Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Monat: Januar 2008

Zionismus, Israel und Naturschutz. Zum jüdischen Neujahrsfest der Bäume

Zuerst publiziert auf www.juedisch.at sowie auf SPME.org am 27.01.2008

Ein Schwerpunkt eines 2006 erschienenen Bandes über »Naturschutz und Demokratie« ist die Beziehung des Judentums zu Naturschutz. Mehrere kleinere Beiträge widmen sich diesem Sujet und vor allem ist im Anhang ein historisches Dokument über »Judentum und Naturschutz« aus dem Jahr 1932 erstmals wieder abgedruckt.

Die israelische Landschaftsarchitektin Tal Alon-Mozes geht auf naturschützerische Wurzeln vor der Staatsgründung Israels aus zionistischer Perspektive ein. Sie untersucht drei wichtige Topoi: Erstens den »Mythos von Palästina als Wüstenland«, zweitens den »Mythos, die Wüste zum Blühen zu bringen« und drittens jenen von der»Rückkehr zur Natur«.

Biblische als auch gegenwärtige Konzepte standen/stehen dabei in Konkurrenz. Insbesondere wurde Landwirtschaft gerade als Möglichkeit verstanden, Teil der Natur zu werden, ein moderner Gedanke. Als ein weiteres Beispiel führt sie die Idee Yehoshua Margolins (1877-1947) an, der dafür plädierte, Kindergärten innerhalb von Gärten einzurichten.

Margolin schrieb Bücher und Lehrpläne für Kindergärten bzw. Grundschulen für den Bereich “Naturstudien” und gründete das erste Hebräisch-Pädagogische Institut im Jahr 1932. Henning Eikenberg schließt daran an und berichtet von der Geschichte des Naturschutzes im Staat Israel. Es fällt auf, dass Naturschutz in Israel im Umweltministerium zu ca. 75% nicht vom Staatshaushalt, vielmehr aus Eintrittsgebühren und vor allem Spenden, nicht zuletzt der jüdischen Diaspora, finanziert wird.

Das korreliert mit der Genese des Naturschutzes, der sich bottom-up entwickelt hat und nicht vom Staat initiiert wurde. Wichtig ist z. B. die NGO Society for the Protection of Nature in Israel (SPNI), welche 35 Jahre vor Gründung eines eigenständigen Umweltministeriums (im Jahr 1988) gegründet wurde. Einer der Mitbegründer von SPNI war der Zionist Heinrich Mendelssohn (1910-2002). Er war u.a. in der Weimarer Republik Mitglied der zionistischen Studentenverbindung Kadimah und emigrierte 1933 nach Palästina.

Er war Zoologe und gründete die Tel Aviver Universität mit. Mendelssohn »gilt heute als einer der Gründungsväter des Naturschutzes in Israel«. Alois P. Hüttermann ergänzt dies mit einer kurzen Darstellung von Naturschutz im antiken Israel. Nach der Zerstörung des Tempels durch die Römer 70 n. Chr. waren die Juden in wenig fruchtbare Gebiete vertrieben worden. Üblicherweise war es auf engem Raum naheliegend, Kleinvieh zu halten, Schafe, Ziegen etc. Den Rabbinern jedoch war das Kahlfressen der Erde mit der Folge der Desertifikation namentlich durch das Weiden der Ziegen bewusst, weshalb beschlossen wurde, Juden das Halten von Kleinvieh zu verbieten.

So ist es demnach geschehen und die Verwüstung hat nicht eingesetzt, was Hüttermann als mögliche Abwendung der Desertifikation heutiger Zeiten vorschlägt (Beispiele Mauretanien, Iran, China).

Siegfried Lichtenstaedter: »Naturschutz und Judentum« (1932)

Im Anhang des Bandes ist der 48seitige Text Naturschutz und Judentum von Dr. Siegfried Lichtenstaedter aus dem Jahr 1932 abgedruckt. Es ist ein sehr bedeutsames Dokument des deutschen Naturschutzes und handelt sich im wesentlichen um einen Vortrag, den der Autor »im Rahmen der Lehrkurse der jüdischen Gemeinde in München am 4. März 1931 hielt«.

Die Ausgrenzung der Juden im Naturschutz seit 1933, der Holocaust und das Fortwirken der antijüdischen Naturschützer nach 1945 haben dazu geführt, dass dieses Dokument bis heute einfach ignoriert wurde.

Es ist Gert Gröning, Professor an der Universität der Künste in Berlin (UdK), Fachgebiet »Gartenkultur und Freiraumentwicklung«, und einer der Begründer kritischer Forschung zur Geschichte des Naturschutzes und der Freiraumentwicklung im Nationalsozialismus in der Bundesrepublik Deutschland, zu verdanken, dass es jetzt dem bewussten, ignoranten oder Juden im Naturschutz derealisierenden Vergessen entrissen wird.

Siegfried Lichtenstaedter, Jahrgang 1865, war von 1898 bis 1932 Beamter und auch als Publizist tätig. Von seinem Erstlingswerk Kultur und Humanität 1897, bis in die Weimarer Republik, z. B. 1926 mit Antisemitica, publizierte er wohl wegen dem Antisemitismus, der im Kaiserreich nicht weniger verbreitet war wie in der Weimarer Republik, häufig unter seinem türkischen Pseudonym »Dr. Mehemed Emin Efendi«.

Lichtenstaedter setzt in Naturschutz und Judentum damit ein, dass der Naturschutz noch nicht alt sei und der Yellowstonenationalpark in Nordamerika von 1872 der erste große Naturschutzpark ist. Der antik-römischen Aversion den Alpen gegenüber – »foeditas Alpium« – stünde heutige Naturliebe entgegen. Die ungemeine Ausbreitung von Steinbrüchen oder die Ausrottung ganzer Tierarten, wie der erst 1741 entdeckten Steller’schen Seekuh (»Borkentier«), die schon 1768 ausgerottet wurde und die Bedrohung von Pflanzen sind dem Verfasser Anlaß zuerst die institutionelle Genese des Naturschutzes zu untersuchen. Neben verschiedenen Gründungen von Organisationen erwähnt er z. B. bayerische Bestimmungen gegen »verunstaltende Reklame« oder Naturschutzgesetze des Mittelalters.

Jedoch gelte bis heute: »Die theoretische Begründung ist ungenügend«. Problematisch ist ohne Zweifel diesbezüglich sein Bezug auf den schweizerischen Naturforscher Paul Sarasin, der sich für den Schutz »bedrohte[r] Menschenrassen« einsetzte. Ähnlich verhält es sich mit seiner Forderung nach einem »linguistischen Naturschutz«, denn es steht doch in Frage, warum Sprache, also menschliche Kultur, dem Naturschutz unterliegen solle. Sehr interessant wird es, sobald Lichtenstaedter auf die jüdischen Gesetze zu sprechen kommt.

Das erste, welches er erwähnt und analysiert, ist zugleich das wichtigste: das Sabbatjahr. Während in der christlichen Vorstellung der siebte Tag lediglich als Ausruhen und Besinnen “auf Gott” verstanden wird, zeigt er wie universeller, pragmatischer und sinnvoller das jüdische Gesetz des siebten Jahres sich anhört:

“So ihr in das Land kommt, das ich euch gebe, so feiere das Land eine Feier des Ewigen. 6 Jahre besäe dein Feld und 6 Jahre beschneide deinen Weinstock und sammele seinen Ertrag ein. Aber im 7. Jahre sei eine Sabbatfeier für das Land, eine Feier des Ewigen; dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinstock nicht beschneiden. Den Nachwuchs deiner Ernte sollst du nicht ernten und die Trauben deiner ungepflegten Weinstöcke sollst du nicht lesen; ein Feierjahr sei für das Land.’«

Lichtenstaedter kommentiert, dass es zu bezweifeln ist, »ob ein ähnliches Gesetz in irgend einer anderen Religion besteht oder bestand«. Er erwähnt, dass in den 1890er Jahren Geldsammlungen außerhalb Palästinas existierten, um jüdischen Siedlern das Sabbatjahr im Heiligen Land zu ermöglichen.

Es ist ein stolzes Judentum, das sich in Abgrenzung zu bloßem uneingeschränktem Wirtschaften nachvollziehbar so ausdrückt:

»Um wie viel höher steht unsere Thora als das Gewissen der sogenannten Kulturwelt!«

Er analysiert ein weiteres Gesetz aus dem Buch Mose, nachdem junge Vögel bzw. Eier, die mitsamt einem Nest herabgefallen sind, angeeignet werden können, die Vogelmutter jedoch solle frei gelassen werden. Darin handele es sich um einen Schutz der Gattung, denn die ausgewachsene Vogelmutter könne alsbald neue Eier legen, während die hinabgestürzten Jungen bzw. Eier ohnehin verloren seien:

»Wir haben es also hier mit nichts anderem als mit zoologischem Naturschutz zu tun – meines Wissens dem ersten derartigen Gesetze in der Religions- und Kulturgeschichte der Menschheit, soweit uns bekannt.«

Sodann geht er auf das Gesetz »Bal taschchith« ein, »Du sollst nichts ruinieren«, womit insbesondere militärische Belagerungen gemeint sind bzw. Eroberungen. Das nächste Gesetz, das »Vermischungsverbot« ist selbstredend abstrus, es bezeichnet u.a. das Verbot »Kleidung von verschiedenen Stoffgattungen (Wolle und Leinen)« zu tragen.

Auch Lichtenstaedter erscheint das unsinnig, wie die orthodoxe Position, nach welcher der im Jahr 1555 erlassene Codex »Schulchan Aruch« bis heute bestimmend sei. Weder so ein »Versteinerungsstandpunkt« noch ein den Naturschutz als unbedeutsam abwehrender »Verstümmelungsstandpunkt« der jüdischen Tradition gegenüber seien hilfreich.

Vielmehr gelte es ein »Zurück zur Thora« anzustreben, allerdings sieht Lichtenstaedter die Bedingungen für ein offensives Eintreten der engen Beziehung von Judentum und Naturschutz ganz realistisch – 1932 – in einem traurigen Licht:

»Dabei wollen wir durchaus nicht die Schwierigkeiten und Bedenken unterschätzen, die einer Führerrolle des Judentums naturgemäß entgegenstehen. Wie nun einmal die Verhältnisse sind, läge, wollten wir uns in den Vordergrund drängen, der Gedankengang sehr nahe: Wie? Das Judentum predigt den Naturschutz? Also gibt es nur eine Losung: Zerstören, was nur zerstört werden kann, verwüsten, was verwüstet werden kann, vernichten, was vernichtet werden kann!

Hier heißt es also, gewisse Zurückhaltung zu üben, mehr an engere, sittlich höhere Kreise als an die breitere Volksmasse, namentlich zu Zeiten, in denen sie der Verhetzung und Verblödung zugänglich ist, sich zu wenden. Aber das Wichtigste ist für uns überhaupt, dass wir selbst im Geiste unserer Religion handeln.«

Lichtenstaedter schließt seinen Vortrag, indem er sich ganz deutlich gegen die schon zu Weimarer Zeiten allzu laut hörbaren völkischen “Natur- und Heimatschützer” wendet und sagt:

»Mit absoluter Sicherheit darf man behaupten: Der weitverbreitete “moderne”, “patriotische” oder “völkische” Gedanke: “Nur das eigene Volk oder die eigene (anthropologische oder imaginäre, fingierte) Rasse ist wertvoll und daher absolut existenzberechtigt- steht in unversöhnlichem Widerspruche mit der jüdischen Sittenlehre.«

Die nicht-jüdischen, deutschen Naturschützer gingen wie fast alle ganz normalen Deutschen ab 1933 einen anderen Weg. Nicht nur im Naturschutz “fruchtete” die jahrelange Hetze gegen Juden, “Undeutsches” und Judentum.

»Am 25.6.1942 wurde Lichtenstaedter mit dem Transport II/9 von München nach Theresienstadt deportiert. Von den 50 Personen aus denen dieser Transport bestand, wurden 46 umgebracht, vier wurden befreit. Lichtenstaedter selber wurde am 6.12.1942 in Theresienstadt ermordet.«

Gert Gröning/Joachim Wolschke-Bulmahn (Hg.) (2006): Naturschutz und Demokratie !? Dokumentation der Beiträge zur Veranstaltung der Stiftung Naturschutzgeschichte und des Zentrums für Gartenkunst und Landschaftsarchitektur (CGL) der Leibniz Universität Hannover in Kooperation mit dem Institut für Geschichte und Theorie der Gestaltung (GTG) der Universität der Künste Berlin, München: Martin Meidenbauer.

 

„Heil Hitler und Alaaf“

Der Tagesspiegel, 25.01.2008

Karneval und Antisemitismus haben eine lange Tradition – Erinnerung an die Schoah und Erinnerungsabwehr stehen in einem engen Verhältnis.

Am Sonntag, den 27. Januar 2008 findet in München der diesjährige Karnevalsumzug statt. Somit am internationalen Gedenktag zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Erinnerung an die Schoah und Erinnerungsabwehr stehen in einem engen Verhältnis.

Dabei spielte Judenhass, auch der später codierte, im Karneval eine wichtige Rolle, nicht nur in der NS-Zeit. 1935 gab es bei der Fastnacht in Kaiserslautern antijüdische Masken. Dabei wurden im Sinne der Rassenideologie herbeifantasierte physiognomische Kennzeichen von Juden zur Belustigung verwendet. Ein Jahr später hieß ein Umzugswagen beim Fastnachtsumzug in Marburg „Auf nach Palästina“, mit als Juden verkleideten Narren auf dem Wagen. Nicht nur in Köln hieß es seit 1933 „Heil Hitler und Alaaf“.

Nach 1945 wurde der präzedenzlose Mord, der Holocaust, verdrängt, abgewehrt oder auf andere Weise derealisiert, entwirklicht. Insofern steht der Münchner Karnevalsumzug 2008 in einer bestimmten Tradition, wie bewusst, unbewusst, ignorant achselzuckend oder verschmitzt kichernd auch immer. Mehr noch: Karneval und Erinnerungsabwehr haben eine lange Tradition. 1949 ging es los.

Von 1940 bis 1948 gab es keinen Karneval in Köln, der Karnevalshauptstadt in Deutschland. 1949 war dort das Motto der „erweiterten Kappenfahrt“, was noch keinen Rosenmontagszug darstellte: „Meer sin widder do un dun war meer künne“. Der Schriftsteller Dieter Wellershoff, selbst Teilnehmer am Zweiten Weltkrieg, hat 1979 in einem von Jürgen Habermas herausgegebenen Band über „Stichworte zur geistigen Situation der Zeit“ festgehalten:

„In einem Karnevalslied meiner Studentenjahre sangen wir noch ›Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien‹, was heißen sollte: ein kolonisiertes Völkchen, das in heiterer Verantwortungslosigkeit dahinlebt. Dann wurden wir Bundesbürger, und das bedeutete eine zunächst äußerliche, dann aber doch tiefgreifende Verwandlung.“ Der hemdsärmelige Foxtrott „Trizonesien“ war einer der größten Schlagererfolge der Nachkriegszeit. Um was ging es? Ein Kölner Sänger und Karnevalist, der schon zu NS-Zeiten fröhliche Unterhaltung gemacht hatte, Karl Berbuer, dichtete und vertonte den Song:

Vers 1

„Mein lieber Freund, mein lieber Freund, die alten Zeiten sind vorbei, ob man da lacht, ob man da weint, die Welt geht weiter, eins, zwei, drei. Ein kleines Häuflein Diplomaten macht heut die große Politik, sie schaffen Zonen, ändern Staaten (…)

Vers 3

Doch fremder Mann, damit du’s weißt, ein Trizonesier hat Humor, er hat Kultur, er hat auch Geist, darin macht keiner ihm was vor. Selbst Goethe stammt aus Trizonesien, Beethovens Wiege ist bekannt. Nein, sowas gibt’s nicht in Chinesien, darum sind wir auch stolz auf unser Land.

Refrain: Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, Hei-di-tschimmela- tschimmela-tschimela-tschimmela-bumm!

Wir haben Mägdelein mit feurig wildem Wesien, Hei-di-tschimmela-tschimmela-tschimmela- tschimmela-bumm!

Wir sind zwar keine Menschenfresser, doch wir küssen um so besser. Wir sind die Eingeborenen von Trizonesien, Hei-di-tschimmela- tschimmela-tschimmela-tschimmela-bumm!“

Dieser Song wurde 1948/49 mitunter als Nationalhymne gespielt, etwa bei Sportveranstaltungen, und war der Hit des Karneval 1949 in Köln. Der Songtexter Berbuer war hier eine bekannte Person, ihm wurde vor einigen Jahren ein Denkmal aus Bronze gewidmet.

Der Musikwissenschaftler Fred Ritzel hat in der Zeitschrift Popular Music den Song seziert und stellt die Frage, ob es zu gewagt sei, in der „obskuren Fremdheit“ „Chinesiens“ eine Referenz auf die Juden sehen zu wollen. In der Tat: Der Antisemitismus scheint im Reden von „Chinesien“, das im Gegensatz zu „Trizonesien“ keine „Kultur“ und keinen „Geist“ kenne, unschwer wider.

In dem Trizonesien-Song, der natürlich auf die drei großen Besatzungszonen damals anspielt, wird auch lamentiert, dass „Diplomaten“ einfach Staaten änderten und „Zonen“ schufen. Die Deutschen nicht als konkrete Täter, von denen noch Hunderttausende munter lebten, 1949, vielmehr als Opfer und Gegängelte solcher Diplomaten zu sehen, ist zentral.

So dichteten sich die Deutschen wenige Jahre nach dem Ende des NS-Staates ein Karnevalslied, welches nichts als Schuldprojektion, Schuldabwehr und aufgewärmten Nationalstolz verkündet. Auf den Straßen Kölns tanzten die Narren wie imaginierte „Eingeborene“ zu diesem Song, dazu hatten sie sich die Haut schwarz bemalt. Sie wollten sich selbst „exotisieren“, zumal gegenüber den Besatzungsmächten, um den imaginierten Opferstatus der „ganz normalen Deutschen“ zu untermalen. Die Alliierten haben demnach keine Befreiung vom Nationalsozialismus gebracht, vielmehr die armen Deutschen „kolonisiert“.

Diese Selbsteinschätzung ist bezeichnend. Das abstoßende Wort von den Deutschen, die keine „Menschenfresser“ seien, dafür umso besser „küssten“, kann nicht anders denn psychoanalytisch interpretiert werden: Die Schuld an der Vernichtung der Juden wird derealisiert, um sich nicht nur als Mörder reinzuwaschen, sondern auch um gleich wieder Gutes, spezifisch Deutsches hervorzuheben: Goethe, Beethoven und das Küssen.

Die Deutschen tun also was sie können, um Auschwitz zu vergessen, zu banalisieren, zu überlagern. Sei es mit Karnevalsumzügen am 27. Januar 2008, dem Auschwitzgedenktag, oder mit schuldabwehrenden Songs wie dem Trizonesien-Schlager von 1949. Wie hieß es in Köln als Motto, damals, passend dazu: „Meer sin widder do un dun war meer künne“. Na dann.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und Publizist aus Berlin.

 

Braun schlägt grün – oder umgekehrt?

Hagalil.com, 20.01.2008

Die Debatte über Jugendkriminalität ist eskaliert. In einem etwas selbstironischen Beitrag hatte der Chef des Feuilletons der Wochenzeitung Die Zeit, Jens Jessen, die deutschen, spießigen Rentner kritisiert, ohne gleichwohl die brutale Aktion jener zwei Jungmänner in München zu verteidigen. Aber die jahrelangen Schikanen, der rassistische Alltag, der ja unbestritten in ganz Deutschland in unterschiedlicher Ausprägung gewaltig herrscht, wurden von Jessen angegriffen…

Doch ganz so einfach ist es auch nicht. Denn Judenhass oder Ablehnung der Moderne durch Muslime, auch jugendliche, ist in Deutschland zunehmend eine Gefahr. Islamischer Antisemitismus jedoch wird von so genannten ›Gutmenschen‹ gern übersehen, klein geredet oder gar als Antizionismus und Hass auf Israel bejaht, wie von vielen Linken, Nazis und der bürgerlichen Mitte gleichermaßen. ›Jude‹ wiederum ist zu einem Schimpfwort auf Schulhöfen oder öffentlichen Plätzen geworden. Doch um all das geht es hier und heute kaum, so wichtig eine seriöse und radikal kritische Debatte dazu wäre. Nur am Rande: die beiden Täter aus München, welche einen 76jährigen deutschen Rentner zusammen schlugen, nachdem dieser sie in Altherrenoberlehrermanier zurecht weisen wollte ob des Rauchens in der U-Bahn, sind türkisch-deutsch bzw. griechisch-deutsch. Alkohol spielte eine Rolle und der Islam wohl in diesem Fall kaum eine, bei dem Deutsch-Griechen überhaupt keine.

Vielmehr geht es um einen Tabubruch, mal wieder. Es geht um die ›nationale Identität‹ Deutschlands, um nichts anderes. Und um die Erinnerung an die Shoah, welche hier verhandelt wird, auf Umwegen. Die SS oder die Wehrmacht, welche die Vernichtung der europäischen Juden organisierten und durchführten, werden mit muslimischen Jugendlichen, Deutschen mithin, in direkte Beziehung gesetzt. Letztere würden das Erbe ersterer antreten. Wörtlich schrieb Schirrmacher:

»Zur Klarheit, die vom Staat gefordert ist, gehört auch, dass man ausspricht, dass die Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus potentiell das ist, was heute den tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts am nächsten kommt.«

Es ist dieser letzte Satz aus einem Text des FAZlers Frank Schirrmacher, der die Sache klar macht. Da ist von den »tödlichen Ideologien des zwanzigsten Jahrhunderts« die Rede. Schon das natürlich eine totalitarismustheoretische Reinwaschung Deutschlands, ganz implizit in jeder Pore jedes Wortes. Im Plural steckt die Abwehr der deutschen Schuld, ja der Export dieser Schuld, am liebsten natürlich auf die UdSSR. Heute nun sei eine »Mischung aus Jugendkriminalität und muslimischem Fundamentalismus« die Erbin jener »tödlichen Ideologien«. Ein Tabubruch von Schirrmacher, der einzelne Gewalttäter auf eine Ebene stellt mit den Verbrechen der SS oder der Wehrmacht. Man muss das sehr ernst nehmen, da nicht nur die größte Tageszeitung Europas diese Agitation auf neue Tiefen getrieben hat, vielmehr auch im Internet weblogs, auch solche, die sich kritisch dünken und meinen, sie seien liberal wie die ›Achse des Guten‹, mitschwimmen.

Der Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner hat am 16. Januar 2007 folgendes zu der Sache geschrieben: » Liebes RTL-Dschungel-Camp, mit Jens Jessen hätten Sie einen Kandidaten, vor dem Kakerlaken, Mehlwürmer, Spinnen und alles Glitschige auf dieser Welt Angst hätten. Was für ein Quotenhit! Herzlichst Ihr F. J. Wagner«. Andere deutsche Rentner bezeichneten den Zeit-Feuilleton-Chef als »Brandstifter« oder als einen, der mit seinem videoblog »Verbrechen gegen das deutsche Volk« begangen habe.

Bei solcher Wortwahl wie jener Wagners wundert es nicht, dass in Berlin seit Jahren darüber gestritten wird, ob die Treitschke-Straße nun umbenannt werden könne oder nicht. Schließlich ginge es um deutsches Kulturgut, und was wäre dieses ohne Antisemitismus und Straßen, Plätze und allerhand andere Örtlichkeiten, welche nach deutschen Antisemiten benannt sind, von Fontane über Richard Wagner hin zu Treitschke, von Stauffenberg nicht zu schweigen?

Also doch dieses »Multikulti-Kuscheln«? Nein. Aber die Blicke deutscher Rentner sind was vom Schlimmsten, in der Tat. Kein Grund, sie deshalb halbtot zu schlagen, gewiss. Aber das möchte ja auch niemand wirklich. Es geht um Jugendliche, Islam und die größte Gefahr im 21. Jahrhundert. Die geht wie schon im 20. vom Faschismus aus, genauer, damals vom Nationalsozialismus, heute vom grünen Faschismus des Islam. Und genau dagegen sind die Schirrmachers, Wagners und die deutschen Rentner überhaupt nicht in erster Linie. Ihnen geht es um Deutschland als deutsches Land. Sie benutzen die vorgebliche Kritik am Islam dazu – wie schon Karl Heinz Bohrer vor ein paar Monaten im Merkur – völkische Homogenität zu propagieren, Reinheit und Einheit, ohne ›Kanaken‹, und Stolz auf Männlichkeit mit ›Ehre‹, Fahne und Schmiss.

Kein Roland Koch und keine FAZ oder Bild regten sich über Hetzjagden auf einen Schwarzen in Berlin-Spandau oder über erwachsene Straßendeutsche, die ihre Hunde auf jüdische Jugendliche hetzten, auf. In Berlin wurde eine afghanische Familie von Nazis angegriffen und konnte sich gerade noch so retten. Wohnen muss sie auch nach Silvester in der gleichen Gegend, wo die deutschen ›Kameraden‹ ihre braune Hetze und Gewalt tagtäglich ausleben. Doch das ist alles gar nicht der Kern der Debatte. Der liegt wo anders. Schirrmacher gibt ja vor, gegen den »islamischen Fundamentalismus« zu sein und ihn als »größte Gefahr« zu erkennen. Würde er das wirklich, würde er primär die deutsche Bundesregierung und die deutsche Industrie mit ihren Geschäften, Bürgschaften und diplomatischen Beziehungen zu und mit dem Iran angreifen, kritisieren und geißeln. Dass das eine Zeitung für Deutschland selbstredend nicht tut, ist klar. Das Groteske und tatsächlich Volksverhetzende an Schirrmacher ist folgendes: er sagt, dass gerade »Jugendliche« und »islamischer Fundamentalismus« »potentiell« den »tödlichen Ideologien« des 20. Jahrhunderts am nächsten kämen. Diese beiden Münchner Jugendlichen und einige andere in einer Reihe mit der SA, der SS, der Gestapo und der Wehrmacht. Das ist volksverhetzend.

Nun, mehr noch: die tagtäglichen Raketenangriffe auf Israel von der Hamas sind nicht potentiell, vielmehr real. Die Selbstmordattentäter im Irak sind ebenfalls Realität und die Friedenshetze der Deutschen hat sie seit 2003 tagtäglich in ihrem tun bestärkt. Die FAZ malt nun vergleichsweise wenige und harmlose Jugendliche, die in ihrer kriminellen Energie nicht klein geredet werden dürfen, aber eben primär kriminell sind und nicht ›ausländisch‹ oder was immer, als den Schrecken unserer Zeit an die Wand, genau: »ausländische Jugendliche«, welche DEUTSCHE Rentner schlagen. Das passt zu dem ›Witz‹ aus alten Zeiten: »jüdischer Hausierer beißt deutschen Schäferhund«… Es geht überhaupt nicht darum, wie viele Linke es natürlich gerne hätten, die ›Muslime als die Juden von heute‹ in Schutz zu nehmen. Oh nein.

Die Juden von heute sind Juden. Bedroht vom Antisemitismus/Antizionismus. Zuerst in Israel, das existentiell bedroht ist und kein Mensch in Deutschland schert das sonderlich, ja es wird gefeixt wie lange es der Judenstaat noch macht. Dass jedoch ein Schirrmacher nicht etwa die Hamas, den Iran, die Hezbollah oder Syrien, al Quaida und andere Islamisten als große Gefahr erkennt, vielmehr deutsche Jugendliche, denn das sind sie ja, das ist so beachtlich wie leicht dechiffrierbar. Sie wollen wieder stolz sein, die Deutschen. Und Opfer. Ob als Rentner, Untergegangene oder Freunde von Scientologen-Spinnern, welche deutschen Nationalisten, welchen Hitler »zu liberal« war (und unadlig), ein cineastisches Denkmal setzen werden, egal.

Das Problem mit islamischen deutschen Jugendlichen und Erwachsenen ist viel zu krass und heftig und sehr wohl existent, als es ganz normalen Deutschen zu überlassen, die vom »Erziehungslager« träumen, und den grünen am liebsten mit dem braunen Faschismus besiegen wollen. Schirrmacher diminuiert die SS zu einem Haufen Rabauken. Solche Verharmlosung des Präzedenzlosen ist antisemitisch. Sein Männerfreund Wagner hetzt in alter Treitschke-Manier gegen Kollegen, welche mit ›Kakerlaken‹ verglichen werden. Auch das ist antisemitisch.

 

Eine deutsche Liebe: Über die braunen Wurzeln der Grünen und die Lücken der Naturschutzforschung (mit Peter Bierl)

Eine deutsche Liebe: Über die braunen Wurzeln der Grünen und die Lücken der Naturschutzforschung (mit Peter Bierl), Konkret, 1/2008

„Giftmischer von Bush bis Bin Laden“. Die Muslime sind die Juden von heute, sagt der Scheibenwischer Hagen Rether in der ARD

Original auf Wadi.net am 3. Januar 2008

Er meint es doch wirklich gut. Rassismus greife um sich, die Muslime in der Defensive. „Wehret den Anfängen“ meint er. Also ein richtig guter Mensch, der Hagen Rether, Nachwuchshoffnung der deutschen Kabarettszene. Er vergleicht die Demokratie mit dem Jihadismus und dessen Massenmörder Bin Laden und suggeriert dass die Muslime die Juden von heute und morgen seien. Jüdische Kritiker wie Ralf Giordano oder Henryk M. Broder hingegen seien Protagonisten einer bösen Kampagne gegen den Islam und die Muslime in Deutschland. Selbst der Papst sei mittlerweile gegen Mohammed. Und vor allem die Presse. Da muss dagegen gesteuert werden. Rether möchte weiterhin, wie er selbst sagt, Multikulti-Kuscheln. Ideologiekritik – und Religionskritik, welche immer der Beginn hiervon ist – sind hingegen pfui, solange sie nicht Christen oder Juden meinen.

In einem Jahresrückblick der meist gesehenen politischen Kabarett-Sendung – dem legendären Scheibenwischer in der ARD – am 29.12.2007, zeigte Rether eindrücklich, was er meint. Mehrere Cover von Spiegel und Stern mit jeweils schwarzem Hintergrund zeigen für ihn demnach wie arg die Muslime in Deutschland in Bedrängnis stehen. Dass schwarz z. B. der Schleier im Iran ist oder die BlackBox in Mekka, um welche erst kürzlich wieder Millionen Gläubige wie magnetisch angezogen im Viereck liefen, was das wohl für die Farbe schwarz bedeuten mag? Die Muslime seien die „neuen Sündenböcke“. „Neu“? Wer waren die alten? Dass zwar nicht alle Muslime Terroristen sind, gleichwohl so gut wie alle Terroristen derzeit Muslime – um den Herausgeber einer arabischen Zeitung zu zitieren -, hat sich bei der ARD noch nicht herumgesprochen.

Vielmehr sekundiert Rether den Ex-Tagesthemen-Frontmann Ulrich Wickert und posaunt heraus, dass doch Bush wie Bin Laden „Giftmischer“ seien. Wow! Wer denkt das denn nicht in Deutschland und Europa oder von Tony Judt über Noam Chomsky, Arundhati Roy, Claudia Roth und Norman Finkelstein bis Moshe Zuckermann? Die USA seien seit 9/11 „komplett paranoid“, die Deutschen schon vor einem Anschlag, wie die ARD-Nachwuchskabarett-Hoffnung meint. Die Pulverisierung von 3000 Menschen im World Trade Center macht so einem ganz normalen deutschen Dhimmi offenbar gar nichts aus. Schrecken vor weiteren Massenmorden wie jenen von 9/11 oder gar die unaussprechliche Angst vor der angekündigten Zerstörung Israels durch eine schwarze, islamisch-antijüdisch motivierte Bombe aus Teheran, irritieren den Gutmenschen Rether offenbar gar nicht.

Schon in früheren Beiträgen hatte Rether seine urdeutschen Ressentiments gegen Amerika im allgemeinen und George W. Bush im speziellen gezeigt, die Jihadisten nimmt er in Schutz, wenn er sagt, die Terroranschläge am 11. März 2002 in Madrid hätten in München stattgefunden, wenn Angela Merkel damals schon Kanzlerin gewesen wäre. Was für ein deutscher Schenkelklopfer. Rether greift nun am 29.12.2007 im Scheibenwischer namentlich Ralf Giordano, Günter Wallraff und insbesondere Henryk M. Broder an, welche alle drei in einer lange geplanten, gleichsam verschwörerischen Aktion den Islam kritisierten und böse Hetze betrieben.

Zumal Broder möchte Rether Tipps geben und macht sich über dessen Bestseller „Hurra wir kapitulieren“ lustig – demnach habe Broder „vor seiner türkischen Putzfrau kapituliert“. Ein lustiger Witz. Dass gerade Broder ziemlich zurückhaltend argumentiert und nichts gegen Moscheen hat oder religiöse Leute, aber darauf insistiert, dass parallel doch bitteschön auch in Saudi-Arabien große oder auch kleinere Gebetshäuser, Kirchen gar, gebaut werden sollten, wenn schon im Westen nonstop islamische Gotteshäuser gebaut werden, das fällt bei der ARD natürlich unter den schwarz lackierten Flügel, an dem Rether so gerne sitzt. Er möchte einen „Kuschelkurs“ mit den Muslimen – „was auch sonst?“ Der gut achtminütige Beitrag meint, dass weder „Zwangsheirat“ noch „Ehrenmord“ relevante Topoi seien – schließlich würde an Weihnachten auch in christlichen Familien manch Verbrechen verübt. Wenn man alleine das brutale Stopfen von Gänsen sich anschaut, damit deren Leber schön dick werde und sie an Weihnachten gut schmecke, liegt der
Wahrheitsgehalt von Rethers Kritik an Weihnachten offen vor uns.

Für die ARD und ihren Scheibenwischer sind George W. Bush und Bin Laden Brüder im Geiste, beides „Giftmischer“, der Jude Broder – Rether sagt natürlich nicht „Broder, der Jude“, aber er denkt es – ein elender Scharfmacher gegen den Islam und was ist das Resultat? „Wehe uns, wenn hier demnächst die Moscheen brennen…“, raunt der Islamversteher. Der Spiegel kritisiere den Islam und den Koran, das sei unerhört. „Wir hatten hier schon mal eine Zeit, wo man Bücher für gefährlich hielt…“ Aha. Welche Zeiten? Die Nazi-Zeit gar? Nicht möglich! Die Muslime also als die Juden von heute?

Die FAZ frohlockt: „Keine Frage, mit Rethers kurzweilig-intelligenter, oft hochpolitischer Pianoplauderei ist das deutsche Musikkabarett endlich im 21. Jahrhundert angekommen.“ Rether spricht von „Israel, ein ganz normaler Apartheidstaat“. Antisemitismus ist nicht nur der längste Hass auf eine bestimmte Gruppe Menschen, den diese Welt kennt. Er nennt sich nach Auschwitz und nach 1967 auch noch Antizionismus. Das hört sich demokratischer an. Und er ist ein prima Geschäft.

Am 10. Februar 2008 bekommt Hagen Rether dafür den wichtigsten Preis für dieses Genre in Deutschland verliehen, den Deutschen Kleinkunstpreis, direkt neben seinem Vater im Geiste, Dieter Hildebrandt, der ihn an diesem Tag für sein „Lebenswerk“ erhalten wird. So fängt das Jahr 2008 an. Doch 2008 wird das Jahr Israels werden. Da können die Deutschen Klein- oder Mittel- oder Großkunstpreise für Judenfeinde verleihen wie sie wollen.

 

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén