Der friedensbewegte, subtile Antisemitismus der Deutschen / Die politische Kultur der Bundesrepublik in einem Satz, 25 Jahre nach dem 9. November 1989: Spiegel Online vom 29. Oktober 2014 lesen!

Das ist der neue Judenhass mit allerbestem Gewissen, publiziert am 29. Oktober 2014 (Mittwoch, 29.10.2014 – 17:58 Uhr) , wenn das wohl größte Nachrichtenportal in deutscher Sprache, Spiegel Online, schreibt: »Am Montag hatte Netanjahu den Bau von weiteren 1000 Wohnungen in Ostjerusalem angekündigt – ein Schritt, der international erneut kritisiert wurde. Es besteht die Sorge, dass solche Bauprojekte den ohnehin labilen Frieden in der Region noch weiter gefährden könnten.« (Herv. CH)

Viel typischer und, ja, antisemitischer, kann man gar nicht argumentieren, wie Spiegel Online – zum 124.217 Mal wird Israel, werden Juden für den »Frieden« in der ganzen Region in Haftung genommen.

Wenn Juden in »umstrittenen Gebieten« Wohnungen bauen, egal man das super gut oder weniger gut oder gar falsch findet, dann hat das NULL – null, nada, nothing, rien – mit »Frieden in der Region« zu tun. Das ist Aufstachelung zum Judenhass, Israel und den Bau von Wohnungen für den »Frieden in der Region« verantwortlich zu machen. Und das ist der deutsche Normalzustand, den die Bundeskanzlerin goutiert, wenn nicht fördert, wenn man sich an ungezählte Äußerungen der Bundesregierung zur »Siedlungspolitik« erinnert. Ob SZ, der Freitag oder Spiegel Online oder fast jedes anders gedruckte oder Online-Medium: Hass auf Juden, versteckt als »Liebe zum Frieden«, ist ubiquitär.

Dieser Satz von Spiegel Online vom 29.10.2014 steht pars pro toto, dass DIE Deutschen – damit sind DIE Deutschen gemeint, so gut wie alle, natürlich gibt es Ausnahmen und es ist auch keine Rede von der »Ontologie der Deutschen«, vielmehr von der politischen Kultur des Antisemitismus, die veränderbar gewesen wäre, nach 1945, doch geändert hat sich nur das Vokabular, von »der Jude« hin zu »Israel« – nichts gelernt haben seit 1945, weiter werden JUDEN in Haftung genommen – nun für den Krieg des IS in Irak und Syrien, für die Destabilisierung des Sinai in Ägypten durch Jihadisten, für den Terror der Hamas, für den Islamismus der Hisbollah im Libanon, für den messianischen Judenhass und das antiwestliche Ressentiment der Islamfaschisten in Teheran, denen alle bis auf Israel und die arabischen Staaten (und die Türkei, die wiederum selbst ein Problemfall ist und super antisemitisch agiert etc.) die Atombombe geradezu gönnen oder sie herbeisehnen. Auch der andauernde Jihad in Yemen wird natürlich durch Wohnungsbau in Ostjerusalem auf unverantwortliche Art und Weise angefacht.

Und antisemitische Schulbücher und Texte aller Art, die von Saudi-Arabien verbreitet wurden und werden, habe noch nie den »Frieden« in der Region beeinflusst und auch nicht die Weigerung König Abdullah II. bin al-Husseins von Jordanien, endlich einzusehen, dass Jordanien Palästina ist, wie es der Palästinenserführer Mudar Zahran seit Jahren fordert. Katars Unterschlupf für die Führer der Hamas, für das quasi Oberhaupt des Muslimbrüder, Sheikh Yusuf al-Qaradawi, einem Antisemiten, der so »moderat« ist, dass für ihn auch unverheiratete Frauen, gar unverschleiert, den Judenmord begehen dürfen, was deutsche Islamforscherinnen wie Barbara Freyer-Stowasser höchst entzückte, und Katars Finanzierung der Hamas und somit des brutalen Kriegs der Hamas gegen Israel, trägt natürlich auch nur zum »Frieden« in der Region bei und stört den »labilen Frieden« nicht. »Bauprojekte« aber würden den »labilen Frieden« gefährden – das ist so infam, so typisch, so deutsch und europäisch, so abgrundtief antisemitisch, dass auch in 100 Jahren die Deutschen nicht lernen werden, was daran antisemitisch ist. Sie wollen Frieden. Ohne Juden, die stören. Wie zwischen 1933 und 1945, da »störten« die Juden die Deutschen auch am Frieden.

Man muss gar kein Fan von Netanyahus Politiken in allen Facetten sein, aber dieser Satz von Spiegel Online ist antisemitisch, so antisemitisch wie ein Satz nach 1948, der Staatsgründung Israels, gar nicht antisemitischer sein könnte. 180.000 Tote im syrischen Bürgerkrieg gefährden den »Frieden« natürlich nicht, auch nicht die frei herum laufenden Täter (wie der syrischen Präsident Assad oder die Islamisten und Jihadisten jeglicher Richtung), das Terrorregime in Iran mit seinem Atomprogramm und dem Hängen von Frauen und Homosexuellen, dem Ermorden von Oppositionellen etc., das gefährdet gar nichts, eventuell wird Siemens oder eine andere kapitalische Supereinrichtung Deutschlands einen Vertrag mit Iran ein paar Tage aufschieben (oder eine Tochterfirma etc.), aber den »Frieden«, der so »labil« ist, gefährden die Islamfaschisten und ihre deutschen Partner natürlich nicht. Erdogan, der türkische Präsident, der Israel mit den Nazis verglich, gefährdet den Frieden natürlich nicht, und die Taliban in Afghanistan, bekannt für ihre Gesprächstherapien mit Margot Käßmann, gefährdeten noch nie den »Frieden«, werden sich aber wie Spiegel Online megamäßig über einige Wohnungen in Ostjerusalem echauffieren und erst richtig böse werden, dabei waren sie zuvor ganz handzahm und eigentlich exotisch-putzig mit ihren lustigen Bärten, Bräuchen und Gewändern.

Nein, dieser Satz von Spiegel Online bringt die politische Kultur der Bundesrepublik im Jahr 25 nach dem »Mauerfall« exakt auf den Punkt. Für Studenten der Politologie, Soziologie, Kommunikationswissenschaft, Zeitgeschichte oder Sprachwissenschaft ist das genial: ein Satz und man weiß alles über eine Gesellschaft, wann hat man das schon mal. Doch der Satz ist natürlich harmlos, einfühlsam und vor allem wohlwollend, wie Deutsche immer sind, sie wollen das Gute befördern (OK, manchmal haben sie etwas über die Stränge geschlagen, 1939–1945 zum Beispiel, aber wer tut das nicht?). Subtil antisemitisch ist der Satz, das gilt es zu analysieren, aber das wird keine aktive Richterin und kein aktiver Richter, weder in München, Dresden, Leipzig, noch Berlin, Köln, Stuttgart, Freiburg oder Hamburg, je hinbekommen. Nach 1945 gibt es keinen Antisemitismus mehr (sagte kürzlich eine Richterin aus München und die muss es ja wissen, in München!), das ist die Mantra der Deutschen und ein viel koschereres Argument gegen den Zionismus kann es ja kaum geben. Bauprojekte in Israel bzw. der Westbank gefährden den ohnehin labilen Frieden in der ganzen Region, dieses antisemitische Ideologem, das eine ganze Region monokausal, wie in einem Brennglas, der Verantwortung der Juden zuschreibt, schreit geradezu danach, diesem Schreibtischtäter bzw. dieser Schreibtischtäterin bzw. jener Agentur, die diesen Satz für Spiegel Online verbrochen hat, den Friedensnobelpreis 2015 zu verleihen.

Die politische Soziokultur, die sich in diesem einen Satz als Sediment zeigt, einem Satz, der das ganze Ressentiment gegen »den Juden« herausbrüllt ohne von Juden explizit reden zu müssen, ist der Grund dafür, warum jeder unanständige und anständige erwachsene Mensch in diesem Land am 9. November 1989 wie 25 Jahre später niemals die »Deutschlandhymne« anstimmte bzw. anstimmen wird, sondern Marlene Dietrichs Spruch für die Ewigkeit auf den Lippen hat und hatte:

 »Nie wieder Deutschland«!

 

 

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