Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Schlagwort: Peter Sloterdijk

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Clemens Heni – Eine Alternative zu Deutschland. Essays

Clemens Heni

Eine Alternative zu Deutschland. Essays

 

Berlin: Edition Critic, 2017

The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA), Studien zum Rechtsextremismus und zur Neuen Rechten, Band 2

ISBN 978-3-946193-17-3 | Softcover | 14,8x21cm | 262 Seiten | Personenregister | 15€

Bestellbar in jeder Buchhandlung oder versandkostenfrei direkt beim Verlag:

info[at]editioncritic.de

 

Dieses Buch ist eine intellektuelle Zeitreise von Juli 2006 bis September 2017.

Es zeigt auf, wie es vom »Sommermärchen« 2006 über die Rede vom »Inneren

Reichsparteitag«, Pegida, den Austritt Großbritanniens aus der EU (Brexit), die

Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten bis hin zum Aufstieg der AfD kommen

konnte. Betont wird die Verantwortung der Medien und des Fernsehens für

diesen Aufstieg. Die demokratischen Parteien im Deutschen Bundestag müssen

sich das erste Mal in der Geschichte mit neonazistischen Positionen im Parlament

befassen – doch sind sie darauf vorbereitet?

 

»Wer nach einer Vergewisserung sucht, wo Deutschland heute steht, wird sie in diesem Buch finden. Mit scharfem Verstand und mit angespitzter Feder zeichnet Clemens Heni funkelnde Momentaufnahmen der letzten elf Jahre. Heraus kommt, wie bestürzend sich die zivile Achse des zuvor offenen Selbstverständnisses nach rechts verschoben hat. Wer die Hoffnung auf eine bessere Zukunft teilt, muss die Gegenwart schonungslos kritisch beleuchten. Daraus mag ›eine Alternative zu Deutschland‹ entstehen.«

Gert Weisskirchen, 1976–2009 Mitglied des Deutschen Bundestages (MdB), 1999–2009 außenpolitischer Sprecher SPD Bundestagsfraktion, 2006–2008 persönlicher Beauftragter des OSZE Vorsitzenden im Kampf gegen  Antisemitismus, Prof. (em.).

»Clemens Heni erkennt in der aktuellen politischen Kultur dieses Landes noch immer die Spuren des Judenhasses und des von Deutschen begangenen und zu verantwortenden Mordes an den europäischen Juden. Ohne mit Heni in allen Fällen übereinzustimmen, führen seine Beiträge doch ins Herz der aktuellen Debatte über Deutschland und regen zu fruchtbarem Widerspruch an.«

Prof. Dr. Micha Brumlik, 2000–2013 Professor für »Theorien der Bildung und Erziehung « am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Goethe Universität Frankfurt am Main, 2000–2005 Direktor des Fritz Bauer Instituts, Forschungs- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust an der Goethe Universität.

»Wo nationalistische Töne sich erheben, ein Schlussstrich unter die deutschen Verbrechen des vergangenen Jahrhunderts gefordert und Judenhass zu einer scheinheiligen Kritik an Israel sublimiert wird, holt Clemens Heni zum grossen Rundumschlag aus: gegen Zyniker, Großaffirmatoren, Antihumanisten und Holocaustverharmloser im Deutschland der Gegenwart. Selbst wenn man ihm nicht immer folgen mag, schreibt er doch mit viel Scharfsinn und Sachkenntnis. Fazit: Unbedingt lesenswert und gerade vor dem Hintergrund der Bundestagswahl von brennender Aktualität.«

Dr. phil. Michael Kreutz, Politologe und Orientalist

»Clemens Heni ist ein Ein-Mann-Korrektiv zum andauernden deutschen Geschichts-Roll-Back, wach, intelligent, unerlässlich in Zeiten der schwächelnden Demokratie.«

Georg Diez, Spiegel-Online-Kolumnist, Buchautor, 2016/17 Nieman Fellow der Harvard Universität, USA

Clemens Heni Eine Alternative zu Deutschland 2017 Inhalt Einleitung (PDF):

Einleitung  7

Das nationale Apriori: Wie aus der BRD endgültig Deutschland wurde  12

Ein deutsches Graduiertenförderungswerk, 2002:  ein Küchlein mit Folgen  13

Ein weiteres deutsches Graduiertenförderungswerk, Juni 2006:
Ich bin deutsch und was bist du?  14

Walk of Ideas, Berlin 2006  15

„Die Nazis wurden doch sportlich, 1936“ – Neu-deutsche Wissenschaft als Rehabilitierungsübung für den Nationalsozialismus  16

Weitere Beispiele ‚linker‘ Wissenschaftler und deren  Verharmlosung der deutschen Verbrechen  21

Das Opfer bringen und singen: „Blüh im Glanze“  „deutsches Vaterland“ –
von Diem zu Klinsmann  22

Keine „Reue“ zeigen: Gegen „amerikanischen Messianismus“ –  Matusseks nassforsche Invektiven oder wie funktioniert  sekundärer Antisemitismus?  25

Joachim Fests Kampf: Über Historismus und Antisemitismus  26

Ästhetizistische Parallelwelten: K.H. Bohrer möchte wieder ein stolzes Deutschland …   29

Deutsche Lust: Zusammen, was zusammengehört: Nation und Sozialismus – „Volkslust“… 32

Kritik an Broders Rechtsruck 2007  35

Martin Mosebach: Gegenaufklärung als sekundärer Antisemitismus  39

„Rheinischer” Revisionismus? Journalisten verlegen Beginn des Zweiten Weltkriegs auf 1935  41

Ausstellung „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“  45

Karl Rössel, der Mufti, und die Aporien des Antiimperialismus  45

Merkwürdiger Komparatismus: Harald Welzer  50

Antisemitismus trivialisieren? Fragen an den Facebookexperten Götz Aly  52

Das ZDF oder wenn Deutsche zu sehr lieben: „Innerer Reichsparteitag“  56

Das grüne Ressentiment: Die Grünen, Paul Bonatz, die „Adolf-Hitler-Kampfbahn“, Stuttgart 21    59

Stuttgart ist keine „Vorstadt von Jerusalem“… Paul Bonatz, der NS und Die Grünen (K21)  61

Erinnern, um zu vergessen: Alfred Grosser  66

„Ausgerechnet Billy Wilder“ – Christian Wulff, die „deutsche Kultur“ und der Holocaust 68

Flanierend die Verbrechen des Nationalsozialismus goutieren  69

Antisemitismus und die Prager Deklaration  75

Banalisierung des Bösen: Hannah-Arendt-Preis für die Trivialisierung des Holocaust 2013  78

Die „Bloodlandisierung“ der Linken am Beispiel Helmut Dahmer  83

Özgida – eine antirassistische Antwort auf Pegida  86

32 Thesen: Pegida zeigt den Extremismus der deutschen Mitte  90

2014: Ein Land gefangen zwischen Islamismus und dem Extremismus der Mitte  95

Exkurs: War Deutschland Teil des Abendlandes?  96

Auschwitz, 27. Januar 1945  98

Eike Geisel und die Erinnerung an den Holocaust 103

Die „Klimaverschärfung“ – AfD und Pegida machen das Land peu à peu unbewohnbar  108

Das Ende des Ludwig-Börne-Preises – Der „post-humanistische Denkraum“ Peter Sloterdijks  116

AfD für „Alphabetisierte“: Peter Sloterdijk am Sinai auf einem „deutschen Weg“  127

Die ganz normalen Deutschen des 13. März 2016  133

Gegen das Brexit-Volk des 23. Juni 138

Deutsche Männer mit Schnappatmung – Zur Kampagne gegen die
Amadeu Antonio Stiftung  142

Von der SED zur AfD? Für die Neue Rechte war die DDR schon
1981 besonders „deutsch“  145

16 Jahre NSU, 15 Jahre 9/11: Deutschland zwischen braunem und grünem Faschismus  150

Schaut auf diese Stadt: Nazis, die AfD und der Mob in Berlin vor dem Einzug ins Parlament 152

Auschwitz und andere Gemeinheiten. Carolin Emcke bekommt den Friedenspreis  159

Ein Präsident für die antiwestliche Internationale  167

Die neue Querfront – Mit Hegels „List der Vernunft“ für Trump … 175

Stalingrad, „monströser Zivilisationsbruch“ –

Die Wiedergutwerdung der Deutschen in Aleppo  184

Der Trumpismus, die Fratze des Philoisraelismus und die Chance
des säkularen Zionismus  188

Amerikas 1933 und die „identitäre Demokratie“ (=Faschismus)  192

Locker bleiben. Es ist lediglich der mächtigste Mann der Welt, der
den Faschismus intoniert 194

Erlösendes Gedenken, Norbert Lammert, die „wechselvolle“ deutsche Geschichte  200

Freiheit für Deniz Yücel – Jetzt sofort! Power durch die Mauer, bis sie bricht! 204

G20-Proteste: „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ (Brecht)  206

Koscherstempel für faschistische Autoren: Die Berliner Buchhandlung „Topics“  209

Holocaustopfer, schwarzrotgold: Gerhard Richter im Bundestag  214

„Ist doch für einen guten Zweck“: Mafia-Methoden im politischen Diskurs  214

TV-Duell: AfD-Propaganda-Show führender TV-Journalist*innen in
ARD, ZDF, RTL und Sat1  217

Endnoten  223

Personenregister  256

Lesprobe:

Einleitung

Für „Otto Normalvergaser“ wie die Politiker*innen und Wähler*innen der Alternative für Deutschland (AfD) „ist die Welt von gestern noch in Ordnung gewesen“.[1] Das zeigt sich an der Parteivorsitzenden Frauke Petry, die das Wort „völkisch“ wieder verwendet, an dem ehemaligen (1973–2013) CDU-Mitglied und AfD-Spitzenkandidaten zur Bundestagswahl 2017, Alexander Gauland, der „stolz“ ist auf die deutschen Soldaten im „Ersten und Zweiten Weltkrieg“ und an Björn Höcke, für den das Holocaustmahnmal ein „Mahnmal der Schande ist“. Die Welt am Sonntag berichtete am 9. September 2017 über einen E-Mail-Wechsel der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel von 2013, worin es über Mitglieder der Regierung Angela Merkel heißt:

„Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK und haben die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen.“[2]

Das Ergebnis der Bundestagswahl vom 24. September 2017 führt das erste Mal dazu, dass Neonazis im Deutschen Bundestag sitzen werden. Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sprach im Vorfeld von der Gefahr, dass „echte Nazis“ im Parlament vertreten sein werden.[3] Der 24. September 2017 war der schlimmste Tag für die parlamentarische Demokratie der Bundesrepublik. Die 12,6% Stimmen für die AfD zeigen die Fratze des Volkes. Die Millionen AfD-Wähler*innen wissen, wie völkisch, rassistisch, nationalistisch, agitatorisch und antisemitisch diese Partei ist und haben sie gerade deshalb gewählt.

Dieses Land braucht eine Alternative zu Deutschland. Es war noch vor fünf Jahren undenkbar, dass eine Partei in den Bundestag einziehen wird, die „Deutschland erwache“ twittert,[4] so wie damals die Nazis mit diesem Spruch agitierten. Eine Partei, die Politiker hat, die so reden wie Goebbels und die Erinnerung an den Holocaust nicht nur abwehren, sondern im Kokettieren mit dem damaligen Propagandaminister die Shoah gar nicht so klammheimlich affir­mieren. Eine Partei, die deutschen Staatsbürgerinnen die Staatsbürgerschaft abspricht und diese in „Anatolien entsorgen“ will. Schließlich eine Partei, die Mitglieder hat, welche die gefährlichste aller antisemitischen Verschwörungsmythen, die Protokolle der Weisen von Zion, unterstützen.[5] Der Mob schreit „Volksverräter“, „Lügenpresse“ oder „Merkel muss weg“, wie es auf Wahlkampfveranstaltungen der AfD passierte, und möchte die Kanzlerin wegputschen und die Demokratie zerstören. Solche Neo-Nazisprüche und -Ideologie gibt es schon seit Jahrzehnten – aber niemals im Deutschen Bundestag als Teil der Ideologie einer ganzen Partei. Dazu kommen eine ungeheuerliche Agitation gegen die Demokratie und Gewaltfantasien, die rechte Aktivisten von Pegida und Politiker*innen der AfD und deren Anhängerschaft in den sozialen Medien äußern.[6] Wie Bundesjustizminister Heiko Maas knapp zwei Wochen vor der Bundestagswahl schreibt, ist die AfD „in Teilen verfassungswidrig.“[7] Doch die Alternative für Deutschland (AfD) entstand nicht in einem Vakuum, sondern ist Ausdruck eines lang andauernden Prozesses der Renationalisierung dieses Landes wie auch Europas und des Westens. Rassismus, Separatismus und die Hinwendung zum „Eigenen“ sind schockierender Aus­druck sowohl des Brexit im Juni 2016, dem Ausstieg Großbritanniens aus der EU, wie der Wahl von Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten im November 2016.

Die deutsche Renationalisierung kann hier nicht in allen Einzelheiten untersucht werden. Die jüngste Form der Renationalisierung war ein Epochenbruch: 2006. Eine Kernthese dieses Bandes lautet: Ohne das „Sommermärchen“ von 2006 und den schwarzrotgoldenen Taumel, ohne die „inneren Reichsparteitage“ und gegenintellektuelle Stimmungsmache für mehr Nation und weniger Reflektion, mehr Stolz auf die deutsche Geschichte und weniger Gesellschaftskritik, wäre es nicht zu Pegida und zur Katastrophe der völkischen AfD gekommen. Die AfD hat am Wahlabend die deutsche Nationalhymne gesungen,[8] es ist die gleiche Hymne, die schon zu Nazizeiten gesungen wurde.

Es sind krasse Zeiten. Wir können mittlerweile wählen, ob wir den braunen, nazistischen, oder lieber den grünen, islamistischen Faschismus bevorzugen. Zwischen diesen beiden Polen ist der Westen derzeit gefangen. Der jihadistische Terrorismus, der Islamismus, das Ressentiment auf die westliche Welt, der Antiamerikanismus, der Antisemitismus und der Israelhass des 11. September 2001 veränderten die Welt. Seit jenem Tag wachen wir jeden Morgen auf, und wissen nicht, ob wieder ein jihadistischer Anschlag passierte, ob auf Bali, im Irak, in Syrien, Afghanistan, den USA, Frankreich, Dänemark, Berlin, Tel Aviv, Jerusalem, Brüssel, Toulouse, London, Manchester, Madrid, Djerba, Barcelona, Nizza und unzähligen weiteren Orten. Seit über 16 Jahren geht das so und es ist kein Ende in Sicht. Weltweite massive Sicherheitsvorschriften an Flughäfen, das unwillkürliche Aufmerksamwerden auf isoliert herumstehende Koffer, Taschen oder Rucksäcke an Bahnhöfen, Flughäfen und sonst im öffentlichen Raum waren vor 9/11 nicht denkbar. Unser Blick auf die Realität hat sich verändert. Dazu kommt in der Bundesrepublik ein noch viel heftigerer, massenwirksamerer und seit dem 24. September 2017 auch bundespolitisch mit enormen Konsequenzen und einem Machtzuwachs nie geahnten Ausmaßes ausgestatteter nationalistischer, rechtsextremer und neonazistischer Aufbruch.

Das Volk ist nicht „abgehängt“ oder „perspektivlos“, nein, das Volk ist durchaus böse, rassistisch, antisemitisch, dumpf, brutal und abstoßend. Das zeigt sich nicht nur an Tomaten- wie Verbalattacken auf Angela Merkel bei Wahlkampfauftritten während des Bundestagswahlkampfes 2017 oder bei den Pegida Demonstrationen seit Oktober 2014, sondern zum Beispiel auch im Sommer 2017, als in einem ganz normalen westdeutschen Dorf bekannt wurde, dass dort seit 83 Jahren eine „Hitlerglocke“ im Kirchturm hängt und der Pfarrer (aus musikalischen Gründen, klar) wie der Bürgermeister total „stolz“ sind auf ihre Glocke mit der Inschrift „Alles fuer’s Vaterland. Adolf Hitler“ und darunter befindet sich ein dickes Hakenkreuz. Das hat seit 1945 keinen Menschen in diesem ganz normalen deutschen Dorf in Rheinland-Pfalz (Herxheim am Berg) gestört.

Diese beiden Großthemen, Jihad und der stolzdeutsche Aufbruch, das „nationale Apriori“ der Deutschen, bestimmen in weiten Teilen die politische Kultur, möchte man meinen. Wer aber am 3. September 2017 das einzige TV-Duell der beiden Kanzlerkandidat*innen zur Bundestagswahl am 24. September auf den vier größten Fernsehkanälen ARD, ZDF, RTL und Sat1 gesehen hat, traute seinen Augen und Ohren nicht mehr. Da wurde weit über die Hälfte der Sendezeit nur gegen Nicht-Deutsche gleichsam agitiert, die Fragen hörten sich an, als wären alle vier Fragenden direkt von der AfD bestellt gewesen. Die Gefahr des Rechtsextremismus wurde verleugnet. Die Medien haben eine Hauptverantwortung für den Aufstieg der AfD. Der Journalist Georg Diez resümiert am Vormittag des 24. September 2017:

Die Erfolge der AfD haben auch die Plasbergs dieser Welt mitzuverantworten. Denn die öffentlich-rechtlichen Talker haben den reaktionären Kräften schon früh und dann immer wieder eine Bühne geboten.“[9]

Die AfD hat es in zwei Jahren, seit Beginn der „Flüchtlingskrise“ Anfang September 2015, geschafft, dieses Thema als das zentrale Thema des ganzen Landes durchzusetzen, auch wenn im Spätsommer 2017 kaum noch Flüchtlinge nach Deutschland und Europa durchkommen, da die Abschottung jetzt schon in Afrika beginnt. Die Renationalisierung, die in dieser Aggressivität nie dagewesene nationalistische Rede, wurde von der AfD in den Mainstream gebracht und die Medien nahmen das geradezu dankbar und begierig auf. Aufgrund dieses In-die-Zange-Nehmen der westlichen Welt durch den braunen und grünen Faschismus verschwinden andere Themen oft. Der Klimawandel, der von US-Präsident Donald Trump und seinen deutschen Fans geleugnet wird, aber auch viel weiter gefasste Themen wie Entschleunigung, Ökologie und das Mensch-Natur-Verhältnis, vom Atomausstieg über Braunkohleabbau, Windkraft oder Solarenergie hin zum Dieselskandal, der nur die Wahrheit auf den stinkenden Punkt bringt, dass der Kapitalismus nicht zum Vergnügen da ist, sondern zur Profiterzielung. Themen wie das Grundeinkommen, ungebremste Mietsteigerungen in Großstädten und Ballungsräumen, prekäre Arbeitsverhältnisse für die gut und sehr gut Ausgebildeten, Minijobs und Mehrfachjobs für alle und sicherlich die neoliberale Deregulierung vieler Ge­sell­schaftsstrukturen wie die Internalisierung der Imperative des Kapi­ta­lis­mus: Das wären alles sehr wichtige Themen, die aber seit 9/11 und dann seit 2006 sowie später weltpolitisch durch die Wahl Trumps wie den Aufstieg der AfD massiv überlagert werden durch diese beiden Großthemen brauner versus grüner Faschismus.

Dazu kommt: Die Entpolitisierung ist prägend für weite Teile dessen, was früher einmal als „bürgerliche Mitte“ wie auch „die Linke“ (jenseits der Partei) bezeichnet wurde. Unabhängig von bezahlten Jobs in NGOs gibt es nur noch sehr wenige politisch aktive Menschen, die grundsätzliche Fragen an die Gesellschaft stellen und nicht nur Einpunktbewegungen anhängen. Jene, die sich in den letzten Jahren massiv politisiert haben, sind die Völkischen oder „besorgten Bürger“. Der Antisemitismus wird äußerst selten zu einem zentralen Thema der Kritik gemacht. Daher versuchen die Essays in diesem Band ganz unterschiedliche Aspekte des heutigen Antisemitismus zu thematisieren und sie am Beispiel von teils zentralen Akteuren oder Ereignissen im politischen, wissenschaftlichen wie kulturellen Feld zu analysieren. Wenn zum Beispiel ‚linke‘ Aktivisten oder Künstler aktiv werden, sieht das heute so aus: Auf der documenta14 in Kassel sollte es im Sommer 2017 eine Aktion geben mit dem Titel „Auschwitz on the Beach“. Dabei sollten Salzwasser mit Zyklon B und Flüchtlinge mit Juden verglichen und gleichgesetzt, sowie darüber hinaus die europäischen Gesellschaften und Israel als neue „Gauleiter“ zu den Nazis von heute gemacht werden.[10] Diese Abwehr der Er­inn­er­ung an die präzedenzlosen Verbrechen der Shoah geschieht mit dem best­en linken Gewissen, was sich darin zeigte, dass der Event zwar aufgrund von Protesten abgesagt wurde, aber ohne eine inhaltliche Distanzierung der documenta-Leitung von diesem doppelten Antisemitismus. Es handelte sich um einen Antisemitismus, der die Erinnerung an den Holocaust für politische Zwecke instrumentalisiert und zudem noch antizionistisch agitiert. Dann gibt es mittlerweile ‚Linke‘, selbst Kritiker solcher Events auf der documenta, welche die Agitation gegen den Islam als fortschrittlich empfinden und den Rechtsextremismus der AfD schlicht verdrängen. Das ist auch bei vielen Trump-Anhängern so, die sich zuvor als liberal oder links tarnten.

Wie der Spiegel Online Kolumnist Georg Diez wenige Wochen vor der Wahl schrieb, kann man sehen, wie seit Jahrzehnten in Deutschland

„der Diskurs mehr und mehr nach rechts verschoben wurde, von Martin Walsers Paulskirchenrede über Thilo Sarrazin bis zu den Untergangsfantasien von Botho Strauß. In der Sprache von Peter Handke könnte man sagen, es waren Zurüstungen für die Unmenschlichkeit.“[11]

Die Essays in diesem Band spannen einen Bogen vom „Sommermärchen“ 2006 über den „Inneren Reichsparteitag“ (2010) hin zu Pegida (2014), den Brexit, die Wahl Trumps (2016) und den Aufstieg der AfD zur ersten Partei mit Neonaziideologie im Deutschen Bundestag (2017). Während es Hunderte ehemaliger NSDAPler im Bundestag und anderen Parlamenten seit 1949 gab,[12] werden ab September 2017 erstmals neue Nazis im Bundestag sitzen. Die Essays[13] in diesem Band umfassen eine Zeitspanne von Juli 2006 bis September 2017 und können als eine Art intellektuelles Tagebuch betrachtet werden. Mögen sie zur Kritik und Reflektion, zum Nachdenken über eine Alternative zu Deutschland anregen.

[1] Eike Geisel (1998): Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung, Berlin: Edition Tiamat, 69.

[2] Sven-Felix Kellerhoff/Martin Lutz/Uwe Müller (2017): „Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermächte“, Die Welt, 09.09.2017, https://www.welt.
de/politik/deutschland/article168480470/Diese-Schweine-sind-nichts-anderes-als-Marionetten-der-Siegermaechte.html (18.09.2017); „Die WELT AM SONNTAG hält an ihrer Berichterstattung über die Mail in vollem Umfang fest. Der Redaktion liegt eine eidesstattliche Versicherung des E-Mail-Empfängers vor. Um Zweifel an ihrer Glaubwürdigkeit auszuräumen, könnte Weidel ihrerseits bei Gericht eine eidesstattliche Versicherung einreichen, in der steht, was zuvor schon der Anwalt behauptet hatte: Dass sie den Text nicht verfasst hat. Doch dies hat sie bisher nicht getan. Die Abgabe einer falschen Versicherung an Eides statt wird nach dem Strafgesetzbuch mit bis zu drei Jahren Gefängnis oder Geldstrafe geahndet“, Martin Lutz/Uwe Müller (2017): AfD-Spitzenkandidatin Weidel spricht nicht mehr von Fälschung, Die Welt, 15.09.2017, https://www.welt.de/politik/deutschland/article168695526/AfD-Spitzenkandidatin-Weidel-spricht-nicht-mehr-von-Faelschung.html?wtrid=socialmedia.
email.sharebutton (18.09.2017); „AfD-Spitzenkandidatin Weidel plötzlich kleinlaut. Ein Bericht über eine Wut-Mail hat die AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel erzürnt. Sie sprach von einer Fälschung. Doch davon ist jetzt keine Rede mehr“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 17.09.2017, http://www.faz.net/aktuell/politik/wut-mail-afd-spitzenkandidatin-weidel-ploetzlich-kleinlaut-15202774.html (18.09.2017).

[3] http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundestagswahl/alle-schlagzeilen/gabriel-attackiert-afd-echte-nazis-am-rednerpult/20315768.html (16.09.2017).

[4] http://www.jc-courage.de/wp-content/uploads/2017/02/Die_AfD_in_Koeln.pdf (16.09.2017), 11; http://www.rp-online.de/nrw/panorama/koelner-hauptmann-und-afd-politiker-soll-ns-parole-getwittert-haben-aid-1.6807113 (15.09.2017): „Die Linken-Politiker werfen [Hendrik] Rottmann vor, am 29. Januar auf Twitter eine Meldung der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz, mit den Worten ‚Deutschland erwache‘ kommentiert zu haben – eine Parole, die im Dritten Reich von der Nazi-Organisation SA benutzt wurde. Ein Screenshot des Tweets liegt unserer Redaktion vor – der Twitter-Account, von dem der umstrittene Spruch abgesetzt worden sein soll, existiert nicht mehr.“

[5] So Wolfgang Gedeon aus Baden-Württemberg, siehe dazu meine Analyse: Germany’s Hot New Party Thinks America Is ‘Run by Zionists’, Tablet Magazine, 1. August 2016, http://www.tabletmag.com/jewish-news-and-politics/209243/germanys-hot-new-party (24.09.2017).

[6] „Alle Tünche, die Pegida am Anfang noch trug, war in den sozialen Netzwerken schnell hinfällig. In der scheinbaren Anonymität des WorldWideWeb oder in geschlossenen Facebook-Gruppen, in denen man sich unter sich glaubte, nahmen Mitglieder des Pegida-Orgateams kein Blatt mehr vor den Mund. Verfolgte man Bachmanns inzwischen gelöschten Twitter-Account, der auch in die Zeit vor Pegida zurückreicht, so stieß man auf vulgären Rassismus und Homophobie. Beispielsweise twitterte er am 6. September 2013 über die Grünen: ‚Gehören standrechtlich erschossen diese Öko-Terroristen! … allen voran Claudia Fatima Roth!‘“ (Lucius Teidelbaum (2016): Pegida. Die neue deutschnationale Welle auf der Straße, Münster: Unrast, 31); Die Hannoversche Allgemeine berichtet am 10. September 2017: „Von der AfD-Spitzenkandidatin Alice Weidel soll eine E-Mail mit rassistischen Bemerkungen und Demokratie-verachtenden Thesen aufgetaucht sein. Die AfD bestreitet allerdings in Weidels Namen, dass sie die Autorin ist. Die ‚Welt am Sonntag‘ berichtet jedoch, ihr liege eine eidesstattliche Versicherung des Mail-Empfängers, eines früheren Bekannten Weidels, vor. Der Zeitung zufolge heißt es in der E-Mail vom 24. Februar 2013 in Originalschreibweise: ‚Der Grund, warum wir von kulturfremden Voelkern wie Arabern, Sinti und Roma etc ueberschwemmt werden, ist die systematische Zerstoerung der buergerlichen Gesellschaft als moegliches Gegengewicht von Verfassungsfeinden, von denen wir regiert werden.‘ Zudem werde in dem Schreiben die Bundesregierung von Angela Merkel (CDU) verunglimpft: ‚Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK und haben die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen‘, zitiert das Blatt weiter“, http://www.haz.de/
Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Diese-Schweine-sind-nichts-anderes-als-Marionetten (11.09.2017). Der Ex-AfDler Holger Arppe aus Mecklenburg-Vorpommern hat Pro-Nazi und zur Gewalt aufrufende Nachrichten verschickt und war jahrelang eng verbunden mit führenden AfDlern. Sein Austritt aus der Partei ist rein taktisch. Der NDR berichtet über ihn: „Arppes Chatverläufe dokumentieren auch, wie nah die AfD in Mecklenburg-Vorpommern offenbar an die rechtsextreme ‚Identitäre Bewegung‘ (IB) herangerückt ist – obwohl es einen Unvereinbarkeitsbeschluss der Bundespartei gibt. Über Monate hinweg chattete Arppe ausweislich der Protokolle mit Daniel F., einem der führenden Köpfe der IB. F. war früher bei der NPD engagiert. Im Juli 2015 schrieb Arppe: ‚Diesen Revoluzzergeist brauchen wir! Der [Daniel F.] ist ein absolutes Muss für unsere Partei. Seine Vergangenheit interessiert mich einen Scheißdreck.‘ Die Dokumente zeigen auch, dass Arppe die IB darum bittet, als Ordner für eine Demonstration zur Verfügung zu stehen. ‚Daniel, könnten von Euch welche als Ordner fungieren bei unserer Demo am Samstag? Wir brauchen noch ein paar ordentliche Nazis als Freiwillige‘, schrieb Arppe demnach im Oktober 2015. Der IB-Mann sichert daraufhin drei Helfer aus seinen Reihen zu“, https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/Rassistische-Chats-Fraktionsvize-verlaesst-AfD,afd1204.html (11.09.2017). Das Handelsblatt vom 9. September 2017 ergänzt diese Analyse des rechtsextremen Netzwerkes, in das Arppe eingebunden ist: „Arppe war, wie andere umstrittene AfD-Politiker auch, schon früher wegen seiner deutschnationalen Gesinnung aufgefallen. Er übte mit Wissen der Bundespartei offen den Schulterschluss mit der ‚Identitären Bewegung‘, die vom Verfassungsschutz beobachtet wird und pflegte Kontakte zum Chefredakteur des rechten Monatsmagazins ‚Compact‘, Jürgen Elsässer. Bei einer entsprechenden Veranstaltung im vergangenen Jahr war das AfD-Bundesvorstandsmitglied André Poggenburg mit dabei. Arppe nahm auch schon am sogenannten ‚Kyffhäuser-Treffen‘ in Thüringen teil. Veranstalter ist die rechtsnationale AfD-Gruppierung ‚Der Flügel‘ der AfD-Fraktionschefs Björn Höcke (Thüringen) und Poggenburg (Sachsen-Anhalt). Am vergangenen Wochenende kamen nach Polizeiangaben 550 bis 600 Teilnehmer zu der Kundgebung am Kyffhäuserdenkmal. Unter ihnen waren neben AfD-Chef Jörg Meuthen auch Vize-Parteichef Gauland und Pegida-Chef Lutz Bachmann“, http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/
bundestagswahl/alle-schlagzeilen/der-fall-arppe-und-die-folgen-staatsrechtler-bringt-afd-beobachtung-ins-spiel/20302334.html (11.09.2017).

[7] http://www.fr.de/politik/meinung/gastbeitraege/heiko-maas-afd-ist-in-teilen-verfassungswidrig-a-1348338?GEPC=s5 (11.09.2017).

[8] https://twitter.com/maria_fiedler/status/911984268355805185 (24.09.2017).

[9] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/afd-im-bundestag-wie-der-rechtsruck-herbei-geredet-wurde-a-1169404.html (24.09.2017).

[10] https://jungle.world/blog/von-tunis-nach-teheran/2017/08/auschwitz-am-strand-die-documenta-ueber-den-einsatz-von-zyklon (18.08.2017).

[11] http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/rechtsruck-in-deutschland-die-geistig-moralische-wende-zum-schlechten-a-1166689.html (11.09.2017).

[12] Eine inoffizielle Liste ehemaliger Nazis, die nach 1945 politisch aktiv waren (wie z.B. als Abgeordnete im Bundestag) findet sich hier: https://de.wikipedia.
org/wiki/Liste_ehemaliger_NSDAP-Mitglieder,_die_nach_Mai_1945_politisch_t%C3%
A4tig_waren (21.09.2017).

[13] Bis auf die Einleitung und den Text „Ist doch für einen guten Zweck…“ sind alle Texte dieses Bandes online auf verschiedenen Portalen erschienen und wurden für diese Publikation überarbeitet. Die Datumsangaben am Ende von URLs zeigen das Datum des letzten Abrufs der Seite an.

AfD für „Alphabetisierte“: Peter Sloterdijk am Sinai auf einem „deutschen Weg“

Für Stephan T. und den “schwäbischen” Abiturjahrgang 1989

 

Wenn ein Feuilletonredakteur folgenden Satz publizieren kann, ist offenkundig, wie es um dieses Land, seine Autoren und Lektoren bestellt ist:

„Den vielen Platz in der ‚Zeit‘ nutzt Sloterdijk, immerhin gebürtiger Schwabe, wenig haushälterisch.“

Wer nicht weiß, wo Schwaben liegt und einen gerade im anti-schwäbischsten Residenzörtchen Karlsruhe Geborenen grundfalsch einkategorisiert und das auch noch meint garnieren zu müssen mit einem ollen, verstaubten, langweiligen Ressentiment gegen die vorgeblich gut haushaltenden Schwaben an und für sich, der sollte sich besser gar nicht erst auf wirklich relevante Gefilde wie der Analyse der extremen oder neuen Rechten begeben. Doch diese Fehler begeht der WELT-Feuilletonredakteur Jan Küveler. Er möchte den „Philosophen“ – ein großes Wort für einen antihumanistischen Schaumschläger und Zitateverwerter – Peter Sloterdijk in Schutz nehmen gegenüber Kritik an dessen rechter Ideologie. Slotderdijk nennt sich selbst in der ZEIT einen Vertreter des „Linkskonservatismus“, und Küveler möchte den „Philosophen“ Sloterdijk gegen den politisch eingreifenden Autor Sloterdijk (wie im CICERO-Interview) ausspielen.

Wofür steht Sloterdijk? Sein Drive ist eine Mischung aus esoterischer Erleuchtung, autoritärem Bhagwan-Kult und einer Art idosynkratischer Abwehr alles „Linken“ oder Liberalen im Allgemeinen und der Kritischen Theorie im Besonderen.

Bereits 1983, anlässlich von Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“ konstatierte Jürgen Habermas im „Pflasterstrand“ einen „Schuß teutonischen Ernstes, wenn es an die Substanz geht“.[i] Da war Sloterdijk erst wenige Jahre von seinem Indien-Trip zurück und esoterische Unterwürfigkeit oder Reflektions- und Kritikabstinenz mögen prima mit teutonischem Furor korrelieren, wie wir in seinem Fall allerspätestens heute sehen und Habermas schon damals zu sehen und antizipieren vermochte.

Die vorgeblich bhagwanistische Gelassenheit Sloterdijks zeigt nicht erst 2016 in scharfen Tönen gegen Angela Merkels Flüchtlingspolitik ihre praktischen Konsequenzen. Schon 1999 konnte man sehen, wie weit rechts Sloterdijk steht, und wie historisch unbedarft oder gezielt er mit nazistischen oder faschistischen Topoi liebäugelte.

Sloterdijk selbst steht für einen stramm deutschen Weg. 2002 lobte er Gerhard Schröders Wort vom „deutschen Weg“ in strikter Abgrenzung zu Amerika. In einem Gespräch mit dem österreichischen Spiegel, Profil, sagte er:

„Das deutsche Nein in dieser Angelegenheit ist vor allem eine symbolisch-moralische Position, eine spezifische Form der Auseinandersetzung mit dem Sonderweg der USA. Der Begriff ‚rogue state‘, mit „Schurkenstaat“ übrigens eher unglücklich ins Deutsche übersetzt, hat in der westlichen Politik seit einigen Jahren Hochkonjunktur. In der Biologie steht ‚rogue‘ für das wieder ausgewilderte Einzelgängertier, das abseits von der Herde durch den Busch streift. Die beiden ‚rogue states‘ der gegenwärtigen Weltpolitik sind, so gesehen, die USA und Israel, die jede Art von Alignment mit der internationalen Staatengemeinschaft aus dem Grundansatz ihres Selbstverständnisses heraus ablehnen, weil sie beide davon ausgehen, dass Nicht-Israelis beziehungsweise Nicht-Amerikaner sich in die besondere Situation dieser beiden Länder nicht einfühlen können. Das bestärkt sie auch in ihrer Neigung, die Fähigkeit zum Selbstmandat in einem überdurchschnittlichen Ausmaß auszuüben.“

Mit dieser Hetze gegen den Judenstaat und diesem Ressentiment gegen die USA sowie George W. Bush war Sloterdijk nicht nur bei der extrem rechten Jungen Freiheit wohl gelitten. Von einem ähnlichen fast schon teutonischen, in jedem Fall aber antiamerikanischen Furor wie Sloterdijk war 2003 auch sein unerreichter linksliberaler Starnberger Praeceptor Germanie, Jürgen Habermas, angetrieben, der gemeinsam mit Jacques Derrida und der sog. Friedensbewegung ebenso gegen Amerika polemisierte und den Irakkrieg bzw. den War on Terror ganz prinzipiell verteufelte. Was für Habermas/Derrida 2003 die „Wiedergeburt Europas“ gegen Amerika sein sollte, ist 2016 für Sloterdijk und sein neu-rechtes Auditorium eine deutschnationale Erweckung gegen Europa und den Humanismus.

Der WELT-Redakteur Küveler schmiert seinem badensischen Idol Honig ums Maul:

„Fast will man Peter Sloterdijk, in einer ähnlich patriarchalen Geste, mit der er den Journalismus abmeiert, vor sich selber schützen. Denn wenn er sich nicht in die Zudringlichkeiten des Zeitgeists verbeißt, ist er grandios wie eh und je. Das ist durchaus im Doppelsinn gemeint: hoffärtig und brillant, eitel und klarsichtig. Es ist ein Unsinn und eine Schande, ihn wegen ein paar Ungezogenheiten verstoßen zu wollen, egal, ob man sie jetzt okkasionell nennt oder gelegentlich oder keines von beiden, weil Ungezogenheiten ja reicht.“

Die Übernahme und Transformierung von Pegida- und AfD-Vokabular ins Akademisch-Feuilletonistische durch Sloterdijk wird hier als läppische „Ungezogenheit“ eines kleinen Bengels abgetan. Von Sloterdijks „freier Liebe“ am Pool von Poona[ii] und seinem Umarmen der „Diktatur der Freundlichkeit“[iii] des Bhagwan-Kultes hin zur de facto Unterstützung der vulgären, auf züchtiger Anti-Gender-Ideologie, Rassismus, schwarzrotgoldenem Fanatismus und Stolzdeutschtum basierenden Petry/Gauland/Höcke-AfD ist es jedoch nur ein Mausklick oder Katzensprung.

1999 forderte Sloterdijk in einer Rede auf Schloss Elmau „Regeln für den Menschenpark“, und meinte damit biologische und gentechnische ‚Möglichkeiten‘ der ‚Optimierung‘ von Einzelnen. Er umarmte sein Vorbild Martin Heidegger, der als „kleiner schlauer Mann aus Meßkirch“ liebkost wird, und dessen „Brief über den Humanismus“ von 1946 wie folgt:

„Denn indem Heidegger in dieser Schrift, die der Form nach ein Brief sein wollte, Bedingungen des europäischen Humanismus offenlegte und überfragte, eröffnete er einen trans-humanistischen oder post-humanistischen Denkraum, in dem sich seither ein wesentlicher Teil des philosophischen Nachdenkens über den Menschen bewegt hat.“

Sloterdijk weiter:

„Das Wort Humanismus muß aufgegeben werden, wenn die wirkliche Denkaufgabe, die in der humanistischen oder metaphysischen Tradition bereits als gelöste erscheinen wollte, in ihrer anfänglichen Einfachheit und Unausweichlichkeit wiedererfahren werden soll. Zuspitzend gesprochen: Wozu erneut den Menschen und seine maßgebliche philosophische Selbstdarstellung im Humanismus als die Lösung anpreisen, wenn sich gerade in der Katastrophe der Gegenwart gezeigt hat, daß der Mensch selbst mitsamt seinen Systemen metaphysischer Selbstüberhöhung und Selbsterklärung das Problem ist? Diese Zurechtrückung der Frage Beaufrets geschieht nicht ohne meisterliche Bosheit, denn sie hält, in sokratischer Manier, dem Schüler die in der Frage enthaltene falsche Antwort vor. Sie geschieht zugleich mit denkerischem Ernst, denn es werden die drei kuranten Hauptheilmittel in der europäischen Krise von 1945: Christentum, Marxismus und Existentialismus Seite an Seite als Spielarten des Humanismus charakterisiert, die sich nur in der Oberflächenstruktur voneinander unterscheiden – schärfer gesagt: als drei Arten und Weisen, der letzten Radikalität der Frage nach dem Wesen des Menschen auszuweichen.“

Vom „post-humanistischen Denkraum“ zur antihumanen Flüchtlinge-Raus-Politik der AfD verläuft eine rohrstockgerade Linie. Die Rede von „metaphysischer Selbstüberhöhung“ möchte obsessiv wegführen von einer Analyse des Nationalsozialismus. Nicht deutsche Ideologie oder das Fortleben des Nationalsozialismus in der Demokratie werden hier in den Fokus genommen, vielmehr der Humanismus, gegen den die Deutschen im SS-Staat und im Zweiten Weltkrieg ohnehin gekämpft hatten. Sloterdijk unternimmt in seiner Elmauer Rede den Versuch, den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die Shoah als spezifisch deutsche Verbrechen zu negieren, die Schuld auf den Humanismus oder die „metaphysische Selbstüberhöhung“ zu projizieren und zugleich die Befreier vom SS-Staat, hier: Amerika und die UdSSR, als Täter einer unheilvollen Welt zu bestimmen:

„Tatsächlich deutet Heidegger die geschichtliche Welt Europas als das Theater der militanten Humanismen; sie ist das Feld, auf dem die menschliche Subjektivität ihre Machtergreifung über alles Seiende mit schicksalhafter Folgerichtigkeit ausagiert. Unter dieser Perspektive muß sich der Humanismus als natürlicher Komplize aller nur möglichen Greuel anbieten, die im Namen des menschlichen Wohls begangen werden können. Auch in der tragischen Titanomachie der Jahrhundertmitte zwischen Bolschewismus, Faschismus und Amerikanismus standen sich – aus Heideggers Sicht – lediglich drei Varianten derselben anthropozentrischen Gewalt und drei Kandidaturen für eine humanitär verbrämte Weltherrschaft gegenüber – wobei der Faschismus aus der Reihe tanzte, indem er seine Verachtung für hemmende Friedens- und Bildungswerte offener als seine Konkurrenten zur Schau stellte. Tatsächlich ist Faschismus die Metaphysik der Enthemmung – vielleicht auch eine Enthemmungsgestalt der Metaphysik. Aus Heideggers Sicht war der Faschismus die Synthese aus dem Humanismus und dem Bestialismus – das heißt die paradoxe Koinzidenz von Hemmung und Enthemmung.“

Diese Rede von der „anthropozentrischen Gewalt“ verwischt oder leugnet, dass konkrete Menschen, Deutsche, Täter waren. Die Anthropologisierung von Gewalt ist seit 1945 ein probates Mittel deutsche Schuld zu negieren, indem sie universalisiert wird. Sei es ‚die Moderne‘ für den Poststrukturalismus, ‚der Kapitalismus‘ für viele Linke oder ,Bevölkerungspolitik mit anderen Mitteln‘ für modische Historiker, „anthropozentrische Gewalt“ für Sloterdijk oder natürlich die Noltesche Rede von der „asiatischen Tat“, die Hitler Recht gibt und den Zweiten Weltkrieg als präventives Mittel affirmiert: es gibt viele Möglichkeiten der Analyse des Spezifischen des Nationalsozialismus, des Antisemitismus und des präzedenzlosen Charakters des Holocaust auszuweichen sowie eine sekundär antisemitische Reaktionsweise zu generieren.

Sloterdijk publiziert 1999 neben seinen „Regeln für den Menschenpark“ auch seinen autobiographisch geprägten und von einem enormen Drive der Selbstpurifizierung von Moral und Kritischer Theorie durchzogenen Text „Die Kritische Theorie ist tot.“ Er schreibt zwei Briefe an Jürgen Habermas und Thomas Assheuer und regt sich fürchterlich darüber auf, dass Habermas die biopolitischen Zumutungen seiner Elmauer Rede („Regeln für den Menschenpark“) offenbar weniger gelassen hinnahm als erwartet, und kommt zum Kern neu-deutscher Ideologie seit 1989/1990:

„Die Ära der hypermoralischen Söhne von nationalsozialistischen Vätern läuft zeitbedingt aus. Eine etwas freiere Generation rückt nach.“

Diese „freiere Generation“ war just 1999, als Sloterdijk das schrieb, dabei, die erste neonationalsozialistische Terrorgruppe zu formieren, den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), der ab dem Jahr 2000 seine Mordserie mit zehn Morden, darunter an neun Migranten, begann. Heute nun haben wir seit Herbst 2014 mit Pegida eine völkische Massenbewegung auf den Straßen, von der die NPD, autonome Nationalisten und Nazis aller Art und die Stammtische und nicht wenige Stehempfänge der Elite seit Jahrzehnten träumten, und mit der AfD einen parlamentarischen Arm dieser extrem rechten Bewegung in Ost und West, von Sachsen bis Hessen, von Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bis Sachsen-Anhalt.

Pegida, AfD und Sloterdijk haben keineswegs eine Angst vor Jihad und islamistischem Terror. Sonst wären sie ja 2001 schockiert gewesen. Doch Sloterdijk war gar nicht schockiert ob 9/11. Vielmehr schürte das seinen eigenen Hass auf Amerika. Der Karlsruher TV-Philosoph sagte z.B. im Gespräch mit dem österreichischen „Standard“ am 27. November 2002:

„Man darf nicht vergessen, der 11. September ist ein Ereignis, das man in einer Unfallstatistik des Landes gar nicht wahrnehmen würde. Zwei- oder dreitausend Tote innerhalb eines Tages liegen innerhalb der natürlichen Varianz. Das ist die Sprache der Kälte der Statistiker, und die müsste im Grunde jene einer wissenschaftlichen Politikberatung sein. In Wirklichkeit läuft die Sache ganz andersherum: Es wird eine Angelegenheit, die gar nicht so hochrangig zu behandeln wäre, wie ein Weltkriegsgrund manipuliert. Das zeigt, dass hier eine hochneurotische, vielleicht sogar narzisstisch-psychotische Struktur verletzt worden ist.“

Diese Schadenfreude nach 9/11 teilte Sloterdijk mit weiten Teilen des deutschen Establishments, vom Antisemitismusexperten Wolfgang Benz über den Männerforscher Klaus Theweleit und die Berliner Politikerin Adrienne Goehler bis hin zur internationalen Fachzeitschrift „Die Welt des Islams“, die einen Text des syrischen Dissidenten und bis heute als „liberale Stimme der arabischen Welt“ hoch geschätzten Sadik al-Azm publizierte[iv], der diese Schadenfreude, ganz spontan und aus tiefstem Herzen, am 11. September 2001 während eines Gastaufenthalts in Japan verspürte und Mühe hatte, vor seinen geschockten japanischen Kollegen nicht los zu prusten. Linke in Berlin, Bremen oder Hamburg tranken „Bin Laden“-Cocktails an 9/11 und die PDS (Die Linke) faselte von „so was kommt von sowas“. Für Horst Mahler war es ein Festtag.

Für Sloterdijk sind die USA und Israel „Schurkenstaaten“. Heideggerisch gedacht, regen sich für Sloterdijk die USA oder Israel über Terroranschläge viel zu sehr auf, dabei ginge es gerade mal um 3000 ermordete, pulverisierte, verbrannte, zerquetschte oder zerfetzte Menschen, die einem Seinsdenker oder Zyniker, der immer nur nach dem „Sein“, dem „Wie“ und nicht dem „Was“ fragt, völlig schnuppe sind.

Ganz ähnlich war der Systemtheoretiker Niklas Luhmann (für Sloterdijk der „Gandhi der Systeme“[v]) nur am Funktionieren von Systemen interessiert, am „Wie“ und nicht am „Was“ – was interessiert Seinsdenke das Seiende? -, weshalb er einmal in einem Gespräch nicht die Nazi-Ideologie und das Unfassbare des Holocaust, vielmehr auf groteske Weise die vermeintliche Ähnlichkeit von amerikanischer Besatzungsbürokratie nach dem 8. Mai 1945 mit dem NS-Staat betonte.

Menschen mit Fehlern, mit Fanatismus und Hass, deutscher oder heute eher jihadistischer Lust am Morden mithin, werden eskamotiert, von Heidegger wie von Sloterdijk, die beide primär in (am liebsten wohl vorsokratischen) Blasen denken möchten.

Die Position, „daß die deutsche Geschichte nicht nur aus Auschwitz und Buchenwald“ bestehe, ein neu-rechter Topos seit Jahrzehnten, ist heute kein genuin rechtsextremer Standpunkt mehr (so er es je war) im geschichtspolitischen ‚Diskurs‘, vielmehr ist diese Auffassung seit Mitte der 1970er Jahre allmählich und offensiv Allgemeingut geworden. Die Neuen Rechten begrüßen diese nationalen Tendenzen und Sloterdijk ist einer ihrer Kronzeugen; die neu-rechte Zeitschrift „Volkslust“ honorierte vor einigen Jahren diese allzu Deutschen, Walser, Grass oder Sloterdijk:

„Was im ‚Historikerstreit‘ u. a. zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas schon auftauchte, setzte sich in anschließenden geschichtspolitischen Debatten um die angemessenen Erinnerungskulturen fort, in denen über Sinn und Zweck der ›Vergangenheitsbewältigung‹ gestritten wurde. Dazu gehören Martin Walsers Aufruhr gegen die ‚Auschwitzkeule‘, die ‚patriotischen‘ Beiträge eines Günther Grass, der schließlich auch in jener ‚Vertreibungsdebatte‘ seine Stimme erhob, das neue Sprechen über den Bombenkrieg also und die Opferdimension der deutschen Selbstwahrnehmung, Sloterdijks starke Töne vom ‚Tod‘ einer moralisierenden (Post-)Kritischen Theorie und dem Anbruch einer neuen Epoche ironisch-gelassenen Weiterdenkens. Dazu gehören popkulturelle Phänomene wie die Elektropunkband ‚Mia‘ mit ihrer sensibel-‚nationalen‘ Variation des Erich Fried Gedichtes ‚Was es ist‘, Paul van Dyks und Peter Heppners Lied ‚Wir sind wir‘, skurrile Debatten um ‚Deutschquoten‘ im Rundfunk und vieles mehr.“[vi]

***

2013 publiziert Peter Sloterdijk das Büchlein „Im Schatten des Sinai. Fußnote über Ursprünge und Wandlungen totaler Mitgliedschaft“, wiederum bei Suhrkamp.[vii] Schon der Untertitel lässt aufhorchen, klingt doch da, gerade bei einem nicht-jüdischen deutschen Autor, eine irgendwie nazistische Formulierung mit auf, „totale Mitgliedschaft“, das klingt nach „totaler Staat“ oder „totaler Krieg“, die beide ja auf bedingungsloser deutscher Gefolgschaft für den „Führer“ aufbauten.

Sloterdijk möchte zeigen, dass die drei monotheistischen Religionen Judentum, Christentum und Islam auf einer solchen „totalen Mitgliedschaft“ fußen, ja mehr noch: das Judentum sei Grundübel einer solchen totalen Gefolgschaft und ohne das jüdische Vorbild wäre es gar nicht zu christlicher oder islamischer imperialer Gewalt gekommen, eines Imperialismus des Glaubens, den er dem Judentum, einer nicht proselytischen Religion, nicht anhängt. Vielmehr attackiert Sloterdijk in ziemlich altbewährter antijüdischer Manier das Judentum wie mit dem Buche „Exodus“ und zeichnet von Moses ein blutrünstiges Bild, der tausende andere Juden in einer Art ‚Selbstreinigung‘ töten lässt. Das sei ein Urbild jener „totalen Mitgliedschaft“, von der er spricht.

„In diesem Zusammenhang kommen wir endlich auf die Frage nach dem Zusammenhang von ‚Monotheismus‘ und Gewalt zu sprechen. Es wird sich am Wortlaut einiger kritisch zu beleuchtender Passagen erweisen, warum es nicht sehr sinnvoll ist, das Gewaltproblem weiterhin vorrangig an einem religionstheoretischen Konstrukt namens ‚Monotheismus‘ festzumachen, auf dessen ausweichenden Sinn schon hingewiesen wurde. Statt dessen rückt die Untersuchung nun die Funktion des bundförmigen Singularisierungsprojektes samt seinen psychosozialen und moralischen Kosten in den Vordergrund. Tatsächlich bietet die Erzählung vom Bundesbruch durch das Volk Israel während der Absenz des Moses auf dem Gottesberg, wie sie im Kapitel 32 des Buches Exodus zu lesen ist, das unüberbietbare Paradigma eines durch den Singularisierungsvertrag motivierten Gewaltakts.“[viii]

So wie der Populärphilosoph 2002 Israel als „Schurkenstaat“ diffamierte, mitten während der blutigen zweiten Intifada und einem massiven antisemitischen Klima gerade in der BRD (Möllemann, Walser etc.), so agitiert er nun 2013 gegen das „unüberbietbare Paradigma“ des Bundestreue der Juden, die durch diesen „Singularisierungsvertrag“ einen „Gewaltakt“ motivierten, den er sodann aus dem Buch Exodus zitiert, wo demnach 3000 Menschen auf Moses Befehl hin, alles auch Juden bzw. Bundesgenossen, massakriert werden. So die Legende. Sloterdijk möchte gerade das Judentum als Begründer eines Gewaltschemas der ganzen Moderne und der heutigen Zeit in Schutzhaft nehmen, wenn er schreibt:

„Ich nenne das obsessiv wiederkehrende Bundesbruch-Motiv des Tanachs daher das Sinai-Schema. Es macht den Preis der Singularisierung Israels inmitten der intensiven kultischen und militärischen Völkerkonkurrenz fühlbar. In der fiktiven Urszene am Fuß des Gottesberges wurde der Motivzusammenhang zwischen dem Bundesbruch und dem standrechtlich vollzogenen Strafgericht mit archetypischer Wucht exponiert und für Übertragungen in beliebig weit entfernte Kontexte bereitgestellt.“[ix]

Es ist so wirklichkeitsfremd und vollkommen ahistorisch wenn ein zudem nicht-jüdischer deutscher Autor im Jahr 2013 gerade Juden so obsessiv attackiert und insinuiert, ohne das Judentum wäre der ganzen Menschheit viel Gewalt erspart geblieben. Wir kennen obendrein die antijüdischen Affekte vieler Deutscher, auch der Mini-Minderheit jener, die Pro-Israel sind, aus der Anti-Beschneidungshetze im Sommer 2012. Der Erziehungswissenschaftler Micha Brumlik hat Sloterdijk im Doppelpack mit dem Althistoriker Jan Assmann im Rahmen einer Perlentaucher-Debatte kritisiert:

„Und was endlich jene – nach Sloterdijk angeblich die ‚altjüdische‘ Religion auszeichnende und schließlich auf Christentum und Islam übergehende – Phobokratie mit ihrer spezifisch israelitischen (jüdischen?) Neigung zur ‚Autogenozidalität‘ ob nicht eingehaltener sinaitischer Weisungen betrifft, so hat die rabbinische Theologie an deren Stelle die Institution des Versöhnungstages gesetzt, dessen zentrales Prinzip lautet: ‚Übertretungen zwischen einem Menschen und Gott sühnt der Versöhnungstag. Übertretungen zwischen einem Menschen und seinem Nächsten sühnt der Versöhnungstag nur, wenn er sich vorher mit seinem Nächsten versöhnt hat.‘

Die in der ‚altjüdischen‘ Religion angeblich – wenn auch nur spurenweise vorhandene – autogenozidale Phobokratie ist hier – im Text und in der Liturgie – vollständig in eine Lehre anerkennender, normativer Intersubjektivität überführt und vollständig in die Institutionen des Versprechens und Verzeihens transformiert. Nichts könnte vom Geist eines Gemetzels weiter entfernt sein.“

Man kann diese Kritik Brumliks angesichts der heutigen Situation zuspitzen. Wenn einer wie Peter Sloterdijk dem Judentum die Einführung eines unsäglichen Gewaltmotivs – den Bundesbruch – anhängt, Israel als „Schurkenstaat“ diffamiert, Heideggers Antihumanismus in die heutige Zeit transponiert und gleichzeitig einer Partei de facto zustimmt, die mit nazistischem Vokabular und einem Aufpeitschen der Bevölkerung gegen „den“ anderen berüchtigt ist, dann wird erkenntlich, dass der ehemalige Bhagwan-Jünger seinen nach innen gekehrten autoritären Charakter nun extrovertiert, einen „deutschen Weg“ gegen die USA fordert, Grenzen schließen möchte und gegen eine Kanzlerin agitiert, die unter Beschuss steht, wie noch nie ein Kanzler dieses Landes. Peter Sloterdijk ist die AfD für „Alphabetisierte“.[x]

Und für Oberschlaule: das liegt nicht daran, dass Sloterdijk aus Karlsruhe kommt, Badenser und kein Schwabe ist. Schwaben sind auch auf einem allzu deutschen Weg und AfD-WählerInnen, mit und ohne Alphabetisierungshintergrund.

 

[i] Zitiert nach Otto Kallscheuer (1987): Spiritus Lector. Die Zerstreuung des Zeitgeistes, in : Peter Sloterdijks „Kritik der zynischen Vernunft“, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 7–72, 26.

[ii] Einen peinlicheren Satz über Adorno wie den folgenden kann man sich schwerlich vorstellen: „Meine besten Adorno-Kolloquien erlebte ich am Rand des Ashrams von Poona“, Peter Sloterdijk (2013a): Ausgewählte Übertreibungen. Gespräche und Interviews 1992–2012. Herausgegeben von Bernhard Klein, Berlin: Suhrkamp, 20 (aus einem Gespräch mit Bernhard Klein von Dezember 2002).

[iii] Initiative Sozialistisches Forum (Hg.) (1984): Diktatur der Freundlichkeit. Über Bhagwan, die kommende Psychokratie und Lieferanteneingänge zum wohltätigen Wahnsinn, Freiburg: Ça ira.

[iv] Sadik J. Al-Azm (2004): Islam, Terrorism and The West Today, „Die Welt des Islams“, Vol. 44, Nr. 1, S. 114–128.

[v] Günter Sautter (2002): Politische Entropie. Denken zwischen Mauerfall und dem 11. September 2001 (Botho Strauß, Hans Magnus Enzensberger, Martin Walser, Peter Sloterdijk), Paderborn: Mentis, 350). Sautter hat ein neu-rechtes Näschen und packt sehr treffend – affirmativ – vier Hauptprotagonisten deutsch-nationaler oder neu-rechter Rede in seine Studie; Sautter arbeitet im Planungsstab des Auswärtigen Amtes, Stand 2013: http://www.stiftung-nv.de/projekt/deutsche-europapolitik-2013/veranstaltungen (eingesehen am 7. März 2016).

[vi] Alexander Raoul Lohoff (2005): Annäherungen an eine volkliche Linke. Worum es gehen kann und worum nicht, ein unsystematischer Versuch, in: Volkslust, 2005, H. 2, S. 16–53, hier S. 47.

[vii] Peter Sloterdijk (2013): Im Schatten des Sinai. Fußnote über Ursprünge und Wandlungen totaler Mitgliedschaft, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

[viii] Sloterdijk 2013, 30.

[ix] Sloterdijk 2013, 36.

[x] Diesen Ausdruck leihe ich mir von Christoph Baumgarten (2014): Der Thilo Sarrazin der Alphabetisierten, humanistischer Pressedienst, 17.12.2014, http://hpd.de/artikel/10794?nopaging=1 (eingesehen am 07. März 2016).

 

Das Ende des Ludwig-Börne-Preises – Über den „post-humanistischen Denkraum“ des Peter Sloterdijk

Für Gerhard Oberschlick

 „Deutsche wie Affen wenden hundertmal eine Nuß in der Hand herum, ehe sie zu knacken. Sie spielen so lange damit, daß ihnen die Nuß oft entfällt, aber sie verlieren lieber die Frucht als die Geduld. Indessen haben sie gute ehrliche Zähne, und endlich kommen sie auf den Kern. Dieser Kern ist das Leben und die Schale das Buch. Man ist den Deutschen nicht willkommen, wenn man ihnen eine geschälte Nuß gibt, sie lieben das Krachen […]“

Ludwig Börne, 1821 (Aus dem Text „Der ewige Jude“)

 

Die Grundsteinlegung für das Stadtschloss in Berlin im Juni 2013, Angela Merkels biederfraulicher Nationalismus sowie die Vergabe des Ludwig-Börne-Preises am 16. Juni 2013 an den Philosophen Peter Sloterdijk zeigen nachdrücklich, dass dieses Land eine Zukunft für die Vergangenheit hat. Deutschland boomt. Seit dem ‚Fußball-Sommer‘ 2006 sieht man so viele Deutschlandfahnen, schwarzrotgoldene Aufkleber und Devotionalien an Balkonen, Autos, Häusern oder Kleidern wie noch nie. Laut einer internationalen Umfrage der BBC in über 20 Ländern ist Deutschland das beliebteste Land der Welt. Das zeigt z.B. wie wichtig und raffiniert Diplomatie und globale Werbekampagnen großer Unternehmen oder der Politik sind, und es zeigt ebenso dass wenige Menschen sich mit einem Land, seinen Bewohnern und seiner Sprache kritisch befassen. Kein Wunder: die wenigsten Interviewten werden Deutsch können und kaum jemand der Interviewten analysiert oder kritisiert deutsche Ideologie oder die politische Kultur in diesem Land der letzten Jahrzehnte.

 

Also zählt nur das Offenkundige: Seit 1945 hat Deutschland keinen Weltkrieg mehr angefangen und also sei es ein friedliches Land. Nach dem 11. September 2001 ist das Land zudem auf einem rot-grünen „deutschen Weg“ (früher hätte man es den Heideggerschen „Holzweg“ genannt), entgegen dem imperialistischen und bösen Amerika, wie die Braunen und Schwarzen anerkennend registrierten. Bravo, Germania, schallt es allenthalben.

 

2012 bekam die anti-israelische Agitatorin Judith Butler den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt.[ii] Mehr konnte der bekannteste Kopf der Kritischen Theorie kaum beleidigt werden. Und nun wieder eine Beleidigung für einen großen Denker, wenn abermals die Stadt Frankfurt am Main, die heimliche Bundeshauptstadt seit 1945, direkt involviert ist, Peter Sloterdijk den Ludwig-Börne-Preis zuzusprechen.

 

1999 forderte Sloterdijk in einer Rede auf Schloss Elmau „Regeln für den Menschenpark“, und meinte damit biologische und gentechnische ‚Möglichkeiten‘ der ‚Optimierung‘ von Einzelnen. Er umarmte sein Vorbild Martin Heidegger, der als „kleiner schlauer Mann aus Meßkirch“ liebkost wird, und dessen „Brief über den Humanismus“ von 1946 wie folgt:

„Denn indem Heidegger in dieser Schrift, die der Form nach ein Brief sein wollte, Bedingungen des europäischen Humanismus offenlegte und überfragte, eröffnete er einen trans-humanistischen oder post-humanistischen Denkraum, in dem sich seither ein wesentlicher Teil des philosophischen Nachdenkens über den Menschen bewegt hat.“

Sloterdijk weiter:

„Das Wort Humanismus muß aufgegeben werden, wenn die wirkliche Denkaufgabe, die in der humanistischen oder metaphysischen Tradition bereits als gelöste erscheinen wollte, in ihrer anfänglichen Einfachheit und Unausweichlichkeit wiedererfahren werden soll. Zuspitzend gesprochen: Wozu erneut den Menschen und seine maßgebliche philosophische Selbstdarstellung im Humanismus als die Lösung anpreisen, wenn sich gerade in der Katastrophe der Gegenwart gezeigt hat, daß der Mensch selbst mitsamt seinen Systemen metaphysischer Selbstüberhöhung und Selbsterklärung das Problem ist? Diese Zurechtrückung der Frage Beaufrets geschieht nicht ohne meisterliche Bosheit, denn sie hält, in sokratischer Manier, dem Schüler die in der Frage enthaltene falsche Antwort vor. Sie geschieht zugleich mit denkerischem Ernst, denn es werden die drei kuranten Hauptheilmittel in der europäischen Krise von 1945: Christentum, Marxismus und Existentialismus Seite an Seite als Spielarten des Humanismus charakterisiert, die sich nur in der Oberflächenstruktur voneinander unterscheiden – schärfer gesagt: als drei Arten und Weisen, der letzten Radikalität der Frage nach dem Wesen des Menschen auszuweichen.“

Die Rede von „metaphysischer Selbstüberhöhung“ möchte obsessiv wegführen von einer Analyse des Nationalsozialismus. Nicht deutsche Ideologie oder das Fortleben des Nationalsozialismus in der Demokratie werden hier in den Fokus genommen, vielmehr der Humanismus, gegen den die Deutschen im SS-Staat und im Zweiten Weltkrieg ohnehin gekämpft hatten. Sloterdijk unternimmt in seiner Elmauer Rede den Versuch, den Nationalsozialismus, den Zweiten Weltkrieg und die Shoah als spezifisch deutsche Verbrechen zu negieren, die Schuld auf den Humanismus oder die „metaphysische Selbstüberhöhung“ zu projizieren und zugleich die Befreier vom SS-Staat, hier: Amerika und die UdSSR, als Täter einer unheilvollen Welt zu bestimmen:

„Tatsächlich deutet Heidegger die geschichtliche Welt Europas als das Theater der militanten Humanismen; sie ist das Feld, auf dem die menschliche Subjektivität ihre Machtergreifung über alles Seiende mit schicksalhafter Folgerichtigkeit ausagiert. Unter dieser Perspektive muß sich der Humanismus als natürlicher Komplize aller nur möglichen Greuel anbieten, die im Namen des menschlichen Wohls begangen werden können. Auch in der tragischen Titanomachie der Jahrhundertmitte zwischen Bolschewismus, Faschismus und Amerikanismus standen sich – aus Heideggers Sicht – lediglich drei Varianten derselben anthropozentrischen Gewalt und drei Kandidaturen für eine humanitär verbrämte Weltherrschaft gegenüber – wobei der Faschismus aus der Reihe tanzte, indem er seine Verachtung für hemmende Friedens- und Bildungswerte offener als seine Konkurrenten zur Schau stellte. Tatsächlich ist Faschismus die Metaphysik der Enthemmung – vielleicht auch eine Enthemmungsgestalt der Metaphysik. Aus Heideggers Sicht war der Faschismus die Synthese aus dem Humanismus und dem Bestialismus – das heißt die paradoxe Koinzidenz von Hemmung und Enthemmung.“

Diese Rede von der „anthropozentrischen Gewalt“ verwischt oder leugnet, dass konkrete Menschen, Deutsche, Täter waren. Die Anthropologisierung von Gewalt ist seit 1945 ein probates Mittel deutsche Schuld zu negieren, indem sie universalisiert wird. Sei es ‚die Moderne‘ für den Poststrukturalismus, ‚der Kapitalismus‘ für viele Linke oder ,Bevölkerungspolitik mit anderen Mitteln‘ für modische Historiker, „anthropozentrische Gewalt“ für Sloterdijk oder natürlich die Noltesche Rede von der „asiatischen Tat“, die Hitler Recht gibt und den Zweiten Weltkrieg als präventives Mittel affirmiert: es gibt viele Möglichkeiten der Analyse des Spezifischen des Nationalsozialismus, des Antisemitismus und des präzedenzlosen Charakters des Holocaust auszuweichen sowie eine sekundär antisemitische Reaktionsweise zu generieren.

Bevor ich etwas detaillierter auf Heideggers „Brief über den Humanismus“ eingehe, noch ein Wort zu einem weiteren Text von Sloterdijk von 1999, „Die Kritische Theorie ist tot.“ Er schreibt zwei Briefe an Jürgen Habermas und Thomas Assheuer und regt sich fürchterlich darüber auf, dass Habermas die biopolitischen Zumutungen seiner Elmauer Rede („Regeln für den Menschenpark“) offenbar weniger gelassen hinnahm als erwartet, und kommt zum Kern neu-deutscher Ideologie seit 1989/1990:

„Die Ära der hypermoralischen Söhne von nationalsozialistischen Vätern läuft zeitbedingt aus. Eine etwas freiere Generation rückt nach.“

Diese „freiere Generation“ war just 1999, als Sloterdijk das schrieb, dabei, die erste neonationalsozialistische Terrorgruppe zu formieren, den „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU), der ab dem Jahr 2000 seine Mordserie mit zehn Morden, darunter an neun Migranten, begann. Vor allem jedoch ist Sloterdijk nur ein akademisch-philosophisches Echo von Walsers Paulskirchenrede von Oktober 1998 (wiederum in Frankfurt). Die „freiere Generation“, die Sloterdijk 1999 herbei schreibt, war seit Anfang der 1990er Jahre als „Selbstbewusste Nation“ der Neuen Rechten in Erscheinung getreten, dutzende Migrantinnen und Migranten, Linke, Obdachlose und andere wurde ermordet, von 1990 bis heute fielen in der Bundesrepublik ca. 150 Menschen Neonazis zum Opfer.

Der Karlsruher TV-Philosoph Sloterdijk sagte im Gespräch mit dem österreichischen „Standard“ am 27. November 2002:

„Man darf nicht vergessen, der 11. September ist ein Ereignis, das man in einer Unfallstatistik des Landes gar nicht wahrnehmen würde. Zwei- oder dreitausend Tote innerhalb eines Tages liegen innerhalb der natürlichen Varianz. Das ist die Sprache der Kälte der Statistiker, und die müsste im Grunde jene einer wissenschaftlichen Politikberatung sein. In Wirklichkeit läuft die Sache ganz andersherum: Es wird eine Angelegenheit, die gar nicht so hochrangig zu behandeln wäre, wie ein Weltkriegsgrund manipuliert. Das zeigt, dass hier eine hochneurotische, vielleicht sogar narzisstisch-psychotische Struktur verletzt worden ist.“

Unabhängig vom empirischen Schwachsinn dieses Satzes (in den USA starben im Jahr 2001 laut Statistik umgerechnet pro Tag ca. 115 Personen durch Verkehrsunfälle, doch was kümmern einen deutschen, ideologiegetränkten und vom Ressentiment gegen Amerika gleichsam überschäumenden Professor schon Fakten): diese Schadenfreude nach 9/11 teilte Sloterdijk mit weiten Teilen des deutschen Establishments, vom Antisemitismusexperten Wolfgang Benz über den Männerforscher Klaus Theweleit und die Berliner Politikerin Adrienne Goehler bis hin zur internationalen Fachzeitschrift „Die Welt des Islams“, die einen Text des syrischen Dissidenten Sadik al-Azm publizierte[iii], der diese Schadenfreude, ganz spontan und aus tiefstem Herzen, am 11. September 2001 während eines Gastaufenthalts in Japan verspürte und Mühe hatte, vor seinen geschockten japanischen Kollegen nicht los zu prusten. Linke in Berlin, Bremen oder Hamburg tranken „Bin Laden“-Cocktails an 9/11 und die PDS (Die Linke) faselte von „so was kommt von sowas“. Für Horst Mahler war es ein Festtag.

Für Sloterdijk sind die USA und Israel „Schurkenstaaten“. Heideggerisch gedacht, regen sich für Sloterdijk die USA oder Israel über Terroranschläge viel zu sehr auf, dabei ginge es gerade mal um 3000 ermordete, pulverisierte, verbrannte, zerquetschte oder zerfetzte Menschen, die einem Seinsdenker oder Zyniker, der immer nur nach dem „Sein“, dem „Wie“ und nicht dem „Was“ fragt, völlig schnuppe sind. Ganz ähnlich war der Systemtheoretiker Niklas Luhmann nur am Funktionieren von Systemen interessiert, am „Wie“ und nicht am „Was“, weshalb er einmal in einem Gespräch nicht die Nazi-Ideologie und das Unfassbare des Holocaust, vielmehr auf groteske Weise die vermeintliche Ähnlichkeit von amerikanischer Besatzungsbürokratie nach dem 8. Mai 1945 mit dem NS-Staat betonte.

 

Menschen mit Fehlern, mit Fanatismus und Hass, deutscher oder heute eher jihadistischer Lust am Morden mithin, werden eskamotiert, von Heidegger wie von Sloterdijk, die beide primär in (vorsokratischen) Blasen denken möchten.

 

Was aber hat es mit Heideggers Brief über den Humanismus auf sich?

“Der Mensch gilt als das animal rationale.“[iv] Für Heidegger hat die Metaphysik den Menschen zu einem zwar deutlich unterschiedenen, aber eben doch Lebewesen wie Tier und Pflanze gemacht.

„Die Metaphysik verschließt sich dem einfachen Wesensbestand, dass der Mensch nur in seinem Wesen west, in dem er vom Sein angesprochen wird.“[v]

Heidegger setzt in seinem berühmt-berüchtigten Brief über den Humanismus, welchen er 1946 geschrieben und wenig später, 1947, publiziert hat, mit einer Ideologie des Anti-Ismus ein und geriert sich als jenseits des Angesagten, Affirmativen stehend bzw. denkend. Das ist für Sloterdijk ein zentraler Aspekt: ein vorgeblicher anti-Ismus und ein Aufbruch zu „Neuem“.

 

Der folgenreiche Text Heideggers ist eine Antwort auf einen Brief von Jean Beaufret. Dieser hatte am 6. Juni 1944 begonnen Heidegger zu verstehen. Ja, am 6. Juni 1944, dem D-Day, jenem Tag der verlustreichen Landung der Alliierten in der Normandie. Die Meldung über diese Landung und die bevorstehende Befreiung Frankreichs und Europas vom Nationalsozialismus war Beaufret keine größere Freude wert, er war vielmehr wie gebannt von seiner Heidegger-Lektüre. Dieser historische Augenblick muss im Gedächtnis behalten werden: Die amerikanischen und britischen Soldaten landen an der Küste in Frankreich, wecken die größten Gefühle der Hoffnung auf Überleben bei den Opfern der Deutschen und ein französischer Denker freut sich darüber gar nicht wirklich, vielmehr ob seines „Verstehens“ der Heideggerschen Philosophie. Das ist der Ausgangspunkt für den Brief über den Humanismus.[vi]

Heidegger ist gegen den Humanismus allein schon, weil dieser ein „Ismus“ ist:

„Sie [also Beaufret, C.H.] fragen: Comment redonner un sens au mot ‘Humanisme’? Diese Frage kommt aus der Absicht, das Wort ‚Humanismus‘ festzuhalten. Ich frage mich, ob das nötig ist. Oder ist das Unheil, das alle Titel dieser Art anrichten, noch nicht offenkundig genug? Man misstraut zwar schon lange den ‚-ismen‘. Aber der Markt des öffentlichen Meinens verlangt stets neue.“[vii]

Die Kategorie des Seins wird von Heidegger hypostasiert, Sein sei letzter Grund allen Daseins. Die konkreten Gegenstände, jedes Seiende, ob Blume, Wasser oder Luft, von Menschen ganz zu schweigen, geraten hierbei ins Hintertreffen, ja sie werden weggeschoben. Wer das Seiende als zentral erachte, sei völlig daneben.

Der Philosoph Günther Anders (1902-1992) hat die Heideggersche Ideologie untersucht. Anders ist einer der frühesten Kritiker Heideggers. Schon 1929 hatte er, noch unter seinem bürgerlichen Namen Günther Stern, vor der Kantgesellschaft den Vortrag Die Weltfremdheit des Menschen gehalten. Die darin explizierte Unfestgelegtheit der Menschen wurde auch zu einem a priori des Philosophen Jean Paul Sartre und des französischen Existentialismus, by the way. Anders‘ Analyse des Heideggerschen Daseins aus dem Jahr 1946 ist wegweisend:

“Das Dasein hat keine Eltern, denn es ist ‚geworfen‘; es zerfällt nicht in Geschlechter; es zeugt nicht weiter; es hat keinen Leib. Weder ist es beherrscht noch herrscht es; es ist unpolitisch; es kennt keine Rechte, keine Pflichten; weder Kultur noch Natur; es freut sich nicht; es liebt niemanden und nichts; mit keiner Gruppe solidarisiert es sich; es hat keinen Freund, kurz: es ist ein hoffnungslos amputiertes Dasein, das die wirklichen Fragen, d.h. die wirklichen Schwierigkeiten unseres Daseins schon deshalb nicht beantworten kann, weil es sie gar nicht fragt.“[viii]

Das träfe auch auf Sloterdijk zu: sein „Dasein“, das sich so äquidistant gibt, jenseits von „Ismen“, liebt nicht und will nicht geliebt werden, daher womöglich auch der Wunsch nach teilweiser genetischer Planbarkeit von Einzelnen im „Menschenpark“.

Günther Anders zeigt auf einen zentralen Aspekt bei Heidegger: jener fragt gar nicht nach dem Seienden, er wie auch Sloterdijk (auf seine Weise) kratzen gewissermaßen da, wo es gar nicht juckt, beim Sein oder den Sphären. Die neuzeitliche Philosophie seit Descartes sei dem Humanismus verpflichtet gewesen, so der schwarz- oder hinterwäldlerische Denker aus dem Breisgau. Ja, schlimmer noch: Seit dem Niedergang der Vorsokratiker und dem Erscheinen von Plato und dann Aristoteles auf der Welt seien die Metaphysik und somit der Mensch in den Mittelpunkt gerückt. Wie schrecklich!

Wirklich ursprünglich können nur Vorsokratiker – nicht alle Griechen, nur diese ursprünglich ‚Wesenden‘ – sein und natürlich die Deutschen (die meisten, bis auf Goethe und Schiller, z.B.). Heidegger setzt einfach:

„Der Humanismus fragt bei der Bestimmung der Menschlichkeit des Menschen nicht nur nicht nach dem Bezug des Seins zum Menschenwesen. Der Humanismus verhindert sogar diese Frage, da er sie auf Grund seiner Herkunft aus der Metaphysik weder kennt noch versteht.“[ix]

Geschichte wird bei Heidegger nicht gemacht, vielmehr geschickt, vom Sein. Diese Lächerlichkeit vermochte es jedoch nicht, ihn zu diskreditieren, vielmehr ist diese anti-subjektive Philosophie der Renner geworden, zumal nach 1945, zuerst in Frankreich und dann auch in Deutschland und weit darüber hinaus. Die bürgerliche Gesellschaft spricht gern und obsessiv vom ‚Sachzwang‘, was als eine Art Trivialisierung des tagtäglich geschickten Seins betrachtet werden könnte.

Was es konkret heißt, dass Menschen keineswegs als Täter zu begreifen sind, wie es z. B. angemessen wäre bezüglich der deutschen Soldaten im Vernichtungskrieg der Wehrmacht, zeigt dieser deutsche Denker. Die deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg waren keineswegs am Humanismus interessiert, wie Heidegger bald hervorheben wird, allerdings nur unter der Prämisse, dass jene Soldaten Hölderlin, einen für Heidegger wahren Deutschen und Denker, kannten:

“Das Sein als das Geschick, das Wahrheit schickt, bleibt verborgen. Aber das Weltgeschick kündigt sich in der Dichtung an, ohne dass es schon als Geschichte des Seins offenbar wird. Das weltgeschichtliche Denken Hölderlins, das im Gedicht ‚Andenken‘ zum Wort kommt, ist darum wesentlich anfänglicher und deshalb zukünftiger als das bloße Weltbürgertum Goethes.“[x]

Wenige Monate nach dem Ende des Nationalsozialismus will der nationalsozialistische Denker, der nicht nur wegen seines NSDAP-Parteibeitrags, den er regelmäßig zahlte, ein echter Nazi war, vielmehr philosophisch den Nationalsozialismus vordachte (schon in „Sein und Zeit“, 1926) und ab 1933 aktiv gestaltete, Semester für Semester, „anfänglicher und deshalb zukünftiger“ denken und keinesfalls weltoffen. Er wollte wieder und immer noch partikulare Verstocktheit predigen und gegen das „Weltbürgertum“ aufwiegeln. Was soll „bloßes Weltbürgertum“ heißen? Soll schon wieder wie zu Nazi-Zeiten das ‚Anfängliche, Bodenständige, Reaktionäre‘ als das ‚Moderne‘ und ‚Zukunftsträchtige‘ ausgegeben werden? Erinnern jedenfalls will Heidegger seine deutschen Soldaten der Wehrmacht, die noch „anfänglich“ oder „ursprünglich“ gedacht hätten und im altgriechischen und neudeutschen Denken zugleich für den Vernichtungswahn gegen die Juden gern ihr Leben ließen. Unmittelbar nach der oben zitierten Passage gegen das „bloße Weltbürgertum“ Goethes heißt es:

„Aus demselben Grunde ist der Bezug Hölderlins zum Griechentum etwas wesentlich anderes als Humanismus. Darum haben die jungen Deutschen, die von Hölderlin wussten, angesichts des Todes Anderes gedacht und gelebt als das, was die Öffentlichkeit als deutsche Meinung ausgab.“[xi]

Peter Sloterdijk bezieht sich 1999 bewusst auf diesen „Brief über den Humanismus“ von Heidegger und applaudiert somit subkutan noch Jahrzehnte später den Wehrmachtssoldaten und anderen „jungen Deutschen“, die im Sinne Heideggers „von Hölderlin wussten“ als sie die Juden massakrierten oder vergasten.

Heidegger möchte „seine“ deutschen Soldaten retten und Sloterdijk hilft ihm dabei, das ‚elende Gejammere über die Shoah‘, wie es für ihn Jürgen Habermas und die Kritische Theorie repräsentieren, zu überwinden. Die jungen deutschen Soldaten, so Heidegger 1946, hätten gar nicht das gedacht, was „die Öffentlichkeit“ dachte und als „deutsche Meinung“ ausgab. Vielmehr seien diese Soldaten offenbar für die „Würde“ des Seins gestorben, denn sie seien – so sie Hölderlin kannten, laut Heidegger – gerade nicht im Sinne des Humanismus gestorben. Damit reklamiert der Schwätzer aus Meßkirch die deutschen Soldaten für sich und seine Schule, ja die deutschen Landser erscheinen als die wahren Recken im Kampf für das Sein und gegen den Humanismus (und die Juden).

Dann sagte Heidegger 1949 in einem seiner Bremer Vorträge Folgendes:

„Ackerbau ist jetzt motorisierte Ernährungsindustrie, im Wesen das Selbe wie die Fabrikation von Leichen in Gaskammern und Vernichtungslagern (…)“[xii]

Diese Art, den Holocaust zu trivialisieren, ist typisch für den sekundären Antisemitismus, jenen nach Auschwitz.

Die Menschen sind für Heidegger „Hirte[n] des Seins“[xiii], wie es 1946 heißt, und das Sein ist ja ‚Geschick‘. Die deutschen Soldaten der Wehrmacht werden geehrt – die beiden Söhne Heideggers waren Soldaten für Nazi-Deutschland -, die Opfer des Nationalsozialismus und deutschen Vernichtungswahns nicht einmal erwähnt. Aber Heidegger ist geschickt genug, dies etwas zu verpacken und zu raunen:

„Weil gegen den ‚Humanismus‘ gesprochen wird, befürchtet man eine Verteidigung des In-humanen und eine Verherrlichung der barbarischen Brutalität.“[xiv]

Heidegger insinuiert, er sei gar kein Menschenfeind, und wird von Sloterdijk sekundiert. Diese rhetorische Floskel jedoch, die vorgibt die „barbarische Brutalität“ nicht zu „verherrlichen“, dementiert sich selbst. Die Ablehnung von Metaphysik als vom Menschen ausgehende Denkbewegung, die Subjektivität basal in sich trage, führt den deutschen philosophischen Vordenker der Vernichtung, der schon vor 1933 zum Tode vorlief[xv], hierzu:

„Mit dem Heilen zumal erscheint in der Lichtung des Seins das Böse. Dessen Wesen besteht nicht in der bloßen Schlechtigkeit des menschlichen Handelns, sondern es beruht im Bösartigen des Grimmes. Beide, das Heile und das Grimmige, können jedoch im Sein nur wesen, insofern das Sein selber das Strittige ist.“[xvi]

Eine bessere Ent-Schuldung der Deutschen ist gar nicht formulierbar. Das Sein, was auch immer das sei, sei „strittig“ und sich nicht sicher, ob es „das Heile“ oder „das Grimmige“ schicken soll. Egal, was auch immer geschickt wird, es ist das Sein. Das ist Antisubjektphilosophie, welche die Verbrechen und Verbrecher reinwäscht und „das Böse“ nicht aus Handlungen kommen sieht, von Einzelnen gar oder einer SS-Einheit, vielmehr als dem Wesen des Seins inhärent betrachtet.

Daran anschließend formuliert der Seinsdenker Heidegger diese Entschuldung aller deutschen Verbrecher noch etwas präziser, in seinem existenz-ontologischen Jargon:

„Zu fragen bleibt, ob denn nicht, gesetzt daß Denken zur Ek-sistenz gehört, alles ‚Ja‘ und ‚Nein‘ schon eksistent ist in die Wahrheit des Seins. Ist es diese, dann sind ‚Ja‘ und ‚Nein‘ in sich schon hörig auf das Sein. Als diese Hörigen können sie niemals dasjenige erst setzen, dem sie selber gehören.“[xvii]

Sprich: diejenigen, welche das Gas in die Gaskammern von Auschwitz-Birkenau warfen, konnten gar nicht anders, weil sie dem „Sein“ gehören, ja sie sind „hörig“ gewesen. Weder „Ja“ noch „Nein“ hätten daran etwas geändert.

In Sloterdijks Rekurs auf Heidegger von 1999 sowie in seinen ungeheuerlichen, abstoßenden Bemerkungen von 2002 steckt die antiamerikanische Ideologie des „deutschen Weges“ oder der „pränatalen Selektion“ (Sloterdijk).[xviii] Das haben die extremen Rechten umgehend erkannt.[xix] Heute werden allenthalben, zumal nach 9/11, deutsche Wege[xx] gesucht, in explizitem Gegensatz zu den Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Jahr nach dem 11. September 2001 ‚erkannte‘ die extrem rechte „Junge Freiheit“ sehr treffsicher, es sei frappierend, dass gerade unter Rot-Grün ein deutscher Weg vorgeschlagen wird – Kronzeuge ist Peter Sloterdijk:

„Interessant ist daher ein Interview, das der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk kürzlich dem Wiener Magazin Profil gegeben hat. Sloterdijk, der sich als Grün-Wähler vorstellte (…), bekannte sich zu Schröders ‚deutschen Weg‘. (…) Auch Schröders USA-Kritik stellt Sloterdijk in einen nationaldeutschen Kontext. Der Kanzler habe signalisiert, daß in den deutsch-amerikanischen Beziehungen ein neues Kapitel aufgeblättert werden müsse: weg von der bisherigen Vasallenposition. Der Philosoph greift den von Bush geprägten Begriff der ‚rogue states‘ auf (…). (…) für ihn seien die USA und Israel ‚rogue states‘, weil sich beide aus ihrem Selbstverständnis heraus nicht in die internationale Staatengemeinschaft einordnen wollten. Zum 11. September meinte er, hier seien ‚Autohypnose‘ und ‚Hysterisierung‘ am Werk. (…) Niemand im deutschen Vaterlande (ist dieses Wort überhaupt noch erlaubt?) fiel es ein, wenigstens die Frage zu stellen, warum auf der Linken (aus welchen Motiven auch immer) plötzlich das nationale Thema gefragt ist – während Bürgertum und C-Parteien beredt schweigen.“[xxi]

2005 sprach auch der damalige Feuilletonchef der Tageszeitung „Die Welt“, Eckhard Fuhr, vom deutschen „Vaterland“ der „Berliner Republik“.[xxii] Solch wieder erwachtes nationales Pathos korreliert intensiv mit einem Antiamerikanismus. Fuhr spricht sich zwar nicht gegen den ‚jüdischen Bolschewismus‘, dafür gegen den heutigen „Freiheits-Bolschewismus“[xxiii] der USA aus.

2004 folgte die neu-rechte Postille „Volkslust“ Sloterdijks anti-antifaschistischem Furor und seiner Sehnsucht nach dem Ende der Ära der „hypermoralischen Söhne“ – oder Töchter:[xxiv]

„Darüber hinaus fordern uns die volklichen Veränderungen geradezu heraus, daß wir nach unseren ureigenen Wurzeln, nach unserer ureigenen Identität suchen. Genauso wichtig wie der Blick auf unsere nicht mehr nur ‚reindeutsche‘ Zukunft ist es, unseren Kindern aufzuzeigen, wer oder was sie sind, was Deutschland eigentlich ist. Diese Frage bleibt weiterhin offen. Unsere Kinder sollen nicht mehr verschämt zu Boden blicken, wenn sie jemand fragt, woher sie kommen und sie sollen sich im Klaren darüber sein, daß die deutsche Geschichte nicht nur aus Auschwitz und Buchenwald besteht.“[xxv]

Die Position, „daß die deutsche Geschichte nicht nur aus Auschwitz und Buchenwald“ bestehe, ist heute kein genuin rechtsextremer Standpunkt mehr (so er es je war) im geschichtspolitischen ‚Diskurs‘, vielmehr ist diese Auffassung seit Mitte der 1970er Jahre allmählich und offensiv Allgemeingut geworden. Die Neuen Rechten begrüßen natürlich diese nationalen Tendenzen und Sloterdijk ist einer ihrer Kronzeugen, neben Walser und Grass, der nicht nur 2012 ein antisemitisches Gedicht, vielmehr schon früher deutschnational schrieb; „Volkslust“ honorierte diese allzu Deutschen:

„Was im ‚Historikerstreit‘ u. a. zwischen Ernst Nolte und Jürgen Habermas schon auftauchte, setzte sich in anschließenden geschichtspolitischen Debatten um die angemessenen Erinnerungskulturen fort, in denen über Sinn und Zweck der ›Vergangenheitsbewältigung‹ gestritten wurde. Dazu gehören Martin Walsers Aufruhr gegen die ‚Auschwitzkeule‘, die ‚patriotischen‘ Beiträge eines Günther Grass, der schließlich auch in jener ‚Vertreibungsdebatte‘ seine Stimme erhob, das neue Sprechen über den Bombenkrieg also und die Opferdimension der deutschen Selbstwahrnehmung, Sloterdijks starke Töne vom ‚Tod‘ einer moralisierenden (Post-)Kritischen Theorie und dem Anbruch einer neuen Epoche ironisch-gelassenen Weiterdenkens. Dazu gehören popkulturelle Phänomene wie die Elektropunkband ‚Mia‘ mit ihrer sensibel-‚nationalen‘ Variation des Erich Fried Gedichtes ‚Was es ist‘, Paul van Dyks und Peter Heppners Lied ‚Wir sind wir‘, skurrile Debatten um ‚Deutschquoten‘ im Rundfunk und vieles mehr.“[xxvi]

Vor diesem Hintergrund ist es so bezeichnend wie untragbar, dass Peter Sloterdijk den Ludwig-Börne-Preis erhält. Es ist eine Farce und ein Skandal, da somit präfaschistische Biopolitik, neudeutsche Unverschämtheit und altdeutsches Raunen zu Ehren kommen, die zwar zur gegenwärtige Lage in der Bundesrepublik passen, aber Ludwig Börne völlig zuwider wären.

Henryk M. Broder wird seinen Ludwig-Börne-Preis aus Protest gegen die Preisverleihung an Sloterdijk zurückgeben. Es wäre ein weiteres Zeichen intellektueller Redlichkeit wenn Salomon Korn, der im überschaubaren Vorstand der Ludwig-Börne-Stiftung sitzt, diesen Posten unter Protest abgeben würde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Korn, ein Kritiker des Antisemitismus und deutscher Zumutungen (jedenfalls mancher), Sloterdijk auch nur im Geringsten schätzt. Und somit war es ein historischer Fehler, Hans Ulrich Gumbrecht als Laudator für den diesjährigen Börnepreis zu wählen, hat doch Gumbrecht nicht zuletzt mit seinem affirmativen Bezug auf den präfaschistischen Ernst Jünger in seinem Buch „1926. Ein Jahr am Rand der Zeit“ dem postmodernen oder kulturrelativistischen Kokettieren mit jenen, die die Demokratie, die Weimarer Republik zerstören halfen und somit dem antisemitischen Mordsregime des SS-Staates freudig den Weg bahnten, gezeigt, wie problematisch er selbst zu denken pflegt.[xxvii] Dass Gumbrecht dann Sloterdijk auswählte ist nur konsequent und zeigt, dass auch ein jahrelanger Aufenthalt in USA oder die amerikanische Staatsbürgerschaft aus einem Deutschen noch keinen Denker oder gar Kritiker machen muss. Schon 2008 hat Gumbrecht in einer Laudatio auf Sloterdijk, dem der „Lessing-Preis für Kritik“ verliehen wurde, seinen Freund auf fast schon peinlich-demütigende Art und Weise umschlungen und gepriesen, Heideggers enormen Einfluss auf Sloterdijk hervorgehoben ohne den Hauch von Distanz zum anti-humanen ‚Denker‘ Heidegger, und in der überarbeiteten Druckversion auch explizit und mit Verve Sloterdijks „Regeln für den Menschenpark“ gewürdigt.[xxviii]

Börne oder eine/r, die oder der einigermaßen in seinen Fußstapfen zu gehen in der Lage wäre, heute, würde allein schon beim Gebrauch des Wortes „Menschenpark“ laut aufschreien. Doch Gumbrecht und das kulturindustrielle, politische und wissenschaftliche Establishment der Bundesrepublik, der Kritiker Ralf Frodermann würde vom „quasselindustriellen Komplex“ reden, goutieren diese in Sprachform gezwungene Menschenverachtung des post-humanen Autors. Die Wahl Gumbrechts zeigt zudem wie ungemein originell die Idee der Börnestiftung war, ihn als Laudator auszuwählen und Gumbrecht zeigt seinen Einfallsreichtum, fünf Jahre später wieder sein Vorbild Sloterdijk zu würdigen.

Was sind die Kennzeichen des nationalen Apriori im heutigen Deutschland?

Walser[xxix] und Gauck[xxx], Grass[xxxi] und J. Augstein, der sich gegen Israel und hinter den Ex-SS-Mann stellt, sowie das posthumanistische Doppel Sloterdijk/Gumbrecht stehen exemplarisch für 1) Erinnerungsabwehr an die Shoah, 2) Antizionismus und Schuldumkehr sowie gleichsam 3) auf der Metaebene für den „post-humanistischen Denkraum“, das Promoten von Heidegger in Zeiten der Post-Postmoderne, die Abkehr vom Subjekt, den Hass auf den Humanismus und das Ressentiment auf Amerika und Israel. Selbst wenn Gumbrecht nicht jedes Ressentiment seines Duzfreundes teilt, applaudiert er doch nonstop dem ganzen Sloterdijk und promotet dadurch dessen Ressentiments.

Börne war ein Polemiker und Kritiker des Zeitgeistes, Sloterdijk ist ein Zyniker und Großaffirmator. Jihadistischer Massenmord wie an 9/11 gereicht dem Börnepreisträger zu einer Gefühlskälte und zu Schadenfreude, die die übliche bürgerliche Kälte atomisierter Arbeitskraftbesitzer fast schon als kuschlig-warm erscheinen lässt und in der Tat für typisch deutsche Sekundärtugenden spricht, die auch zu einer erneuten Art Posener Rede führen könnte, wie Broder 2002 kritisierte. Sloterdijk macht die deutsche Schuld am Holocaust zu einem Problem des Humanismus und verallgemeinert das Spezifische und Präzedenzlose der deutschen Verbrechen. Das kommt gut an, nicht nur bei der Börnestiftung, auch bei der „Jungen Freiheit“ oder der „Volkslust“.

Die neu-deutsche Ideologie Sloterdijks folgt der altdeutschen. Sloterdijk transponiert den Jargon Heideggers ins 21. Jahrhundert. Der Karlsruher Universitätsangestellte gefällt sich selbst im „post-humanistischen Denkraum“. Lächelnd wird das Ende des Menschen beklatscht, nicht nur in Frankfurt. Stolz auf Deutschland und seine moralfreie Jugend, die den von Sloterdijk herbei geschrienen Tod der Kritischen Theorie zelebriert und wieder fröhlich den Wehrmachtsopas gedenkt und die BDM-Omas tätschelt oder besonders schöne Vergiss-Mein-Nicht auf dem Friedhof pflanzt: Das sind die Formen des nationalen Apriori, 2013.

Der diesjährige Ludwig-Börne-Preisträger zeigt geradezu paradigmatisch, wie sekundärer Antisemitismus funktioniert: Peter Sloterdijk propagiert einen „post-humanistischen Denkraum“ und möchte mit Heidegger den Humanismus für den SS-Staat und den Holocaust verantwortlich machen und die Deutschen entschulden. Schuldabwehr und Schuldprojektion gehen Hand in Hand. Amerika und Israel werden von Sloterdijk 2002 nicht nur klammheimlich oder verdruckst (wie von sehr vielen Deutschen), vielmehr ganz offen und aggressiv als „Schurkenstaaten“ diffamiert und dafür wird er seither gleich mehrfach mit Preisen ausgezeichnet. Das sagt alles über die Eliten wie die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland im frühen 21. Jahrhundert aus, im Zeitalter nach 9/11.

 

Der Verfasser, Dr. phil. Clemens Heni, ist Direktor des Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA), www.bicsa.org, und studierte in den 1990er Jahren am Philosophischen Seminar der Universität Tübingen.

 

 

 


[i]

[ii] Das könnte gleichwohl auch ein Grund sein, warum Deutschland so geliebt wird, wenngleich die Mehrzahl der eher einfach strukturierten und zufällig ausgewählten internationalen Interviewpartner, Butler nicht kennen dürfte, die Elite oder politische Aktivisten in vielen Ländern jedoch sehr wohl.

[iii] Sadik J. Al-Azm (2004): Islam, Terrorism and The West Today, „Die Welt des Islams“, Vol. 44, Nr. 1, S. 114–128.

[iv] Martin Heidegger (1946)/1967: Brief über den Humanismus, in: ders. (1967): Wegmarken, Frankfurt a. M.: Vittorio Klostermann, S. 145-194, hier S. 153.

[v] Ebd.: 155.

[vi] Vgl. Hassan Givsan (1998): Heidegger – das Denken der Inhumanität. Eine ontologische Auseinandersetzung mit Heideggers Denken, Würzburg: Königshausen & Neumann, S. 359f. Beaufret war später auch ein Freund des Holocaustleugners Robert Faurisson, vgl. ebd.: 360.

[vii] Heidegger 1946: 147.

[viii] Günther Anders (1946)/2001: Nihilismus und Existenz, in: ders. (2001): Über Heidegger. Herausgegeben von Gerhard Oberschlick in Verbindung mit Werner Reimann als Übersetzer. Mit einem Nachwort von Dieter Thomä, München: Verlag C.H. Beck, S. 39-71, hier S. 50.

[ix] Ebd.: 153.

[x] Ebd.: 170.

[xi] Ebd.

[xii] Martin Heidegger (1949): Einblick in Das Was Ist. Bremer Vorträge 1949, ders. (1949a): Bremer und Freiburger Vorträge, Gesamtausgabe Band 79, Frankfurt a.M.: Vittorio Klostermann, S. 3-77, hier S. 27.

[xiii] Anders 1946: 172.

[xiv] Ebd.: 176f.

[xv] „Die Charakteristik des existenzial entworfenen eigentlichen Seins zum Tode läßt sich dergestalt zusammenfassen: Das Vorlaufen enthüllt dem Dasein die Verlorenheit in das Man-selbst und bringt es vor die Möglichkeit, auf die besorgende Fürsorge primär ungestützt, es selbst zu sein, selbst aber in der leidenschaftlichen, von den Illusionen des Man gelösten, faktischen, ihrer selbst gewissen und sich ängstenden Freiheit zum Tode“ (Martin Heidegger (1926)/1953: Sein und Zeit, siebte, unver. Aufl., Tübingen: Max Niemeyer Verlag, S. 266). Die folgende Passage macht noch deutlicher, wie Schicksal, Tod und Dasein sich zu einem völkischen Knäuel verbinden. Es ist bezeichnend, dass wesentliche Vertreter der Philosophie des 20. Jahrhunderts wie Hannah Arendt, Jürgen Habermas, Jacques Derrida, Hans-Georg Gadamer oder auch Michel Foucault solche Passagen des rein zeitlich vor-nazistischen Heidegger schlicht überlesen haben – oder eben affirmiert. Denn in folgender Textstelle aus Sein und Zeit ist Heideggers Denken deutlich dem deutschen Neuen Nationalismus der Weimarer Republik verpflichtet. Sie indiziert den Wunsch eine Demokratie zu zerstören, um eine schicksalhafte, todessehnsüchtige Seinsdiktatur zu errichten bzw. sich einfach ‚schicken‘ zu lassen: „Das Dasein kann nur deshalb von Schicksalsschlägen getroffen werden, weil es im Grunde seines Seins in dem gekennzeichneten Sinne Schicksal ist. Schicksalhaft in der sich überliefernden Entschlossenheit existierend, ist das Dasein als In-der-Welt-sein für das ‚Entgegenkommen‘ der ‚glücklichen‘ Umstände und die Grausamkeit der Zufälle erschlossen. (…) Wenn das Dasein vorlaufend den Tod in sich mächtig werden läßt, versteht es sich, frei für ihn, in der eigenen Übermacht seiner endlichen Freiheit, um in dieser, die je nur ‚ist‘ im Gewählthaben der Wahl, die Ohnmacht der Überlassenheit an es selbst zu übernehmen und für die Zufälle der erschlossenen Situation hellsichtig zu werden. Wenn aber das schicksalhafte Dasein als In-der-Welt-sein wesenhaft im Mitsein mit Anderen existiert, ist sein Geschehen ein Mitgeschehen und bestimmt als Geschick. Damit bezeichnen wir das Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes. Das Geschick setzt sich nicht aus einzelnen Subjekten zusammen, sowenig als das Miteinandersein als ein Zusammenvorkommen mehrerer Subjekte begriffen werden kann. Im Miteinandersein in derselben Welt und in der Entschlossenheit für bestimmte Möglichkeiten sind die Schicksale im vorhinein schon geleitet. In der Mitteilung und im Kampf wird die Macht des Geschickes erst frei“ (ebd.: 384). Diese völkische Ontologie, die ein „Miteinandersein“ als a priori setzt und nicht dem politischen Willen, Vernunft gar, unterstellt, ist Kernbestandteil nationalsozialistischer Weltanschauung. Zum Versagen der Philosophie des 20. Jahrhunderts am Beispiel der Philosophie Heideggers, des ganzen Heideggers, vgl. Hassan Givsan (1998a): eine bestürzende Geschichte: Warum Philosophen sich durch den „Fall Heidegger“ korrumpieren lassen, Würzburg: Königshausen & Neumann; dieses dünne Buch ist eine Fußnote zu Givsan 1998.

[xvi] Heidegger 1946: 189.

[xvii] Ebd.: 190.

[xviii] Peter Sloterdijk (1999): Regeln für den Menschenpark. Ein Antwortschreiben zu Heideggers Brief über den Humanismus, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, hier S. 46.

[xix] Der folgende Abschnitt ist großteils aus Clemens Heni (2007): Salonfähigkeit der Neuen Rechten. ‚Nationale Identität‘, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970 – 2005: Henning Eichberg als Exempel, Marburg: Tectum, S. 22f.

[xx] So Egon Bahr (2003): Der deutsche deutsche Weg. Selbstverständlich und normal, München (Karl Blessing); Werner Abelshauser (2003): Kulturkampf. Der deutsche Weg in die Neue Wirtschaft und die amerikanische Herausforderung, Berlin: Kulturverlag Kadmos.

[xxi] Carl Gustaf Ströhm (2002): Deutscher Weg. Plötzlich verkehrte Fronten, in: Junge Freiheit, Nr. 41, 04. Oktober 2002.

[xxii] Eckhard Fuhr (2005): Wo wir uns finden. Die Berliner Republik als Vaterland, Berlin: Berlin Verlag. „Übrigens ist die SPD auch heute noch die einzige demokratische Partei, bei der das ›D‹ für Deutschland steht“ (ebd.: 149).

[xxiii] Ebd.: 110.

[xxiv] Dieser Abschnitt ist aus Heni 2007, 418.

[xxv] Anna Helena Wegner (2004): Identität, Migration und neue Kultur, in: Volkslust, 2004, H. 1, S. 34–35, hier S. 35.

[xxvi] Alexander Raoul Lohoff (2005): Annäherungen an eine volkliche Linke. Worum es gehen kann und worum nicht, ein unsystematischer Versuch, in: Volkslust, 2005, H. 2, S. 16–53, hier S. 47.

[xxvii] Der Romanist und Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht liebäugelt mit Ernst Jüngers Spiel ›Den-Boden-unter-den-Füßen-verlieren‹, wenn er Jüngers nekrophile Kriegsbeschreibungen mit den ›Erlebnissen‹ von Matrosen und Schiffspassagieren im Jahr 1926 gleichsetzt, vgl. Hans Ulrich Gumbrecht (1997)/2001: 1926. Ein Jahr am Rand der Zeit. Übersetzt von Joachim Schulte, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 358.

[xxviii] Hans Ulrich Gumbrecht (2008)/2009: In der Welt sein und auf der Bühne stehen. Die intellektuelle Physiognomie von Peter Sloterdijk, in: Marc Jongen/Sjoerd van Tuinen/Koenraad Hemelsoet (Hg.), Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk, München: Wilhelm Fink, S. 19-28, hier S. 23.

[xxix] „Auschwitz eignet sich nicht dafür, Drohroutine zu werden, jederzeit einsetzbares Einschüchterungsmittel oder Moralkeule (…)“.

[xxx] Gauck sagte 2006: „Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocaust. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn“.

[xxxi] „Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?“

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