Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Schlagwort: Iran Seite 1 von 2

Ein finnischer Fußballer mit Anstand, ein vulgärer Bayern-Star und eine lächelnde Professorin der FU Berlin in Teheran

Von Dr. phil. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

 

Im Januar 2019 weigert sich der finnische Fußball-Nationalspieler Riku Riski zu einem Trainingslager der finnischen Nationalmannschaft nach Katar zu fliegen. Das ist ein herausragendes, ja fast einzigartiges Beispiel für einen selbst denkenden Leistungssportler und für Kritik an einem menschenverachtenden Regime. Riski riskiert damit seine weitere Karriere in der Nationalmannschaft. Er zeigt Anstand und ist angewidert von den vielen Toten, die schon jetzt auf den unsäglichen Baustellen zur geplanten Fußball WM 2022 unter den Augen der fußballgeilen westlichen Welt in Katar zu beklagen sind. Von der Korruption in der FIFA, den TV-Werbeverträgen der kapitalistischen Welt, der Ignoranz der kulturindustriell verblödeten Massen zu sich zu-Tode-arbeitenden asiatischen Arbeitern in Katar ist es nur ein Mausklick.

Der Autor der Zeitung Freitag, Timo al-Faroog, ist ganz begeistert über kopftuchtragende Frauen in Schweden, wie er nach Ankunft eines Fluges mit dem „garantiert judenreinen Unternehmen Qatar Airways von Doha“ in Stockholm schrieb, wie das Blog tw24 sarkastisch kommentiert. Katar is also en vogue.

Es wundert daher nicht, dass dem FC Bayern München diese Baustellen-Toten nichts ausmachen und er auch dieses Jahr in der islamistischen, mörderischen BaustellenHölle von Katar sein Trainingslager bezieht. München hat auch einen Franck Ribéry, der zusammen mit seiner Frau einem Sohn den Namen „Saif al-Islam“ oder auf Deutsch „Schwert des Islam“ gab (was unter Kindesmisshandlung fallen sollte). Angesichts von Kritik an seinem Verzehr von einem goldblattverzierten Steak für 1200€ in einem Restaurant pöbelt er auf vulgärste Weise, betont auch hier seine fanatische muslimische Religiosität und zeigt auf unfassbare Art und Weise, was für Vergewaltigungsfantasien er hat (Ribéry schrieb auf Twitter auf Französisch, Übersetzung und Text von n-tv):

„‘Beginnen wir mit den Neidern und Hatern, die durch ein löchriges Kondom entstanden sein müssen: F**** eure Mütter, eure Großmütter und euren gesamten Stammbaum.‘ Er schulde den Menschen überhaupt nichts, schrieb er weiter und fügte an, dass er seinen Erfolg vor allem Gott, sich selbst und seinen Vertrauten, die an ihn geglaubt haben, zu verdanken habe“.

Der Bayern-„Star“ zeigt sich als Wiederholungstäter (vor Jahren hatte er mit einer minderjährigen Prostituierten Sex, in Frankreich darf er laut einem Gerichtsurteil als „Abschaum“ bezeichnet werden). Dass ein solcher Typ wöchentlich im Fernsehen zu sehen ist und weder die Fans des FC Bayern Anstand haben und seinen Rauswurf fordern mit hunderten Transparenten vor jedem Spiel, verwundert nicht und schockiert doch. Auch die ARD Sportschau oder das ZDF Sportstudio zeigen Bilder dieses Typen weiterhin einfach so.

Niemand hat den Anstand oder Mut, Auftritte von Franck Ribéry zu zensieren, weil Männer mit solchen Gewaltfantasien nichts in der Öffentlichkeit, schon gleich gar nicht im Massenmedium Fernsehen, im Internet oder im Stadion zu suchen haben.

Blick zurück in den Februar 2018. Anfang Februar 2018 erhielt die Professorin für Arabistik an der Freien Universität Berlin, Regula Forster, den Preis für das „Buch des Jahres“ der Islamischen Republik Iran. Die Tehran Times war ganz begeistert und zeigt die lachende verschleierte Forster und den schelmisch grinsenden Hasan Rouhani, den iranischen Präsidenten, der einen großen Coup gelandet hat.

Die Freie Universität war stolz wie selten und postete ein Bild der Preisübergabe auf der offiziellen Seite der FU Berlin auf Englisch und Deutsch.

Screenshot

Was sagt Amnesty International über den Iran 2017/18?

„Gewalttaten gegen Frauen und Mädchen, wie häusliche Gewalt und Früh- und Zwangsverheiratungen, waren weit verbreitet und wurden nicht geahndet. Geschlechtsspezifische Gewalt war weiterhin nicht strafbar. Ein entsprechender Gesetzentwurf war seit 2012 anhängig. Das gesetzliche Heiratsalter für Mädchen lag nach wie vor bei 13 Jahren. Väter und Großväter konnten bei Gericht eine Erlaubnis einholen, wenn sie Mädchen noch früher verheiraten wollten.

Der Wächterrat ließ keine der 137 Frauen, die bei der Präsidentschaftswahl antreten wollten, für eine Kandidatur zu. Nach der Wahl berief Präsident Rohani keine Frau in sein Kabinett, trotz entsprechender Forderungen aus der Zivilgesellschaft.

Aufgrund des gesetzlichen Zwangs, ein Kopftuch (Hidschab) zu tragen, standen Frauen im Visier von Polizei und paramilitärischen Kräften. Sie wurden schikaniert und festgenommen, wenn Haarsträhnen unter ihrem Kopftuch hervorschauten, wenn sie stark geschminkt waren oder enganliegende Kleidung trugen. Frauen, die sich gegen die Kopftuchpflicht einsetzten, wurden Opfer staatlich unterstützter Verleumdungskampagnen.“

Es ist also wie ein Hohn auf die Frauen im Iran, wenn Regula Forster dort einen Preis empfängt. Mehr noch:

„Gerichte verhängten in zahlreichen Fällen Amputationsstrafen, die vom Obersten Gerichtshof bestätigt wurden. Im April amputierte man Hamid Moinee in Schiraz (Provinz Fars) eine Hand und richtete ihn zehn Tage später hin. Er war wegen Mordes und Raubes schuldig gesprochen worden. Es gab mindestens vier weitere Amputationen wegen Raubes. Die Behörden vollstreckten auch erniedrigende Strafen. So wurden im April 2017 drei Männer, denen Entführung und andere Straftaten vorgeworfen wurden, durch die Straßen von Dehloran (Provinz Ilam) getrieben. Ihre Hände waren gefesselt, und sie trugen Wasserkannen um den Hals, die zur Toilettenspülung benutzt wurden. Im Juli wurden acht Männer in Pakdasht (Provinz Teheran) auf ähnliche Weise gedemütigt. Im Mai 2017 verurteilte ein Strafgericht in der Hauptstadt Teheran eine Frau wegen einer außerehelichen Beziehung zu zwei Jahren Leichenwaschung und 74 Peitschenhieben. Der Mann wurde zu 99 Peitschenhieben verurteilt.“

2017 gab es über 507 Hinrichtungen im Iran. In Deutschland ist die Todesstrafe verpönt.

Was sagt Forster ihren Kindern, mit denen sie so peinlich wirbt auf der Seite der FU, so als ob es irgend eine Bedeutung hätte, ob eine Wissenschaftlerin oder Arabistin Kinder hat oder nicht? Da lacht also Regula Forster herzlich in Teheran und empfängt als Arabistin einen Preis des Iran. Auch der Antisemitismus von Rouhani stört sie demnach überhaupt nicht, denn Rouhani ist berüchtigt, Israel wiederholt als „Krebsgeschwür“ bezeichnet zu haben.

Es ist ein weiterer Tiefpunkt der Wissenschaft in der Bundesrepublik, dass eine führende Universität wie die FU Berlin die Verleihung eines Preises aus den blutbeschmierten Händen des Iran an eine Forscherin nicht nur hinnimmt, sondern feiert.

Auch jene Kolleginnen und Kollegen, die in der Habilitationskommission für das nun vom islamistischen Regime in Teheran gepriesene Buch saßen, haben sich meiner Kenntnis nach weder von Regula Forster noch ihrem skandalösen Auftritt bei Rouhani distanziert:

„Gudrun Krämer, Birgit Krawietz, Renate Jacobi, Gotthard Strohmaier, Almut-Barbara Renger, Uwe Puschner, Montserrat Rabadán, Victoria Mummelthei“.

Forsters Arbeit handelt vom „Dialog“ in arabischen Quellen zumal des Mittelalters – „Wissensvermittlung im Gespräch. Eine Studie zu klassisch-arabischen Dialogen“ (Leiden/Boston: Brill, 2017). Wie zynisch muss eine Forscherin sein, die ein autoritäres Regime, das gegen Dialog ist und zumal westliche Forschung diffamiert und höchstens als notwendig für den Bau einer Atombombe anwendet, hofiert?

Forster tut so, als sei sie für den Dialog, ob das nun die von ihr untersuchten arabischen Quellen hergeben, steht auf einem anderen Blatt. Doch so zu tun, als ob frau offen, tolerant, gar wissenschaftsfreundlich sei, und dann in ein hardcore antiintellektuelles, autoritär-faschistoides, religiös fanatisches, islamistisches, freie Wissenschaft bekämpfendes, frauenverachtendes, antisemitisches und den Dialog mit den Gegnerinnen und Gegnern des Jihad im Iran und außerhalb des Iran nicht nur nicht suchendes, sondern Kritiker*innen einsperrendes, folterndes und ermordendes Regime zu fahren und sich selbst zu verschleiern, also zu islamisieren – das ist an Zynismus und brutalem Verhalten schwerlich zu überbieten.

Aber das ist Mainstream an europäischen Universitäten, Regula Forster ist ja weiterhin völlig anerkannt – und das ist der Skandal. Was sagen die Studierenden an der FU dazu, jedenfalls jene Arabistik-Studierenden, die keine Islamist*innen sind? Was sagen Pädagogik-Studentinnen dazu, wenn sie wissen, dass Frauen im Iran nur unter Lebensgefahr ohne Schleier herumlaufen können?

Namentlich Gudrun Krämers pro-islamistische Ideologie habe ich am Beispiel ihrer Rezeption eines führenden sunnitischen Agitatoren, der besonders aggressiv antisemitisch ist, Yusuf Al-Qaradawi, schon vor Jahren analysiert und kritisiert.

Es wundert nicht, dass Forster, die auch an der Birzeit Universität im Westjordanland war (die keine Juden oder jüdische Israelis einstellt, nicht mal Kritiker*innen der Besatzung der Westbank) und offenkundig eine Nähe zu antiisraelischen Kaderschmieden sucht, keine Kritik erfährt, immerhin ist Krämer eine sehr bekannte, ebenfalls preisgekrönte Professorin der FU Berlin.

Was lernen wir daraus? Der finnische Fußballer Riku Riski ist geradezu ein Held, obwohl er doch nur das Allerselbstverständlichste getan hat: Er hat gezeigt, dass er Anstand hat und Menschenrechtsverletzungen nicht einfach so weglächelt. Er ist angewidert von den Hunderten Toten auf den Baustellen in Katar.

Er hat womöglich auch eine Distanz zur Ideologie eines islamistischen Landes wie Katar, wo Yusuf al-Qaradawi seit Jahrzehnten ungestört seine Hetze verbreiten konnte und kann und von deutschen Islamforscherinnen ganz entzückt als „Global Mufti“ und quasi Popstar gefeiert wird (vor Jahren dankte al-Qaradawi Hitler für den Holocaust; Bettina Gräf, eine Schülerin von Gudrun Krämer, hat kurz vor Weihnachten 2005 ihren Helden al-Qaradawi in Doha, der Hauptstadt Katars, getroffen).

Was ist ein Land wie der Iran wert, wo an keiner einzigen Universität in Philosophie, Pädagogik oder einem anderen geistes- oder sozialwissenschaftlichen Studienfach ein Kurs über „Nietzsches Kritik am Christentum, am deutschen Antisemitismus und an Theodor Fritsch[i] mit Bezug zur Kritik am Antisemitismus der Islamischen Republik Iran“ angeboten werden kann? Was hält Forster von der Freiheit der Wissenschaft? Warum hofiert sie ein Land, das diese Freiheit mit Füßen tritt?

Die wenigsten Wissenschaftler*innen oder Fußballer haben Anstand und würden ihre Karriere wegen der Kritik an einem menschenverachtenden Regime aufs Spiel setzen, Kritik üben und sich dissident verhalten. Riku Riski ist eine rühmliche Ausnahme.

 

[i] Siehe dazu Christian Niemeyer, „Auf die Schiffe, Ihr Philosophen!“ Friedrich Nietzsche und die Abgründe des Geistes (Freiburg: Karl Alber, erscheint Frühjahr 2019).

Juden für mehr Neo-Nazismus im Deutschen Bundestag?

Die Bundestagswahl am 24. September 2017 wird aller Voraussicht nach dazu führen, dass erstmals seit 1949 eine Neo-Nazipartei in den Deutschen Bundestag einziehen wird.

Das wirklich Neue ist: auch Juden können diesmal bei der deutschen Volksgemeinschaft mitmachen. Das Feindbild ist klar:

Holocausterinnerung, Linke, Muslime, Einwanderer, Flüchtlinge, Gender und die Demokratie.

Noch nicht mal die AfD-Putin-Iran-Connection, wie man sie z.B. in der Beziehung des Vorsitzenden der Jungen Alternative (JA), der Jugendorganisation der AfD, in der Person Markus Frohnmaier sehen kann, irritiert dabei. Diese Iran-Putin-Deutsche-Neonazis-Connection hat ein starkes Fundament: Hass auf Juden, Abwehr der Erinnerung an die Shoah und autoritäre Charakterstrukturen, ob islamistisch, christlich oder heidnisch.

Nun macht der Herausgeber der Jüdischen Rundschau, der Unternehmer Rafael Korenzecher, gegen die Holocaustüberlebende und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, mobil.

Er attackiert sie frontal, weil sich Knobloch engagiert gegen die rechtsextreme AfD wendet.

Korenzecher bezieht sich dabei auch auf die Trump-Anhängerin Orit Arfa, eine extrem rechte israelische Journalistin der Jerusalem Post, die in Berlin lebt und folgendes schreibt:

„Ich bin nicht in Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft jedoch bin ich eine aufmerksame Berichterstatterin. Als israelisch-amerikanische Jüdin liebe ich es in Berlin zu leben und ich möchte Deutschland und die Juden hier in Sicherheit wissen. Ich verstehe das Verhalten der organisierten jüdischen Gemeinschaft in Deutschland nicht. Mir scheint sie hassen die AfD mehr als die radikalen Islamisten die die Vernichtung der Juden propagieren.“

Das kann man nicht anders denn einen jüdischen Aufruf für mehr Neo-Nazismus im Deutschen Bundestag lesen.

Seit wann verharmlosen der Zentralrat der Juden, jüdische Gemeinden oder Charlotte Knobloch den jihadistischen Terror oder islamistischen Antisemitismus?

Das ist eine fanatische, realitätsgestörte Verdrehung von Fakten, die aber im AfD-Spektrum als „alternative Fakten“, als fake news daherkommen. Der Wahnsinn kennt da offenbar keine Grenzen.

Es gibt aber immer noch Juden wie Nicht-Juden in diesem Land, die es unfassbar finden, dass mit der AfD eine Partei in den Bundestag gewählt werden wird, die

  • das Wort “völkisch” wieder verwenden möchte (Frauke Petry),
  • deren Spitzenkandidatin Alice Weidel nicht mehr leugnet, 2013 über Mitglieder der Regierung Merkel geschrieben zu haben: „Diese Schweine sind nichts anderes als Marionetten der Siegermaechte des 2. WK und haben die Aufgabe, das dt Volk klein zu halten indem molekulare Buergerkriege in den Ballungszentren durch Ueberfremdung induziert werden sollen“
  • die „stolz“ ist auf die „deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen“, also auch auf den Holocaust (Alexander Gauland)
  • in Naziterminologie von „Volksverräter“ und „Lügenpresse“ hetzt und die Kanzlerin wahlweise am Galgen aufhängen oder einsperren sowie Deutsche „in Anatolien entsorgen“ will
  • das Holocaustmahnmal als „Mahnmal der Schande“ diffamieren (Björn Höcke)

Leider war ich selbst 2014 ein paar Monate Chefredakteur der Jüdischen Rundschau (JR), ehe ich den extrem rechten Kurs des Herausgebers erkannte und von mir aus den Job kündigte. Schon damals ging es um meine Kritik am sehr rechten und bei Linkszionist*innen nicht nur in Israel seit Jahren massiv bekämpften Kurs von Benjamin Netanyahu.

Für die JR ist der Linkszionismus ein rotes Tuch, diese agitatorische Zeitung schadet Israel und den Juden.

Ich möchte mich bei allen Leserinnen und Lesern, bei allen Autorinnen und Autoren entschuldigen, und alle Autor*innen, die bis heute in diesem Hetzblatt schreiben, fordere ich hiermit auf, die Unterstützung für die JR einzustellen.

Diese Zeitung agitiert gegen ‚das System‘ und die „Mainstream-Politik“ (O-Ton Korenzecher) und spielt der AfD ganz offen in die Hände.

Wer weiter für eine solche Zeitung schreibt, für sie arbeitet, ihr Interviews gibt oder sie sonstwie unterstützt, macht sich mitverantwortlich.

Wie Gauland macht auch Korenzecher gegen Frau Özoguz mobil:

„Auch darüber sollten sich die jüdischen Unterstützer der Etablierten keine Illusionen machen — es ist keinesfalls die Sorge um die Juden oder um Israel, die die etablierten Parteien, ihre Führungsakteure wie Gabriel, Özoguz, Niebe, Steinmeier und sehr viele andere mehr bei ihrer Ablehnung der AfD bewegt. Es ist die Angst der gegenwärtigen Bevormundungs-Elite vor dem ohnehin unvermeidlichen Erstarken dieser von ihnen nicht zu beherrschenden Opposition, die zu alledem auch noch vor allem ein Ergebnis des eigenen politischen Versagens dieser Führung ist.“

Der Deutschlandfunk wiederum gibt dem jüdischen Historiker Michael Wolffsohn Platz, um sich vehement dagegen zu verwahren, die AfD und ihre Wähler*innen an und für sich als „Nazis“ zu bezeichnen, von Ausnahmen abgesehen – der Kern ist: er möchte die Partei als eine irgendwie gar nicht so schlechte und vor allem verständliche Idee, lediglich mit ein paar Nazis oder „schmuddligen“ (O-Ton) Elementen, als legitim darstellen. Er fühlt sich ein in die Gehirne der Agitator*innen und behauptet eine regelrechte Zunahme von „Terrorismus“ in Deutschland (!):

„Aber erstmals gibt es einen nicht zu leugnenden Zusammenhang zwischen der Flüchtlingswelle und dem Anstieg des Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland. Das heißt nicht, dass alle Flüchtlinge Terroristen wären, aber dass es unbestreitbar einen Zusammenhang gibt zwischen den Flüchtlingen aus ganz neuen Regionen, erstens Syrien/Irak und Nordafrika, und das sind die Regionen, aus denen bislang die Terroristen kommen.“

Die Ablehnung, AfDler als „Nazis“ zu bezeichnen, wie es Außenminister Sigmar Gabriel zu Recht macht, bringt Wolffsohn konsequenterweise das Lob der extrem rechten Jungen Freiheit ein.

Spräche Wolffsohn vom Terrorismus in Europa, der durch die Flüchtlinge erstarkt sei, wäre es auch falsch, da die meisten Jihadisten, ob in Belgien, England oder Frankreich, home-grown sind. Der schlimmste jihadistische Anschlag in Europa in den letzten Jahren ereignete sich in Paris am 13. November 2015 mit 130 Ermordeten, darunter 89 Toten in dem Veranstaltungszentrum Bataclan. Mindestens sieben der neun Jihadisten waren französische (fünf) bzw. belgische (2) Staatsbürger und gerade keine Flüchtlinge. Das zeigt, wie groß das Problem mit in Europa geborenen Islamisten ist – aber das will die Agitation seit 2015 nicht sehen, sondern Flüchtlinge, die großteils gerade Opfer des Jihad sind oder des Staatsterrorismus des syrischen Präsidenten Assad und anderer (wie Erdogan), diffamieren. Viel perfider geht es kaum.

Nun: Der Jihad und der terroristische (wie der legale) Islamismus sind eine große Gefahr. Viele Islamforscher und die Politik haben das nicht sehen wollen, seit 9/11 nicht. Darum geht es der rechtsextremen AfD aber gar nicht. Hat sie sich kurz nach 9/11 gegründet? Nein, sondern aus rein nationalistischen Gründen, wegen der Attacke auf den Euro und eine gemeinsame Währung in der EU. Das war 2013 mit Bernd Lucke. Er öffnete die Büchse der Pandora und das neo-nazistische Umfeld übernahm ab 2015 mit der Wahl der völkischen Frauke Petry die Macht. Heute steht Petry den noch nazistischeren Flügeln gegenüber.

Was Wolffsohn hier verschweigt: Wir haben keinen „Anstieg des Terrorismus“, der z.B. mit syrischen Flüchtlingen, der mit riesigem Abstand größten Gruppe von Flüchtlingen seit 2015, oder anderen Flüchtlingen zu tun hat. Terroristen brauchen zudem keine Flüchtlingsbewegungen, um sich einzuschleichen.

Der einzige große jihadistische Angriff in Deutschland fand am 19. Dezember 2016 in Berlin am Breitscheidplatz statt, 12 Menschen wurden ermordet. Der Jihadist Anis Amri aus Tunesien kam jedoch nicht mit der Flüchtlingsbewegung 2015, sondern schon 2011 nach Europa (Italien) und hätte sogar gestoppt werden können, wenn die Polizei nicht so unfassbar versagt hätte.

Zudem gab es jihadistische Attacken in einem Zug bei Würzburg im Juli 2016 mit fünf Schwerverletzten, wie auch einen misslungenen Anschlag eines Jihadisten in Ansbach, wo nur der Täter starb. Es gab noch weiterer einzelne Attacken, aber keine weiteren terroristischen Mordanschläge mit Toten. Da fantasiert Wolffsohn schlichtweg und möchte Stimmung machen. Empirisch sieht es so aus:

Der erste islamistische Anschlag in Deutschland ereignete sich am 2. März 2011 am Frankfurter Flughaben, als ein Jihadist zwei US-Soldaten ermordete. Der zweite wie erwähnt am 19. Dezember 2016, jeweils mit einem Täter. Ist das der große Terrorismus, dem wir uns gegenübersehen?

Was aber ist mit dem Naziterror, den dieses Land seit 1989 erlebt? Wo sind die 184 von Nazis Ermordeten, was sagt Wolffsohn zu denen? Sind 184 Tote nichts im Vergleich zu 14 Toten durch den Jihad (2011 Frankfurt und 2016 Berlin)? Oder was ist mit dem neonazistischen Amoklauf vom 22. Juli 2016 in München, als David Ali S. neun Menschen, fast alle mit „Migrationshintergrund“, ermordete und sein neonazistisches Weltbild offenkundig ist?

Was ist mit dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) und seinen mindestens zehn Opfern?

Das ist alles kein wirkliches Problem für dieses Deutschland.

Am 24. September 2017 werden die Deutschen mit der AfD die erste neo-nazistische Partei in den Bundestag wählen.

Das Abwiegeln der Gefahr wie die direkte und indirekte Unterstützung für die AfD durch extrem rechte jüdische Kreise ist vollkommen marginal, aber bezeichnend und absolut schockierend. Es mag gleichwohl nicht wenige jüdische Wähler*innen der AfD geben, nicht zuletzt russisch-jüdische, man denke nur an AfD-Werbung im russischen Staatsfernsehen bei Rossija 1. Was da wohl Ex-Rotarmist*innen und ihre Familien dazu sagen, dass Gauland die Schlächter der Roten Armee, die Wehrmacht, preist? Sehr viele Russlanddeutsche sind nicht nur in Pforzheim (Baden-Württemberg) für ihren Rechtsextremismus und ihre Pro-AfD-Linie berüchtigt.

Viel schlimmer aber ist die Unterstützung der AfD durch die Mainstreammedien, die ohne Not den widerlichsten Politiker*innen, die dieses Land seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges sah – nochmal: das sind keine Alt-Nazis wie in den 1940/1950/1960 etc. Jahren, sondern Neo-Nazis – Podien gaben, egal wie vulgär, Pro-Holocaust, Pro-Wehrmacht sie sich auch immer geäußert haben.

Zuletzt haben Bettina Schausten (ZDF) wie die ARD wenige Tage vor der Wahl den Wehrmachtsfan und somit Holocaustrelativierer Alexander Gauland ohne Not in ihr Studio eingeladen und ihm ein Podium bereitet, zum x-ten Mal durfte der Agitator vor Millionenpublikum reden, ohne dass eine Beate Klarsfeld käme und mit ihm Tacheles redete …

Das wurde von den vier Journalist*innen Sandra Maischberger, Claus Strunz, Peter Kloeppel und Maybrit Illner am 3. September 2017 noch getoppt, die Merkel und Schulz Fragen stellen, die direkt so auch von der AfD hätten kommen können, die Agenda war jene der AfD. Insofern zogen während des Wahlkampfes die großen Mainstreammedien wie marginale jüdische Kreise am gleichen Strang: behandeln wir Neonazis wie „normale Bürger“.

So behauptet der ARD-Kommentator Rainald Becker am 22. September 2017 im Fernsehen völlig ernsthaft, die Hetzer und Pöbler gegen Merkel wie in München seien „Unzufriedene“ und alle etablierten Parteien hätten die seiner Ansicht nach zentralen Themen der Bevölkerung nicht angesprochen:

„Pflegenotstand, Altersarmut, Bildungspolitik und Rente.“

Es sei also gar nicht um schwarzrotgoldene Agitation für das Abschieben von deutschen Staatsbürgerinnen gegangen, nicht um das Lob für die deutschen Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg am Holocaust beteiligt waren, nicht darum, dass die AfD die Regierung Merkel als „Eidbrecherin“ in nazistischem Vokabular fertigmachen und anklagen, wenn nicht erschießen oder aufhängen will, nicht darum, dass Pegida und die AfD die Presse schlechthin als „Lügenpresse“ diffamieren, wie damals Goebbels, nein: Sozialpolitik sei das Thema der Bevölkerung. Da fragt man sich, wo Herr Becker lebt und was für Medien er konsumiert.

Was beschäftigt die Leute so massenhaft? Die Bild-Zeitung, richtig. Heutzutage, kurz vor der Wahl, spielt sich der Springer-Konzern als Hüter der Demokratie auf und hat irgendwie Sorge, dass die AfD-Wähler*innen jahrelange rassistische Ressentiments ernst nehmen und AfD wählen. Die Bild hatte am 6. September auf der Titelseite eine Headline „Burka-Frau verprügelt Dessous-Verkäuferin“. Uebermedien kommentiert am 23. September 2017 den Einfluss der Bild für die AfD an diesem Beispiel so:

„Eine Frau im Niqab, unter dem blonde Haare und eine Tätowierung am Hals sichtbar wurden, hatte die Angestellte eines Brautmodengeschäfts angegriffen. (Inzwischen hat die Polizei eine 28-jährige Deutsch-Polin als Tatverdächtige gefasst.) Dem Berliner ‚Tagesspiegel‘ war der Vorfall in seiner Print-Ausgabe nicht mal eine Meldung wert. ‚Bild‘ aber wählte gleich die maximale Empörungsstufe, riesengroßer Aufmacher auf anderthalb Millionen verkauften Bundesausgaben.  (…) Mittlerweile ist das der ganz normale Ablauf, so eingespielt und vorhersehbar wie die Schritte einer Fließbandproduktion: ‚Bild‘ bläst eine Kleinigkeit so lange auf, bis sich damit ordentlich Stimmung schüren lässt, und die AfD nimmt sie dankbar entgegen, um sie in eigener Sache weiterzunutzen. Sollte die Partei morgen in den Bundestag einziehen, dann ist das auch ein Verdienst der ‚Bild‘-Zeitung.“

Das Problem in diesem Land sind Deutschnationalismus, Rassismus, Antisemitismus, völkische und neo-nazistische Ideologie, in ganz unterschiedlicher Tonlage, aber zunehmend aggressiv und völlig ungeschminkt. Wer jemals auf Facebook AfD-Fanklubs gesehen hat und sehen konnte, was die dort für Gewaltfantasien haben, weiß das.

Alle – alle – Wähler*innen der AfD haben Pro-Nazi-Parolen über die Wehrmacht, gegen das Holocaustmahnmal, gegen die „Lügenpresse“ (ein Nazi-Wort) der AfD mitbekommen.

Und, ja, es gibt kritischen Journalismus zur AfD, von Georg Restle über Anja Reschke zu Olli Welke, Jan Böhmermann etc.

Prime-Time Fernsehen ist das aber nicht. Denn Rainald Becker begeht in der Prime-Sendung der ARD den gleichen Fehler wie die SPD und meint „Gerechtigkeit“ oder die soziale Frage, seien Themen der Stunde. Nein, das sind sie nicht, gerade nicht für die AfD-Wählerschaft. Wie empirische Studien (z.B. des Soziologen Holger Lengfeld) zeigen, ist der Anteil der Besserverdienenden und der Gutverdienende bei der AfD sehr hoch, 39% bzw. 29%. Es war ein Riesenfehler der SPD in diesem Wahlkampf auf das groteske Thema „Gerechtigkeit“ zu setzen. Der Wahlkampf war von Anfang an, wir wissen es seit 2015, bestimmt von neo-nazistischer Agitation der AfD.

Es tobt ein nie dagewesener Kulturkampf, kein Klassenkampf.

Es geht um Stolz auf Deutschland, offenen Hass auf alle Nicht-Deutschen, den Islam, Muslime, Flüchtlinge, Linke aller Art, Genderdiskurs und zivilisierte Umgangsformen.

Das Thema der Stunde ist die Rehabilitierung der Wehrmacht, das Lob für den Holocaust und die Diffamierung des Holocaustmahnmals. Dass alleine diese Agitation des führenden AfDlers Björn Höcke Juden nicht dazu bringt, zur Antifa zu gehen, sondern die AfD zu unterstützen, zeigt nur, wie recht Albert Einstein hatte, als er meinte, zwei Dinge seien unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, wobei der sich beim Universum nicht ganz sicher war.

Einem großen Teil der Bevölkerung in diesem Land ist jeglicher politische und moralische Kompass abhandengekommen, das betrifft zwischen 8% und 20% der Wahlbevölkerung.

Die AfD ist keine bürgerliche, sondern eine neo-nazistische Partei. Die AfD möchte die Demokratie zerstören. Heutzutage kriegt sie dabei sogar von Leuten aggressiv Unterstützung, die zu den ersten Opfern gehören würden, hätte die AfD tatsächlich die Macht und könnte „ausmisten“, wie es der Agitator Frohnmaier ankündigt.

Jetzt wäre die Zeit für die Antifa, die es in ausreichender Zahl aber derzeit (nicht mehr und noch?) nicht gibt.

 

„Gaza sieht immer mehr wie ein KZ aus“ – Obskurer Islamforscher zu Gast bei der Uni Osnabrück

Von Clemens Heni und Michael Kreutz

Dieser Text erschien zuerst auf Ruhrbarone

Im Jahr 2015 gab es alleine in Frankreich zwei islamistisch motivierte Massaker mit fast 150 Toten, am 7. bzw. 9. Januar in der Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo in Paris bzw. einem jüdischen Supermarkt und am 13. November im Club Bataclan, mehreren Cafés sowie am Stade de France, wo gerade ein Fußballfreundschaftsspiel zwischen Frankreich und Deutschland stattfand. Daraufhin wurde wenige Tage später erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik aus Terrorangst ein Fußballspiel der deutschen Nationalmannschaft in Hannover abgesagt.

Doch all diese spezifisch mit dem Islamismus und Jihadismus zusammenhängenden Ereignisse führen eben in der Wissenschaft, der Islamforschung wie der Islamischen Theologie, offenbar weiterhin kaum dazu, Kritik am Islamismus und Antisemitismus zu üben. So wird der Präsident der Uni Osnabrück, Prof. Wolfgang Lücke, am 14. Januar 2016 die Konferenz „Antimuslimischer Rassismus und Islamfeindlichkeit in Deutschland und Europa“ begrüßen. Es ist eine dreitägige, große Konferenz mit über vierzig Referentinnen und Referenten, organisiert vom Institut für Islamische Theologie der Uni Osnabrück und finanziert vom Niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, dem Graduiertenkolleg Islamische Theologie sowie der Bundesregierung und dem Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Hier kommt eine Opferhaltung zum Ausdruck, die den Islamisten letztlich nur in die Hände spielt. Kein einziger Vortrag ist der jihadistischen und islamistischen Gewalt und Ideologie gewidmet. Sicher, angesichts eines unübersehbaren rassistischen Klimas in Deutschland, von Pegida über die AfD bis hin zu Neonazis, die Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte verüben, ist eine Kritik am Rassismus notwendig. Doch was soll „antimuslimischer Rassismus“ sein? Rechtspopulisten mögen ein besonderes Problem mit dem Islam haben, allgemein hetzen sie aber gegen die Zuwanderung insgesamt. Sie wollen ein völkisch homogenes Deutschland.

Der eigentliche Skandal der Konferenz ist der Hauptredner, der amerikanische Islam- und Nahostforscher John L. Esposito, Jg. 1940. Er hat einen von Saudi-Arabien (mit)finanzierten Lehrstuhl und ist einer der umstrittensten Nahostforscher in Amerika. Acht Jahre ist es her, seitdem der amerikanische Nahostkenner Martin Kramer darauf hingewiesen hat, dass mit den Berechnungen bezüglich der Zahl von radikalisierten Muslimen von John Esposito etwas faul ist.

Demnach hatte Esposito eigene Umfragen unter Muslimen dahingehend interpretiert, dass nur 7% der Befragten als radikalisiert bezeichnet werden können. So gering nämlich sei der Anteil derer, die der Aussage zustimmen, dass die Anschläge vom 11. September 2001 „völlig gerechtfertigt“ seien. Dabei fiel aber unter den Tisch, dass anderthalb Jahre zuvor Esposito und seine Co-Autorin auch solche Befragten zu den Radikalisierten zählten, die der Aussage zustimmten, dass die Anschläge „weitgehend gerechtfertigt“ seien. Viele von denen, die vorher noch als radikal gegolten hatten, wurden plötzlich zu Moderaten verklärt.

Selbst Islamisten, die in der Forschung für ihre gefährliche Ideologie seit Jahren analysiert und kritisiert werden, wie die Gülen-Bewegung, Tariq Ramadan aus der Schweiz, Yusuf al-Qaradawi aus Katar oder Mustafa Ceric aus Bosnien werden von Esposito als wunderbare Beispiele für einen „moderaten“ Islamismus betrachtet. Doch es gibt keinen „moderaten“ Islamismus, wie schon der Politik- und Islamwissenschaftler Bassam Tibi in einer Kritik an Esposito vor Jahren betonte. Ein Yusuf al-Qaradawi, der Selbstmordattentate gegen Israelis für religiös rechtmäßig erklärt, wird nicht dadurch moderat, dass er ihre Durchführung auch Frauen ohne Erlaubnis ihrer Väter oder Ehemänner zubilligt!

In seinen Büchern und Texten zeigt sich die ganze Ideologie von John Esposito. Für ihn ist der islamische „Fundamentalismus“ im Iran, dem zigtausende Menschen zum Opfer gefallen sind, das gleiche wie ein christlicher in den USA, der reaktionär sein mag, aber nicht mörderisch ist. Ebenso verglich er George W. Bush mit dem Dschihadisten, Massenmörder und Mastermind des 11. September 2001, Osama bin Laden. Solche Vergleiche mögen im Westen in manchen Kreisen populär sein, sie sind aber grundfalsch, weil beide Personen für entgegengesetzte Werte stehen.

In seinem Buch „The Future of Islam“ (Die Zukunft des Islam) von 2010 vergleicht Esposito die Situation im Gazastreifen mit KZs und somit Israel mit Nazis – eine klare antisemitische Diffamierung, nach Definition des amerikanischen Außenministeriums und der internationalen Antisemitismusforschung.

Mehr noch: im August 2014 beschuldigte Esposito auf Twitter den Holocaustüberlebenden Elie Wiesel, dieser spiele angesichts der Ereignisse in Gaza eine „Holocausts-Trumpfkarte“ aus. Wiesel hatte zu Recht betont, dass die islamistische Terrororganisation Hamas endlich aufhören solle, Kinder als Schutzschilde zu missbrauchen. Er wies darauf hin, dass Juden schon vor über 3500 Jahren dem Menschenopfer eine Absage erteilt hatten und solche Praktiken für einen zivilisatorischen Rückfall hielten. Für Esposito aber war das kein Grund nachzuhaken, sondern Anlass zur Diffamierung. So reden in Deutschland üblicherweise nur Neonazis und extreme Rechte.

Schließlich hat Esposito in seinem Buch „Die Zukunft des Islam“ auch dem ehemaligen Präsidenten des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Peter Frisch, ohne jeden Beleg (!) die Aussage unterstellt, „Muslime wollen die Welt beherrschen“. Solche Aussagen wie auch andere Verdrehungen in seiner Darstellung disqualifizieren Esposito als Redner. Frisch hat das Behauptete aber nicht nur nicht gesagt, sondern sich dezidiert dagegen gewandt, Muslime zu diffamieren. Davor warnt er nachdrücklich. Esposito dagegen versucht eine deutsche Bundesbehörde, die den Islamismus beobachtet und vor ihm warnt, zu diskreditieren.

Wollen der Präsident der Uni Osnabrück, die über vierzig Referentinnen und Referenten wie auch die involvierten Landes- wie Bundesministerien einer solchen Rabulistik, diesem Antisemitismus und dieser Verharmlosung des Islamismus wirklich Vorschub leisten?

 

Clemens Heni Nassau Inn Princeton 05252009

Dr. phil. Clemens Heni

Dr. phil. Clemens Heni ist Politikwissenschaftler und Direktor des Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

 

 

 

 

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Dr. phil. Michael Kreutz

Dr. phil. Michael Kreutz ist Arabist und Islamwissenschaftler in Münster

Does Germany need just another Islamist, anti-Israel and antisemitic infusion by John L. Esposito?

By Clemens Heni

75 year old John L. Esposito, Georgetown University’s Director of the Prince Alwaleed Center for Muslim-Christian Understanding and professor of International Affairs at Georgetown University in Washington, D.C., will be the keynote speaker of a big conference in Germany, Jan 14–16, 2016, about „anti-Muslim racism and hostility towards Islam in Germany and Europe.“

The conference will take place at the University of Osnabrück in the North-West of Germany, over forty speakers are invited to speak. The event is organized by the “Center for Islamic Theology,” and supported by the German Federal Government and its Ministry of Education and Research, Lower Saxony’s Ministry for Research and Culture, and the Post Graduate Program Islamic Theology.

This Center for Islamic Theology is headed by Bülent Ucar, who is the main organizer of the event alongside with his co-worker, Nina Mühe, an anthropologist and Islamic studies scholar known for her attack on Berlin’s Anti-Hijab Law in classroom. Mühe is a former fellow at a German branch of George Soros’ Open Society Institute.

Obviously, attacks like the Charlie Hebdo and Kosher supermarket massacre in Paris in January 2015 are a “reason” for many academics in the humanities and social sciences to focus on an alleged “anti-Muslim racism‟ and not on Jihad, Islamism, Muslim anti-Semitism and Muslim terrorists. This is mainstream in Europe and the Western world ever since 9/11. We are facing in part a racist and nationalist climate in Germany, indeed. But this has nothing to do with the rejection of most academics in the field of Islamic Studies to deal, let alone fight Islamism in all its forms. The true antifascism of the 21st century deals with both the neo-Nazi and Islamist threats.

In his book “Who Speaks for Islam?” (2007, together with Dalia Mogahed), Esposito used the equivalence of anti-Semitism and “Islamophobia.” In his distorted view, Jews aren’t but a “religion” and just one of two “religions with Semitic origins.” In fact, hatred of Jews is a worldwide ideology, while “Islamophobia” is rather an invention by some specific circles, namely Iran and Islamist organizations and their followers.

More recently, Esposito also started to defame Egypts’s anti-Muslim-Brotherhood stance and started his “Brigde Initiative,” dedicated to the analysis of “Islamophobia” and the defamation of all critics of jihad and Islamism.

Esposito is fascinated by the “Iranian Revolution” from 1979, as can be seen in his edited volume “The Iranian Revolution. Its Global Impact” (1990) and his chapter “The Iranian Revolution. A Ten-Year Perspective,” where he also emphasized the outreach of Iranian style Islamism to Muslims outside Iran. In 2010, he co-edited the volume “Islam and Peacebuilding. Gülen Movements Initiates,” where he promotes the Islamist approach of Fethullah Gülen and frames him as a kind of Islamic version of German philosopher Jürgen Habermas. Both share a “similar belief in mutual understanding, dialogue and optimism,” murmurs Esposito.

This “optimism” (a nice word for the spread of Islamism, no?) can also be seen in the work of leading Sunni cleric Yusuf al-Qaradawi, another protagonist of Esposito. In his book “The Future of Islam” (2010), the Saudi (Prince Alwaleed) funded scholar says, al-Qaradawi “claims that everything is acceptable (halal) unless proven forbidden (haram).” This makes him a moderate according to Esposito and his German colleagues Gudrun Krämer and Bettina Gräf. Gräf co-edited a book, “The Global Mufti,” with pieces by another Georgetown academic, Barbara Freyer-Stowasser (1935–2012), about “gender equality” in a fatwa about female suiciding bombing against Israel by al-Qaradawi.

In “The Future of Islam,” Esposito also invokes an equivalence between Islamic and Western “fundamentalism,” taking Ronald Reagan and the Iranian Revolution as examples, he also compares George W. Bush to Osama Bin Laden. This cultural relativist approach is well known. But jihad and the rule of religion (Islamism) is not the same as whatever democratic government in the US, Britain or Germany and France etc. does. Mustafa Ceric, former Grand Mufti of Sarajevo, is another Islamist portrayed as kosher, by Esposito. Ceric once went to the Auschwitz Memorial site, not to remember the Shoah but rather to invoke the Muslims-are-the-new-Jews-analogy. Ceric has also been criticized for his ties to the Islamist Muslim Brotherhood, among other Islamist aspects of his approach.

Finally, Esposito refers to German security expert and former head (1996–2000) of the “Federal Agency for the Protection of the Constitution,” Peter Frisch. In his 2010 book (finished in 2009), Esposito writes about Frisch as if he was head of that important institution in 2009, which is a minor problem compared to the lie, the Georgetown scholar spreads about Frisch. Esposito writes: “In Germany, Peter Frisch, head of the Bundesamt für Verfassungsschutz (Federal Office for the Protection of the Constitution), has repeatedly asserted, ‘Muslims want to rule the world.’” He does not quote form a single article by Frisch. In 2001, after 9/11, Frisch argued against the defamation of all Muslims. In 1997, Frisch argued against the rise of Islamism and the reluctance in Germany to even deal with that problem. To my knowledge, he never said that all Muslims want to rule the world. This reproach is rather a lie, invented by Esposito – who runs short to substantiate his claim. But Esposito is obviously not interested in research and quotes.

August 5, 2014, during the latest Gaza War, John L. Esposito tweeted the following: “Elie Wiesel plays the Holocaust trump card in Gaza” and links to an antisemitic homepage – “Mondoweiss.” Wiesel had said, that Jews stopped using children as sacrifices some 3500 years ago, Hamas should stop it now, too. Truly a correct statement, taken the fact that Hamas is verifiably known for abusing children and others as human shields. For Esposito this was just another reason to defame Israel and make fun of the Shoah and a Holocaust survivor.

Esposito compares Israel to Nazis, uses even more antisemitic language, promotes Islamists as possible allies and defames German officials, who headed federal offices in the fight against Jihad and Islamism.

Are these enough reasons for the Jewish Museum Berlin’s Yasemin Shooman, the mainstream weekly “Die Zeit” and its author Yassin Musharbash, the left-green-wing daily “taz” and its Daniel Bax, scholars like Andreas Zick from Bielefeld University, who even sits on Board of the US based “Journal for the Study of Antisemitism” (JSA), or historian Wolfgang Benz, former head of the “Center for Research on Antisemitism” at Technical University Berlin, dozens of other scholars, activists and authors, the Government of Lower Saxony and the German Federal Government to support and join such an event?

 

 

Gute Deutsche versus antideutsche jüdische Taxifahrer in New York. Bizarres von der „Pro-Israelszene“

Alle müssen dieses Jahr so tun, als ob sie Juden irgendwie doch mögen. Klar, die toten Juden mochten die Deutschen schon immer, vor und fast noch mehr nach 1945 (allerdings verschärft erst wieder seit den 1980er Jahren). 2015 muss mann und frau jedoch auch mal so tun, als ob die heute lebenden Juden zumindest erwähnt werden sollten, denn es sind ja die staatlich finanzierten Feierlichkeiten zum 50. Jubiläum des Beginns der (west-)deutsch-israelischen diplomatischen Beziehungen. Es ist deshalb schon bemerkenswert, dass es diese Beziehungen gibt, weil es ja für die Welt besser gewesen wäre, hätte es nach 1945 gar kein Deutschland mehr gegeben. Das sah auch der Soziologe Helmuth Plessner so, by the way, der nach dem Nationalsozialismus, 1946/1948, gerade keinen deutschen Nationalstaat mehr wollte, vielmehr föderale Strukturen, die an die Nachbarländer angekoppelt sein sollten. Dafür wurde er noch 1981 vom Soziologen Helmut Schelsky als „Deutschenhasser“ geziehen (siehe dazu Carola Dietze, Nachgeholtes Leben. Helmuth Plessner 1892–1985). Bekanntlich jedoch gab es nach 1945 gleich zwei deutsche Staaten und seit 1990 wieder einen, der fast so groß ist wie das Deutschland von 1933 und Europa ökonomisch und politisch beherrscht wie nie zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg.

 

Um nun zu zeigen, wie sehr die Deutschen die Juden doch mögen, gibt es Ausstellungen im Deutschen Bundestag mit Grußworten in Broschüren von Bundesaußenminister Steinmeier, der gleichzeitig dem auf die Vernichtung der Juden und ihres Staates ausgerichteten Regime in Teheran die Hand schüttelt. Es gibt auch „Heimat“-Abende mit Steinmeier und Edgar Reitz, dem Vordenker der nationalistischen Heimatideologie der BRD der frühen 1980er Jahre, als „nationale Identität“ – ein Wort des Vordenkers der Neuen Rechten, Henning Eichberg – in aller Munde und Thema unzähliger Konferenzen nicht nur evangelischer oder christlich-sozialer Akademien war. Edgar Reitz hatte nämlich – und hier haben wir schon mal die bösen Amerikaner, die nachher noch eine prominente Rolle spielen werden – einmal gesagt, was ihn motiviert hatte, jene TV-Serie „Heimat“ zu drehen:

„Der tiefste Enteignungsvorgang, der passiert, ist die Enteignung des Menschen von seiner eigenen Geschichte. Die Amerikaner haben mit Holocaust [der TV-Serie, d.V.] uns Geschichte weggenommen.“

Das prädestinierte ihn offenbar, mit Steinmeier im Jahr 2015 die Feierlichkeiten zu dem runden Geburtstag der deutsch-israelischen Beziehungen einzuläuten. Alle erwähnen die „deutsche Verantwortung“, die gerade darin besteht, den Juden zu sagen, wo es langgeht. Was man sich „unter Freunden“ eben so sagt. Und das ist ja auch ein Geschäft, nicht nur im Ausstellungs- und Devotionaliengewerbe.

Der Publizist Eike Geisel hat bezüglich der deutschen Erinnerungsleistungen schon 1992 in seinem Buch „Die Banalität der Guten“ geschrieben:

„Ein halbes Jahrhundert nach der wirtschaftlichen Ausplünderung der Juden, die 1938 einen Höhepunkt erreicht hatte, sind die Vertriebenen und Ermordeten zum Material einer gemeinnützigen Wachstumsindustrie geworden: There is no business like Shoahbusiness.“

Als wollten sie seine Kritik nachträglich bestätigen, basteln heute ganz normale Deutsche aus Fotografien von Stolpersteinen ganze Wandtapeten, und der Arbeiter, der die Steine verlegt, meint, er sei geradezu „süchtig“ danach. Deutsche Obsessionen kennen keine Grenzen, wenn es um Juden geht.

Und dann gibt es auch Buffets der Luxusklasse wie im Alten Rathaus Hannover zu Ehren der diesjährigen Preisträgerin des Theodor Lessing-Preises. Geladen waren Bundestagsabgeordnete, Landtagsabgeordnete, der Bürgermeister von Hannover, Lokalgrößen und –patrioten, Unbekannte und weniger Bekannte, die Presse, das Fernsehen (NDR, ARD). Eine gehobene Stimmung war allseits erkennbar.

Es war eine ganz typische, aber doch so ehrliche Positionierung in der „Pro-Israel-Szene“, der nicht-jüdischen, wie es sie eher selten gibt, an diesem denkwürdigen Abend in der Altstadt Hannovers. Wir hatten es ja mit Freunden Israels zu tun. Doch wie wird man zu einem Freund Israels?

Es wurde von der Preisträgerin, die als Letzte an diesem Abend sprach, gar nicht erst um den heißen Brei geredet oder so getan, als ob frau sich für den Zionismus interessiere oder anerkenne, ganz grundsätzlich, dass Juden ein Recht auf die Errichtung oder auch Wiedererrichtung staatlicher Souveränität nach 2000 Jahren hätten oder wenigstens einen Schutzraum brauchen vor Antisemitismus. Vielmehr ging es ums Eingemachte, um den Holocaust und das Deutsch-Sein. Die Preisträgerin sprach nämlich ganz offenherzig und völlig schamlos von ihrer persönlichen Motivation, sich für Israel einzusetzen, und zwar nicht als Person, sondern als Deutsche.

Und das ging so: eines Tages, wohl so um 1970 herum, sie war noch jung, war sie in einem Taxi in New York unterwegs. Als der Taxifahrer hörte, dass sie Deutsch sprach oder bemerkte, wie sie sich als Deutsche zeigte, warf er sie aus dem Taxi. Wer sich je mit amerikanischen Freundinnen, Freunden oder Bekannten über die Post-Holocaust-Zeit unterhalten hat, weiß wie verbreitet z.B. der Boykott deutscher Produkte bei Juden in den USA damals war. Das verwundert ja überhaupt nicht.

Die Preisträgerin jedoch stand also alleine und verlassen auf einem Highway kurz vor Manhattan, so erzählte sie es. Der Taxifahrer hieß „Menachem“, das hat sie sich bis heute gut gemerkt. Und sie fühlte auf diesem Highway, wie es wohl für die Juden gewesen sein musste, als sie auf dem Weg ins KZ waren. Das hat die Preisträgerin so gesagt. Genau so.

Mehr noch: sie betonte, dass diese Begebenheit sie dazu animierte, Deutschland wieder einen guten und schönen Namen zu geben (damit nie mehr eine deutsche Frau von einem jüdischen Taxifahrer in New York aus dem Auto geschmissen wird, das war der Subtext hierbei). Sie tue alles, damit in Israel Deutschland ein schöner Name sei. Und sie ist überglücklich, wenn jüdische Kinder sie umarmen und küssen, wenn sie Süßigkeiten oder einen neuen Spielplatz bekommen. Schließlich sind ja so viele Kinder im Holocaust umgekommen. Auch das sagte sie. Und das mag auch für nicht wenige in deutsch-israelischen Gesellschaften der Grund sein, stolzdeutsch eine deutsche Fahne am Revers zu tragen, die zwar von einer israelischen flankiert wird, aber doch den deutschen Namen reinwaschen möchte. Es geht um ein Reinigungsritual. Sicher, das ist um Welten besser als der Antizionismus weiter Teile der deutschen Bevölkerung, zumal der Eliten in Politik, Wissenschaft und Kultur.

Auch viele Verfechter der Stolpersteine wollen sich offenbar gerne freikaufen (120€ kostet das) und vor allem der Welt zeigen: Deutschland erinnert und ist ein ganz schönes Land! Merkt euch das! Wir wissen, wie man mit den Millionen ermordeten Juden umgeht! (Schließlich haben wir sie auch ermordet. Oder vielmehr unsere Väter, Großväter und Onkel und deren Frauen, die auf die eine andere Weise dabei geholfen haben). Dass die Steine von Gruppen und Leuten, die bekannt sind als Israelhasser (wie in Kassel oder anderswo), verlegt werden (lassen), das stört uns gar nicht. Diese unwürdige Form des „Gedenkens“ kann einem in den Sinn kommen ob dieser Feierstunde im Alten Rathaus Hannover. So wie die Stolpersteinfetischisten der ganzen Welt in Weltmeistermanier zeigen wollen, wie massenhaft die Deutschen solche Steine verlegen und also so tun, als ob sie – und nur sie – wissen, wie man gedenkt, so wollte die Preisträgerin womöglich unbewusst zeigen, was für nicht wenige die Motivation sein könnte, sich für Israel einzusetzen: nicht wegen den Juden oder den Israeli, nein, wegen sich, wegen „uns“, wegen „Deutschland“ und seines Rufs.

Anders ausgedrückt: wenn das der nicht-antisemitische Teil des deutschen kulturellen Establishments war oder sein sollte, der sich dort traf, hat man eine Ahnung, wie es um den anderen bestellt sein muss.

Davor und danach gab es noch etwas teils unpassende, schunkelhafte Musik (es war eine Preisverleihung zu Ehren eines von Nazis 1933 ermordeten Juden) aus einem E-Piano und von einer Violine, Blumen. Und alle waren glücklich.

 

Syrische Schulbücher und die ‚deutsch-arabische Freundschaft‘ (Rezension)

Syrische Schulbücher und die ‚deutsch-arabische Freundschaft‘ (Rezension)

von Dr. Clemens Heni, Direktor, The Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA)

Auf der islamistischen und antisemitischen sog. Al-Quds-Demonstration am Samstag, den 3. August 2013 in Berlin, wurden unter Polizeischutz auf dem Kurfürstendamm unter anderem Bilder des Massenmörders Baschar al-Assad, dem derzeitigen syrischen Präsidenten gezeigt. Dieser ist ein Freund des iranischen Mullah-Regimes.

„Zugleich sollte Deutschland seinen guten Ruf auch unter der iranischen Bevölkerung nutzen“, erklärte am Wochenende Omid Nouripour in einem Interview. Deutschland habe demnach einen „guten Ruf“ im Iran.

Das gilt auch für die arabische Welt. Doch was für Schulbücher wurden unter der Herrschaft von Assads Vater, Hafiz al-Assad, produziert und werden teils bis heute, unter der Herrschaft von Assad Junior, in den Schulen benutzt? Was für ein Bild von den Deutschen und von deutscher Geschichte wird in Syrien in den Schulen vermittelt? „Deutsch-arabische Freundschaft“ – was soll das sein?

Die Islamwissenschaftlerin Renate Heugel hat 2013 ihre 2011 an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen eingereichte Magisterarbeit überarbeitet und als Buch publiziert: „Die deutsch-arabische Freundschaft. Deutsche Geschichte (1815–1945) in syrischen Schulbüchern“.

„Die Idee zur vorliegenden Arbeit geht auf einen Sprachaufenthalt in Damaskus in den Jahren 2002/2003 zurück. Sehr häufig äußerten Syrer eine große Bewunderung für Deutschland. Damit verbunden war die Annahme einer ‚deutsch-arabischen Freundschaft‘ sowie der Wunsch, die arabische Nation möge ihr Schicksal gemäß dem ‚Vorbild Deutschland‘ in die Hand nehmen. Die Sympathiebekundungen waren meinst begleitet von einer tiefen Verehrung Adolf Hitlers bei männlichen und Eva Brauns bei weiblichen Gesprächspartnern. Diese Ergebnisse gaben den Ausschlag, sich mit der syrischen Vorstellung deutscher Geschichte näher zu beschäftigen.“[i]

Dieser Ausgangspunkt schreit geradezu nach einem größeren Publikum – doch das wird es kaum geben, denn ein großes Ärgernis ist die Tatsache, dass Heugel diese Arbeit für 75,80 € im Verlag Dr. Kovač veröffentlicht hat, der die Preise noch nicht einmal auf der eigenen Homepage angibt, und man sie erst beim Klicken z.B. auf einen Link zu Amazon findet. Ein solch grotesker Preis für ein Softcover-Buch mit 214 Seiten wird dazu führen, dass so gut wie keine Studentin und kein Student und auch kaum Wissenschaftler das Buch kaufen werden. Es ist zudem höchst problematisch und vom Verlagswesen aus betrachtet geradezu skandalös, von Bibliotheken zu erwarten, 75€ für ein so kleines Buch auszugeben!

1932 gründete der Libanese Antun Sa’adas (1904–1949) die Syrische Soziale Nationalistische Partei (SSNP), die sich an die NSDAP anlehnte und als Parteihymne „Syrien, Syrien über alles“ wählte, die „zur Melodie der deutschen Nationalhymne“ gesungen wurde.[ii] Zurecht stellt die Autorin in Frage, warum viele Wissenschaftler solche Anleihen an den Nationalsozialismus (vor und nach 1933) als bloß symbolisch betrachten, angeblich ohne größere Bedeutung für die Ideologie und politische Kultur des Landes.[iii] Der Syrer Sati al-Husri (1882–1968) war der Vordenker des Panarabismus und ein großer Anhänger des deutschen Nationalismus. Der Gründer der Ba’t-Partei, Misli Aflaq (1912–1989) war ebenso begeistert vom deutschen Rassismus, Nationalismus und Nazismus.[iv]

Die Autorin übersetzte Textstellen aus syrischen Schulbüchern und dokumentiert die entsprechenden Stellen im Anhang im arabischen Original. So hieß es bereits Anfang der 1960er Jahre in einem „vom syrischen Bildungsministerium“ verfassten Text:

„Glaubt ihr, die Ungerechtigkeit an einer Handvoll Juden in Nazideutschland rechtfertige es, sich den Besitz von Millionen Arabern gewaltsam anzueignen?“

In einem 1998/99 publizierten Schulbuch für die 10. Klasse ist dann zu lesen:

„Wo aber ist der Unterschied zwischen dem Wesen des Nazismus und dem Wesen des Zionismus? Die Nazis beanspruchten für sich die rassistische Überlegenheit. Die Zionisten beanspruchen, das von Gott erwählte Volk zu sein, dem sich alle Völker der Welt unterwerfen müssen. (…) Die Nazis verfolgten und vertrieben die anderen Völker, die Zionisten machen heute dasselbe mit den Arabern und morgen mit den anderen islamischen Völkern.“[v]

Im Folgenden stellt Heugel einige Aspekte deutscher Geschichte von 1815–1945 und die Darstellung in syrischen Schulbüchern dar, was häufig wenig ertragreich ist. Problematisch ist Heugels Bezug auf so manche Literatur wie auf einen Text des ehemaligen Nazis Theodor Schieder aus dem Jahr 1975 als Beispiel der „neueren Forschung“ zu Bismarck und dem Kaiserreich. Heugel scheint die geschichtswissenschaftliche Debatte über Theodor Schieder nicht zu kennen, doch ein Hinweis darauf ist unabdingbar in einer heutigen wissenschaftlichen Arbeit.

In der anschließenden Darstellung versucht die Autorin Aspekte der deutschen Geschichte und deren Rezeption in syrischen Schulbüchern zu beleuchten, was nicht sehr überzeugend wirkt. Ein Schwerpunkt auf die Zeit des Nationalsozialismus wäre viel wichtiger und für ihre Ausgangsposition, warum heutige Syrerinnen und Syrer Hitler und Eva Braun bzw. NS-Deutschland huldigen, naheliegend gewesen. Aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive sind der Aufbau und die Darstellung so nicht überzeugend, es werden ohne größeren Erkenntnisgewinn allerhand Konflikte und Ereignisse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts lediglich angerissen.

Interessant und wichtig wird es erst wieder bei der Darstellung der Weimarer Republik, dem Aufstieg der NSDAP und dann der Nazi-Zeit. Das exemplifiziert Heugel am Beispiel eines zweibändigen Schulbuches für das Fach Geschichte der 11. Klasse, dessen Teile zuerst 1987/88 erschienen sind und „im Jahr 2011 in unveränderter Form in Syrien in Gebrauch“ waren.[vi] Darin heißt es bezüglich der Weimarer Republik:

„Hinzu kam eine Rezession im Innern, bei der der Wert der deutschen Mark verfiel und alle sozialen Klassen ihr Vermögen verloren. Das Leben wurde zu einer Last, die nicht zu tragen war. Die Juden jedoch, die mit Wertpapieren auf den Märkten ihren Spott trieben, wurden reich.“[vii]

Das kommentiert Heugel wie folgt:

„Mit der Behauptung, hinter der Inflation in Deutschland steckten die Juden, greifen die Schulbuchautoren eine damals in Deutschland durch antisemitische Hetzkampagnen verbreitete Vorstellung auf, die 1923 zu gewalttätigen Übergriffen auf die jüdische Bevölkerung in Berlin geführt hatte.“[viii]

Mehr noch:

„Doch beschränkt sich das ‚unheilvolle Treiben‘ der Juden in den Schulbüchern nicht nur auf den ökonomischen Bereich. Im Sinne des Denkens antisemitischer Kreise im Deutschland der Zwanzigerjahre wird ihnen auch die Schuld an der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg in die Schuhe geschoben. So heißt es bei Hitler kommentarlos: ‚Er führte sich die Stellung der Juden in Deutschland vor Augen und ihre Rollen, die sie bei der Schwächung und Niederlage Deutschlands im Krieg gespielt hatten‘ (S. 87). Mit der Übernahme der ‚Dolchstoßlegende‘ stehen die Schulbuchautoren in der arabisch-islamischen Welt nicht allein, auch Rasid Rida vertrat diese Ansicht.“[ix]

Bezüglich der nationalsozialistischen Herrenmenschenideologie erkennt Heugel Parallelen in der syrischen Ideologie und schreibt:

„Die in den Schulbüchern dargestellte nationalsozialistische Rassenlehre erinnert in ihrer Formulierung an die Vorstellungen der Theoretiker der Ba’t-Partei, wonach die unvergängliche Mission der Araber in ihrem genuinen Beitrag zur Weltzivilisation bestünde. Dieser werde einzig durch ihre physische Natur ermöglicht. Während bei Misil Aflaq die Idee von der Nation als einer Schicksalsgemeinschaft im Vordergrund stand, intergrierte Zaki al-Arsuzi westliche Rassentheorien hinsichtlich des Orients in seine Anschauungen, drehte die Wertung jedoch um und betrachtete Araber als die Überlegegenen. Grundlegend hierbei sei die Einheit der arabischen Rasse.“[x]

Problematisch bei Heugel ist jedoch z.B. die Erwähnung des Bombenkrieges im Zweiten Weltkrieg, zu dem sie schreibt, es herrsche „Uneinigkeit“ ob dieser zu den „Kriegsverbrechen“ zu zählen sei und wenn ja, dann hätten sich „neben Deutschland auch Großbritannien und die USA schuldig gemacht“.[xi] Die rechtsextreme, jahrzehntelange Propaganda gegen den vor allem englischen Luftkrieg gegen Nazi-Deutschland scheint die Autorin nicht zu kennen, geschweige denn die sekundär antisemitische Reaktionsweise in den letzten Jahren, als im Mainstream der Bundesrepublik (beispielsweise in der BILD-Zeitung und durch den Autor Jörg Friedrich) das Wort „Krematorium“ nicht nur für Auschwitz, vielmehr für die Dresden benutzt wurde. Schuldrojektion auf die Alliierten ist ein zentraler Topos der Schuldabwehr bzw. –relativierung in Deutschland. Dazu gibt es auch einen Forschungsstand. Doch wie schon bei der Darstellung von Bismarck und vieler anderer Zeiträume deutscher Geschichte, kann die Islamforscherin historiographischer und geistes- wie sozialwissenschaftlicher Analyse nicht folgen und dabei entstehen wissenschaftlich problematische Sichtweisen. Der Schwerpunkt des Bandes, syrische Schulbücher, kommt dabei immer wieder zu kurz.

Viel interessanter sind Hinweise auf das Verhalten deutscher Lehrer bzw. Deutsch Lehrender am Goethe-Institut in Damaskus aus dem Jahr 2003, als diese sich weigerten in einem Buch den Kniefall Willy Brandts aus dem Jahr 1970 aufzunehmen und zu thematisieren.[xii]

Nur ganz am Rande kritisiert die Autorin deutsche Islamforscher/innen wie Gudrun Krämer oder Ulrike Freitag.[xiii] Ganz verschämt, aber doch lesbar in einer Fußnote, wendet sich Heugel dann gegen den Begriff „islamistischer Antisemitismus“ da doch der Islam (an und für sich) ein „Herrschaftssystem  und eine Gesellschaftsordnung“ beinhalte.[xiv] Eine solche weitgehende Behauptung in eine Fußnote zu verpacken ist unsinnig, da daraus sich doch weitreichende analytische Schlußfolgerungen ableiten lassen. Eine wissenschaftlich fundierte Differenzierung von Islam und Islamismus (unabhängig davon, ob man nun theologisch, philosophisch, politisch oder wie immer Religion an sich oder speziell (und nur) den Islam grundsätzlich in Frage stellt oder nicht, was selbstredend möglich ist), wird somit noch nicht einmal diskutiert.

Apodiktisch zu setzen, „der“ Islam sei ein Herrschaftssystem und zu keiner Zeit nur als private Angelegenheit zu sehen, leugnet die de facto Existenz von moderaten Muslimen, die Religion als Privatsache und den Islam gerade nicht als politisch und somit nicht als Herrschaftssystem ansehen und dafür kämpfen, dass sich diese Sichtweise weltweit in der islamischen Welt durchsetzt.

Der größte methodische Fehler dieser gleichwohl sehr wichtigen und an sich grundlegenden Arbeit ist die Übersetzung des Vorworts der skandalösen Dissertation von Mahmud Abbas, die 1984 auf Arabisch erschien. Der heute als angeblich seriöser Gesprächspartner von US-Außenminister John Kerry (und somit von Präsident Obama) geadelte Mahmud Abbas ist ein Holocaustleugner, so eklig wie jeder deutsche, Schweizer oder österreichische Neonazi. In seiner Dissertation schreibt Abbas:

„Offensichtlich war es für die zionistische Bewegung von Vorteil, die Anzahl der im Krieg Getöteten aufzubauschen, da sich daraus ein größerer Gewinn erzielen ließ. Mit Nachdruck bestanden die Zionisten auf den sechs Millionen und verankerten sie im Bewusstsein der öffentlichen Meinung. Damit verstärkten sie die Gewissensbisse und steigerten die Sympathien für den Zionismus. Von vielen Wissenschaftlern aber wurde die Zahl infrage gestellt. Sie kamen zu verblüffenden Ergebnissen, wonach die Anzahl der jüdischen Opfer lediglich Hunderttausend betragen hatte.“[xv]

Wie Holocaustleugner weltweit, von Robert Faurisson, Arthur Butz, Thies Christophersen und Wilhelm Stäglich hin zu Mahmoud Ahmadinedschad, leugnet der Araber Abbas den Holocaust bzw. die Existenz der Gaskammern zur Vernichtung der europäischen Juden. Abbas schreibt in seiner Dissertation:

„Der zweite Punkt betrifft die Opfer selbst. Ihre Tötung in den Konzentrationslagern und Gaskammern kann nicht eindeutig nachgewiesen werden. (…) Abschließend kann gesagt werden, dass die Gaskammern glücklicherweise nicht zur Tötung von Juden verwendet wurden. Der französische Professor Robert Faurisson untersuchte solche Kammern und kam zu dem Schluss, dass sie in Wirklichkeit dem Zweck dienten, Bakterien abzutöten.“[xvi]

Holocaustleugnung und Antizionismus sind der Kern des Buches von Abbas. Seine Arbeit trägt den Titel „Die andere Seite. Die geheimen Verbindungen zwischen den Nazis und den Zionisten“, das Titelbild zeigt zwei Soldaten, einer mit einem Hakenkreuz auf dem Helm, der andere mit einem Davidstern.

Es wäre von herausragender Bedeutung gewesen, wenn Renate Heugel diese bedeutende islamwissenschaftliche Leistung – die Übersetzung eines Textes eines so enorm einflussreichen Mannes wie Abbas – als Teil ihrer Magisterarbeit betrachtet und im Haupttext untersucht hätte anstatt die Übersetzung einfach so in den Anhang des Buches zu stellen. Dann wäre das Buch analytisch reicher geworden und die Analyse und Kritik syrischer Schulbücher, am besten nur fokussiert auf die Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, hätte methodisch einwandfrei zur Analyse und Kritik des palästinensischen Antisemitismus, des arabischen und muslimischen Antizionismus sowie der arabischen und muslimischen Holocaustleugnung gepasst. Es mag enorm schwierig sein sich im Fach Islamwissenschaft überhaupt mit Antisemitismus in der islamischen Welt zu befassen und es ist ganz sicherlich alles andere als einfach überhaupt ein Studium der Islamwissenschaft in Deutschland zu absolvieren, ohne die Kritikfähigkeit an der arabischen und muslimischen Welt zu verlieren.

Wer arabische Texte zu übersetzen in der Lage ist, sollte sich gerade mit den äußerst problematischen Aspekten der arabischen Welt befassen. Dies getan zu haben und den Judenhass oder Antisemitismus als Kernelement der ‚deutsch-arabischen Freundschaft‘ decodiert zu haben, ist eine wegweisende und bleibende Leistung der Islamforscherin Renate Heugel.

 

 


[i]               Renate Heugel (2013): Die deutsch-arabische Freundschaft. Deutsche Geschichte (1815–1945) in syrischen Schulbüchern, Hamburg: Verlag Dr. Kovač.

[ii]              Heugel 2013, 25.

[iii]              Ebd., 25, Anm. 16.

[iv]              Ebd., 26f.

[v]              Ebd., 52f.

[vi]              Ebd., 55, Anm. 124.

[vii]             Ebd., 86.

[viii]            Ebd., 87.

[ix]              Ebd., 95.

[x]              Ebd., 89.

[xi]              Ebd., 108.

[xii]             Ebd., 120.

[xiii]            Ebd., 119, Anm. 296 (zu Freitag) bzw. 119, Anm. 297 (zu Krämer).

[xiv]            Ebd., 122, Anm. 306.

[xv]             Ebd., 187.

[xvi]            Ebd., 189.

 

 

Von Weimar nach Berlin – Antisemitismus vor Auschwitz und im Jahr 2012

Von Weimar nach Berlin

Antisemitismus vor Auschwitz und
im Jahr 2012

Von Susanne Wein und Clemens Heni

 

Das Jahr 2012 ist so dicht an antisemitischen Ereignissen, dass ein vorgezogener Jahresrückblick lohnt. Das Jahr zeigt wie flexibel, vielfältig, codiert und offen sich Antisemitismus äußern kann. Drei Forschungsfelder seien hier knapp vorgestellt, um schließlich ein besonders markantes und schockierendes Beispiel von 2012 mit einem Fall aus dem Jahr 1925 zu vergleichen.

1)     Holocaustverharmlosung.

Im Januar wurde in Leipzig bekannt gegeben, dass der amerikanische Historiker Timothy Snyder den Leipziger Buchpreis 2012 erhalten wird.

Snyder hat 2010 das Buch Bloodlands publiziert, worin er leugnet, dass der Holocaust ein spezifisches Verbrechen war, ohne Vergleich in der Geschichte. Vielmehr konstruiert der „Genozid“-Forscher, der dem sog. spatial-turn folgt (eine Modeerscheinung der Kulturwissenschaft, die den Raum als zentrale Größe postuliert), einen Raum in Osteuropa zwischen dem Baltikum und der Ukraine, den er Bloodlands nennt und in dem zwischen 1932 (!) und 1945 ca. 14 Millionen Menschen starben bzw. ermordet wurden. Hitler und Stalin sind für ihn gleich schlimme historische Figuren. Snyder bemüht die veraltete Great Man Theory und hat keinen Blick für die sehr ausdifferenzierte Forschung zum Nationalsozialismus und zum Holocaust.

Vielmehr kooperiert er mit dem litauischen Staat und unterstützt eine dortige, weltweit in Misskredit geratene historische Kommission, die die Verbrechen von Hitler und Stalin wiederum gleichsetzt. Dramatisch ist, dass selbst die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und ihr wissenschaftliches Personal in Person der neuen Chefhistorikerin Dina Porat  mit dieser Kommission in Litauen kooperiert, was zu scharfen Protesten von Holocaustüberlebenden führte.

Kurz gesagt: Timothy Snyder ist ein geistiger Enkel Ernst Noltes, er möchte die Deutschen entschulden und die Präzedenzlosigkeit von Auschwitz verwischen oder leugnen. Historiker wie Omer Bartov (Brown University), Dan Michman (Yad Vashem) oder Jürgen Zarusky (Institut für Zeitgeschichte, München) haben Snyder dezidiert kritisiert. Der Jiddisch-Forscher Dovid Katz dokumentiert und analysiert seit Jahren den Antisemitismus in Osteuropa, insbesondere in Litauen, auch er hat sich intensiv mit Snyders Bloodlands befasst und zeigt, warum extrem rechte Kreise in Osteuropa Snyder feiern.

Die Wahl von Joachim Gauck zum Bundespräsidenten im März 2012 verstärkt die Holocaustverharmlosung, da Gauck die „Prager Deklaration“ vom Juni 2008 unterzeichnet hat, die – ganz im Sinne von Snyder – rot und braun gleichsetzt und die Verbrechen des Holocaust trivialisiert. Die Unterzeichner wollen als gesamteuropäischen Gedenktag den 23. August (der Tag des Ribbentrop-Molotow Paktes von 1939) etablieren und schmälern damit implizit die Bedeutung des Holocaustgedenktages am 27. Januar, wenn sie diesen Gedenktag nicht sogar ganz abschaffen wollen. Gauck sprach zudem 2006 davon, dass jene, die die Einzigartigkeit des Holocaust betonen, nur einen Religionsersatz suchen würden. Auch Neonazis, Holocaustleugner, manche christliche Aktivisten, Forscher oder auch Autoren der tageszeitung (taz) frönen einer solchen Sprache und reden von der „Holocaust-Religion“ oder einer „Pilgerfahrt“, wenn es um Auschwitz geht. Ohne den Dammbruch durch Martin Walsers Paulskirchenrede von Oktober 1998 wäre das alles nicht so ohne Weiteres im Mainstream der deutschen Gesellschaft denk- und sagbar.

2)     Antizionismus.

Der zweite Aspekt des Antisemitismus ist der seit der zweiten Intifada im September 2000 und nach dem islamistisch motivierten Massenmord vom 9/11 weltweit bei den wenigen Kritikern im Zentrum der Aufmerksamkeit stehende antizionistische Antisemitismus bzw. die Israelfeindschaft.

Am 4. April 2012 publizierte der Literaturnobelpreisträger Günter Grass in der größten deutschen Tageszeitung (nach der Boulevardzeitung BILD), der Süddeutschen Zeitung aus München, ein Gedicht mit dem Titel „Was gesagt werden muss“. Darin schreibt der deutsche Denker:

„Warum sage ich jetzt erst, gealtert und mit letzter Tinte: Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden?“

Nicht der Iran droht Israel mit Vernichtung, die Juden („Atommacht Israel“) seien die Gefahr. Diese Leugnung der Wirklichkeit, die Derealisierung, Schuldprojektion und die Schuldumkehr sind ein typisches Muster des neuen oder Post-Holocaust Antisemitismus. Israel gefährde den Weltfrieden und nicht der „Maulheld“ Ahmadinejad, wie er vom deutschen Dichter verniedlichend genannt wird; dabei haben die Verharmlosung der iranischen Gefahr bzw. das klammheimliche Liebäugeln mit dem vulgären, iranischen, islamistischen aber natürlich auch dem arabischen Antisemitismus Konjunktur. Die Diffamierung Israels ist auch unter deutschen Wissenschaftlern, Journalisten, Politikern, NGO-Aktivisten und der Bevölkerung gern gesehen. Die ARD jedenfalls war von Grass so begeistert, dass der Tagesthemen-Anchorman Tom Buhrow ein Exklusivinterview mit dem Schriftsteller führte und tags darauf Grass das Gedicht in der ARD vortragen durfte.

Das wird ergänzt durch die Verleihung des Adorno-Preises der Stadt Frankfurt am Main am 11. September 2012 an die amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Judith Butler von der University of California in Berkeley. Butler ist als antiisraelische Agitatorin weltweit berüchtigt, wenn sogar der Präsident der Harvard University im Jahr 2002, Lawrence Summers, unter anderem sie meinte als er den Hass auf Israel und die Boykottaufrufe gegen den jüdischen Staat thematisierte. Butler steht für einen Antizionismus, der sich in der Tradition von Martin Buber und Hannah Arendt verortet und die Gründung eines explizit jüdischen Staates (der zudem so tolerant ist und 20% Araber und Muslime und andere zu seiner Bevölkerung zählt) ablehnt. Mit fast vollständig homogenen islamischen Staaten wie Saudi-Arabien, Iran oder Jordanien und ihren antidemokratischen, homophoben und misogynen politischen Kulturen hat Butler selbstredend kein Problem. Die Wochenzeitung Die Zeit publizierte gar einen Text der BDS-Unterstützerin Butler und unterstützt somit den Aufruf zum Boykott Israels. Früher wäre das fast nur in der jungen Welt oder der Jungen Freiheit propagiert worden, doch längst sind solche antisemitischen Positionen Mainstream.

Eine Vertraute und Freundin von Butler, die Politikwissenschaftlerin Seyla Benhabib (Yale University) wurde 2012 in Deutschland ebenfalls geehrt. Sie erhielt am 8. Mai den Dr. Leopold Lucas-Preis der Universität Tübingen für ihren Einsatz für Hospitalität und „universelle Menschenrechte“ – auch dieser Preis ist mit 50.000€ dotiert, was ja von der schwäbischen Alma Mater freundlich ist, wenn man bedenkt, wie schlecht bekanntlich die Yale University ihre Professoren bezahlt. Benhabibs Vorbilder sind Immanuel Kant („Der Ewige Frieden“ von 1795) und Hannah Arendt. Die problematischen Aspekte dieser Art von Kosmopolitanismus oder vielmehr die anti-israelische Dimension bei Arendt,  kehren bei Benhabib verstärkt wieder. 2010 diffamierte sie Israel  indem sie es mit der südafrikanischen Apartheid und mit den „1930er Jahren in Europa“ (sie erwähnt den Slogan „Eine Nation, Ein Land, Ein Staat“ und spielt offensichtlich auf Nazi-Deutschland an) verglich – während selbstverständlich auch sie den Jihadismus z.B. der Gaza Flottille ignorierte und ihn bis heute ausblendet. Dies sind die eigentlichen Gründe für die Ehrungen und den Beifall aus Deutschland für Personen wie Butler und Benhabib. Kritik an Arendt, Kant und der europäischen Ideologie (wie sie auch Jürgen Habermas vertritt) eines Post-Nationalstaats-Zeitalter, wie sie von dem israelischen Philosophen Yoram Hazony bekannt ist, wird in Deutschland entweder gar nicht zur Kenntnis genommen oder abgewehrt.  Aufgegriffen und promotet wird sie höchstens von problematischen, nicht pro-israelischen, vielmehr deutsch-nationalen, rechten und konservativen Kreisen wie der Zeitschrift Merkur (dessen Autor Siegfried Kohlhammer den Islam mit seinen Dhimmi-Regelwerken für Nicht-Muslime schlimmer findet als den Nationalsozialismus und die Nürnberger Gesetze, und der zudem gegen Israel argumentiert).

3)     Antijudaismus.

Diese älteste Form des Antisemitismus spielt auch im nachchristlichen Zeitalter eine zunehmende Rolle. 2012 tritt ein in seiner Vehemenz seit 1945 ungeahnter und ohne Vergleich dastehender Angriff auf Juden und das Judentum auf: Hetze gegen die Beschneidung und religiöse Rituale. Alles, was Juden im Post-Holocaust Deutschland dachten, als selbstverständlich annehmen zu können, steht jetzt in Frage: Juden als Juden werden hinterfragt. Wie im Holocaust sollen männliche Juden die Hosen runter lassen, damit die arischen Deutschen nachschauen, ob er ein Jude ist oder nicht; sie durchleuchten Juden auf ihre Gesundheit, sexuellen Praktiken und Fähigkeiten und finden diese Art von Zurschau-Stellung von Juden notwendig und emanzipatorisch. Heute wird diese antijüdische Propaganda nicht unter dem Schild der SS oder der Wehrmacht durchgeführt, nein: heute geht es um „Kinderrechte“ und die angebliche Freiheit, nur als nicht-beschnittener Mann im Erwachsenenalter über die Religionszugehörigkeit entscheiden zu können.

Am 7. Mai 2012 befand das Kölner Landgericht in einem die politische Kultur in Deutschland für immer verändernden Urteil die Beschneidung von Jungen als gegen „dem Interesse des Kindes“ stehend und somit als nicht vertretbar. Die Beschneidung von jüdischen Jungen am achten Tag bzw. die Beschneidung von muslimischen Jungen im Alter zwischen 0 und 10 Jahren, sei somit nicht legal. Ein deutsches Gericht urteilt über das Judentum, das die Beschneidung vor über 4000 Jahren einführte. Der Volksgerichtshof des Nationalsozialismus hätte seine Freude gehabt an diesem 7. Mai 2012. 600 Ärzte und Juristen, angesehene normale Deutsche, agitierten sodann unter Federführung des Mediziners Matthias Franz von der Universität Düsseldorf am 21. Juli 2012 in einem Offenen Brief in der Zeitung für Deutschland (Frankfurter Allgemeine Zeitung, FAZ) gegen die Beschneidung und forderten politische und rechtliche Konsequenzen aus dem Kölner Urteil. Selbst pro-israelische Aktivisten zeigen nun ein ganz anderes Gesicht und machen sich über das Judentum lustig. Offenbar hatten diese Leute schon immer ein Israel ohne Judentum im Sinn. Die Zeitschrift Bahamas

aus Berlin folgte dem Ruf aus Köln, der FAZ und dem Zeitgeist und sprach sich gegen eine Kundgebung für Religionsfreiheit/für die Beschneidung aus und forderte ihre 23 oder 34 Anhänger auf, dieser ohnehin kleinen Manifestation vorwiegend deutscher Jüdinnen und Juden am 9. September 2012 in Berlin fern zu bleiben, da sie „den kulturellen und religiösen Traditionen von Kollektiven grundsätzlich misstraut“. Autoren dieses Sektenblattes wie Thomas Maul und Justus Wertmüller bezeichnen die Beschneidung als „archaisch“ und diffamieren dadurch mit Verve das Judentum. Derweil kringeln sich die Neonazis, die NPD und autonome Nationalisten, da doch der deutsche Mainstream das Geschäft des Antisemitismus (bis auf die Verwüstungen jüdischer Friedhöfe und von Gedenktafeln, bis heute eine typisch neonazistische Form des Antisemitismus) übernommen hat. Die Wochenzeitung jungle world 

mit ihrem Autor Thomas von der Osten-Sacken machte gegen die Beschneidung mobil und stellte Bezüge zur kriminellen Klitorisverstümmelung bei Mädchen, der Female genital mutilation (FGM), her. Sein Kollege Tilman Tarach war auf Facebook nicht weniger obsessiv dabei,

die Beschneidung und somit das Judentum zu schmähen. Eine Internetseite, Politically Incorrect (PI), die aus dem Umfeld von Parteien wie Die Freiheit, der Bürgerbewegung Pax Europa (BPE), der Pro-Bewegung und anderen Gruppierungen der extremen Rechten oder des Rechtspopulismus kommt, droht Juden:

„Wenn sich aber jüdische Verbände und Organisationen beispielsweise so an die uralte Vorschrift der Beschneidung klammern, zeigen sie damit, dass sie sich in diesem Punkt nicht vom Islam unterscheiden. So etwas können wir nach meiner festen Überzeugung in unserem Land nicht zulassen.“

Die Giordano Bruno Stiftung (GBS) mit ihrem Vorbeter Michael Schmidt-Salomon (übrigens sitzt Hamed Abdel-Samad im wissenschaftlichen Beirat der GBS),

die Deutsche Kinderhilfe, Evolutionäre Humanisten Berlin Brandenburg e.V., der Zentralrat der Ex-Muslime, die Freidenkervereinigung der Schweiz, der pflegeelternverband.de und einige andere Organisationen und Gruppen agitieren besonders aggressiv gegen Juden (und Muslime) und starten im Herbst 2012 die perfide Anzeigenkampagne

„Mein Körper gehört mir“. Zu sehen ist das Bild eines Jungen, der sich völlig verängstigt in den Schritt fasst und darunter steht: „Zwangsbeschneidung ist Unrecht – auch bei Jungen.“ Damit wird nicht nur die kriminelle und zumal islamistische Praxis der Klitorisverstümmelung mit der harmlosen Beschneidung von Jungen gleichgesetzt, vielmehr wird in Stürmer-Manier gesagt: vor allem das Judentum basiert auf Unrecht! Hieß es 1879 bei Heinrich von Treitschke „Die Juden sind unser Unglück“, was zu einem der Propagandasprüche des Nationalsozialismus avancierte, so wird im Jahr 2012 von Atheisten, Positivisten und anderen Aktivisten (die sich teils anmaßend Humanisten nennen) die Beschneidung als das Unglück für Kinder dargestellt oder Juden (und Muslime) gar als Kinderschänder diffamiert. Das liest sich wie eine post-christliche Version der Blutbeschuldigung, der antisemitischen Blood Libel.

Der Professor für Religionsgeschichte und Literatur des Judentums an der Universität Basel, Alfred Bodenheimer, ist zutiefst schockiert über den Anti-Beschneidungsdiskurs und hat im Sommer 2012 ein kleines Büchlein dazu verfasst: „Haut-Ab! Die Juden in der Besschneidungsdebatte“ (Göttingen: Wallstein). Darin analysiert er:

„Aus christlich-theologischer Sicht war die Kreuzigung ein sehr ähnliches Vergehen wie das Beschneiden der Kinder aus der heutigen säkularen: Denn die Taufe als unmittelbare Partizipation des einzelnen Gläubigen an der Kreuzigung Christi (und der damit verbundenen Sündenvergebung) machte letztlich jeden Getauften zum partiell von den Juden Gekreuzigten ­– und damit jenes Ereignisses, in dem gerade Paulus die Beschneidung aufgehoben hatte. Der säkulare Ausgrenzungsdiskurs folgt dem christlichen auf dem Fuße, er ist kultur- und mentalitätsgeschichtlich so leicht abrufbar, dass insbesondere den dezidierten Säkularisten die Ohren sausen dürften, wären sie sich der Sensoren gewahr, die ihren Furor geweckt haben. Der säkularistische Anspruch, Gleichheit in allen Belangen zur Ausgangslage eines frei auslebbaren Individualismus zu machen, trägt mehr vom Paulinischen Universalismus in sich (dessen Gegenbild die auf defensiver Differenz bestehenden Juden waren), als dem Gros seiner Vertreter klar ist.“ (ebd., 58f.)

Die Internetseite HaOlam mit ihrem Vertreter Jörg Fischer-Aharon, die sich jahrelang als pro-israelisch gab, hat den Anti-Beschneidungsvorkämpfer Schmidt-Salomon exklusiv interviewt und macht damit Werbung für obige Anzeigenkampagne.

Manche Organisationen, die häufig mit HaOlam bzw. deren Umfeld und vielen anderen aus der nie näher definierten „pro-Israel-Szene“ kooperierten, werden ins Grübeln kommen.

Sei es Ressentiment auf Religion oder kosmopolitisch inspirierte Universalität, jedenfalls wird mit bestem Gewissen jedwede Partikularität – wie die des jüdischen Staates Israel und des Judentums, inklusive seiner religiösen Traditionen, die auch von nicht-gläubigen Juden mit überwältigender Mehrheit praktiziert werden – abgelehnt.

Es ist unerträglich, mit welcher Arroganz, Obszönität und Dreistigkeit ausgerechnet deutsche Areligiöse,  Christen, selbsternannte Israelfreunde und „Antifas“ sich de facto zu den islamistischen und neonazistischen Judenfeinden gesellen und völlig geschichtsvergessen das Nachdenken einstellen.

Kaum jemand hat heute in Deutschland noch Beißhemmungen wenn es um Juden geht.

Dieser hier skizzenhaft aufgezeigte neu-alte Antisemitismus zeigt sich in dramatischer Form in vier antisemitischen Vorfällen in wenigen Wochen bzw. Tagen allein in Berlin:

  • Am 28. August 2012 wurde in Berlin-Friedenau am helllichten Tag der Rabbiner Daniel Alter von mehreren vermutlich arabischen Jugendlichen und Antisemiten krankenhausreif geschlagen. Er trug eine Kippa und wurde gefragt, ob er Jude sei. Das „Ja“ führte zu einem Jochbeinbruch und Todesdrohungen gegen seine 6-jährige Tochter. Die Täter sind bis heute nicht ermittelt.
  • Am 3. September wurde gegen 10 Uhr vormittags eine Gruppe von jüdischen Schülerinnen vor der Carl-Schuhmann-Sporthalle in der Schlossstraße in Berlin-Charlottenburg von vier ca. 15-16-jährigen Mädchen muslimischer Herkunft (eine der Antisemitinnen trug ein Kopftuch) diffamiert und u.a. als „Judentussen“ beleidigt.
  • Am höchsten jüdischen Feiertag, Yom Kippur, am Mittwoch, den 26. September 2012, rief Esther Dobrin aus Berlin gegen 11 Uhr ein Taxi, um mit ihrer 11-jährigen Tochter und zwei weiteren Personen zur Synagoge in die Pestalozzistraße zu fahren. Der Taxifahrer verhielt sich reflexhaft feindselig, als der genaue Bestimmungsort als „Synagoge“ benannt wurde; er warf die vier Fahrgäste sozusagen aus dem Wagen.
  • Wenig später, gegen 18 Uhr an diesem 26. September, wurden drei andere Juden in Berlin verbal attackiert. Der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, kam gerade mit seinen beiden Töchtern im Alter von 6 und 10 Jahren von der Synagoge, ebenfalls in Charlottenburg, unweit des Kurfürstendamms, als er offenbar wegen eines klar ersichtlichen jüdischen Gebetsbuches beleidigt wurde. Im Laufe eines aggressiven Wortgefechts hat Kramer nicht nur die Polizei zu Hilfe gerufen, vielmehr auch auf seine Waffe gezeigt, die er seit acht Jahren zum Selbstschutz und als ausgebildeter Sicherheitsbeauftragter bei sich trägt. Die Polizei hat nun zwei Anzeigen zu bearbeiten, Kramer zeigte die Beleidigungen des Antisemiten an, während derselbe Kamer wegen Bedrohung anzeigte, wozu er, nach unbestätigten Informationen,  von der Berliner Polizei durchaus ermutigt worden war.

Kramer kennt die Zusammenhänge des GraSSierenden Antisemitismus in Deutschland und weiß, dass sich die geistigen Zustände und Debatten in gewalttätigen Straßenantisemitismus entladen können – darum ist er bewaffnet. Welche zwei komplett disparaten Lebensrealitäten – eine jüdische und eine nicht-jüdische – werden von nichtjüdischen Deutschen tagtäglich stillschweigend hingenommen? Wie fühlt es sich an, ständig in den Einrichtungen der eigenen Religion/Gruppe, Kindergarten, Schule, Synagoge etc. unter Polizeischutz stehen zu müssen?

1925, einige Jahre vor NS-Deutschland, im demokratischen Rechtsstaat der Weimarer Republik passierte in Stuttgart Folgendes:

„An einem Sonntag im November 1925 las der Kaufmann Ludwig Uhlmann in der Gastwirtschaft Mögle Zeitung und trank ein Bier. In provozierender Absicht beleidigte ihn der am Nachbartisch sitzende Franz Fröhle mit spöttischen Bemerkungen und ließ mehrfach die Bezeichnung ‚Jude Uhlmann‘ fallen. Dieser reagierte nicht. Daraufhin sagte Fröhle: ‚Was will der Judenstinker hier, der Jude soll heimgehen‘, was Uhlmann sich verbat. Als die Pöbeleien anhielten, zog Uhlmann eine Pistole, mit der Bemerkung, dass Fröhle damit Bekanntschaft machen könne, falls er nicht aufhöre. Schließlich setzten der Wirt und die Polizei den Beleidiger vor die Tür. Die Staatsanwaltschaft beantragte nicht nur einen Strafbefehl gegen Fröhle wegen Beleidigung in Höhe von 50 RM Geldstrafe, sondern auch einen gegen Uhlmann wegen Bedrohung und abgelaufenen Waffenscheins. Bei der Hauptverhandlung des Amtsgerichts wurde er zwar von der Anklage der Bedrohung freigesprochen, aber wegen der Bagatelle des abgelaufenen Waffenscheins von wenigen Monaten zu einer Geldstrafe von 30 RM verurteilt.“ (Martin Ulmer (2011): Antisemitismus in Stuttgart 1871–1933. Studien zum öffentlichen Diskurs und Alltag, Berlin: Metropol, S. 350)

 

Dieses Schlaglicht zeigt die Normalität antisemitischer Beleidigungen, die in der deutschen politischen Kultur bereits damals, wie sich an unzähligen Beispielen aufzeigen lässt, tief verankert und sedimentiert war.

Heute nun, im Jahr 2012, über 67 Jahre nach dem Holocaust und Auschwitz – welch ein Unterschied ums Ganze! –, müssen sich Juden wieder bewaffnen. Sie sind fast täglich Angriffen, Beleidigungen und Hetzkampagnen ausgesetzt und es kann sich eine Szene abspielen, die der in einer Stuttgarter Kneipe von 1925 gruselig ähnelt.

 

Auf der einen Seite haben wir diese Vorfälle aus dem Jahr 2012 und insbesondere die „Beschneidungsdebatte“ mit all ihren antisemitischen Internet-Kommentaren -und Forenbeiträgen, die einen an Max Liebermanns Ausspruch zum 30. Januar 1933 denken lassen. Auf der anderen sucht man vergebens die arrivierten Antisemitismusforscherinnen und -forscher, die sich der skizzierten Forschungsfelder annehmen. Werner Bergmann schrieb 2011 in einer Festschrift für einen Kollegen:

„Im historischen Vergleich mit der Zeit vor 1945, aber auch in den letzten 60 Jahren in Deutschland […] war Antisemitismus gesamtgesellschaftlich wohl selten so sehr an den Rand gedrängt wie heute.“

Antisemitismus ist in Deutschland nicht erst, aber insbesondere im Jahr 2012 gesamtgesellschaftlich so weit verbreitet wie vielleicht noch nie seit 1945.

 

 

Susanne Wein ist Historikerin und promovierte im September 2012 an der Freien Universität Berlin  mit einer Arbeit über „Antisemitismus in der politischen Kultur der Weimarer Republik. Eine Untersuchung anhand der Debatten im Reichstag“.

Clemens Heni ist Politikwissenschaftler und promovierte im August 2006 an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck mit einer Arbeit über die „Salonfähigkeit der Neuen Rechten. ‚Nationale Identität‘, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970 – 2005: Henning Eichberg als Exempel“.

Grass and the Sueddeutsche

Algemeiner.com, April 11, 2012

Anti-Zionist, anti-Israel, anti-Semitism is the new form of well-respected, mainstream hatred of Jews. On April 4, 2012, the leading German daily Sueddeutsche Zeitung published a poem by 1999 Nobel Prize Laureate, Günter Grass, entitled “What Must Be Said.”

At the very beginning of his text Grass portrays himself and all of “us” as possible “survivors” of a hypothetical future war. Intentionally or not, Grass uses a term reserved for Jewish survivors of the Shoah. He is portraying himself as a possible victim of Jews, projecting his own guilt onto the victims. In 1944, at the age of 17, Grass became a member of the Waffen SS, and he lied to the public until 2006 when he revealed his Nazi past. Grass writes in his poem that Iranian President Ahmadinejad is nothing but a “loudmouth,” Israel seeks to “annihilate the Iranian people,” and that he is sick of hypocrisy and wants to speak out. The crucial sentence in the poem reads: “Israel’s atomic power endangers an already fragile world peace?” This is quite possibly the most anti-Semitic sentence written by an internationally acclaimed and respected German author since the unconditional surrender of National Socialism on May 8, 1945. It may be even worse than the phrase “The Jews are our misfortune” from German historian Heinrich von Treitschke in 1879, who became infamous for the Berlin Antisemitism Dispute (Berliner Antisemitismusstreit), because Grass writes in the post-Auschwitz time. He knows the consequences of Treitschke – and repeats his singling out of Jews, though framed as anti-Netanyahu and anti-Israel resentment.

Some might argue that Jews and the state of Israel are living in a pre-Holocaust time due to the fact that Iranian President Ahmadinejad said on October 26, 2005, at a conference in Teheran about “A World without Zionism,” that Israel must be “wiped off the map.” We know of many other genocidal anti-Semitic statements from Islamist leaders, including former Iranian president Rafsanjani, leading Sunni Islamist Yusuf al-Qaradawi and al-Jazeera TV from Qatar, or Egypt TV, where preachers have praised the Holocaust.

Grass dismisses those genocidal threats and portrays Israel as the bad boy which threatens Iran with a so-called “first strike” with atomic weapons dedicated to erase the population. This is a lie and Grass well knows that it is a lie. However, he knows from his own experience during Nazi Germany that people get to love, embrace and believe lies if they are repeated, repeated, and repeated. This was the tactic of Joseph Goebbels – the big lie method.

What is not much discussed, though, is the Sueddeutsche Zeitung. This is the leading German daily with some 410,000 copies a day, only the boulevard daily Bild-Zeitung sells more copies. The Sueddeutsche has a record of anti-Israel agitation. In December 2009 it published an article by British historian Tony Judt, declaring that Jews are not a people, and have no real connection to the land of Israel. In his article Judt used many antisemitic tropes. Finally he predicted that there might be “ethnic cleansing,” perpetrated by Israel, in the future on an unprecedented level since 1945.

In January 2010 historian Wolfgang Benz published a widely discussed article, entitled “Preachers of hate with parallels” (“Hetzer mit Parallelen”). He equated Islamists and preachers of hate in the Muslim world with critics of antisemitism and Islamism. Even if we take into account that Germans share the racist views of Muslims, which is horrible and has to be fought on a daily basis, there is nothing which can be compared with state-funded terrorism from Iran, with genocidal threats from the Iranian regime since 1979, and there is nothing which can be compared with Holocaust praise on Egypt TV.

Journalists spoke out against Grass, but those supposed experts on antisemitism, like the Center for Research on Antisemitism (ZfA) at the Technical University of Berlin, are ignoring the new “Anti-Semitism Dispute” in 2012.

Dr. Clemens Heni is head of the Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA). 2008/2009 he was a Post-Doc at the Yale Initiative for the Interdisciplinary Study of Antisemitism (YIISA), Yale University, in 2011 he published his book “Schadenfreude. Islamic Studies and antisemitism in Germany after 9/11” (in German). In 2009 he spoke at Hadassah Book Club and the Congregation Beth Israel in Hartford, in 2010 he spoke at the Congregation Beth-El in Edison, New Jersey. In summer 2012 he will publish his first book in English: “Antisemitism – A specific Phenomenon. An introduction in research on antisemitism – from Ahasver, Mammon, and Moloch to Holocaust distortion, anti-Zionism and Islamic Jihad”.

 

Robert S. Wistrich – Muslimischer Antisemitismus. Eine aktuelle Gefahr

Sehr geehrte Damen und Herren,

das neue Buch von Robert S. Wistrich ist jetzt lieferbar:

Robert S. Wistrich.  Muslimischer Antisemitismus. Eine aktuelle Gefahr

ISBN 978-3-9814548-1-9, 161 Seiten, Softcover, 21 cm x 12,8 cm,

28 Abbildungen, 14, 90 € (D)

“Die Political Correctness spielt ihre ganz eigene, den Westen lähmende Rolle, sobald ein Wissenschaftler oder Journalist versucht sich mit einem beliebigen Aspekt des Islam zu befassen. Selbst die fürchterlichsten Taten derer, die ohne zu zögern unschuldige Zivilisten im Namen des Jihad gegen die „Feinde des Islam“ opferten, führten zu zweideutigen und zögerlichen westlichen Reaktionen, wenn es darum ging, die involvierten Doktrinen des Islam zu kritisieren. Der Krieg gegen Al-Qaida wurde von den Präsidenten Bush und Obama sinnentleert als ein „Krieg gegen den Terror“ bezeichnet, um eine Beleidigung des Islam als Religion zu vermeiden – dabei wurde doch der Islam aus politischen Gründen bereits von den Jihadisten gekapert.”

Prof. Dr. Robert S. Wistrich (Jg. 1945) ist Professor für moderne europäische Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem. Er ist Autor von 17 Büchern und einer der weltweit bekanntesten Antisemitismusforscher. Seine preisgekrönten Bücher sind in 18 Sprachen übersetzt, 2010 veröffentlichte er die derzeit umfangreichste und umfassendste Geschichte des Antisemitismus, “A Lethal Obsession“.

Das Buch enthält eine Einführung in das Werk des Historikers Robert S. Wistrich sowie erstmals eine Bibliografie seiner Schriften seit 1973.

Bestellbar (versandkostenfrei!) direkt beim Verlag – editioncritic@email.de -, bei Amazon oder in jedem Buchladen.

Mit freundlichen Grüßen,
Edition Critic

 

Robert S. Wistrich: Muslimischer Antisemitismus

Robert S. Wistrich.  Muslimischer Antisemitismus. Eine aktuelle Gefahr

ISBN 978-3-9814548-1-9, 161 Seiten, Softcover, 21 cm x 12,8 cm,

28 Abbildungen, 14, 90 € (D)

Ongoing research on German and global anti-Semitism important

Ongoing research on German and global anti-Semitism important, November 29, 2010, SanDiegoJewishWorld.

BERLIN –Antisemitism is the “longest hatred“ (Robert Wistrich) and still a lethal threat to Jews and the Jewish state of Israel. After the Holocaust anti-Semitism changed its face, now portraying itself under the guise of anti-Zionism. When I started to analyze Nazi Germany as a young student at the University of Tübingen in south-west Germany in the early 1990s not many scholars in Germany focused on anti-Semitism as the power behind the Shoah.

Rather the industrial aspect of producing dead corpses in the gas chambers was analyzed, mostly ignoring both the victims (Jews) and the perpetrators and organizers (Germans). This changed, though, in the German debate in 1996 when American political scientist Daniel Goldhagen published his dissertation about “Hitler’s willing executioners.” Goldhagen stresses the fact that it was not by accident that Jews had become the victims of German “eliminationist anti-Semitism.”

For me this was a starting point in studying anti-Semitism myself. Since then I worked on several examples of anti-Semitism in history and the contemporary world.

One example are German Catholics and their anti-Semitism, anti-Liberalism, and anti-Humanism as shown in the Catholic “Bund Neudeutschland” (“Association New Germany”), which was very active in the 1920s, the early 1930s and then during National Socialism. I also studied nature conservation and its history in Germany, particularly its anti-Semitic ideology. German nature conservationists intended during Nazi Germany to “purify” both “landscape” and the “population,” read: isolate the Jews, denying them German citizenship. This was already in 1933/34.

I studied the ideology of Joseph Goebbels, the leading propagandist of Nazi Germany. He wrote one of the nastiest anti-Semitic booklets as early as 1926 during the Weimar Republic, his infamous “Nazi-Sozi,” comparing Jews with “fleas.”

In my PhD dissertation about right-wing extremism and the “New Right” in Germany from 1970-2005 I also included chapters about left-wing anti-Semitism. For example, several founding members of the party of the Greens (“Die Grünen”) in 1979 were former Nazis.

Another example is an interview by a leading nationalist and right-wing extremist, Andreas Molau, who spoke with pro-Hezbollah, Islamist and anti-Israel Muslim-Markt. Muslim-Markt, though, is a pro-Iranian and leading Islamist page in the internet, made by German-Turkish Shi’ites. They are propagating an Israel boycott, they say “Zionists out of Jerusalem,” “Zionists are racists,” “Israel children killer,” and the like. Molau also contributed to the Iranian Holocaust denial cartoon contest in 2006, according to the site www.irancartoon.com

Worse: on November 1, 2010, the leading German scholar on anti-Semitism, Prof. Dr. Wolfgang Benz, head of the Berlin Center for Research on Antisemitism (ZfA) spoke with the very same Islamist Muslim-Markt. He gave an exclusive interview to those anti-Semites, not even mentioning the anti-Semitic propaganda everyone can find on the homepage of Muslim-Markt.

One other troubling example of today’s scholarship in Germany: Tamar Amar-Dahl wrote her PhD about Israeli president Shimon Peres at the University of Munich. She is portraying Peres as an enemy of peace with the Palestinians. Her aim is to portray any kind of Zionism as racist. Amar-Dahl is known as an anti-Semitic Jew, supporting anti-Israeli events like the “Palestinian weeks” in Munich this year. Amar-Dahl returned her Israeli passport (!) in summer 2006. Interestingly, the successor to Prof. Benz as head of the Berlin Center for Research on Antisemitism in April 2011, Prof. Dr. Stefanie Schüler-Springorum, head of the Hamburg “Institute for the history of German Jews”, has invited anti-Zionist Amar-Dahl to present her study in Hamburg on December 8, 2010.

German scholar Prof. Wilhelm Kempf is another example. He is a “peace” researcher at the University of Constance. At a conference in Dublin, Ireland, of the Association of Political Psychologists in 2009 he said that support for suicide bombing in Israel is “not necessarily anti-Semitic.”

Particularly in Germany we have a trend to commemorate the dead Jews of the Holocaust while being against the living Jews and Israel.

I tried in my research on German history, European history, and anti-Semitism to face all kinds of anti-Semitism. Research on anti-Semitism in the 1840/1850s (e.g. Karl Marx, Richard Wagner, among others) is an important field, alongside with the study of Islamic anti-Semitism for example.

Anti-Semitism is a lethal ideology, consisting of conspiracy theories like the Protocols of the Elders of Zion, a Russian forgery of the early 20th century and now a bestseller in the Muslim world, blood libels, or the resentment against modernity itself.

An anti-Semitic trope was the claim that Jews invented underground trains like in New York City or London at the end of the 19th century to “undermine” those societies. This sounds ridiculous, though anti-Semitism has an enormous impact on societies.

Today anti-Semitism is framed as anti-Zionism. Many scholars, like Californian feminist Judith Butler, whom I had to study as a student of cultural studies decades ago because she is mainstream, say that Israel is bad for the Jews, backing her colleague, historian Tony Judt.

Finally, a personal story may shed some light on this: the last time I saw my grand-aunt (who died a few years ago) was on September 11, 2001. She was visiting my family, coming from the US where she resided since the mid 1950s. We watched the horrible news live on TV that afternoon (European time). After the collapse of both World Trade Center’s my grand-aunt said immediately: “The Jews are behind this”! Wow. What does this indicate?

First of all, she grew up as a young adult during Nazi Germany and obviously internalized anti-Semitism. On the other hand, also shockingly, maybe she never discussed anti-Semitism with friends, colleagues and neighbors during decades when she lived in the US. I wrote about anti-Semitism in the US, too, and know about the persistence of that ideology even in America.

This story shows the following: we need to discuss the dangerous ideology of anti-Semitism publicly, with colleagues, neighbors, friends, strangers etc. When I met a friend of my landlord in New Haven last year, the landlord – a US citizen from Columbia as was her friend who visited her – and I found out that he did not know what anti-Semitism means. He never heard about it.

We have to teach German and European history, the Shoah and anti-Semitism.

In order to fight anti-Zionism and Israel hatred we have to be aware of history, too. Scholars have the responsibility to teach history accurately.

These are the reasons I would be happy to teach in the United States of America.

 

 

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