Ein Sieg für das Vulgäre und für den Islamismus

Wenn der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG bei einem Gedicht, in dem ein Islamist nicht als Islamist, sondern als Ziegenficker, der elendere Duftnoten ablässt denn Schweine, als ein „Präsident mit kleinem Schwanz“, der „Kinderpornos“ mag, und auf allerhand ähnlich spätpubertär-vulgäre Art und Weise beschrieben wird, lauthals lachen muss und halb Deutschland sich auf den Schenkel klopft, ist offenkundig, dass er die Sendung „Neo Magazin Royale“ im ZDF angeschaut hat. Wenn Zweidrittel der Deutschen hinter diesem Fäkalamoklauf stehen, dazu auch noch Dieter Hallervorden, aber ansonsten munter AfD wählen, Linkspartei oder SPD etc., und mit dem Islamismus, der Merkel-Erdoganschen, der deutsch-arabischen und zumal deutsch-iranischen Freundschaft gar kein Problem haben, dann ist etwas faul.

Politisch hat die Kanzlerin das völlig falsche Signal gesendet: sie lässt eine mögliche Ermittlung durch die Staatsanwaltschaft zu, was in diesem speziellen Fall kaum unter der Rubrik „Gewaltenteilung“ zu verstehen ist, sondern als Opportunismus aus außenpolitischen Gründen, da es sich ja um einen abstrusen Paragraphen des Strafgesetzbuches handelt, der nur der Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter oder Regierungsmitgliedern gilt.  Die letzten drei Sätze von Merkels Stellungnahme zeigen die Absurdität des ganzen Vorgangs, doch diese Sätze werden kaum rezipiert:

„Darüber hinaus möchte ich Ihnen mitteilen, dass unabhängig von diesem konkreten Verfahren die Bundesregierung der Auffassung ist, dass Paragraf 103 StGB als Strafnorm zum Schutz der persönlichen Ehre für die Zukunft entbehrlich ist. Wir werden deshalb einen Gesetzentwurf zu seiner Aufhebung vorlegen. Der Gesetzentwurf soll noch in dieser Wahlperiode verabschiedet werden und 2018 in Kraft treten.“

Das wird der türkische Präsident am Rande sicher mitbekommen, aber in der Öffentlichkeit bleibt stehen, dass die Kanzlerin mit ihm Verträge abschließt, ihn hofiert und den türkischen Islamismus gerade nicht thematisiert. Doch tut das jener Kölner „Satiriker“ mit einer Vorliebe fürs Ordinäre und Vulgäre, für rassistische Ressentiments und Lacher auf Seiten ähnlich Abgestumpfter?

Der ehemalige Redakteur des Satiremagazins Titanic, Gerhard Henschel, schreibt in der FAZ über die „Degeneration der Sprache“. Für ihn führt eine Linie von „Ekel Alfred“ der 1970er Jahre zu Stefan Raab, Harald Schmidt und Dieter Bohlen:

Im Duett singt Bohlen seinerseits mit der „Bild“-Zeitung: Den Fernsehstar und das Massenblatt verbindet eine für beide Seiten einträgliche Beziehung, und zwar durchaus auf Augenhöhe, was das Vokabular betrifft. In einem Werbeclip, der die Wahrheitsliebe der Redaktion illustrieren sollte, ist eine Frau zu sehen gewesen, die zunächst einen Mann im Schlafzimmer umgarnt und sich dann mit dem Satz verabschiedet: „Ich geh nur kurz kacken.“

Deshalb mag Döpfner Böhmermann. Sie liegen auf der gleichen Wellenlänge. Henschel ist einigermaßen angewidert von den deutschen sprachlichen Zuständen:

„Nachdem Julien Sewering den 1,3 Millionen Abonnenten seines YouTube-Blogs im Mai 2015 mitgeteilt hatte, dass die streikenden Lokführer „Mistviecher“ seien, die man in Auschwitz vergasen solle, versuchte er sich vor Gericht damit herauszureden, er habe es „witzig gemeint“. Aus gutem Grund sind die Alben des einen oder anderen Rappers indiziert worden, und auch ein Satiriker muss sich an die geltenden Gesetze halten und so wie jeder andere Bürger damit leben, dass er angezeigt werden kann. Wer Grenzen ausloten will, der sollte nicht schockiert tun, wenn er sie entdeckt. Um die Entlassung in die reine Narrenfreiheit können nur Narren bitten.“

Sehr treffend ist abschließend der Bezug von Henschel zum Kabarettisten und Sprachkünstler Gerhard Polt:

„Wie man sie auf die höchste Kunstebene befördern kann, hat der Kabarettist Gerhard Polt in einem unsterblichen Rollenmonolog vorgeführt, in dem sich ein vermeintlich gesitteter Tennisfan immer stärker über das ungehobelte Gebaren einer Frau am Spielfeldrand erregt und sich allmählich in einen Raptus hineinsteigert, der in den unflätigsten Beschimpfungen gipfelt: „Sie dumme Gans! Ja? Mia san da doch ned im Wirtshaus! Sondern auf einem Tennisplatz! Du Amsel, du bleede! Du bleedes Kracherl, sog i, du Matz, du verreckte! Hoid dei Fotzn, sog i, du Schoaßwiesn! Gell? Du mistige, sog i, du Schoaßblodern! Gell? Du Brunzkachel, du ogsoachte! So wos wie du g’hert doch mit da Scheißbiaschtn nausg’haut!“

Es liegen Welten zwischen diesem Sprachkunstwerk und Jan Böhmermanns Zoten. Aber erkennt überhaupt noch jemand den Unterschied, nachdem wir dreißig Jahre lang mit Zoten zugetextet worden sind?

Der Islamismus Erdoganscher Provenienz ist ein großer Sieger dieses Debakels, da nun bei jeder satirischen Kritik im Raum steht, ob die nicht auch unter der Gürtellinie sein könnte. Es geht nicht um konkrete Fälle, es geht um das Gschmäckle, so blöd ist gerade ein Erdogan nicht, dieses zu erkennen. Er kann, bei Bedarf, nun immer wieder anführen, wie primitiv, vulgär, sprachlich degeneriert manche „Kritik“ oder „Satire“ ist.

Insofern könnte sich die ganze Affäre weniger als Fall Erdogan oder als ein Symbol für die von ihm zu verantwortende antidemokratische politische Politik und Kultur in der Türkei erweisen, denn als weiterer Baustein im Zerfallsprozess des Westens von innen heraus. Die Niveaulosigkeit deutschen TV-Kabaretts war lange vor Jan B. offenkundig. Doch er trieb sie jetzt aus reiner Geilheit auf mediale Öffentlichkeit und einer gehörigen Portion gekränkten Narzissmus – das merkt man beim Intro in die Sendung, das Extra 3 Video Erdowie Erdowo Erdogan hatte in kürzester Zeit über fünf Millionen Klicks und hatte zur Einberufung des deutschen Botschafters in der Türkei geführt – auf die Spitze.

Auf Facebook tobte der Mob, wobei einige Merkelfans abwiegelten und selbst nicht verstanden, welchen Schaden auch sie angerichtet hat mit ihrer Türkei-Politik. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen meinte, es könne sich bei dem Gedich um ein „Hybrid“, eine „Schmähsatire“ handeln und möchte dem vulgären Ausbruch Gutes abgewinnen, ohne das Gedicht als solches zu mögen. Jene Böhmermann-Fans jedoch, wie viele auf Facebook und in den sozialen Medien, im Fernsehen auf N24 mit Henryk M. Broder, die meinen, Erdogan würde sich auch von einem auf ihn gemünztes Rilkegedicht beleidigt fühlen, haben zu kurz gedacht. Das kann gut sein, dass Erdogan auch ein Rilkegedicht als Beleidigung empfindet, aber das wäre konsequenzlos und lächerlich. Doch der Kölner Satiriker könnte auch Neonazis, linken und muslimischen Antisemiten, die es ja lieben, in ihrer Vulgarität sich zu suhlen, die Tore öffnen etc.

Wer meint, mit solchen spätpubertären Bubis wie Jan Böhmermann den Islamismus bekämpfen zu können, der gibt sich auch der Illusion hin, der obsessive Juden- und Israelhass des iranischen Regimes würde sich mit ein paar vulgären Auslassungen oder einem niedlichen Vertrag eindämmen lassen.

Womöglich ist Jan B. nur der aufsehenerregendste Ausdruck der „Generation Abschied vom Denken und der Sprache“, der geschwätzigen, sprachlosen Generation mit fehlenden Verben oder Nomen in einem Satz, einer Sprache, die andere wahlweise als ziegenfickerisch, mit kleinem Schwanz bestückt, „behindert“, „Jude“ oder „Spacko“ diffamiert, für die alles „geil“ oder „scheiße“ ist, für die der Cannstatter Wasen oder die Münchner Wiesn Ausdruck deutscher Gemütlichkeit und das Tragen von Dirndl und Tracht angesagt sind, er gehört zur Generation der neoliberalen Vorführung von an Bulimie erkrankten Mädchen, wie sie zu „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) gehören, einer Generation, die Schadenfreude als Witz nobilitiert und angekündigte Niveaulosigkeit als besonders raffiniert und als vom Grundgesetz gedeckt vorstellt.

Das ist praktisch, weil so jede und jeder, von der Heute-Show über die Anstalt hin zu Extra 3 (das einmal eine gute und wichtige Kritik an Erdogan formulierte) und allen sonstigen Almdudlern, Seeräubern, Berliner Schnauzen und rheinischen Frohnaturen den primitivsten und vulgärsten Bullshit daher reden können, der mit einer Vorbemerkung „was ich jetzt sage, ist in diesem Land verboten“ legalisiert und besonders mutig oder witzig daherkommen soll.

Ein Land mit solchen Satirikern ist leichte Beute für den Jihad und den Islamismus.

Erdogan kann aufatmen. Trottel und Vulgäre werden ihm nicht gefährlich werden.

 

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