Antisemitismus, Antizionismus, Bonatz, Reclam und Stuttgart

Antisemitismus, Antizionismus, Bonatz,


Reclam und Stuttgart

Während es in Stuttgart so große und viele Demonstrationen wie selten zuvor gibt, werden die wirklichen Probleme unserer Zeit selbstverständlich ignoriert. Ahmadinejad verbreitet den gefährlichsten Antisemitismus seit 1945, er möchte Israel zerstören und eine „World without Zionism“ blutig erkämpfen. Ein großer Stuttgarter Verlag publiziert ein Buch zu Antisemitismus von einem anti-israelischen Autoren, der Ahmadinejads wahnsinnigen, irrationalen Judenhass verharmlost bzw. gar negiert.[i]

Um was also sollte es heute in Stuttgart gehen?

Am 15. Januar 1941 schrieb der Architekt „Professor Paul Bonatz“ einen Brief an „den Herrn Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt“ und bat ihn nachdrücklich, einige Kollegen vom Dienst in der Wehrmacht zu befreien, für „die grossen Berliner Aufgaben“ des Architekten, unterzeichnet „Heil Hitler! Paul Bonatz“.

Das „Amt Wissenschaft“ hatte bereits am 7. März 1939 bestätigt, dass Bonatz geeignet sei im Rahmen des „Deutschen Volksbildungswerkes Vorträge über baukünstlerische Themen“ zu halten, zudem sei er „als Mitschöpfer des monumentalen neuen Bahnhofs in Stuttgart rühmlich bekannt“.

Schließlich schreibt die „Partei-Kanzlei“ aus München am 10.10.1941 einen Brief an die „Gauleitung Wuerttemberg-Hohenzollern der NSDAP Stuttgart“ sowie an den „Beauftragten des Fuehrers fuer die Ueberwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP z.Hd. Pg. Haertle Berlin“ und bittet um Auskunft, ob es Einspruch gebe gegen die Verleihung der „Goethe-Medaille fuer Kunst und Wissenschaft“ an den „ordentlichen Professor Architekten Dr. Paul Bonatz“. Begründung: „zu seinen bekanntesten Arbeiten zaehlen der Stuttgarter Hauptbahnhof und die Stadthalle in Hannover. Beim Bau der Reichsautobahnbruecken ist Bonatz weitgehendst herangezogen worden.“[ii]

Dem Antrag wird mit Brief vom 22.10.1941 vom „Hauptamt Wissenschaft“ an die „Partei-Kanzlei“ im „Führerbau“, „München 33“ zugestimmt.

Während also die Demonstranten von K21 kopflos in und vor den Hallen des von den Nazis hoch verehrten Paul Bonatz heulen, gäbe es Grund hier und heute in Stuttgart zu protestieren. Der Reclam-Verlag hat eine lange Verlagstradition, im Zweiten Weltkrieg hatten deutsche Mörder der Wehrmacht den ein oder anderen Reclam-Band im Marschgepäck. Kein einziger Schüler in der alten BRD, jedenfalls in Baden-Württemberg, ist ohne die gelben oder orangenen Reclam-Bücher ausgekommen.

Heute vertritt der Reclam-Verlag folgende Position:

„Insofern ist die Antwort auf den Antisemitismus letztlich nicht ein jüdischer Staat, sondern die Schaffung eines wahrhaft globalen Systems des liberalen Pluralismus.“

Das ist der letzte Satz des Heftes 18643 der „Universal-Bibliothek“ (UB) des Reclam Verlages, Autor ist Steven Beller. Es handelt sich um die Übersetzung des Büchleins „Antisemitism. A very short introduction“, erschienen 2007 in einer modischen Buchreihe von Oxford University Press aus England. Diese wird in vielen Buchläden auch in USA oft neben der Kasse angepriesen, da die Bücher handlich, bunt und günstig sind, thematisch pop-postmodern vielfältig und beliebig mit Titeln wie „Animal rights“ über „Feminism“ hin zu „Antisemitism“.

Beller erläutert in den Absätzen zuvor, warum er gegen Israel als jüdischen Staat ist:

„Antisemitismus in Gestalt einer politischen Bewegung, die darauf zielt, Juden zu verfolgen, zu diskriminieren, zu entfernen oder sogar zu vernichten, stellt in unserer globalisierten Welt keine bedeutende Bedrohung mehr dar.“

Angesichts iranischer Vernichtungsdrohungen oder dem Aufruf zum Judenmord von sunnitischen Agitatoren wie Scheich Yusuf al-Qaradawi im Januar 2009, angesichts von 10.000 Kassem-Raketen, welche aus dem Gaza-Streifen seit Jahren in Richtung Israel abgefeuert wurden, angesichts der Entführung von Gilad Shalit und der Ermordung von anderen israelischen Soldaten durch islamistische Terroristen der Hamas, der Hezbullah und anderer, und angesichts von hunderten ermordeter Israeli durch suicide bomber und andere Sprengsätze im Laufe der Zweiten Intifada seit September 2000 ist das eine völlig realitätsferne Behauptung.

Im nächsten Satz verharmlost Beller den Antisemitismus und spricht, ebenso modisch, von einer immer gleichen Vorurteilsstruktur, welche jede x-beliebige Gruppe treffen könne:

„Antisemitismus in Gestalt des Grolls über jüdischen Erfolg und jüdische Macht, ob eingebildet oder tatsächlich, sowie in Gestalt gesellschaftlicher und kultureller Abneigung oder Vorurteile, wird es so lange geben, wie es Juden gibt, wie im Falle jeder anderen identifizierbaren ethnischen oder religiösen Gruppe.“

Der Antizionismus jedoch ist hübsch verpackt, Beller plädiert für „die Schaffung eines wahrhaft globalen Systems des liberalen Pluralismus“. Hört sich herzlich und zärtlich an, die „Schaffung eines wahrhaft globalen Systems des liberalen Pluralismus“, oder nicht?

Wer angesichts von Israel sagt, dass ein „jüdischer Staat“ Israel „nicht“ „die Antwort auf den Antisemitismus“ sei, möchte diesen Staat allerdings nicht haben.

Das zeigt sich auch in einem Artikel von Beller für das Institute for Jewish Policy Research in London, in dem er sich gegen „Alarmismus“ in der heutigen Debatte um Antisemitismus wendet und zumal die jüdische Tradition des Zusammenlebens in Europa mit den Nicht-Juden preist und als Modell für alle Juden sieht (offenbar nach dem Motto: ‚hat ja bis 1945 auch prima geklappt mit der europäisch-jüdischen Symbiose, von ein paar negativen Erfahrungen mal abgesehen, nicht‘?), wenn denn Israel endlich als jüdischer Staat aufgelöst wäre:

„But for the present and in the future it is the diasporic Jewish tradition, whose experience has resulted in a full appreciation of the merits of liberal pluralism, that should be the basis of the Jewish role in this world. It is the path of inclusion and connection, the pluralist path that modern-day Europe is following, that is the best way forward, not a relapse into exclusive ethnocentricity and the nationalist temptation.“

Andernorts attackiert Beller die Forscher Andrei S. Markovits, Jeffrey Herf oder Robert Wistrich, die den heutigen, neuen Antisemitismus analysieren und kritisieren:

„Andy Markovits similarly loses perspective when discussing the anti-Semitism and anti-Americanism of his erstwhile friends in the European left. He states, for example, that the BBC, Guardian and Independent share a ‘hostility towards Israel, Jews, and the USA’ (222). Israel and the USA perhaps, but Jews? As an online reader of the Guardian and BBC, I do not think their criticism of the United States and of Israel is based on a distorting ‘hostility’ so much as an astute objectivity and a refreshing outsider’s perspective, although I can see why many Americans I know are, like Markovits, antagonized by it. But why would Markovits claim that the BBC, Guardian and Independent are hostile to ‘Jews’, that they are effectively antisemitic? That is a grievous misrepresentation of these institutions, ignoring their decades of combatting prejudice and championing the rights of individuals and minorities, Jews very much included.”[iii]

Mit dem Brustton der Überzeugung derealisiert Beller, dass Aufstachelung zum Antizionismus eine Form des Antisemitismus ist und dass das Abfeuern von Raketen auf Aschkelon oder Sderot ein antisemitischer/antijüdischer Angriff ist. Beller möchte Antizionismus reinigen und als harmlos darstellen. Er ignoriert die Geschichte des Antizionismus seit 1948 ganz bewusst, denn er wird natürlich ob der antizionistischen Ideologie der Sowjetunion, der arabischen Staaten und der Neuen Linken sowie der Neonazis und des Mainstream wissen. Doch Beller selbst plädiert ja gegen einen jüdischen Nationalstaat Israel, weshalb ihm Attacken gegen Israel von Jihadisten oder säkularen Linken gerade Auftrieb geben.

Bemerkenswert ist lediglich, dass seine Agitation in der Zeitschrift Patterns of Prejudice erschienen ist, Nr. 2, 2007. Beller sagt, dass der arabische Antisemitismus gar kein wirklicher sei, lediglich Resultat der Gründung Israels, habe also einen rationalen Grund.[iv]

Ahmadinejad ist der gefährlichste Antisemit derzeit auf der Welt. Er drohte am 26. Oktober 2005 Israel mit der Vernichtung, leugnet den Holocaust und droht mit einem zweiten. Er leugnet die islamistischen Hintergründe für die Massenmorde des 11. September (und redet von einem „Inside job“), obwohl doch al-Quaida stolz ist auf diese Morde. Der Wahnsinn des iranischen Führers ist offenkundig, wenn man bedenkt, dass er auch ernsthaft auf die Ankunft des zwölften Iman, des Mahdi, wartet.

Nun gibt es mit Beller und vielen anderen Autoren und Forscher Leute welche leugnen, dass Israel existentiell bedroht ist. Der Reclam-Verlag Stuttgart (Ditzingen) publiziert die anti-israelische wie auch die heutige Gefahr des Antisemitismus negierende Position von Steven Beller. Universitäten wie die Viadrina in Frankfurt an der Oder[v] preisen Bellers Buch für die Studierenden an, nicht zuletzt da es ja mit 5 Euro super billig ist.

Das Leo Baeck Institute New York machte eine Buchvorstellung mit Beller.

Es verwundert nicht mehr, dass sich Beller in dem Buch ganz grundsätzlich gegen weite Teile der internationalen Antisemitismsusforschung wendet (namentlich wieder gegen Wistrich, S. 13), da diese Antisemitismus als „irrational“ analysiere und so tue, als ob Juden keinen Anteil spielten beim Entstehen und Kreieren von Antisemitismus.

Beller hingegen favorisiert eine solche von der Forschung in der Tat großteils abgelehnte Korrespondenztheorie. Er schreibt:

„Man kann nicht behaupten, wie man es so häufig mit Blick auf den Rassenantisemitismus in Europa getan hat, der arabische ‚Antisemitismus‘ habe keine rationale Ursache“ (S. 163).

Oder natürlich, als Klassiker der Antizionistischen Internationale:

„Antizionismus ist nicht notwendigerweise mit Antisemitismus gleichzusetzen“ (S. 164).

Beller geht noch weiter: er sagt, dass Europa gelernt hätte, nach 1945, dass der Nationalstaat keine Lösung, sondern das Problem und verantwortlich für die „Ursachen des Antisemitismus“ sei. Lediglich die Juden hätten diese Lektion nicht gelernt und schickten sich an, einen eigenen, bösen, ausgrenzenden Nationalstaat, den jüdischen Staat Israel zu gründen. (vgl. S. 166-170)

Das Problem, mit welchem sich die Verlags- und Autostadt Stuttgart konfrontiert sieht, ist nicht das Ende eines überkommenen Kopfbahnhofes in einer prä-nationalsozialistischen Halle, nein: Antizionismus und Antisemitismus, die Delegitimierung des jüdischen Staates und eine Verharmlosung des heutigen Antisemitismus sind das Problem, beispielhaft gezeigt an der Publikationspraxis eines Stuttgarter Verlages.

Nicht nur in Berlin werden Juden auch heute, im 21. Jahrhundert verfolgt, geschlagen und bedroht, weil sie Juden sind.[vi] Das derealisiert Beller.


[i] Steven Beller ist der Autor, siehe unten. Hier seine an Absurdität nicht zu überbietende Einschätzung zu Ahmadinejad: „OUP: President Mahmoud Ahmadinejad of Iran famously made a statement about wiping Israel off the map. With such outward proclamations of antisemitism, should the international community be worried about anti-Jew violence on the scale of the Holocaust?

BELLER: We should always be vigilant about genocidal threats to any people or nation, especially Jews, given the Holocaust. And I cannot see into the Iranian president’s head to know whether he really meant what he has said, on various occasions. Frankly, however, I am deeply sceptical whether he has any real intention to murder six million Israelis, and I also do not think he will ever have the power to do so. I would put such statements on a par with Khruschchev’s assertion “We will bury you”. That statement sounded deeply threatening but was apparently simply claiming that Soviet communism would outlast Western capitalism—whatever its supposedly threatening nature, we now see that it proved false. That was because the West not only proved to have the willpower to stand up to the Soviet Union, but also the confidence and wisdom not to over-react to such threats, but rather to practice a policy of containment and later détente. Similarly as regards the remaining threat of anti-Jewish violence in the world, especially in the Middle East, it is most important that cool heads prevail on both sides, not only on the “anti-Zionist” side but also in Israel and among Israel’s supporters. I realise that in the last few years, given developments in Israel and increased Muslim migration to Europe, “antisemitic” incidents have been on the rise in many European states and the tenor of the European media has often pushed up against the line where reasonable, even justifiable criticism of Israeli government policy and actions shades off into anti-Zionism, and worse still, into antisemitism. Yet the extent to which criticism and hostility toward Israel has transformed into a “new antisemitism” where Israel as “the big Jew” has replaced “the Jew” as the target of antisemitic ire, is, I think, highly exaggerated.“ http://blog.oup.com/2008/09/vsi_beller/ 28.09.2010. OUP heißt Oxford University Press und stellt die Fragen des Verlages in diesem Gespräch mit Beller.

[ii] Im Original der Brief in Kleinschreibung.

[iii] Steven Beller (2007a): In Zion’s hall of mirrors: a comment on Neuer Antisemitismus?, in: Patterns of Prejudice, Vol. 41, No. 2, 2007.

[iv] Vgl. folgende Passage aus Beller 2007a: „Matthias Ku¨ ntzel and Wistrich both show how the Nazi propaganda machine influenced the Arab leadership in the 1930s, especially the Grand Mufti of Jerusalem. Yet the mere presence of an ideology explains little. Nazi-inspired antisemitism would have got nowhere had there not been a use for it in opposing and explaining the Jewish colony in Palestine; the intensity of Arab anti-Zionism and antisemitism would never have reached current levels without the founding of Israel and its occupation of Gaza and the West Bank. The question is whether Muslim antisemitism has now taken on a life of its own or whether it is, as Gerd Koenen suggests (187), more likely a means, in all its conspiratorial trappings, by which Arabs have attempted to rationalize their defeats and humiliation at the hands of Israel. I believe that Koenen has it about right when he suggests that, as a rationalization and not a delusion, Arab antisemitism is still provisional, still capable of being discarded, should circumstances change. If so, then delineating a delusional and vile ideological perversion, replete with a television serialization of the Protocols of the Elders of Zion, should not be our main task. Rather, we should be trying to understand what has given rise to this desperate intellectual tactic.“?

[v] So die Ankündigung für das Sommersemester 2010 an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) an der Kulturwissenschaftlichen Fakultät: „Christian Hörnlein ‚Antisemitismus in Deutschland und Italien zwischen Nationsbildung und Faschismus‘ Seminar: BA, Vertiefung Kulturwissenschaften, Vertiefung Kulturgeschichte, 8 ECTS Mittwoch: 11:15 Uhr – 12:45 Uhr, Beginn 14.04.2010 GD 04“. Literatur: Zur Anschaffung, vor allem aber zur Lektüre empfohlen: Steven Beller, Antisemitismus, Stuttgart 2009 (Reclamband für 5 €)“ http://www.kuwi.euv-frankfurt-o.de/de/lehrstuhl/kg/kulturneu/Sommersemester_2010/index.html (28.09.2010).

[vi] „Ein jüdischer Junge an einer Schule in Berlin. Die Mitschüler sprechen nicht mit ihm, rufen ihm Schimpfworte hinterher, nennen ihn »Scheißjude«. Lauern ihm an der Straßenecke auf, um ihn zu verprügeln. Wann spielt die Geschichte? Das kann nur in der Hitler-Zeit sein, in den dreißiger, vierziger Jahren. Und die anderen Kinder sind Deutsche, die Kinder von Nazis. Aber Arye Shalicars Geschichte spielt in der Gegenwart. Im Berlin unserer Tage. Und die Kinder, die den jüdischen Jungen verhöhnen und verprügeln, sind »Deutsche mit Migrationshintergrund«, junge Türken, Libanesen, Araber. Als Arye Shalicar dieses Buch in Israel schrieb, konnte er nichts von den Thesen Sarrazins und der ganz Deutschland elektrisierenden Debatte über »Integration« wissen. Er wollte sich die bedrückenden Erinnerungen von der Seele schrei­ben: an seine Kindheit und Jugend in Berlin. Arye, geboren 1977 in Göttingen, ist der Sohn nach Deutschland eingewanderter Perser. Von den anderen Einwanderern aus islamischen Ländern unterscheidet sie nur dies: Sie sind Juden“ (Chaim Noll (2010): Ein Berlin des Hasses. Arye Shalicar schildert in seiner Autobiografie, warum er von Deutschland nach Israel geflüchtet ist, in: Jungle World Nr. 38, 23. September 2010).

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