Wozu Scholars for Peace in the Middle East in Germany?

Original auf SPME, 6. August 2007

Vor fünf Jahren wurde die Nichtregierungsorganisation Scholars for Peace in the Middle East (SPME) in den USA gegründet. Die unerträgliche Propaganda gegen Israel weltweit war einer der Auslöser dafür. Als ich in jenem Jahr 2002 als Doktorand im Dezember in Jerusalem an der Hebrew University einen Vortrag auf einer Internationalen Konferenz zum Thema German Political Culture: The relationship to Anti-Zionism and Jihad before and after 11 September 2001 hielt, wurde keineswegs nur mir die Notwendigkeit einer öffentlichen Kritik auch an deutscher Politik und Gesellschaft in puncto Naher Osten zum wiederholten Male deutlich. Während die gut 100 Teilnehmer/innen, darunter so renommierte Wissenschaftler wie der Konferenzorganisator und Leiter des Vidal Sassoon International Center for the Study of Antisemitism Prof. Robert Wistrich, oder die berühmten Historiker Prof. Yehuda Bauer oder Prof. Shmuel Almog, meine Analyse und Kritik teilten und produktiv empfanden, bekam einer der Mitorganisatoren, der damalige Kulturattaché der Deutschen Botschaft in Israel, einen tomatenroten Kopf und meinte jede substantielle Kritik an der deutschen Gesellschaft und Politik abwehren zu müssen. Das stieß jedoch auf wenig Gegenliebe.

Deutlich wurde nicht nur mir damals, wie verloren zumal Wissenschaftler in Deutschland sind, die sich als kritische Intellektuelle weder der (traditionellen) Linken noch dem Mainstream zugehörig fühlen. Die Massenmorde vom 11. September und die hämische, klammheimliche Freude in Deutschland haben spontan gezeigt, wie dieses Land im innersten funktioniert: Vom ARD-Tagesthemen Frontmann Ulrich Wickert, der Ex-Bundesministerin Däubler-Gmelin über den Antipatriarchatsforscher Klaus Theweleit (›Ist es nicht berechtigt phallische Produkte wie Hochhäuser zu köpfen‹?) bis hin zu nachdenklichen Theologen und natürlich den Autonomen und Antiimperialisten reichte die antiamerikanisch-antisemitische Volksfront. Seither hat sich die Situation wenig geändert. Die Agitation gegen Israel ist weiterhin auf extrem hohem Niveau, Medien, Politik, linke, rechte und islamistische Aktivisten in Deutschland schüren tagtäglich den Antizionismus. Nicht zuletzt deutsche Akademiker sind dabei zu analysieren und kritisieren.

Zum Beispiel wird an der Freien Universität Berlin problemlos eine Dissertationen über Sayyid Qutb angenommen, welche die menschenverachtende Seins-Ontologie Martin Heideggers islamisch aufpäppelt und vom „Muslim-Dasein“ redet, dem der Tod nicht weht tut. An der Technischen Universität spricht man gern von „islamisiertem“ Antisemitismus und hegt scheinbar positive Vorurteile über den Islam während gleichzeitig jede substantielle Kritik an der religiösen Dimension des islamischen Antisemitismus abgewehrt wird. Am deutlichsten ist die Kapitulation vor den veränderten Verhältnissen an der Humboldt-Universität Berlin zu spüren. Dort verteidigen neuerdings Wissenschaftlerinnen, welche ehemals durchaus zum Holocaust und zum Antisemitismus geforscht haben, islamistische Praktiken wie den Schleier und betreiben in typisch poststrukturalistisch-beliebiger Art und Weise Kulturrelativismus. Dem liegt eine weit verbreitete Islamophilie zugrunde, ja eine Vorliebe für ethnopluralistische Gegenwelten, sogenannte Parallelwelten. Universalistische Prinzipien wie Menschenrechte werden hier abgelehnt und als eurozentrisch oder westlich-imperialistisch verworfen.

Dr. Martin Kramer, Orientalist und Mitarbeiter von Think Tanks u.a. an der Harvard University und in Jerusalem dechiffrierte diese Ideologie schon vor einigen Jahren an Hand des Versagens der Nahoststudiengänge in den USA seit den späten 1970er Jahren. Er stellte am Beispiel des notorischen Antizionisten Edward Said die Bedeutung der Universitäten deutlich dar. In Deutschland sind akademische und universitäre Kritik am Islamismus und Antizionismus sehr selten. Den öffentlichen Diskurs bestimmen eher Leute wie Prof. Udo Steinbach vom Hamburger GIGA Institut für Nahost-Studien (IMES), der in antisemitischer Diktion den Aufstand der Juden im Warschauer Ghetto mit dem Verhalten heutiger Palästinenser verglichen hat. Analog äußerten sich dieses Jahr auch verschiedene Kirchenvertreter aus Deutschland, zumal katholische Bischöfe.

Es fehlt in Deutschland eine hörbare (!) Stimme, die sich eindeutig gegen Antisemitismus und Antizionismus wendet. Deshalb ist die Gründung einer Sektion SPME Germany von herausragender Bedeutung. Kritik und Analyse des Jihad und des politischen Islam muss dabei einer der Schwerpunkte sein.

Das Aufgabenfeld für SPME könnte sein: Veranstaltungen, Symposien, Statements, Resolutionen oder Aktionen zur Kritik des alltäglichen Antisemitismus, was selbstredend nicht nur linke oder rechte Splittergruppen sowie islamistische Portals betrifft, vielmehr ebenso die Politik der Deutschen Bundesregierung impliziert. Darüber hinaus sollten aktiv vielfältige Interventionschancen für Frieden im Nahen Osten gesucht, entdeckt und unterstützt werden. Kooperationen mit israelischen Universitäten wären dabei eine sehr nahe liegende und wichtige Möglichkeit. Boykotten oder Delegitimierungen Israels kann in jedem Fachbereich durch Zusammenarbeit mit israelischen WissenschaftlerInnen begegnet werden.

Die enorme Resonanz, welche die von Prof. Dershowitz im Namen von SPME initiierte Kampagne gegen den Boykott israelischer Universitäten durch Britain’s University and College Union (UCU) erhielt, ist ein Hoffnungsschimmer am Horizont. Mehr als 19.000 Akademiker erhalten das SPME Faculty Forum, die allermeisten in den USA. Diese SPME-Resolution gegen den Boykott haben jedoch nicht nur über 10.000 Akademiker weltweit unterzeichnet, vielmehr wird sie in USA von mehreren Universitätspräsidenten, Nobelpreisträgern und weltweit renommierten Professoren unterstützt. In Deutschland ist das nicht denkbar. Im deutschsprachigen Raum sind bislang erst wenige Forscher an SPME interessiert bzw. wie in Österreich bereits aktiv. Vielmehr gibt es in Deutschland Aufrufe von Politologen, Pädagogen, Historikern oder Soziologen, die den Antizionismus ausweiten wollen und als eigentliche Opfer des Holocaust nicht die ermordeten Juden und die wenigen überlebenden Juden sehen, vielmehr die Palästinenser im Nahen Osten. Umso perfider ist solche Agitation, als auch Historiker dabei sind, die zwar die toten Juden des Holocaust, die Juden des 27. Januar betrauern, die lebenden Juden hingegen, jene des 28. Januar, bekämpfen. Auch jüdische Antizionisten haben sich in Erklärungen gegen Israel gewendet, darüber gibt es nicht nur in USA derzeit sehr wichtige Diskussionen.

Was kann SPME bewirken? Mit SPME Germany könnte zum ersten Mal eine international sehr renommierte Vereinigung in Deutschland aktiv werden. Das Profil ist jedoch offenbar noch etwas unklar. Forschungsprojekte, die zumal die Muslime – gerade nach den Massenmorden von Madrid und London sowie dem brutalen Abschlachten des holländischen Filmemachers Theo van Gogh – als vermeintliche Opfer sehen, sind kontraproduktiv. Wer immer noch nicht gesehen hat, dass der politische Islam die derzeit größte Gefahr für den Weltfrieden ist und die Muslime in Deutschland keine Distanzierung vom Jihad, vielmehr eine zunehmende Islamisierung betreiben, hat sehr wenig gelernt.

SPME jedoch hat in seinen Erklärungen deutlich Stellung bezogen für einen Frieden im Nahen Osten, der als Prämisse den Kampf gegen jede Form von Antisemitismus, Judenhass, beinhaltet. Es geht nicht um den in Deutschland so gehätschelten „Dialog der Religionen oder Kulturen“, dagegen um Kritik und um das Einfordern universalistischer Prinzipien. Sehr wichtig ist die Analyse der Beziehungen zwischen den Deutschen vor, während und nach dem Nationalsozialismus und der islamisch/arabischen Welt. Positive Vorurteile über den Islam, welchem angeblich der Antisemitismus nur und ausschließlich als Importprodukt aus Europa bzw. Deutschland seit den 1930er Jahren bekannt sei, sind kritisch zu hinterfragen. Problematisch ist besonders, wenn Forscher, die weder Türkisch, Arabisch oder Farsi noch sonst eine Sprache des Islam sprechen, mit Vehemenz behaupten, dem Islam sei Judenfeindschaft fern, oder „wesensfremd“, wie manche gar in existentialontologischer Sprache daher reden. Wer die Forschungen von Bernard Lewis, Robert Wistrich, Walter Laqueur, Barry Rubin, Bat Ye’or, Daniel Pipes, Martin Kramer und vieler anderer kritischer Islam- und Antisemitismusforscher kennt, ist in der a priori positiven Beurteilung des Islam als Religion etwas zurückhaltender. Während Nietzsche noch ausrufen konnte „Gott ist tot“, ist es heute bereits lebensgefährlich Karikaturen über einen Propheten zu drucken. Die Gegenaufklärung des Islam geht mit einem vorauseilenden Gehorsam der Nicht-Muslime Hand in Hand, wenn zum Beispiel Theaterstücke, welche kritisch mit dem Islam und anderen Religionen umgehen, abgesetzt werden. Demgegenüber sollte es heißen: zero tolerance für die Intoleranten.

Bei der bevorstehenden Konfrontation mit dem holocaustleugnenden und die Vernichtung Israels planenden Iran kommt SPME eine herausragende Bedeutung im akademischen Bereich zu. Denn die friedenshetzerischen Appelle, welche unter „Frieden“ Antizionismus verstehen und die schon jetzt jede militärische Lösung der Gefahr durch Atomwaffen aus Iran aggressiv bekämpfen, lassen Israel im Stich, ja sehnen, wie subkutan oder verbrämt auch immer – Stichworte: Rückkehrrecht, binationaler Staat etc. -, das Ende eines jüdischen Staates Israel herbei. Deutsche „Friedensforscher“ oder Experten in Internationalen Beziehungen reden eine „atomwaffenfreie Zone Naher Osten“ herbei, um im Kern Israel noch mehr zu isolieren und keineswegs, um den islamistischen Iran anzugreifen.

SPME Germany könnte eine deutlich hörbare Stimme für die Solidarität mit Israel werden. Die Verbindung einer Erinnerung an die Shoah mit einer proisraelischen Politik ist eine der zentralen Aufgaben in diesem Jahrhundert. Es wäre naiv zu denken, dass SPME ein Renner würde in Deutschland. Doch für die Aktiven in SPME bestünde erstmals die Chance in Kooperation mit vielen der wichtigsten Wissenschaftler im Bereich Islamwissenschaften, Nahoststudien, Antisemitismus, Shoah und Erinnerung in Erscheinung zu treten. Die Interdisziplinarität von SPME ermöglicht es zudem, dass israelsolidarische Akademiker/innen sich vernetzen können. Wenn Mathematiker, Physikerinnen, Biochemiker, Sprachwissenschaftlerinnen, Wasserspezialisten, Juristen, Medizinerinnen, Kulturwissenschaftler oder Politologinnen gemeinsam für Israel auftreten, kann sich zeigen, dass vielleicht mehr als läppische 17 oder 21 Akademiker an Universitäten oder als freie Forscher in Deutschland für Israel und gegen jede Form von Judenfeindschaft kämpfen.

Deshalb ist SPME zumindest eine große Chance.

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