Anti-arabischer Rassismus und Antisemitismus in Israel bzw. unter Palästinensern

Viele Deutsche brauchen keine Gründe für Ihren Hass auf Israel. Es war gleichwohl bemerkenswert, mit welcher Unverschämtheit, Unverfrorenheit, Aggressivität und mit welchem Zynismus und welcher kaum übertünchten Schadenfreude über die Entführung und die Ermordung von drei israelischen Jugendlichen die letzten Tage berichtet wurde, von Spiegel Online über sachsen-anhaltinische Lokalblätter hin zum Fernsehsender N24, um nur drei Beispiele zu nennen. Die Entführung der drei Israeli wurde teilweise gar nicht als solche berichtet, sondern vom „Verschwinden“ fabuliert.

Viele Kommentatoren haben dann, als der Mord an den Israeli nicht mehr zu leugnen war, der israelischen Regierung oder Gesellschaft eine Schuld oder Mitschuld an diesem Verbrechen gegeben, ohne auf die auf die Zerstörung Israels und die Tötung von Juden gerichtete Politik der Hamas und des islamistischen und arabischen Terrorismus einzugehen. Schließlich war völlig absehbar, dass Frank-Walter Steinmeier Israel warnte, nicht zu hart zu reagieren. Dabei haben er, Kanzlerin Merkel und die EU die palästinensische Einheitsregierung von Fatah und Hamas vor wenigen Wochen gar begrüßt und nicht etwa dazu aufgerufen, wie es jeder anständige Mensch tun würde, die Hamas zu boykotttieren und politisch zu bekämpfen, da Aufrufe zum Judenmord und zur Zerstörung des jüdischen Staates Israel nicht honoriert werden dürfen.

Mit zynischer Genugtuung wird jetzt weltweit zur Kenntnis genommen, dass am Mittwoch, 2. Juli 2014, ein arabischer 16-jähriger Jugendlicher, Muhammad Hussein Abu Khdeir, ebenfalls entführt und dann ermordet wurde. Seine Leiche wurde am frühen Mittwochmorgen gefunden. Es ist noch unklar, unter welchen Umständen und von wem er ermordet wurde. Waren es Araber oder doch Juden, die ihn töteten? Was war das Motiv? Ein innerarabischer Bruderkampf, ‚lediglich‘ ein Kriminalfall, Raubmord oder Eifersucht, ein islamistischer Ehrenmord gar oder doch eher ein Racheakt von jüdischen Israeli?

Am Tag zuvor, Dienstag 1. Juli, am Tag als unter riesiger Anteilnahme von Hunderttausenden Israeli die drei ermordeten Gil-ad Shaar, Naftali Fraenkel und Eyal Yifrach beerdigt wurden, gab es in Jerusalem später eine Demonstration gegen Araber. Ein aufgebrachter Mob von Hunderten Israeli zog durch die Innenstadt von Jerusalem und schrie antiarabische Slogans. Drei arabische Jugendliche kamen in starke Bedrängnis und konnten nur dank israelischer Sicherheitskräfte in Sicherheit gebracht werden, wobei einer der Jugendlichen im Krankenhaus behandelt werden musste.

Selbstredend würde die deutsche, europäische und internationale Presse nicht einfach so über den permanenten Raketenbeschuss Israels allein die letzten Tage aus dem von der Hamas kontrollierten (‚regierten‘) Gazastreifen berichten. Es werden so gut wie immer nur die israelischen Reaktionen auf diese Terrorattacken berichtet, und irgendwo steht dann, dass zuvor Palästinenser Israels angegriffen hatten.

Doch diese vor Ressentiment gegen den Staat der Juden triefende, hinlänglich analysierte und bekannte Berichterstattung (man könnte auch Agitation dazu sagen), kann und darf einen nicht davon abhalten, tatsächlich einige sehr problematische, minoritäre aber existente Teile des heutigen Israel und der Pro-Israel-Szene zu betrachten.

Es gibt vereinzelte Berichte über die antiarabischen, rassistischen Parolen und Attacken, doch viele wiegeln z.B. auf dem sozialen Netzwerk Facebook einfach ab und wollen offenbar gar nicht wissen, dass Tausende Israeli die übelsten, rassistischen und antiarabischen Slogans mit „like“ unterstützen. Eine Facebook Seite nannte sich „das israelische Volk verlangt Rache“ und hatte umgehend 32.000 „likes“, ehe die Seite am Donnerstag, 3. Juli, von israelischen Stellen vom Netz genommen wurde.

Es gab auch Mordaufrufe gegenüber Arabern. Im Juni 2010, nach dem Aufbringen des Terrorschiffes Mavi Marmara, stürzten sich auch viele Hunderte, wenn nicht Tausende Deutsche, Türken, Araber und Muslime auf Facebook und posteten die widerwärtigsten antisemitischen Kommentare, die häufig zum Mord an Juden aufriefen oder den Holocaust zelebrierten und Hitler lobten.

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, dass jetzt ebenso entschieden den vielen Anhängern antiarabischer Seiten (zumeist offenbar auf Hebräisch) Einhalt geboten wird. Rassistische Hetze ist unerträglich und Mordaufrufe sind ein Skandal.

Das sehen auch die allermeisten Israeli so und das unterscheidet Israel ganz enorm von seinen arabischen Nachbarn im Allgemeinen und den Palästinensern im Besonderen. Der Vater einer der ermordeten Israeli sprach den Eltern des ermordeten arabischen Jungen sein Beileid aus. Der ehemalige sefardische Oberrabbiner Shlomo Amar verurteilte die antiarabische Agitation und den Mord an dem Araber mit starken Worten und appellierte zumal an die religiöse Jugend Israels, Ruhe zu bewahren. Zwei der größten israelischen Tageszeitungen machten heute, 3.7.2014, auf Seite eins mit einem Bild des ermordeten arabischen Jugendlichen auf, Yedioth Ahronoth und Haaretz.

Lazar German, Reporter für die israelische Online-Zeitung Times of Israel, ist ebenfalls geschockt ob des Mordes an dem Araber. Für ihn ist selbstverständlich, dass ihm genauso gedacht werden muss wie den drei Israeli. Womöglich wäre aus dem 16-jährigen ein Polizist in Jerusalem geworden, der für Sicherheit aller Jerusalemer gesorgt hätte? Oder ein Arzt? Oder einfach ein netter Junge, dessen Mutter sich jeden Freitag gefreut hätte, ihren Sohn wieder zu sehen.

Israels Justizministerin Tzipi Livni ist sehr bestürzt über das aggressive Klima in Israel. Sie fordert alle Israeli auf, keine Selbstjustiz zu üben. Ihr geht es schon um eine politische Kultur der Verständigung, die durch antiarabische Agitation erschwert wird. Dabei ist Livni sich völlig im Klaren darüber, dass Hamas zu bekämpfen ist, doch Verständigung muss es jenseits der Hamas und ihrer Anhänger geben. Es gibt Bilder wie jenes von einem IDF-Soldaten, der mit einem Gewehr posiert und auf seinem nackten Oberkörper zur Rache aufruft. Andere reden vom „Niedermähen“ des Feindes, ebenfalls illustriert mit einem Gewehr, um Zweideutigkeiten zu vermeiden. Wieder andere Soldaten rufen auf Zetteln dazu auf “die Terroristen zu töten“. Selbstverständlich ermittelt die israelische Armee gegen diese Aufrufe zur Gewalt. Mehrere Soldaten sind bereits festgenommen worden.

Livni sieht die Gefahr eines „homegrown terrorism“, also eines israelischen, antiarabischen Terrorismus, der für sie eine Bankrotterklärung des Zionismus darstellte.

Die Times of Israel berichtet auch, dass Tausende israelische Facebookuser Aufrufe zur Gewalt gegen „extreme Linke“ (wer immer das sein soll) unterstützen. Diese Hatz gegen alles was als „links“ definiert wird, ist in der Tat ein nicht zu unterschätzendes Problem auch in der Pro-Israel-Szene weltweit, auch unter Forschern, die mitunter nicht davor zurückschrecken, Massaker an Linken wie jenes vom Neonazi Breivik in Norwegen im Sommer 2011 herunter zu spielen und zu betonen, die Ermordeten seien „sozialistische Antizionisten“ oder „zukünftige Antizionisten“ gewesen.

Selbst wenn die Teilnehmer_innen des JUSO-Camps in Norwegen allesamt Israelfeinde gewesen wären: wer kann ernsthaft auf die Idee kommen das Massaker an ihnen zu rationalisieren und auf ihre Israelfeindschaft zu verweisen?

Das ist es, was wohl auch Livni so schockiert: egal wie aggressiv und antiisraelisch arabische und palästinensische Jugendliche sind oder waren, das rechtfertigt doch niemals den Tod von Arabern zu fordern oder gar physische Gewalt anzuwenden.

Nach Berichten der Times of Israel gibt es offenbar massive Meinungsverschiedenheiten im israelischen Sicherheitskabinett, was die adäquate Reaktion of die Ermordung der drei jüdischen Israeli bedeutet. Der Mord an dem arabischen Jugendlichen könnte dazu führen, dass Netanyahu und die israelische Regierung nicht so gegen die Hamas vorgehen können, wie das nötig und möglich wäre. Insofern wäre ein Mord von rechtsextremen Israeli an einem Araber, so es sich als solchen herausstellen sollte, hilfreich für die Hamas.

Entscheidend ist in jedem Fall der Unterschied ums Ganze bezüglich der politischen Kultur in Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten. Hier eine Demokratie und dort ein Regime, das eine nur in marginalen Ansätzen kritische Öffentlichkeit hat, die sich Antisemitismus, anti-demokratischen Tendenzen, Terror und Militanz entgegen stellt, wenn überhaupt. Aber, das muss betont werden: PA-Präsident Abbas hat sich in arabischer Sprache (!) erstmals und deutlich von der Entführung des drei israelischen Jugendlichen distanziert und sie scharf verurteilt.

Mehr noch: es gibt erstaunliche und sehr bemerkenswerte Entwicklungen bezüglich der Einstellungen vieler Muslime weltweit zum Islamismus. Es gibt aktuell eine steigende Sensibilität und große Sorge in der muslimischen Welt insgesamt über den Islamismus und islamistischen Terrorismus. Eine aktuelle Studie des PEW Research Centers ist dabei höchst aufschlussreich. Sie basiert auf 14.244 Face-to-face-Interviews in 14 ausgewählten muslimischen Ländern bzw. Territorien weltweit, im Zeitraum 10. April bis 25. Mai 2014. Lediglich 35% der Palästinenser im Gazastreifen wie in der Westbank haben eine positive Sicht auf die Hamas. 47% der Palästinenser im Gazastreifen und 67% in der Westbank haben eine negative Sicht. Das ergibt laut PEW im Schnitt 53% der Palästinenser, die der Hamas kritisch oder feindlich gegenüber stehen, gegenüber 35%, welche die Hamas positiv sehen. 2007 waren die Werte 62% positiv, 33% negativ. Auch im Vergleich zu 2013 hat die Hamas deutlich an Zustimmung unter den Palästinensern verloren. 38% der Palästinenser in der Westbank lehnen Selbstmordattentate grundsätzlich und immer ab; die weiteren Antworten bezüglich der Zustimmung zu Selbstmordattentaten („als Mittel, den Islam vor seinen Feinden zu verteidigen“) sind „keine Meinung“ (13%), „selten“ (13%), „manchmal“ (14%), „oft“ (22%). Insgesamt ist die Zustimmung zu Selbstmordattentaten unter den Palästinensern von 70% im Jahr 2007 auf 46% 2014 drastisch gesunken. Das ist jedenfalls weit davon entfernt in allen Palästinensern potentielle Selbstmordattentäter oder Fans von suicide bombern zu sehen, auch wenn jeder einzelne und jede einzelne Zustimmung eine Katastrophe sind. Das Honorieren von Mördern durch die PA, die Geld bezahlt für Terrorakte, ist ungeheuerlich, aber Realität. Doch darf man nicht über solche empirischen Studien wie jene von PEW hinwegsehen, die zeigt, dass Palästinenser gerade Terrorakte mit islamistischem Hintergrund stärker ablehnen als viele das wohl vermuten. Die Mehrheit der Palästinenser lehnt die Hamas ab. Das wäre eine Meldung in deutschen Nachrichtensendungen wert. Doch auf aktuelle empirische Forschung legt man in Deutschland bezüglich Israel und dem Islamismus und Antisemitismus kaum wert, solange die Studien nicht Israel, vielmehr der Hamas schaden.

Vor diesem Hintergrund der schwindenden Zustimmung zur Hamas und zu Selbstmordattentaten in Israel ist es besonders alarmierend, wie die Rechte und extreme Rechte in Israel gegen „die“ Araber agitiert. Warum haben sie nicht spezifisch gegen die Hamas demonstriert? Warum haben sie nicht Verbündete unter den der Hamas Überdrüssigen in der Westbank gesucht, die es ganz offensichtlich mehrheitlich unter den Palästinensern dort gibt? Ja selbst im Gazastreifen gäbe es eine Mehrheit der Bevölkerung, die gegen die Hamas ist. Dann könnte man sich auch dem Antisemitismus der säkularen Palästinensern widmen, der Fatah von Abbas, siehe unten.

Am Mittwoch gab es in Jerusalem umgehend eine Demonstration von ca. 1000 Leuten, die zu „Liebe“ und Gewaltverzicht aufrufen und sich gegen antiarabischen Rassismus wenden. Am Donnerstag eine Demo in Tel Aviv. Da werden sicher auch problematische Aktivisten, die nicht unbedingt sehr pro-israelisch sind, dabei sein. Aber auch viele Zionisten, die gerade als Zionisten und Israeli Rassismus entgegen treten, so wie auch Livni es als geradezu anizionistisch zu betrachten scheint, wenn extrem rechte Israeli gegen „die“ Araber agitieren.

Die Demos in Israel sind jedoch in erste Linie ein entscheidender Unterschied zur Westbank (vom Gazastreifen zu schweigen), wo es eben keine Demonstrationen gegen die antisemitische Hetze der Hamas gibt und wo die Entführung der drei Israeli gefeiert und mit Süßigkeiten zelebriert wurde. Das haben natürlich nicht alle Palästinenser geteilt, aber von Demonstrationen, die sich gegen die Entführung und gegen das Feiern der Entführung wandten, ist nichts bekannt.

Der Unterschied ist auch, dass israelische Zeitungen wie die Yedioth Ahronoth, Jerusalem Post, Haaretz oder die Times of Israel kritisch über den antiarabischen Rassismus berichten.

Hingegen publizierte die offizielle Tageszeitung der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) Al-Hayat Al-Jadida am 3. Juli 2014 eine Karikatur, die einen orthodoxen Juden zeigt, der ein hilfloses Baby in der Hand hält und nach ihm lechzt. Ein israelischer Soldat steht mit dem Rücken zu ihm gewandt teilnahmslos da.

alhayat20140703-14

Das ist nichts als der mittelalterliche christliche Antisemitismus im palästinensischen Gewand des 21. Jahrhunderts: Israeli (=Juden) als Kindermörder.

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