„Tuvia, es ist alles noch viel schlimmer!“

 „Tuvia, es ist alles noch viel schlimmer!“

Bericht über eine Veranstaltung zu Tuvia Tenenboms
Allein unter Deutschen

 

Die Lesung aus Tuvia Tenenboms Bestseller Allein unter Deutschen sowie die anschließende Diskussion in der Ostberliner Volksbühne am 7. Februar 2013 geht mit Sicherheit als eine der bemerkenswertesten Veranstaltungen der letzten Jahre gegen Antisemitismus in der Bundesrepublik in die Geschichte ein.

Tuvia Tenenbom: Allein unter Deutschen. Eine Entdeckungsreise

Der Schauspieler Bernhard Schütz sowie seine Kollegin Kathrin Angerer

Kathrin Angerer

Bernhard Schütz

lasen zu Beginn ein Kapitel aus Tenenboms Buch. Darin geht es um einen Besuch in Duisburg-Marxloh, der größten Moschee Deutschlands sowie einiger deutsch-deutscher Protagonisten, die „Liebe“ suchen wie Gitti Schwantes, mit der Tuvia Tenenbom sprach, und doch nur zum Judenhass schweigen oder naiv den Duft von Rosen der Analyse und Kritik des islamistischen Antisemitismus und anderer Facetten des Islamismus vorziehen.

Wie Tenenbom später in der Diskussion nachdrücklich betonte, geht es um die Aussagen der Deutschen (oder auch der Deutsch-Türken, z.B.) in seinem Buch, nicht um ihn als Journalisten, der nur aufzeichnet und hervor kitzelt, was Deutsche („deutsch-deutsche“, „deutsch-türkische“ etc. etc.) wirklich denken, wenn es um Juden, Israel, Islamismus, Amerika, Geld oder die deutsche Geschichte geht. In Marxloh kommt Tenenbom mit einigen Muslimen ins Gespräch und klärt mehrere Muslima darüber auf, dass im Koran gerade nicht steht, dass Frauen einen Hijab oder Schleier tragen sollten. Die groteske Überheblichkeit islamistischer Interpretationen des Koran, wonach der Islam die Vollendung des Monotheismus sei und Judentum wie Christentum gleichsam im Islam ‚aufgehoben‘ seien (vgl. dazu die Hegelsche dialektische Aufhebung), wird von Tenenbom, der unter anderem auch einmal Islamwissenschaft studierte, fließend Hebräisch und Arabisch spricht und den Koran gründlich gelesen hat, selbstredend kritisiert. Doch am Ende ist es weniger der so offenkundige islamistische Judenhass, der ihn irritiert. (Die Schleichwerbung für sein Apple I-Pad (das häufiger erwähnt wird), auf dem er u.a. eine Koranausgabe in digitaler Version hat, sei geschenkt.)

Trotz aller Absurditäten, Boshaftigkeiten, Verfälschungen und ideologischen Obsessionen umarmt ihn die muslimische Gastgeberin, die ihn so unfreundlich empfangen hat, nach Stunden der Diskussion am Ende doch. Die „deutsch-deutschen“ Protagonisten in Tenenboms Buch jedoch, ob in Marxloh oder anderswo, werden realitätsgetreu als verbissen, herzlos und noch weit mehr von einer antijüdischen Obsession getrieben vorgestellt und zitiert. Ob das weltpolitisch der Realität entspricht, kann natürlich bezweifelt werden, da kaum jemand den Antisemitismus des Iran, der Muslimbrüder oder auch der derzeitigen Türkei mit dem deutschen Antisemitismus auf eine Stufen stellen kann, da für Israel die Gefahr aus Iran oder der arabischen Welt doch ganz real ist, während deutsche Ressentiments zwar unerträglich sind aber doch nicht eine militärische Gefahr darstellen wie der Iran mit seinem Atomprogramm sowie seine verbündeten Terrorgruppen Hizballah und Hamas. Andererseits: was wäre der Iran ohne seine Freunde, Helfer oder Abwiegler der iranischen Gefahr aus der deutschen Wirtschaft, ohne Claudia Roth, Günter Grass und Jakob Augstein? Wie gefährlich wäre islamistischer Antisemitismus noch, sähe er sich tagtäglicher kompromissloser Kritik der Eliten wie auch der Massen, der Medien, der Politik, der NGOs, der Blogger, der Wissenschaft, der Intellektuellen, der Kirchen, der Regierungen und Politiker der westlichen Welt, insbesondere Europas und Nordamerikas gegenüber? Und wie gefährlich wäre islamistischer Antisemitismus ohne ‚Entwicklungshilfegelder‘ aus Washington, Berlin, Paris, London und ohne die Unterstützung z.B. deutscher Stiftungen im Nahen Osten?

Entscheidend ist Tenenboms Analyse der neu-deutschen Ideologie. In der Diskussion erwähnt er z.B. einen Gesprächspartner, der ihm natürlich zuerst versicherte, wie sehr er und die Deutschen die Juden und Israel lieben und sie am besten vor sich selbst beschützen wollen, und daher pro-palästinensisch aktiv sind, also antijüdisch und antiisraelisch. Diese allzu deutsche ‚Logik‘ hat Tenenbom in wunderbarer Weise bloßgestellt.  Tenenbom kritisierte auch die Heuchelei der Deutschen, es ginge ihnen tatsächlich um die Palästinenser – doch warum schweigen die Deutschen dann zum elenden Leben der Palästinenser in Jordanien und anderen arabischen Ländern, wo es ihnen um Welten schlechter geht als im Gazastreifen? Das kann man nur mit dem Antisemitismus erklären, mit der Obsession Israel und die Juden zu attackieren und das auch noch mit angeblicher Fürsorge für die Palästinenser zu begründen.

 

Volkhard Knigge und ein T-Shirt der Uganda-Bar

Tenenbom erwähnte den Leiter der KZ-Gedenkstätte Buchenwald, Volkhard Knigge, der in aller dummdeutschen Dreistigkeit dem Juden und Israeli Tenenbom mit einem T-Shirt der „Uganda-Bar“ aus Jerusalem gegenübertrat als dieser in Buchenwald mit Knigge sprach. Dieser Barname bezieht sich auf die antizionistische Fantasie, Juden hätten doch lieber im ugandischen Afrika denn in Zion eine Heimstätte aufbauen sollen.

Uganda-Bar, Jerusalem

Unter Beifall jenes Teils des Publikums (darunter Antideutsche, Hipster-Antifas, Punks und Intellektuelle unterschiedlicher Couleur), der Tenenboms Analyse und Kritik des deutschen Antisemitismus teilt, betonte der Autor, Knigge möge seinetwegen diese Position der Uganda-Bar teilen, doch bitteschön ganz sicher nicht als Leiter einer KZ-Gedenkstätte.

Doch einer der analytischen Höhepunkte des Abends kam für viele sicher überraschend. Es war ein Statement des bekannten Politologen, Zeithistorikers, Journalisten, TV-Talkmasters und häufigen Talkshowgastes und Herausgebers der Jewish Voice from Germany, Rafael Seligmann.

Rafael Seligmann

Wie Tenenbom in Tel Aviv geboren, aber ein deutscher und kein amerikanischer Jude, unterstrich er die Bedeutung des Buches seines Freundes Tuvia, doch ermahnte er Tenenbom nachdrücklich: „Es ist alles viel schlimmer!“ Es gäbe viel mehr und tiefer sitzenden Antisemitismus als Tenenbom das schreibe. In völlig ungewohnter Schärfe und Offenheit war es Rafael Seligmann ein Bedürfnis, einem amerikanischen Juden, der nur eine sehr kurze Zeit in Deutschland verbrachte, von der schockierenden Alltäglichkeit und Aggressivität des Antisemitismus zu erzählen. Seligmann zeigte sich fassungslos angesichts von Angela Merkels Einladung an den Antisemiten und Islamisten Mohamed Morsi, dem ägyptischen Präsidenten, am 30. Januar 2013, dem 80. Jahrestag der Machtübergabe an Hitler. Morsi bezeichnete vor wenigen Jahren Juden als Abkömmlinge von „Affen und Schweinen“ und wurde mit militärischen Ehren von der Bundesrepublik empfangen.

Merkel und Morsi am 30. Januar 2013 in Berlin

Als Seligmann letztes Jahr in der Hochphase der Agitation gegen das Judentum und gegen die Brit Milah (Beschneidung) zu einer Sendung des Senders WDR 5 eingeladen wurde, schlug ihm ein solcher Hass, eine solche Ablehnung und ein solch antijüdisches Ressentiment entgegen, dass es ihm fast die Sprache verschlug. Der Schock sitzt tief. Was Seligmann nicht wissen konnte: Tenenbom kennt diese Situation durchaus, im August 2012 habe ich ihn mit einigen Freunden zur wohl ersten Pro-Beschneidungsdemonstration in Deutschland, auf dem Bebel-Platz in Berlin, eingeladen. Die fünf oder sechs anwesenden Muslime, ca. 150 Juden und einige dutzend Sympathisanten wirkten wie eine völlig verlorene Gruppe, wie eine kleine Insel umgeben von antijüdischen, selbst ernannten pro-israelischen ‚Linken‘, Rechtsextremisten aller Art, und vor allem dem deutschen Mainstream, repräsentiert von den gut 60% Deutschen, die laut Seligmann quasi über Nacht zu Experten über den jüdischen „Schwanz“ wurden!

Der Kampf für die „völkische Vorhaut“, wie es Henryk M. Broder (der auf der Veranstaltung mehrfach als böser Augstein-Kritiker diffamiert wurde, vorneweg vom evangelischen und wie immer recht unerträglichen Schmock Christoph Dieckmann)

Christoph Dieckmann (in jungen Jahren)

2012 in Worte fasste, zeigt die Salonfähigkeit des Judenhasses, des Antisemitismus im heutigen Deutschland, der gerade auch von den wiederum selbsternannten ‚Islamkritikern‘ wie Politically Incorrect, Geert Wilders und seinem weltweiten Fanclub etc., promotet wird.

Dieckmann beharrte darauf, das Buch von Tenenbom gelesen zu haben, alle Seiten, und findet vieles darin gut, lustig, interessant, aber kam dennoch zu der so infamen wie realitätsfernen Behauptung, Tenenbom würde doch, unterm Strich, den Antisemitismus und das Thema „Juden“ gezielt suchen. Da wurde Tenenbom richtig wütend und erläuterte dem ignoranten deutschen Christen, dass er sogar antisemitische Beispiele seiner Deutschlandreise wie in der Roten Flora in Hamburg, einem beliebten Ort der linksradikalen Szene, in dem Buch wegließ, da es ihm als zu randständig und unbedeutend vorkam, zu Beginn seiner ganz anders und nicht auf den Judenhass der Deutschen fokussierten Reise.

Als Tenenbom sich von Benjamin Netanyahu abgrenzte und die (noch amtierende) israelische Regierung als „rassistisch“ bezeichnete, mit der Betonung dass die derzeitige palästinensische Regierung „noch rassistischer“ sei, erwiderte Seligmann mit einer gewissen Schärfe in der Tonlage, dass er es recht unerträglich findet, wie selbst wohlwollende Leute immer einen „Kotau“ machten in Deutschland und anderswo und Netanyahu diffamierten.

Benjamin Netanyahu

Ergänzend sei hinzugefügt, dass ein Land, dessen Linksradikale (Revolutionäre Zellen, RZ) in eben jenem Uganda, in Entebbe, zusammen mit palästinensischen Terroristen am 4. Juli 1976 den Bruder von Netanyahu, Jonathan (Yoni) Netanyahu, ermordeten, besser überlegen sollte, was es für Benjamin Netanyahu, seine israelische und so unmissverständlich gegen den antizionistischen Antisemitismus gerichtete Realpolitik bis heute bedeutet, in jungen Jahren seinen älteren Bruder in eben jenem Kampf gegen den praktizierten Antisemitismus verloren zu haben.

Jonathan Netanyahu

Was bleibt? Die Lesung aus Allein unter Deutschen sowie die anschließende Diskussion zeigten die ungeheuerliche Bedeutung eines einzelnen Autors, der bis dato gar nicht als Kritiker des Antisemitismus oder gar Deutschlands in Erscheinung getreten war. Der Eleganz der Sprache und Analyse von Jean Améry oder Eike Geisel steht mit Tuvia Tenenbom jetzt jemand zur Seite, der gerade in und mit der Einfachheit der Sprache die Alltäglichkeit des Antisemitismus in Deutschland in ihrer ganzen Grausamkeit zum Ausdruck verhilft. Fast in ihrer ganzen Grausamkeit muss man sagen, um die luzide Kritik von Seligmann beim Wort zu nehmen. Es ist in der Tat noch viel schlimmer mit dem Antisemitismus in Deutschland, als Tenenbom es darstellt bzw. in der Kürze der Zeit seines Aufenthalts in diesem Land erfahren konnte. Holocaustverharmlosung, Schuldprojektion, Schuldabwehr, sekundärer Antisemitismus, die Verharmlosung oder Affirmation des islamistischen Antisemitismus wie auch Facetten des postkolonialen oder auch kosmopolitischen Antizionismus zeigen in der Tat eine noch weit größere Bandbreite des Antisemitismus, als Tenenbom das in seiner Deutschlandreise erfassen konnte.

Juliane Wetzel

Allzu bezeichnend ist die Reaktion des deutschen Mainstreams. Tenenbom hat Juliane Wetzel vom Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) an der Technischen Universität Berlin (am Ernst-Reuter-Platz) per e-mail angefragt, ob sie im Februar 2013 Zeit hätte für eine Diskussionsveranstaltung mit ihm. Leider nein, war die Antwort, der Terminkalender von Wetzel sei bereits voll. Kein Problem für Tenenbom. Er schrieb ihr zurück, dass sie ihm doch einfach irgendeinen Termin im Jahr 2013 nennen solle, und er würde dann für eine Diskussion mit ihr über Antisemitismus in Deutschland extra aus New York einfliegen. Keine Reaktion und kein Terminangebot von Wetzel, die nur pars pro toto für das Versagen der akademischen, deutschen Antisemitismusforschung steht, wie wir alle seit langem wissen.

Tuvia Tenenbom

Der Autor, Dr. phil. Clemens Heni, hat im Gegensatz zur Bundesministerin für Bildung und Forschung, Annette Schavan, seine Dissertation in einem Alter geschrieben, als er schon wusste, wie richtig zitiert wird. Er ist Direktor des Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA), www.bicsa.org, und publizierte zuletzt im Januar 2013 die Studie Antisemitism: A Specific Phenomenon. Holocaust Trivialization – Islamism – Post-colonial and Cosmopolitan anti-Zionism. (Die erste Rezension publizierte Prof. em. Edward Alexander)

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