Clemens Heni

Wissenschaft und Publizistik als Kritik

Monat: April 2007

Die Achse der Frommen

Achgut, 25.04.2007

Gestern starb der Gründer des ZDF, Karl Holzamer, im Alter von 100 Jahren. Ein echter Deutscher, ja ein „Neudeutscher“ war er, was jedoch gern verschwiegen wird, ist doch der katholische Bund Neudeutschland eher Signum fanatischer Religiosität, dem auch Nazis wie Hans Filbinger die Treue schworen. Vielmehr wird so an Holzamer erinnert: »Während des Zweiten Weltkrieges kam er als Bordschütze der Luftwaffe und Hörfunk-Korrespondent in viele Länder. Das habe seinen Horizont sehr erweitert, sagte er selbst, aber auch: ›Nur mit meiner absolut christlichen Haltung konnte ich Front machen gegen die schrecklichen Erlebnisse im Krieg‹«, wie die Augsburger Allgemeine stolz verkündet. Was ist von einem Menschen zu halten, der den Zweiten Weltkrieg als ›Bereicherung seines Horizonts‹ grotesk überhöht und affirmiert?

Durch ein Zeltlager in Oranienstein 1931 wurde der

»Zusammenhalt der Neudeutschen bestimmt und die Mitträger der Politik der Bundesrepublik direkt oder indirekt beeinflußt (Rainer Barzel, Bernhard Vogel, Hans Filbinger, Josef Jansen, Hans Puhl, Josef Stingl, Peter Nellen, Bruno Heck – wieder nur einige aus dem eigenen Erfahrungsbereich vor und nach dem Kriege). An anderer Stelle habe ich in diesem Zusammenhang von einem Erlebnis berichtet, das ich während des Krieges als Luftwaffenangehöriger in Sizilien hatte (1942). Bei einer Meldung bei einem Gruppenkommandeur auf einem mir noch nicht bekannten Flugplatz sprach mich ein Fähnrich, der mit anderen Offizieren dabeistand, an: ›Ich kenne Sie, Herr Leutnant, vom Leuchtturm‹ [einer Zeitschrift dieses Bundes Neudeutschland]. Eine eindeutige Erkennung zwischen uns, ein Geheimcode für die anderen.«

»Die nachwirkenden Erfahrungen des Kaiserreichs, zumal bei den Eltern vieler Neudeutscher, die Ungerechtigkeiten des Diktatfriedens von Versailles und das Drängen der Jugendbewegung nach freier natürlicher Entfaltung schufen ein z. T. gebrochenes Verhältnis zur Weimarer Republik – auch innerhalb des Bundes (…)«.

Dieses gebrochene Verhältnis, an welches der nun 100jährig verstorbene Karl Holzamer, erster und langjähriger Intendant des ZDF, 1985 erinnerte, hat die von ihm bewunderten Leute wie Hans Filbinger zu echten Nazis gemacht. Klar, dass auch der Neudeutsche Katholik Karl Holzamer nur Gutes über sich hören wird beim Abschied in der Kirche. Was seinen katholischen Bund Neudeutschland ideologisch kennzeichnete wird in dem folgenden Beitrag deutlich.

»Schutz der Volksgemeinschaft« vor »Glück«, der »Denkweise des Liberalen« und »gutem Essen an beliebigem Ort« oder:

Hans Filbinger war ein Nazi

Wenig bekannte Quellen des katholischen Bundes Neudeutschland

Von Dr. Clemens Heni

»›Der Nationalsozialismus hat weder im Individualismus noch in der Menschheit den Ausgangspunkt seiner Betrachtungen, seiner Stellungnahme und seiner Entschlüsse. Er rückt bewusst in den Mittelpunkt seines ganzen Denkens das Volk.‹ (Adolf Hitler beim Erntedankfest auf dem Bückeberg, 1. Okt. 1933)«.

So heißt es in einem Vorspann zu dem Artikel »Volk als Begriff und Aufgabe« von Rolf Fechter (Jg. 1912) in den Werkblättern von Neudeutschland Älterenbund.1 In der gleichen Ausgabe schreibt auch Hans Filbinger seine ersten persönliche Betrachtungen über diese Neudeutschen, vgl. unten. Fechter betont, dass Hitler oder Goebbels dem Begriff Volk wieder einen gleichsam ›deutschen‹ Sinn gegeben haben:

»›Volk‹ meint in dem Sinn, in dem heute das Wort wieder erwacht ist, nicht mehr ›Untertanen‹, nicht mehr ist ›Volk‹ politisches Gegenstück zur Obrigkeit, auch nicht mehr soziales Gegenstück zu den ›oberen Zehntausend‹, — es ist weder Untertanenschaft, noch verfassungspolitische Gruppe, noch Klasse.«2

Prima, endlich erhält das Wort Volk seine positive Bestimmung wieder, jubilieren nicht nur deutsche Katholiken. Ein längerer Abschnitt befasst sich daran anschließend mit der »Judenfrage«, na klar. Ist wirklich jeder Deutscher ein Deutscher, fragt man sich nicht nur aber vor allem im Jahr 1933:

»Katholizismus ist Religion, nie Volkstum – Judentum aber ist Volkstum (Judentum ist das als Nation ›auserwählte Volk‹!). Ist nun dieses Volkstum Bereicherung oder Schaden, Sprengkörper für die Nationen?«

Das ist doch mal eine freundliche Offenheit, nicht wahr? Ganz diskursiv wird hier katholischerseits im Filbinger-Blättle Werkblätter des Bundes Neudeutschland gefragt ob Juden harmlos, deutsch oder vielleicht Sprengkörper seien. Weiter geht’s im Text:

»Zweifellos zeigt die Praxis, dass es viele Juden gibt, die echt deutsch sind und fühlen, die für das Deutschtum, für deutsche Wirtschaft und Wissenschaft viel getan und die auch ihr Blut geopfert haben – man würde bitteres Unrecht tun, wolle man dies leugnen, – aber wer objektiv ist, sieht auch, dass gerade bei den Mächten, die Sitte, Volksgesundheit und Volkstum unterhöhlen und vernichten (wie etwa bei einer gewissen Presse, beim internationalen Kapital us.), das jüdische Element in ganz hervorragendem und in ganz auffällig starkem Maße beteiligt ist. Das sind Dinge, die zu denken geben«

und denken, ja nachdenklich werden ist doch was Gutes, oder nicht? Diese Katholiken liegen ihrem „Denken“ 1933 jedenfalls voll im Trend. Der Zeitgeist hat einen Namen: »Bund Neudeutschland«, ob explizit unter diesem Banner fahrend wie anno 1933 – oder etwas verbrämter, verdruckster, evangelischer oder antiimperialistischer ausgedrückt: »Für eine Welt ohne G8«….

Doch bleiben wir jetzt einmal bei den ›völkischen Aufgaben‹ im Jahr 1933: Diese zitierten antisemitischen Fragen stellt ein guter Kollege, ›Kamerad‹ oder ›Bruder‹ Hans Filbingers ganz zu Beginn des Nationalsozialismus. Heute wollen der Öffentlichkeit nun die CDU und ihre Freunde weismachen, Filbinger sei tief im Herzen – trotz späterer NSDAP-Mitgliedschaft – kein Nationalsozialist gewesen, wie der Leiter des Studienzentrums Weikersheim, ein Prof. Bernhard Friedmann, im Fernsehen am 19. April 2007 faselte. Denn was anderes als faseln ist es? Es ist ganz etymologisch »Wirrwarr« oder auch »dummes Zeug« oder auch »Herumgeblasenes« was dieser Leiter von Weikersheim da aus seinem Mund hat kommen lassen auf Phönix.

Die glühenden Herzen Filbingers oder Fechters oder anderer im Bund Neudeutschland sollten jedoch wahr- und ernstgenommen werden in ihrem die ›Deutsche Revolution‹ unterstützenden Einsatz für Deutschland und gegen die Juden, ›Wehrkraftzersetzer‹, Kommunisten, Sozialdemokraten, Anarchisten, Liberalen, Areligiösen, Unternehmer und andere, die nicht ›arteigen‹ drauf waren. Wer ernst genommen werden möchte (also nicht Oettinger, Schönbohm, Pflüger, Kauder, Mappus, Schavan oder gar Brunnhuber heißt) bei der Beurteilung der politischen Stimmung im neuen Deutschland seit dem 30. Januar 1933 muss sich diese Quellen anschauen.

Die Neudeutschen denken rassebiologisch:

»Aufgaben nach innen. Die Träger des Volkstums sind Menschen, gesunde körperliche Grundlage ist Vorbedingung gesunden Volkstums. Hier liegt die ›völkische Aufgabe‹ der Ärzte. Das von der Reichsregierung jüngst erlassene Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses darf vom Standpunkt der Volksgesundheit aus nur begrüßt werden.«3

»Wer an den Volksgedanken glaubt, der glaubt an die Aufteilung der Welt in Völkern, von denen jedes seine Aufgabe hat, von denen jedes wieder Glied eines großen Ganzen ist. Der Reichsgedanke wird nur dann leben können und nicht in Utopie oder Imperialismus ausarten, wenn er den Volksgedanken bejaht und in sich schließt«.4

Jetzt aber möchte ich zum ersten Mal Han[n]s Filbinger selbst zu Wort kommen lassen, als Teenager:

»Aus einem ›Jüngerenkreis‹ (…) Du fragst nach dem tatsächlich Stattgehabten in unserm Kreis? Zuviel darfst Du da nicht erwarten: Was wir getan haben, war ein Anfangen, wesentliche Menschen zu werden. Darum suchten wir Beziehung zu finden zu Ganzheitswerten wie Kunst, Gemeinschaft, Natur, Religion. Alles war bescheidenes Beginnen«.5

»Es ist schon sehr spät, da zieht die gleiche Gruppe – manche stecken schon im Schlafanzug mit Mantel drüber – auf den Schloßberg. Unterwegs wirds immer stiller, keiner spricht mehr. Es ist eine sternenhelle Nacht. Unten in Freiburg brennen nur noch wenige Lichter, der Münsterturm steht wie ein ragender Schatten. Wirklich andächtig singen wir vom Gipfel aus unsere schönsten Lieder. – Romantik und Ausgelassenheit, – auch das ist zuweilen notwendig und schön. Zum Abschluß unseres Einführungskreises sitzen wir im Hof unseres Heims in der Laube. Alles klingt noch einmal zusammen, was der Kreis gewollt hatte in seiner Mittlerrolle zu Gruppe und Bund und echtem Menschsein. Mannheim/Freiburg i. B. Dein Hanns Filbinger.«6

Filbinger auf dem Weg zu ›echtem Menschsein‹ auf dem Freiburger Schlossberg. Der ›Max‹, an den Filbinger, oder das kleine Hänslein diese Eindrücke adressierte, ist Dr. Max Müller, Neudeutscher wie Hans, der spätere Marinerichter.

In der nächsten Nummer der Werkblätter, im Herbst 1933, schreibt Müller:

„Echtes Soldatentum aber hebt nicht die Freiheit personaler Entscheidung für uns auf, sondern setzt sie voraus. Der Neudeutsche Hochschüler ist nicht nur SA-Mann, er ist SA-Student: d.h. mit der soldatischen Unterordnung unter den Führer und seinen Befehl verbindet er das Wissen um den geistigen Auftrag, den er nicht aufgeben kann, ohne sich aufzugeben. Nationalsozialistische Staatsform: das bedeutet nicht ›autoritärer Staat‹, ›Absolutismus‹ und ›Diktatur‹, sondern das bedeutet in erster Linie ›Völkisch-Sozialistischer Staat‹. In ihm ist die politische Autorität und Verantwortung wohl in einem unerhörten Maße beim Führer, der sie sich in 14-jährigem Kampfe erkämpft hat.”7

In der heutigen Diskussion über Filbinger, seinen Enkel Oettinger wird überhaupt nicht erkannt, welch völkische Weltanschauung dieser katholische Bund Neudeutschland propagiert hat in der Zeit des Nationalsozialismus bzw. schon davor. Es wird meist von der ideologischen Vordenkerfunktion dieses Bundes abgesehen.

Zudem: Gerd Langguth z.B. meinte auf Phönix am 19.04.2007, dass nach »unseren heutigen moralischen Maßstäben« Todesurteile für Deserteure »nicht tragbar seien«. ›Nach unseren heutigen moralischen Maßstäben‹, na dann. Bettina Gaus hätte auch gerne, dass Filbinger »in Ruhe« im Grabe liegen möge, Oettinger hätte einfach den Nazismus Filbingers auf sich beruhen lassen sollen und nicht irgendetwas zu dieser Zeit sagen. Dann wäre alles gut, auch für die jedweder Hetze gegen Israel und die Juden von heute so aufgeschlossene taz.

Eine Etymologie des Deutschen harrt immer noch ihrer ideologiekritischen Ausarbeitung. So wäre zu überdenken, ob nicht das Wort ›eigenartig‹ eine völkische Kampfvokabel ist und nichts anderes, abgeleitet von seinem Nomen:

»Ohne Gemeinschaft mit dem Volk, ohne ein Wissen um die Eigenart des Volksgeistes und der ihm eigentümlichen Kräfte kann der Aufbau einer neuen Kultur und eines neuen Reiches nicht erfolgen. Deshalb sagten bei einer Feier ›Das deutsche Volk im deutschen Raum‹ die Vertreter der wichtigsten deutschen Stämme und Landschaften, was diese an wertvoller Eigenart aufweisen und heute zu geben haben.«8

Ein Karl Giess sagt bereits gegen Ende der Weimarer Republik im Jahr 1932, offenbar den NS-Staat gedanklich vor Augen, in einer völkischen Hetze gegen gutes Essen:

»In der Sache z.B. stärkere Berücksichtigung von Heimatboden und Volksgemeinschaft; denn meine Beziehung zum Vaterland geht über den Mutterboden, auf dem ich zu Hause bin und meine Beziehung zum Gesamt-Volk über meine engere und weitere Nachbarschaft. Die Hinkehr des Volkes zum Nationalismus ist zugleich eine Abkehr vom Sozialismus-Bolschewismus, der den Menschen zu einem internationalen (außerhalb der Nation stehenden) aus Boden und Familie entwurzelten Allerweltsbürger macht, dessen Grundsatz lautet: ›Wo ich gut zu essen bekomme, fühle ich mich zu Hause‹ (Ubi bene, ibi patria).«9

Dieser gleichsam auch orale Kosmopolitismus (welcher wortwörtlich nicht unbedingt ›Essen‹ heißen muss), der aus dem Spruch Ubi bene, ibi patria Ciceros zu hören ist und auch von dem Humanisten Erasmus von Rotterdam (1466-1536) positiv übernommen wurde, wird hier bereits zu demokratischen, Weimarer Zeiten, rabiat abgewehrt und ein Nationalismus auch beim Essen eingefordert. Eine Hetze gegen ›entwurzelte Allerweltsbürger‹ kennzeichnet also diesen Bund Neudeutschland schon vor 1933! Ein Nationalismus der Alltäglichkeiten, wie er Hans Filbinger gefallen hat. Singen, Jauchzen, Essen, alles nur auf katholischer, ›reiner‹ deutscher Erde, so soll es offenbar sein.

Im ersten Heft des 7. Jg., im Mai 1934 heißt es dann in den Werkblättern:

»Es stärkt uns dabei das Wissen, dass die echte Form des Nationalsozialismus, wie ihn der Führer vertritt, ›auf dem Boden positiven Christentums steht‹ (so auch Reichsminister Dr. Goebbels wörtlich in einer Rede in Düsseldorf am 25. April 1934).«

In einer längeren Buchbesprechung des Werkes »Der Individualismus als Schicksal« von Otto Miller, 1933 erschienen, schreibt Rolf Fechter:

»Das Zeitalter des Individualismus, dessen Anfänge man mit dem spätmittelalterlichen Nominalismus einsetzen lassen kann, ist in seine vielleicht entscheidende Krisis gekommen. Einsichtigen, vor allem Katholiken, war es von Anfang an nicht ungewiß, dass diese Krisis kommen musste, ob auch solche Gewissheit bis vor kurzem von vielen, die heute am lautesten davon reden, weidlich verspottet und hochmütig belächelt wurde. Mit dem Durchbruch des Nationalsozialismus ist ein entscheidender Schlag geführt worden. Aber man darf nicht glauben, dass der Geist des Individualismus schon ausgetrieben sei: zu viele sind es, die – falls sie nicht dem andern Extrem, dem aus gleicher Wurzel kommenden Kollektivismus, verfallen sind – ihren alten Adam in die neue Zeit hinüberzuretten verstanden, wenn sie ihm auch ein andersfarbiges Mäntelchen umgehängt haben.«10

Der Nationalsozialismus wird hier gefeiert in seinem Kampf gegen den Individualismus im Jahr 1934, bei Filbinger heißt es dann im Jahr 1998 im Studienzentrum Weikersheim, einem Think-Tank, welches immer noch nicht geschlossen ist:

»Die Stichworte ›Emanzipation‹, ›Demokratisierung‹, ›Selbstverwirklichung‹, ›Verweigerung‹, ›antiautoritäre Erziehung‹ u.a. verwirrten die Köpfe der Studenten und führten zu den bekannten Exzessen.«11

Eine »Feierstunde« von 20 Seiten Umfang (von Emil Maubach, »Rheinisches Christentum«) lobt der spätere Botschafter der BRD, Rolf Fechter, 1934 und jubelt:

»Sie wären es wert, in einer echten ›Stunde der Nation‹ dem ganzen deutschen Volk zugänglich gemacht zu werden (zumal da die ganze Anlage den Anforderungen des Rundfunks ausgezeichnet entspricht). Die Feierstunde bringt es jedem Unvoreingenommenen wieder deutlich zum Bewusstsein, wie sehr germanisches mit christlichem Wesen gerade im Rheinland zu einer großartigen Synthese verschmolzen ist.«12

Auch das ist ein Hinweis darauf, dass germanische Religiosität, Katholizismus, Protestantismus und andere Facetten im Nationalsozialismus auf ihre je unterschiedliche Weise die antijüdische Volksgemeinschaft zu kreieren vermochten.

Dieser Emil Maubach hat darüber hinaus in einem weiteren Beitrag Vorschläge zur Erziehung der Jugend zu bieten, die aufhorchen lassen:

»Sicherlich ist Jazz Zeichen und Frucht einer Krisenzeit. Aber ein Mensch mit Fleisch und Blut und Herz kann seelisch nicht dauernd in Krise und Destruktion leben. Im Tanz zeigt sich das an der Hartnäckigkeit, mit der sich die alten Wienerwalzer neben dem Jazz behaupten oder an dem Erfolg der ›Dorfmusik‹ im vergangenen Winter.«

Und weiter:

»Wenn wir bei unseren geselligen Zusammenkünften nur modernen Gesellschaftstänze tanzen, so muß das auf die Dauer eine Überbetonung der Erotik und vor allem eine Verkümmerung echt tänzerischen Empfindens zur Folge haben. Es soll hier nicht einer einseitigen und engherzigen Ablehnung der Jazztänze das Wort geredet werden. Sie enthalten oft eine treffliche Art Humor und Karikatur. Hier steckt ihr offensichtlicher Wert. Wenn man aber bedenkt, dass neben diesem positiven Gehalt den modernen Tänzen große Mängel tänzerischer, seelischer und volklicher Art anhaften, so erscheinen sie als höchst ungeeignet, jungen Menschen als Mittel der oft ersten engeren Fühlungnahme mit dem anderen Geschlecht zu dienen. Die erotische Belastung der modernen Tänze läßt allzuschnell eine Atmosphäre aufkommen, die die Ehrlichkeit dieser ersten Begegnung der beiden Geschlechter gefährdet. Das Streben nach seelischem Kontakt wird allzu leicht umgebogen in den Wunsch nur noch Befriedigung oberflächlicher Reize zu suchen. Demgegenüber schaffen die Volks- und Jugendtänze durch den unbedingten Vorrang ihrer tänzerischen Werte und der darin symbolisierten Gemeinschaft und volkbildenden Werte einen Raum, in dem sich junge Menschen beiderlei Geschlechts unter Wahrung ihrer wesensgemäßen Eigenart begegnen können, was zur seelischen Reife des einzelnen Menschen von großem Wert ist.«13

Auch in diesem Zitat zeigt sich das Sendungsbewusstsein dieser katholischen Weltverbesserer und radikalen Ideologen des Bundes Neudeutschland, die sich anschickten den Alltag, Feste und Feiern ›deutsch‹ werden zu lassen, ja die ›wesensgemäße Eigenart‹ hervorzukitzeln. Wer sich anschaut, welche prominenten Positionen bekannte Vertreter dieses Bundes Neudeutschland z. B. in der Bundesrepublik einnahmen, an Universitäten, bei der Caritas, der Redaktion des Rheinischen Merkur, dem Bürgermeisteramt der Stadt Münster, der Bayerischen Akademie der Wissenschaften über das Auswärtige Amt14 bis hin zur Regierungsbank, dem wird bewusst wie stark so ein völkischer Jugendbund auch die politische Kultur im Post-Nazismus prägte.

Der spätere Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Syrien (1959-1963), Äthiopien (1969-1973) und Irland (1973-1977), Rolf Fechter, den ich schon mehrfach zitierte, sagt im typischen Duktus dieser fanatischen, katholischen Neudeutschen im Jahr 1934:

»Die nationalsozialistische Revolution hat der von uns immer bekämpften Vermanschung von Religion und Politik ein Ende bereitet, – darüber darf man sich nur freuen.«15

»Möge die innere Erneuerung, deren Ziele sich weithin mit denen des echten Nationalsozialismus decken, nicht wieder zugunsten einer falschen Frontstellung hinausgezögert werden, – die Lage ist so ernst wie schon einmal in der Geschichte der Kirche, da es zu jener unseligen Glaubensspaltung kam für die vielleicht mehrmals der offizielle Ketzer andere Menschen die Verantwortung tragen, denen die Augen zu spät aufgingen.«16

Dr. Max Müller, der Herausgeber der Werkblätter, selbstredend auch Heideggerverehrer, wiederum agitiert gegen französischen Universalismus und gegen Glück:

»Und wie das ideale Pathos der französischen ›Zivilisation‹, das Pathos der ›ewigen Menschenrechte‹ als absolut antipersonales, individualistisches ein gemeinsames Werk unmöglich macht, braucht auch nicht weiter geschildert werden. Dieses Naturrecht der französischen Revolution ist die Vollendung der liberalen Haltung. Es fordert nur für den Einzelnen, kennt weder ›Werk‹ noch Pflicht noch Bindung, nur ›Freiheit von‹ und Glück sowie eine alle Stände zerstörende Gleichheit.«17

Wer gegen ›Glück‹ und ›Zivilisation‹ hetzt ist natürlich ein Freund des und der Deutschen:

»Erst in der Staatsentwicklung und im Staatsdenken der neuesten Zeit wird der seit dem Ausgang des Mittelalters bestehende liberale Individualismus allmählich überwunden, und in einem neuen, völkisch fundierten Universalismus der echte Zusammenhang von Volk und Staat wieder echt erkannt und Staat wieder als die Erfüllung bestimmten Volkstums begriffen. Dadurch wird dem Staat seine hohe Würde zurückgegeben und er dennoch an das Wesen der Menschen, die ihn aufbauen, unlöslich normativ gebunden. (…) Im heutigen Deutschland sind verschiedenartige Ansätze zu einem neuen völkischen und ständischen Staatsdenken, wie wir es schon andeuteten, in den Werken Moeller von den Brucks, M.H. Boehms, Othmar Spanns, Rudolf Smends, Carl Schmitts, Otto Koellreuters und Reinhard Hoehns, sowie in dem Buch Adolf Hitlers ›Mein Kampf‹ vorhanden.«18

Neben späteren SS-Männern oder Mitgliedern des Deutsch-Völkischen Schutz- und Trutzbundes ist Hitlers Mein Kampf Basislektüre für diese Neudeutschen, somit auch für den gar nicht mehr so kleinen Hans Filbinger, immerhin bald 21 Jahre alt im Jahr 1934.

1935 schreibt Hans Filbinger einen programmatischen Artikel Nationalsozialistisches Strafrecht. Kritische Würdigung des geltenden Strafgesetzbuches und Ausblick auf die kommende Strafrechtsreform in den Werkblättern, aus welchem ich nun ausführlich zitiere. Die nationalsozialistische Ideologie Filbingers wird hier klar und unmissverständlich ausgebreitet:

»Schon seit Jahrzehnten ist eine lebhafte Problematik um unser geltendes Strafgesetzbuch entstanden. Das Gesetzbuch trat im Jahre 1871 in Kraft und ist durch die Entwicklung des staatlichen und gesellschaftlichen Lebens längst überholt. Das Bedürfnis nach einem Strafrechtsneubau wurde immer dringender, die Reformliteratur schwoll mehr und mehr an und schließlich wurde im Jahre 1925 dem Reichsrat ein Entwurf vorgelegt. Aber es kam nicht zum Gesetz und das war gut so. Denn dem Entwurf fehlte, genau so wie dem Reichsstrafgesetzbuch, die einheitliche weltanschauliche Grundlage. Es musste Forderungen der verschiedensten Weltanschauungsgruppen berücksichtigen und dies geschah auf Kosten der Klarlinigkeit und Geschlossenheit. Erst der Nationalsozialismus schuf die geistigen Voraussetzungen für einen wirksamen Neubau des deutschen Rechts und in der Tat sind die Arbeiten schon so weit vorgeschritten, dass das deutsche Volk in Bälde sein neues Strafgesetzbuch erhalten wird.«19

»Das geltende StGB, das von liberalem Geiste geschaffen wurde, stellte in den Mittelpunkt seiner Schutzbestimmungen das Individuum. Die Existenz des freien Einzelnen, dessen größtmögliche Freiheit von staatlichen Eingriffen und seine gesicherte wirtschaftliche Betätigung war das Ziel des alten StGB. Das nationalsozialistische Strafrecht. Für das nationalsozialistische Strafrecht dagegen wird der Schutz der Volksgemeinschaft an erster Stelle stehen. Der Einzelne wird nicht mehr als Einzelner, sondern als Glied der Gesamtheit gesehen und erhält als solches nur seinen strafrechtlichen Schutz.«20

»Diese Denkweise war dem Liberalen unbekannt. (…) Das Verbrechen gegen den Staat ist darum kein Schlag gegen eine bürokratische Institution, sondern Angriff gegen den Bestand der Volksgemeinschaft, also schwerstes Verbrechen, das die Rechtsordnung überhaupt kennt. ›Die erstarkte Staatsgewalt sieht in der Wachsamkeit gegenüber Angriffen auf ihren inneren und äußeren Bestand und in der Bereitstellung einer wirksamen Abwehr ihre erste Aufgabe.‹ Daher wurden die Hoch- und Landesverratsbestimmungen noch vor Erscheinen des Reformgesetzbuches durch Novellengesetze neugefasst. Sie enthalten gegenüber früher bedeutende Verschärfungen, vor allem durch die Androhung der Todesstrafe und die Schaffung neuer Tatbestände.«21

»Schutz der Blutsgemeinschaft.

Die Bestimmungen über Hoch- und Landesverrat schützen den Staat als rechtlich organisierte Volksgemeinschaft. Darüber hinaus muß diese aber auch in ihrem natürlichen Bestande und ihrem religiösen und sittlichen Anschauungsleben gesichert werden. Die Volksgemeinschaft ist nach nationalsozialistischer Auffassung in erster Linie Blutsgemeinschaft (d.h. das Blutselement gilt als fundierender als das geschichtliche, völkisch oder sprachlich-kulturelle Element). Diese Blutsgemeinschaft muß rein erhalten und die rassisch wertvollen Bestandteile des deutschen Volkes planvoll vorwärtsentwickelt werden. Die Denkschrift des preußischen Justizministers fordert daher Schutzbestimmungen für die Rasse, für Volksbestand und Volksgesundheit, darüber hinaus aber auch für die geistigeren Element des Volksseins: für Religion und Sitte, schließlich für Volksehre und Volksfrieden. Im Zusammenhang damit erhält auch die Familie im Hinblick auf ihre Bedeutung für die Volksgemeinschaft einen umfassenden strafrechtlichen Schutz. Höhnische Herabsetzung der Ehe in Wort, Bild oder Schrift läuft dem Sittlichkeitsempfinden des Volkes ebenso zuwider, wie willkürliche Eingriffe in die Zeugungskraft oder das keimende Leben und wird daher unter Strafe gestellt werden.«22

»Der liberale Eigentumsbegriff, der eine unumschränkte Verwendungsfreiheit zum Inhalt hat, wird eine starke Einschränkung erfahren.«23

»Schädlinge am Volksganzen jedoch, deren offenkundiger verbrecherischer Hang immer wieder strafbare Handlungen hervorrufen wird, werden unschädlich gemacht werden. Das bisher geltende Strafrecht hat gegenüber solchen Schädlingen offenkundig versagt. Man vertiefte sich in das Seelenleben des Verbrechers, fand dieses durch Erbanlagen, Erziehung und Umwelt ungünstig beeinflusst und war mehr auf Besserung des – meist unverbesserlichen – Täters, als auf eine eindrucksvolle und scharfe Strafe sowie wirksamen Schutz der Gesamtheit bedacht.«24

Im Schlussabsatz dieses Artikels des späteren Marinerichters und noch-späteren langjährigen Ministerpräsidenten in der Bundesrepublik Deutschland heißt es:

»Über all dem Einzelnen der Strafrechtsreform darf aber nicht vergessen werden, dass ein Gesetz nur dann Eingang beim Volke findet, wenn es durch lebendige Richterpersönlichkeiten gesprochen und verkörpert wird. Das Richterideal der Aufklärungszeit vom ›Subsumptionsautomat, der bei Einwurf der Sachlage das Urteil abgibt, oder dem Manne, der nur Mund des Gesetzes ist‹ [Zitat von Heinrich Henkel: Strafrichter u. Gesetz im neuen Staat, S. 18] – besteht für uns nicht mehr. Das neue Recht verlangt den neuen Juristen, der aus Kenntnis und Verbundenheit mit dem Volke des Volkes Recht spricht. Mannheim. Hanns Filbinger.«25

Hans Filbinger ist wenige Jahre später dieser ›neue Jurist‹. Er kämpfte für ein ›rassereines‹ Deutschland, autoritär, völkisch und unerbittlich aggressiv. Sein ethnopluralistisches bzw. ›rassebasiertes‹ Verständnis von Recht sticht stark hervor und sekundiert natürlich Carl Schmitt. Aus so einem Filbinger, welcher den ›Schutz der Blutsgemeinschaft‹ einforderte, einen Widerstandskämpfer gegen den NS-Staat herbei zu fabulieren, wie es der immer noch amtierende Ministerpräsident von Baden-Württemberg getan hat – denn es gibt nichts Lächerlicheres als eine Rede oder einzelne Worte daraus zurück zu nehmen – ist an Absurdität, Lüge, Infamie, Bevölkerungsverdummung und Geschichtsklitterung nicht zu überbieten.

Wer weiterhin behaupten möchte, und sei es z. B. als Berliner Antisemitismusforscher der Technischen Universität, die Bundesrepublik sei peu à peu weniger antisemitisch geworden die letzten Jahrzehnte, mag das weiterhin behaupten. Ernst nehmen muss man solche Forscher in Zukunft nicht mehr. Denn nur eine politische Kultur der Erinnerungsverweigerung lässt einen Oettinger vor 700 geladenen Gästen inclusive dem Bundesinnenminister das sagen, was er gesagt hat in Freiburg im Breisgau.

Im Heft Oktober 1937/Januar 1938 ist auf der Rückseite der Werkblätter wiederum Werbung für das Winterhilfswerk abgedruckt, diesmal mit Reichsadler und Hakenkreuz und dem Spruch »Der Sammler und Helfer des WHW steht freiwillig im Dienste des Volkes. Achte ihn durch dein Opfer!« oder aber: »Ein Volk hilft sich selbst« Winterhilfswerk 1938/39, wie es wenig später treffend heißt…

Ein Volk hilft sich selbst – das ist doch ein toller Wahlspruch auch für das post-NS-Deutschland. Kurt Georg Kiesinger, Nazi und Bundeskanzler der BRD, machte den Weg frei für den begeisterten Nazi und katholischen Bündler Filbinger als so called Landesvater im Ländle, dem wiederum von Günther Oettinger, definitiv kein NSDAP-Mitglied jemals, wie die jüngere Forschung erwiesen hat, durch dessen Totenrede geholfen wurde, die ›Eigenart‹ zu wahren und alles ›Volksfremde‹ abzuwehren, im Dom zu Freiburg. Die späteren salamitaktischen Rückzieher Oettingers konnte Filbinger nicht mehr hören. Er genoss die warmen, ihn und das Neudeutschland incl.

Weikersheim von jedem Fanatismus, Antisemitismus, Nazismus und Nationalismus exkulpierenden Worte seine Nach-Nach-Nachfolgers Oettinger. Wer exkulpiert alsbald Oettinger, der nicht nur die erste Strophe des Deutschlandliedes gerne singt, vielmehr 1998 gegen die kritische Wehrmachtsausstellung hetzte? Wer mag das bewerkstelligen in diesen schwierigen Zeiten, wo es für alle Zufriedenen und Affirmativen gilt die Erinnerung an die präzedenzlosen Verbrechen der Deutschen ein für alle Mal wegzuwischen, das Unvergleichbare zu vergleichen, zu bagatellisieren, nicht nur aber auch um Teheran seine Rechtfertigung für den kommenden Judenmord zu geben?

Wer also mag diese große Aufgabe in Angriff nehmen? Das schaffen nur die Baden-Württemberger. Bestimmt. Die können wirklich alles.

1 Rolf Fechter (1933): Volk als Begriff und Aufgabe, in: Werkblätter von Neudeutschland Älterenbund, Heft 7/8, 6. Jahrgang, Okt./Nov. 1933, S. 160-169, hier S. 160.
2 Ebd.: 161.
3 Ebd.: 167.
4 Ebd.: 169.
5 Hanns Filbinger (1933): Aus einem ›Jüngerenkreis‹, in: Werkblätter von Neudeutschland Älterenbund, Heft 7/8, 6. Jahrgang, Okt./Nov. 1933, S. 204-205, hier S. 204.
6 Ebd.: 205.
7 Max Müller (1933): Zum Geleit, Werkblätter 9/10, 6. Jg., Dez 33/Jan 34, S. 209–214, hier S. 211.
8 Rolf Fechter (1933a): Das Deutsche Volk im Deutschen Raum, in: Hans Puhl (Hg.) (1933): Bund Beruf Reich. Die Vorträge des Bundestags von Neudeutschland im Limburg a.d. Lahn 1932, herausgegeben im Auftrage der Bundesleitung, Godesberg: Neudeutschland-Älterenbund, S. 135–141, hier S. 135.
9 Karl Gies (1932): Nationale Haltung, in: Werkblätter, Heft 3, 5. Jg., Juni 1932, S. 55–63, hier S. 61.
10 Rolf Fechter (1934): Besprechung von Otto Miller…, in: Werkblätter, 1. Heft, 7. Jg, Mai 1934, S. 21-24, hier S. 21.
11 http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/clemens_heni/
12 Rolf Fechter (1934a): Besprechung von Emil Maubach, »Rheinisches Christentum«, in Werkblätter, 1. Heft, 7. Jg, Mai 1934, S. 32.
13 Emil Maubach (1934): Kritisches über das Tanzen, in: Werkblätter, Mai 1934, S. 36-41.hier S. 40.
14 Vgl. die Angaben am Ende des Bandes Rolf Eilers (Hg.) (1985): Löscht den Geist nicht aus. Der Bund Neudeutschland im Dritten Reich, Mainz (Matthias-Grünewald-Verlag).
15 Rolf Fechter (1934b): Kulturkampf oder innere Erneuerung?, in: Werkblätter, H. 2, Juli 1934, S. 55-58, hier S. 55.
16 Ebd.: 58.
17 Max Müller (1934): Bemerkungen über Liberalismus und Antiliberalismus, in: ebd., 3. Heft, Oktober 1934, S. 111-127, hier S. 127.
18 Max Müller (1934a):Staat, in: ebd.: 129-141, hier S. 140f.
19 Hanns Filbinger (1935): Nationalsozialistisches Strafrecht. Kritische Würdigung des geltenden Strafgesetzbuches und Ausblick auf die kommende Strafrechtsreform, in: Werkblätter, 7. Jg., H. 5–6, März/April 1935, S. 265–269, hier S. 265.
20 Ebd.: 266.
21 Ebd.: 267.
22 Ebd.
23 Ebd.: 268.
24 Ebd.
25 Ebd.: 269.

 

 

„Günther Oettinger war nie Mitglied der NSDAP“!

Original auf Achgut.com, 13.04.2007

Filbinger ist tot. Spät ist er gestorben, doch auch sein Vorbild Ernst Jünger wurde recht alt, das scheint eine Macke von Konservativen, Reaktionären, Konservativ-Revolutionären, Faschisten oder Antisemiten zu sein. Wer wissen möchte, wer Filbinger war, kann sich die zum Glück erfolgreiche Diskussion des Jahres 1978 vergegenwärtigen, als Filbingers NS-Vergangenheit zum Sturz als Ministerpräsident von Baden-Württemberg führte.

Man kann aber auch anders vorgehen: Denn dass nun gestern, am 11. April 2007, vom gegenwärtigen Ministerpräsidenten des schwäbischen Musterländles eine geschichtsklitternde und lobhudelnde Rede gehalten wurde zu Ehren des Ex-Marinerichters mit einer Vorliebe für Todesurteile ihm nicht-genehmer Menschen, passt ins Bild eines Landes, das so richtig „zivilisiert“ wurde (Antje Vollmer). Die Nazis sind böse, „wir“ waren nie welche und wenn doch, dann un- oder unterbewusst und auf keinen Fall gerne. Günther Oettinger z. B. ist kein Nazi, er ist auch nie Mitglied der NSDAP gewesen. Er wurde 1953 geboren. Oettinger ist gleichwohl bekannt für seine sowohl ausdruckslose Persönlichkeit als auch deutsch-nationalen Positionen, er sang vor ein paar Jahren gern das Deutschlandlied in allen drei Strophen in Tübingen bei seiner Burschenschaft Ulmia. Dass Oettinger nun herumposaunt, ganz evangelisch, der Katholik Filbinger – hier haben wir quasi eine ökumenische Volksgemeinschaft Baden-Württembergs par excellence vor uns – sei „kein Nazi gewesen“, das ist ein Witz. Ein Blick in eine Rede von Filbinger aus dem Jahr 1998 erhellt wie deutsch-national und den NS verharmlosend bis affirmierend dieser stolze Deutsche dachte, bis in sein Grab hinein.

„Festvortrag von Prof. Dr. Hans Filbinger auf der 7. Weikersheimer Hochschulwoche 1998: Dr. Hans Filbinger Meine Bilanz in den Umbrüchen unseres Jahrhunderts.“

Filbinger setzt ein:

„Historisch gesichert ist heute die Tatsache, daß die etwa 13 Millionen Menschen, die für Hitler im Jahre 1933 stimmten, keineswegs wußten oder auch nur wünschten, was sie wählten. Ihr beherrschender Gedanke war, aus der extremen wirtschaftlichen Notlage mit über 6 Millionen Arbeitslosen herauszukommen.“

Ach was: die SA, die Mörderbande vor und nach 1933, hatte nicht klar gemacht, um was es geht, nämlich eine antimarxistische, antijüdische, deutsch-nationale Revolution in Deutschland, antiparlamentarisch und antidemokratisch, kriegsverherrlichend, extrem brutal und männerbündisch? Wenig später in diesem im rechtskonservativen Studienzentrum Weikersheim gehaltenen Vortrag Filbingers heißt es dann – und das hat Oettinger einfach abgeschrieben und auf den Toten selbst gemünzt:

„Die Deutschen waren kein Volk von Nazis.“

Die Deutschen also als Opfer, das ist ja seit Jahrzehnten Mainstream. Und noch weiter geht es in der die Verbrechen der Deutschen derealisierenden Märchenstunde:

„Die deutsche Katastrophe hat die religiöse Grundlage unseres Volkes nicht zerstört.“

Na super, möchte man jubeln: Wir – „Wir“ – Deutsche habe noch ne Grundlage, christlich-religiös, das nimmt uns keiner. Im Ausdruck „deutsche Katastrophe“ hört der geübte Hörer unschwer den Historiker Friedrich Meinecke heraus, der ein groteskes Büchlein mit diesem Titel bereits 1947 in einer dritten Auflage unter seine deutsche Volksgemeinschaft der Verlierer gebracht hatte. Darin heißt es u.a.:

„Und die große in der Luft liegende Idee, die Verschmelzung der nationalen und der sozialistischen Bewegung, fand an ihm [Hitler, d. Verf.!] ohne Frage den brünstigsten und den entschlossensten Exekutor. Dieser sein Anteil an einer großen objektiven Idee seiner Zeit muß rundweg anerkannt werden.“

In dieser Tradition steht auch Filbinger, etwas religiöser gefärbt womöglich, aber ebenso deutlich deutsch-national. Filbinger war zwar 1933 im bündischen Neudeutschland aktiv, einer katholischen Jugendgruppierung, die nicht ganz auf HJ-Linie lag, aber ihr Anspruch war so abstossend deutsch wie andere „Bewegungen“ auch:

„Unser Bund hat bei seiner Gründung, als widerchristliche und volksfremde Kräfte das Vaterland bedrohten, in herrliche Begeisterung sich den Namen ›Neudeutschland‹ gewählt.“

Auf diesen Text weist Hans der Tote extra hin auf seiner Homepage http://www.hans-filbinger.de/images/gaubrief.gif .

Dieser Bund „Neudeutschland“, den Filbinger noch 1998 gern erinnert, hat sich 1919 gegründet. Wenn er sich offenbar gegen „volksfremde“ und „widerchristliche“ Kräfte gegründet hat – in der ersten Demokratie in Deutschland, der Weimarer Republik! – dann sagt das alles aus über den reaktionären Grundtenor dieser Jugendbande. Mag es der Hass auf Marxismus und Sozialdemokratie sowie Juden und Ostjuden oder auch areligiöse Liberale sowie Kommunismus sein, der als Kampf gegen „volksfremde“ oder „widerchristliche“ Kräfte in den deutsch-national-christlichen Herzen zu glühen beginnt, es ist die Ausgangsbasis von Hans Filbinger: gegen „volksfremde“ Kräfte in Deutschland, 1933, 1945, 1978, 1998 bis 2007. Dass die Deutschen gar nicht wussten wen sie wählten und an die Macht hievten, 1933, das fabulierte der alte CDUler schon. Doch es kommt noch bunter:

„Die Anfänge der neugegründeten Bundesrepublik Deutschland waren beschwerlich genug. Die Städte und Industriezentren waren zerstört, die Nahrungsmittel am Anfang knapp und die allgemeine Arbeitslosigkeit war noch gesteigert durch den Zuzug von ca. 12 Millionen Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten. Stalin hatte die Vertreibung als Mittel eingesetzt, um den Westen Deutschlands für eine kommunistische Machtübernahme reif werden zu lassen. Die kommunistische Partei spielte nicht nur im Osten, sondern auch in der Bundesrepublik Deutschlands eine zerstörerische Rolle. Gegen die Wiederbeschaffung wurde eine sogenannte ›Friedensbewegung‹ in Gang gesetzt, die unter der Parole ›Ohne mich‹ die Aufstellung der Bundeswehr zu verhindern suchte.“

Hier spricht nun der Revanchist, der autistisch sich und seine ganz normalen Deutschen als die Opfer des Nationalsozialismus herbeiimaginiert und die jüdische Erinnerung brutal und aggressiv zur Seite stösst, ja Filbinger leugnet in dieser Rede insofern den Holocaust, als dieser einfach verschwiegen wird. Juden, Antisemitismus und die Vernichtung der europäischen Juden tauchen überhaupt nicht auf. In einer Rede, in der es zentral um den Nationalsozialismus geht, ja die Folgen für „die Deutschen“ auf abstossende Weise herausgekehrt werden, nicht vom Holocaust zu sprechen, ist de facto eine Holocaustleugnung. Dass Filbinger dann auch noch die Wiederbewaffnung der BRD gutheißt ist logisch. Die „Not“ wird als eine des Krieges und vor allem der Kriegsfolgen herbeigefaselt, die Vernichtung der Juden wird selbstverständlich als Prämisse des Wiederaufbaus vorausgesetzt ohne sie zu erwähnen:

„Nicht möglich wäre diese mutige Politik ohne die Tat des Wirtschaftsministers Ludwig Erhard gewesen, der durch die Einführung der Sozialen Marktwirtschaft das deutsche Wirtschaftswunder herbeigeführt und dadurch die Politik aus der äußersten Not bis in relativen Wohlstand geführt hat.“

Direkt anschließend kommt natürlich die Totalitarismustheorie, die wiederum in traditionell rechtsextremer Weise die Deutschen entschuldigt und „den Kommunismus“ diffamiert, genauso schlimm gewesen zu sein als der deutsche Nationalsozialismus:

„Unsere Epoche ist das ›Jahrhundert der totalen Verführung‹ genannt worden, in dem zwei verwandte Ideologien mit totalitären Denkformen und Zielsetzungen um die Herrschaft kämpfen: Die marxistische Klassentheorie in Rußland und die nationalsozialistische Rassentheorie in Deutschland.“

Da nun heute jedoch von Oettinger der Kampf gegen den Marxismus gepriesen wird ist darin nicht nur ein Echo der national-sozialistischen Propaganda von vor und nach 1933 zu erkennen, nein, vielmehr sekundiert der Stuttgarter Landesvater auch hier seinen Urgroßvater Filbinger. Oettinger im O-Ton von Freiburg am 11. April 2007:

„Wenn Baden-Württemberg in der Bildung heute bundesweit vorne liegt und wenn unser Land in den 70-er Jahren dem marxistischen Zeitgeist widerstanden hat, dann verdanken wir dies vor allem Hans Filbinger.“

Diese Hetze ist beachtlich für das angeblich „nach-ideologische Zeitalter“, man sieht richtig den Schaum vor dem Mund bei diesem schwäbischen Antikommunisten und Filbinger-Möchte-gern-Ziehsohn. Doch wie sah es Filbinger mit dem Marxismus im allgemeinen und jüdischen Intellektuellen im besonderen?

„Kein Wunder, daß die Menschheit von den totalitären Ideologien beider Spielarten geheilt ist. In den 5Oer Jahren war die Ablehnung des Kommunismus ebenso wie des Faschismus-Nationalsozialismus unbestritten. Doch erstaunlicherweise blieb es dabei nicht. In den 60er Jahren erfahren wir eine ›Neuaufladung ideologischer Energien und ideeller Verführungen‹, verwandt den Ausbrüchen und Irrungen der ersten Jahrzehnte des Jahrhunderts. Die marxistischen Theorien erlebten eine Renaissance, insbesondere bei der studentischen Jugend. Die sogenannte Kulturrevolution wurde durch Vorgänge in den USA und in Frankreich inspiriert. Wahrend sie jedoch dort relativ bald verebbte, machten es die Deutschen gründlicher. Die Universitäten wurden mit wenigen Ausnahmen Schauplätze revolutionärer Umtriebe. Maßgebliche Antriebskraft war die ›kritische Theorie‹ der Frankfurter Schule unter den Sozialphilosophen Marcuse, Adorno, Horckheimer und Habermas. Die Stichworte ›Emanzipation‹, ›Demokratisierung‹, ›Selbstverwirklichung‹, ›Verweigerung‹, ›antiautoritäre Erziehung‹ u.a. verwirrten die Köpfe der Studenten und führten zu den bekannten Exzessen. Lehre und Forschung an vielen unserer hohen Schulen wurden stark beeinträchtigt. Damit einher ging jene ›Befreiung zur Sexualität‹, deren Auswirkungen wir heute in der Lawine von Pornographie und Perversion erleben müssen.“

Juden wie Adorno seine also für „Pornographie und Peversion“ verantwortlich, „Horckheimer“ (sic!) habe die Forschung „beeinträchtigt“ und zu „Exzessen“ angeheizt. Das hört sich nun wirklich an, als spräche die NPD oder irgendeine offen neonationalsozialistische oder auch neu-rechte Organisation! Filbinger möchte keine „Demokratisierung“, er möchte lieber einen autoritären Staat wie damals den Nationalsozialismus, dem er so brav gedient hat als Jurist. Er hetzt im gleichen Duktus gegen Liberalität und Aufklärung, Juden und Kommunisten, wie es sein Bund Neudeutschland und viele andere schon zu Weimarer Zeiten getan haben, um dem Nationalsozialismus den Boden zu bereiten und die Demokratie zu zerstören. Filbinger möchte die Demokratie auch wieder zerstören, wenn er gegen Adorno oder Habermas hetzt, welche unzweifelhaft für Aufklärung, Universalismus und „Selbstverwirklichung“ stehen. Die Hetze gegen die Frankfurter Schule, also die Kritische Theorie, ist zwar Mainstream auch in der Wissenschaft, aber diese ekelhafte Hetze von Filbinger gegen Adorno, Horkheimer und selbst Habermas ist doch an Perfidie, Anstachelung zum Hass und antiintellektueller Hetze nicht zu überbieten. Der schwäbische Landesvater jedoch macht für die konkreten Wahlerfolge dieser organisierten Nazis die Linke verantwortlich, letztlich also auch Marcuse, Adorno, Horkheimer und Habermas:

„Ende der 60er Jahre gab es in Baden-Württemberg und auch in anderen Bundesländern ein rechtsradikales Zwischenspiel. Die NPD, eine rechtsextremistische Partei, errang bei den Wahlen im Jahre 1968 10 % der Stimmen in Baden-Württemberg, ohne zuvor auch nur ein einziges Mandat besessen zu haben. Das war die Folge der Umtriebe der linkssozialistisch-kommunistischen Kulturrevolutionäre, die das in jeder Demokratie latent vorhandene Wählerpotential auf der rechtsextremistischen Seite mobilisierte.“

Nicht etwas die bloße Existenz von Alt-Nazis, Ex-SAlern, Ex-SSlern, Wehrmachtsoffizieren etc., welche die deutsche Geschichte hochleben ließen und jede Kritik am Nationalsozialismus oder jede Erinnerung an die deutschen, präzedenzlosen Verbrechen rabiat wegstiessen, trug zum Wahlerfolg der NPD bei. Nicht die mediale Hetze gegen alles Antiautoritäre (dessen Gehalt selbstkritisch immer reflektiert werden muss, aber doch niemals von einem Salonreaktionären wie Filbinger oder seiner Freunde in der Stuttgarter Regierungsbank oder dem Bundesinnenminister, der zu der Trauerfeier in Freiburg auch angerollt kam). Dieses konservativ-reaktionäre, geistig-moralische Geschwätz revitalisiert Filbinger in folgendem Punkt noch, als er auf die Zeit nach 1989 zu sprechen kommt:

„Daß die rechtsradikalen Parteien in der Bundesrepublik nur eine marginale Rolle spielten, wurde propagandistisch durch die Großaufnahmen randalierender Radaubrüder und krimineller Skinheads überspielt. So verstanden es die von der Geschichte Widerlegten, sich wieder Gehör zu verschaffen. Nach bewährtem Muster wurde der Antifaschismus politisch auch gegen ›Konservative‹ instrumentalisiert. Der Kanon dessen, was politisch korrekt sei, wurde von angepaßten Wächtern der politischen Moral formuliert. es bildete sich die politische Correctness als eine Institution, die vorschreiben will, was gedacht und was gesagt werden darf: ›Kommunismus ist gut, Faschismus ist schlecht‹. Mit der Faschismuskeule werden diejenigen verfolgt, die nicht links stehen. Erstaunlich ist es, daß diese Strategie und Taktik Abnehmer findet, wie auf dem Medienmarkt zusehen ist, obwohl sie von den Blamierten der Weltgeschichte stammt.“

Auch hier ist die Agitation gegen Antifaschismus bezeichnend und typisch. Weiter geht’s im nationalen Rausch Filbingers:

„Zusammen mit Freunden habe ich im Jahre 1979 das Studienzentrum Weikersheim als eine geistig politische Initiative gegründet, die den Staat befähigen sollte, mit den Herausforderungen unserer Zeit fertig zu werden. Wir haben schon in der Mitte der 8Oer Jahre das Scheitern des Marxismus erkannt und auf einem großen Kongreß in Mannheim dem Thema eine beachtliche Breitenwirkung verschafft.“

Die Deutschen kämpfen gegen Marx, den Juden, und seine Epigonen, Adorno, Horkheimer, das ist offenbar regierungsamtlich in Deutschland auch 2007 völlig d’accord und common sense, ja staatsbürgerliche Pflicht. Filbinger kaute diesen Nationalismus, der auch aus Oettinger nur so heraussprudelt, Jahrzehnte davor vor. „Die Nation“ ist natürlich eines der Schlüsselwörter hierbei:

„Wenn ich nach den Defiziten frage, so liegen diese im Bereich der deutschen Identität und folgen aus der Erblast, die uns das Dritte Reich aufgebürdet hat. Man hat gesagt, daß wir Deutsche von einem Volk der Machtbesessenheit zu einem Volk der Machtvergessenheit geworden seien, ein Wort, das einen unbestreitbaren Wahrheitsgehalt besitzt. Nichts Geringeres als die Existenz unsres Volkes steht auf dem Spiel, wenn wir die Identifikation mit uns selbst und als Nation nicht meistern. (…) Wenn wir nach den Bezugspunkten für das Leben unseres Volkes Ausschau halten, dann muß unweigerlich der Begriff N a t i o n seinen Platz erhalten. Der Begriff war lange Zeit wegen des nationalistischen Mißbrauchs verfemt. Auch wurde verkündet, daß das Aufgehen Deutschlands in Europa die Nation ohnedies obsolet machen werde. Man glaubte, wir bekämen einen europäischen Bundesstaat, der die nationalen Identitäten zum Verschwinden bringe. Das hat sich als Irrtum erwiesen.“

So hört es sich, wenn ein Hans Filbinger spricht. Sind das keine Nazi-Töne? Rhetorisch gewunden, weil ja offen nazistische Propaganda im Jahr 1998 oder im Jahr 2007 unter Strafe steht? Wer jedoch substantiell etwas zur politischen Kultur der Erinnerungsabwehr im postnationalsozialistischen Deutschland sagen möchte, muss sich die Apologie dieser Töne Filbingers durch einen lebenden, zudem schwäbischen Ministerpräsidenten im April 2007 wortwörtlich zu Gemüte führen. Denn das ist Deutschland wie es trauert, erinnert, hetzt und abwehrt. Deutlicher geht es nicht. Und nie vergessen: Günther Oettinger war niemals Mitglied der NSDAP.

 

Paderborner Brandredner

Zuerst publiziert auf LizasWelt am 5. April 2007

Es war der 12. August letzten Jahres, als sich der Theologe Eugen Drewermann im ostwestfälischen Paderborn im Rahmen einer „Kundgebung gegen den Krieg im Nahen Osten“ einmal mehr als Starredner feiern ließ. Umgeben von verschleierten muslimischen Frauen zog er mit Verve gegen Israel und die USA zu Felde und ließ nichts aus, was er an antizivilisatorischen, antijüdischen und deutschnationalen Ressentiments in seinem Repertoire beherbergt. Der Ort seiner Ansprache war dabei passend gewählt, und das weniger deshalb, weil Drewermann in Paderborn studierte, arbeitete und heute als Lehrbeauftragter an der dortigen Universität tätig ist, sondern weil diese Stadt für solche Brandreden geradezu prädestiniert ist. In ihr steht beispielsweise das Hermann-Löns-Stadion, in dem der SC Paderborn 07 seine Zweitligaspiele austrägt. Namensgeber Löns hatte einen der meistverkauften völkischen Blut-und-Boden-Bauernromane des 20. Jahrhunderts verfasst; er war ein „Freund der Heide“, und die Nazis mochten ihn sehr. Kein Wunder:

„Ich bin Teutone hoch vier. Wir haben genug mit Humanistik, National-Altruismus und Internationalismus uns kaputt gemacht, so sehr, dass ich eine ganz gehörige Portion Chauvinismus sogar für unbedingt nötig halte. Natürlich passt das den Juden nicht.“

Der von Löns verteufelte Internationalismus ist auch für Dr. Eugen Drewermann, Jahrgang 1940 und eine Art männliche Antje Vollmer, das Feindbild:

„Der konsequent gehandhabte Pazifismus wäre ein sicherer Weg gewesen, den Faschismus zu verhindern. […] Mir scheint, dass Adolf Hitler uns erspart geblieben wäre, hätten die Nationen 1920 nicht einfach einem einzelnen Volk die Schuld an allem, was geschah, aufgebürdet, sondern den Beschluss gefasst, auf allen Seiten abzurüsten, und hätten sie dem deutschen 60-Millionen-Volk die Schande erspart, als einziges abrüsten zu müssen.“ (1)

Eine solche Schuldprojektion ist typisch für den sekundären Antisemitismus nach 1945. Nicht der Antisemitismus der Deutschen ist schuld an Auschwitz, nein: Versailles! Das ist das Märchen und die aggressive Propaganda, die nicht nur von ordinären Holocaustleugnern verbreitet wird, sondern auch von anderen Nationalisten, von Schriftstellern wie Martin Walser oder eben einem Theologen wie Drewermann.

Gegen Ende des Nationalsozialismus war dieser anscheinend Zeuge eines alliierten Luftangriffs auf seine Geburtsstadt Bergkamen. Der Knirps war ganz schockiert, dass all die arischen Erwachsenen, die sonst so glücklich waren, auf einmal Angst hatten, wie Uwe Birnstein und Klaus-Peter Lehmann in ihrem Buch „Phänomen Drewermann“ berichten:

„Auf tausenden Seiten zur menschlichen Grundbefindlichkeit hochstilisiert, wird Drewermanns Kriegserlebnis Jahrzehnte später zum Schlüsselbegriff für Millionen Gläubige. Die kindliche Verarbeitungsmethode dieses Schreckens wird er in vermeintlich erwachsener Form seinen Anhängern predigen: ‚Ich muss das sehr früh kompensiert haben mit der Hoffnung, dass es irgendwo doch eine Sicherheit gäbe. […] Ich hab sie gesucht, […] in meinem Kopfkissen, in meinem Teddybär.’“ (2)

So ist es kein Wunder, dass der Paderborner Gottesgelehrte später behauptete:

„Die träumende Imagination, nicht das begriffliche Denken bestimmt die Grunderfahrung des Religiösen.“ (3)

Begriffe sind im Unterschied zu Teddybären also nicht die Freunde des allseits beliebten Seelsorgers und Tiefenpsychologen. Er setzt sie als Ressentiment ein, nicht als Mittel zur Wahrheitsfindung. So kreierte er letztes Jahr zur Zeit des Libanon-Krieges eine neue Form der Holocaustrelativierung, die herkömmliche Negationisten vor Neid erblassen lassen dürfte:

„Streubomben einzusetzen bedeutet, eine ganze Fläche so groß wie einen Sportplatz, mit einer einzigen Bombe zu belegen, die die menschlichen Leiber bis zur Unkenntlichkeit zerfetzen. Brandbomben einzusetzen, wissen die Älteren hier aus Paderborn in der eigenen Erinnerung sich noch zu vergegenwärtigen, besteht darin, Menschenleiber in lebendige Fackeln zu verwandeln. Das ist im wörtlichen griechischen Sinn eine Ganzkörperverbrennung, ein Holocaustoma. Will Israel dieses grauenhafte Wort tatsächlich in seine Praxis übernommen wissen? Kann es im Sinne eines israelischen Selbstverständnisses liegen, diese Art von Praxis im Umgang mit Menschen zu legitimieren?“

Und damit nicht genug: Drewermann hat auch etwas in petto, das gut zum friedensbewegten Alarmismus wegen der angeblichen ökologischen Folgen dieses Krieges passt. Bereits vor sechzehn Jahren ergänzte er nämlich seinen Antisemitismus um ein traditionell antijudaistisches Element:

„Auch das Christentum, das politisch und kulturell das Erbe der Römer antrat und damit das ‚Abendland’ begründete, hat den Anthropozentrismus der römischen Grundeinstellung und die Fremdheit gegenüber der Natur keinesfalls gemildert, sondern eher noch aufgrund des jüdischen Ansatzes gesteigert. Die Religion Israels, von der das Christentum wesentlich geprägt ist, besaß zur Natur von vornherein ein außerordentlich heikles Verhältnis.“ (4)

Nun erhielt Drewermann zusammen mit dem Saddam-Freund und Volksbarden Konstantin Wecker – dem Datteln im Palast des seinerzeitigen irakischen Diktators doch näher standen als die Kritik am Judenhass des Ba’thismus oder die Abscheu vor dem Blut der hingemetzelten Kurden im Nordirak – den Erich-Fromm-Preis. Schlimm genug und Ausdruck der Liebe zur Regression allemal. Doch was hat das Internetportal haGalil geritten, auch noch für den Deutschen Drewermann zu werben, den die christlichen Schwaben im Mozartsaal der Liederhalle in Stuttgart bei der Preisverleihung feierten? Oder war die Publikation der Laudatio auf Wecker und Drewermann als Dokumentation des Schreckens gedacht? Gar ironisch gemeint? Wohl kaum.

 

Anmerkungen:
(1) Zitiert nach Uwe Birnstein/Klaus-Peter Lehmann (1994): Phänomen Drewermann. Politik und Religion einer Kultfigur, Frankfurt am Main: Eichborn, S. 91f.
(2) Birnstein/Lehmann 1994: 14
(3) Eugen Drewermann (1984): Tiefenpsychologie und Exegese. Band I. Die Wahrheit der Formen. Traum, Mythos, Märchen, Sage und Legende, Olten/Freiburg: Walter-Verlag, S. 16f.
(4) Eugen Drewermann (1991): Der tödliche Fortschritt. Von der Zerstörung der Erde und des Menschen im Erbe des Christentums, Freiburg/Basel/Wien: Herder, S. 71

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