Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Monat: Oktober 2008

Ironie der Geschichte

Tod eines österreichischen Führers in einem deutschen Auto…

Haider ist tot. Es wird also erstmal keinen zweiten österreichischer Führer geben, obwohl die deutsche Polizei, beritten gar, z. B. im September 1992 Haider vor uns Antifas beschützte bei dessen Besuch bei der FDP in Stuttgart Bad-Cannstatt. (Nicht zu vergessen ebenso, wer mir damals die Plakate aushändigte: jene heute zum nationalen Sozialisten und antiimperialistischen Vordenker mutierte ‚Tante Else‘ (Jürgen Elsässer), die heute ebenso gegen den Westen hetzt und nationalistische Töne liebt wie Haider himself).

Vergessen werde ich auch nicht die so brillanten Texte und die Verurteilung für den „Trottel“, der Haider ja offenbar war, vom guten Gerhard Oberschlick seinerzeit, im Forvm, das heute kaum eine/r mehr kennt. Und auch die wie immer luziden Ausführungen von Prof. Anton Pelinka, damals im Dezember 2002 an der Hebrew University in Jerusalem bei einem kleinen Seminar über das „Haider phenomenon“ bleiben im Gedächtnis.
Doch eine Sache ist womöglich eine wirkliche Ironie der Geschichte. Der Antisemit und SS-Freund Jörg Haider hat u.a. die Beschäftigungspolitik im „Dritten Reich“ als „ordentlich“ bezeichnet. Das ist, by the way, nicht nur heute keine Randposition mehr, wie der Fall der Ex-ARD-Moderatorin Eva Herman zeigt. Was nun wirklich ironisch ist, ist Haiders Unfall. Er fuhr offenbar seinen Dienstwagen, einen VW Phaeton. Der erste dieser Reihe wurde 1935 von dem Automobilkonzern Auto-Union gebaut, unterm Nationalsozialismus. Heute nun, deutsche Kontinuitäten am laufenden Band sozusagen, ein Phaeton des Volkswagen-Konzerns, der half, Haider ins Jenseits zu befördern. Jenem VW-Konzern, der 1938 als genuin nationalsozialistische Betriebsgründung in der ebenfalls als großes NS-Projekt gebauten „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ gegründet worden war. Diese Kontinuität „ordentlicher Beschäftigungspolitik“ der Deutschen wurde dem österreichischen neu-rechten Führer zum Verhängnis. Oder Haider hatte den Fallschirmspringer Möllemann vor Augen oder gar seine Freunde, die Djihadisten aus Iran. Wir werden es wohl nie wirklich erfahren.

»But I‘m a Zionist!«

»Bomb Buschur«, ein etwas anderer Bericht über eine Demonstration gegen Iran und für Israel in New York City sowie die Konsequenzen der Antisemitismuskritik oder
„I like to be in America“

Politisch und gesellschaftstheoretisch den Nerv der Zeit zu treffen ist die Kunst der Intellektuellen. Peter Viereck (1916-2006), selbst in USA heute fast vergessen, war ein solcher famoser Künstler. 1940, angesichts von Nazi-Deutschland und dem Zweiten Weltkrieg, sagte er in einem fulminanten Artikel: „But I am a conservative“, was gleichsam zum Fanal der Konservativen – Vorsicht: das sind die forerunners der Neocons heutiger Tage… – in Amerika wurde. Er wandte sich damit dezidiert gegen seinen eigenen Vater, Sylvester Viereck, welcher ein begeisterter Nazi war und als erster ausländischer Journalist in den frühen 1920er Jahren Hitler interviewt hatte. Mehr noch war es ein Wachruf in Amerika, gegen die „Liberalen“ und „Linken“, welche den Hitler-Stalin-Pakt lobten und die UdSSR als anti-Kriegsbollwerk lobten. (Dass die Rote Armee – und in erster Linie die Rote Armee! – später die Welt zusammen mit den Amerikanern und Engländern vom Nationalsozialismus befreien musste, steht auf einem anderen Blatt). Soviel vorneweg. Viereck, soviel sei noch gesagt, sah bereits 1939 im Antisemitismus gleichwohl einen entscheidenden Unterschied von Nazi-Deutschland und der UdSSR. Keep that in mind.

Deutsche Kleingeister hingegen und völkische Vorturner gestanden Juden schon früher durchaus zu, eben „ihre Sache“ zu machen, Juden sollten für „jüdische Dinge“ zuständig sein. Wenn das der übergroßen Mehrheit der Nicht-Juden nicht gefällt, werden halt die Konsequenzen gezogen. Ein solcher Vorturner – nach Auschwitz – ist Patrick Bahners von der FAZ, der nicht nur antisemitische Sportwissenschaftler wie Arnd Krüger nicht als solche bekämpft wissen möchte, vielmehr jede an die Substanz rührende Kritik am Antisemitismus abwehrt und sich selbst, ganz deutsch, zum Opfer geriert: „Der Antisemitismusvorwurf eignet sich zum moralischen Totschlag.“ Wer also entgegen der Zeitung für Deutschland ein Freund der Wahrheit ist, begeht „moralischen Totschlag“. Wow. Was für ein Echo auf Walsers Brandrede von Oktober 1998, den Dammbruch, der Judenhass wieder ganz offen sagbar werden ließ, im neuen Deutschland (und nicht nur im Neuen Deutschland). Heute nun ist es auch in den Redaktionsstuben großer deutscher Tageszeitungen angekommen, dass die Judenfeindschaft sich neuer, gleichwohl alter Mittel bedienen muss. Das ist, by the way und für die Juristen unter uns, jetzt keineswegs polemisch, vielmehr analytisch gemeint. Zu sagen, wie die NPD es tut oder mancher Ortsvorstand von attac oder der ein oder andere IG Metaller, dass die Juden doch prinzipiell nach Geld strebten und am liebsten an der „Ostküste“ sich aufhielten, das ist nicht immer en vogue. Bahners hat gelernt, hier im Fall Hecht-Galinski versus Broder, rhetorisch a bisserl anders zu hantieren:

„Bei den ihr vorgehaltenen Äußerungen handelt es sich nicht um Sätze des Typus, die Juden seien ja alle geldgierig. Es geht ausschließlich um Kommentare zur israelischen Politik und zu deren Verteidigern.“

Broder hat Bahners treffend geantwortet:

»Bahners freilich skandalisiert nicht den Antisemitismus, sondern den Antisemitismusvorwurf als Mittel des moralischen Totschlags. Mit diesem Argument kann man jede Debatte im Keim ersticken. Für einen Deutschen ist es höchst unangenehm, mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert zu werden. Nur eines wäre noch unangenehmer: wenn der Vorwurf zutreffen würde.«

Was hatte die antizionistische Furie, welcher der jungdeutsche Redakteur gern zur Seite steht, – und wer in der Art wie Evelyn Hecht-Galinski sowohl mit dem Erbe des eigenen Vaters und der jüdischen Herkunft sowie mit Israel umgeht, ist nichts als eine Furie, eine „wütende Frau“ oder „Rachegöttin“, nicht jedoch eine rational oder auch polemisch agierende Intellektuelle -, geschrieben?

„Die zionistische Ideologie und später die israelische Politik haben 1948 zum Untergang der Palästinenser beigetragen. Seit die zionistische Bewegung im späten neunzehnten Jahrhundert nach Palästina kam, träumte sie davon, so viel Land wie möglich zu erobern, um darauf einen jüdischen Staat zu gründen.“

So die vulgäre Märchenstunde, die in Europa so gern gehört wird, ähnlich wie in marginalen Kreisen in den USA auch, vom Rest der Welt ganz zu schweigen. Wer jedoch nicht Leserbriefe der FAZ, vielmehr seriöse Analysen bevorzugt, sei auf eine Ausgabe der Vierteljahreszeitschrift Tribüne aus dem Jahr 1976 verwiesen. Und jetzt wird es wirklich interessant. Rudolf Pfisterer (Wider den Mythus von der Coexistenz, in: Tribüne, 15. Jahrgang, Heft 59, 1976, S. 6988-6997, hier 6988f.) analysiert die Situation für Juden in arabischen und muslimischen Ländern gerade auch vor 1933 und zeigt, dass Antizionismus viel mehr ist als Israelbashing, es ist Judenhass, und nichts weniger:

„Auf der Seite der Araber geht damit Hand in Hand die Unterscheidung zwischen Juden und Zionisten; es wird unterstellt, daß die Araber als Semiten überhaupt keine Antisemiten sein können und daß deshalb der immer wieder behauptete Antisemitismus auf arabischer Seite als reiner Unsinn und als böswillige Verleumdung anzusehen sei. Ganz abgesehen davon, daß die aus Gründen der Propaganda immer wieder vorgebrachte Unterscheidung zwischen Juden, die noch zu akzeptieren seien, und Zionisten, die man ablehnen müsse, ein Kennzeichen jedes Antisemitismus ist, muß diese Aussage auch aus anderen Gründen deutlich zurückgewiesen werden. Erst kürzlich wurde im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Druck von arabischer Seite in einer in Beirut erscheinenden Zeitung (23.2.1975) folgendes ausgeführt: ‚Für die Zionisten, auch wenn sich diese Rothschild nenne, ist dies ein Anlaß, die öffentliche Meinung aufzuhetzen, um so die Situation zu ihren Gunsten auszunützen. (…)‘ Offenbar hat der Verfasser dieses Artikels noch nie etwas davon gehört, daß Antisemitismus sich noch nie gegen die Semiten im allgemeinen, sondern nur gegen die Juden im besonderen gerichtet ist, und daß deshalb kein Volk gegen einen derartigen Haß von vornherein gefeit ist. Nicht einmal die Juden! Man redet hier vom jüdischen Selbsthaß, der nur dadurch verständlich wird, weil seine – nicht zahlreichen – Vertreter auf diesem Wege sich wohl von dem leiderfüllten Schicksal der Juden zu distanzieren versuchten. In jüngster Zeit ist dafür die aus Frankreich stammende, hochbegabte Simone Weil ein besonders erschütterndes Beispiel. Im Jahre 1934 – Hitler war schon seit einem Jahr an der Macht – schrieb sie: ‚Persönlich bin ich Antisemitin.‘ Wie das gemeint ist, dafür nur ein kurzer Hinweis aus dem umfangreichen Material: ‚Israel. Alles ist befleckt und schrecklich, voller Absicht, von Abraham an einschließlich (außer einigen Propheten). Man muß ganz deutlich darauf hinweisen: Achtung! Hier sitzt das Übel!‘

Daß hier Juden unterschiedslos unter das Vorzeichen des Unheils gerückt werden, darf nicht davon ablenken, daß eine – immer wieder versuchte – Aufspaltung der Juden in noch annehmbare und schon hassenswerte Vertreter dieser Gruppe bereits der entscheidende Schritt auf dem Wege ist, dessen unaufhaltsames Gefälle in der ausnahmslosen Feindschaft gegen alle Juden besteht. Wenn es jeweils zu Pogromen, Ausrottungsaktionen oder Kriegen kam, wurde eine solche Unterscheidung noch nie durchgehalten. Der jüdische Schriftsteller Elie Wiesel betont dies in aller Deutlichkeit: ‚Man sagt uns: es handelt sich nicht um die Juden, sondern um Israel; man ist nicht gegen Juden, sondern gegen die Zionisten. Dies ist auch nichts Neues. Um uns zu schwächen, versucht man uns zu spalten. Um unsere Verlassenheit zu verschärfen, entstellt man das Bild, das wir von uns und den Unsrigen haben. Man versucht, uns zu uns selbst in Gegensatz zu bringen, nachdem man uns zur Welt in Gegensatz gebracht hat. In jüngster Zeit wagte man zu den Juden in Deutschland: Wir haben nichts gegen euch; wir wollen nur gegen die Juden in Polen vorgehen. Dann sagte man zu den Juden in Frankreich: Fürchtet nichts; nur die Juden aus Deutschland sind bedroht. Und in Ungarn versicherte man die Juden: Seid doch ruhig! Es handelt sich nicht um euch, sondern um eure Brüder von irgendwo anders. Ja, das war falsch; wir wissen es jetzt. Es ging immer und überall um uns alle. Die jüdische Geschichte beweist uns dies: wenn man es auf eine Gemeinde abgesehen hat, befinden sich alle in Gefahr… Wer Israel angreift, geht gegen das ganze jüdische Volk vor.‘«

Was muss es für Elie Wiesel heißen, wenn er nun, 2008, mehr als 30 Jahre nach diesen, seinen Worten bezüglich des Antizionismus, hier in New York City vor uns steht und eindringlich vor einem antisemitischen Staat wie dem Iran, der Israel zerstören möchte und Juden töten will, warnt? Wie unendlich schrecklich muss es für einen alten Mann wie Wiesel, der den Holocaust überlebte, sein, solche antijüdischen Attacken erleben zu müssen? Eine Rede eines Antisemiten wie Ahmadinejad, der außer Israel und den USA kein Land expressis verbis aus dem Grund, diesen Judenhasser nicht hören zu wollen, fernblieb? (By the way und nur am Rande: die USA müssen solchen Hetzern wie dem iranischen Präsidenten keineswegs ein Visum geben. Darin war nicht nur ich mit den insbesondere canadischen KollegInnen einig, welche die amerikanische politische Kultur des „free speech“ auch für grotesk, ahistorisch, perfide und schlicht dumm und unglaublich halten, wozu übrigens auch der starke Polizeischutz für ca. 35 antisemitische Juden zählt, welche in ihren traditionellen schwarzen Gewändern gegen Israel hetzten und den Iran für dessen Eintreten für Judaismus und gegen Israel lobten etc.)

Wer solche luziden, kritischen Analysen wie jene der Tribüne von 1976 liest, kommt aus dem Staunen und Verzweifeltsein nicht mehr heraus. Psychoanalytisch ist das Phänomen exakt zu lokalisieren: Deutsche nach Auschwitz müssen, um eine stabile, stolzdeutsche Identität – ob links, rechts, liberal oder mainstream – zu bekommen, die präzedenzlosen Verbrechen derealisieren und, in einem zweiten notwendigen Schritt, die Schuld projizieren. Diese Täter/Opfer-Umkehr ist vielfach analysiert worden, wenngleich die akademische Befassung mit Antisemitismus darum gern einen großen Bogen gemacht hat, von kritischen Theoretikern abgesehen. Offen gegen Juden zu sein, ist ein Tabu nach Auschwitz. Was tun, um dennoch dem beliebten, notwendigen Ressentiment zu frönen? Spätestens seit 1967 ist der Antizionismus dafür beliebt. Wer jedoch auch nur ein klein wenig Bildung hat, weiß, dass es nicht 1967 begann mit der antizionistischen Hetze. Viel früher ging es los. Das obige Zitat hat das verdeutlicht. Auch die Antisemitismusforscher Charles Patterson und Walter Laqueur sehen deutliche Übereinstimmungen von Antizionismus und Antisemitismus, Patterson schrieb 1982:

»Soviet spokesmen (like their Arab counterparts) claim that they are not anti-Semitic, rather ‚anti-Zionist‘. Howeser, like much anti-Zionism elsewhere in the world, Soviet anti-Zionism – in newspaper articles and caroons – is accompanied by such bitter hatred of Jews that is indistinguishable from anti-Semitism. Soviet propagandaö, which continually warns the Russion people against the ‚Zionist world conspiracy‘ is not very different in tone or content from that earlier product of Russion fear and fantasy – Protocols of the Elders of Zion.“ (Charles Patterson (1982): Anti-Semitism: The Road to the Holocaust and Beyond, New York: Waler and Company, p. 112.)

Ganz ähnlich sieht es Walter Laqueur im Jahr 2006, nun angesichts der wichtigen, aber oft sinnleeren, weil konsequenzlosen oder den Antisemitismus verharmlosenden Debatten über neuen Antisemitismus:

»In the light of history, the argument that anti-Zionism is different from antisemitism is not very convincing. No one disputes that in the late Stalinist period anti-Zionism was merely a synonym for antisemitism. The same is true today for the extreme right which, for legal or political reasons, will opt for anti-Zionist rather than openly anti-Jewish slogans. It has been noted that in the Musim and particularly the Arab world, the fine distinctions between Jews and Zionists hardly ever existed and are now less than ever in appearance. However, even if we ignore both history and the situation in other parts of the world and limit the discussion to Western left-wing anti-Zionism, the issues are not clear-cut.« (Walter Laqueur (2006): The Changing Face Of Antisemitism. From ancient times to the Present Day, New York: Oxford University Press, p. 7).

Es hat sich also bezüglich der Verkennung des Antizionismus seit den Tagen im Jahr 1976 nicht nur nichts zum Besseren verändert, vielmehr ist die Situation noch schlimmer, zumal vor dem Hintergrund, dass 1976 zwar linke, deutsche Judenhasser der Revolutionären Zellen wie Wilfried Böse in Afrikas Uganda unter Idi Amin Juden von Nicht-Juden selektierten und die erste antisemitische Selektion seit Auschwitz veranstalteten, aber noch keine nach Atomwaffen strebende Regionalmacht wie der heutige Iran zu erahnen war.

Wer jedoch hatte sich schon am Tag zuvor in New York City versammelt um gegen diese unglaubliche, antisemitische, abstoßende und an Infamität und Perfidie nicht zu überbietende Rede des Iran, dazu unten mehr, auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen zu protestieren?

Jüdische Gruppen hatten zu einer rally aufgerufen und ca. 6000 – 10.000 Leute waren da! Wer lediglich die israelsolidarischen Aktionen und Demonstrationen aus Leipzig, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main oder Berlin kennt, wird staunen. Ich jedenfalls habe mächtig gestaunt: Sehr viele Leute und alle gegen den Iran, Ahmadinejad und Antizionismus/Antisemitismus. Die meisten kompromisslos! Wow. Impressing. Und was für Leute! Frauen wie Zoe, Ende 40, mit einem Schild, dass „a world without Ahmadinejad“ einfach sicherer und schöner sei, oder Holocaust-Überlebende , die es so unerträglich finden, immer noch gegen Judenhass kämpfen zu müssen und zu spüren, dass die Welt – hier die UN – nichts, aber auch gar nichts aus der Geschichte gelernt hat. Oder die dutzenden canadischen Studierenden, die mit roten T-Shirts und pro-israelischen Postern à la „Israel is here to stay“, oder Frauen und Männer mit wundervollen blau-weißen T-Shirts des „Baltimore Zionist District“ , schicke Frauen mit blau-weißen Kniestrümpfen, weitere Poster mit Parolen wie „Zero Tolerance for Islamofascists – Ban Iran!“ und viele mehr.

Wie sangen die alten Ramones? „We need change and we need it fast!“ Und Johnny Ramone hätte, nachdem er auch früher Republicans präferierte, diesmal sicher McCain gewählt. Punk-Rock for Israel. Oder meinetwegen conservative Punk, why not?

Unter einem Bill Clinton würden vermutlich gerade die Unterhändler Teewasser für ne Talkrunde mit Al Quaidas „Querulanten“ aufsetzen. Mumm ist was anderes. Mumm wäre Toleranz für Minderheiten weiter zu fordern, ohne auch nur eine Millisekunde daran zu denken, Intoleranten Raum, Platz oder Gehör zu geben. Und weltweit betrachtet ist unzweifelhaft der politische Islam die derzeit intoleranteste Bewegung. Das zu erkennen fällt vielen angeblich „antirassistisch“ motivierten Liberalen und Linken, bzw. solchen die meinen, das zu sein, unendlich schwer. Wer selbst jahrelang antirassistische Unterstützungsarbeit in Deutschland gemacht hat, weiß, was es heißt als Flüchtling oder Migrant in diesem Land zu sein. Schikanen, eklige Blicke der weißen Mehrheit und Angriffe von Nazis. Das gibt es immer noch. Doch mit einer Affinität für den Islam hat das gar nichts zu tun. Diese Affinität findet sich, wie quer auch immer, eher bei der NPD, attac, Friedensbündnissen und natürlich der Linkspartei.

Mumm würde schließlich bedeuten, dialektisch zu denken: Republicans zu wählen, weil sie die einzigen sind, welche das auf die Tötung von Juden zielende Regime in Teheran ernst nehmen und vor einem „zweiten Holocaust“ explizit warnen. Weder Obama in der ersten TV-Debatte im US-Fernsehen mit McCain, noch sein auserkorener Kandidat für das Amt des Vice-President, Joe Biden, haben explizit vor einem zweiten Holocaust gewarnt. Die vielverspottete und belächelte Sarah Palin hingegen hat bei ihrem sehr bemerkenswerten Auftritt letzten Donnerstag wiederholt auf die ungeheuerliche Gefahr eines „zweiten Holocaust“ hingewiesen, ihre verhinderte Rede auf der Demo wurde am gleichen Tag in der New York Sun publiziert und auf der Demo verteilt. Biden sprach lieber über Pakistan, welches ja schon Atomwaffen habe, oder über Darfur (in diesem Kontext gebraucht selbst er das Wort „Holocaust“). Beides sehr wichtige Themen, wer würde das bestreiten. Aber wo sind die Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel von pakistanischen Präsidenten oder Ministerpräsidenten? Es ist einfach grotesk wie die Demokraten bislang und offenbar gezielt – erinnert sei an die zwischen Peinlichkeit und Absurdität oszillierende Berliner Rede Barack Obamas, der von den angeblich ubiquitär sich aufbauenden Mauern daherlallte, welche es zu überwinden gelte, so als stünden wir im Sommer 1989 hier oder gar 1987 als Reagan in Berlin sprach – die iranische Bedrohung herunterspielen und offen für direkte Gespräche mit den Mullahs plädieren. Die old-school Anti-Totalitarismusschule eines Obama hilft jedenfalls gegen den Faschismus aus Iran gar nicht, ja sie behindert sowohl die erfolgreiche Kriegsführung in Irak als auch die not-wendige Intervention – diplomatisch, ökonomisch, militärisch oder wie auch immer – in Iran.

Dialektisch denken heißt McCain wählen, ohne sich das polemische Denken christlich verbieten zu lassen. Dialektisch denken heißt liberal sein und Republican wählen. Dialektisch denken heißt schließlich, wie schon 1939, zu Peter Vierecks Zeiten, rechts oder konservativ sein, heißt antifaschistisch sein. Diese Rechnung jedoch geht nur in USA auf, deshalb wäre es ein gefährlicher Irrtum die sehr spezifischen Ingredienzien der amerikanischen politischen Kultur auch in Europa oder gar Deutschland wirksam oder aktivierbar zu sehen. Nein, das sind sie nicht. Die Neuen Rechten, namentlich der wichtigste Vorturner der Rechtsextremen in Deutschland, Henning Eichberg, hassen geradezu Peter Viereck, der den antijüdischen Turnvater Friedrich Ludwig Jahn (der, by the way, gerade in der DDR zu Ehren kam und bis heute heißt eine der beliebtesten Ost-Berliner Sportstätten bekanntlich nach ihm, von dem Jahn-Denkmal in der Hasenheide im Westen Berlins natürlich nicht zu schweigen) so abgewertet hat.

Es kann auch sein dass weder das Obama-, noch das McCain-Lager Israel unterstützt im Kampf gegen den Terror und für Frieden, weil einfach die Prioritäten andere sind, heute. Das wäre fatal, aber durchaus möglich. Die Indizien jedenfalls sprechen deutlich dafür, dass im McCain–Lager, und insbesondere seinen AktivistInnen auf der Strasse, die Unterstützung für Israel sehr groß ist und die Gefahr eines zweiten Holocaust klar erkannt wird.

Was also ist die Marschroute, um dieses wenig friedensheischende Wort zu verwenden? Die Marschroute muss erstens eine solche sein, weil wir uns bereits seit 9/11 im Krieg befinden. Zweitens hat Eli Wiesel ganz einfach gesagt: „Ahmadinejad must be isolated and brought to justice.“ „He is not Hitler, but he wishes to follow Hitler“.

Die UN lädt dazu ein, die Welt schaut zu, die deutsche Presse berichtet nicht über pro-Israel-Demos in New York City. Alles wie gehabt. Time for change.

Und wenn nun die so geschwätzigen, verlogenen Reden zum Gedenken an 1938 gehalten werden, vornehmlich von FU-Professoren für Politikwissenschaft, Marburger Politologen, von Freiburger Militärhistorikern oder von Hessischen „Friedensforschern“ oder gar von Osnabrücker Politikwissenschaftlern, die – ganz traditionell links-deutsch oder iranisch gedacht – Israels Atomwaffenarsenal zur Disposition stellen wollen und die arabischen bzw. muslimischen Nachbarn Israels als Bedrohte darstellen und nicht den jüdischen Staat (!!!) – „Der Iran kann – völlig unabhängig von der jeweiligen politischen Ordnung – auf Dauer die atomare Bedrohung Israels nicht hinnehmen“ (Mohssen Massarrat bereits im Jahr 2004) – , kann sich entweder nur unentwegt an den Kopf fassen oder aber feststellen, dass hier gewöhnliche antisemitische Stereotype, sprich antizionistische, am Werke sind. Wie schnell und fast immer zeitgleich, antizionistische Vorurteile in handfeste antijüdische Stimmungen umschlagen, zeigt der Osnabrücker Vorzeige-Friedensliebhaber Mohssen Massarrat. Nachdem auf einer Veranstaltung in Osnabrück Broder ihm verbal begegnet war, antwortet dieser nun in einer Stellungnahme vom 2. Oktober wie folgt:

»Ich halte den produktiven Kulturaustausch mit Iran für einen verdienstvollen und praktischen Weg, um einer gezielten Dämonisierung eines Landes, das teils durch die schädliche Politik seiner Regierung und teils von Außen in die Isolation getrieben worden ist, entgegenzuwirken. Mit dem historisch belasteten Vergleich sind Teile der deutschen und internationalen Medien und Personen wie Broder im Begriff, nicht nur den Hitlerfaschismus zu verharmlosen, sondern durch Dämonisierung auch den Boden für einen Krieg der USA und Israels gegen Iran psychologisch vorzubereiten. Alle Kriegsgegner sollen in die Ecke von Kollaborateuren gerückt werden. Kollaboration mit dem Feind ist ein Sprachklischee, das Broder gegen differenziert denkende Experten und Journalisten häufig vorbringt, stammt aus dem Klischeerepertoire der Nazis, mit denen diese den Krieg gegen die Nachbarn psychologisch vorbereitete. Gerade in Nazi-Deutschland war die Dämonisierung der Juden als Untermenschen der erste und entscheidende Schritt zum Holocaust. Diese besonders subtile Verunmenschlichung machte die Deutsche Bevölkerung immun gegen die Barbarei und Verbrechen an sechs Millionen Menschen. Diese Methode ist tatsächlich substanzieller Bestandteil des totalitären Denkens und gehörte daher aus den Diskursen in Demokratien verbannt. Der inhaltlichen Kritik an seiner unsäglichen Rolle in der deutschen Diskurslandschaft hat Broder nichts als Beleidigungen entgegen zu setzen.« (Der Text Massarrats mit Datum vom 2. Oktober 2008 liegt dem Verfasser vor)

Nicht der Iran hetzt also nonstop gegen Israel, nicht Ahmadinejad hat gesagt, er möchte dafür Sorge tragen (was für ein antijüdischer Heideggerscher Gedankengang, womit nicht gesagt sein soll, dass er (nicht nur) in diesem Fall auch genuin islamische Wurzeln haben mag), dass Israel von der Landkarte verschwinde, nein: böse Amerikaner und Israeli im Gespann mit einem Journalisten wie Henryk M. Broder bereiteten den Boden für einen Angriff auf den Iran. Diese Derealisierung der Gefahr, welcher der Iran für Israel darstellt, ist so grotesk wie die antijüdische Hetze Legion ist in Deutschland. Da hat Massarat gut gelernt, möchte man sagen: Er dreht den Spieß einfach um, und geriert sich nun wie die ganz normalen sonstigen Deutschen zum Opfer, die Juden sind nun die Täter, nach Auschwitz. Und der antiintellektuelle Reflex gegen guten Journalismus, wie ihn Broder vertritt, einen, der auch mal weh tut und nicht immer richtig liegen mag, hier aber ganz sicher richtig liegt, ist auch Standardrepertoire im Antisemitismus. Wenn also Massarat Broder in die Nähe der Nazis setzt und gar solche Kritik am Iran, wie Broder sie dankenswerterweise praktiziert, in Beziehung setzt zur Vorbereitung des Holocaust gegen die Juden, dann ist hier ein Antisemit am Werk, der gründlich gelernt hat, nach Treblinka und Theresienstadt sich besser selbst zum Juden zu machen und die wirklichen Juden, nach 1945 bzw. 1948 oder 1967, zu den Tätern zu imaginieren. Das Tolle für Typen wie Massarat ist, dass sie sich mit ihrem Antisemitismus und ihrer Demagogie gegen Juden wie Broder pudelwohl fühlen und kein irgendwie schlechtes Gewissen haben müssen wie die NPD, die häufig so verbissen dreinschaut.

Zurück zur Demo gegen Iran in New York City: Entgegen einem Massarrat hat Irvin Cotler aus Canada die Lehren aus der Geschichte gelernt: Ahmadinejad solle vor den UN „accused“ werden wegen seiner wiederholten Menschenrechtsverletzungen, insbesondere auch wegen dem „demonizing the other“, eines der fürchterlichsten Kennzeichen des Antisemitismus schon vor Auschwitz. Cotler setzte ganz klar, dass „the Holocaust begun with words“ und wir heute Lebenden haben eine „responsability to prevent“ eine zweite Vernichtung der Juden. Der „path to Genocide“ jedenfalls habe bereits begonnen, deshalb „No to a nuclear Iran. Yes to stop Iran!“ Anschließend sprach der wie immer mitreißende Nathan Sharansky aus Israel, der im Kern unter tosendem Beifall sagte: „This is the fight we will win!!!“ Trauriger war die israelische Knessetsprecherin Dalia Itzik, welche herausstellte, wie schlimm es ist, dass 60 Jahre nach der Etablierung des Staates Israel „the nightmare is back“, „I see the gas chambers“, wenn sie mit Grauen an die Drohungen aus Iran gegen Israel denkt. Itzik plädierte nachdrücklich, solche „madmen“ wie Ahmadinejad ernst und beim Wort zu nehmen.

Die Verzweiflung vieler junger, alter und älterer TeilnehmerInnen der Demonstration war spürbar, wenngleich es ein in der Tat „very unifying event“ war, wie einer der Organisatoren am Ende meinte. Die Power war laut hörbar, die Sprechchöre „Stop Iran now“, „Stop Iran now“ beeindruckend, aus tausenden Kehlen.

Skeptische Worte dürfen nicht fehlen: „Where is Sarah“ stand auf einigen Postern? Was ist gemeint? Nun, aufgrund der Absage von Hillary Clinton, nachdem die Kandidatin der Republicans für das Amt der Vize-Präsidentin, Gouverneurin Sarah Palin aus Alaska, auch als Rednerin gewonnen worden war, wurden alle bundespolitischen RednerInnen ausgeladen. Ein auch hier in New York City offenbar eher ungwöhnlicher und unprofessioneller Umgang mit diesem politischen Ereignis. Und während ich viele dutzend, ja weit über hundert UnterstützerInnen für McCain mit Postern, Plakaten, Stickern oder T-Shirts gesehen habe, manche mit Schreibfehlern, was aber die große Bedeutung nicht schmälert , habe ich vielleicht 4 oder 5 offen als Obama-Fans erkennbare Demonstranten gesehen. Was heißt das? Europäische Verhältnisse? Die Linke für Obama und nicht gegen Antisemitismus? Es scheint so, ja. Doch die Konservativen plädierten überhaupt nicht dafür, nur Palin zu hören, nein, Hillary und Sarah gemeinsam gegen die Mullahs, das wäre es gewesen. Next time. Es wird nötig sein. Verdammt nötig. Not-wendig.

Doch eine solche Demonstration erlebt zu haben, war all in all ein wundervolles Zeichen der Solidarität mit Israel. „We stand with you“, „you are not alone, „Block the bomb“ , natürlich auch „Christians united for Israel“ , „Save Israel“, „United against the Iranian threat“, und, besonders toll und wichtig: „Silence ist Compliance“ (Schweigen ist Einverständnis), oder „from Hitler to Iran –the Holocaust continues“…

Bezüglich der iranischen Stadt Buschehr und den dortigen Atomanlagen, dürfte eine Parole in Deutschland noch wenig bekannt sein, sie hat jedoch symbolisch hohen Wert und dürfte die Realität antizipieren, einige junge und auch ältere, kämpferische Juden skandierten sie sehr lautstark: „Bomb Buschor“. Wer schneller und anders aber genauso effektiv auf das auf die Vernichtung Israels zielende Atomprogramm der Mullah-Faschisten reagieren kann, gerne.

Abschließend gilt es die Rede von Irans Präsident Ahmadinejad vor der 63. Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York City einen Tag nach unserer Demonstration, also am 23. September 2008, wörtlich und ernst zu nehmen. Er spricht mit keiner Silbe vom Staat Israel. „Zionists“ sind seine Feinde, wenn er sie „Zionist murderers“ diffamiert, die Aggression Russlands in Georgien als eigentlich von der NATO und der hinter ihr stehenden „Zionists“ sieht, und natürlich werden die „Zionists“ ihrer imaginierte Rolle als „dominating an important portion of the financial and monetary centers as well as the political decision-making centers of some European countries and the US“ geziehen, schließlich hetzt er gegen ein „Zionist network“ bzw. „Zionist regime“. Juden sind für Ahmadinejad wie schon für die Deutschen im Nationalsozialismus –hier trifft der Vergleich offenkundig zu – Zionisten und umgekehrt. Jeder Jude ein Zionist = Feind, überall.

Das macht die Attacken des Iran gegen Israel so bezeichnend: Israel steht für die Judenheit insgesamt, der Antisemitismus des Iran jedoch speist sich nicht nur aus Erinnerungsabwehr und Holocaustleugnung, Derealisierung und Schuldprojektion, auch althergebrachte, primäre Muster des Judenhasses wie die „jüdische Weltverschwörung“, „der jüdische Kapitalist“ und die kleine, aber einflussreiche Gruppe „der Juden“ ganz generell sind erkennbar. Deshalb muss diese Rede ernst genommen werden und als Zeichen für die wahnhafte, auf die Tötung von Juden zielende Ideologie des heutigen Iran, der auch anderen Regimes und Bewegungen nach dem Munde spricht, erkannt werden. Antizionismus ist der Kern der Ideologie Ahmadinejads, und diese Antizionismus ist nur ein – nach Auschwitz, das jener ja gar nicht anerkennt – Code für „den Juden“!

Nicht nur vor diesem Hintergrund zerbersten alle ach so differenzierten Differenzierungen von Antisemitismus und Antizionismus. Der Antisemitismus des 21. Jahrhunderts ist in erster Linie ein antizionistischer, und das mit bestem Gewissen und dem europäischen Mainstream oft im Schlepptau. Der Mullah-Faschismus hat gerade in New York City mal wieder seine Fratze zeigen dürfen und die Welt schaut zu, lacht, lächelt, grinst oder wiegelt ab.

Wenn jede europäische Hauptstadt auch nur die Hälfte der Teilnehmer der New Yorker Demonstration von womöglich 10.000 hätte, wäre der Forderung nach einem „Stop Iran now“ womöglich weit mehr Nachdruck verliehen. Schließlich geht es darum, Israel, das auf sich allein gestellt scheint, den Rücken frei zu halten.

Links, liberal, weltoffen, gottlos sein (also anti-Habermas, der gestern in YALE sprach), besten New York City Punk-Rock hörend, anarchistisch, selbst Mozart spielend, kommunistisch agitierend, ohne Ressentiments gegen Neocons sein und John McCain/Sarah Palin wählen, also gemeinsam gegen Antisemitismus und für Israel? Geht das überhaupt? Können wir das? Können da auch Obama-Fans mitmachen? Können wir denn im Ernst im 21. Jahrhundert, nach Posthistoire, Postmoderne, Postzionismus Zionisten sein, gar nicht-jüdische? Wirtschaftskrise hin oder her, Lösungen hat eh kein Mensch in Aussicht und das wäre auch lächerlich. Nein: Angesichts der unglaublichen Drohungen gegen die Zionisten – „den Juden“ an und für sich – durch den Iran, hier in New York City, quasi vor meiner Haustür, müssen wir das, Zionist sein. Können wir, Republicans, liberals, left-wingers und selbst womöglich Obama-Fans, also wirklich gegen Antisemitismus/Antizionismus und gegen Islamfaschismus sein? Kompromisslos?

„Yes, we can“!

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