Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Schlagwort: Deniz Yücel

Standpunktlosigkeit als oberste Maxime oder warum Marietta Slomka rechts und links gleichsetzt

Der Publizist Maxim Biller hat jüngst in der ZEIT das affirmative Gebrabbel im Feuilleton würzig attackiert und zumal die Beliebigkeit weitester Teile der Publizistik in ihrer ganzen desolaten Diktion bloßgestellt:

„Sie wollen, anders gesagt, jeden Abend Ihre beruhigende Luhmann-, Lilla-, Eribon- oder Heidegger-Pille nehmen und dann die Nacht und vielleicht sogar noch den halben Tag ungestört durchschlafen. Und dann wollen Sie eine temperamentlose, geistlos abwägende Buchkritik lesen, dort eine Sozialreportage oder einen Flüchtlingsbericht, deren Hauptmerkmale billiges Moralisieren und zeitgenössische Journalistenschulen-‚Beschreibungsimpotenz‘ sind, und wenn Sie einen Leitartikel lesen, dann gefällt er Ihnen nur, wenn Sie hinterher genauso denken wie davor.“

Maxim Biller

Nehmen wir ein Beispiel: die französische Filmschauspielerin Catherine Deneuve fabuliert von einem „Klima einer totalitären Gesellschaft“ und meinte damit die Kritikerinnen des Sexismus im Zuge der #metoo-Kampagne, wie die Journalistin Katja Thorwarth in der Frankfurter Rundschau analysiert. Demnach ist die Abwehr sexualisierter, männlicher Gewalt in patriarchal strukturierten Gesellschaften das Gleiche wie der Sexismus, ja die Kritik sei „totalitär“. Als ich kürzlich auf Facebook einen Text zur Kritik an einem verstaubten, 1950er Jahre-style, sexistischen Gedicht von Eugen Gomringer an der Hochschule Alice Salomon in Berlin verlinkte, wurde von einem Kommentator schwupsdiwups dem AStA eine „Vergewaltigung“ des Gedichts vorgeworfen. Wer wird in dem Gedicht nochmal zum Objekt degradiert?

Wir kennen diese Gleichsetzung von Kritik und Gewalt oder von Links und Rechts aus ganz unterschiedlichen Bereichen. Geschichtspolitisch sehr wirkmächtig ist seit Jahrzehnten die Gleichsetzung von Rot und Braun, wie wir das von der Prager Deklaration von 2008 kennen, die behauptet, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien kategorial gleichzusetzen mit den Verbrechen des Stalinismus. Da wird ganz bewusst verschwiegen, wer Auschwitz gebaut und betrieben hat (die Deutschen) und wer es befreit hat (die Rote Armee der UdSSR). Diese Gleichsetzung, die sich weigert einen klaren antifaschistischen Standpunkt einzunehmen, wird von international renommierten Holocaustforschern kritisiert, wie von Dovid Katz aus Litauen, Alvin Rosenfeld aus USA, oder von Efraim Zuroff aus Israel.

Ein Unterzeichner dieser Prager Deklaration, die de facto den Holocaustgedenktag, den 27. Januar, zugunsten eines europäischen Gedenktags 23. August, jenem Tag, als 1939 der Hitler-Stalin Pakt geschlossen wurde, ablösen möchte, ist Altbundespräsident Joachim Gauck. Gauck ist auch dafür kritisiert worden, dass er den Holocaust trivialisiert, wahlweise mit religiösen Bedürfnissen von Nicht-Gläubigen oder Nazi-Autobahnen mit DDR-Kindergärten analogisierte. Als der Journalist Deniz Yücel, der damals noch ein freier Mensch war (FREE DENIZ!!!), vor einigen Jahren Gauck dafür kritisierte, wurde ihm im Fernsehen vom Grünen Jürgen Trittin „Schweinejournalismus“ vorgeworfen. Wieder also das Schema: links gleich rechts, Verharmlosung des Holocaust sei das Gleiche wie eine schön gewürzte Attacke auf einen Ex-DDR-Pfarrer.

Oder nehmen wir das Beispiel Frankfurt: dort gibt es öffentliche Kritik an einem linken Kulturzentrum, das staatliche Unterstützung bekommt, wie das unzählige Kulturzentren in der ganzen Republik seit Langem bekommen. Jetzt aber wird z.B. von der Frankfurter Neuen Presse (FNP) in den Raum geworfen, was wohl los wäre, würden Neonazis staatliche Unterstützung bekommen für ein Hausprojekt. Damit wird suggeriert, der Hass auf Vielfalt, Migranten, Muslime, Frauen, Demokratie, Juden, die Antifa und Andere sei kategorial das Gleiche wie linke Kritik an den deutschen Zuständen. Während Linke Menschen als gleich ansehen, sind für die Rechten Menschen ungleich.

Und was ist mit den unsagbaren Debatten nach den G20-Randalen? Da wurde von „Linksfaschismus“ mit Schaum vor dem Mund agitiert, Neonazis und jihadistische Mörder wurden mit linken Plünderern oder Leuten, die Autos anzünden, gleichgesetzt. Es war eine publizistische Pogromstimmung gegen alle Linken, dabei ging massive Gewalt gerade von Seiten der Polizei aus. Vor allem: wenn Politiker wie Jens Spahn (CDU), Sigmar Gabriel (SPD) oder Peter Altmaier (Bundeskanzleramt) von Linksfaschismus gleichsam faseln, linke Randale mit Nazis und Islamisten gleichsetzen, wie sie es getan haben, dann wird Gewalt trivialisiert und es fehlt jeder moralische und politische Kompass. Seit wann ist das Ermorden von Menschen, wie es neonazistische Gewalt nicht erst, aber verschärft seit 1989 kennzeichnet mit über 190 ermordeten Linken, Migranten, Obdachlosen, Punkern, Antifas etc., oder ein jihadistisches Massaker wie durch den Islamisten Anis Amri am Berliner Breitscheidplatz im Dezember 2016 das Gleiche wie linke Randale gegen Sachen? Seit wann ist Mord das Gleiche wie Sachbeschädigung oder sogenannter Landfriedensbruch? Da fehlt den Agitatoren doch jegliches Urteilsvermögen und jeder analytische wie moralische Kompass.

Das krasseste Beispiel dieser Sorte war vielleicht der Kommentar von US-Präsident Donald Trump nach den schockierenden und mörderischen Aktionen von Neonazis in Charlottesville, wo eine Frau von einem Nazi mit einem Auto zu Tode gefahren wurde. Diese Rechtsextremen schrien unter anderem „Jews will not replace us“. Nachdem sich Trump erst nach einigen Tagen dazu äußerte, sagte er völlig ernsthaft, es habe „auf beiden Seiten sehr feine Leute“ gegeben – also bei den Nazis wie bei der Antifa. Diese Affirmation des Antisemitismus aus dem Munde eines US-Präsidenten ist ein Zeichen unserer Zeit.

Oder nehmen wir zuletzt Marietta Slomka vom ZDF. In einem Gespräch mit dem wiedergewählten Präsidenten von Eintracht Frankfurt, Peter Fischer, wollte sie ihn unbedingt in die Ecke drücken und zu einem Statement gegen Rechts und Links bewegen, was den Focus ganz heiß machte. Fischer hat sich so klar wie bislang kaum ein führender Repräsentant eines großen Fußball-Bundesliga Vereins gegen die AfD ausgesprochen und auch die Unvereinbarkeit von AfD- und Eintracht-Mitgliedschaft unterstrichen. Slomka insinuierte, ob wir denn dann bald Spiele von rechten gegen linke Clubs haben werden. Fischer musste, in die Ecke gedrängt, Aktionen gegen Pyro-Technik und linke Ultras durch seinen Verein erwähnen, so also ob Pyro-Technik das Gleiche sei wie das Lob auf die Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg und andere antisemitische Agitation durch die Alternative für Deutschland (AfD).

Bevor dieses Land sich zum Antifaschismus bekennt, wählt es lieber ganz verfassungskonform einen AfDler zum Bundespräsidenten, zur Bundeskanzlerin oder zur Bundestagspräsidentin. Bevor Deutsche Haltung zeigen, lösen sie das Ticket am Bahnsteig und die AfD ist mit dem ICE5 längst abgefahren.

Diese Standpunktlosigkeit ist nicht nur Kennzeichen post-bürgerlicher kapitalistischer Kulturindustrie, nein, sie ist das Mantra des deutschen Journalismus, der deutschen Politik, der herrschenden kulturellen, medialen, wissenschaftlichen, politischen und ökonomischen Klasse und unserer politischen Kultur insgesamt.

 

Freiheit für Deniz Yücel! Jetzt sofort! Power durch die Mauer, bis sie bricht!

Hi Deniz!

67 Tage Einzelhaft in einem türkischen Gefängnis und keine Aussicht auf baldige Freilassung. Das kann einfach nicht wahr sein.

Viele von uns kriegen doch schon die Krise, wenn sie in der U-Bahn mal 30 Minuten kein WLAN oder keinen sonstigen mobilen Empfang für ihr Smartphone haben, andere lamentieren über das schlechte Wetter im Frühling (wobei ich das Lamento eines Kirschbaumes ja noch verstehen könnte) oder drehen ob Gabriels allzu demokratischer Einforderung von Gesprächen mit Regierungsgegnern fast durch – „U-Boote liefern und Klappe halten“, wie es der philosemitische Antisemitismus, dem zwar sozialdemokratische Holocaustverharmlosung völlig zurecht noch auffällt, dem aber Juden und ihr konkretes Leben wie auch Presse- und Meinungsfreiheit im jüdischen Staat Israel so was von am Arsch vorbeigehen, formuliert.

Doch die allermeisten sind vielmehr glücklich, weil sie in jedem Laden, in jedem einzelnen Geschäft der 64+ Einkaufszentren in Berlin zu jeder Zeit Max Giesinger hören können. Alle wollen nur tanzen, tanzen, tanzen, vergessen, affirmieren, dabei sein („einer von 80 Millionen“, wie die Schlagervolksgemeinschaft grölt), eben „Menschen, Leben, Tanzen, Welt“. Insofern sei froh, dass du kein deutsches Radio hören musst und als Knasti nicht in Versuchung gerätst, völlig schutzlos deutschem Schlager in Einkaufsparadiesen ausgeliefert zu sein.

Die Entpolitisierung, Volkstümlichkeit, Verkitschung und superkapitalistische Selbstvermarktung sind das Kennzeichen (schon immer, aber seit Jahren völlig ohne Dissonanzen) nicht nur von Mainstream-Musik, sondern indizieren das Lebensgefühl einer ganzen Generation.

Einen Knastalltag kann man sich nicht vorstellen, wenn man ihn noch nicht erlebt hat, Einzelhaft noch viel weniger.

In den 1990er Jahren schrien wir immer: „Power durch die Mauer, bis sie bricht“ und wollten den Abschiebehäftlingen unsere Solidarität ausdrücken. Jihad und Islamismus waren damals gar kein Thema, dafür war die autonome Szene viel zu selbstverliebt (und fast alle sind es weiterhin), was den Kampf gegen den rassistischen Alltag und die Abschaffung bzw. Einschränkung des Asylrechts damals nicht weniger wichtig macht.

Ich bin sicher nicht der einzige, der deinen coolen, scharfen und natürlich alles anders als pro-deutschen Journalismus vermisst. Du, lieber Deniz, hattest damals, im Februar 2012, den besten Text zu Joachim Gauck geschrieben:

Freilich hat sich Gauck nicht erst nach seiner Wahlniederlage im Sommer 2010 ideologisch zwischen Martin Walser, Erika Steinbach und Stefan Effenberg verortet. Ein reaktionärer Stinkstiefel war er schon vorher. So mag der elfte Bundespräsident keine Stadtviertel mit „allzu vielen Zugewanderten und allzu wenigen Altdeutschen“, will das „normale Gefühl“ des Stolzes aufs deutsche Vaterland „nicht den Bekloppten“ überlassen, missbilligt es, „wenn das Geschehen des deutschen Juden-mordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird“, besteht darauf, dass der Kommunismus „mit ausdrücklichem Bezug auf die DDR als ebenso totalitär eingestuft werden muss wie der Nationalsozialismus“, trägt es den SED-Kommunisten nach, das „Unrecht“ der Vertreibung „zementiert“ zu haben, indem „sie die Oder-Neiße-Grenze als neue deutsch-polnische Staatsgrenze anerkannten“, und fragt – nicht ohne die Antwort zu kennen –, „ob Solidarität und Fürsorglichkeit nicht auch dazu beitragen, uns erschlaffen zu lassen“.  Einem Apparatschik wie Wulff hätte man es nicht durchgehen las-sen, Leichenberge mit Aktenbergen zu verwechseln oder alleinerziehenden Stützeempfängerinnen mangelnden Schwung vorzuhalten.“

Daraus wird klar, dass dein Anheuern bei Springer sicher nicht auf ideologiekritischen Übereinstimmungen basiert, gell 😉

Die Pressefreiheit in Germany ist natürlich die beste, wo gibt – nehmen wir Jürgen Trittins Reaktion auf deine Kritik an Gauck. Die deutschen Zustände zeichnen sich dadurch aus, dass er, damaliger Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, am 24. Februar 2012 in der TV-Sendung MAYBRIT ILLNER dir „Schweinejournalismus“ vorwarf.

Wir trafen uns im taz-Café in Kreuzberg und dein Text wurde Teil unseres super schnell produzierten (von der Idee bis zum Druck vergingen keine vier Wochen) „Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland“.

Deine Kritik an Gauck war natürlich verglichen mit deinen scharfen Analysen und Kommentaren zum Autokraten und islamistischen Diktator Erdogan nicht mutig, sondern selbstverständlich, auch wenn 90% der Wahlfrauen/männer den Ossi tatsächlich zum Präsidenten wählten.

Knapp die Hälfte der türkischen Bevölkerung hat gegen Erdogan gewählt (nach den offiziellen Zahlen), du bist also nicht alleine in der Türkei. Aber sehr alleine in deiner Zelle. WTF!!!

Selbst als türkischer Deutscher oder hessischer Türke bist du vermutlich nicht alleine in der heutigen Türkei – aber alleine in dieser beknackten Zelle. Das durchzustehen, ohne durchzudrehen, ist eine Leistung, die man sich schwer vorstellen kann.

Aber du schaffst das, Deniz! Du bist mutig, schau dir alleine mal deinen Oberlippenbart (ist es noch einer?) an! (“Die absolute Härte sind die Oberlippenbärte” riefen wir damals immer, wenn wir es mit den Bullen zu tun bekamen… ) Du hast Gauck überstanden und bist gerade wegen deines „Schweinejournalismus“ besser als die anderen im Mainstream, kritischer und lustiger. Und du wirst Erdogan überstehen und bald wieder den köstlichen Nieselregen genießen dürfen und gar die Sonne – und das Coolste: die Gefahr, dabei in der Türkei an öffentlichen Plätzen Max Giesinger hören zu müssen, ist hoffentlich relativ gering.

Du willst einen „fairen Prozess“ – und zwar sofort! – und ich hoffe, das ist wahrscheinlicher als eine Bundesligameisterschaft für Leverkusen in den nächsten paar Jahrzehnten ….

Besser: Freiheit für Deniz Yücel! Freiheit für alle inhaftierten Journalist*innen in der Türkei! Für eine demokratische Türkei!

Ein Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland – das Buch zur Wahl des Bundespräsidenten am 18. März 2012

Am 9. März 2012 sendete das Freie Radio für Stuttgart ein kurzes Interview mit Clemens Heni über Joachim Gauck und die anstehene Wahl zum Bundespräsidenten.

Zur Wahl erscheint auch folgendes Buch:

Clemens Heni/Thomas Weidauer (Hg.): Ein Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland, Berlin: Edition Critic, 2012, ISBN 978-3-9814548-2-6, 111 Seiten,  Softcover, 21cm x 14,8cm, 13€ (D)

Das Buch erscheint am 16. März 2012! Bei Interesse: Bestellen Sie schon jetzt (Lieferung über den Verlag ist versandkostenfrei): editioncritic@email.de

Das Buch ist dann auch bei Amazon.de und im gesamten Buchhandel erhältlich.

Eine nahezu Allparteienkoalition nominierte am 19. Februar den neuen Bundespräsidenten 2012, den Super-GAUck. Was steckt hinter diesem Phänomen? Ist es ein Vorgeschmack auf die Zukunft, wenn ein Ausscheren aus dem Konsens als „Schweinejournalismus“ (O-Ton Jürgen Trittin) diffamiert wird?

Annähernd unisono feiern die großen Medien Pastor Joachim Gauck als Glücksgriff und Freiheitsapostel und niemand wird skeptisch, wenn die Neue Rechte und deren publizistisches Flaggschiff, die Wochenzeitung Junge Freiheit, euphorisch titelt: „Wir sind Präsident!“

13 Texte von 12 Autoren aus Deutschland, England, Litauen und Israel bieten Analysen zur politischen Kultur, der „Prager Deklaration“ und vielem mehr.

Zu den Autoren zählen unter anderem Efraim Zuroff, Deniz Yücel, Wolfgang Wippermann, Andrej Reisin, Anton Maegerle, Dovid Katz und Patrick Gensing.

 

„Wer hätte gedacht, dass jetzt, in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts, das wiedervereinigte Deutschland, das wirtschaftliche Zugpferd der Europäischen Union, als erneut eine der bedeutendsten Nationen des Planeten einen gleichsam staatlichen Speer in die Herzen von Holocaust-Überlebenden mit ihren Familien und Nachkommen sowie der Geschichtsschreibung über den Holocaust stoßen würde? Wie konnte es soweit kommen? Indem es einem Mann die Möglichkeit gibt zum Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt zu werden, der 2008 zu den Erstunterzeichnern der Prager Deklaration zählte.“
(Dovid Katz, Vilnius, Litauen)

 

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