„Schadenfreude“ – der 11. September 2001

Superhelden der Forschung, Teil 5:

Der Philosoph Sadik J. Al-Azm

Von Dr. Clemens Heni

Der international bekannte syrische Professor Sadik J. Al-Azm (Jg. 1934) ist in Deutschland und dem Westen ein gern gesehener Nahostforscher, ja Philosoph und wird als Dissident vorgestellt. Das staatlich finanzierte online Portal Qantara.de nennt ihn einen „streitbaren Aufklärer“[1], die Tagesschau stellt ihn im Interview als Kritiker der islamischen Attacken gegen westliche Botschaften im Zuge der Mohammed-Karikaturen vor, wenngleich er die Karikaturen als „Dänische[n] Fauxpas“ bezeichnet[2], und die Universität Tübingen verleiht Al-Azm 2004 den Leopold-Lucas Preis, benannt nach einem im Holocaust ermordeten Juden.[3] Lucas kann sich nicht mehr wehren, wem ein Preis in seinem Namen verliehen wird (auch bei manch anderen Preisträgern wird man sehr skeptisch[4]).

Al Azm hat eine distanzierte Haltung zum Islamismus, da er philosophisch eine grundsätzlich religionskritische Position, verbunden mit einer Version von Marxismus vertritt. Er kritisiert auch mitunter Antisemitismus alten Stils sowie Antimodernismus, Antiamerikanismus und Wissenschaftsfeindlichkeit, betont aber vehement die christliche Herkunft des Antisemitismus im Islam und möchte den fundamentalistischen Islam nicht als solchen, vielmehr als Spiegelbild des katholischen untersucht wissen.[5]

Viele nahöstliche Despoten stehen Al-Azm feindselig gegenüber und sein Image ist deshalb in Deutschland das eines Kritikers der Zustände in der arabischen und muslimischen Welt. Das zeigt sich u.a. daran, dass die Friedrich-Ebert-Stiftung ihn als Mitglied in einem „Berliner Forum für Fortschrittliche Muslime“ führt.[6]

Al-Azm hat die einzige Stellungnahme bzw. den einzigen Artikel in der islamwissenschaftlichen Fachzeitschrift Die Welt des Islams zum 11. September verfasst.

Sein Text erschien allerdings erst im Jahr 2004, was bereits indiziert, wie wenig der 11. September die deutsche Nahostforschung zum Nachdenken brachte. Es ist auch bezeichnend, dass ein nicht in Deutschland lebender oder forschender Philosoph eine solche Stellungnahme, einen „Viewpoint“, publizierte.

Was schreibt Al-Azm?

Sein Text versteht sich als „persönliche“, „politische“ und „kulturelle“ Antwort auf jenen Tag und die Folgen.[7] Am 11. September war er gerade „visiting professor“ an der „Tohoku Universität“ in Japan.[8] Er schaute gerade Fernsehen und musste sich vergewissern, dass er weder einen „science fiction channel“ oder einen „panic movie“ aus Hollywood sehe. In der Gewissheit, reale Bilder zu sehen von den brennenden Türmen in New York City, überfiel ihn dann eine „strong emotion of Schadenfreude“![9]

Noch abstoßender wird das ganze, wenn er betont, dass Schadenfreude („shamata“[10] auf Arabisch) im Falle eines Todes, selbst wenn es sich um die schlimmsten Feinde handelt, in der arabisch-islamischen Kultur angeblich verboten sei. Die ach so hohe arabische Kultur, da ist sie wieder, mit Stolz präsentiert von einem Philosophen, der sich das Lachen kaum verkneifen kann während Menschen im World Trade Center ersticken, zerquetscht werden, verbrennen oder sich in den Tod stürzen aus dem 97. Stockwerk.

Diese spontane Reaktion Al-Azms am 11. September 2001 sagt alles über diesen Mann.

Al-Azm versuchte seine Schadenfreude zu verbergen und sich zu beherrschen, aber sie war da.

Er erklärt seine Schadenfreude: die News aus „Palästina“ seien die letzten Tage vor dem 11. September schlecht gewesen; die „Arroganz der Macht“ der Amerikaner attackiert zu sehen, sei darum naheliegend.

Seinen verdutzten japanischen Kollegen, denen es rätselhaft war, warum sie Bilder sahen von jubelnden Palästinensern, die Süßigkeiten verteilt bekamen wegen des Massenmords im World Trade Center, erklärte er, dass es wohl kaum Menschen im Nahen Osten geben würde, wie „nüchtern, kultiviert oder gebildet“ sie auch immer seien, die nicht auch „Schadenfreude“[11] verspürten. Offenbar eine ganz natürliche Reaktion für Araber und Muslime, will Al-Azm, der dissidente syrische Philosoph sagen.

Der Islam sei viel zu schwach für einen „Kampf der Kulturen“, wie ihn Samuel Huntington vorhersagte. Zugleich wird Huntington des „Essentialismus“ geziehen, dieser „klassische orientalistische Essentialismus“ sei von Edward Said „so schön“ „zerstört“ worden.[12] Kein Wort zum basalen Antizionismus bei Said, vielmehr argumentiert auch Al-Azm vehement gegen Israel und die „aggressive Agenda“[13] von Ariel Scharon im Jahr 2002, ohne auch nur mit einem Wort die Selbstmordanschläge gegen Juden und Israeli in diesem fürchterlichen Jahr 2002 zu erwähnen.

Schließlich findet Al-Azm es völlig übertrieben aus dem 11. September ein historisches Datum zu machen, das sei „pseudo apokalyptische Rhetorik“.[14]

Sadik Al-Azm hatte also spontan Schadenfreude ob des Massenmordes im World Trade Center, er teilt die antisemitischen und antiamerikanischen Motive der Jihadisten, ohne selbst ein Islamist zu sein, da er ja eher säkular orientiert ist. Der Text von Al-Azm zeigt zudem, was die deutschen Herausgeber von Die Welt des Islams für eine Position haben: der einzige Text bis 2010, welcher in dieser wegweisenden islamwissenschaftlichen bzw. nahostwissenschaftlichen Zeitschrift zum 11. September publiziert wurde, äußert Schadenfreude und rechtfertigt den Massenmord auf elaborierte Weise, indem schließlich auch lamentiert wird, dass die arroganten Europäer bei der Entwicklung der Moderne die Araber und Muslime gar nicht konsultiert hätten.[15] Was für ein Verbrechen!

Der 11. September als eine Art Rache auch in dieser Hinsicht.

Doch am meisten schockierend ist die Tatsache, dass ein arabischer Philosoph, ein sogenannter Dissident, Mitte sechzig wie Al-Azm, am 11. September 2001[16] spontan Schadenfreude empfand und er bis heute im Westen geehrt wird und wiederum als ‚moderat‘ oder gar kultiviert gilt. Was für eine Kultur hat ein Akademiker, der spontan (!) Schadenfreude empfand am 11. September 2001?

Die Reaktionsweise Al-Azms drückt die Wahrheit aus über die politische Kultur, die psycho-soziale Realität und die antiamerikanische und antizionistische Ideologie in der arabischen Welt (von den „Bin-Laden-Cocktail“-Schlürfern aus Deutschland am 11. September einmal zu schweigen).

Die Tatsache, dass noch Jahre später eine deutsche Zeitschrift einen solchen Viewpoint Al-Azms als einzige Reaktion auf diesen historischen Tag publiziert, spricht mehr als Bände.[17]


[1] Kersten Knipp (2009): Porträt Sadik Al-Azm. Ein streitbarer arabischer Aufklärer, in: http://de.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-469/_nr-1126/i.html (03.09.2010).

[2] http://www.tagesschau.de/ausland/meldung134530.html (03.09.2010).

[3] http://www.uni-tuebingen.de/en/news/archive/leopold-lucas-preis.html (03.09.2010).

[4] Z.B. bei Annemarie Schimmel oder Moshe Zimmermann wird man nachdenklich, http://de.wikipedia.org/wiki/Dr.-Leopold-Lucas-Preis (11.09.2010).

[5] Vgl. Sadik J. Al-Azm (1993): Unbehagen in der Moderne. Aufklärung im Islam, Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 77-137.

[6] http://www.fes.de/BerlinerAkademiegespraeche/interkultureller-dialog/islam-gesellschaft/Berlin-Forum/ (03.09.2010).

[7] Sadik J. Al-Azm (2004): Islam, Terrorism and The West Today, in: Die Welt des Islams, Jg. 44, H. 1, 114-128.

[8] Al-Azm 2004, 114.

[9] “I was in Sendai, Japan as a visiting professor at Tohoku University when the September 11, 2001 airborne assaults on the World Trade Center in New York and the Pentagon fortress in Washington DC occurred I happened to be watching television when the stunning image of the smoking first tower flashed on the screen. As soon as I assured myself that this was neither the science fiction channel nor some mega Hollywood urban fear and panic movie on display and that what I saw was for real this time, I could not help experiencing a strong emotion of Schadenfreude that I tried to contain, control and hide” (Al-Azm 2004, 114).

[10] Al-Azm 2004, 114.

[11] Al-Azm 2004, 115.

[12] Al-Azm 2004, 126.

[13] Al-Azm 2004, 116.

[14] Al-Azm 2004, 116.

[15] “Modernity is basically a European invention. Europe made the modern world without consulting Arabs, Muslims or anyone else for that matter and made it at the expense of everyone else to boot. There is no running away from the fact that the Arabs were dragged kicking and screaming into modernity, on the one hand, and that modernity was forced on them by superior might, efficiency and performance, on the other” (Al-Azm 2004, 125).

[16] Ganz anders die Reaktion des Holocaust Überlebenden Ralph Giordano, der in seinen Memoiren berichtet: “11. September 2001. Als ich an diesem Tag die brennenden twin towers von New York sehe, diese qualmende Kriegserklärung an die gesittete Welt, an alles, was das Leben lebenswert mach, denke ich: ‚Da zeigt ein neuer Todfeind seine Visitenkarte, da wird gerade ein anderes Zeitalter eingegongt – ade, du heimliche Hoffnung auf ein geruhsameres Alter.‘ Die Feuersbrunst auf kleinstem Raum, tausend Grad und mehr; das Grauen in den steckengebliebenen Fahrstühlen; die Menschen oberhalb der Flammen abgeschnitten, die darunter auf meist aussichtsloser Flucht; durch die Luft von hoch herabwirbelnde Gestalten, wie vereiste Vögel, wenn da nicht die rudernden Arme wären; schließlich die in hunderttausend Einzelfetzen zerstiebenden Wolkenkratzer – Bilder, die sich für immer in das Bewußtsein eingerammt haben. Wer tut so etwas? Wer?“ (Ralph Giordano (2007): Erinnerungen eines Davongekommenen. Die Autobiographie, Köln: Kiepenheuer & Witsch, 516).

[17] Es gibt eine deutsch-sprachige Version dieses Artikels, der in einer österreichischen Zeitschrift erschien, Sadik J. Al-Azm (2005): Die Zeit aus den Fugen. Westliche Vorherrschaft, islamistischer Terror und die arabische Vorstellung, in: Wespennest, Nr. 138, online einsehbar auf http://www.eurozine.com/articles/2005-05-09-alazm-de.html (03.09.2010). Bezeichnend ist, dass der Text gekürzt ist und die anti-israelische Stoßrichtung nicht vorkommt, was gleichsam eine Verleugnung einer der Intentionen des Textes ist. In der gleichen Ausgabe von Wespennest mit dem Schwerpunkt Islam schreiben u.a. auch Katajun Amirpur, Navid Kermani, Stefan Weidner.