Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Monat: Januar 2010

Mitgliedsnummer 1884319

Mitgliedsnummer 1884319

Dieser Artikel erschien zuerst auf Achse des Guten.

In einem Interview mit der Berliner Zeitung sagt Wolfgang Benz am 25.01.2010:

„Mein Doktorvater war als junger Mensch offensichtlich in der NSDAP. Als er 1947 habilitierte und wenig später einen Lehrstuhl bekam und mich 1965 als Doktorand annahm, da war er nun wirklich kein Nazi, sondern ein hochangesehener liberaler Gelehrter. Und wenn jetzt irgendein Dummkopf auf die Idee kommt, ich hätte bei einem Nazi studiert und NS-Gedankengut aufgeschnappt, dann ist das einfach nur perfide.“

Nun, Benz fantasiert wenn er insinuiert, es sei gesagt worden, er selbst habe „NS-Gedankengut aufgeschnappt“. Das hat bislang niemand behauptet. Das Interview in der BZ zeigt jedenfalls klar, dass Benz bis heute kein Problem mit Karl Bosl hat, ja das Wort „offensichtlich“ scheint geradezu anzuzeigen, dass Benz überhaupt keine Ahnung über die intensive Nazi Vergangenheit seines eigenen verehrten Doktorvaters hat. Benz beschimpft mich als „irgendein[en] Dummkopf“. Eine souveräne, seriöse Reaktion auf wissenschaftliche Kritik hört sich anders an.

Wer war Karl Bosl (1908-1993)? Noch 1990 in einem langen Interview, sagte er „Ich war nirgends dabei, damals“. Diese Lüge ist offenbar, trug er doch die NSDAP Mitgliedsnummer 1884319, wie die Historikerin Anne Christine Nagel 2005 in ihrer Habilitationsschrift schreibt. Benz sollte also zugeben, dass sein Doktorvater gelogen hat. Das ist Punkt eins.

Punkt zwei geht weit darüber hinaus: Bosl war nicht nur Mitglied der NSDAP, vielmehr auch der SA, sowie des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB), später, 1938, bewarb sich Bosl beim berüchtigten Ahnenerbe der SS und dessen Projekt „Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte“.

Bosl wurde mit ca. 100 Reichsmark monatlich (so die Durchschnittsbezahlung) von der SS bezahlt, nachdem der Sicherheitsdienst (SD) ihn für einen guten und im Sinne des Nationalsozialismus forschenden Historiker eingestuft hatte. Der Historiker Bernd-A. Rusinek publizierte zu Bosl im Jahr 2000 und kritisierte die ‚Treue‘ Bosls zu Hitler und dem Nationalsozialismus, weil der damals 36jährige Karl Bosl noch am 16. und 17. Januar 1945 im Geburtshaus des „Führer“ in Braunau am Inn an einer Tagung von Historikern teilnahm.

Sich mit diesen Fakten gerade als Leiter eines Zentrums für Antisemitismusforschung über die Jahrzehnte hinweg nicht zu befassen, indiziert ein Versagen.

Bosl promovierte und habilitierte bei Karl Alexander von Müller, und rühmte sich dessen in einem Brief an die SS im Jahr 1942. In der Tat: Von Müller war nicht nur gut bekannt mit Hitler seit den frühen 1920er Jahren, sowie aktiv im direkten Umfeld des Hitler-Putsches vom 9. November 1923 (er war ein Freund von Theodor von der Pfordten), er protegierte in der Weimarer Republik auch antisemitische Akademiker wie Walter Frank, der 1927 bei von Müller über den antisemitischen Hofprediger Adolf Stoecker promovierte.

Am 19. November 1936 eröffnete Frank die „Forschungsabteilung Judenfrage des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands“ an der Universität in München, von Müller hielt eine Ansprache und lobte einen „wissenschaftlichen Wettbewerb“ zu der Frage „die Geschichte des Hofjuden-Systems“ aus. Dieses Institut trug auf seine Weise zum späteren Holocaust bei. Ungefähr zu dieser Zeit, Ende 1936, wurde Karl Bosl Doktorand bei Karl Alexander von Müller, bei dem er wenig später promovierte (mündliche Prüfung am 23. Juni 1938). 1964 gab Bosl eine mit enthusiastischen Dankesworten gespickte Festschrift zum 80. Geburtstag für von Müller am 20. Dezember 1962 heraus. Seilschaften nennt man das.

Punkt drei: Am 12. Mai 1964 sprach Karl Bosl in Nürnberg im Rahmen des „Sudetendeutschen Tages“ über „Nürnberg – Böhmen – Prag“ und beschuldigte die Tschechoslowakei einer „radikalen Endlösung des deutschen ‚Problems‘ nach hitlerschem Modell“. Dieser Vortrag wurde vor dem damals vom Bundesministerium des Innern als rechtsextrem eingestuften „Witikobund“ gehalten und auch im Eigenverlag des Witikobundes e.V. gedruckt. 1965 wurde Wolfgang Benz Doktorand bei Karl Bosl und ehrte seinen Doktorvater sowohl 1983 als Teil einer umfangreichen Tabula Gratulatoria, als auch 1988 in einer zweibändigen Festschrift mit einem Beitrag.

Die drei erwähnten Gesichtspunkte zeigen Folgendes: Spätestens als die Geschichtswissenschaft anfing, sich intensiver mit den Biografien deutscher Historiker im Nationalsozialismus zu befassen, wie auf dem Historikertag 1998, hätte auch Benz anfangen müssen, seinen eigenen Doktorvater zu hinterfragen. Was hat Benz zwischen 1965 und 2010 bezüglich Karl Bosl erforscht, wo doch bis in die jüngste Vergangenheit Veranstaltungsplakate in ihren kurzen Ankündigungstexten damit werben, Benz habe 1968 bei Karl Bosl promoviert, so als sei das eine besonders erwähnenswerte Leistung?

Karl Bosl war im Alter von 24 bis 36 aktiver und engagierter Nationalsozialist. Bis zu seinem Tode hat er das verleugnet. Benz spricht davon, Bosl sei als „junger Mensch“ NSDAP Mitglied gewesen. Das ist eine Falschaussage. Als „jung“ gilt gemeinhin ein Mensch bis zum Alter von 21 Jahren. Doch im Alter von 36 Jahren NSDAP-, SA- und NSLB- Mitglied zu sein, sowie kurz zuvor in einem Projekt der SS mitgearbeitet zu haben und im Geburtshaus des Führer eine akademische Tagung mitmachen, wenige Tage bevor die Rote Armee Auschwitz befreite, ist Beweis genug, zu sagen, dass Karl Bosl ein völlig überzeugter und aktiver Nationalsozialist war bis 1945, wenigstens.

Wie „liberal“ (so Benz) war Karl Bosl in den 1960er Jahren, wenn wir uns seine Aktivitäten im rechtsextremen und antisemitischen Witikobund dieser Zeit näher anschauen? Die Rede von einer „Endlösung“ des „deutschen Problems“ von Bosl im Jahr 1964 ist typisches Muster der Schuldprojektion: die wirkliche „Endlösung“, die Shoah, wird auf die Opfer, hier auf die von den Deutschen annektierte Tschechoslowakei, übertragen und den Opfern die gleichen Methoden der Vernichtung von Menschen vorgeworfen wie Hitler. Das ist eine Schuldprojektion und Schuldabwehr, beides typische Muster des sogenannten „sekundären Antisemitismus“, eigentlich ein Aufgabenfeld des ZfA mithin. Benz schweigt.

Benz sieht sich selbst als Opfer von „Hass“, ein Indiz, dass er mit Kritik nicht angemessen, selbstkritisch oder wissenschaftlich umgehen kann. Mittlerweile wird Benz auch von bekannten Kollegen wie den deutsch-jüdischen Historikern Prof. Julius H. Schoeps vom Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam oder Prof. Michael Wolffsohn von der Universität der Bundeswehr in München in Frage gestellt. Schoeps wirft er vor, dieser könne nicht richtig lesen.

Ich frage mich, was die wissenschaftlichen Angestellten, Assistenten, Projektmitarbeiter und Kollegen am ZfA wissenschaftlich tagtäglich tun. Offenbar haben weder Bergmann, noch Wetzel, Königseder, Widmann, Mihok, Kohlstruck, Baganz, Körte, Schooman oder Haar je mit Benz über dessen Nazi Doktorvater gesprochen. Dabei wurden doch auch im geschichtswissenschaftlichen Mainstream, dem Internet-Portal H-Soz-Kult, längst kritische Fragen zu Bosl gestellt. So wunderte sich die Historikerin Adelheid von Saldern im Jahr 1999 in einem Interview, warum denn niemand kritisch nachforsche, was Karl Bosl  im NS gemacht hat, es sei zumindest sehr auffällig und verdächtig, dass Bosl im Jahr 1964 die erwähnte Festschrift für Karl Alexander von Müller herausgab. Darüber hinaus hat auch der Historiker Rusinek auf H-Soz-Kult im Jahr 2003 in einer Rezension gefragt, warum in einem Personenlexikon zum Nationalsozialismus der Name Karl Bosl immer noch fehle. Alles Hinweise, sich mit diesem Mann näher zu befassen, doch das ZfA versagt auch an diesem Punkt, obwohl es doch jüngst erst ein Handbuch des Antisemitismus, Band 2 Personen, publiziert hat.

Offenbar beleidigt Benz lieber Kritiker als „Dummkopf“, anstatt sich mit der Geschichte des Antisemitismus, Nazismus und Rechtsextremismus seines eigenen, „verehrten“ Doktorvaters Karl Bosl zu befassen.

Dr. phil. Clemens Heni ist Politikwissenschaftler und Autor. Zuletzt publizierte er das Buch „Antisemitismus und Deutschland. Vorstudien zur Ideologiekritik einer innigen Beziehung“

The ‘Anti-Semitism Expert’ and His Nazi Mentor

Original on pjmedia, January 26, 2010

In December 2008, Berlin’s influential Center for the Study of Anti-Semitism came in for sharp criticism for holding a conference titled “Conceptions of the Muslim as Enemy — Conceptions of the Jew as Enemy.” Critics accused the center and its director, Wolfgang Benz, of equating contemporary “Islamophobia” with historical anti-Semitism.

In response, Benz would insist that he had never proposed any such equivalence. But, as detailed in my Pajamas Media report here, the wording of Benz’s preface to the 2008 edition of the Center’s yearbook makes clear that he was doing literally and precisely that. For Benz, “Islamophobia” was, in effect, the newest form of the “oldest hatred.” In the meanwhile, Benz has continued to defend his analysis. Thus, earlier this month, he published a new article in Germany’s Sueddeutsche Zeitung on the alleged “parallels” between “Anti-Semites and the Enemies of Islam.”

Now, the German political scientist Clemens Heni has called attention to research revealing that Benz’s dissertation director, the historian Karl Bosl, was a committed Nazi who as late as January 1945 participated in a conference held at the birthplace of Adolf Hitler in the Austrian town of Braunau am Inn. Moreover, Bosl’s own intellectual mentor, Karl Alexander von Müller, was not only a Nazi, but indeed a personal acquaintance of Hitler and the brother-in-law of none other than Gottfried Feder: one of the founders and chief ideologues of what would become the National Socialist party.

John Rosenthal

The Bavarian historian Karl Bosl (1908-1993) is still honored in Germany today. Bosl is honored in Germany even though he was a member of the National Socialist party, as well as of other Nazi organizations like the paramilitary SA and the National Socialist Teachers Association, and despite the fact that he collaborated with the SS’s infamous research institute, the “Ahnenerbe.”

Thus, on November 11, 2008, a “Prof.-Dr.-Karl Bosl Square” was dedicated in the Bavarian town of Cham. On July 6, 2009, the Bavarian Philologists Association for the first time awarded its new “Karl-Bosl-Medal.” One of those to honor Bosl is Wolfgang Benz, the director of the Center for the Study of Anti-Semitism (ZfA) at the Technical University in Berlin. As the publicity materials for a November 2009 lecture by Benz remind us, Benz wrote his doctoral thesis under Bosl’s direction. He defended the thesis in 1968. Twenty years later, in 1988, Benz contributed an essay to a Festschrift published in Bosl’s honor on the occasion of the latter’s eightieth birthday.

Is Karl Bosl a respectable German scholar who merits the high esteem in which he appears to be held by his student Wolfgang Benz? Let us consider some of the details of Bosl’s career in the Third Reich.

In an essay that was published in the year 2000, the historian Bernd-A. Rusinek notes that in 1938 Bosl submitted an application to participate in a project sponsored by the SS’s “German Ancestral Heritage Society” or “Ahnenerbe.” The “Ahnenerbe” was, in effect, the “research” arm of the SS, devoted to providing a pseudo-scientific foundation to the Nazis’ myth of “Aryan” superiority. The project for which Bosl applied was titled “Forest and Tree in Aryan-Germanic Spiritual and Cultural History.” Bosl’s application was accepted. According to Rusinek, Bosl was one of several “National Socialist hardliners” to participate in the SS project.

In January 1945, Bosl participated in what Rusinek has called “presumably the last historians conference of the ‘Third Reich.’” “The conference … took place on the 16th and 17th [of January] in Braunau am Inn,” Rusinek writes, “in the very house in which the ‘Führer’ was born.” Rusinek concludes: “As judged by Bosl’s own statements, by the assessment of the SD [the SS intelligence service or “Sicherheitsdienst”], as well as by his activities, everything points to the fact that he was a convinced National Socialist all the way up till Spring 1945.”

In an interview that was conducted in 1990, Bosl was asked about the Nazi period. In response, he went so far as to present himself as part of the resistance. He kept silent about his membership in the Nazi party and the other Nazi organizations and he said nothing about his collaboration in the project sponsored by the SS-Ahnenerbe. “In fact, I passed these formative years quietly,” Bosl said,

I withdrew into myself, since I had been very strongly influenced by the anti-Hitler attitude of my parents. And I worked on my doctoral thesis. I was not around anywhere in those years. I worked on my doctoral thesis. And then, in 1938, I obtained my doctorate and, as that went very well, I immediately decided to ask Karl Alexander von Müller to direct my habilitation.

The “habilitation” is the highest qualification that can be obtained in the German academic system. Bosl proudly refers to his association with Karl Alexander von Müller. As it so happens, von Müller was a highly influential academic at the time — and a National Socialist. He had been a personal acquaintance of Hitler since the early 1920s and he was the brother-in-law of Gottfried Feder, one of the early ideologues of the Nazi movement.

In her 2005 study “Im Schatten des Dritten Reichs,” the historian Anne Christine Nagel writes about Bosl:

Bosl joined the NSDAP [the Nazi party] in 1933 and he joined the SA at the same time. In 1934, he added membership in the NSLB [the National Socialist Teachers Association]. …Contrary to his self-representation, Bosl did anything but take his distance from the regime after the Nazis’ seizure of power. As a member of the party from the very first hours [of the Nazi regime] … and as the director of various seminars on questions of national politics, he was notably active in militating for the goals of National Socialism. …For years, he played a leading role in the National Socialist Teachers Association.

Wolfgang Benz is one of Germany’s best known historians of National Socialism and a frequent commentator in the German media on Germany’s troubled relation to its Nazi past. But it would seem that for over forty years, he himself kept silent about the Nazi career of his dissertation director Karl Bosl.

Today, Benz minimizes the danger of Islamic anti-Semitism and of Islamic jihad as such. He has even gone so far as to equate anti-Semitism and “Islamophobia.” He thus not only displays a completely false assessment of the contemporary political situation. He also relativizes the singularity of the Nazis’ mass murder of European Jews and implicitly encourages a new form of historical revisionism.

How seriously can one take an “anti-Semitism expert” and director of the Center for the Study of Anti-Semitism who commemorates the history of Nazi anti-Semitism, but whose memory fails as soon as it is a matter of his own personal history?

The above article is adapted from an article that first appeared in German. The English translation is by John Rosenthal.

 

Gegen den “Völkerbrei”: Jürgen Elsässer und die Sprache des Nationalsozialismus

Einer, der früher einmal irgendwie ‘links’ und Konkret-Redakteur war, Jürgen Elsässer, ist seit einiger Zeit geistig abgedriftet, um es ganz harmlos zu formulieren. Er schmiegt sich mittlerweile der Ideologie und Sprache des Nationalsozialismus sowie des heutigen Rechtsextremismus an, was sich an der Verwendung des Wortes “Völkerbrei” zeigt:

“Die Frage nach den islamischen Minderheiten in den europäischen Staaten muss in einem universellen Kontext beantwortet werden, so dass sie von Christen, Moslems, Juden, Hindus etc. verstanden wird: Es geht um die Frage generell nach dem Status von Minderheiten in Nationalstaaten, also auch etwa der christlichen in den moslemischen Ländern. Die Antwort der Globalisten besteht darin, weltweit einen Völkerbrei zu erzeugen, der so unstrukturiert ist, dass sich kein Widerstand gegen ihre Herrschaft mehr organisieren läßt.”

Wie Elsässer ist übrigens auch der neu-rechte Vordenker, Henning Eichberg, ein Freund des politischen Islam und ein Feind des Universalismus oder „der Globalisten“.

Vor diesem Hintergrund ist mir eine Stelle in meiner Dissertation eingefallen, welche sich mit dieser völkischen, antiuniversalistischen Ideologie befasst:

Aus dem Kapitel »Volkstum« statt Aufklärung und Gleichheit

Aus: Clemens Heni (2007): Salonfähigkeit der Neuen Rechten. ‚Nationale Identität‘, Antisemitismus und Antiamerikanismus in der politischen Kultur der Bundesrepublik Deutschland 1970 – 2005: Henning Eichberg als Exempel, Marburg: Tectum Verlag, S. 248-249

…“Der Erfolg der Black Power Bewegung im Aufsprengen rassistischer Gesetze, Verordnungen und alltäglicher Diskriminierungen in den USA, dieser allmähliche Erfolg einer Gleichstellungs-Politik wird hierbei zurückgewiesen. Ein Schwarzer soll nicht sein ›Volkstum‹ verraten, nicht pünktlich zur Arbeit erscheinen, nicht einen teuren schönen Anzug kaufen und Abteilungsleiter z. B. einer Versicherungsgesellschaft werden können. Das ist Ehrhardts und Eichbergs Duktus und Intention unisono. Bei Eichberg heißt es:

»Die Indianer zeigen in der Regel ein Leistungsverhalten und ein Verhältnis zur Zeit, das von dem der Europäer verschieden ist und von diesen nicht verstanden wird. Während andere Völker (Afroamerikaner, Chinesen, Japaner) sich aus eigenen kulturellen Voraussetzungen heraus den europäischen Normen von ›Präzision‹, ›Pünktlichkeit‹, ›Konkurrenz‹ und ›Leistung‹ annäherten, verweigerten die Indianer bis heute überwiegend diese Assimilation.«1023

In völkischer Tradition, aber unter Umgehung jener allzu deutlichen Chiffre, spricht er hier von »Widerstand gegen die Politik des ›Schmelztiegels‹«1024, früher, 1933, hieß das:

»Aber aufgebaut war dieses Römische Reich, soweit der Mensch in Frage kommt, auf einem Völkerbrei.«1025

In Eichbergs rhetorischer Mimikry mischt sich ein traditionell deutscher, anti-römischer Affekt, ein zudem ethnopluralistisch gespeister, völkischer Antiuniversalismus mit einer projektiven, sekundär-antisemitischen Tirade auf die Befreier vom Nationalsozialismus, namentlich die USA und die Sowjetunion, wobei Frankreich als Symbol für Aufklärung und Gleichheit sowie England mit seinem ›common law‹ ebenso abgewehrt werden (vgl. unten). Es liegt hier eine Koinzidenz z. B. mit Kurt Hübner, einem akademischen Mythosforscher in der BRD vor, der 1991 schrieb:

»Die Frage ist aber: welche übergeordnete Idee kann dann noch Europa jene Bindekräfte vermitteln, ohne die es als ein Ganzes gar nicht dauerhaft existieren vermag? Ohne eine solche Idee aber bedeutet es eigentlich gar nichts mehr. Es ließe sich nicht auf eine bestimmte Weise aus der übrigen Welt ausgrenzen und könnte daher beliebig auf die ganze Welt ausgedehnt werden. Ferner: Die kulturelle Vermischung hätte nur zur Folge, daß keines ihrer Elemente noch zur vollen Selbstentfaltung käme, wenn sie nicht schließlich überhaupt alle darin wie in einem schalen Brei verschwänden. Die Menschen verlören so ihre Identität«.1026

Das Absondern von als homogen imaginierten ›Volksgruppen‹ hat nicht nur einen rassistischen Impetus im Sich-Selbst-Überlassen von Armen und Ärmsten in der südlichen Hemisphäre, sondern neben der von Hübner propagierten europäischen auch eine innenpolitische, politischkulturelle Dimension: indem Eichberg Juden von Deutschen, er spricht »von älteren wandernden oder verstreuten Minderheiten (Zigeuner, Lappen, Juden)«1027, ›Indianer‹ von Amerikanern, ›Ausländer‹ von Europa und Iren vom ›common law‹ trennt, leistet er auch der antisemitischen Verschwörungstheorie einer (beabsichtigten) ›Durchmischung‹ der ›weißen Welt‹, einer Entdeutschung Deutschlands Vorschub. Eichberg spricht in seinem Schulbuch von »Überfremdung«1028, ja er proklamiert sogar in einer Überschrift »Widerstand gegen die ›Überfremdung‹«.1029 Er weist die SchülerInnen auf die rechtsextreme Schweizer »›Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat‹« als Mittel gegen Arbeitsmigration hin und diffamiert dabei sowohl die »Gewerkschaften«, böse »Unternehmerverbände « als auch die »Parteien« als Anwerber der ›Ausländer‹.1030 Er spielt an dieser Stelle – diesmal über den kleinen Umweg Schweiz – wiederum die rassistische Karte aus. Andere Freunde Deutschlands vertreten dasselbe Ideologem:

»Überfremdung, so der Freundeskreis Freiheit für Deutschland, solle ›die Waffe sein, mit der die weiße Rasse entmachtet‹ wird. Eine derartige Annahme ist nur verstehbar, wenn man sie als Ausdruck einer Kausalitätsvorstellung interpretiert, die zum festen Bestandteil des Neonazismus gehört. Man glaubt nämlich, daß die Rassenvermischung – verstanden als die Ursache des Übels und als eine Verletzung der zu diesem häufig beschworenen Natur- bzw. Rassegesetze – die Kräfte eines Volkes mindere, es verfalle und werde zu einem Menschenbrei. Dieser Rassen- oder Menschenbrei sei dann – das ist die ideologiekonform gedeutete Wirkung bzw. Konsequenz im kausalen Denken der Neonazis – leichter regierbar, er würde sich umstandslos fügen und sei, wie die Schriftleitung der Zeitschrift Wikinger glaubt, ›instinktlos und mit ›Brot und Spielen‹ leicht zu beherrschen.«1031 [1023]


[1023] Henning Eichberg (1979): Minderheit und Mehrheit, Braunschweig (Georg Westermann; westermann-colleg. Zeit+Gesellschaft, H. 1), S. 96.

1024 Ebd.: 106.

1025 So der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft von 1933, Rudolf Walther Darré, zitiert nach Cornelia Schmitz-Berning (1964)/1998: Vokabular des Nationalsozialismus, Berlin/New York (Walter de Gruyter), S. 645. Zu Darré vgl. die interessante Dissertation von Anna Bramwell (1985): Blood and Soil. Richard Walther Darré and Hitler’s›Green Party‹, Abbotsbrook (The Kensal Press).

1026 Kurt Hübner (1991): Das Nationale. Verdrängtes Unvermeidliches Erstrebenswertes, Graz/Wien/Köln (Styria), S. 305.

1027 Eichberg 1979: 79.

1028 Ebd.: 83.

1029 Ebd.

1030 Ebd.

1031 Bernhard Pörksen (2000): Die Konstruktion von Feindbildern. Zum Sprachgebrauch in neonazistischen Medien, Wiesbaden (Westdeutscher Verlag), S. 126.

Barry Rubin fails to address Lithuania’s hunt against Jewish anti-Nazi partisans

On human suffering

In addition to my own article on Barry Rubin, published on this page yesterday, I am posting a letter, written by Dr. Shimon Samuels, Director for International Relations, Simon Wiesenthal Center Paris

Jerusalem Post Letter Jan 3, 2010

On human suffering

Sir, – Barry Rubin’s reply to Efraim Zuroff on Central European
suffering (“Our suffering should be the basis for cooperation, not
competition,” December 30) misses the egregious intent of a
predominantly Baltic campaign to superimpose communist crimes over
Holocaust memory.

Their 2008 “Prague Declaration” is an instrument, in the European
Parliament, to scrap Holocaust Commemoration Day – officially marked
by the UN and many EU states on the date of the Auschwitz liberation,
January 27. It is to be replaced by an all-purpose totalitarian
victims’ day on the Soviet-Nazi Molotov-Ribbentrop accord date of
August 23.

A similar World Anti-Racism Day not only diluted the grievances of
most targets of hate but, in Durban, allowed for its hijacking by
racists and extremists. Had the Holocaust/Stalinist equivalency been
transparently discussed in mutual respect between the respective
parties, Rubin’s viewpoints may have had broader acceptance.

Sadly, his praise of the Vilnius Occupation and Riga Genocide museums
is off-beam. Their displays iconize anti-Bolshevik nationalist heroes,
who happened to be Nazi death squad auxiliaries. The Jewish Holocaust
is deafeningly silent in their absence.

Rubin also fails to address Lithuania’s witch hunt against Jewish
anti-Nazi partisans, for ostensible “war crimes” against those very
auxiliaries. Zuroff’s briefs for war criminal investigations were
scorned in Vilnius. Likewise, President Adamkus, in a 2008 meeting
with us, never delivered on his commitment to void the charges against
the partisans – i.e., Yad Vashem founder Yitzhak Arad and three women
in their late 80s.

The Simon Wiesenthal Center works with many victim groups, among which
there is no pecking order of suffering. The lessons of the Holocaust
are honored as a yardstick in a never-ending chain of inhumanity. The
memory of each is acknowledged for its own validity. Communist crimes
must be approached accordingly, not as a replacement ideology.

DR. SHIMON SAMUELS
Director for International Relations, Simon Wiesenthal Center
Paris

The Prague Declaration: Antisemitism with a democratic face…

The Prague Declaration: Antisemitism with a democratic face. . .

by Dr. Clemens Heni

We are facing two substantial antisemitic movements today. Anti-Zionist action and propaganda against Israel from one side, and a rewriting of the history of the Holocaust from the other. The latter has been named the “Holocaust Obfuscation movement” by Yiddish Professor Dovid Katz, Vilnius.

I was recently invited to Jerusalem to take part in the Global Forum for Combating Antisemitism, and spoke at the workshop on “Nationalist Trends in Central and Eastern Europe and in the CIS: New Challenges Facing the Jewish Communities”. My topic was the Prague Declaration. As Efraim Zuroff pointed out in the JPost (23 Dec), the Global Forum was very controversial this year because it invited as opening session guest speaker the foreign minister of a leading country in the Holocaust Obfuscation movement — Lithuania. Barry Rubin, who has written many insightful and frankly vital articles and books on the Middle East, the Arab World, and Israel, argued against Zuroff in the East European arena with some truly remarkable statements: “One important element here is teaching about the costs and crimes of Communism in Western schools as well as the depredations of Nazism.” Well, “depredations”? Is this an adequate word for the unprecedented crimes of the Shoah? No, it is not. It obfuscates the Holocaust and I will explain why. Rubin does not mention the Prague Declaration, though the condemnation of this declaration is central to Zuroff’s article.

The Prague Declaration was adopted on 3 June 2008 at the Senate of the Parliament of the Czech Republic, organized by politicians Jana Hybaskova and Martin Mejstrik. The declaration wants to “recognize Communism and Nazism as a common legacy” and “calls for” an understanding that both engaged in “exterminating and deporting whole nations”. It therefore calls for a “Nuremburg Trial” for Communism as well, and particularly for the “establishment of 23rd August, the day of signing of the Hitler-Stalin Pact” as a “day of remembrance of the victims of both Nazi and Communist” regimes, and – literally! – “in the same way remembers the victims of the Holocaust on January 27th”.

This is the new fashionable form of anti-Semitism. Why?

Well, direct Holocaust Denial has never been really mainstream, because it is too simple even for some Neo-Nazi circles or the New Right. Also NSDAP member and German philosopher Martin Heidegger was present at the inception of this movement of new anti-Semitism and Holocaust Obfuscation, or soft-core denial, as I put it. In 1949 he compared “agriculture”, which had become in his view a “motorized nutritional industry”, with the “production of corpses in gas chambers”. This led to post-structural theory which accuses modernity itself of being fascist or National Socialist or nothing other than a democratic form of concentration camps. Fashionable Italian philosopher Giorgio Agamben has therefore claimed that the Jews in Nazi concentration camps had a better life than detainees in Guantanamo Bay!

Other forms of Holocaust Obfuscation appeared, and Germany is the core playground here. Since the publication of the French “Black Book of Communism” in 1997 (German edition a year later, and 1999 the English edition, by Harvard UPress) it has again become fashionable to ignore the following simple fact:

There have been people who established concentration and extermination camps during World War II: The Germans (with the help sometimes of friends). And there have been people who liberated those camps in the East: the Soviet Red Army, who liberated Auschwitz on 27 January 1945.

John Mann, the UK MP who head the cross-party group against anti-Semitism, put it in similar words at the above mentioned working group at the Global Forum.

The Soviet Union never tried to exterminate a nation or a people. The expulsion of some people, for example from the Baltics, was a crime, but incomparable to any Nazi Germany action. The Soviet Union committed crimes for political purposes, mostly to gain power. National Socialism had the intention to exterminate the Jewish people for no purpose. The killing of the Jews was the aim of the Germans. No political, economic, military etc. idea behind this. This senseless killing was an unprecedented crime in human history. The Germans looked for every single Jew in Greece, Yugoslavia, Poland, Germany, Latvia, Lithuania, the Soviet Union, Hungary, and all other countries they reached. They wanted to kill every single Jew.

The Soviet Union started as a promising idea in 1917, to get rid of the aristocratic, anti-democratic, and also anti-Jewish Czarist Russia, which had expelled part of their own Jewish population during World War I, and some 100,000 Jews died as a result. From 1917 until 1921 approximately 60,000 Jews were killed by anti-Bolshevik troops during 1236 pogroms, mostly in Ukraine and Southern Russia, according to Holocaust survivor and German historian Arno Lustiger, who wrote one of the most insightful books on “Stalin and the Jews”. There was even a flourishing Jewish and Yiddish culture in the 1920s in the Soviet Union. However, the fight against anti-Semitism, which was part of Lenin’s struggle, was not central to most Soviet leaders. Stalin became more and more anti-Jewish, especially at the end of his life. And Soviet anti-Semitism respective anti-Zionism is a horrible story, a tragic one, too.

But without the help of the Red Army, many more Jews would have perished in the Holocaust. Stalin never accepted Jews as Jews, as Holocaust survivor Yitzhak Arad pointed out already in the 1970s. Nonetheless I am wondering (as Arad does as well) why so many people do not see the unbridgeable gap between this Stalin approach and the German way, which led to the Holocaust.

The 2008 Prague Declaration ignores history and wants to rewrite history. Insistence on a false “equality” of Stalin’s crimes and the unprecedented crimes of the Germans is anti-Semitic, particularly in the East European context. It is the most fashionable form of anti-Semitism, as it does not deny the Holocaust. Rather, it obfuscates the Shoah by saying it was as bad as the crimes of Communism. This distorts the fact that, again, the Holocaust wanted to exterminate the entire Jewish people. Not a single Lithuanian, Latvian or Estonian was killed by the soviet for being Lithuanian, Latvian or Estonian.

Again, the German situation can explain a lot: we had discussions the last years there about Germans as victims. The “Bomb-Holocaust,” accusing particularly British bomber Arthur Harris for attacking Dresden, was invented as a term e.g. by Neo-Nazis from the National Democratic Party (NPD), and backed by mainstream scholars like Jörg Friedrich who uses the term “crematory” for the city of Dresden. Also the term “Holocaust of expulsion” of the Germans from the East is used, accusing Czech, Polish, and other people of “crimes” against Germans. The Prague Declaration fits right into the puzzle: urging the EU to establish a common day of remembrance, 23rd August, is the attempt to rewrite history and to say that Hitler and Stalin were both criminals on precisely the same level. The Shoah is obfuscated and forgotten, if it is compared with crimes of the Soviets like expulsions (!) of people; of killing of relatively (!!) few, and moreover for political reasons, not as part of an extermination program like the Holocaust.

We should think twice before using stereotypical phrases like “totalitarian regimes”. German historian Wolfgang Wipperman wrote books on this topic and argued powerfully and correctly that it is misleading to use this term today, particularly because it distorts what is specific about National Socialism and the Holocaust. In Germany, many people even describe the GDR as “totalitarian”, which is of course ridicolous.

We have now to become very careful with words, remembrance, and historical comparisons. Not every bad society is as evil as Nazi Germany was. Therefore the Prague Declaration is an extremely dangerous attempt to minimize the Holocaust and to rewrite the history of the 20th century. Ask any Holocaust survivor of Lithuania if it was the same for her or him to be tortured by the Germans and Lithuanians, to see their loved ones butchered, as it was for them to be rescued by the Soviets, either by fleeing to Soviet territory at the war’s start, by fleeing the ghettos to join up with the Soviet partisans in the forests during the war, or to be liberated by the Soviet army at its conclusion.

Some people however, prefer to host and talk to nationalistic Eastern European politicians, instead of listening to Holocaust survivors or historians who tell the truth and try to decode anti-Semitic myths.

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