Keine Chance für Zion am 1. Mai

„Heraus zum 1. Mai“, dem ArbeiterInnenkampftag, aha. Was historisch einige Berechtigung hatte, ist nicht nur in Berlin seit Jahrzehnten zu einem Stelldichein antiimperialistischer AktivistInnen und zunehmend auch  antirassistischer und postkolonialer Hipster und Vollautonomer bzw. jenen, die sich so verkleiden, geworden. Dieses Jahr in Berlin wirds besonders übel, da die antisemitische BDS-Kampagne mit zur „18 Uhr-Demo“, der „Revolutionären 1. Mai“-Demo in Kreuzberg aufruft. Der Antisemitismus dieser Leute wurde beim „Karneval der Geflüchteten“ vor einigen Wochen in Tempelhof und Kreuzberg 61 bereits offenkundig und ist seit langem bekannt.

Doch nun selbst zu meinen, gerade auf dieser 1. Mai Demonstration in Berlin sei es ganz besonders radikal und obercool „für Israel“ zu sein oder die Alliierten, vor allem jedoch „Für Israel – bis zum Kommunismus“ ist nicht nur infantil oder läppisch, sondern durchaus ernst gemeint. Adorno oder Horkheimer werden herbeizitiert, ob nun im öden und intellektuell uninspirierten Duktus der jungle world oder der Bahamas und ihrer Adepten, ist einerlei. Kritische Theoretiker wie Horkheimer oder Adorno waren zwar tatsächlich irgendwie Pro-Israel, und das ist gegen rabiate Antizionisten zu verteidigen, aber sie waren eben ganz sicher keine Zionisten.

Horkheimer war ein ziemlich typischer assimilierter deutscher Jude, sein Kosmopolitanismus und Kantianismus konnte philosophisch nicht verstehen, wo das Problem liegt im Kosmopolitanismus. Er hatte seine philosophische Mühe mit dem Zionismus, immerhin machte er sich die, was bei Adorno, der keine jüdische Erziehung genossen hatte wie Horkheimer, gleich ganz wegfiel.

Ein Kosmopolitianismus ist angesichts des völkischen Nationalismus in Deutschland wie heute der AfD auch mehr als verständlich. Aber die Geschichte des Zionismus reicht weiter zurück und ist eine innerjüdische Diskussion, die am Institut für Sozialforschung damals so gut wie nicht geführt wurde. Im Negieren des jüdischen Partikularismus liegt das Problem, wie es im 19. Jahrhundert zum Beispiel die zionistische Studentenverbindung  Kadimah um Ruben Bierer, Nathan Birnbaum, Mosese Schnirer und Perez Smolenskin in Wien analysierte (siehe dazu Robert S. Wistrich (1989/1999): Die Juden Wiens im Zeitalter Kaiser Franz Josephs, Wien u.a.: Böhlau).

Heute ist gerade der ach so weltoffene Kosmopolitanismus ein Hauptproblem für Juden und Israel, der kosmopolitische Antizionismus wie Nichtzionismus ist einer der Kernpunkte nicht nur der EU-Ideologie, sondern weitester Teile der westlichen Intelligentsia, von Judith Butler in Kalifornien über das Institut für Sozialforschung an Frankfurt am Main hin zu antideutschen Kommunisten in Berlin und weiten Teilen auch jüngerer Forscherinnen und Forscher, die alle brav gegen AfD und Nationalismus sind, Grenzen blöd finden (und das hat auch eine Berechtigung im europäischen Kontext), aber unfähig sind, das Spezifische eines jüdischen Nationalismus zu erkennen und zu akzeptieren.

Israel wird als Schutzraum vor Antisemitismus gesehen. Das ist aber nicht der Kern des Zionismus. Doch um das zu verstehen, müsste erstmal die Geschichte des Zionismus zur Kenntnis genommen werden.

Und davon wird am 1. Mai in Berlin nicht gesprochen werden. Unterm Strich unterscheiden sich die Antisemiten von BDS und Revolutionärer 1. Mai Demo und die selbst ernannten antideutschen Vordenker doch vor allem darin, bis wann Israel ein Recht auf Existenz hat. Für Antisemiten des 1. Mai gar keines, für antideutsche Kommunisten immerhin bis „zum Kommunismus“, sagen wir bis 2024, 2056 oder 2113. Ersteres ist antizionistischer Antisemitismus, letzteres nichtzionistischer Anti-Antisemitismus.

Zionismus sieht anders aus. Keine Chance für Zion in der Linken, nicht nur am 1. Mai.

 

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