosser von Seiten der Frankfurter Oberbürgermeisterin Roth war eine „eindeutig falsche Einladung“, die ganze Veranstaltung „skandalös“. Die Zuhörerinnen und Zuhörer, immerhin ca. 900 Leute, waren offenbar ganz happy, was sich darin zeigte, dass das Publikum dem Erinnerungsverweigerer und israelfeindlichen Hauptredner „Standing Ovations“ zollte, auch Dieter Graumann klatschte schließlich, wie die SZ kichernd berichtet.

 

Heutzutage schreibt eine Partei wie die extrem rechte „Die Freiheit“, welche sich kürzlich in Berlin gründete, in ihrem Programm:

 

„Jahrzehnte hindurch haben Meinungsmacher und Politiker dabei mitgewirkt, das Schuldbewusstsein der Deutschen wachzuhalten, was die Identifikation mit ihrer eigenen Nation schwinden ließ. Wir Deutsche dürfen uns nicht auf die zwölf Jahre einer verbrecherischen Periode reduzieren lassen, es muss uns erlaubt sein, auf die kulturellen und historischen Leistungen des Deutschen Volkes stolz zu sein, ohne die Tiefpunkte unserer Geschichte auszublenden.”

 

Das ist Deutschland 2010.

 

Stolz auf Deutschland, eine Leugnung der Spezifik des Antisemitismus und eine täglich frecher, infantiler wie auch vertrottelter werdende „Israelkritik“ sind der Kern des Problems.

 

Das Original dieses Textes ist hier erschienen.

 

 

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