Ein Deutscher in Jerusalem

Die Ansprache des Super-GAUck an der Hebräischen Universität Jerusalem

 

  • Für Steffi
  • Für „Antideutsche“, jene, die irrtümlich dafür gehalten werden, jene, die es gar nicht wussten, dass sie es sind und jene, die es werden wollen

Hätte er es doch noch erleben dürfen, der Publizist Eike Geisel das Jahr 2015. So viel „Wiedergutwerdung der Deutschen“[1] war nie, dagegen waren die 1980er und -90er Jahre nur Vorübungen. Es gab damals noch hie und da Widerspruch. Heute wird nur noch goutiert. Das wurde selten so deutlich wie bei der Dankesrede von Bundespräsident Joachim Gauck aus Anlass der Verleihung der Ehrendoktorwürde der Hebräischen Universität Jerusalem im Dezember 2015.[2]

Vorweg: Gaucks Mainstream-Geschwätz, das ist es, wenn er von der „Spirale der Gewalt“ zwischen Israel und den Palästinensern daherplappert, kommt vielleicht bei der ARD gut an, die seine Rede aufzeichnete und via Richard C. Schneider euphorisch anpreist, aber sie zeugt doch nur davon, dass er eben nichts vom „Jahrhundert der Abwehr“ weiß, das die Palästinenser hinter sich her schleppen mit einer Blutspur, wie der Islamforscher, Historiker und Nahostexperte Daniel Pipes kürzlich analysierte.[3] Sie sind es, die keinen eigenen Staat wollen, weil das die Akzeptanz des jüdischen Staates erforderte. So war es 1937 beim Plan der Peel-Kommission, 1947 bei der UN-Resolution 181 und seither bei Angeboten israelischer Politiker. Muslimischer oder arabischer Antisemitismus kommen in der Rede denn auch konsequenterweise nicht vor, obwohl es gerade in den letzten Wochen dutzende Morde und Mordanschläge unweit der Hebräischen Universität gegeben hat, wo zumeist junge und sehr junge antijüdisch fanatisierte Araberinnen und Araber Juden (manchmal auch andere Araber) attackierten, ermordeten oder verletzten.[4]

Doch in diesem Text soll der Fokus anders liegen, es geht um das Bedürfnis der Deutschen, Juden und Israel für die eigene Identitätsbildung als Deutsche zu benutzen. Dabei ist spätestens seit 1985 mit der Rede des damaligen Bundespräsidenten der BRD, Richard von Weizsäcker, die nationale Identität der Deutschen der Fokus, unter dem Auschwitz betrachtet wird. Wie der Literaturwissenschaftler Jan Süselbeck resümiert:

„Diese diplomatische Vereinnahmung des Shoah-Gedenkens für die Konstitution der Berliner Republik, die heutigen Pegida-Deutschen geradezu linksradikal erscheinen mag, fand sich bereits bei Richard von Weizsäcker, ein halbes Jahrzehnt vor dem Mauerfall. Sie entstand also noch in der alten Bundesrepublik, in einer Rede, in der die allgemeine Zerknirschung über die Niederlage der Kapitulation von 1945 zum Ursprung eines Neuanfangs umgedeutet wurde: Wir Deutschen sind ein Volk und eine Nation. Wir fühlen uns zusammengehörig, weil wir dieselbe Geschichte durchlebt haben.‘“[5]

Erinnern wir uns[6] zudem, was Joachim Gauck am 28. März 2006 in einer Rede der Vortragsreihe „Europa bauen, den Wandel gestalten“ vor der Robert Bosch Stiftung zum Thema „Welche Erinnerungen braucht Europa? “ erklärte[7]:

„Unübersehbar gibt es eine Tendenz der Entweltlichung des Holocaust. Das geschieht dann, wenn das Geschehen des deutschen Judenmordes in eine Einzigartigkeit überhöht wird, die letztlich dem Verstehen und der Analyse entzogen ist. Offensichtlich suchen bestimmte Milieus postreligiöser Gesellschaften nach der Dimension der Absolutheit, nach dem Element des Erschauerns vor dem Unsagbaren. Da dem Nichtreligiösen das Summum Bonum – Gott – fehlt, tritt an dessen Stelle das absolute Böse, das den Betrachter erschauern lässt. Das ist paradoxerweise ein psychischer Gewinn, der zudem noch einen weiteren Vorteil hat: Wer das Koordinatensystem religiöser Sinngebung verloren hat und unter einer gewissen Orientierungslosigkeit der Moderne litt, der gewann mit der Orientierung auf den Holocaust so etwas wie einen negativen Tiefpunkt, auf dem – so die unbewusste Hoffnung – so etwas wie ein Koordinatensystem errichtet werden konnte. Das aber wirkt ‚tröstlich‘ angesichts einer verstörend ungeordneten Moderne. Würde der Holocaust aber in einer unheiligen Sakralität auf eine quasi-religiöse Ebene entschwinden, wäre er vom Betrachter nur noch zu verdammen und zu verfluchen, nicht aber zu analysieren, zu erkennen und zu beschreiben.“[8]

gauckbuchcover

Das ist eine Form des sekundären Antisemitismus, eine Abwehr der Erinnerung an die präzedenzlosen Verbrechen der Deutschen. Gauck insinuiert auf perfide Weise, jene, die den Holocaust in seiner „Einzigartigkeit“ analysierten und erkannten, würden das tun, um sich in einer orientierungslosen, gottlosen Moderne wieder zurecht zu finden. Auschwitz wird hier mit „Sakralität“ in Korrelation gesetzt und damit ist Gauck mittendrin im linken wie rechten antisemitischen Diskurs, der wahlweise von einer (taz) „Pilgerfahrt nach Auschwitz“[9] oder der (Junge Freiheit) „Sakralisierung“ von Auschwitz[10] redet.

Mehr noch: Die politische Kultur der Wiedergutwerdung der Deutschen ist mit Joachim Gauck zum derzeitigen Abschluss gelangt. Juden sind ab sofort und für alle Zeiten dazu da gewesen, nach 1945, um ganz normalen Deutschen, die als Kinder gerne Hakenkreuzfähnchen schwenkten oder Holzpanzer vom Weihnachtsmann geschenkt bekamen wie der kleine Gauck, was der große Gauck gerne erinnert[11], wieder Trost zu spenden.

Seine Rede an der Hebräischen Universität im Dezember 2015 steht paradigmatisch für die Selbstversöhnung der Deutschen mit sich selbst. Und dafür braucht es die Juden. Für Gauck gibt Israel ihm eine „tröstliche Botschaft“, weil es gerade ihn, den Holocaustverharmloser, ehrt und ihm die Chance gibt, einen ganz normalen Deutschen – und Ritterkreuzträger – wie den ersten Botschafter der BRD in Israel, Rolf Pauls[12], wie folgt als deutschen Helden zu bejubeln und dessen vorbildliche Reaktion angesichts von ‚unbeherrscht wütender jüdischen‘ Israeli:

„Rolf Pauls, der erste deutsche Botschafter in Israel, wurde in dem Auto, mit dem er 1965 zur Vereidigung fuhr, von wütenden Demonstranten mit Steinen beworfen.”

Die Chuzpe, die freche und unsagbar perfide Art, mit der ein ganz normaler Deutscher hier einen anderen ganz normalen Deutschen, der auf seine Weise in der Wehrmacht anderen das Morden im Holocaust ermöglichte, wenn er nicht gar aktiver involviert war, was ein Ritterkreuz ja indizieren vermag, zeigt an, wie dieses Land hier und heute tickt. Das ist die politische Kultur des nationalen Apriori und des sekundären Antisemitismus. Gauck diffamiert hier Juden, darunter den heutigen israelischen Präsidenten Reuven Rivlin, der seinerzeit zu den Protestierenden[13] gegen den Herrn Pauls gehörte.

Zudem verzerrt Gauck die Geschichte der Hebräischen Universität. Die Wörter Zionismus und auch Antisemitismus kommen in seiner Rede nicht vor. Weder deutscher Antisemitismus nach dem Nationalsozialismus, noch der Zionismus vor 1948 werden erwähnt. Vielmehr rubriziert der deutsche Vordenker Zionisten als jüdische Deutsche oder deutschsprachige Juden, die die Hebräische Universität mit aufgebaut hätten. Und genau diese Juden werden benutzt, um Deutschland nicht etwa zu kritisieren wegen des Antisemitismus lange vor 1933. Nein, diese Juden stünden für ein „Deutschland“ der „Humanität“ und „des zivilisatorischen Fortschritts“. Gerade Juden, die nicht erst zu Weimarer Zeiten im Reichstag[14] antisemitisch diffamiert und auf den Straßen ermordet (Rosa Luxemburg, Gustav Landauer, Walther Rathenau, um nur drei der bekanntesten zu nennen) wurden, sollen für ein „anderes Deutschland“ stehen. Juden, die, so sie es überlebten, nach Palästina flohen, nach 1933, oder aber als Zionisten schon lange vor 1933 den jüdischen Staat aufbauten. Doch das kommt in dieser vor Ignoranz und wissenschaftlicher Unredlichkeit strotzenden Rede nicht vor.

Da werden dann aus dem zionistischen Aufbau „deutsch-jüdisch-israelische Traditionslinien“. Doch der Zionismus war antideutsch, nicht pro-deutsch. Gershom Scholem steht dafür exemplarisch, der 1923 Alija machte und schon im Ersten Weltkrieg von seinem Vater der antideutschen Umtriebe[15] bezichtigt wurde und später die groteske Rede von der „deutsch-jüdischen Symbiose“[16] in ihre Einzelteile zerlegte und sie als inexistent bezeichnete.

Gauck hätte, ganz im Gegenteil zu seiner Intention, das eher Problematische an der deutsch-jüdischen Dominanz zu Gründungszeiten der Hebräischen Universität zumindest ansprechen können, das etwa der Historiker Yoram Hazony in seiner Studie „The Jewish State“ beschrieben hat.[17] Dabei geht es um die politischen und ganz grundsätzlichen Kampf innerhalb des zionistischen Lagers vor allem zwischen 1920 und 1948, ob ein „kultureller“ Zionismus oder ein „politischer“ Zionismus das Ziel der jüdischen (Wieder-)Besiedelung des Landes sei. Begriffe wie „jüdische Heimstätte“ versus „jüdischer Staat“ spielen eine entscheidende Rolle, ebenso die Idee eines „binationalen Staates“, die sich also gleichsam antizionistisch gegen eine grundsätzliche Mehrheit der Juden in ihrem eigenen Staat wandte. Eine wichtige Rolle auf Seiten der quasi antizionistischen bzw. binationalen und kulturellen Zionisten spielte Leib Judah Magnes aus San Francisco. Dort herrschte in einigen Kreisen des Reformjudentums eine stramm antizionistische Ausrichtung vor, wie z.B. bei Rabbi Jacob Voorsanger von der Gemeinde Temple Emanu-El, der Israel als „spirituelles“ Projekt ansah, das getötet würde, wenn es „politisch“ interpretiert würde.[18] 1919 sprach sich ein Kongressmann aus San Francisco, Julius Kahn, in einer „Deklaration amerikanischer Juden“ gegen die „Idee eines jüdischen Staates“ aus.[19] Magnes ging dann nach New York und kam schnell mit den dortigen deutsch-jüdischen Kreisen in Kontakt, beispielsweise den „Finanziers und Geschäftsmänner[n]“ Schiff, Guggenheim, Warburg, Marshall, Lewisohn, Untermeyer oder Seligman.[20] Max Warburg, um ein Beispiel zu nennen, war ein Anhänger Martin Bubers, des bekanntesten deutschen Juden der damaligen Zeit überhaupt, und wollte primär ein „neues Judentum“ in Palästina gründen, nicht jedoch einen jüdischen Staat, wie Hazony analysiert.[21] Es gäbe noch viel zu untersuchen bzgl. dieser Debatten um die Gründung der Hebräischen Universität herum sowie in der Frühphase der Universität, wie z.B. die binationale Ausrichtung fast ganzer Fachbereiche wie den Orientwissenschaften („School for Oriental Studies“) mit L.A. Meyer, Shlomo Goitein, Levi Billig, Moshe (Max) Schwabe, oder David Hartwit (Tzvi) Baneth.

Der Historiker dieser Gemengelage, Yoram Hazony, berichtet viel Interessantes, doch skeptisch muss man hinzufügen, dass er auch hätte betonen können, dass nicht alle, die einmal im „Brith Shalom“, der Friedensassoziation bzw. bei den Protagonisten eines binationalen Palästina der 1920er Jahre aktiv waren wie Gershom Scholem, auf dieser Position beharrten – spätestens Mitte der 1930er Jahre wurde viele politische Zionisten, angesichts einer feindseligen arabischen und muslimischen Umwelt, und selbst ein Martin Buber 1948 mitlitt mit dem Überlebenskampf des jungen jüdischen Staates gegen die arabischen Aggressoren, wie Kurt Blumenfeld, der frühere Vorsitzende der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, in einem Brief an seinen engen Freund Felix Rosenblüth, der jetzt Felix Rosen hieß und Israels erster Justizminister wurde, im Mai 1948 festhielt.[22]

Man sieht diese Obsession, Israel immer aus dem auch arabischen Blickwinkel zu betrachten, bei vielen bilateralen deutsch-israelischen Projekten, die nicht müde werden, immer jüdisch-arabische Schulen oder Initiativen zu promoten, während man kaum Workshops oder Diskussionsrunden über die Situation der äthiopischen oder jemenitischen Juden in Israel, um nur zwei Beispiele zu nennen, findet, wie mir eine Freundin, die in dem Bereich seit Jahren aktiv ist, kürzlich berichtete.

Oder man sieht die Obsession für die „binationale Lösung“, also nun gar die Zerstörung Israels als dezidiert jüdischer Staat bei Historikern wie Dan Diner, der viele Jahre lang das Simon Dubnow Institut in Leipzig leitete, der nun z.B. Dissertationen wie jene von Dimitry Schumsky in einer Schriftenreihe des Simon Dubnow Instituts publiziert, der 2005 in Haifa bei der Historikerin Yfaat Weiss promoviert hatte.[23] Schumsky möchte die binationale Ideologie, die er von Prag zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf Israel projiziert, ganz analog zu Hugo Bergmann, Hans Kohn oder Robert Weltsch sehen, so als ob seit 1910 oder 1920 im Nahen Osten nichts passiert sei. Es ist schlicht die Ablehnung des politischen Zionismus.[24] Nur eine ganz kleine Minderheit im zionistischen Lager vertrat seinerzeit eine solche binationale Ideologie – und heute sind es noch viel weniger. Linke wie Rechte und der Mainstream in Israel sind politische Zionisten, auch wenn das die Forschung nicht wahrhaben möchte und lieber veraltete und für Juden gar gefährliche Ideologeme promotet. Und es schließt sich damit auch ein Kreis bei Dan Diner, der in der Publikationsfassung seiner Habilitation im Jahr 1980 sich für die „Abschaffung aller zionistischen Gesetze und Institutionen in Israel“ und für einen binationalen Staat aussprach.[25]

Von all dem ist bei Gauck nichts zu hören, es interessiert ihn gar nicht, wie die Hebräische Universität tatsächlich gegründet wurde und welche politischen Debatten es damals unter Zionisten gab. Ihm geht’s nur um sich selbst, um das deutsche Ego, wenn er am 6. Dezember auf dem Mount Scopus resümiert:

„Für mich ist das heute ein bewegender Tag. Wenn es stimmt, was ich zu Anfang gesagt habe, dass nämlich die Hebräische Universität so sehr geprägt ist von europäischer, von deutscher Kultur, dann ist es für mich eine ganz besondere Art, auch hier anzukommen”.

Nein, da ist keine deutsche Kultur. Sicher sprachen die Jeckes Deutsch etc., aber doch waren sie Zionisten, die lange vor 1933 aus freien zionistischen Stücken nach Zion gingen, oder Entronnene nach 1933 sowie dann Überlebende der Shoah. Es ist zionistische Kultur deutscher Juden. Doch Gauck möchte, ja muss ein Stück Deutschland dort sehen, damit er gleichsam Vergebung erhält, der ostdeutsche Pfarrer, der er immer ist, von den Opfern des deutschen Vernichtungswahns. Dabei sind gerade jene Juden, die lange vor 1933 emigrierten, als Zionisten ausgewandert, sie hielten es erstens in Deutschland oder Europa nicht mehr aus oder/und wollten das jüdische Land aufbauen helfen.

Gauck möchte wohl wie schon andere vor Jahrzehnten in der BRD von der „deutsch-jüdischen Symbiose“ reden, der konservative, aber durchaus auch mancher linke Teil der „Israelsolidarität“ vom „christlich-jüdischen Abendland“. Beides sind Lügen und Geschichtsumdrehungen. Zionisten wie Kurt Blumenfeld waren “postassimilatorisch”, sie verabscheuten Deutschland, weil sie gerade die deutsche Kultur als antisemitische längst erkannt und erfahren hatten. Gershom Scholem hat das in einem berühmten Brief im Jahr 1964 in Worte gefasst:

„Die angeblich unzerstörbare geistige Gemeinsamkeit des deutschen Wesens mit dem jüdischen Wesen hat, solange diese beiden Wesen realiter miteinander gewohnt haben, immer nur vom Chorus der jüdischen Stimmen her bestanden und war, auf der Ebene historischer Realität, niemals etwas anderes als eine Fiktion, eine Fiktion, von der Sie mir erlauben werden zu sagen, daß sie zu hoch bezahlt worden ist. Die Deutschen hat diese Fiktion, ausweislich einer nur allzu reichen Dokumentation, meistens ergrimmt und bestenfalls gerührt. Kurz bevor ich nach Palästina ging, erschien Jakob Wassermanns Schrift: Mein Weg als Deutscher und Jude, gewiß eines der ergreifendsten Dokumente dieser Fiktion, ein wahrer Schrei ins Leere, der sich als solchen wußte. Was ihm erwidert hat, war teils Verlegenheit, teils Grinsen. Vergebens wird man nach einer Antwort auf der Ebene des Redenden suchen, die also ein Gespräch gewesen wäre. Und wenn es einmal, direkt vor dem Einbruch der Katastrophe, in der Tat zu einem Gespräch in Wechselrede gekommen ist, dann sieht es so aus wie jenes Gespräch zwischen den Exwandervögeln Hans Joachim Schoeps und Hans Blüher, bei dessen Lektüre noch heute dem Leser die Haare zu Berge stehen. Aber wozu Beispiele häufen, wo ja eben das Ganze jenes gespenstischen deutsch-jüdischen Gesprächs sich in solchem leeren Raume des Fiktiven abspielte? Ich könnte unendlich davon sprechen und bliebe doch immer auf demselben Punkt.“[26]

Der Zionismus war eine Nationalbewegung sui generis, ein Aufbruch von Jüdinnen und Juden seit dem späten 19. Jahrhundert, eine Rückkehr – das ist zentral – nach Zion. Für Gauck taugen Juden nur dazu, ihm eine Ehrendoktorwürde zu verleihen an einer Institution, die er als geradezu deutsche oder deutsch inspirierte vereinnahmt. Er braucht das unbedingt, das deutsche Moment, so funktioniert das nationale Apriori nach Auschwitz. „Wir“ sind Deutsche und stolz darauf, es den Juden beigebracht zu haben, dass heute keine Steine mehr auf Ritterkreuzträger in Israel geworfen, jene vielmehr als diplomatische Helden geehrt werden und Juden, die nicht vergeben konnten und wollten, in ihrem eigenen Land von Deutschen in deutscher Sprache diffamiert werden können ohne Widerspruch.

 

[1] Eike Geisel (1992): Die Banalität der Guten. Deutsche Seelenwanderungen, Berlin: Edition Tiamat; Eike Geisel (1998): Triumph des guten Willens. Gute Nazis und selbsternannte Opfer. Die Nationalisierung der Erinnerung, Berlin: Edition Tiamat; jetzt in Eike Geisel (2015): Die Wiedergutwerdung der Deutschen. Essays und Polemiken, Berlin: Edition Tiamat, vgl. http://www.edition-tiamat.de/Textproben/Geisel-Wiedergutwerdung-1-31.pdf (eingesehen am 10. Dezember 2015). Rückblickend wurde das Jahr 2015 in meiner Publizistik zu nicht geringen Teilen ein Gedenkjahr an Eike Geisel, er wäre ja 70 Jahre alt geworden 2015, in mehreren Texten beziehe ich mich auf ihn, was sich erst retrospektiv im Dezember als quasi „antideutscher Faden“ durchzieht durch einige Texte: Clemens Heni (2015): Auschwitz, 27. Januar 1945, http://clemensheni.net/2015/01/25/auschwitz-27-januar-1945/ (eingesehen am 10. Dezember 2015); Clemens Heni (2015a): Stolzdeutscher Kleinbürger für das „Abendland“ – Wann wurde Henryk M. Broder zu einem deutsch-nationalen, feuilletonistischen Verfechter der Spaßguerilla?, http://clemensheni.net/2015/02/02/stolzdeutscher-kleinbuerger-fuer-das-abendland-wann-wurde-henryk-m-broder-zu-einem-deutsch-nationalen-feuilletonistischen-verfechter-der-spassguerilla/ (eingesehen am 10. Dezember 2015); Clemens Heni (2015b): Auch Deutsche unter den Opfern. 70 Jahre Ende des Nationalsozialismus: Über die Erinnerungspolitik und den Antisemitismus seit 1945, http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20610#_ftn1 (eingesehen am 10. Dezember 2015); Clemens Heni (2015c): Gute Deutsche versus antideutsche jüdische Taxifahrer in New York. Bizarres von der „Pro-Israelszene“, http://clemensheni.net/2015/10/17/gute-deutsche-versus-antideutsche-juedische-taxifahrer-in-new-york-bizarres-von-der-pro-israelszene/ (eingesehen am 10. Dezember 2015); Clemens Heni (2015d): Die Salonfähigkeit der Neuen Rechten und die „Klimaverschärfung“. AfD und Pegida machen das Land peu à peu unbewohnbar, http://clemensheni.net/2015/11/09/die-salonfaehigkeit-der-neuen-rechten-und-die-klimaverschaerfung-afd-und-pegida-machen-das-land-peu-a-peu-unbewohnbar/ (eingesehen am 10. Dezember 2015).

[2] Joachim Gauck (2015): Ehrendoktorwürde in Jerusalem, 6. Dezember 2015, http://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Joachim-Gauck/Reden/2015/12/151206-ISR-Ehrendoktorwuerde.html (eingesehen am 10. Dezember 2015).

[3] Daniel Pipes (2015): Ein Jahrhundert palästinensischer Ablehnungshaltung beenden, Original in der Washington Post, 27. Oktober 2015, http://de.danielpipes.org/16250/palaestinensischer-ablehnungshaltung (eingesehen am 10. Dezember 2015).

[4] Im Antragsheft der SPD zum „Ordentlichen Bundesparteitag 2015“ vom 10.–12. Dezember in Berlin heißt es zu Israel: „Nach vielen Jahrhunderten antisemitischer Exzesse in Deutschland und Europa und dem Ho­locaust hat Israel das Recht auf die Unterstützung seiner Sicherheit im eigenen Staat durch die internationale Staatengemeinschaft.“ https://www.spd.de/fileadmin/Dokumente/Bundesparteitag_2015/20151113_antragsbuch_parteitag-data.pdf (eingesehen am 10. Dezember 2015). Da könnte man fast auf die Frage kommen, hätten die Juden auch ein Recht auf einen Staat, wenn es keine antisemitische Bedrohung gäbe und es keinen Holocaust gegeben hätte? Vgl. dazu insbesondere die israelische Politikerin Einat Wilf, die „wohlwollende“ Europäerinnen und andere kritisiert, weil sie oft ausblenden, dass der Holocaust gerade nicht der Grund für die Existenz des Staates Israel ist, im Gegenteil, sechs Millionen Juden wurden vernichtet, viele davon wären am Aufbau des Staates dabei gewesen. Wilf spricht in einem Vortrag im Jahr 2013 vom „Zionism Denial“, https://www.youtube.com/watch?v=2SsV4s-0gwI (eingesehen am 10. Dezember 2015).

[5] Jan Süselbeck (2015): Auschwitz als Teil deutscher Identität. Kritische Beobachtungen zum Stand der Erinnerungspolitik im Land der Täter, 5. Februar 2015, http://www.literaturkritik.de/public/rezension.php?rez_id=20270 (eingesehen am 10. Dezember 2015).

[6] Vgl. zum folgenden Clemens Heni (2012): Die Abwehr der Erinnerung an den Holocaust und die komparatistische Obsession, in: Clemens Heni/Thomas Weidauer (Hg.), Ein Super-GAUck. Politische Kultur im neuen Deutschland, Berlin: Edition Critic, 7–42, hier 16f.

[7] Joachim Gauck (2006): Welche Erinnerungen braucht Europa?, http://www.bosch-stiftung.
de/content/language1/downloads/Stiftungsvortrag_Gauck_fuer_Internet.pdf (eingesehen am 10. Dezember 2015).

[8] Gauck 2006, 14f.

[9] Iris Hefets (2010): Pilgerfahrt nach Auschwitz. Das Holocaust-Gedenken ist zu einer Art Religion geworden, taz, 9. März 2010, http://www.taz.de/!49418/ (eingesehen am 10. Dezember 2015).

[10] Thorsten Hinz (2007): Sakralisierung des Holocaust. „Brief an einen jüdischen Freund“: Sergio Romanos Werk trifft auch in Deutschland einen zentralen Nerv, Junge Freiheit, 26. Oktober 2007.

[11] Joachim Gauck (2009): Winter im Sommer – Frühling im Herbst. Erinnerungen, in Zusammenarbeit mit Helga Hirsch, München: Siedler, 21: „Weihnachten 1944 bestand ich meinen ersten öffentlichen Auftritt auf einer wahrscheinlich von der nationalsozialistischen Frauenschaft veranstalteten Weihnachtsfeier. Ich vermochte ein ganzes Weihnachtsgedicht aufzusagen, ohne mich zu verhaspeln und ohne zu stocken: ‚Von drauß, vom Walde komm ich her…‘ Der Weihnachtsmann war so gerührt, dass er versprach, nach der Feier noch bei mir zu Hause vorbeizukommen und mir ein spezielles Geschenk zu übergeben. Er hielt sein Versprechen: Ich bekam einen weiteren Panzer aus Holz.“

[12] http://www.das-ritterkreuz.de/index_search_db.php4?modul=search_result_det&wert1=4668&searchword=pauls (eingesehen am 10. Dezember 2015).

[13] https://www.tagesschau.de/rivlin-besuch-berlin-101.html (eingesehen am 10. Dezember 2015).

[14] Die vielleicht beste Studie zum Antisemitismus in der Weimarer Republik liegt nun mit folgender Dissertation als Buch vor, Susanne Wein (2014): Antisemitismus im Reichstag. Judenfeindliche Sprache in Politik und Gesellschaf der Weimarer Republik, Frankfurt a. M.: Peter Lang.

[15] Itta Shedletzky (Hg.) (1989): Betty Scholem – Gershom Scholem. Mutter und Sohn im Briefwechsel 1917–1946. Herausgegeben von Itta Shedletzky in Verbindung mit Thomas Sparr, München: C.H. Beck, 14; vgl. dazu Clemens Heni (2014): Kritische Theorie und Israel. Max Horkheimer und Judith Butler im Kontext von Judentum, Binationalismus und Zionismus, Berlin: Edition Critic.

[16] Gershom Scholem (1964): Wider den Mythos vom deutsch-jüdischen Gespräch, in: Gershom Scholem (1970), Judaica II, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 7–11.

[17] Yoram Hazony (2000)/2001: The Jewish State. The Struggle for Israel’s Soul, New York: Basic Books.

[18] Hazony 2001, 201.

[19] Hazony 2001, 201.

[20] Hazony 2001, 201.

[21] Hazony 2001, 201.

[22] Kurt Blumenfeld (1976): Im Kampf um den Zionismus. Briefe aus fünf Jahrzehnten. Herausgegeben von Miriam Samburski und Jochanan Ginat, Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 222–223: „Diese jüdische Bevölkerung hat eine Hartnäckigkeit gezeigt, die nicht zu über­treffen ist. Unsere Offiziere, die den Weltkrieg mitgemacht und jahrelang im Feuer gestanden haben, darunter Leute, die bei El Alamein in Ägypten gegen Rommel gekämpft haben und die in Salerno dabei waren, wo die deutsche schwere Artillerie sich mit den englisch­en und amerikanischen Schiffs­geschützen in einer sechstägigen Schlacht gemessen hat, – diese Menschen , die ohne große Hoffnung den Kampf begannen, sind heute überzeugt, daß unser kleines Volk sich gegen sämtliche arabischen Staaten halten wird, wenn man diesen Kämpfern nur genug Waffen gibt. (…) Mir paßt es nicht, eine Schilderung meiner und unserer Empfindungen zu geben. Für mich ist es bezeichnend, daß z.B. ein Mann wie Martin Buber, ein Antinationalist, der intimste Freund von Magnes, mir jeden Tag mit Stolz und beglückt erzählt, wie sich alle Schichten des Volkes im Kampf bewähren.“

[23] Dimitry Shumsky (2013): Zweisprachigkeit und binationale Idee. Der Prager Zionismus 1900–1930. Aus dem Hebräischen von Dafna Mach, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht; Simon-Dubnow-Institut für Jüdische Geschichte und Kultur e.V. an der Universität Leipzig: Schriften des Simon-Dubnow-Instituts, Bd. 14.

[24] Zu einer aktuellen Kritik an Shumsky anlässlich des Gaza-Krieges von 2014 siehe Petra Marquardt-Bigman (2014): Ha’aretz guidelines for progressive bigotry, 6. September 2014, http://warped-mirror.com/2014/09/06/haaretz-guidelines-for-progressive-bigotry/ (eingesehen am 11. Dezember 2015).

[25] Dan Diner (1980): Israel in Palästina. Über Tausch und Gewalt im Vorderen Orient, Königstein/Ts.: Athenäum, 269. Das Zitat ist aus dem „Politischen Nachwort“, das Buch besteht aus vier Teilen, wovon die ersten drei als Habilitationsschrift im Oktober 1979 an der Uni Frankfurt angenommen wurden. Betreuer war Bassam Tibi, Gutachter waren Iring Fetscher, Egbert Jahn sowie Maxime Rodinson, vgl. ebd., ohne Paginierung. Rodinson war auch ein sog. nicht-jüdischer Jude und ein Gegner des Zionismus, siehe Robert S. Wistrich (2010): A Lethal Obsession. Antisemitism from Antiquity to the Global Jihad, New York: Random House, 523–524. Diner 1980, 269: „Um die Gleichstellung der israelischen Araber, also der Palästinenser in Israel zu garantieren und gleichzeitig die israelischen Juden von der leidvollen Perpetuierung des Konflikts zu befreien, wären alle zionistischen Gesetze und Institutionen in Israel abzuschaffen bzw. aufzulösen. Im Gefolge eines solchen Abbaus der zionistischen Struktur würde der israelische Teilstaat sich in einen hebräischen verwandeln.“

[26] Scholem 1964, 10f.

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