Rechnitz, März 1945: „Gottgläubig-neuheidnische“ Party der SS mit Massenmord?

Hagalil, 1. Dezember 2007

In der Nacht vom 24. auf den 25. März 1945 wurden nahe Schloss Rechnitz unmittelbar an der österreichisch-ungarischen Grenze gelegen, bis zu 200 Juden ermordet. Die genaue Zahl der Ermordeten ist nicht bekannt. An dem Massaker nahmen Partygäste einer SS-Gesellschaft teil. Die SS hatte das Schloss zu der Zeit benutzt, die Hausherrin, Margit von Batthyány, geborene Thyssen-Bornemisza, war gleichwohl mit Ehegatten auch anwesend, wie eine jahrelange Recherche eines englischen Historikers, David Litchfield, der ein Biograph der Thyssen-Familie ist, ans Tageslicht brachte.

„Als die Rote Armee schließlich nur noch fünfzehn Kilometer von Rechnitz entfernt war und die SS sich auf die Schlacht um Rechnitz vorbereitet, wurde am 24. März, dem Abend vor Palmsonntag, im Schloss ein Fest veranstaltet, zu dem dreißig oder vierzig Personen geladen wurden, darunter führende Persönlichkeiten der örtlichen NSDAP, der SS sowie der Gestapo und Mitglieder der Hitlerjugend. Das Fest begann um neun Uhr abends und dauerte bis in den frühen Morgen. Man tanzte, es wurde viel getrunken. Um den Gästen eine zusätzliche Unterhaltung zu bieten, brachte man um Mitternacht zweihundert halbverhungerte, als arbeitsunfähig eingestufte Juden mit Lastwagen zum Kreuzstadel, einer vom Schloss aus zu Fuß erreichbaren Scheune. Franz Podezin, NSDAP-Ortsgruppenleiter von Rechnitz und Gestapo-Beamter, versammelte fünfzehn ältere Gäste in einem Nebenraum des Schlosses, gab Waffen und Munition an sie aus und lud die Herren ein, ‚ein paar Juden zu erschießen‘. Man zwang die Juden, sich nackt auszuziehen, bevor sie von betrunkenen Gästen des Fests ermordet wurden, die dann ins Schloss zurückkehrten, um bis zum frühen Morgen weiter zu trinken und zu tanzen. Nach Aussagen von Zeugen prahlten einige Gäste des Festes am nächsten Morgen mit den in der Nacht begangenen Gräueltaten. Ein gewisser Stefan Beiglböck rühmte sich sogar, er habe mit eigener Hand sechs oder sieben Juden ‚erschlagen‘.“[1]

Litchfield hat eine umfassende Biographie des Familie Thyssen geschrieben. Die Finanzierung Hitlers ist dabei nur ein Kapitel, der „danse macabre“ von Rechnitz der schockierendste. In typisch österreichischer Manier wurden Berichte über das Massaker nach 1945 abgewehrt, als „bloße Propaganda“ der Sowjets abgetan. Nach Informationen Litchfields hat Margit von Batthyány Mördern dieser Todesnacht zur Flucht verholfen, Hinweise darauf wurden 1963 nicht weiter verfolgt. Der österreichische Filmemacher Eduard Erne hat bereits 1994 seinen Film Totschweigen auf Rechnitz aufmerksam gemacht. Er meint, Litchfields Anschuldigungen seien das mindeste, ja dessen „Vorwürfe seien eher noch zurückhalten formuliert. Es habe zwischen der Thyssen-Erbin und den nationalsozialistischen Behörden geradezu eine ‚Kollaboration‘ gegeben.“[2]

Durch eine weitere Historikerin wird das untermauert:

„Nach Angaben des Simon Wiesenthal Centers habe bereits die österreichische Historikerin Eva Holpfer nachgewiesen, dass das Paar Batthyány bei dem ‚Kameradschaftsfest‘ anwesend war. Ermittelt wurde in Deutschland und Österreich. Die Täter wurden jedoch nie zur Rechenschaft gezogen, das Massengrab ist bis heute nicht gefunden worden. Zwei mutmaßliche Tatzeugen wurden 1946 ermordet. ‚Deshalb fordern wir die Behörden in Österreich und Deutschland auf, die Vorgänge genau unter die Lupe zu nehmen‘, erkläre [Efraim] Zuroff [Leiter des Centers] in Jerusalem. Auch die Rolle der Familie Thyssen sollte dabei untersucht werden.“[3]

Die letzten 60 Jahre haben gezeigt, dass gerade die Täterländer Deutschland und Österreich überhaupt nicht interessiert waren an der Bestrafung der deutschen oder österreichischen Massenmörder, von den etwas unterer Chargen ganz zu schweigen. Beide Länder hatten vielmehr ihre Nazis als Staatsoberhäupter, siehe die Fälle Karl Carstens bzw. Kurt Waldheim. Insofern ist diese Aufforderung des Simon Wiesenthal Centers Jerusalem so wichtig, nachvollziehbar wie naiv. Interessant ist, was sagt die Antisemitismusforschung? Zuerst wurde natürlich beim Zentrum für Antisemitismusforschung nachgefragt, dessen Leiter Wolfgang Benz gern Auskunft gab:

„Der Antisemitismusforscher Wolfgang Benz wandte im Deutschlandradio ein, gegen die schockierende Story vom Judenmord als Partyspass spreche der Zeitpunkt. Am 24. März 1945 hätten selbst Fanatiker nur noch daran gedacht, ihre Haut zu retten. Eine Feier, während die Rote Armee bereits 15 Kilometer vor Schloss Rechnitz steht, wäre demnach unwahrscheinlich.“[4]

Ohne selbst zu diesem Massaker geforscht zu haben, weiß der deutsche Vorzeigehistoriker in Fragen des Holocaust offenbar Bescheid. Judenmord als „Party“ könne es zu diesem Zeitpunkt gar nicht gegeben haben. Hat Benz Zeugen befragt? Kennt er Quellen, welche dieses Fest als solches belegen oder widerlegen? Woher nimmt er das Wissen, ob die SS und ihre Freunde, inclusive der Thyssen-Erbin, an jenem Tag nicht lustvoll-sadistisch Menschen ermorden wollte?

Weitaus kritischer, nachfragender, ja diese unfassbare Szene in jener Nacht auf Palmsonntag 1945 analysierend und nicht fabulierend sind Analysen und Forschungen des Religionswissenschaftlers Schaul Baumann. Er hat sich in seiner Dissertation an der Hebräischen Universität Jerusalem schon vor Jahren mit der Deutschen Glaubensbewegung und ihrem Gründer Jakob Wilhelm Hauer befasst.[5] Die neu-heidnische, pagane Religion war antimonotheistisch und völkisch. Die SS war ein wichtiger Vertreter des ‚artgetreuen Glaubens‘, auch das Ahnenerbe der SS passt in die Germanophilie. Baumann kann mit seiner Forschung erhellen, was die SS, die ja ideologisch fanatisiert war wie keine zweite Organisation im Nationalsozialismus, bewogen haben mag, in jener Nacht:

„Laut Hauer und seinen Mitarbeitern hatte ein Ritual vor allem eine gesellschaftliche Funktion. Es trug zur Gruppensolidarität bei, wirkte bewusstseinsfördernd und hatte zudem auch spielerische Aspekte. Ein Zusammenwirken all dieser Elemente erzeugt die nötige Gefühlsspannung, die dem Menschen die Annäherung an das ‚Mysterium‘ ermöglicht. Ein Ritual fungiert als Dialog zwischen Gott und Mensch und fördert die Kohärenz und Solidarität innerhalb der jeweiligen gesellschaftlichen Gruppe. Religiöse Feiertage ermöglichen einer solchen Gemeinschaft, ihr Heiligstes – wie die Vereinigung mit Gott – zu zelebrieren, zu modifizieren und zu erneuern.“[6]

Baumann kann sehr luzide zeigen, wie wichtig der Tod für die ‚Gottgläubigen‘ war, was ja bei der SS mit dem Symbol des Totenkopfes noch gesteigert wurde. Am 18.1.1937 legte Heinrich Himmler, Chef der SS, fest, dass Angehörige der SS drei Möglichkeiten hätten, ihre Religionszugehörigkeit zu bestimmen: „1. Zugehörigkeit zu einer religiösen Vereinigung, wie z. B. einer Kirche 2. Gottgläubig, 3. Ohne Glauben.“[7]

Es wäre wichtig zu erfahren, wie dieses Fest in Rechnitz abgelaufen ist. Gab es rituelle Handlungen, vor, während oder nach dem Massenmord an den Juden? Wurden Reden gehalten? Welche Bedeutung hat die Verherrlichung des eigenen Todes für Nazi-Deutschland im Verhältnis zur Opferung der Feinde? Ist es aus SS- und gottgläubiger Sicht womöglich ‚wichtiger‘ einen rituellen Massenmord zu veranstalten, ihn zu genießen als Zeichen göttlicher Umkehr, gerade weil der militärische Gegner, die Rote Armee, nur 15 Kilometer entfernt steht, als das Weite zu suchen? Wäre das eigene Opfer, sollte die Rote Armee sehr bald das Schloss einnehmen, geradezu Teil der NS-Ideologie und jenseits ‚rationalen‘ Handelns, die eigene Haut retten, wie der Berliner Historiker insinuiert ohne sich all diese Fragen auch nur zu stellen? In einem Manuskript fasst Baumann seine These an diesem Punkt so zusammen:

„Als Religionswissenschaftler, der die Religionen vieler Gesellschaften erforscht hatte, wusste Hauer um die zentrale Bedeutung des Opfers in der Religion. Das Opfer als eine Gabe des Menschen an Gott hob er auf, sowohl wie es in der Antike in Tempeln dargebracht worden war, als auch den Opfertod des Gottessohns für die Erbsünde des Menschengeschlechts. Dies alles sei eine Erfindung der Semiten, wodurch die Welt unters Joch der Schuld geworfen werden sollte. Dagegen sei eine Umwertung des Opfers geboten, um es in den Dienst der ‚arischen Rasse‘ zu stellen. Das Opfer müsse zur völligen Hingabe des Einzelnen an die Forderungen des Schicksals für Führer, Volk und Vaterland werden. So werde die Rasse von der Unreinheit geläutert, die ihr durch die Beimengung ‚fremden Menschenmaterials‘ und Gedankenguts anhaftete. Wenn die Juden zuvor des Gottesmordes bezichtigt und daraufhin zum Sündenbock geworden waren, so sollten sie nun für das Unrecht der christlichen Apologetik verantwortlich gemacht werden, durch die sie indirekt die Weltmacht angestrebt hätten.“[8]

Die Forschung täte gut daran, sich mit diesen kritischen Analysen zu befassen, exemplarisch könnte dieses Massaker ein Beispiel für die antizivilisatorischen, jenseits von Gut & Böse mordenden Deutschen darstellen. Es ist in jedem Fall ein Teil des Holocaust, der sinn-losen Vernichtung der europäischen Juden, die ermordet wurden, weil sie Juden waren. Aus keinem anderen Grund. Das hat es weder davor noch danach je gegeben.

In Anlehnung an Simon Wiesenthal gilt festzuhalten: „Wir werden euch nicht vergessen“. Die Erforschung der heidnisch-germanischen Ideologie und ihr Beitrag zum Holocaust bleibt allerdings weiterhin eine sehr wichtige Forschungsaufgabe. Abwiegelungen à la Benz helfen nicht weiter, vielmehr indizieren sie das Niveau deutscher Antisemitismusforscher, die schon vor der empirischen und theoretischen Analyse wissen, um was es sich bei Rechnitz wohl gehandelt habe. Dagegen sind religionskritische Forschungen wie jene von Schaul Baumann enorm wichtig und helfen, die Bedeutung des Paganismus für die nationalsozialistische Ideologie und Praxis gleichermaßen zu erhellen. Der Fall Rechnitz wäre eine Möglichkeit dem exemplarisch nachzugehen. Doch wer hat daran schon Interesse?

 

Anmerkungen:

[1] David R.L. Litchfield (2007): Die Gastgeberin der Hölle, in: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, Nr. 242, 18. Oktober 2007, S. 37.

[2] Andreas Platthaus (2007): Massaker von Rechnitz. „Beispiel der Banalität des Bösen“, in: FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG, Nr. 246, 23. Oktober 2007, S. 46.

[3] TAGESSPIEGEL, 20.10.2007, http://www.tagesspiegel.de/kultur/;art772,2403156 .

[4] Joachim Günther (2007): Die Mordnacht von Rechnitz. Ein englischer Publizist erhebt Vorwürfe im Zusammenhang mit einem Massaker im März 1945, in: Neue Zürcher Zeitung online, 01.11.2007, http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/die_mordnacht_von_rechnitz_1.571985.html.

[5] Schaul Baumann (2005): Die Deutsche Glaubensbewegung und ihr Gründer Jakob Wilhelm Hauer (1881-1962), Marburg: diagonal-Verlag (Religionswissenschaftliche Reihe, Band 22). „Meiner Mutter Lotte Baumann gewidmet, die als Kriegswitwe ihres Lebens sicher zu sein glaubte und deren letzte Ruhestätte nicht bekannt wurde“.

[6] Ebd.: 106.

[7] Ebd.: 199.

[8] Zusammenfassung der Dissertation, Manuskript Dr. Schaul Baumann, im Besitz des Verfasser.

 

hagalil.com 01-12-2007

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