Der 3. Oktober, das Ende der BRD und der Aufstieg des Islamismus wie auch des akademischen Kapitalismus

Für einen Intellektuellen aus Berliner BRD-Zeiten: Karl-Hans Wieser

Morgen ist der 3. Oktober. Das ist kein Feiertag. Sicher ging mit der DDR ein ganz elendes, auch antizionistisches Regime zu Ende. Aber die Welt war besser, als es noch die alte BRD gab. Das ist kein Pathos, sondern eine Realanalyse. Klar hatten wir Aufkleber in den 1980ern wie „lasst euch nicht BRDigen“ oder „Über Italien lacht die Sonne – über Kohl lacht Deutschland“. Die alte BRD war schlimm genug – ich habe über die politische Kultur seit 1970 und die „Salonfähigkeit der Neuen Rechten“ eine ganze Dissertation geschrieben. – Doch die BRD war noch harmlos verglichen mit der „neuen Unübersichtlichkeit“ nach 1989, um mal ganz contre coeur einen Habermas-Begriff zu verwenden. Denn Habermas selbst hat diese Unübersichtlichkeit und die antiamerikanische Agitation doch mit zu verantworten, 2003 mit Jacques Derrida und der deutschen Friedenshetzbewegung. Das ist der unverschämte neue „deutsche Weg“ von Egon Bahr und Gerhard Schröder, von den noch weit rechter Stehenden ganz zu schweigen.

An „Feiertagen“ wie dem 3. Oktober, wenn es nochmal etwas sonnig wird, gehen die Deutschen auf ihre Datsche (im Osten) oder in die Schrebergärten – bundesweit. Das mag einen kleinen Exkurs in deutscher Kleingartenkultur rechtfertigen:

Nach Daniel Gottlob Moritz Schreber werden bis auf den heutigen Tag die Schrebergärten bezeichnet. Er war im 19. Jahrhundert ein Volkserzieher und Naturdomestizierer ersten Ranges. Seine Bücher (z.B. Schreber 1858) erlangten ungewöhnlich hohe Auflagen. Seine Philosophie ist eine (pädagogische) Vorwegnahme der Carl Schmittschen Freund-Feind Dichotomie und also sehr deutsch;

„die edlen Keime der menschlichen Natur spriessen in ihrer Reinheit fast von selbst hervor, wenn die unedlen (das Unkraut) rechtzeitig verfolgt und ausgerottet werden“

(Daniel Gottlob Moritz Schreber (1858): Kallipädie oder Erziehung zur Schönheit durch naturgetreue und gleichmäßige Förderung normaler Körperbildung, lebenstüchtiger Gesundheit und geistiger Veredelung und insbesondere durch möglichste Benutzung specieller Erziehungsmittel, Leipzig: Fleischer, 104).

Der sprachliche Duktus läßt die impliziten und expliziten Exegeten Schrebers als diejenigen Deutschen erkennbar werden, die als der Welt größte ‚Reinigungskollektivanstalt‘ praktisch wurden: eliminatorische Antisemiten. Wobei es eben kein Zufall war, daß das Töten wollen, bei Schreber ‚ausrotten´ genannt, in Deutschland Juden traf, da diese häufig mit Ungeziefer und Unkraut analog gesetzt wurden.

Die ganze Dimension von Naturbeherrschung, wie sie in der ‚Dialektik der Aufklärung´ von Horkheimer/Adorno entfaltet wird, hat z.B. in Schreber einen Apologeten und Protagonisten vor sich, der weiß wovon er spricht, denn die Menschenversuche an seinen eigenen Kindern (ans Bett binden bei nächtlicher Errektion, oder kalte Dusche beim selben ‚Vergehen‘, Geradesitzen incl. der Herstellung extra dafür entwickelter Geradehalter etc.) hat bei einem Sohn den Selbstmord, beim anderen ‚Wahnsinn‘ erzeugt; letzterer ist als Daniel Paul Schreber in die Geschichte der Psychoanalyse (u.a. bei Freud) eingegangen. Schreber bringt innere und äußere Naturbeherrschung auf den Punkt, jedoch in affirmativer Propaganda:

„Der Mensch soll seiner hohen Bestimmung gemäß immer mehr und mehr zum Siege über die materielle Natur gelangen, der einzelne Mensch zur Herrschaft über seine eigene Natur, die Menschheit im Ganzen zur Herrschaft über die Natur im Großen“ (ebd. 121).

Für das bürgerliche Selbst hat solche innere Naturbeherrschung, die Folge einer patriarchal evozierten und die sinnlose kapitalistische Warenwelt legitimierenden Selbstkasteiung ist, die „Inversion des Opfers“ (Horkheimer/Adorno 1944:62) zur Konsequenz;

„Das aus der Angst geborene Gewissen, das Innerste des Bürgers findet seinen Inhalt und seine Beruhigung einzig im Äußerlichen, in der Reinheit (noch nicht der Rasse, aber schon) des Funktionierens“ (Jürgen Langenbach (1988): Preußische Kinderstube, in: Forvm, Wien, 35.Jg., Jan./Febr., S. 12-16, 14),

wie Langenbach die Position Schrebers pointiert. Langenbach bringt die okzidentale Vernunft auf ihren Kulminationspunkt, exemplarisch am Protagonisten Leipziger Turnvereinene, D.G.M. Schreber herausgearbeitet:

„Mit ihrer letzten List opfert die Vernunft den eigenen Leib“ (ebd.).

Dazu kommen die Hunderten Morde von Neonazis an Migranten, Nicht-Deutsch-genug-aussehenden, Obdachlosen, Linken, Homosexuellen etc. etc., und die Goldhagen-Debatte, die das Deutsche an den deutschen Historikern – von Hans Mommsen über Norbert Frei bis zum ZfA (Rainer Erb/Johannes Heil) – hervorkitzelte, dann Martin Walsers antisemitischer Einsatz 1998 und einige Jahre später mit „Tod eines Kritikers“.

2000 die zweite Intifada, die deutsche Linke mit ihrem Antizionismus, der an 9/11 mit grölendem Antiamerikanismus ein Freudenfest der Schadenfreude feierte in jeder „Szene“-Kneipe („Bin Laden-Cocktails“). Wolfgang Benz sprach von der Arroganz der USA und viele Deutsche nickten eifrig. Für Klaus Theweleit oder die Grüne Adrienne Goehler war 9/11 ein quasi antipatriarchaler Akt, da Hochhäuser phallische Symbole seien. Ein Schenkelklopfer für Altlinke und junglinke Fanatiker gleichermaßen. Auch Gremliza von Konkret kicherte ob der Toten an 9/11, der Kapitalismus habe sich „zu Ende gesiegt“. Ja, klar. Keine Spur von Jihad und Islamismus, genuinem. Alles abgeleitet vom Kapitalverhältnis. Diese alten Sprüche hat die DDR vorgegeben (und hatte sie von der UdSSR) und das ist gut, dass insofern die DDR weg ist, na klar.

Das Ende der Sowjetunion führte auch zu 9/11 wie zu allen anderen asymmetrischen Kriegserklärungen und Kriegen. Während des Kräftegleichgewichts von Ost und West war das so nicht denk – und machbar. Islamismus war keine weltpolitische Macht wie er es heute ist. Die permanente Panik an Flughäfen, die tagtäglich vom schlummernden in den akuten Zustand wechseln kann, ist eine Angst vor dem Jihad. Das gab es vor 1989 nicht – niemand hatte Angst vom KGB erschossen zu werden, einfach so – von Verbrechern wie Stepan Bandera mal abgesehen. Doch der führt heute ja ein ruhmreiches Nachleben in der Ukraine, wie auch der Nationalismus von Ungarn über Litauen bis zur Ukraine ein Revival erlebt, wie es vor 1989 undenkbar war.

Und es gibt kaum einen, der paradigmatischer steht für die neu-deutsche Frechheit, Unverschämtheit und den sekundären Antisemitismus, jenen nach Auschwitz, jenen, der lachend die Erinnerung wegbläst und blökt wie Matthias Matussek. Dazu schrieb ich 2006:

„Diese neu-deutsche Selbstverständlichkeit gerade als Deutsche stolz zu sein, zu betonen, ja zu brüllen: die deutsche Geschichte war im Kern was sehr Schönes, etwas ganz Einzigartiges, ‚Hitler‘ war lediglich ein ‚Freak-Unfall der Geschichte‘ (O-Ton Matussek), ist die neue Befindlichkeit, die neue, deutsche Ideologie im 21. Jahrhundert. ‚Ich bin nicht tief traumatisiert, denn ich denke nicht oft an die deutsche Schuld und an den Holocaust‘ sagt Matussek, er kämpft wie Walser und Konsorten gegen die ‚moralische Keule‘.

Das sind die Töne des nationalen Apriori.“

Die Weltlage hat sich für Juden, Israel und die westliche Welt – ja die ganze Welt – seit dem 9. November 1989 massiv verschlechtert. Selten wurde eine Parole so schnell so brutal und blutig widerlegt wie die These vom „Ende der Geschichte“ durch Fukuyama (1992). Denn der weltweite Jihad hat exakt seit 1989/1990 einen wahnwitzigen Aufstieg genommen, und das hatte sich 1979 im Iran bereits angekündigt. Kein Ende der Geschichte, nirgends. Die großen Kriege sind vorbei – erstmal – aber die sog. asymmetrischen Kriege bestimmen das Leben vieler Millionen Menschen, auch hier: vor allem der jihadistische Islamismus, von Asien (Pakistan u.a.) über den Nahen Osten bis nach Afrika, von anderen Weltgegenden nicht zu schweigen, wobei im Westen primär der „legale Islamismus“ der Muslimbrüder vorherrscht. Dieser begann 1958 seinen Siegeszug, in München, doch hat erst durch das Ende des Ost-West-Konflikts richtig an Fahrt aufgenommen – wiederum mit dem ersten Fanal 1979 im Iran. –

Die Verwandlung der BRD zu „Deutschland“ geschah 2006 durch Jürgen Klinsmann – das nationale Apriori wie ich schon 2006 analysierte. Pegida, Sarrazin und AfD sind nur die neuesten Ausdrücke desselben, die ökonomische Herrschaft der Deutschen über Europa ein weiterer. Dazu kommt der Iran-Deal, der maßgeblich von den Deutschen gepusht wurde und die Schamlosigkeit deutscher Kapitalinteressen wurde – logisch – vom SPD-Mann Gabriel unverzüglich angemeldet.

Das sind nur einige wenige Gedanken, warum der 3. Oktober kein Feiertag ist. Überlegungen über den „akademischen Kapitalismus“ (Richard Münch) oder die „Unruhe der Welt“ (Ralf Konersmann) wären weitere zentrale Aspekte, die genuin mit dem Ende des Ost-West-Konflikts zusammenhängen. Das Geschwätz von „Es gibt keine Alternative“ widerlegt sich tagtäglich in den Hunderten und Tausenden von Jihadkämpfern, jungen Männern und auch mal Frauen, die in Syrien oder im Irak und in Afghanistan auflaufen. Verglichen mit dem immer noch rationalen Realsozialismus der UdSSR ist der Irrationalismus des Jihad eine weltweite Gefahr ungeahnten Ausmaßes.

Die Deutschen sind Weltmeister – im Autoverkauf, im Tüfteln und kriminellen Manipulieren von Diesel-Autos, beim völlig entspannten, aggressiven Deutschland-Fahnen-Schwenken, beim moralische Ratschläge an böse Amerikaner und ignorante Israeli geben, beim Stolpersteinverlegen und gleichzeitigen Hetzen gegen den Zionismus und Israel, und vielem mehr – wie auch beim Entwickeln von „Schrebergärten“ und dem „Ausmerzen“.

Deutschland – Nie wieder. Doch es ist zu spät. Die BRD ist seit 25 Jahren dahin und heißt jetzt Schland.

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