Die verlorene Reputation der Dr. Margit Reiter

veränderte Version, 13.01.2011

 

Sehr geehrte Frau Reiter,

ich habe von dem Skandal erfahren, dass Sie am 10.01.2011 mit Moshe Zuckermann eine Veranstaltung am Institut für Zeitgeschichte an der Universität Wien durchgeführt haben.

Nun ist Zuckermann als Feind Israels und Freund von Holocaustleugnern bzw. des direkten Umfelds von Holocaustleugnern wie von Norman Finkelstein bekannt. So hat Zuckermann z.B. letztes Jahr in der Tageszeitung junge Welt in Deutschland Finkelstein in Schutz genommen. Aufgrund von Protest-e-mails war der jüdische Antisemit Finkelstein zuvor von Veranstaltungen ausgeladen worden. Finkelstein setzt Nazi-Deutschland und Israel bzw. die IDF gleich und macht sich einen Spaß daraus.

Das wussten Sie, bevor Sie eine VA mit Zuckermann planten.

 

Was besonders schockiert ist die Tatsache, dass Sie als angeblich seriöse Historikerin oder Politikwissenschaftlerin einem Mann eine Plattform geben, der ganz offen gegen Juden wie Henryk M. Broder und Benjamin Weinthal wie auch gegen andere Kritiker des Antisemitismus wie Dr. Matthias Küntzel oder meine Person agitiert und natürlich – in dieser Hinsicht ganz ähnlich wie Neonazis – kleine Details völlig falsch zitiert; mit diesem Textauszug wirbt der Promedia Verlag für das Buch Zuckermanns, welches Sie promotet haben:

 

„Hieran schließt sich ein weiteres Problem an. Im Dezember 2009 veranstaltete das Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin eine Tagung über das Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit, die, wie es hieß, „schon im Vorfeld heftigster Kritik ausgesetzt war“. In einer „Tageszeitung“-Kolumne schrieb dazu Micha Brumlik, auf die Attacken gegen den renommierten Historiker Wolfgang Benz, Leiter des Zentrums und der offenbar Neuralgisches berührenden Tagung, bezugnehmend: „Eine Gruppe von Autoren, unter ihnen Matthias Küntzel, Henryk M. Broder, Clemens Heni sowie der Berliner Korrespondent der Jerusalem Post, Benjamin Weinthal, vertraten in einer publizistischen Kampagne die Auffassung, dass die geplante Tagung Antisemitismus und Islamophobie nicht nur miteinander vergleiche, sondern dadurch auch gleichsetze. Damit wurde – ohne nähere Begründung – der Veranstalter selbst zumindest in die Nähe des Antisemitismus gerückt.“

 

Die Tagung am ZfA, die in Frage steht, fand am 8. Dezember 2008 statt, nicht 2009. Das merkt jeder Beteiligte und jede Interessierte, da es eine große Zahl von Kritiken an Benz und dem ZfA seit Anfang Dezember 2008 (und schon zuvor) gibt.

Zuckermann und der Promedia Verlag sind also zudem noch unwissenschaftliche Amateure und können nicht mal korrekt zitieren (und niemand weist den Verlag darauf hin).

Es ist kaum vorstellbar, dass Sie diese VA vorbereiteten ohne die Buchankündigung des Verlages zu kennen. Die dortigen Angriffe gegen die erwähnten Kritiker hätten Sie allerspätestens nachdenklich machen müssen. Daher ein paar Bemerkungen zu meiner Person.

Ich habe 2006  bei Anton Pelinka in Innsbruck promoviert, über die „Salonfähigkeit der Neuen Rechten„, eine Monographie zu Rechtsextremismus und Neuer Rechter und deren Beziehung zur Linken wie zum Mainstream in Deutschland überhaupt (509 Seiten). Ich habe viele wissenschaftliche Artikel gegen den neuen Antisemitismus verfasst und publiziert, in Tribüne, Jewish Political Studies Review, oder dem Journal for the Study of Antisemitism, um nur diese drei bekannten Zeitschriften zu nennen aus Deutschland, Israel und USA.

Während heute  Zuckermann von rechts, links, den Islamisten wie dem Mainstream an der Uni Wien gefeiert wird, besteht heutige Antifa-Arbeit (von einigen wenigen) darin, Islamisten und ihre Freunde und Helfer zu kritisieren, denn islamistischer Antisemitismus ist der gefährlichste heutzutage. Und Islamisten sehen sich oft explizit in der Tradition des Nationalsozialismus (wie z.B. Yusuf al-Qaradawi).

Was so schockiert an Ihrer VA mit Zuckermann (und zwar schon alleine Ihre Zusage zu dieser VA): nicht einmal die offensichtliche Tatsache, dass z.B. der Aula Buchdienst mit Büchern gegen den Zionismus aus der Feder des bekannten Rechten Claus Nordbruch wirbt, irritiert Sie offenbar. Auch Norman Finkelstein wird von diesem österreichischen Buchdienst beworben. Die Rubrik zu Israel heißt „Zionismus und Nahost“, auch andere anti-israelische Titel sind dort zu finden. Viele extreme Rechte kooperieren mit Islamisten, das hat auch Tradition, nicht erst seit 1933. Auch das müsste einer Politologin oder Historikerin zur Geschichte des 20. Jahrhunderts bekannt sein.

Das alles ist der Hintergrund vor dem Attacken wie jene des Promedia Verlages und Zuckermanns gegen Kritiker des Antisemitismus und Israelhasses zu sehen sind. De facto sind viele pro-israelische Aktivisten früher in der (undogmatischen) Linken aktiv gewesen – während antidemokratische und tyrannische Regime wie der Iran Zuckermann heute hypen.

Sie sagten in Wien, wie mir berichtet wurde, dass Benz als „Antisemit“ bezeichnet würde. Wo ist Ihre Quelle? Was sagen Sie zu den folgenden Punkten?

Benz möchte Antsemitismus abwehren und könnte bei seiner eigenen Geschichte anfangen, darum geht es:

1) Benz hat 1968 bei Karl Bosl an der Universität München promoviert. Bosl war ein Nazi, Mitglied in NSDAP, SA und später bezahlt von der Schutzstaffel (SS).
Nach 1945 war Bosl weiter in antisemitischen Kreisen aktiv wie im Witikobund wo er 1964 den Holocaust relativierte bzw. aus „softe“ Weise leugnete und mit der Vertreibung der Deutschen aus dem Osten gleichsetzte. Benz sagte am 21.03.2010 in Erlangen, dass Bosl „kein Nazi“ gewesen sei. Dabei war auch Bosl als alter Mann ein ganz elender Feigling (wie fast alle Deutschen seiner Generation) und sagte, dass er „nirgends dabei“ gewesen sei, „damals“.

2) Muslim-Markt ist eine der bekanntesten antisemitischen und islamistischen, pro-iranischen, anti-israelischen deutschsprachigen Internetseiten. Sie fordern „Zionisten raus aus Jerusalem“, sagen „Zionisten sind Rassisten“ und rufen seit 10 Jahren zum Boykott israelischer Waren bzw. Israels auf. Einer der Betreiber von Muslim-Markt, Dr. Yavuz Özoguz, verlor seinen Job an der Universität Bremen aufgrund seiner extremistischen Aktivitäten. Muslim-Markt sagt dass Homosexualität eine „Sünde“ sei und Özoguz gibt Frauen (selbst denen, die ihn verehren) nicht die Hand, „aus religiösen Gründen„.

Das alles war Grund genug, dass Prof. Benz diesen Antisemiten am 1. November 2010 ein freundliches Interview gegeben hat, ohne mit einem Wort Kritik an deren Antisemitismus zu üben.

Damit fördert Benz Antisemitismus via Muslim-Markt, die stolz mit einem Bild von Benz und dem Interview werben.

Ich bin mir sicher, dass Sie, Frau Reiter, mit einem FPÖ-Mann wie damals Jörg Haider, der gegen Israel und Juden hetzte und die SS lobte, niemals ein Interview gemacht hätten, geschweige denn eines, indem Sie ihn nicht scharf attackierten. Benz unterstützt ganz gezielt und völlig selbstverständlich Antisemiten wie die Islamisten von Muslim-Markt.

Benz schweigt zu der Tatsache, welche hinlänglich erforscht ist, dass sein Doktorvater Bosl von der SS bezahlt wurde (!).

3) Spätestens seit dem 8. Dezember 2008 setzt das von Benz geleitete ZfA Antisemitismus mit Islamkritik bzw. „Islamophobie“ gleich. Das befördert Antisemitismus und negiert jede Spezifik des Judenhasses und derealisiert das Präzedenzlose der Shoah.
Hier ist eine Liste von Texten dazu.

Dass Sie nun mit einem Mann eine Veranstaltung machten, der gegen Kritiker des Antisemitismus agitiert wie Rechtsextremisten, Islamisten oder Neonazis (von denen es in Österreich so viele gibt wie in der Bundesrepublik, von der häufig schweigenden Mehrheit nicht zu schweigen), das stimmt nicht nur mich nachdenklich.

Es gibt Grenzen, die sollte Mann oder Frau nicht überschreiten. Einen Hetzer wie Moshe Zuckermann so öffentlich zu promoten, wie Sie es getan haben, während Zuckermann gleichzeitig von den iranischen, arabischen und anderen Medien als jüdischer Held gegen Israel und die Juden gefeiert wird, das ist bemerkenswert.

Sie unterstützten mit der Veranstaltung die Destabilisierung des jüdischen Staates Israel. Ein winziger Beitrag, sicher.
Aber einer, der schmerzt. Er zeigt, was deutsche und österreichische Forscherinnen und Forscher, die zuvor und sonst mitunter vorgegeben haben gegen Antisemitismus zu sein,  im Innern anzutreiben scheint.

Schließlich haben mich weitere Berichte über die Veranstaltung erreicht. Ein anonymisiertes Zitat fand ich bemerkenswert, da es zwar konkret um die VA mit Zuckermann geht, jedoch die Sprache und Herangehensweise von Akademikerinnen und Akademikern generell gemeint ist:

„Wenn das Wort Holocaust fiel (von Shoah war nicht die Rede), dachte ich, es geht ihr um einem Auto- oder Skiunfall.“

 

Mit freundlichen Grüßen,

 

Dr. phil. Clemens Heni
Research Fellow, Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism (SICSA),
Hebrew University, Jerusalem, November 2010-

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