„Und glaub mir, die Wirklichkeit ist noch viel lustiger“: Gert Scobel und Hany Abu-Assad verstehen sich

Zuerst erschienen auf www.hagalil.com am 18.02.2005

Der TV-Moderator und ausgebildete Theologe Gert Scobel (Jg. 1959), Moderator der bekannten ‚Kulturzeit‘ auf 3sat, die wochentags um 19.20 Uhr zu sehen ist, bezieht sich – um ein beliebiges Beispiel dieses TV-Lieblings anzuführen – in der taz am 7.3.2003 auf Richard Wagners Tannhäuser um die ‚dekadente Schlagerparade‘ im Fernsehen abzulehnen.(1) Dabei merkt dieser Preisträger des Deutschen Fernsehpreises von 1999 und 3sat Anchorman Scobel womöglich gar nicht, daß seine bildungsbürgerliche, typisch deutsche Liebe zu Wagner mit der der Palästinenser und Hany Abu-Assads, den er so freudentrunken am 16. Februar in Kulturzeit auf 3sat interviewte, zum Tod der Juden als Opferung und zur Erlösung der Attentäter in direktem Kontext steht.

Wie der Historiker P. L. Rose feststellte, ist ein Grund „weshalb in Wagners Opern keine Juden vorkommen, der, daß diese Musikdramen Erlösungsparabeln sind und in ihnen kein Platz für Juden ist, für die es keine wirkliche Erlösung geben kann. (…) Wotan, Tannhäuser, der Holländer und schließlich Parsifal sind allesamt Wanderer und spiegeln die prometheischen Aspekte des Mythos vom Ewigen Juden wider, der seit Goethe zum festen Motivbestand der Romantik gehörte.“ (2) So wenig wie bei Wagner kommen in PARADISE NOW Juden vor, sie werden zwar am Ende ermordet, aber sie kommen als Subjekte überhaupt nicht vor. Der Film strotzt nur so von Einseitigkeit, der Fokus ist der der Täter, der Palästinenser, die ja gerade seit der andauernden Intifada von 2000 von den deutschen und europäischen Medien ohnehin als die Opfer charakterisiert werden im Hetzen gegen Israel und die Juden. Möllemann läßt schön grüßen.

Wenn Scobel am 22.7.2004 in seiner Sendung delta fragt „Das Heilige und die Gewalt – Brauchen wir Rituale? Religiöse Riten als transformierendes Element der Gesellschaft“ (3) zeigt sich bereits hier eine geistige Verwandtschaft zwischen Scobel und dem Regisseur von PARADISE NOW, Hany Abu-Assad. Er antizipiert hier schon sein Interview mit diesem Drehbuchautor und Regisseur.

Scobel mal ganz anders und doch immergleich: „Religion hat es schwer. Sie war mal für den Glauben, für Seele und Sinn verantwortlich. Im Fernsehen läuft derzeit eine Werbung, die festhält, was geschehen ist: ‚Nutella ist für die Seele.‘ Eine Nussnougatcreme erklärt sich für die Seele zuständig“.(4) Ist denn eine gut schmeckende Nußnougatcreme nicht mehr wert als Religion und Sinn? Zudem ist die Zeitschrift „DU“ für Scobel „unmittelbare Ansprache“ (5), als ob nicht die Gesellschaft je als vermittelte dem Einzelnen sich darbietet. Gert Scobel ist gegen Nutella und gegen Schlagermusik, jedoch fürs antisemitische Gesamtkunstwerk Wagners, für Religion, Rituale, Opfer und PARADISE NOW.

Ob solch geballter Ladung Affirmation herrschender Zustände ist es naheliegend, daß Gert Scobel für den Adolf-Grimme-Preis 2005 vorgeschlagen wurde, der im März vergeben wird.(6) Ob das Interview mit dem suicide bomber-Fan Hany Abu-Assad Scobels TV-Karriere trüben wird, ist mehr als unwahrscheinlich: in Deutschland gilt der Antizionismus/Antisemitismus gleichsam als Entréebillet. Dann stehen die Tore von NDR oder WDR weit offen. Auch das ZDF mit dem notorischen Anti-Amerikaner Claus Kleber freut sich.

Doch das am Mittwoch, gestern, gesendete live-Interview mit Hany Abu-Assad über PARADISE NOW übertrifft doch noch so manches. Ganz glücklich darf Abu-Assad erzählen: er habe viele „Gespräche mit suicide bombern gehabt“, die ihm das wirkliche Leben dieser Menschen näher gebracht hätten. Um „Probleme zu lösen, müsse man zu den Menschen selbst gehen“. Er sei „Pazifist“ und gegen das „Töten“, „egal ob es vom Militär oder vom Terror oder so komme.“ Die gezielte Gleichsetzung von strategischen, begrenzten, demokratisch geplanten und legitimierten Maßnahmen zur Verhinderung von Terrorattacken und Mordanschlägen durch die IDF mit den auf Vernichtung von Juden zielenden palästinensischen Angriffen ist untragbar. Daß der TV-Moderator das nicht nur durchlässt sondern geradezu ersehnte mit seiner Anmoderation von wegen einem „exzellenten Drehbuch“, verwundert jedoch nicht mehr.

Er läßt Abu-Assad die pure Ideologie des suicide bombing erzählen; Auf die Frage, wie das mit der Szene der Videos sei, die vor den Morden der Attentäter aufgenommen werden, wo doch die Kamera mehrfach versagt und die Leute Fladenbrot essen, zwischendurch etc., sagt Abu-Assad: „And believe me – in reality it is much more funnier“ (beide lachen herzlich). Viel lustiger als im Film ist also die Wirklichkeit in der Westbank, wenn sich die Palästinenser auf das Töten von Juden vorbereiten. Was würde passieren wenn ein NPD-Fraktionsmitglied aus dem sächsischen Landtag, in einem Interview mit Anne Will von den Tagesthemen sagen würde: „Die Realität unserer Kameradschaftstreffen, wo wir planen, welche Flüchtlinge, welche Synagoge und welche Antifas wir nächste Woche zu Tode prügeln, anzünden oder abstechen, diese Realität ist ur-komisch, wir hören Oi-Musik, trinken etwas, lachen, klopfen uns auf die Schenkel etc“. Was, wenn ein Nadelstreifen-Neonazi so reden würde, also mit der Wahrheit herausrücken würde wie Abu-Assad? Das wäre ein Aufschrei von SPD bis CSU, die Will müsse gehen, so eine Hetze von Nazis durchgehen zu lassen etc.

Diese Hetze ist gesendet worden, Abu-Assad sagt, er habe mit Menschen gesprochen, die vorhatten ein Attentat zu machen. Er läßt das Publikum teilhaben an den religiösen Waschungen zur Vorbereitung eines Selbst- und Massenmörders. Dann, wiederum lachend, wird Abu-Assads Aussage „Das Töten nicht in eine so böse Ecke zu stellen“ sei Motivation für den Film gewesen, stehen gelassen; ja noch mehr herausgekitzelt aus diesem Filmemacher: „um überleben zu können, töten die Menschen seit Tausenden von Jahren“. Abu-Assad betreibt eine entpolitisierende Anthropologisierung.

Schließlich – und dieser Wahnsinn ist nicht zu überbieten – geht es in dem Film PARADISE NOW, so Abu-Assad, darum zu zeigen, „wie die Menschen überleben können in so einer Situation“ – nämlich nur als suicide bomber, denen „Respekt“ gezollt werden müsse, denn auch „das Üble ist ein Bedürfnis“ (Abu-Assad) in diesem „absolut beeindruckenden Film“, mit seiner „dokumentarischen Kraft“ und den „starken Charakteren“ (Scobel). Auf der Pressekonferenz am Montag, 14.02.2005, sagte Abu-Assad: „Die Besetzung durch Israel ist es, was die Palästinenser zwingt, das zu tun, was sie tun.“

Ein Palästinenser kann demnach nur überleben indem er sich selbst und vor allem viele Juden umbringt.

Anmerkungen:
(1) http://www.taz.de/pt/2003/03/07/a0140.nf/text
(2) Paul Lawrence Rose (1999): Richard Wagner und der Antisemitismus, München/Zürich (Pendo), S. 262.
(3) http://www.seniorentreff.ch/diskussion/archiv6/a1828.html
(4) http://www.dekanat-hof.de/meinungdesmonats/meinungmaerz02.htm
(5) http://www.dumag.ch/bisher.php?id=199
(6) http://www.presseportal.de/story.htx?nr=641191&firmaid=6348

hagalil.com 18-02-2005

 

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