„Günther Oettinger war nie Mitglied der NSDAP“!

Original auf Achgut.com, 13.04.2007

Filbinger ist tot. Spät ist er gestorben, doch auch sein Vorbild Ernst Jünger wurde recht alt, das scheint eine Macke von Konservativen, Reaktionären, Konservativ-Revolutionären, Faschisten oder Antisemiten zu sein. Wer wissen möchte, wer Filbinger war, kann sich die zum Glück erfolgreiche Diskussion des Jahres 1978 vergegenwärtigen, als Filbingers NS-Vergangenheit zum Sturz als Ministerpräsident von Baden-Württemberg führte.

Man kann aber auch anders vorgehen: Denn dass nun gestern, am 11. April 2007, vom gegenwärtigen Ministerpräsidenten des schwäbischen Musterländles eine geschichtsklitternde und lobhudelnde Rede gehalten wurde zu Ehren des Ex-Marinerichters mit einer Vorliebe für Todesurteile ihm nicht-genehmer Menschen, passt ins Bild eines Landes, das so richtig „zivilisiert“ wurde (Antje Vollmer). Die Nazis sind böse, „wir“ waren nie welche und wenn doch, dann un- oder unterbewusst und auf keinen Fall gerne. Günther Oettinger z. B. ist kein Nazi, er ist auch nie Mitglied der NSDAP gewesen. Er wurde 1953 geboren. Oettinger ist gleichwohl bekannt für seine sowohl ausdruckslose Persönlichkeit als auch deutsch-nationalen Positionen, er sang vor ein paar Jahren gern das Deutschlandlied in allen drei Strophen in Tübingen bei seiner Burschenschaft Ulmia. Dass Oettinger nun herumposaunt, ganz evangelisch, der Katholik Filbinger – hier haben wir quasi eine ökumenische Volksgemeinschaft Baden-Württembergs par excellence vor uns – sei „kein Nazi gewesen“, das ist ein Witz. Ein Blick in eine Rede von Filbinger aus dem Jahr 1998 erhellt wie deutsch-national und den NS verharmlosend bis affirmierend dieser stolze Deutsche dachte, bis in sein Grab hinein.

„Festvortrag von Prof. Dr. Hans Filbinger auf der 7. Weikersheimer Hochschulwoche 1998: Dr. Hans Filbinger Meine Bilanz in den Umbrüchen unseres Jahrhunderts.“

Filbinger setzt ein:

„Historisch gesichert ist heute die Tatsache, daß die etwa 13 Millionen Menschen, die für Hitler im Jahre 1933 stimmten, keineswegs wußten oder auch nur wünschten, was sie wählten. Ihr beherrschender Gedanke war, aus der extremen wirtschaftlichen Notlage mit über 6 Millionen Arbeitslosen herauszukommen.“

Ach was: die SA, die Mörderbande vor und nach 1933, hatte nicht klar gemacht, um was es geht, nämlich eine antimarxistische, antijüdische, deutsch-nationale Revolution in Deutschland, antiparlamentarisch und antidemokratisch, kriegsverherrlichend, extrem brutal und männerbündisch? Wenig später in diesem im rechtskonservativen Studienzentrum Weikersheim gehaltenen Vortrag Filbingers heißt es dann – und das hat Oettinger einfach abgeschrieben und auf den Toten selbst gemünzt:

„Die Deutschen waren kein Volk von Nazis.“

Die Deutschen also als Opfer, das ist ja seit Jahrzehnten Mainstream. Und noch weiter geht es in der die Verbrechen der Deutschen derealisierenden Märchenstunde:

„Die deutsche Katastrophe hat die religiöse Grundlage unseres Volkes nicht zerstört.“

Na super, möchte man jubeln: Wir – „Wir“ – Deutsche habe noch ne Grundlage, christlich-religiös, das nimmt uns keiner. Im Ausdruck „deutsche Katastrophe“ hört der geübte Hörer unschwer den Historiker Friedrich Meinecke heraus, der ein groteskes Büchlein mit diesem Titel bereits 1947 in einer dritten Auflage unter seine deutsche Volksgemeinschaft der Verlierer gebracht hatte. Darin heißt es u.a.:

„Und die große in der Luft liegende Idee, die Verschmelzung der nationalen und der sozialistischen Bewegung, fand an ihm [Hitler, d. Verf.!] ohne Frage den brünstigsten und den entschlossensten Exekutor. Dieser sein Anteil an einer großen objektiven Idee seiner Zeit muß rundweg anerkannt werden.“

In dieser Tradition steht auch Filbinger, etwas religiöser gefärbt womöglich, aber ebenso deutlich deutsch-national. Filbinger war zwar 1933 im bündischen Neudeutschland aktiv, einer katholischen Jugendgruppierung, die nicht ganz auf HJ-Linie lag, aber ihr Anspruch war so abstossend deutsch wie andere „Bewegungen“ auch:

„Unser Bund hat bei seiner Gründung, als widerchristliche und volksfremde Kräfte das Vaterland bedrohten, in herrliche Begeisterung sich den Namen ›Neudeutschland‹ gewählt.“

Auf diesen Text weist Hans der Tote extra hin auf seiner Homepage http://www.hans-filbinger.de/images/gaubrief.gif .

Dieser Bund „Neudeutschland“, den Filbinger noch 1998 gern erinnert, hat sich 1919 gegründet. Wenn er sich offenbar gegen „volksfremde“ und „widerchristliche“ Kräfte gegründet hat – in der ersten Demokratie in Deutschland, der Weimarer Republik! – dann sagt das alles aus über den reaktionären Grundtenor dieser Jugendbande. Mag es der Hass auf Marxismus und Sozialdemokratie sowie Juden und Ostjuden oder auch areligiöse Liberale sowie Kommunismus sein, der als Kampf gegen „volksfremde“ oder „widerchristliche“ Kräfte in den deutsch-national-christlichen Herzen zu glühen beginnt, es ist die Ausgangsbasis von Hans Filbinger: gegen „volksfremde“ Kräfte in Deutschland, 1933, 1945, 1978, 1998 bis 2007. Dass die Deutschen gar nicht wussten wen sie wählten und an die Macht hievten, 1933, das fabulierte der alte CDUler schon. Doch es kommt noch bunter:

„Die Anfänge der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland waren beschwerlich genug. Die Städte und Industriezentren waren zerstört, die Nahrungsmittel am Anfang knapp und die allgemeine Arbeitslosigkeit war noch gesteigert durch den Zuzug von ca. 12 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten. Stalin hatte die Vertreibung als Mittel eingesetzt, um den Westen Deutschlands für eine kommunistische Machtübernahme reif werden zu lassen. Die kommunistische Partei spielte nicht nur im Osten, sondern auch in der Bundesrepublik Deutschlands eine zerstörerische Rolle. Gegen die Wiederbeschaffung wurde eine sogenannte ›Friedensbewegung‹ in Gang gesetzt, die unter der Parole ›Ohne mich‹ die Aufstellung der Bundeswehr zu verhindern suchte.“

Hier spricht nun der Revanchist, der autistisch sich und seine ganz normalen Deutschen als die Opfer des Nationalsozialismus herbeiimaginiert und die jüdische Erinnerung brutal und aggressiv zur Seite stösst, ja Filbinger leugnet in dieser Rede insofern den Holocaust, als dieser einfach verschwiegen wird. Juden, Antisemitismus und die Vernichtung der europäischen Juden tauchen überhaupt nicht auf. In einer Rede, in der es zentral um den Nationalsozialismus geht, ja die Folgen für „die Deutschen“ auf abstossende Weise herausgekehrt werden, nicht vom Holocaust zu sprechen, ist de facto eine Holocaustleugnung. Dass Filbinger dann auch noch die Wiederbewaffnung der BRD gutheißt ist logisch. Die „Not“ wird als eine des Krieges und vor allem der Kriegsfolgen herbeigefaselt, die Vernichtung der Juden wird selbstverständlich als Prämisse des Wiederaufbaus vorausgesetzt ohne sie zu erwähnen:

„Nicht möglich wäre diese mutige Politik ohne die Tat des Wirtschaftsministers Ludwig Erhard gewesen, der durch die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft das deutsche Wirtschaftswunder herbeigeführt und dadurch die Politik aus der äußersten Not bis in relativen Wohlstand geführt hat.“

Direkt anschließend kommt natürlich die Totalitarismustheorie, die wiederum in traditionell rechtsextremer Weise die Deutschen entschuldigt und „den Kommunismus“ diffamiert, genauso schlimm gewesen zu sein als der deutsche Nationalsozialismus:

„Unsere Epoche ist das ›Jahrhundert der totalen Verführung‹ genannt worden, in dem zwei verwandte Ideologien mit totalitären Denkformen und Zielsetzungen um die Herrschaft kämpfen: Die marxistische Klassentheorie in Rußland und die nationalsozialistische Rassentheorie in Deutschland.“

Da nun heute jedoch von Oettinger der Kampf gegen den Marxismus gepriesen wird ist darin nicht nur ein Echo der national-sozialistischen Propaganda von vor und nach 1933 zu erkennen, nein, vielmehr sekundiert der Stuttgarter Landesvater auch hier seinen Urgroßvater Filbinger. Oettinger im O-Ton von Freiburg am 11. April 2007:

„Wenn Baden-Württemberg in der Bildung heute bundesweit vorne liegt und wenn unser Land in den 70-er Jahren dem marxistischen Zeitgeist widerstanden hat, dann verdanken wir dies vor allem Hans Filbinger.“

Diese Hetze ist beachtlich für das angeblich „nach-ideologische Zeitalter“, man sieht richtig den Schaum vor dem Mund bei diesem schwäbischen Antikommunisten und Filbinger-Möchte-gern-Ziehsohn. Doch wie sah es Filbinger mit dem Marxismus im allgemeinen und jüdischen Intellektuellen im besonderen?

„Kein Wunder, daß die Menschheit von den totalitären Ideologien beider Spielarten geheilt ist. In den 5Oer Jahren war die Ablehnung des Kommunismus ebenso wie des Faschismus-Nationalsozialismus unbestritten. Doch erstaunlicherweise blieb es dabei nicht. In den 60er Jahren erfahren wir eine ›Neuaufladung ideologischer Energien und ideeller Verführungen‹, verwandt den Ausbrüchen und Irrungen der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts. Die marxistischen Theorien erlebten eine Renaissance, insbesondere bei der studentischen Jugend. Die sogenannte Kulturrevolution wurde durch Vorgänge in den USA und in Frankreich inspiriert. Wahrend sie jedoch dort relativ bald verebbte, machten es die Deutschen gründlicher. Die Universitäten wurden mit wenigen Ausnahmen Schauplätze revolutionärer Umtriebe. Maßgebliche Antriebskraft war die ›kritische Theorie‹ der Frankfurter Schule unter den Sozialphilosophen Marcuse, Adorno, Horckheimer und Habermas. Die Stichworte ›Emanzipation‹, ›Demokratisierung‹, ›Selbstverwirklichung‹, ›Verweigerung‹, ›antiautoritäre Erziehung‹ u.a. verwirrten die Köpfe der Studenten und führten zu den bekannten Exzessen. Lehre und Forschung an vielen unserer hohen Schulen wurden stark beeinträchtigt. Damit einher ging jene ›Befreiung zur Sexualität‹, deren Auswirkungen wir heute in der Lawine von Pornographie und Perversion erleben müssen.“

Juden wie Adorno seine also für „Pornographie und Peversion“ verantwortlich, „Horckheimer“ (sic!) habe die Forschung „beeinträchtigt“ und zu „Exzessen“ angeheizt. Das hört sich nun wirklich an, als spräche die NPD oder irgendeine offen neonationalsozialistische oder auch neu-rechte Organisation! Filbinger möchte keine „Demokratisierung“, er möchte lieber einen autoritären Staat wie damals den Nationalsozialismus, dem er so brav gedient hat als Jurist. Er hetzt im gleichen Duktus gegen Liberalität und Aufklärung, Juden und Kommunisten, wie es sein Bund Neudeutschland und viele andere schon zu Weimarer Zeiten getan haben, um dem Nationalsozialismus den Boden zu bereiten und die Demokratie zu zerstören. Filbinger möchte die Demokratie auch wieder zerstören, wenn er gegen Adorno oder Habermas hetzt, welche unzweifelhaft für Aufklärung, Universalismus und „Selbstverwirklichung“ stehen. Die Hetze gegen die Frankfurter Schule, also die Kritische Theorie, ist zwar Mainstream auch in der Wissenschaft, aber diese ekelhafte Hetze von Filbinger gegen Adorno, Horkheimer und selbst Habermas ist doch an Perfidie, Anstachelung zum Hass und antiintellektueller Hetze nicht zu überbieten. Der schwäbische Landesvater jedoch macht für die konkreten Wahlerfolge dieser organisierten Nazis die Linke verantwortlich, letztlich also auch Marcuse, Adorno, Horkheimer und Habermas:

„Ende der 60er Jahre gab es in Baden-Württemberg und auch in anderen Bundesländern ein rechtsradikales Zwischenspiel. Die NPD, eine rechtsextremistische Partei, errang bei den Wahlen im Jahre 1968 10 % der Stimmen in Baden-Württemberg, ohne zuvor auch nur ein einziges Mandat besessen zu haben. Das war die Folge der Umtriebe der linkssozialistisch-kommunistischen Kulturrevolutionäre, die das in jeder Demokratie latent vorhandene Wählerpotential auf der rechtsextremistischen Seite mobilisierte.“

Nicht etwas die bloße Existenz von Alt-Nazis, Ex-SAlern, Ex-SSlern, Wehrmachtsoffizieren etc., welche die deutsche Geschichte hochleben ließen und jede Kritik am Nationalsozialismus oder jede Erinnerung an die deutschen, präzedenzlosen Verbrechen rabiat wegstiessen, trug zum Wahlerfolg der NPD bei. Nicht die mediale Hetze gegen alles Antiautoritäre (dessen Gehalt selbstkritisch immer reflektiert werden muss, aber doch niemals von einem Salonreaktionären wie Filbinger oder seiner Freunde in der Stuttgarter Regierungsbank oder dem Bundesinnenminister, der zu der Trauerfeier in Freiburg auch angerollt kam). Dieses konservativ-reaktionäre, geistig-moralische Geschwätz revitalisiert Filbinger in folgendem Punkt noch, als er auf die Zeit nach 1989 zu sprechen kommt:

„Daß die rechtsradikalen Parteien in der Bundesrepublik nur eine marginale Rolle spielten, wurde propagandistisch durch die Großaufnahmen randalierender Radaubrüder und krimineller Skinheads überspielt. So verstanden es die von der Geschichte Widerlegten, sich wieder Gehör zu verschaffen. Nach bewährtem Muster wurde der Antifaschismus politisch auch gegen ›Konservative‹ instrumentalisiert. Der Kanon dessen, was politisch korrekt sei, wurde von angepaßten Wächtern der politischen Moral formuliert. es bildete sich die politische Correctness als eine Institution, die vorschreiben will, was gedacht und was gesagt werden darf: ›Kommunismus ist gut, Faschismus ist schlecht‹. Mit der Faschismuskeule werden diejenigen verfolgt, die nicht links stehen. Erstaunlich ist es, daß diese Strategie und Taktik Abnehmer findet, wie auf dem Medienmarkt zusehen ist, obwohl sie von den Blamierten der Weltgeschichte stammt.“

Auch hier ist die Agitation gegen Antifaschismus bezeichnend und typisch. Weiter geht’s im nationalen Rausch Filbingers:

„Zusammen mit Freunden habe ich im Jahre 1979 das Studienzentrum Weikersheim als eine geistig politische Initiative gegründet, die den Staat befähigen sollte, mit den Herausforderungen unserer Zeit fertig zu werden. Wir haben schon in der Mitte der 8Oer Jahre das Scheitern des Marxismus erkannt und auf einem großen Kongreß in Mannheim dem Thema eine beachtliche Breitenwirkung verschafft.“

Die Deutschen kämpfen gegen Marx, den Juden, und seine Epigonen, Adorno, Horkheimer, das ist offenbar regierungsamtlich in Deutschland auch 2007 völlig d’accord und common sense, ja staatsbürgerliche Pflicht. Filbinger kaute diesen Nationalismus, der auch aus Oettinger nur so heraussprudelt, Jahrzehnte davor vor. „Die Nation“ ist natürlich eines der Schlüsselwörter hierbei:

„Wenn ich nach den Defiziten frage, so liegen diese im Bereich der deutschen Identität und folgen aus der Erblast, die uns das Dritte Reich aufgebürdet hat. Man hat gesagt, daß wir Deutsche von einem Volk der Machtbesessenheit zu einem Volk der Machtvergessenheit geworden seien, ein Wort, das einen unbestreitbaren Wahrheitsgehalt besitzt. Nichts Geringeres als die Existenz unsres Volkes steht auf dem Spiel, wenn wir die Identifikation mit uns selbst und als Nation nicht meistern. (…) Wenn wir nach den Bezugspunkten für das Leben unseres Volkes Ausschau halten, dann muß unweigerlich der Begriff N a t i o n seinen Platz erhalten. Der Begriff war lange Zeit wegen des nationalistischen Mißbrauchs verfemt. Auch wurde verkündet, daß das Aufgehen Deutschlands in Europa die Nation ohnedies obsolet machen werde. Man glaubte, wir bekämen einen europäischen Bundesstaat, der die nationalen Identitäten zum Verschwinden bringe. Das hat sich als Irrtum erwiesen.“

So hört es sich, wenn ein Hans Filbinger spricht. Sind das keine Nazi-Töne? Rhetorisch gewunden, weil ja offen nazistische Propaganda im Jahr 1998 oder im Jahr 2007 unter Strafe steht? Wer jedoch substantiell etwas zur politischen Kultur der Erinnerungsabwehr im postnationalsozialistischen Deutschland sagen möchte, muss sich die Apologie dieser Töne Filbingers durch einen lebenden, zudem schwäbischen Ministerpräsidenten im April 2007 wortwörtlich zu Gemüte führen. Denn das ist Deutschland wie es trauert, erinnert, hetzt und abwehrt. Deutlicher geht es nicht. Und nie vergessen: Günther Oettinger war niemals Mitglied der NSDAP.

 

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