Antisemitismus und Deutschland

Einleitung

Clemens Heni (2009): Antisemitismus und Deutschland. Vorstudien zur Ideologiekritik einer innigen Beziehung, Morrisville, NC, USA: lulu , 332 Seiten, ISBN 978-3-00-027564-7 [nicht mehr lieferbar; 2., erweiterte Auflage 2012, Berlin: Edition Critic]

Das Manuskript wurde im Kern Ende November 2008 fertig gestellt.

Impressum, das Inhaltsverzeichnis sowie die Einleitung als separates PDF:

Inhalt Einleitung Antisemitismus Deutschland

Personenregister:

Personenregister Antisemitismus und Deutschland

Einleitung

Die ideologiekritische Analyse der historischen und gegenwärtigen Beziehung von Deutschland und Antisemitismus ist Gegenstand dieses Bandes. Während Politikwissenschaftler sich eher selten his­torischen Phänomenen widmen, ist die Antiquiertheit vieler Histori­ker offenbar, wenn wir sehen, wie wenig historische Kenntnis mit gegenwärtigen Problemen in Beziehung gesetzt wird. Methodisch wiederum herrscht post-postmoderne Willkür vor, eine gleichsam theoretische Hilflosigkeit, gerade im inflationären Reden über Anti­semitismus. Dieser wird dabei gern mit x-beliebigen »Phobien« oder »Vorurteilen« verglichen bzw. gleich gesetzt. Deutschland hat die präzedenzlosen Verbrechen der Shoah begangen. Doch das wird mehr und mehr vergessen, ja gezielt negiert. So ist selbst bei gegen­wärtigen Forschungen zu Antisemitismus zu fragen: Widmen sich heutige Forscher bei der Analyse des Antisemitismus, zumindest bis 1945, einer möglichen deutschen Spezifik? Liegt der von Deutschen begangene Zivilisationsbruch im Zentrum des Erkenntnisinteresses? Oder wird nicht vielmehr behauptet, jede Nation sei (wenigstens bis 1945) als solche auf ziemlich ähnliche Weise strukturell für Antise­mitismus offen gewesen, so etwas wie eine deutsche Spezifik gebe es überhaupt nicht? Auf heute bezogen, sehen andere gar im Begriff des Antisemitismus nur die Bezeichnung einer recht beliebigen oder vielfältigen »gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit«, welche auch Hartz4-Empfänger[1], Frauen[2], (muslimische) Migranten[3] und andere Gruppen treffen könne. So wird aus einer jahrtausendealten, antijudaistischen und antisemitischen Agitation und Politik ein mehr oder weniger beliebiger Exklusionsmechanismus, der weder den Welterklärungscharakter der Judenfeindschaft, den primären Anti­semitismus mit seinen unzähligen Bildern, Codes und Stereotypen, den irrationalen, genozidalen Zug des Antisemitismus, noch die Ab­wehr der Erinnerung an die Shoah, den sekundären Antisemitismus, auch nur in Ansätzen zu fassen vermag.

Ja, mehr noch, es wird gemutmaßt: Waren nicht die Französische Revolution der deutschen von 1933 vorgängig, der Holocaust wie auch ›Gewalt an und für sich‹ als Konsequenzen von ›Utopie‹ und ›Revolution‹ immer konstitutive Bestandteile? Waren Babi Yar, Sobibor und Treblinka keine präzedenzlosen Verbrechen? Oder es wird fragend proklamiert, etwas angestaubt zwar, aber immer wieder gern gehört in vielen Kreisen: Waren nicht die russische Revolution von 1917 und der spätere Stalinismus Movens für die Deutschen, Auschwitz wiederum nur eine Reaktion und ohnehin nur ein Puzzle­teil im Universum des ›Totalitarismus‹?

Was ist aus der »deutschen Ideologie«, deren Kritik Detlev Claussen[4] vor 20 Jahren noch einforderte, im ›entideologisierten Zeitalter‹ geworden? Was ist, daran anknüpfend, an der von Herbert Marcuse 1942 untersuchten »new German mentality« bei der Analyse des Nationalsozialismus heute noch relevant? Dass die Deutschen »sich gegenwärtig an gänzlich anderen Werten und Maßstäben« orientie­ren, wie Marcuse damals zeigte, harrt weiter der Analyse und Kritik. Marcuses Untersuchung des deutschen Manichäismus, zumal des ›Natürlichen‹ versus dem ›Künstlichen‹, trifft einen Kern des Natio­nalsozialismus:

»Ganz offensichtlich zentriert sich diese Sprache um ›irrationale‹ Vorstellungen wie Volk, Rasse, Blut und Boden, Reich. Alle diese Begriffe sind zwar ihrer Form nach Universalien, schließen in Wirklichkeit Universalität jedoch gerade aus. Benutzt werden sie als Partikular- wo nicht gar Individualbegriffe, dienen sie doch dazu, Volk, Rasse und Blut der Deutschen positiv gegen andere Völker, Rassen und Blutsgemeinschaften abzusetzen und aus ihnen partikulare Maßstäbe und Werte ab­zuleiten. Zudem sollen die so bezeichneten Tatsachen ›natürlicher Art‹ sein, das heißt, sie stehen für die Nazis außerhalb des universellen Zusammenhangs der men­schlichen Zivilisation, gehören einer anderen und höheren Ordnung an. In dieser Ordnung zählt die ›natürliche‹ Ungleichheit der Menschen mehr als ihre ›künstliche‹ Gleichheit, der Körper mehr als der Geist, Gesundheit mehr als Moral, Macht mehr als das Gesetz, starker Haß mehr als schwächliches Mitgefühl.«[5]

Die Analysen des katholischen Bundes Neudeutschland – dessen prominentes Mitglied der 2007 verstorbene Ex-Nazirichter und Ex-Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Hans Filbinger, war -, des Naturschutzes im Nationalsozialismus sowie die dialektische Untersuchung von Allgemeinem und Besonderem, von Naturbeherr­schung, Internalisierung bürgerlicher Imperative und antibügerlicher Revolte im NS-Staat, versuchen die Kritik der »new German menta­lity« fortzuführen. Dabei wird deutlich, dass keineswegs ›nur‹ Hei­den, vielmehr ebenso Protestanten und – hier besonders im Fokus – die katholischen ›Neudeutschen‹ aktiv am antiuniversalistischen Konzept Deutschlands im Nationalsozialismus mit fochten. Darin liegt meines Erachtens ein wesentlicher Aspekt der deutschen Spezi­fik: katholisch, evangelisch und heidnisch ließ sich die deutsche Volksgemeinschaft gleichermaßen antijüdisch und antiuniversalis­tisch ›begründen‹. Diese Trinität untereinander teils heftig sich be­kämpfender Strömungen vermag auch religionssoziologisch erklä­ren, warum in Deutschland Antisemitismus gleich mehrfach codiert werden konnte.

Es soll die Unterschiedlichkeit des Antisemitismus untersucht wer­den, was es notwendig macht, aktuelle wie historische Facetten in den Blick zu nehmen, abgelegene Fundstücke wie antijüdische Steinkrüge von 1910, der Karneval von 1949 in Köln, Klassiker wie Heideggers Brief über den Humanismus von 1946, judenfeindliche Naturschützer im Nationalsozialismus als auch gegenwärtige Ten­denzen neu-deutscher Unbefangenheit oder auch des Antizionismus, der damit oft einhergeht. Dieser Sammelband möchte in Anlehnung an zentrale Topoi meiner Dissertation[6] die Ideologiekritik an Antise­mitismus, Antiuniversalismus und Deutschland voranbringen.

Antisemitismus war der Kitt der deutschen Volksgemeinschaft im Nationalsozialismus. Die ›Kritische Theorie‹ arbeitete das heraus. Die Spezifik des (deutschen) Antisemitismus und dessen Verhältnis zum sogenannten »Ticket-Denken« zumal bei der Dialektik der Auf­klärung gilt es, daran anschließend, weiter zu untersuchen (Kapitel 2).

Heute reden die Deutschen kulturindustriell im Kino, im Fernsehen, in der Presse oder aber im mehr oder weniger selbstgebastelten Internet in Weblogs, am Stammtisch, beim Metzger oder auch beim Friseur vom »Untergang«, Täter und Opfer werden austauschbar. Der offenen Leugnung des Holocaust, die an Schärfe zugenommen hat und von Regimes wie dem derzeitigen Iran propagiert wird, ge­sellt sich die Trivialisierung, Relativierung und Universalisierung der präzedenzlosen Verbrechen hinzu. Jubiläen von Firmen, welche z. B. 1938 ›gegründet‹ wurden, werden feierlich begangen, ohne nach dem möglichen Anteil an ›arisiertem‹ Vermögen zu fragen. Verbre­cher wie Friedrich Flick wurden geehrt und hofiert und sein Sohn wäscht mit einer großen Kunstausstellung in Berlin im Hamburger Bahnhof, der Flick-Collection, den blutigen Familiennamen wieder weiß, mit tatkräftiger Unterstützung des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, heute zudem bekannt als Freund des islamo-fa­schistischen Regimes in Teheran. Schröder lud auch den Schriftstel­ler Martin Walser ins Bundeskanzleramt ein und unterstützte damit dessen Erinnerungsabwehr an Auschwitz. Das Holocaust-Mahnmal in Berlin wiederum ist für jenen Altkanzler ein Ort, an den »man gerne geht«.[7] So wird aus dem größten Verbrechen der Menschheitsge­schichte gleichsam ein Event. Im Sommer 2006 konnten sich deutsche Frauen im schwarzrotgoldenen Bikini auf den heißen Steinen dieses Mahnmals sonnen, während Bundestrainer Jürgen Klinsmann die deutsche Fußballnationalmannschaft gegen die Polen einpeitschte: »Die stehen mit dem Rücken an der Wand. Ihr schießt sie heute durch die Wand.« Endlich wieder die Polen abschießen, natürlich rein sportlich betrachtet. Der Fußball hat geschafft, was die NPD und andere Nazis jahrzehntelang ersehnten: schwarzrotgoldene Glückseligkeit, Deutschland-Fahnen und nationalistische Accessoires allüberall und nicht mehr nur in Hinterzimmern miefiger altdeutscher Wirtshäuser. Die Veränderung der politischen Kultur hin zu einer noch schamloseren ist unübersehbar, die deutsche Geschichte wird historisiert oder auf andere Weise abgewehrt. »Ich bin nicht tief traumatisiert, denn ich denke nicht oft an die deutsche Schuld und an den Holocaust«, sagt einer der Großaffirmatoren, der damalige Spiegel-Kulturchef Matthias Matussek. Andere wiederum, so der Historiker und Publizist Götz Aly, welche in ihren Forschungen zum Nationalsozialismus den Antisemitismus immer klein redeten, setzen nun auf einmal, weil das auf dem Weg zum Bundesverdienstkreuz sich so gehört, 1968 mit 1933 gleich.

Diese Töne des nationalen Apriori gilt es zu kritisieren.

Anfang 2007 bezeichnete der Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Günther H. Oettinger, Filbinger als Widerständler im NS-Staat. So wird versucht, Geschichte umzuschreiben. Filbinger war nicht nur NSDAP-Mitglied, vielmehr auch im katholischen Bund Neudeutschland, welcher auf seine Weise vor und während des Nationalsozialismus nationalistische Agitation betrieb. Martin Heidegger steht in biographischer und inhaltlicher Nähe zu den »Neudeutschen«. Die Ideologie des Bundes Neudeutschland, welchem einige später einflussreiche Politiker, Philosophen oder auch Fernsehmacher wie der Mitbegründer und langjährige Intendant des ZDF, Karl Holzamer, angehörten, ist ein Zeugnis deutschen Antiuniversalismus‘ und Antihumanismus‘, Teil der Gegenaufklärung und ein Element des nationalen ›Aufbruchs‹ von 1933 (Kapitel 3).

Umschreibung von Geschichte kann man auch in der Wissenschaft beobachten. So wird von Historikern der Naturschutz im Nationalsozialismus rehabilitiert und offenkundige völkische Propagandisten werden zu inkonsistenten, recht harmlosen Einzelnen herunter dekliniert oder zu beliebigen »Managertypen« reduziert. Antisemitismus und deutsch-nationale Ideologie gerade im Naturschutz werden somit ausgeblendet, weggeredet oder diminuiert. Dabei waren die Deutschen schon immer naturversessen. Sie liebten den Wald so sehr, dass 1938 85% der Forstbeamten Mitglied der NSDAP waren. Die Gleichzeitigkeit von biologisch-dynamischer Anbaumethode und dem Betreiben von Konzentrationslagern schockiert heute nicht mehr. Weleda und Demeter sind angesehene Marken guter deutscher Qualitätsarbeit, ökokapitalistisch mit bestem Gewissen produziert. »Reformhäuser« sind hoch im Kurs. Die Abwehr des ›Künstlich-Westlichen‹, von Marcuse schon 1942 diagnostiziert, ist als völkisches Apriori erkennbar, ein kritischer Blick in die Quellen des Naturschutzes im NS-Staat und die gegenwärtige Forschung wird das zu erhellen versuchen (Kapitel 4).

Während sich die Rechte mehr oder weniger apologetisch zur deutschen Geschichte verhält, ist die Distanz der Linken auf dünnstem Eis gebaut. All die jahrzehntelangen Diskussionen über den kapitalistischen Charakter des Nationalsozialismus haben vermieden, den Zivilisationsbruch Auschwitz auch nur zu benennen. »Das Kapital« habe Hitler doch in den Sattel gehievt und hiernach mächtig profitiert im NS-Staat. Wer würde leugnen, dass es diese starken Verbindungen des Kapitals zu den Nazis gab? Dass jedoch die Deutschen verantwortlich sind und waren für den Nationalsozialismus und den Holocaust, davon wollte und will kaum jemand etwas hören. Für die Intentionalisten waren es Hitler und ein paar Gehilfen, für die Strukturalisten wurde der Holocaust irgendwie »implementiert« und heute wird gern von der ›Europäisierung des Holocaust‹ geredet, um die deutsche Schuld aufzuteilen. Linke wiederum sahen und sehen häufig lediglich ein besonders heftiges Besonderes im NS-Staat walten, welches jedoch dem Allgemeinen von ›Staat und Kapital‹ an sich inhärent sei. Kapitalismus sei eben ein mörderisches Gesellschaftssystem, warum denn erschrecken vor Majdanek?, wird suggeriert. Dem Ruf nach Komparatistik ist die Weigerung, sich der Spezifik zu stellen, inhärent.

Die wohl intensivste Debatte in der Bundesrepublik über den Nationalsozialismus, die Goldhagen-Debatte im Jahr 1996 und danach, änderte daran nichts Substantielles. Ein Vergleich der Elemente des Antisemitismus von Horkheimer/Adorno aus deren Dialektik der Aufklärung von 1944/47 mit Goldhagens Hitlers willing executioners mag erhellen, welche Spezifik den deutschen eliminatorischen Antisemitismus kennzeichnet und in welcher Beziehung er zu allgemeinen Charakteristika abendländischer Vergesellschaftung steht (Kapitel 2).

Die Analyse und Kritik der innigen Beziehung von Deutschland und Antisemitismus 1945 enden zu lassen, wäre so wohlfeil wie erwünscht. Zwar wird schon für die Zeit von vor ’45 das spezifisch Deutsche meist negiert, obwohl doch schon 1941 gerade der Protagonist der Konservativen in den USA, Peter Viereck, in seiner Dissertation einige aufschlussreiche Hinweise in diese Richtung gab, was eine eigene Studie wert wäre.[8] Doch selbst jene, die sich vorgeblich kritisch mit der NS-Zeit befassen, haben im Antizionismus ein Vehikel gefunden, Antisemitismus auch nach 1945 zu praktizieren, nun jedoch mit ›demokratischem Gewissen‹, wie bereits 1971 Vladimir Jankélévitch in seiner Analyse über die Erinnerung an die Shoah, den Antizionismus und das »Verzeihen« festhielt.[9]

Eng damit verknüpft ist die Analyse dreier wichtiger antijüdischer Bilder: Ahasver, Mammon und Moloch. Ahasver heißt in Deutschland der »ewige Jude« und nicht wie andernorts »Wandering Jew«, was das Stereotyp nicht weniger problematisch macht. Auch beim antimammonistischen Ressentiment sowie beim Stereotyp des kindsmordenden Juden ist eine weltweite Verbreitung zu konstatieren. Die Analyse der Herkunft dieser drei Bilder befragt sie dabei auf ihre durchaus auch spezifisch deutschen Hintergründe (Kapitel 1). Wiederum gilt, nicht bei 1945 stehen zu bleiben, vielmehr konsequent und stringent den Faden bis heute zu spannen und der Antisemitismusforschung historisches Futter für Untersuchungen gegenwärtiger Phänomene zu bieten. Zumal der sekundäre Antisemitismus ist ein Bestandteil der politischen Kultur der Bundesrepublik. Die Abwehr der Erinnerung an die Shoah verläuft auf unterschiedlichen Wegen. Ein analytischer Zugang dazu bietet die Kritik der Triade aus Relativierung, Universalisierung und Trivialisierung (Kapitel 5 – 8).

Vorstudien sind diese Versuche hier bezeichnet. Sie verstehen sich als Vorarbeiten zu einer umfassenderen Hinterfragung der deutschen Spezifik des Antisemitismus. Damit ist der inter- oder transnationale Charakter des Antisemitismus in der globalisierten Welt keineswegs vom Tisch. Die Erinnerung an die Shoah bedarf in Zukunft eines genauen Argumentationsverfahrens, damit sie nicht in Beliebigkeit verfällt. Ja, gibt es überhaupt schon eine spezifische Erinnerung an den Holocaust? Wird nicht in Deutschland den »Opfern von Gewaltherrschaft« gern gedacht, weil es so viele, unterschiedliche sind? Wird nicht allüberall die Analyse der Deutschen abgewehrt und nur noch – von der Tagesschau über die Wissenschaft hin zum Feuilleton – von den bösen Nazis dahergeredet? Nur am Rande: waren eigentlich Nazis – selbst wenn man mal nur die NSDAP-Mitglieder einrechnet – keine Deutschen?

»Antisemitismus und Deutschland« haben eine lange, innige Beziehung, und es gilt in Zukunft auf allen Ebenen ihre Entstehung, Entwicklung und Geschichte überzeugend zu erforschen. Die Erforschung der spezifischen Beziehung von Antisemitismus und Deutschland, welche selbstredend über die Darstellung des Antisemitismus in Deutschland hinausgeht, ist eine große Lücke. Diese ein wenig zu schließen, will dieser Band einige Anregungen liefern.


[1] Das auf zehn Jahre angelegte Langzeitprojekt »Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« eines Forscherteams um Wilhelm Heitmeyer, Leiter des Instituts für interdisziplinäre Gewalt- und Konfliktforschung an der Universität Bielefeld, hat ein mittlerweile zehn »Elemente« umfassendes Schema für »gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit« erarbeitet, welches an grotesker Analogisierung namentlich des Antisemitismus mit z. B. Langzeitarbeitslosen, schwerlich zu überbieten ist. Auch der von der islamischen Republik Iran alsbald nach der »islamischen Revolution« 1979 erfundene Kampfbegriff »Islamophobie« taucht selbstverständlich auf. Die zehn Elemente sind »Rassismus«, »Fremdenfeindlichkeit«, »Antisemitismus«, »Homophobie«, »Abwertung von Obdachlosen«, »Abwertung von Behinderten«, »Islamophobie«, »Etabliertenvorrechte«, »Sexismus« und »Langzeitarbeitslose«, Wilhelm Heitmeyer/Jürgen Mansel (2008): Gesellschaftliche Entwicklung und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Unübersichtliche Perspektiven, in: Wilhelm Heitmeyer (Hg.) (2008a): Deutsche Zustände. Folge 6, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 13-35.

[2] Die Gleichsetzung von Misogynie und Antisemitismus wurde von der Feministin Alice Schwarzer in ihrer Dankesrede für den Ludwig-Börne-Preis am 4. Mai 2008 wie folgt formuliert: »Mich beschäftigt Börne nicht nur wegen der so evidenten Parallelität zwischen der Judenfrage und der Frauenfrage (…)« (http://www.ali
ceschwarzer.de/aktuelles.html (19.05.2008)); die Datumsangabe am Ende der Internetverweise bzw. der URL zeigt den Zeitpunkt der letzten Überprüfung der Seite an.

[3] Der islamistische Kampfbegriff »Islamophobie« wird im wissenschaftlichen Mainstream mittlerweile gern benutzt. So veranstaltet das einzige Institut zur Antisemitismusforschung in Deutschland, das Zentrum für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin unter der Leitung von Wolfgang Benz eine Tagung mit dem Titel »Feindbild Muslim – Feindbild Jude« und schreibt in der Ankündigung: »In den vergangenen Jahren konzentrierten sich Debatten über Antisemitismus oft auf Judenfeindschaft unter Muslimen. Anlässe waren antijüdische Propaganda in arabischen Massenmedien oder in Predigten sowie Feindbilder als Teil individueller Einstellungen unter Migranten. Gleichzeitig wurden Muslime selbst in Debatten um Moscheebauten, Zwangsehen oder das Kopftuch Ziel pauschaler Anfeindungen. Verschwörungsphantasien über eine „Islamisierung Europas“ wurden dabei ebenso laut wie der Vorwurf, der Islam gebiete seinen Anhängern die Täuschung der Nichtmuslime. Die Denkmuster sind aus der Geschichte des Antisemitismus bekannt und werfen die Frage auf, welche Gemeinsamkeiten Judenfeinde und Islamfeinde teilen« http://zfa.kgw.tu-berlin.de/feindbild_muslim_feindbild_islam.pdf (22.11.2008). Das ist das Ende seriöser Antisemitismusforschung. Es ist der ganz offene, schamlose Versuch, Antisemitismus als bloßen Rassismus herunter zu deklinieren und die derzeit größte Gefahr für Juden –, den politischen Islam oder Jihadismus oder Islamismus – zu diminuieren. Ja, mehr noch: wer ganz explizit »Denkmuster aus der Geschichte des Antisemitismus« mit herbei fantasierten ›Denkmustern‹ über Muslime analogisiert, leistet einer Verharmlosung des Holocaust Vorschub. Denn Antisemitismus war nicht ›nur‹ ein »Denkmuster«. Antisemitismus führte zur Shoah. Man kann diesen Ankündigungstext weitergehend sogar so lesen, dass insinuiert wird, die Muslime stünden kurz vor einem Holocaust, wie seinerzeit die Juden. Das nennt sich dann eine »wissenschaftliche Konferenz über das Verhältnis von Antisemitismus und Islamfeindlichkeit« (ebd.).

[4] Detlev Claussen (1988): Vergangenheit mit Zukunft. Über die Entstehung einer neuen deutschen Ideologie, in: Wieland Eschenhagen (Hg.) (1988): Die neue deutsche Ideologie. Einsprüche gegen die Entsorgung der Vergangenheit, Darmstadt: Luchterhand, S. 7-30.

[5] Herbert Marcuse (1942)/1998: Feindanalysen. Über die Deutschen, Lüneburg: zu Klampen, S. 34.

[6] Clemens Heni (2007): Salonfähigkeit der Neuen Rechten. ›Nationale Identität‹, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970 – 2005: Henning Eichberg als Exempel, Marburg: Tectum.

[7] Vgl. Julius H. Schoeps (2005): Ein Ort schmerzlichen Gedenkens, in: Die Zeit, 04.05.2005.

[8] Peter Viereck (1941)/2005: Metapolitics. From Wagner and the German romantics to Hitler. Expanded edition. With a new introduction by the author, New Brunswick (U.S.A.)/London (U.K.): Transaction Publishers.

[9] Vladimir Jankélévitch (1971)/1986: Pardonner?, in: ders.: L’Imprescriptible, Paris: Seuil, p. 17-63.

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