Deutsche ungleichzeitige Gleichzeitigkeit 2005: Von Berlin über Auschwitz nach Kyoto

Zuerst erschienen auf www.hagalil.com am 27.01.2005

Heute vor 60 Jahren wurde das größte Vernichtungslager der Deutschen, in dem zwischen 1,2 und 1,5 Millionen Menschen vergast wurden, davon 90 Prozent Juden, von der Roten Armee befreit. Deutschland gedenkt, die Rhetorikmaschine ist meist gut geölt. Es geht um Gleichzeitigkeit.

Gleichzeitig die Kinder und Enkel deutscher Vernichtungsmeister wie Friedrich Flick hofieren und bedauern, daß es einmal Sklavenarbeit von derselben Familie gab. Täter-Familien die Hand schütteln und Opfer begrüßen (zumindest manchmal). Sich über Nazis aufregen, die vom „Bomben-Holocaust“ faseln ohne arrivierte Wissenschaftler und Publizisten wie Jörg Friedrich, die das gleiche wie die NPD massenwirksamer schon vor Jahren unters Volk brachten – „Der Brand“ – zu belangen.

Deutsche „Muttersprache“ verschärft einfordern, wie es Bundestagspräsident Thierse Ende letzten Jahres getan hat, sich freuen, daß es in Berlin WGs gibt, die nur deutsch reden und jedes Fremdwort (‚handy‘, ‚Boxershort‘ kosten 20 oder 50 cent in die WG-Kasse) hassen und damit ganz subkutan antijüdische Stereotype transportieren – „Fremdwörter sind die Juden der Sprache“(Adorno) – aber offene Nazis des Nationalismus bezichtigen. Kein Wort über die sprachwissenschaftliche Nähe Thierses zu den völkischen Sprachinhaltsforschern um Prof. Leo Weisgerber, die während, vor und nach dem Nationalsozialismus eine „volkliche“ Identität der Deutschen mit der deutschen „Muttersprache“ wissenschaftlich einforderten.

Sich über die Nationalsozialisten aufregen aber Weisgerbers Imperative umsetzen, zudem kein Wort über den akuten und aktuellen Antisemitismus eines Heiner Geißler, der in einem „Wutanfall“ in der ZEIT national-sozialistische Ideologeme wiederbelebt (wie der Soziologe Heinz Gess analysierte), gutes vom bösen Kapital trennt um originär judenhasserisch zu enden: „Der Tanz um das goldene Kalb ist schon einmal schief gegangen“. Gebt bloß Acht, ihr Juden, will der Katholik sagen, ihr wurdet doch als Händler aus dem Tempel vertrieben, und – nachdem ihr weiter um das goldene Kalb getanzt seid – schließlich im Nationalsozialismus fast komplett ermordet. Passt bloß auf mit eurem aggressiven Turbokapitalismus, der in das soziale Fleisch schneidet, bei dem „das Blut nur so spritzt“ (O-Ton Geissler!). Geissler, der nur die antijüdischen Linken von Davos, die auch um das goldene Tanz tanzten und den althergebrachten Antisemitismus antizionistisch und anti-amerikanisch aufluden und für heutige Zeiten (Januar 2003) runderneuerten, nachäfft mit seinem Ressentiment, hat dafür gleich eine TV-Talkshow von n-tv bekommen, zusammen mit Peter Glotz, dem Sozialdemokraten, der heute (27.01.2005) lieber in Mainz mit Kardinal Lehmann über deutsche ‚Vertreibungs-Opfer‘ redet als über Auschwitz und den Antisemitismus der Deutschen.

Lehmanns Kollege Meisner hatte wenige Wochen zuvor in seiner Predigt zum Dreikönigstag im Kölner Dom gesagt: „Es ist bezeichnend: Wo der Mensch sich nicht relativieren und eingrenzen läßt, dort verfehlt er sich immer am Leben: zuerst Herodes, der die Kinder von Bethlehem umbringen läßt, dann unter anderem Hitler und Stalin, die Millionen Menschen vernichten ließen, und heute, in unserer Zeit, werden ungeborene Kinder millionenfach umgebracht.“ Das ist antisemitisch. Wer in der Erinnerung an den Holocaust jenen zu einem Delikt herunter dekliniert, hat nichts aus der Geschichte gelernt, ja möchte nur seinen eigenen christlichen Anteil am Menschheitsverbrechen gegen die Juden wegreden, totalitarismustheoretisch hetzen um schließlich von Frauen, die selbstbestimmt leben, als ‚Mörderinnen‘ analog zur SS in Auschwitz zu faseln.

Neonazis haben lediglich eine etwas andere Sprache, aber Abtreibung und den Holocaust in einem Atemzug zu nennen, ohne vom Papst oder den deutschen Repräsentanten des Stellvertreters des Stellvertreters etwas gegenteiliges zu hören, das ist Europa und Deutschland im 21. Jahrhundert.

Da können Schröder und Fischer und Köhler reden oder schweigen wie sie wollen, diesen Antisemitismus, der in der politischen Kultur der BRD beheimatet ist wie sonst kein Ideologem, bekämpfen sie nicht. Sie sehen ihn nicht, sie erkennen ihn nicht und sie machen auch keine Anstalten, zu lernen, sie perpetuieren ihn selbst mit ihrem Verhalten (Flick-Collection). Gleichzeitig die Opfer des deutschen Vernichtungswahns vorgeblich betrauern und Leuten, die diese Opfer eines Zivilisationsbruches grotesk, infam und widerwärtig verhöhnen, indem sie sie sei’s mit Hühnern, – so die Veganer und die Tierrechtsorganisation PETA – sei’s mit Abtreibung oder sei’s mit den notwendigen Bomben auf Deutschland vergleichen, nichts, aber rein gar nichts zu entgegen, diese Gleichzeitigkeit indiziert einen sekundären Antisemitismus, der sich pudelwohl fühlt, weil er ja gedenkt – manches mal der Opfer, meistens der Täter.

So auch die liberale Tagezeitung WELT in ihrer seit Anfang 2005 laufenden Chronik des Jahres, dem „Kaleidoskop 1945“. Am heutigen 27. Januar steht da folgendes auf Seite eins dieser großen deutschen Tageszeitung:

„27. Januar 1945 Auschwitz wird befreit – Primo Levi: ‚Schandbares Durcheinander verdorrter Glieder‘ von Felix Kellerhoff

Wehrmachtsbericht
Östlich der unteren Weichsel wehren unsere Divisionen den nachdrängenden Feind in Brückenkopfstellungen bei Kulm, Graudenz und Marienwerder ab. In Marienburg und Elbing toben erbitterte Straßenkämpfe.

Erinnerungen Primo Levi
Morgengrauen. Auf dem Fußboden das schandbare Durcheinander verdorrter Glieder, das Ding Sómogyi. Es gab dringendere Arbeiten. Wir konnten ihn nicht anfassen, bevor wir nicht gekocht und gegessen hatten. Die Lebenden stellen höhere Ansprüche. Die Toten können warten. Wir begaben uns an die Arbeit. Die Russen kamen, als Charles und ich Sómogyi wegtrugen. Er war sehr leicht. Wir kippten die Bahre in den grauen Schnee. Charles nahm die Mütze ab. Mir tat es leid, daß ich keine hatte.

Tagebuch von Matthias Menzel
Der Bahnhof Friedrichstraße ist zum Umschlagplatz des deutschen Schicksals geworden. Der ekle Oststurm pfeift frei durch das Skelett der Halle. Jeder neue Zug, der einläuft, wirft gestaltloses Elend auf die Bahnsteige. „Steinau ist im Moment nicht erreichbar“, sagt das Fräulein vom Amt. Der Strang ist abgerissen. Ich fürchte, es wird lange dauern, bis er wieder geknüpft werden kann. Es ist eine Stunde, die das Beten lehrt.

‚Berliner Morgenpost‘
In diesen Tagen, da wir geizen müssen mit Feuerung und Zeit, ist es die vielumstrittene Kochkiste, der wir im Rahmen unserer Sparmaßnahmen eine gewisse Berechtigung nicht absprechen können. Übrigens muß es nicht unbedingt eine ausgesprochene Kochkiste sein. Eine kochkistenartige Vorrichtung aus Zeitungen und Decken leistet die gleichen Dienste.

Geheimer Wehrmachtsbericht
Im Bezirk Schlesisches Tor sei bei einem Alarm nach 20 Uhr der Strom gesperrt gewesen. Da man vergessen habe einzuschalten, seien die Sirenen nicht ertönt. Die Bevölkerung sei erst durch das Flakfeuer auf die Gefahr aufmerksam gemacht worden.

Ausgewählt von Henrik Fels, Sarah Majorczyk, René Nehring, ergänzt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Klett-Cotta aus G. Hirschfeld/I. Renz: „Vormittags die ersten Amerikaner“, Stuttgart, 19 Euro (erscheint am 23.2.).“

So stehen in dieser positivistischen Aneinanderreihung Täter-Berichte und Opfer-Beschreibungen völlig unkommentiert, gleichzeitig und gleichberechtigt nebeneinander. Es geht um „deutsches Schicksal“ um den „andrängenden Feind“, den „unsere Divisionen“ zurückzuschlagen hätten. Die WELT braucht die Eindeutschung auch eines Levi, sie braucht  das Nebeneinander von Mord, Gemordeten und Überlebenden.

Auschwitz wird nicht wirklich geleugnet, es wurde ja als befreit schon in der Überschrift realisiert, aber die Präzendenzlosigkeit des deutschen Mordens, das niemals neben dem banalen, selbst gewollten Morden im Krieg stehen kann, diese Präzedenzlosigkeit wird gerade auch heute, am Tag der Befreiung des größten Friedhofs den die Menschheit kennt, derealisiert im gleichzeitigen Reden von der Wehrmacht mit „unseren Divisionen“ und den Erinnerungen von Primo Levi.

Diese Lageberichte oder Tagebucheinträge ganz normaler Deutscher  ermöglichen es den heutigen WELT-LeserInnen, den ganz jungen, den mittleren und den ganz alten, das deutsche, volksgemeinschaftliche Wir, das Horkheimer schon kurz nach dem Ende des Nationalsozialismus erkannte, zu reaktivieren, den deutschen BDM-Omas und den letzten SS- oder SD- oder Wehrmachtsverbrechern ein Wir zuzugestehen, das von „unseren Divisionen“ redet um im nächsten Abschnitt – und von den fünf Abschnitten, die die WELT heute in ihrem Kaleidoskop 1945 bringt, ist einer aus Opferperspektive, vier aus Täterperspekte – gleichsam en passant von ermordeten Juden berichten zu lassen um sofort wieder vom „Bahnhof Friedrichstraße“ zu lamentieren, der „zum Umschlagplatz des deutschen Schicksals geworden“ sei.

Als die Berliner Juden deportiert wurden, war das offenbar kein „deutsches Schicksal“, jetzt, 1945 von den armen Deutschen zu reden, die am Bahnhof ankommen, ist ekelerregend. Doch Grüne und Alternative werden sagen: ‚ich find diese Berichte interessant, z. B. wußte ich gar nicht, daß die ‚Kochkiste‘ schon 1945 existiert hat um Strom zu sparen, wie es im Bericht der Berliner Morgenpost vom 27.01.1945 heißt.‘ Der Nationalsozialismus mithin als Winterhilfe für öko-kapitalistische Marktwirtschaft. Strom und Energie sparen und von den Nazi-Deutschen lernen, prima. Aus dieser deutschen Geschichte der WELT lernen heißt siegen lernen – im Kampf um natürliche Lebensgestaltung. Kyoto? Berlin, 27. Januar 1945.

Es gibt zuviel WELT auf dieser Welt.

hagalil.com 27-01-2005

 

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