Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Monat: Februar 2010

Obsessiver Komparatismus

Jüngst sind mir Texte in die Hände gefallen, welche die deutschen Verbrechen und die Shoah mit einem so guten Gewissen und sicher den besten Intentionen verharmlosen, dass eine Reflektion darüber dringend nötig ist.

Zitat von Harald Welzer, Leiter am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen:

“Tatsächlich muss man Völkermorde nicht als die Exzesse von Grausamkeit verstehen, als die sie sich uns darstellen. Im Kern geht es stets um die Formierung einer Gemeinschaft der Zugehörigen, die auf einer radikalen Definition von Nicht-Zugehörigkeit basiert. Einer Nicht-Zugehörigkeit, die durch Gewalt zugleich demonstriert wie durchgesetzt wird.”

Der Absatz geht weiter und der folgende Satz Welzers liest sich wie ein Ankündigungstext für das “Handbuch des obsessiven Komparatismus“:

“Deshalb bildete die Praxis der antijüdischen Politik in vielerlei Hinsicht das Zentrum der Entwicklungsdynamik der nationalsozialistischen Gesellschaft, ebenso wie die Gewalt in Jugoslawien definierte, wer zu wem gehörte oder in Vietnam bestimmte, wer zu den Guten und wer zu den Schlechten zählte: ‘If it’s dead and it’s Vietnamese, it’s Vietcong.'”

(Harald Welzer (2010): Unüberbrückbar ungleich. Warum Menschen zu Massenmördern werden, in: Internationale Politik, Januar/Februar 2010, S. 32-37, hier S. 33. Herausgeberin ist Sylke Tempel).

Im gleichen Heft von IP sekundiert Daniel Goldhagen Harald Welzer in einem Interview, S. 31:

“Schauen wir uns den Sudan an. Dieses Regime ermordet seine eigene Bevölkerung seit 25 Jahren; es ist verantwortlich für vermutlich die zweitlängste genozidale Unternehmung des 20. Jahrhunderts, gleich nach denen der kommunistischen Regime in China und der Sowjetunion. Zählt man die Vertreibungen mit, fielen ihrem eliminatorischen Unterfangen mehr Menschen zum Opfer als Juden durch die Hand der Nazis.”

Goldhagen verwirft ohne Not sein eigenes Konzept von den Deutschen als willige Vollstrecker, wenn er nun von den „Nazis“ redet. Darüber hinaus verharmlost er den Holocaust, wenn er ihn nur als Teil von vielen „Genoziden“ sieht, ja gar – quantitativ! – weniger schlimm einstuft als den unbestritten fürchterlichen und anhaltenden Massenmord im Sudan. Nun ist es von herausragender Dringlichkeit solche Massenmorde wie in Sudan zu stoppen, was jedoch so leicht nicht ist, da sowohl die UN als auch die NGOs und die „Menschenrechtler“ nonstop antizionistische Resolutionen oder Flugblätter schreiben.

Was weder von Welzer noch Goldhagen und der Zeitschrift Internationale Politik gesagt wird: Der Holocaust war der Zivilisationsbruch. Er war ein präzedenzloses Verbrechen, weil nie zuvor und nie danach eine ganze Gruppe von Menschen, die Juden, von einer der führenden Industrienationen vernichtet werden sollte. Goldhagen selbst hatte seinerzeit, 1996, zumindest in Ansätzen zudem die lange, jahrhundertelange, spezifische Tradition des Antisemitismus in Deutschland angesprochen. Ohne diese antijudaistische und antisemitische Tradition wäre der Holocaust nicht denkbar gewesen.

Der litauische Philosoph und Politiker Leonidas Donskis hat die Spezifik der Shoah in einem Artikel zur Kritik der „Inflation des Genozids“ 2009 analysiert:

“Ob wir es mögen oder nicht, der Holocaust war der einzige echte Genozid in der Menschheitsgeschichte. Er war einzig nicht nur wegen seines Umfangs, seiner Praxis und seiner industriellen Methoden der Vernichtung, vielmehr weil er dadurch bestimmt war die Endlösung nicht zu stoppen solange auch nur ein einziger Jude noch am Leben ist.“

Diese kritische Erkenntnis wird von Welzer auf gleichsam avantgardistische Weise abgewehrt. Welzer zieht in einem Atemzug eine Linie vom Holocaust über das Jugoslawien der 1990er Jahre hin zu dem schrecklichen Krieg der USA in Vietnam. Viel grotesker, unwissenschaftlicher und absurder kann man Auschwitz kaum klein reden. Weder die Mörder in Ex-Jugoslawien der 1990er Jahre noch die Amerikaner im Vietnamkrieg wollten ein Volk als solches und komplett vernichten. Es gab in USA keinen jahrhundertelangen oder jahrzehntelangen, gar eliminatorischen anti-Vietnamismus, analog zum Antisemitismus. Das ist lächerlich.

Mehr noch: die These von Welzer ist ein Geschichtsrevisionismus der sich offenbar wohl fühlt, aber mit Wahrheit oder wissenschaftlicher, luzider Analyse hat das nichts zu tun.

Selten wurden die deutschen Verbrecher mit besserem Gewissen als genauso schlimm wie die Amis dargestellt. Es ist eine Abwehr der spezifischen deutschen Schuld am Zivilisationsbruch. Vietnam oder Jugoslawien waren keine Zivilisationsbrüche, vielmehr schreckliche Kriege bzw. Bürgerkriege.

Doch so wie Welzer in einem Satz vom Nationalsozialismus, der Produktion von Juden zu sozial Toten und dann zu Toten in der Shoah hin zu Amerika zu springen, ist eigentlich altbekannt: Schuldprojektion nennt das die Forschung. Und es ist auch eine Schuldabwehr, wie sie Adorno vor Jahrzehnten analysierte, Anfang der 1950er Jahre, sprich: ‚die anderen sind auch nicht viel besser‘. Genau das will Welzer, der ein gutes Beispiel für heutige Mainstream-Forschung zu sein scheint, sagen. Der Holocaust wird einfach eingebettet in eine lange Liste von Völkermorden auf der ganzen Welt. Die Deutschen haben demnach die Juden, die Amerikaner die kommunistischen Vietnamesen, die Serben die muslimischen Bosnier als „nicht zugehörig“ definiert. Jede Spezifik von Auschwitz, Treblinka und Bergen-Belsen wird damit geleugnet, wenn so obsessiv Komparatismus betrieben wird.

Der Kulturwissenschaftler meint es sicher gar nicht so, aber es ist Schuldabwehr und Schuldprojektion durch ein inflationäres Reden von „Genozid“. Ich verweise auf die Analysen von Leonidas Donskis, der in seiner Kritik am Gerede von Genozid auch wissenschaftliche Unterstützung von Steven T. Katz aus USA[i] oder Yehuda Bauer aus Israel bekommt, implizit. Diese beiden Forscher haben sich wie andere auch (namentlich Dovid Katz aus Vilnius) gerade mit der Spezifik der Shoah befasst. Die internationale Forschung steht weiterhin fast am Anfang der Analyse der Spezifik der Shoah. Diese Analysen sind jedoch wichtig für die Erinnerung an den Holocaust. Der Zeitgeist ist seit längerem auf totalitarismustheoretischem Kurs, die Debatte um “Völkermord” passt da hinein. Und die Sozialpsychologie oder auch die Psychoanalyse sind hier gefragt: Warum gibt es offenbar weltweit diesen Drang den Holocaust zu vergleichen und gleich zu setzen mit Massenmorden, die gerade nicht so strukturiert waren wie der in der Shoah mündende eliminatorische Antisemitismus?

Wie würde Harald Welzer dieses von ihm selbst mit konstruierte Phänomen (Nazis=Jugoslawien=Amis/Vietnam) bezeichnen?


[i] Vorbedingungen zur Analyse der Präzedenzlosigkeit des Holocaust diskutiert Steven Katz in seinem sehr dichten Kapitel „Defining the Uniqueness of the Holocaust: Preliminary Clarifications and Disclaimers, in: Steven T. Katz (1992): Historicism, the Holocaust, and Zionism. Critical Studies in Modern Jewish Thought and History, in New York/London: New York University Press, S. 162-192.

Antisemitismus und die Prager Deklaration von Juni 2008

Das Gefährliche am Antisemitismus ist nicht zuletzt, dass er in ganz unterschiedlichem Kleide auftreten kann. Gar Gegner des antizionistischen, israelfeindlichen Antisemitismus unterstützen mitunter andere Formen des Antisemitismus, oft ohne das zu wissen oder zu wollen.

Die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Stalinismus ist eine bekannte und beliebte Form der Erinnerungsabwehr an die präzedenzlosen Verbrechen der Deutschen und ihrer Helfer in der Shoah. Umso trauriger und problematischer war die Einladung des Außenministers Litauens zum Global Forum for Combating Antisemitism in Jerusalem im Dezember 2009. Litauen ist Vorreiter der antikommunistisch und antisemitisch motivierten Verharmlosung des Holocaust und wird dafür seit Jahren von Wissenschaftlern und NGOs wie dem Simon Wiesenthal Center scharf kritisiert. Prof. Dovid Katz aus Vilnius hat zum Holocaust in den Baltischen Staaten und dem heutigen Antisemitismus in Osteuropa sowie der Prager Deklaration eine Homepage erstellt.

Ich war Mitte Dezember 2009 zum Global Forum nach Jerusalem eingeladen und habe in einer Arbeitsgruppe über den Antisemitismus der Prague Declaration gesprochen.

Dabei habe ich in meinem Statement die Kritik an der israelischen Regierung, wie sie von vielen Teilnehmern bereits im Vorfeld und dann während der Konferenz deutlich wurde, aufgegriffen. Am zweiten Tag der Konferenz erschien eine Kritik des in Israel sehr bekannten und einflussreichen Isi Leibler, der dezidiert festhielt, dass eine Einladung Israels an den Außenminister eines Staates wie Litauen, welcher bis heute Massenmörder, welche den Holocaust in Litauen vollstreckten, deckt und nicht zur Rechenschaft zieht, die antisemitische Holocaust Verharmlosung durch die Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Sowjetunion propagiert sowie gar ehemalige jüdische Partisaninnen und Partisanen der “Kriegsverbrechen” anklagt, einfach “unakzeptabel ist”:

“It is therefore truly incomprehensible that Lithuanian Foreign Minister Vygaudas Usackas was invited to participate in the opening session of this week’s conference. Regrettably, realpolitik may demand that Israel occasionally cooperate with some odious governments which failed to prosecute those of their citizens who collaborated with the Nazi extermination of their Jewish populations. But inviting the foreign minister of a government which failed to prosecute its own war criminals and is a world leader in seeking to obfuscate the Holocaust by bracketing Nazi genocidal policies with Stalinist crimes to participate in an Israeli government-sponsored conference on anti-Semitism is surely unacceptable.”

Es ist leider zumal in gewissen pro-israelischen oder anti-Islamische-Republik-Iran Zirkeln üblich geworden, gewisse Formen des Antisemitismus einfach zu übersehen, zu ignorieren oder klein zu reden. Dabei ist die Erinnerung an die Shoah die Basis jeden Kampfes gegen Antisemitismus in unserer Welt. Auch die Kritik an der Einladung einer Hauptprotagonistin der Prager Deklaration, Jana Hybaskova, zu einer kritischen Irankonferenz nach Berlin, war deshalb notwendig. Der  Kampf gegen Islamismus und Antisemitismus sowie gegen die Diktatur der Mullahs in Iran ist von herausragender Bedeutung. Doch dabei ist es sicherlich nicht nötig, problematische Referentinnen einzuladen, welche eine andere Form des Antisemitismus propagieren, und das mit Erfolg auf gesamteuropäischer Ebene.

Antikommunismus und sekundärer Antisemitismus sind in Europa wenigstens so Mainstream wie antizionistischer Antisemitismus. Während der Antizionismus wenigstens von Teilen der politischen Öffentlichkeit kritisiert wird, ist die öffentliche Kritik am Holocaust verharmlosenden Antisemitismus (die Kritik an der “Holocaust Obfuscation Movement”, um Dovid Katz zu zitieren) so gut wie inexistent. Dabei ist international die Kritik an dieser ebenso neuen Form des Antisemitismus sehr wohl hörbar, wie die Beispiele Simon Wiesenthal Center, bekannte Politiker wie John Mann aus England (der Dovid Katz, mich und andere Kritiker der Prague Declaration in erwähnter Arbeitsgruppe lautstark unterstützte, während der Chairman Andy Baker vom American Jewish Committee zu dieser Form von Antisemitismus einfach schwieg), oder Wissenschaftler wie Efraim Zuroff oder Yehuda Bauer zeigen.

Die verschiedenen Formen von Antisemitismus müssen gleichermaßen attackiert werden.

Im Oktober 2009 habe ich an der University of West Bohemia in Pilsen zum Thema Prague Declaration and Antisemitism vorgetragen.

Am 31.01.2010 gab es nun eine Podiumsdiskussion in der Jüdischen Volkshochschule Berlin über “Antisemitismus in Osteuropa heute”. Das folgende Paper habe ich dort verteilt, als Teil meiner kurzen Präsentation.

Handout von Clemens Heni für die Veranstaltung Antisemitismus in Osteuropa heute, Jüdisches Gemeindehaus, Fasanenstraße, Berlin, 31.01.2010, Podiumsdiskussion mit Karl Pfeifer (spricht über Ungarn), Sonja A. Petner (spricht über Polen), Dr. Clemens Heni (spricht über Litauen und Tschechien),

Moderation Dr. Elvira Grözinger


Antisemitismus und die Prager Deklaration von Juni 2008

  • Die Ratsvorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), die Hannoveraner Landesbischöfin Margot Käßmann sagte am 24.12.2009 in einem Interview, selbst der Kampf der Alliierten gegen den Nationalsozialismus sei kein „gerechter Krieg“ gewesen. In einem Land wie Deutschland führt so etwas keineswegs zu Rücktrittsforderungen
  • Wahr ist hingegen: der Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland war gerecht. Ohne den heroischen Kampf der Roten Armee der Sowjetunion wäre ganz Osteuropa heute inexistent. Der Holocaust wäre nicht beendet worden, sondern auch die wenigen Überlebenden wären von den Deutschen noch ermordet worden
  • Das soll alles weggewischt und vernebelt werden, indem eine große europäische Bewegung versucht, den 23. August 1939 zu einem einheitlichen europäischen Gedenktag zu machen – den Tag an welchem der Hitler-Stalin Pakt geschlossen wurde
  • Die Prager Deklaration von Juni 2008 steht dafür sinnbildlich. Auch eine deutsche Variante existiert und nennt sich 23august1939.de
  • Die Gleichsetzung von Stalin und Hitler respektive der Sowjetunion und des Nationalsozialismus ist ein antisemitisches Projekt: es leugnet das Präzedenzlose der Shoah mit seinen sechs Millionen ermordeten Juden
  • Die Shoah war ein gezieltes, geplantes und gewolltes Verbrechen, jeder einzelne Jude, den die Deutschen finden konnten, sollte ermordet werden
  • Kein anderes Verbrechen in der Geschichte der Menschheit hat diese eliminatorische Dimension
  • Zumal die Verbrechen der Sowjetunion waren politisch motiviert, um bestimmte Ziele der Parteiführung bzw. des Regimes durch zu setzen. Zu keinem Zeitpunkt und an keinem Ort sollte ein bestimmtes Volk als solches ermordet werden
  • Die Verwischung dieser historischen Tatsachen durch die Prager Deklaration aber auch durch deutsche Äquivalente wie die Initiative 23. August 1939, welche von vielen sehr einflussreichen und prominenten Deutschen unterzeichnet wurde, fördert die antisemitische Erinnerungsabwehr an das Spezifische des Holocaust
  • Die politische Kultur zumal Litauens ist ohnehin durch Antisemitismus geprägt (siehe Quellen; es wurde den Teilnehmenden ein Papier u.a. mit antisemitischen Beispielen aus Litauen verteilt, d.V.) – es werden gar drei ehemalige jüdische Partisanen, zwei Frauen und ein Mann, der „Kriegsverbrechen“ beschuldigt, darunter der ehemalige Leiter der Gedenkstätte Yad Vashem Yitzhak Arad
  • Aus taktischen Gründen wird seit vielen Jahren versucht, das antikommunistisch und antisemitisch motivierte Propagieren eines Gedenktages 23. August harmloser wirken zu lassen, weshalb die Konferenz auch in Prag stattfand, einem eher westlich orientierten Staat des ehemaligen Ostblocks
  • In Litauen wurden 95% der Juden in der Shoah ermordet, prozentual so viele wie in keinem anderen Land
  • Bis heute wurden dort lächerliche drei Mörder vor Gericht gestellt, kein einziger musste eine Haftstrafe antreten

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